.Der Aktenmtzalt, den ich durch die Verhandlungen im Landtage nun endlich kennen gelernt habe, ist so harmlos, wie nur denkbar. (Abg. v. K a r d o r f f widerspricht.) Bitte, Herr v. Starborff, nennen Sie mir eine Briefstelle, die nickt harmlos ist. Für seine Behauptung, daß die Sozialdemokratie als Partei den Vertrieb verbotener Sckriften nach Rußland betreibe, hat der Minister auch nicht den Schalten eines Beweises bcizubringen vermocht. In einem Falle hal der Minister, obwohl er die Akten gelesen hat, falsche Mitteilungen gemacht, er hat gesagt, daß in Memel bei einem sozialdemokratischen Vertrauensmann ein Koffer gefunden wurde mit Schriften, die nach Rußland gebracht werden sollten, und daß der Mann ein Mißtrauensvotum von der Partei erhielt, weil er die Schriften nicht besorgt habe. In Wirklichkeit verhielt cs sich so: Ein Ruße ließ, als er von Rußland kam, in Memel bei dem dortigen sozialdemokratischen Vertrauensmann seinen Koffer zurück mit der Bitte, ihn auf^ubewahrcn, weil er fürchtete, daß die russische Zensur einige Bücher vernichten könnte. Auf der Rückreise kam er nicht durch Memel und er schrieb nun von einem anderen Crte Deutschlands aus an den Vertrauensmann, er möchte ihm seinen Koffer senden, da derselbe unter anderem ein Notizbuck mit wichtigen Adressen enthalte, die er notwendig brauche. Trotz wiederholter Mahnung schickte der Vertrauensmann den Koffer nickt ab. Tie Schriften sollten also nicht über die russische Grenze gebracht werden, sondern tn Deutschland ausbewahrt werden. Unerhört ist es, daß die An- gesckuldigten bereits so titele Monate in Untersuchungshaft gehalten sind. Nun sagte der Minister: er hätte über den Inhalt der .Sckriften erst so spät Auskunft geben können, weil die Sachen so schwer zu übersetzen waren I Wenn das der Fall war, wie sollten dann Arbeiter, die nicht einmal das russische Alphabet kennen, etwas von dem Inhalt kennen? (Sehr wahr!) Was hat denn da§ ganze Auftreten des Iustizministers tatsächlich für einen Zweck gehabt? Ich behauvte, es ist nichts Wetter dadurch erreicht worden, als möglicherweise eine Beeinflussung der Richter in dem schwebenden Prozeß. (Sehr wahr! links, Unruhe rechts.) Der Minister hätte als Jurist wißen müssen, daß dadurch eine Beeinflussung der Richter eirtreten könnte, und al§ Minister durfte er nicht seine Autorität in die Wag- sckale werfen, wo cs sich um eine sckwcbcnde Angelegenheit handelte. (Sehr wahr! Stürmische Zustimmung b. d. Soz.) Welch eine unheilvolle Wirkung sein Auftreten tatsächlich haben kann und wahrscheinlich gehabt hat, das bewies mir das Auftreten des Abg. Pelta- sohn in der betr. Sitzung desAbgeordnetenhauses, der selbstRichtcr ist. Nach Anhörung des Ministers sagte er: Ja, wenn dse Sache so liegt, tritt eine Beeinflussung des Richters ein. (Hört!/hört!) Wo soll nun das Vertrauen zu den Richtern Herkommen, wenn von dieser Stelle aus vom Justizminister eine solche einseitige Beeinflussung der Justiz ausgeübt wird? (Lebh. Zustimmung bei den Soz.) Ter Abg. Oeser hat gleich den richtigen Eindruck gehabt. Er hat sofort gesagt, daß der justizminister nicht in eine schwebende Verhandlung hätte eingreifen dürfen. Wenn der Justizminister erklärte, er wäre in einer Zwangslage gewesen, er hätte so strecken müssen, so bestreite ich das auf das entschiedenste. Nickt die j u r i st i s ch e Seite der Sache hätte er behandeln müssen, sondern lediglich den politischen Stand der Frage. (Sctzr richtig!)
Nein, meine Herren, sprechen Sie mir nicht von russischen Terroristen! Wenn Sie wissen wollen, wo die russischen Terroristen stecken und von welchem (Selbe sie gespeist werden, dann studieren .Sie einmal die geheimen Dokumente der russischen Drientpolitik! (Sehr wahr!) Ich brauche nur den Fall Stambulow zu erwähnen. (Zustimmung links.) Man soll uns also mit dem „Terror" in Ruhe lassen. Die russische Regierung ist es, die ihn anwendet. Und jetzt will man damit die Freiheitskämpfer erdrosselnI Und die preußische Regierung soll dabei helfen?
Es liegt nur am gulcn Willen der Regierung, ob sie feststellen will, das; tatsächlich russische Polizeiagenten hier Uebergriffe verübt haben. Es haben sieh neue Zeugen im gestrigen „Vorwärts" gemeldet. Tie Sachen sind noch nicht „verjährt", wie der Fall Wetsckesloff! Wenn die gegenwärtig von der Negierung beliebten Grundsätze weiter kultiviert werden, dann ist es vorbei mit jeglicher Gastfreundschaft. Wir mühen a!' ■ Ausländer in der liberalsten Weise aufnehmen, gleichviel ob sie bei ihrer Regierung beliebt sind ober nicht. Wir brauchen baher ein reichsgesetzlich geregeltes Frembcnrecht! Sehen Sie sieh Englanb an! Tort besteht ein Liberale» Fremdenrecht, und England ist wahrlich dabei nicht schlecht gefahren! Freilich, die Herren auf der Reckten loollen nichts davon ^wissen. Das erklärt sich aus ihrer Vorliebe für den Zarismus, den Hort aller Reaktion! (Lackcn rechts.) Aber die andern Parteien werben hoffentlich bie Ehre Teutschlanbs als Kulturstaat retten helfen. (Beifall bei ben Soz.)
Gegen 6 Uhr ergreift das Wort
Preußischer Minister des Innern Frhr. v. Hammerstein: Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich nicht deutlich spreche, da ich an einer Halsentzündung laboriere.
Es war zu erwarten, daß die Sozialdemokraten bie ausführliche Erklärung, die im Abgeordnetenhause von unserer Seite abgegeben wurde, hier wiederum zur Sprache bringen 'würden, um von einer verlorenen Sacke zu retten, was noch zu retten ist. (Lacken bei ben Soz.) Es hätie nahe gelegen, wenn die beteiliglcn .-leußiscken Minister erklärt hätten, baß sie auf biejer rein tirciißi »den Angelegenheit dem Reichstage nickt Reckeuschaii schuidig seien. . Lachen bei den Soz.) Aber ein anderer Gründ hat uns doch
Veranlassung gegeben, hier anders zu verfahren. Es war der Grund, daß es sich hier für Sie (zu den Soz.) nur um ein Rückzugsgefecht handelt. (Abg. Bebel: Unglaublich!) und bas so rasch wie möglich erlebigt werben müße, bamit Sie mit Ihrem angeblichen Triumph hinaus ins Land gehen können.
Ich kann mich in der ganzen Angelegenheit kurz faßen. Ich habe in allem, was hier zur Sprache gebracht worden ist, hier nichts gehört, was fachlich für die Beurteilung aller der einzelnen Fälle überhaupt in Betracht kommt. (Gelächter bei den Soz.) Sachlich ist es in der Tat nicht von Wert, ob die Angelegenheit Herbert vor zwei Jahren oder vor sechs Monaten passiert ist, ober wann der Rechtsanwalt Liebknecht von jemand belästigt wurde. Kann aber nur in einem dieser Fälle der Beweis geführt werden, baß etwas Unrichtiges geschehen ist? Es ist hier schon vor sechs Wochen gesagt worden, daß der Reichsregierung und der preußischen Regierung es bekannt ist, daß hier in der russischen Botschaft ein Beamter beauftragt ist, russische Revolutionäre zu beobachten. (Zuruf: Anarchisten!) Wenn je der Fall Vorkommen sollte, daß Agenten dieses Mannes sich obrigkeitliche Rechte der preußischen Polizei anmaßen, so würbe ganz gewiß Rcmebur erfolgen. Tas würde die preußische Regierung niemals dulden. Aber der Nach- iveis, baß jemand sich solche Rechte angemaßt hat, fehlt. (Widerspruch bei den Soz.) In den Köpfen bei Ihnen spukt cs: da sehen •sie schließlich in jedem Unbekannten einen russischen Spitzel. (Gelächter bei den Soz.) Deutsche Männer und auch deutsche Sozialbemokraten brauchen doch vor russischen Spitzeln keine Angst zu haben. In dem Fall Wctschesloff ist absolut nichts Unrechtes passiert. Da redete so ein Mann ober Herr in der Kneive ober im Eisenbahncoupe, er wüßte alle?, wie cs gemacht werbe, in Hermsdorf sei bei dem Dr. Wctschesloff ein Einbruch verübt worden usw., und bann wirb cs geglaubt. Daß aber in ber Tat nichts davon wahr ist, ist burch Zeugen erwiesen. Der betreffende Mann, auf ben Sie sich stützen, hat meinem Beamten gesagt, daß er ohne Bewilligung seines Anwaltes Dr. Liebknecht nicht? aussagen werde, und dieser hat wieder gesagt, er dürfe nur bei ihm, Liebknecht selbst, aussagen.
Darauf konnten wir uns natürlich nicht einlaßen. Warum ist denn Herr v. Wetsckesloff, al? angeblich bei ihm cingebrodicn war, nicht einfach zur Polizei gegangen und hat Anzeige erstattet? Ich hätte erwartet, daß der „Vorwärts" mir einen Fingerzeig zur Er- mittclni'g ber Täter geben würde. Worauf kommt e? an? Entweder muß bewiesen werden, daß ein russischer Beamter sich Rechte angemaßt hat, die ihm nicht zukommen, ober daß ein preußischer Beamter ungesetzliche Handlungen begangen hat. Wenn Sie diesen Beweis nicht erbringen, so bleibe ich dabei stehen, daß Ihre Agitation nut dazu dienen soll, große Maßen des Volkes gegen bie Regierung auf- zubringcn. Sie folgen dem Grundsätze: cahimniare audacter semper aliquid haeret. Die Ausweisungen sollen inhuman vollzogen sein. Ist cs etwa inhuman, baß Herrn von Wctschcsloff noch heute ftcisteht, abzurcisen über bie Grenze, wohin er will? Ich möchte ben Abg. Haase boch bitten, etwas vorsichtiger mit seinen Vcrbäcktigungen zu sein. Gewiß, Anarckis' m im eigentlichen Sinne sind bie Russen in Deutschland noch nickt, aber sie können es sehr leicht werden. (Schallendes Gelächter bei ben Sozialdemokraten.) Wir wollen solche Studenten nicht haben, die vollständig unreif sich um politische Dinge kümmern. (Abg. Bebel ruft: Burschenschaften.) Die russischen Studenten sind vielfach sehr leicht veranlagt, sich in politische Tinge zu mischen, so daß man sie nicht vollständig für das verantwortlich machen kann, was sie tun. Die sehr kindische Deklaration, die sic hier vor einigen Wochen gegen den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes gerichtet hoben, hätte uns Anlaß geben können, eine ganze Reibe dieser Leute, die gegen einen der höchsten Beamten des Reiches sich anmaßtcn, mit ihrem unreifen Urteil hervorzutreten, über bie Grenze zu schicken. Wir haben das nicht getan, weil wir die Sache als eine Kinderei betrachten. (Zuruf bei ben Sozialbemokraten. Recht bezeichnend für Sie!) Vor einigen Tagen hat wiederum in den Arminhallen eine Versammlung russischer Studenten ftattgefunben. Es wurde dort eine Resolution angenommen, in der es heißt: Der Zar sei der gesahrlichste Feind des russischen Volkes, in der weiter die ungehcuchelte Freude und Begeisterung über die Nachrichten von der Niederlage Rußlands im Kriege ausgebrückt wurde, und in ber es als heißester Wunsch bezeichnet wurde, baß bas Zarentum voll- stänbig geschlagen werde. Wenn Angehörige eines anderen Staates mit derartigen politischen Deklarationen kommen, so glaube ich. brauchen wir uns das nickt gefallen zu laßen. (Abg. Bebel ruft • Es waren ja deutsche Reicksangchörigel) Um so schlimmer für uns, baß wir solche Rcichsangehörige haben. (Lacken bei ben Soz.)
Um so mehr müßen wir uns in unserer Polenpolitik bemühen, immer noch schärfer zu sein. (Erneutes fachen bei den Soz.) Wie kann inan behaupten, daß noch niemals ein russischer Student, der dem Anarchismus huldigt, hier in Berlin sich auf- gehalten habe? Ein Student, ber ben russischen Minister ermordet hat, eine Studentin, die 1903 an dem Attentat auf einen russischen General beteiligt war, und ein Student, der an ber Spitze eines Aufstandes in Rußland stand, haben sich vorher in Berlin aiifgc- haltcu. So ganz un,,huldige Scutc scheinen also diese giu^m oock mebt zu sein, wir Haben eben andere Erfahrungen gemach:. Ick erinnere aber die Herren von der Sozialdeinokrntie an die Worte ihres Partciöiktators auf dem letzten Parteitage: „Solange ich
lebe, rede und —* (ber Minister sucht in seinen Manuskripten herum; es entsteht eine Pause. Abg. Bebel ergänzt bas Zitat, inbem er ruft: „schreib e". Große Heiterkeit.) Also, „solange ich lebe, rede und schreibe, werde ich nichts anderes sein als ich gewesen bin; ich will der Todfeind dieser Staatsordnung sein; solange ich lebe und existiere, will ich bie Existenzbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft untergraben, und wenn ich kann, diesen Staat beseitigen." Das sagt ein Mann, der in den deutschen Reichstag berufen ist, meine? Wissens, um das Deutsche Reich gu_ erhalten, aber nicht, um cs zu untergraben. (Lachen bei den Soz.) Demgegenüber erkläre ich Ihnen: Meine Absicht und mein fester Wille ist es, das Deutsche Reich und den preußischen Staat zu erhalten und allen denen gegenüberzutreten, die dem zuwider sind. (Beifall rechts, Lachen bei den Soz.)
Preußischer Justizminister Schönstedt: Der Abg. Haase hat seine schärfsten Spitzen gegen mich gerichtet. Er hat mir den Vor- ivurf der Fälschung gemacht; ich hätte den Verlauf der Verhandlungen falsch bargestellt. Zum ersten, weil ich getagt hätte, ber Abg. Haase hätte auf Grund feiner Aktenkeuntnis besser unterrichtet sein können. Aber ich konnte doch nicht so kindisch sein, etwa zu verschweigen, was jedermann bekannt ist. Wenn ich jenes sagte, so meinte ich damit ben Verkehr mit seinen Klienten, aus dem er sich hätte näher informieren können. Abg. Haase irrt auch, wenn er meint, ich hätte Wichtiges aus ben Akten verschwiegen. Ich kenne biefe Akten gar nicht. Was ich weiß, weiß ich bloß von dem Bericht der Königsberger Behörden. (Abg. Fischer ruft ironisch: Gut unterrichtet!) Die Fiktion des Abg. Haase, daß außer dem Absender der Schriften noch ein mir unbekannter Spitzel in Frage komme, kann ich nicht anerkennen. Ferner hat Abg. Hacke mir den Vorwurf gemacht, daß ich Stimmung gegen den Angeklagten gemacht habe. (Abg. Bebel: Sehr richtig!) Ich bestreite das. Sie können dem Justizminister nicht das Reckt verwehren, Anschiilbigiingen gegen die Justizverwaltung zurückzuweisen. lieber die Schuld des Angeklagten habe ich mich nicht geäußert. Darüber habe ich gar keine Meinung. Ich habe da mich durchaus zurückgehalten.
Der Abgeordnete Haase hat mir vorgeworfen, daß ich über die Dauer ber Untersuchungshaft mich nicht ausgelassen habe. Nun, bie Fäben einer über mehrere Staaten sich erstreckenden Untersuchung aufzildecken, ist nicht so leicht. Daher kann ich diese Sache tatsächlich nickt übersetzen. Was den weiteren Vorwurf an langt, daß ich den Beschluß ber Strafkammer verschwiegen tzätte. so erwidere ich: ick hätte im andern Falle auch das Urteil des OberlandeSgerichts erwähnen müssen, das ausdrück- lich von einem dringenden Verdacht spricht. Die Vermutung ber Kollusionsgefahr war in diesem Falle nach den Ergebnissen ber Voruntersuchung ganz natürlich.
Der Abg. Haase hat mir vorgeworfen, daß ich die sozialdemokratische Partei verdächtigt hätte. Ick habe mich da durchaus vorsichtig ausgedrückt. Die eine Tatsache bleibt bestehen, daß in dem einen Brief steht: „Alles, was Du für die Russen getan hast, hast Du im Interesse ber Partei getan." Das deutet doch auf eine engere Verbindung hin. Ich hätte noch mehr sagen können. (Zuruf von den Soz.: Heraus mit der Sprache!) Der Geschäftsführer des „Vorwärts" soll sogar dire t die Sendung der russischen Schriften vermittelt haben. (Abg. Bebel ruft: Werden iogar im „Vorwärts" verkauft. Prä,. Graf Balle st rem: Herr Bebel, Sie lonnnen Montag heran l Heiterkeit.) Es scheint also doch eine enge ' Verbindung mit den Rußen zu existieren. Ja, hier hat sich sogar eine Zentralstelle mit Rechtsanwalt Liebknecht an ber Spitze etabliert, die alle diese Sachen behandelt!
Dem Abg. Haase gebe ich eines zu: eine absolute Verpflichtung für die preußischen Behörden, einzuschreiten, lag nicht vor, da bie russi'che Regierung einen Antrag nicht gestellt hatte. Das ist eben eine Frage des politischen Taktes und hängt von der persön- liehen Auffassung ab. Wie sehr ich mit meiner Auffassung im Recht bin, geht aus einem Artikel des sozialdemokratilchen Schriftstellers Koutsky in ber „Neuen Zeit" hervor, der dort geschrieben hat: „DaS Zarentum soviel wie möglich zu diskreditieren, ist heute eine der wichtigsten Aufgaben ber internationalen Sozialdemokratie. Das hat diese auch begriffen. (Hört hört! rechts.) Eine Revolution in Rußland würde auch eine gute Rückwirkung auf die sozialdemokratische Sache in ganz Europa haben."
Das ist auch ganz mein Standpunkt, und deshalb sage ich. Wenn in dem vorliegenden Fall der Versuch gemacht worden ist, durch Verbreitung anarchistischer, terroristischer russischer Schriften eine Bewegung einzuleiten, die, wenn sie Erfo g hat, eine Rückwirkung auf die übrigen Staaten hat, bann sage ich mir: „tua res a'gitur“, bann schreite ich ein unb warte nicht erst den Antrag der russischen Negierung ab. Das ist geschehen, das wird auch in Zukunft geschehen müßen! iSBeifall rechts.)
Die Weiterbcratung wird hierauf auf Montag 1 Uhr vertagt.
Schluß 6'z Uhr.
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Das Neueste vorn V\ii> g^djauphLjc.
Die russis ch c.T.l g (Phon- guhir unlbct a m t li d) : Am 28. Februar ist folgendes Tetegramm des Generalmajors Pflug eingegangen: Die Nacht zum 27. d. M. ist in Port Arthur ruhig verlausen. Ein feindliches Geschwader hält sich in der Nähe von Port Arthur auf. Es lausen Nachrichten über Truppenbewegungen d e r Chinesen westlich des Liausiufses ein. Gerüchten zufolge befinden sich gegen 10000 9.iiaun unter General Ma auf dem Wege zwischen Tundschu und Tschad rin. Tie Schutzwache der Schinmintunbahu wurde verstärkt. Auf jeder Station befinden sich gegen vierzig bis fündig chinesische Soldaterr. Unsere berittenen Truppen rück- ten in Korea ein. Die koreanische Bevölkerung verhält sich gegen uns freundschaftlich
Die „9iui|. Telegraph.-Agenlür" me.v.t ferner aus £iau- jang vom 28. Februar: Chinesen vom Jalusluß berichten, daß ein russisches berittenes Avantgarde- Detachement etwa zweihundert Werst jenseus des Flusses nach Korea hinein vorgeritten und mit einer japanischen Abteilung zusammengestoßen sei. Die Ja p a n e r wurden zurüngeworsen und flohen unter Zurücklassung der Pserve, die ihnen von den Kosaken ab genommen wurden. General Limwilsch ließ eine berittene Abteilung des Jnfanterietorps folgen, um sich in Nordtorecr sestzusetzen. — In der Süd Mandschurei ist alles ruhig. Mehrmals täglich treffen Truppentransporte mit der Eisenbahn ein. D.e chinesische Bevölkerung ist ruhig und verkauft den Russen ohne Schwierigkeiten Lebensmittel und Pferde. Die chinesischen Behörden zeigen sich freundlich.
Gegenüber Gerüchten über angeblich schlechte Behandlung der russischen Truppen bei der Beförderung auf der sibirischen Bahn meldet ein Augenzeuge der „Nowoje Wremja": Alle Soldaten sind ohne Ausnahme mit warmer Kckioung versehend In allen Eisenbahnwagen, die er auf der Fahrt nach Sstasien gesehen har, hatte jeder Soldat^ einen Platz zum Schlafen. In der Milte eines jeden Waggons befinde sich ein Cf en. Die Stimmung der Truppen sei vorzüglich. An bestimmten Punkten werde warmes Efsen verabreicht. Die Beförderung vollziehe sich in vollkommener Ordnung.
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Am IbciiL) des 27. ist die <, d en e n lc gung auf den: v ise des Baikal, des', die vom Ost- und oom W. >.u,er her in Angriff ginnn.nen itiurbe, beendet worden. Der Verkehr mit von Pferden gezogenen Wagen beginnt am Dienstag.
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Offenbach., 28. Febr. In der lctzien Sitzung der Stadtverordneten wurde zum Erlaß einer Polizei- verordnnng, die Einsu!, l rb Durchfuhr von frischem Fleisch betreffend, beschlossen, daß alles nicht int öffentlichen, für die Gemeinde e i .telcn Schlachthaus ausge- schlachtete frische Fleisch in den Gemeindebezirk nur dann eingesührt werden darf, wenn durch eine amtliche Nach- nntersuchiung festgestellt wird, daß die Schlachttiere, von denen das Fleisch herrührt, der nach dem Reichsges. tz vor- geschriebenen amtlichen Unter,uc-mng unterlegen haben und habet nicht beanstandet worden s nd, sowie, frag dieses Fleisch inzwischen nicht verdorben ist, noch auch sonst eine gesundheitsschädliche Verunoerung seiner Bcstpastenheit erlitten hat. Bei dieser Gelegenheit wurden Klagen über allzu strenge Handhabung der Vieh- und Fleischbeschau durch das hiesige Kreisveterinäramt geführt und die Bürgermeisterei ersucht, auf Abhilfe zu dringen.
Frankfurt, 2d. Febr. regelt Verdachts, den Mord an dem Pianohändler Lichtenstein begangen äu haben, wurden mehrere Personen sestgenommen, aber, da sich keine Schulümomente heraus stellten, wieder freigelassen. Tie Polst,ei schließt aus einem bestimmten Umstand, daß es sich um > inen Täter handelt. Auf die Ergreifung des Mörders wurden 1000 Mk. Belohnung vom Polizeipräsidium ausgesetzt, die von dem Bruder des Ermordeten zur Verfügung gestellt wurden. Tie Beute des oder der Verbrecher bestand aus dem in dem Schranke vorhandenen Bargeld, das zusammen etwa 850 Mk. betragen haben mag. Auch Versicherungsmarken sollen in dem Schwank verwahrt gewesen sein, und die Mörder sollen sie entnommen haben. Wertpapiere sollen sich in dem Kassenschrank incht befunden haben. Außerdem lag aber auf dem Pult, ein leeres Kou- vert, welch. s die Auffchrist trug : Inhalt 3100 Mk., und das am 12. Januar 10. 4 abgeftempclt war. Ter eventuelle Inhalt i" iiy '.l§ und das oben erwähnte Bargeld
i..":iften b. c.htv "Hfc .i. i/.!i'r den Mördern in die ff:äni" 'ich. ■ io ei .' i;r • en, daß ■•m rar'.en mir etwa
l 00 Mt. r<-: fe.-v. , '..! :r ’. ?rt ip, daß auch das Kassabuch des Ermordeten verschwunden ist. Offenbar haben es die Mörder mitgenommen. Wie außerordentlich vorsichtig und zugleich frech und sicher die Mörder waren, geht daraus hervor, daß sie sich zur Toilette einer Bürste und eine? Spiegels bedienten. Man geht wohl nid t fehl, wenn man annimmt, daß an demselben Zeitpunkt, als der erste Entdeder der Tat die offene Tür betrat, nn d die Klingel das Kommen einer Person meldete, die Mörder in der Toilette gestört wurden und ganz bestimmt mit Benutzung der Hinteren Tür das Weite suchten. Tie Sektion des Ermordeten begann am Samsiag um 21/2 Uhr in ber Leichenhalle des Frankfurter Friedhofes. Eerichtsarzt.Tr. Roth uno Dr. med. Fromm nahmen die Sektion vor. Ihr wohnten bet eine aus dem Amtsgerichtsrat' Tr.Menzer und dem Assistent Schulz als G-erichlsschreiber- bestehende G.richtst'ommission; d'e StaaiSauwalischaft war durch den Erswn Staatsaicwalr Geh. Justizrat v. Reden und den Staatsanwalt Tr. Bluhme vertreten. Tie Sektion dauerte bis 3/46 Uhr und ergab folgenden Befund: „Ter Verletzte hatte eene Menge scharfer, bogenförmiger Wunden auf dem Kops unb eme jerirummcrung aes Schädelda rch' - der Hals war umfujuurt. Ter Tod erfolgte durch Zerir-.m- merung deS Schädels unb Quetschung des Gehirns. Tiese Verletzungen wurden mit einem schar,kantigen Instrument mit großer Wucht beigebracht. Ter Körper enthielt nu. noch wenig Blut. 2)tan bar, amtehmen- r-aß die eaangu* lation erst erfolgte, nachdem uie Verletzungen am Kopse zugesügt wc^en. Nad) den besonders charatreristischen V. - letzungen auf der Kopsschwarte war das Instrument kreisförmig oder doch bogenförmig begrenzt, ein Instrument, wie es ein Schuster ober ein Tachbeder besitzt. Es ist anzunehmen, daß die meisten Verletzungen, die der Ermordete erhalten hat, ihm von vorn zugefügt sind. Es ist sicher, daß Lichtenstein an den Schäoelverletzungert gestorben ist und die Strangulation nur erfolgte, um ihn, falls er zum Bewußtsein kommen sollte, am Schreien zu verhindern. Nadjdem die Seidjc nunmehr von der Staatsanwaltschaft freigegeben ist, soll die Beerdigung auf dem frankfurter Friedhof erfolgen. Tie Stunde ist nach nicht fe,rgesetzt.


