MitJubel wurde die Rede des Finanzministers Dr. Gnauth, Exzellenz, ausgenommen. Se. Exzellenz gab zunächst seiner Freude darüber 2lu§bmcf, daß ihm seine Altersgenossen Gelegenheit gegeben, im Kreise der Gießener ein Fest mitzufeiern. Redner zog dann eine Parallele zwischen den Festfeiern einer Großstadt und denen einer Kleinstadt, und schloß daraus, daß ein Fest, wie das heutige zu feiern, nur in einer Stadt wie Gießen möglich sei. Der Hinweis des Vorredners auf seine (Redners) Verdienste um die Stadt Gießen veranlasse ihn zu bemerken, daß auch Fehler nicht vergessen werden dürften. So sei es z. B. als ein Fehler zu bezeichnen, daß er nicht in Gießen geboren, und nicht hier in die Schule gegangen sei. In die Schule, lind zioar in eine harte Schule, habe ihn wohl die Stadt Gießen genommen, aber dies habe ihm gut getan. Es bereite ihm einen Genuß, wieder einmal oberhessische Luft zu atmen, und das eigenartige Fest mitfeiern zu können. In einer Zeit, die sich so viel mit realen Interessen beschäftigen müsse, sei es schön, auch Ideale zu haben; das Ideal seiner Jugend sei der Glaube an die Gleichberechtigung nnd den Gleichwert des Menschen; dieser Glaube werde bestätigt durch das heutige Zusammensein. Redner bezeichnete die Stadt Gießen als Mutter der hier vereinigten Söhne; für ihn sei die Stadt zwar nicht Mutter, aber euie gute Stiefmutter gewesen, in ihr habe er die schönsten Jahre verlebt. Ter Zuversicht Ausdruck gebend, daß alle hier Versammelten einig seien in der Liebe zu unserem Gießen, richtete Redner an sie die Bitte, nut ihm einzustimmen in ein Hoch auf die Stadt Gießen.
Gerichtsvollzieher Geißler hatte sich der schwierigen, aber um so dankbareren Aufgabe unterzogen, sämtliche Fünfziger in hübschen Versen in Gießener Mundart „dorch- zuhecheln". Daß ihm dies in humorvoller Weise gelang, bewies der Beifall, der am Schlüsse seines als besondere Beilage der Festzeitung erschienenen Poems den Saal durchbrauste. — Professor Nies vom Gymnasium zu Mainz gedachte der schönen Jahre, die er als Gießener Junge verlebt, ferner der Gießener Jugendfeste, die eine andere Stadt gar nicht in der Art, wie sie hier gefeiert würden, bieten könnö; er wünsche, daß es in Gießen :mit dem Jugendfeste ebenso bleiben möge, wie mit den Fünfziger-Feiern; daß die Stadt Gießen sich immer so schön weiter entwickele wie seither. Sein Hoch galt Herrn Finanzminister Gnauth, dessen Tätigkeit in Gießen diese schöne Entwickelung zu danken sei. — Stadtgeometer Wißner verstand es besonders, mit Humor den Toast zu ivürzen, den er auf die Frauen und Töchter der Fünfziger ausbrachte. Trefflich schilderte Redner das Wirken der um das Wohl der Männer, besonders der Fünfziger, besorgten Frauen, ebenso trefflich aber auch die nicht immer dieses Wirken richtig würdigenden Eheherren. — Genanntem Redner blieb es auch vorbehalten, dem Ausschuß der Fünfziger den Dank Aller für die beim Zustandekommen des Festes geleistete Arbeit durch ein Hoch abzustatten.
Die folgenden Stunden verliefen unter den flotten Weifen der Bauerschcn Kapelle, Gesang von Chorliedern und Einzelgesängen, bei denen sich die Altergenossen Brückner, Emil Noll und Emil Müller als Künstler zeigten. Ihre Darbietungen fanden ebenso freudige Aufnahme wie das vom Altersgenossen Elle nach der Melodie ,£) alte Burschenherrlichkeit" verfaßte und der Gießener Mundart angepaßte Chorlied „Des 50ers Lebenslaufe. — Der folgende Sonntag vereinigte die Altersgenossen mit ihren Familien auf dem Schiffenberg. Hier trat die Geselligkeit in ihr Recht, während für gesangliche Unterhaltung der Gesangverein „Heiterkeit" mehr wie ausgiebig sorgte und schöne Lieder zum Vortrag brachte, die den. Sängern verdienten Beifall eintrugen.
Die für Montag angesetzte Familienfeier fand in oem ebenfalls prächtig dekorierten Saale des Philosophen- ivaldeS und dem mit Lampions erleuchteten Walde statt. Die Zahl der Teilnehmer mochte sich auf etwa 500 belaufen.
Eingeleitet wurde die Feier mit einem von Musikdirektor Krauße komponierten Festmarsch: „50er 1904", der rauschenden Beifall fand und oft wiederholt werden mußte. Es war für den Festausschuß keine leichte Aufgabe, das Programm durchzuführen. Es gab Festpolonaise, Kinderspiele, Konzert, Sologesang und komische Vorträge. Daneben mußten riesige Vorräte von Kuchen und Kaffee aufgeräumt, ein ergiebiges Abendessen durchgekostet und schließlich noch das Tanzbein geschwungen worden, welche Aufgabe nicht nur die Jungen, sondern eine stattliche Anzahl der Fünfziger selbst vortrefflich zu lösen verstanden. Manch köstliches Wort, ausklingend tn ein Hoch, wurde gesprochen. Kommerzienrat Gail feierte das Familienleben, Professor Nies die Frauen und Jungfrauen, Kaufmann Klein Henn die Erzieherinnen der Jugend, die deutschen Mütter und die, die cs werden wollen. Xiamens der Damen stattete Frau Winn den Dank für die schöne Feier ab, räumte diesmal den Herren das Recht ein, sitzen zu bleiben und forderte die Damen zu einem Hoch auf die Veranstalter des Festes, die Fünfziger auf. — Fabrikant Gustav Hornberger stattete den Vorstandsmitgliedern den Dank der Versammelten für die gute Führung der Geschäfte ab. — Nach 12 Uhr ordneten sich die Festteilnehmer unter Vorantritt der Regimentsmusik zu einem Lampionzug, der sich in langer Linie über den Mittelweg nach der Grünberger Straße bewegte und sich dort auflöste. Damit hatte die schön verlaufene Fünfziger-Feier ihr Ende erreicht. — Zum Schluffe sei bemerkt, daß Photograph Zimmer am Sonntag ein Gruppenbild der Fünfziger auf- uahm, das nach dem bereits am Montag fertiggestellten Probebild als gut gelungen bezeichnet werden muß. — Die Dekoration der Festlokaliiäten hatte Gärtner Louis Becker ausgeführt, die Lampions und Transparente Buchbinder- Heinrich Schneider, die Festschleifen, von denen eine 'Anzahl auch Fünfzigerinnen verliehen wurde, die Firma I. H. Fuhr geliefert.
Aus ytniit uni» Land.
Gießen, den 28. Juni 1904.
** Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben den Oberlehrer an der höheren Mädchenschule und dem Lehrerinnenseminar zu Mainz, Dr. Hermann Büttner zu Mainz, seines Dienstes entlassen.
** Tagesordnung für die Sitzung der Stadt- verordnetenversammlungDonnerstag, den 30. Juni 1904, nachmittags 4 Uhr. 1. Mitteilungen. 2. Gesuch der Gail- schen Dampfziegelei um Erlaubnis zur Erbauung eines Ringofens; hier: Dispens. 3. .Baugesuch der Joh. Gg. Weber Erben für Neuen Baue 18 und 20; hier: Dispens. 4. Gesuch des Karl Geffert dahier um Erlaubnis zur Anbringung eines Firmenschildes am Hause Bleichstraße 31. 5. Gesuch der Firma Sack u. Jughardt um Erlaubnis zur Anbringung eines Firmenschildes am Hause Südanlage 20. 6. Herstellungen am Elektrizitätswerk und Anschaffungen für dasselbe. 7. Beschaffung von Farbe zwecks Anstrichs verschiedener Bruckcutonstruttionen. 8. Vergebung von Steinmetzarbcften fürs alte Schloß. 9. Anlage einer Zapfstelle der Wasierleitung in der städtischen Kaserne. 10. Beschaffung von Wandtafeln für die Stadtmädchenschule. 11. Beschaffung von Bureauräumen für die Bürgermeisterei. ,12. Befestigung des Viehmarktplatzes. 13. Ausbau einer Verbindungsstraße zwischen Frankfurterstraße und dem Bahnübergang. 14. Errichtung eines Geräteschuppens für das Tiefbauamt und den Stadtgärtner. 15. Das Adreßbuch her Stadt Gießen. JL6. Ausbeutung eines Sandlagers im Stadtwald. 17. Vertilgung der Obstschädlinge. 18. Ueberlassung einiger Beete im Pflanzgarten Lumpenmannsbrunnen an Forstwart Arft. 19. Vermietung eines Kellerraums int Schlachthaus an S. Klebe zur Fellaufbewahrung. 20. Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. 21. Gesuch des Karl Vogt dahier um Erlaubnis zum Wirkschaftsbetrieb im Hause Brandplatz 13. 22. Desgleichen des W. Schneider für Walltorstraße 24. 23. Desgleichen des Ludwig Gräf für eine Kantine bei den Kliniksbauten. 24. Desgleichen des Konrad Ruth für seinen Hof Klinikstraße 24. 25. Desgleichen ' des Heinrich Elges für seinen Garten Seltersweg 68. 26. Desgleichen des Heinrich Prieß um Erlaubnis zum Branntweinaussch-ank im Hause Ebelstraße 2.
*• Der Kunstverein für das Großherzogtum Heffen hält seine ordentliche Hauptversammlung am 2. Juli in der Kunsthalle in Darmstadt ab. U. A. steht zur Verhandlung: 1. Die Verwendung von Mitteln aus Fonds C (V5 der Reineinnahme zur Beschaffung und Widmung von Kunstwerken zu öffentlicher Bestimmung) zur Beschaffung von plastischen Werken für das neue Landesmuseuni. 4. Die Ausgabe eines Vereinsblattes.
g. Büdingen, 25. Juni. Die Schulhaus-Bau- platz frage, die hier schon viel Staub aufgewirbelt hat, wurde in der gestrigen GcmcinderatSsitzung endgiltig entschieden. Die Mehrheit des Gemeinderats stimmte für den Platz unterhalb des „Wilden Steins", der auch von der Baubehörde in erster Linie empfohlen worden war. Es wäre zu wünschen, wenn mit dem Bau bald begonnen würde, da die in verschiedenen Gebäuden sich befindenden Schulsäle alle überfüllt sind und in keiner Hinsicht den modernen Anforderungen entsprechen.
1. Aus dem Vogelsberg, 27. Juni. Eine drollige Verwechslung passierte einer Frau in einem kleinen Dörfchen Oberhessens. Sie ließ sich vom Arzt zur Linderung ihrer Zahnschmerzen eine Flüssigkeit zum Emreiben verschreiben, und ließ sie sich, da in dem Dörfchen keine Apotheke ist, von einem Manne besorgen. Dieser erhielt von einem Pferdcbesitzer noch einen Auftrag, ihm ein Glas Franzosenöl mitzubringen; dies ist ein Mittel, um die Fliegen von den Pferden fernzuhalten, da es einen fürchterlichen Geruch verbreitet. Vor dem Schlafengehen rieb sich die Frau das schmerzstillende Mittel ein, aber o Schreck, alle Mitbewohner des Zimmers flüchteten, denn sie konnten es vor dem schrecklichen Geruch nicht aushalten. Und die Fran meinte, ihr letztes Stündlein sei gekommen. Andern Morgens stellte es sich jedoch heraus, daß die Frau das Franzosenöl erhalten hatte und der Pferdebesitzer das schmerzstillende Mittel bei seinen Pferden angewendet hatte. Denn auf beiden Gläsern stand „Aeußerlich, zum Einreiben", wodurch auch die Verwechslung entstand.
g. Langendiebach, 26. Juni. Heute fand hier der vom Gesangverein Liederkranz aus Anlaß der Feier seines 40jährigen Bestehens veranstaltete Gesang Swett streit statt. Es beteiligten sich insgesamt 12 Vereine an dem Wettstreit. Es wurde in 3 Klassen gesungen. In der 1. Klaffe erhielt den 1. Preis „Germania" von Dörnigheim, in der 2. Klasse erhielt Gesangverein „Liederkranz" von Büdingen den 1. Preis, den 2. Preis „Sängerkranz" von Niederroden. In der 3. Klasse wurde dem Männcrgcsang- verein Biebrich der 1. Preis zuerkannt. Den Ehrenpreis in dec 1. Klasse errang „Germania"-Dörnigheim, in der 2. Klaffe „L ied erkra nz"-Büdingen, in der 3. Klasse Männergesang, verein Biebrich. Tic höchste Punktzahl erreichte Liederkranz- Büdingen mit 201 Punkte.
Frankfurt a. M., 27. Juni. Die Kriminalpolizei verhaftete eine Diebes- und Einbrecherbande von sieben Personen, darunter eine verheiratete Frau. Der Bande wird eine ganze Reihe von Einbrüchen in der letzten Zeit zur Last gelegt. Eine Anzahl der gestohlenen Gegenstände wurde vorgefunden.
Bingen, 26. Juni. Gestern morgen um 10 x/2 Uhr begann nach Eintreffen der auswärtigen Delegierten der Schützentag des mittelrheinischen Schützenbundes in der Schützenhalle. Oberschützenmeister Brück-Gießen eröffnete den Schützentag in üblicher Weise. Schriftführer Roth-Gießen brachte dann das Protokoll vom Schützentag in Mainz zur Verlesung. Zu Punkt 1 erstattete Herr Brück den Jahresbericht. Im Jahre 1903 hatte der Bund 38 Vereine mit 2954 Mitgliedern. Das Vermögen des Bundes beträgt zur Zeit 3209.40 Mk. Eine Depesche an den Großherzog, der einen Ehrenpreis gestiftet hat, wurde abgesandt.
Folge niemals gutem Rat! v, rrenb lieber leide, 0S verdanke glättern Pfad 0)nädigem Bescheide.
Starte Beine wirkt die Last, Schwächung jede Krücke, Was du bist, nicht was du hast. Hilft zu rechtem Glücke.
Fest und hoch hielt der Alte „die Fahne der Daseinslust und Freude an der Welt". s)todj sich beurteilte er die Menschheit. Man hat es ihm vielfach zum Vorwurf gemacht, daß er Friedrich NietzM erst im Jahre 1893 nachsagte, daß „in Wahrheit kein Gedanke recht sein eigen" sei und „seine schärfsten Drucker unverkennbar ihm gestohlen" habe. Ich gebe zu, daß die überscharfe Form, in der er diese Beschuldigung aussprach, eine Kritik von gleicher Tonart herausfordern mußte! Längst schon war Nietzsche damals unfähig, sich selbst zu verteidigen. Doch die verspätete Anklage Jordans hatte ihren Grund, wie mir der Dichter selbst sagte, einfach darin, daß ihm die Schriften Nietzsche s nicht srüher zu Gesicht gekommen waren. Die modernen Erscheinungen der modernen Literatur waren ihm längst zuwider geworden, und nur wenn die Preßstimmen immer von neuem und sclsier unaufhörlich erklangen zum Lobe irgend eines Jüngeren, dann entschloß sich Jordan trotz heftigen inneren Widerstrebens zur Lektüre dieses oder jenes gerade viel gepriesenen Werkes. Ter Zorn des Greises war erklärlich, als er in den Schriften Nietzsch's sich selbst, nur auf den Kopf gestellt, wieder zu erkennen glaubte. Und man mag sagen, waS man will, so ganz unrecht hat Jordan mit seiner Beschuldigung nicht. Man lese nur einmal ganz unbefangen Jordans „Temiurgos" und „Nibelunge" und darum eines der Hauptwerke Nietzsche's, „Jenseits von Gut und Böse" oder „Also sprach Zarathrnftra", und man wird vielfach die gleichen Gedankenreihen finden; hier hinunter, dort hinauf, Has ist der Unterschied. Schon mancher andere hat dieselbe Beobachtung gemacht.
Hoch über alle Gelehrten stellt Jordan Darwin. Mit Eifer aber wehrt er sich dagegen, ein Tarwinianer zu sein. In seinen „Strophen und Stäben" sagt er:
Mich darwinisch nennend sagt ihr Wahres, doch ihr sagt es schief, Seil mein Lied vom Demiurgen - .ui) zu ernst war und zu tief, -ujnut hinein, so dürst ihr sagen eeljr jordanisch sei Darwin; Seinen Grundton könnt' er finden Schon in Meinen Melodien.
Jordan übersah dabei, daß schon der griechische Philosoph Anaj.imander im 6. Jaljrhundert v. Ehr. ein Darwinist war!
Als im Jahre 1896 'das Standbild Kaiser Wilhelms I. in Frankfurt a. M. enthüllt wurde, da dichtete Jordan zu dieser Feier einen Epilog, dem er einen Anhang gab, „Prophetisches" betitelt. Dieser Anhang enthält mehrere Jitate aus seinem „De- miurgos" und seinen „Nibelungen", gedichtet in den Jahren J852—1863, in denen er das neue deutsche Kaiserreich vor
hersagt. Doch .er ist nicht der einzige Verkünder der deutschen Einheit zur Zeü der deutschen Zerrissenheit. Es sei nur an Geibel, .den „Kaiserherold", erinnert.
Es ist überhaupt eine Eigentümlichkeit Jordans, so etwas wie mystische Maschen um sich zu weben. Seine „Zwei Wiegen"*) wie seine kleine epische Dichtung „Feli Dora" enthalten Mystisches. Ganz ernsthaft erklärt der Dichter, daß es ihn nicht unwahrscheinlich dünkt, ein Nachkomme zu sein von Jordanis oder Jor- nandes, dem Geschichtschreiber der Gothen aus der Mitte des 6. Jahrhunderts. Des italienischen Philosophen Giordauo Bruno Vorname in Jordan zu verdeutschen, macht ihm in seinen „Sebalds" besonderes Vergnügen. Der Biograph Jordans, Schiffner, ein Mann, der sich den eigentümlichen Scherz erlaubt, Jordan des Antisemitismus zu zeihen, trotz seiner „Sebalds", geht noch weiter als Jordan und leitet aus der Tatsache, daß der Mädchen- name von Jordans Mutter Goedsch war, eine mögliche Verwandtschaft Jordans mit Goethe ab; er zwingt sich infolgedessen dazu, zwischen dem Taunusplatz und dem Hirschgraben zu Frankfurt am Alain eine Gedankenbrücke zu schlagen, die ohne diese an den Shakespeare-Bacon-Wahn erinnernde Prämisse weniger scherzhaft wäre. .Wenn der an Lebenserfahrungen so überreiche Dlichtergreis zu mir einmal sagte, daß er sich selbst fast Mythisch vorkomme, so wird das weniger wundernehmen. Wehmütig, mit der patriarchischen Feierlichkeit seines ehrwürdigen Alters zitierte er, int Anschluß an diesen Ausspruch die von ihm so meisterhaft verdeutschten Verse aus des Sophokles „Oedi- pus in Kolonos":
Wem das gewöhnliche Lebensmaß
Nicht genügt, wer ein größeres wünsch' Ter — ich weiß es! gesteht sich einst: Ich war in Torheit befangen.
Tenn der verlängerte Lebenstag Stellt gar vieles näher dem Leid, Und das Erfreuliche siehst du nicht mehr, Wenn dein Wunsch dir zu deutlich erhört ist.
Zu den wenigen glückbegünstigten deutschen Dichtern, wie Goethe, mit dem Jordan die Gleichmäßigkeit des Kraftgefühls gemeinsam hat, oder Geibel, mit dem er die Freundschaft des Königs Max II. von Bayern**! teilte, gehört Jordan wahrlich nicht. In jungen Jahren, als er in Königsberg gegen den Willen seiner ganzen Familie von dem Studium der Theologie sich abwandte, um sich den Naturwissenschaften in die Arme zu werfen, zog sein Vater feine Hand von ihm ab und der Zwei- undzwanzigjährige sah sich auf eigene Füße und vor die schwere Pflicht gestellt, selbst ein volles Gleickjgewicht eigenen Wertes zu erwerben. Und als er sich, 25 Jahre alt, in Leipzig ein
*) Die Lelandswiege in feinem Roman soll freilich, nach der Behauptung eines Bruders des Dichters, die Wiege der Jordans sein.
**) Des Königs Studiengenosse Wilhelm v. Dönniges führte am Hofe zu München nach Jordans Dichtung den Beinamen „Temiurgos", als Urheber der sogenannten Triasidee, die bekanntlich den Zweck verfolgte, Bayern mit den damaligen zwei deutschen Großmächten gl. iu: zu ft eilen.
eigenes Haus erschrieben hatte und seine Feder ums liebe Brot [log, da kamen zu ihm und seiner jungen Gattin aufs neue die Sorge und die Not. Ein Toast, den man „atheistisch" nannte, brachte ihn ins StockhauS, und eine Rede, die er am Grabe unschuldig Erschossener hielt, zog ihm die Landesverweisung aus dem Königreich Sachsen zu. Doch rastlos und wacker, stets unverzagt wirkte und schuf .er weiter und erst der Fünfziger erreichte dauernde Erfolge. Nach 48 jähriger, überaus glücklicher Ehe ward ihm seine Gattin, feine „treue Ute", durch den Tod entrissen, ein Verlust von fürchterlicher Herbheit für den Dichter, dessen Mund das schöne Wort entstammt: „Alle Religiosität wurzelt in der Familie", und der das photographische Bildnis der Verstorbenen wie einen Talisman stets bet sich trug. Und noch die letzten Jahre haben dem Dichter manches häusliche Ungemach .gebracht.
Vor drei Jahren hatte der greife Dichter plötzlich einen jähen Schlaganfall erlitten, der seinen reckenhaften Körper auf das Krankenlager warf. Wenn seine ungewöhnlichen Kräfte auch noch mehreren folgenden Schlägen widerstanden, wenn er sich auch nicht so bald ganz unterkriegen ließ, .feine alte Geistesfrischc und hünenhafte Leibesstärke errang der Achtziger nicht wieder.
Nicht fern scheint mir die Zeit, da man unseren literarischen Tagesgrößen vergessen haben wird. Tann wird man Jordans Nibelungen-Epos neu entdecken. Und man wird bedauern, daß man zu. seinen Lebzeiten nidjt genug sich freute an der Prachtgestalt dieses Mannes, nicht reinen Genuß empfand an dieiem starken Menschen aus einem Guß. Wer Gefühl für menschliche Größe hat, der mag sich bewußt werben, daß einer der Boten unter uns von hinnen gegangen ist.
An der Stätte, wo Wilhelm Jordan nun so reichlich Zeit hat sich auszurnhen von den Werken seines Geistes, wird, seiner Verheißung gemäß, Urenkelmund noch sagen:
Hier ruht ein ^tapferes Herz!
2er Familie von Wilhelm Jordan sind viele Kundgebungen des Beileids zugegangen. Aus St. Blasien telegraphierte der Großherzog von Baben: „Die Großherzogin und td) nehmen den wärmsten Anteil an dem schmerzlichen Verlust Ihres verehrten Vaters und teilen von Herzen Ihre tiefe Trauer. Wrr bewahren Herrn Wilhelm Jordan ein danLares Andenken." Tas aus Kiel, von Bord der „Hohenzollern" datierte Telegramm des Reichskanzlers Grafen B Ü1 o w lautet: „Mit aufrichtiger Teilnahme habe ich "bie Kunde von dein Hinsck-eiden Ihres verehrten Vaters vernommen. Möge es Sie in Ihrem Schmerze trösten, daß er in der Erinnerung unseres Volkes als kerndeutscher Dichter fortleben wird, dessen Name auch aus den ersten Blättern der Geschichte der deutschen Flotte ehrenvoll verzeichnet steht!" Telegramme sandten ferner u. a. die -an0- g r ä f in und der Landgraf von Hessen. Ter achtunte achtzigjährige Prof. Sepp-München, der mit Jordan un k^anl- furter Parlament saß, drückte brieflich sein Beileid aus. -Jet der Gedächtnisfeier in der Panlskirche am Mittwoch vormrttag wird Pfarrer Werner sprechen, untere Ansprachen werten am Grab gehalten. Der Beeidigung wird auch ein Bruder dcs Verstorbenen, Pfarrer Jordan aus Halle a. S., beiwohnen.


