Vier Schiffe des englischen Mittelmeergeschwaders verließen am 27. fr. MtS. den Hafen Fiume. Der in den griechischen Gewässern befindliche Teil des englischen MittelmcergeschlvaderS erhielt Befehl, diese Gewässer mit aller Beschleunigung zu verlassen. *
In Hüll wurden am 27. Cftobcv zwei der umgekommenen Fischer feierlich b e st a t t e t. Das Publikum gab seiner Teilnahme für die Opfer und seiner Verurteilung der Handlungsweise der russischen Flotte in lebhaften Kundgebungen Ausdruck. In der Nachbarschaft der Wohmmgen der Getöteten, wohin die Leichen vom Schaubause gebracht wurden, und von wo sich der Zug nach dem Friedhöfe bewegte, hatten sich tausende von Menschen angesammelt. .
Der amerikanische Senator Depew machte einen Aufsehen erregenden Ausfall gegen Rußland und nannte die baltische Flotte ein Freibeutergeschwader, gegen dessen Streiche die zivilisierte Welt Stellung nehmen müßte. Er meinte ferner, wenn Rußland und Japan genug geblutet hätten, wurden die anderen Mächte dazwischen treten, unter ihnen auch die Vereinigten Staaten.
Die russische Flotte in Spanien.
In Villa Garzia zeigten sich am 26. Oktober der russische Kreuzer „Sivetlanctt und ein Transportschiff. Der TranSportdampfer drehte und ging in See. Der Kreuzer lief auf die Rhede ein und nahm Kohlen. Dec Dampfer »Milos" und drei Kohlenschisse machten seeklar, um den Rest des Geschwaders auf hoher Sse zu verproviantieren. Ein anderer russischer Kreuzer ist in die Bucht von Marin eingelaufen.
Ein Telegramm aus Muros meldet: Das russische Transportschiff „Ajinctt ist frort vor Anker gegangen und wird Proviant einnehmen. — Beim Kap Finisterre wurden vier Panzerschiffe und zwei Torpedoboote, die keine Flagge zeigten, signalisirt.
Der russische Botschafter in Madrid, Schewitsch, und der spanische Minister fre§ Aeußeren, Don Pedro, hielten eine lange Besprechung ab. Die spanische Regierung ermächtigte die in Vigo liegenden russischen Kriegsschiffe, die zur Ausbesserung ihrer Beschädigungen nötige Zeit zu verweilen, machte aber zur Bedingung, daß sie, sobald die Ausbesserungen vorgenommen seien, wieder abreisen.
Die spanische Negierung gestattete, daß jedes tn V i g o liegende russische Kriegsschiff 400Tonnen Kohlen einnehmen darf. Das Geschwader versah sich daher dort in ausgedehntem Maße mit Vorräten.
In der spanischen Kammer erklärte der Plinisterpräsifrent in Beantwortung einer Anfrage wegen deS Aufenthaltes russischer Kriegsschiffe in Vigo, die Neutralität werde auf daS strengste beobachtet.
Ein sehr seltsames Histörchen erzählt W. T. B. aus Vigo:
91(5 Admiral Roschdfestwenski das PalaiS des Militärgouverneurs verließ, küßte ihm ein a l t e r M a n n die Hand: der Admiral küßte den Greis auf die Stirn. Tie umstehende Volksmenge klatschte lebhaft Beifall. Der Bürgermeister von Vigo richtete an den Admiral ein Schreiben, in dem er ihn namens der Stadt und der spanischen Nation willkommen heißt und Wünsche für den Ruhm Kaiser Nikolaus und die Wohlfahrt Rußlands ausspricbt.
. Deutsches Reich.
Berlin, 27. Okt. Heute machte der Kaiser einen AuSritt und hörte die Vorträge des Kriegsministers, des Chefs des Generalstabs der Armee und des Chefs des Militär- kabinetS.
— Ein eigenartiges Geschenk für das Kaiserpaar (ft im Neuen Palais bei Potsdam eingetroffen. Ter „regierende" Vorstand der Salzwirker-Brüdersck>ast im Tal zu Hülle a. bat dem Kaifervaar, einem alten Brauche gemäß, einige Kisten frischgefangener Lerchen übersandt. Bemerkt wird hierbei, daß die Haudren, d. i. die Salzwirker-Brüderschaft, noch heute das verbriefte Recht hätten, Fische in der Saale zu fangen und Lerchen zu streichen.
— Der „Reichsanz." veröffentlicht die Verleihung des Roten Adlerordens 1. Klasse mit Eichenlaub an den KriegS- minifter v. Einem.
— Der Bundesrat stimmte in seiner heutigen Sitzung dem Entwürfe einer Novelle zum Sparkassengesetz für Elsaß- Lothringen zu.
— Im Anschluß an die Interpellation im Abgeordneten- hause hat Frhr. v. Mirbach eine neue Verteid igungs- schrift herausgegeben, welche in ungleich schärferer Form als die erste Rechtfertigung des Oberhofmeisters die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückwcist und sich besonders gegen diejenigen Parteiblätter richtet, welche seine Tätigkeit aus kirchlichem Gebiete bekämpft haben.
— Wie fror „Nat.-Ztg." von unterrichteter Seite bestätigt wird, ist tatsächlich in den letzten Tagen eine vielleicht unüberwindliche Verschlechterung der deutsch- schweizerischenHanfrels-Vertragsverhandlungen eingetreten.
Guben, 27. Okt. (Amtlich) In der im 7. Wahlbezirk Guben-Sorau-Forst des Regierungsbezirkes Frankfurt a. d. Oder stattgehabten Landtagsersatzwahl erhielt Buch- frruckereibesitzer König-Guben (nat.-lib.) 317 und Rittergutsbesitzer Wackerbarth (kons.) 303 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt.
Dresden, 27. Okt. Der König, Prinz Johann Georg, die Staatsminister, das diplomatische Korps, die Generalität, die Spitzen der Behörden und viele Würdenträger wohnten heute mittag im Vereinshause der von den Lrei hiesigen Hochschulen veranstaltetan Trau er fei er für den verstorbenen König bei. Die Gedächtnisrede hielt Geh. Hofrat Professor Dr. Treu.
Ausland.
Budapest, 27. Okt. Kossuth brachte im Abgeordneten- ^aufe einen Antrag ein, der Ministerpräsident solle den Minister des Auswärtigen auffordern, die Aktion der Vereinigten Staaten zur Beendigung des russisch-japanischen Krieges zu unterstützen.
Pom AriegsschauplAhc
(fegen heute nur ein paar Meldungen vor.
<-in Telegramm des russischen Generals Ssacha rom an den Generalstab meldet: Aus dem linken Flügel unserer St^lllmg eröffneten die Japaner am 25. Oktober morgens das Feuer auf die Schanin eines Regiments von zwei in der Nähe liegenden Bergkuppen aus. Eine Freiwilli genabteilung des Regiments vertrieb den
Feind von v'eidcn Vvrgkftp^en, totirbe aber mit Artillerie- 'euer beschossen und zog sich M dem Regiment ztlr ück. Am 26. -Oktober fanden keine Kümpfe stabt.
Aus Mukden meldet Reuter vom' 27. d. M.: In der Testen Nacht fand am stTorduser des Schaho, direkt südlich von Mukden, ein Artillerie kam Pf statt. Während der Nacht nmrbc starkes Geschütz feuer gehört, das heute anhielt. Die Russen sind die Angreifer.
Ter Korrespondent der Petersburger „Birshewija Wje- wmosti" telegraphiert au5 Mukden vom 26. Oktober, er habe zuverlässige Nachrichten über die Mteilung des Generals Kossagolvskv erhalten, der auf dem äussersten rechten Flügel operiert. Tie Abteilung rückte am 4. Oktober bei der allgemeinen Vorwärtsbewegung vor. Im Gebiet von Achangore leisteten aber die Chnnchnsen Widerland. Tie Gemeinde Achangore erkennt keine Regierung an. Tie kriegerische Bevölkerung gewährt vielen japanischen Agenten und Chunchnsen Schutz. Tie Lllfteilnug Kossa- gowsky verjagte nach einigen eruften Gefechten die Chnn- chusen imfr konzentrierte sich beim Torfe Saobihe, wo grosse japanische Vorräte lagerten, um auf dem Hnnflusse nach Mukden befördert zu werden, wenn letzteres genommen 'ein würde. Kossagowskv erfuhr, dass Saobihe von 4000 Mann Infanterie mit Geschützen besetzt war, sowie von 3000 wohlbewaffneten Chunchnsen unter dem Kommando der bekannten Führer Tulissan und Falengo, die in japanischem Solde stehen. Saobihe liegt südlich von Jeutai und Laoho. Zu Beginn der grossen Kämpfe am Sch ah o war das Tctachemcnt tveit nach Süden vorgerückt und manövrierte somit im Rücken der japanischen Armee. Ta die Japaner die Stellungen am Schaho hielten, war das Vorrücken der Abteilung unmöglich. Es war selbst gefährlich für sie, in der Stellung, die sie eingenommen hatten, zu bleiben, da diese zu weit vorgeschoben war. Gegenwärtig ist nicht bekannt, wo sich die Abteilung Kossagowsky befindet.
DnrH einen Tagesbefehl des Zaren vom 25. Oktober wird bestimmt: Tie Dampfer der Freiwilligenflotte „Smolensk" nnd „Petersburg" werden der Flotte als Kreuzer eingereiht und führen die Namen „Rion" und „Dnjepr".
Aus Bychowa bei Mohilew werden Ausschreitungen von Reservisten gemeldet anlässlich der Mobilisation von Landleuten hervorgerufen, welche die Fenster mehrerer Häuser zertrümmerten und Läden erbrachen. Tie Menge griff )arauf die Häuser von Juden und Christen an. In einigen weiteren Orten kamen gleichfalls Ruhestörungen vor, doch ist nach der russischen offiziösen Darstellung die Ordnung wieder hergestellt.
Aus Stadt uud Land.
Gießen, 28. Oktober 1904.
Adreßbuch der Stadt Gießen.
Um das Adreßbuch rechtzeitig und mit größter Genanig- eit herstellen zu können, ist die sofortige eigenhändige Au§- süllung der verteilten Personenstandslisten erforderlich.
Während der nächsten Tage werden wir die Listen ein- sarnrneln lassen. Wir bitten deshalb die verehrte Einwohnerschaft in ihrem eigenen Interesse, die Listen ausgefüllt zur Abholung bereit zu halten.
Brühl'schc Universitäts-Druckerei.
** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben den KreiSbauinspektoc deS Kreises Groß-Gerau Hermann Gombel zum Kreisbauinspektor deS Kreises Friedberg, und den Diplom-Ingenieur Otto Diefenbach auS Schwarz zum Assistenten bei der Gewerbeinspektion Darmstadt ernannt. — Dem Oberlehrer an der Realschule zu Alsfeld Ludwig Freund wurde der Charakter als Professor erteilt. — Der Lehramtsassessor Friedrich Schad auS Darmstadt wurde zum Oberlehrer an dem Realgymnasiums der Oberrcalfchule und höheren Handelsschule zu Mainz, der Lehramtsassessor Wilhelm Glenz aus Michelstadt zum Oberlehrer an der höheren Bürgerschule zu Wörrstadt und zum Rektor dieser Anstalt, der Militäranwärter Gustav Adolf Börner in Gießen zum Pedellen an dem Realgymnasium und der Realschule zu Gießen ernannt.
** Von der Landesuniversität. S. K. H. der Großherzog haben am 26. Oktober fr. Js. den Bezirks - geologen. an fr er Königl. Preuß. geologischen Landesanstalt Dr. Erich Kaiser zu Berlin zum ordentlichen Professor fr er Mineralogie und Geologie an der LandeSuniversität zu Gießen mit Wirkung vom 16. Oktober 1904 und ferner fren ordentlichen Professor Dr. Johannes Haller in Marburg zum ordentlichen Professor der Geschichte in der philosophischen Fakultät der LandeSuniversität zu Gießen mit Wirkung vom 1. Oktober 1904 ernannt.
*' Geheim erat Emmerling wurde der „Darmst. ßtg.* zufolge von seiner Stelle als ständiges Mitglied und Vorsitzender des Landesversicherungsamtes aus sein Nachsuchen entbunden. Nach derselben Zeitung wurde Ministerialrat Vraun zu seinem Nachfolger mit Wirkung ab 1. November er. bestellt.
" Ein Künstlerkonzert der blinden Pianistin, Frl. Wally Schlösser, unter Mitwirkung anderer Künstler und Künstlerinnen wird am Donnerstag, den 10. November, abends 8 Uhr, im Hotel Einhorn hier stattfinden. Nach den uns vorliegenden Zeitungsnotizen steht das Konzert auf gediegener Höhe, und fren hiesigen Musikfreunden scheint damit ein besonderer Genuß bevorzustehen.
** Erzbergbau in Oberhessen. Oberbergrat Prof. Dr. Chelius Darmstadt wird, wie gestern bereits angedeutet wurde, demnächst im Bergmännischen Verein Gießen — Neuen Saalbau — einen Vortrag über den Erzbergbau in Oberhessen in Beziehung zur Lahnkanalisation halten. Vorgesehen war der 12. Nov. nachmittags 4 Uhr, allein, da an diesem Tage die Einweihung der Universitätsbibliothek, vielleicht mit einer besonderen Feier der Studentenschaft verbunden, diesen Tag als ungeeignet erscheinen läßt, bleibt die Festsetzung des Termins noch vorbehalten.
•• Ein Automobil- Abenteuer des Groß- Herzogs. Wie frer Großherzog von Hessen und Prinz Heinrich von einem Schutzmann auf den rechten Weg gewiesen werden mußten, davon erzählt man sich in Kassel folgendes Stücklein: Am Sonntag kamen Prinz Heinrich und Gemahlin, sowie frer Großherzog von Hessen mit Gefolge in zwei Automobilen auf der Fahrt von Kiel nach dem Schlosse Lich durch Kpssel gefahren. Sie hatten gegen) 3 Uhr nachmittags das Leipziger Tor passiert und gelangten durch die untere Königsslrasse nach dem Köuigsplatz. Sie wollten' quer über diesen Platz fahren, um direkt nach der oberen Königsstrasse zu kommen. Schon hatten die Gefährte die
Mite des Platzes erreicht, da eilte mit raschen Schrittest ein Schutzmann herbei und gebot gebieterisch Halt. Umsonst wiesen die Insassen darauf hin, dass doch nirgends ein Schild zu sehen ist, welches den verbotenen Weg als solchen kenntlich mache. Es half nichts, sie mussten ftmkehren und nm den Platz chernmfahren. In der Hohenzollernstraße wurde dann an einer Benzinstation Halt gemacht, um die Kraftwagen mit frischer Füllung zu versehen und zu reinigen. Als die Sportsmäntel und die Brillen abgelegt waren, wurden die Fürstlichkeiten vom Publikum bald erkannt. Prinz Heinrich erinnerte sich beim Llnblick neugierig zuschauender Realgymnasiasten seiner Kasseler Schulzeit und war bald in lebhafter Unterhaltung mit den Sch ü lern begriffen. Nach fast zweisttindigem Aufent^ halte ging die Fahrt weiter.
R. B. Darmstadt, 27. Okt. Ein jäher Tod ereilte heute abeufr 61/, Uhr fren hiesigen Oberlanfresgerichts- rat Seriba. Dieser war Mitglied der staatlichen Prüfungskommission für das juristische Staatsexamen, die seit dem 15. Oktober unter Vorsitz des Geh. Rats Pückel mit der Prüfung der 31 Kandidaten im oberen Stockwerk des Justiz- gebäudes beschäftigt ist. Seriba war gerade bei der Exarni- nierung fre§ drittletzten Kandidaten, als er plötzlich zusammen- zuckte, laut atffstöhnte und dann ohnmächtig auf seinem Dienstsessel zusammenbrach. Nach wenig Sekunden war er eine Leiche. Wie der schletlnigst herbeigerufene praktische Arzt Dr. Barthel konstatierte, hatte ein Schlagfluß seinem Leben ein plötzliches Ende bereitet. Die sämtlichen Mitglieder frer Prüfungskommission, deren Sitzung sofort aufgehoben wurde, waren natürlich über fren entsetzlichen Vorfall tief er» chüttert. Der Verstorbene war unvermählt geblieben und etwa 54 Jahre alt. Sein gleichfalls im höheren Justizdienst hier tätig gewesener Bruder war vor einigen Jahren auf dieselbe Weise ums Leben gekommen.
Mainz, 27. Okt. Die sozial dem akratische Partei beabsichtigt, bei fren nächsten Stadtverordnetenwahlen mit fren liberalen bürgerlichen Parteien zu paktieren. In einer gestern abgehaltenen sozialdemokratischen Parteiversammlung wurde daS Wahlkomitee beauftragt, für den Fall die liberalen Patteien irgend einen Kompromiß in Vorschlag bringen, mit demselben in Unterhandlungen zu treten, jedoch sollen keine bindenden Beschlüsse gefaßt werden, sondern daS Ergebnis frer Verhandlungen soll einer besonders zu berufenden Parteiversammlung unterbreitet werden. (F. Z.)
Kleine Mitteilungen ans Hessen und den Nachbarstaaten. In Frankfurt a. M. wurde ein Wiener Kaufmann namens Emil Scheid verhaftet, der viele Detaillisten beschwindelte, Er legte ein Geldstück auf fren Ladentisch, das er stets durch eine Spielmarke zu ersetzen pflegte. — Der Packer Philipp Stöckel in Frankfurt, der etwa 20 Jahre bei der Engrosfirma Julius Jeidel beschäftigt ist, hat seit vielen Jahren große Quantitäten Kämme gestohlen. Er wurde verhaftet; es stellte sich aber heraus, daß frer Mann, ein Vater vou sieben Kindern, irrsinnig ist. Der Mann wurde der Irrenanstalt überwiefen.______________
• Kleine TageSchronik. Wie die Kieler N. Nachr. melden, wurde ein an schwarzen Pocken erkranktes russisches Auswanderer-Ehepaar von einem deutschen Dampfer in Holtenau gelandet und nach dem Krankenhaus in Kiel überführt. Strengste Vorsichtsmaßregeln wurden getroffen. Die zur Behandlung der Kranken beftmiraten Aerzte und Pfleger mußten sich einer Schutzimpfung unterziehen. — In Alt-Schweier in Baden erplodierte in der Stockfabrik von Renner & Hiller der Dampfkessel. Ein Mann wurde getötet, der Fabrikinhaber Hiller wurde lebensgefährlich verletzt. — DaS Gut Eharlottenhof in Holstein, Eigentum des Herzogs Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein, des Schwagers des Kaisers ist vollständig ntedergebrannt. — Im Bärenzwinger des HelenenhofeS in Lodz (Polen) überfiel ein Bar, indem er auS dem Nebenzminger durch eine Schiebetür eindrang, den den Zwinger reinigenden Wärter B a r e z i k, den er so in Kopf und Arm biß, daß der Wärter nach drei Stunden starb. — In Bonn sind umfangreiche Fahrkartenfälschung en entdeckt worden. Die Fälscher ein Lrthograph und dessen Sohn, sowie mehrere Bahnbeamte wurden verhaftet. — In Bremen erschoß der Dachdeckermeister Kasten seine Frau und machte einen Selbstmordversuch.
Reichsgericht.
(Nachdruck verboten.)
R. S. Leipzig, 27; Oktober.
Ter Begriff der rechtmäßigen Ausübung des Amtes spielt eine wichtige Rolle bei allen Delikten gegen Beamte, besonders auch im Falle des § 117 St.-G.-B., wonach Widerstand durch Gewalt oder Bedrohung mit Gewalt gegen einen Forst- oder Jagdbeamten, Waldeigentümer, Forst- oder Jagdberechtigten oder einen von diesem bestellten Aufseher, sowie ein tätlicher Angriff gegen diese Personen während der Ausübung ihres Amtes mit Strafe bedroht wird. Tas L a n d g e r i cht Gießen verurteilte am 19. Januar d. I. die Landwirte Heinrich Metzger L, Beigeordneter in Röthges, Georg Metzger und Eduard Reitz wegen je eines Deliktes gegen § 117 St.-G.-V. in ideeller Konkurrenz mit den §§ 168 und 196 St.-G.-B. zu Gefängnisstrafen von 3, bezl. 2, hezl. 4 Monaten. Ter Eröffnungsbeschluß legte den Angeklagten zur Last, am 21. September v. I. in der Nähe von Röthges den Feldschützen und Gemeinde- forstwart Wilhelm Emerich, als er sich in rechtmäßiger Ausübung seines Amtes befand, durch Gewalt, Widerstand geleistet zu haben, 5)einrich Metzger I. noch dazu mit dem Gewehr; Reitz hat ihn außerdem noch „Wildpretsknapper" geschimpft.
Tie Gemeindejagd von Röthges war bei der letzten Verpachtung nicht wieder dem bisherigen Pächter, der allerdings nur 175 Mark dafür gezahlt hatte, zugesprochen worden, sondern mehreren Gemeindeangehörigen, zu denen auch die Angeklagten gehörten, zu einem Packstpreis von 355 Mark. Ter Gemeinde- sorstwart, der seinen Unmut darüber geäußert haben soll, daß rncht der bisherige Pächter die Jagd wieder bekommen habe, soll deshalb nach Angabe der Angeklagten Metzger die jetzigen Pächter wiederholt chikaniert haben, insbesondere dadurch,. daß ct übergetretenes Wild wieder verscheucht habe. Ter erste Richter stellte indes fest, daß er ein langgedienter, gewissenhafter Beamter sei, der schon verschiedene Personen wegen Wilderns zur Anzeige und Bestrafung gebracht habe, darunter auch einen anderen Sohn des Metzger I. Tie Angeklagten gingen an dem fraglichen Tage nach ihrer T-arsfellung nach dem Wellerfelder Walde auf den Anstand; in der Nähe des Reviers „Pfaffenloch" sahen sie den Emerich, der, ohne Tienstkleidung, geräuschvoll durch ein Tickholzgesträuch gegangen sei, wobei er immer „brr", „brr" gerufen und mit seinem Stocke gegen die Bäume geschlagen habe, sodaß verschiedene Stück Wild dadurch verscheuckft worden wären. Reitz, der den Emerich noch nicht kannte, und der voranging, wurde ärgerlich darüber und rief ihm das Schimpfwort „Wild- pretsknapper" zu, worauf Emerich gedroht habe, er wolle ihn mit dem Stocke totschlagen. Ter erste Richter schenkte der abweichenden Tarstellung des Emerich Glauben, welcher angab, er sei von Laubach gekommen, wo er sich in der Apotheke Medizin geholt habe. Als er die Angeklagten wahrgenommen habe, sei er durch das Dickicht längs des Grenzgrabens gegangen, um fick in seiner Eigenschaft als Feldscksiitz zu versül^rn, ob die Jäger die Grenze nicht überschritten. Darauf hätten ihn die Angeklagten nach kurzem Wortwechsel gepackt und den Stock abgenommen; er habe auch kein Messer gezogen, wie feine Gegner behaupten, sondern nur die Medizinflasche in seiner verkrüppelten Hand zur


