Ausgabe 
28.6.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 149 Zweites Matt.

154. Jahrgang

Dienstag 28. Juni 1904

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

Die ..Eichener Samilienblätter* werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^efflsche Landwtrtt' erscheint monaUich einmal.

Giehener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen UnwersUätSdruckerei. R. Lange. Gießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.^.

Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.; Anzeiger Gießen.

General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Are heutige 'Dummer umfaßt 8 Seiten.

Politische Tagesschau.

Der Oberhofmeister der Kaiserin als Zeuge.

DieZukunft" hatte Einblick in den stenographischen Bericht des Pornmernbank-Prozesses. Daraus ergeben sich noch mancherlei Neuigketten, die der gewöhnliche Gerichtsbericht verbarg. Wir geben hier einiges wieder samt Glossen der genannten Zeitschrift.

Das Schreiben des Oberhofmeifters an den Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel vom 14. d. M. lautet:

Euer Hochwohlgeboren erlaube ich mir ergeben$1 zu benackj- richttgcu, daß ich, mtt Rücksickst auf die im Pommernbank- Prozen am achten Juni gemachten Ausführungen, es für wünschenswert halte, meine Vernehmung vor Gericht eintreten zu lassen, und bitte demgemäß, mich baldigst vorladen zu wollen."

In der ersten Stunde desselben Verhandlungstages, an dem Mirbachs Brief verlesen wurde, hatte der Vorsitzende gesagt: Wir können uns in öffentlicher Sache nicht auf persönliche Dinge einlassen" imb einem Zeugen das Wort abgeschnitten. Jetzt fand er die Vernehmung des Oberhofmeisters nötig; im Interesse der Sackst, versieht sich, nid)t etwa der PersonZur Aufklärung des Sachverhalts über die Hingabe der Gelder ist die Vernehmung von Wert." So sprach er am 15. Juni. Am 9. Juni hatte er, nach .Buddes Aussage, über denselben Gegenstand als Gerichtsbeschluß verkündet:Für uns ist der Punkt erledigt": und weder Mirbach noch die von Budde genannten Tatzeugen vor­geladen. Nun war der Punkt nickst mehr erledigt, war die Ver­nehmungzur Aufklärung des Sachverhalts von Wert". Tann, scheint mir, mußte sie der Gerichtshof auch ohne Mirbachs Brief anordnen. . , . ,

. . . Außerdem (sagte Freiherr v. Mirbach vor Gericht)sollen im Oktober noch 50 000 Dftark gesttftet worden sein; von dieser Summe ist weder mir noch einem meiner Vereine etwas zuge­gangen" Ganz richtig: diese 50000 Mk. hat, auf Mirbachs Empfehlung, im Oktober 1900 dasKleine Journal" von den Pommern empfangen; sie wurden, mit gutem Grund, auf das Konto K deS Freiherrn geschrieben, und Schultz und Romeick er­klärten den Kassenbeamten:Mit dieser Sackst haben wir werter nicksts zu tun" Sckjade, haß der Kirchengründer nicht dieZu­kunft" lieft, sonst hätte er sich der Tatsache erinnert und nicht nur gesagt:Von dieser Summe jst weder mir noch einem meiner Vereine etwas zugegangen" Denn sie wurde auf seinen Wunsch, noch Fragen an Excellenz?" Keine. Am

nächsten Tage lasen wir in vielen Zeitungen, die Angelegenheit sei nun zu allgemeiner Befriedigung aufgeklärt und nur zu bedauern, daß der Freiherr nicht schon früher gesprochen habe. Ich bedauere noch 'mehr, daß er nicht gesagt hat, ob er auch Privatgeschäfte mit der Pornmernbank machte. Der Preußenbank hatte er sein Gvdesberaer Terrain zum Kaufe angeboten; und oauben sprach über dieses Gesckstift nicht gern

*

Kolonial Pettoleum.

Man schreibt uns aus Berlin, 27. Juni:

Der Gouverneur Kameruns, v. Puttka wer, wellt Mrzeit in Deutschland. Es ist also anzunehmen, daß er an den demnächst begiuneniden Beratungen des Kolonialrats sich beteiligen' wird, da einer der roid)tigften Punkte der Tages­

ordnung dieser Versammlung der Erlaß einer Bergwerks ord- nung für Kamerun ist. Von den vielverspreckstuden Pe­troleumfunden in der Kolonie ist bereits berichtet worden, zu deren Ausbeutung dieKamerun-Bergwerksgesellsckstlft" mit einer Million Mark Kapital in der Bildung begriffen ist. Für das geringe Maß von Optimismus, das bezüglich der kolonialen Zukunft in Deutschland ybwallet, ist es kennzeichnend, .daß nach Bekanntwerden der Pettoleumsunde sofort Zweifel geäußert wurden, ob die daran geknüpften Erwartungen berechtigt seien. Vielleicht nimmt der Kolonialbirektor Veranlassung, mitzuteilen, wie die Regierung .in dieser für die Entwicklung des Schutz­gebietes bedeutsamen Frage urteilt. Die diesmaligen Verhand­lungen des Kolonialrats dürften größeres Interesse erregen, als es sonst der Fall zu sein pflegt.

MrLamentarischcs.

Berlin, 27. Juni. Das Abgeordnetenhaus erklärte heute die Wahl des Abg. S t a ck m a n n - W e tz l a r für g i l t i g. Der Gesetzentwurf bett. Erhöhung des Kapitals der Seehand - lung wurde in dritter Beratung definitiv angenommen. Es folgte alsdann die zweite Beratung des Ansiedeluugs- g e s e tz e s, und zwar zuerst bei § 13 b, .wobei sich Redner sämt­licher Parteien in sehr langen Ausführungen ergingen. Das Herrenhaus erledigte heute zunächst einige Petitionen. Das Lotteriegesetz wurde unverändert angenommen. Es folgte die Novelle zu dem Gesetz über die ärztlichen Ehren­gerichte und die Kasse der Äerztekämmern. Der Gesetzentlvurf betteffend Vertretung des Staatsfiskus auf den Kreistagen und bet den Wahlen in den Provinziallandtag in der Provinz Posen wurde unverändert angenommen. Die Vorlage betteffend Vete­ranenbeihilfe wird in der Gesamtabstimmung einstimmig abgelehnt. ...

Im Abgeordnetenhause brachte die freifinnige Volkspartei eine Interpellation ein, fragend, ob die Staatsregierung den -O l> e r h o f rn e i st e r Fr h r n. v. Mir­bach dazu ermächtigte, daß er, wie die Blätter melden, die Ver­waltungsbehörden zu der Veranstaltung von Samm- lungenfürdiesilberneHochzeitdesKaiserpaares in Anfprnch genommen hat, und ob die Regierung die Benutzung der Autorität der Behörden für Sammlungen als zulässig erachte, bei denen es besonders nötig ist, den Anschein der Unfrei­willigkeit zu vermeiden.

Keer und Motte.

Berlin, 25. Juni. .Durch Kabinettsordre vom 24. Juni 1904 werden dem Admiral ä la suite des Seeoffizierkorps von Knorr aus Anlaß seines 5 0 j.ä h r i g e n Die nstjubilänms die Brillanten zu dem en sautoir (am Bande um den Hals) zu tragenden Großkreuzes des Roten Adlerordens mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe und der kgl. itrone verliehen.

Im Sier Lage Don Löb e r L Eo. in Frankfurt erschien loe^en die Ran g l tft e des 18. Ar m e ekorps mit den ©tont vom 1. Mai 1904. Vom General-Kommando des 18. Armeekorps auSgcai beitet, enthüll sie sämtliche Offiziere, einschließlich Reserve und Landwehr, sowie Beamte, Be­hörden und Geschäftsräume im Bereiche deS 18. Armee- koups und den Großh. hessischen Hof. Die Rangliste ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen und tostet bro- schürl 1.25 Mk.

Iünfziger-Mier.

Gießen, 28. Juni 1904.

Die schöne Sitte, daß alle in einem Jahre in Gießen geborenen Männer sich zur Feier ihres 50. Geburtstags all­jährlich vereinigen, um bei frohem Festgelage Erinnerungen aus ihrer frühesten Jugend wie aus dem späteren Leben aus- zutauschen, besteht schon seit einigen Jahrzehnten. Es ist uns nicht bekannt, ob und in welchen anderen Städten die gleiche Sitte besteht, so daß wir wohl nicht fehlgehen, wenn wir sie, wie so manche andere, als eine Spezialität Gießens bezeichnen. Die Feier blieb bis vor etwa sechs Jahren auf die in Gießen Geborenen beschränkt. Da naturgemäß die Zahl der m einer Kleinstadt, wie es Gießen noch vor 60 und mehr Jahren war, Geborenen eine kleine sein konnte, übrigens noch durch Tod und Wegzug erheblich vermindert wurde, so konnte von einer größeren Feier nicht die Rede sein. Man erweiterte deshalb den Kreis der Altersgenossen auch auf bie nicht hier Geborenen, wobei sich herausstellte, daß dieselben in der Mehrheit waren.

Belief sich die Teilnehmerzahl bei der Beschränkung auf die in Gießen Geborenen oft nur auf 20 bis 25 Mann, so stieg sie beispielsweise in diesem Jahre beinahe auf 100. Daß mit einer solchen Teilnehmerzahl sich mehr ausrlchten läßt, wie mit einer kleinen ist selbstverständlich, und so kam denn auch wieder in diesen Tagen ein Fest zustande, das allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben wird. Die Feier begann am Samstag abend in dem festlich dekorierten Saalbau mit einem Festesten und darauf folgenden Kommers. Wie bereits mitgetcilt, waren der Einladung Altersgenossen aus weiter Ferne gefolgt, andere, die verhindert waren, wünschten brief­lich und telegraphisch dem Feste guten Verlauf.

Der Vorsitzende, Kommerzienrat Gail, eröffnete die Feier mit einer Ansprache, in der er die Altersgenossen be­willkommnete, besonders die von auswärts erschienenen, und dem Wunsch Ausdruck gab, daß alle hier freudige Stunden verbringen und es ihnen vergönnt sein möchte, in 10 Jahren als Sechziger wieder begrüßt zu werden. Sein Hoch galt dem guten Verlauf des Festes. Der folgende Redner Bau­unternehmer W in n betonte in trefflichen Worten den Charakter des Festes als eines Familienfestes. Sein Hoch galt den Familien der Fünfziger. Weiter bemerkt Herr Winn, daß Se. Exzellenz Fmanzminister Dr. Gnauth, der Ehrenbürger der Stadt Gießen und Altersgenoste der diesjährigen Fünfziger, der an ihn ergangenen Einladung Folge geleistet und damll bewiesen habe, daß er immer noch in Liebe an Gießen hänge. Die Verdienste, die Se. Exzellenz sich m seiner Eigenschaft als Oberbürgermeister der Stadt Gießen um das Empor­blühen derselben erworben, betonend, spricht er namens der Versammelten den Dank für dessen Erscheinen aus. Freudigen Wiederhall sand das von Herrn Winn auf Se. Exzellent ausgebrachte Hoch.

»»Tr.Wffll« TT ?»'' WW - XI ttfll 11II I

man auch vor seiner Nation so

erste

lautet:

Ter Dichter taktete das Wort lind stimmte seines Reims Akkord Melodisch für das Ohr.

4 rum bittet er, begnügt euch nie Nur durchzu s e h e u sein Gedicht: 'Nein, lest es tonend vor.

WUHeün Zorbau.

Ein Nachruf von Paul Wittko.

(Schluß.)

heft zu oerfammeln. Als geeigneten Ltoff solcher Poesie er­kannte er den nationalen Sagenschatz.

So ent [tauben seineNibelunge", dieses wunderbare Epos des 19. Jahrhunderts. In unferm Zeitalter, sagt Jordan, .hat die Naturwissenschaft genau das erliegt, was der altgermanische Naturmychns anftrebre. Als unerläßlick-e Bedingung zu wirk­samem Dasein einer Lichtung .sieht er es daher an, wissenschaft­lich wahr zu sein. So kommt es, daß wir die rauhen Recken der Vorzeit mit einer Ueberfülle moderner wissenschaftlicher Ideen belastet sehen. Doch Jordan laS auch das allgemeine Menfchew- sckftcksal, die ewige Naturempftudung des Menschenherzens aus ben Sagen des germanischen Altertums heraus, und indem er ihren Gestalten das Kostüm der Mythe unverändert erhielt/ weckte er in der Seele seiner Helden und Heldinnen Menschenempfind­ungen, die durch alle Zeiten verstanden werden und die in ihren Grundtönen immer lebendig waren, well der tiefere Sinn der Sage es so gebietet Krimhildens Witwenleid und Rachedurst, Bruuhlldens unglücklicher Herzenstraum, Siegfrieds fürchterliche Liebeslüge sind in Jordans Epos keine antik stllisierten Ge­dankenschemen, sondern reale Menschenschicksale von zeitlos all­gemeinem Gehalt, sie sind ebenso wenig antik wie Goethe's Iphigenie", und dieser hat man es immer zum höchsten Ruhme angerechnet, daß sie unter dem griechischen Gewände ein so chvistlickj-germanisches, so veredelt modernes Fühlen im Busen berge; daß sie, wie Goethe selbst sich ausdrückt, soverteufelt human" sei.

Doch was sich jeder von dem Griechentum Goethe s ober Grillparzers gern gefallen läßt, mißfällt manchem an dem Ger- manentum Jordans. Zudem stört auch viele Hörer des Rhap­soden und mehr noch die Leser der Stabreim, der alte Vers der Germanen, den Jordan für sein Evos neu sich gemodelt hat. Doch wer wollte behaupten, daß etwa die Ottave Rime Torquato Tasso's oder gar Ernst Schallze's auf die Tauer erträglicher wären! Es ist nicht zu leugnen, daß der Stabreim oft eine wunderbare Verstärkung der poettschen Klangwirkung herbeiführt, eine Sprachmusik von sinnlichem Reize schafft. Dabei hat man zu beachten, daß er für das Rhapsoden freien münblirfxm Vortrag ein ganz außerordentliches Unterstützungsmittel deS Ge­dächtnisses liefert, weit mehr als der Endreim.

Gleich den Rhapsoden des Altertums verflocht Jordan die im Volke von Urzeften Her. erhaltenen epischen Gesänge zu einem neuen Ganzen. Und er bemühte sich dabei, die altger­manische Göttersage mit der deutschen Volks- und Weisheits­geschichte zu vereinigen. Wie der Stand der Sänger-Priester in grauer Vorzeit, sollte sein Epos das Gesamtgut der heutigen Zell an geistigem Eigentum bewahren. Aber gerade dieser wissen- schaftliche Ballast hat es verhindert, daß Jordans Epos die Popularität erlangte, die es sowohl seines ethischen Gehaltes als seines künstlerischen und endlich auch seines pattiotischen Wertes wegen verdient. .

Nicht nur seine ,/Nibelunge", sondern auch ein großer Teil seiner übrigen Dichtungen hat Jordan für den mündlichen Vor­trag geschaffen. So schickt er z. B. .schon seinemTemiurgos" (1852) eineGebrauchsanweisung" von drei Strophen vor, .deren

9 ^So kam Jordan zu der Ueberzeugung, daß nicht nur mnft- kalische Werke und dramatische Dichtungen, sondern auch epi,che und lyrische Gedichte einzig durcys Ohr und Nicht durchs Auge zur vollen Wirkung gelangen konnten, Lwch die Ueberiulle vor- bandenerAugenpoesie" schien, ihm durchaus nicht geeignet, im Redevortrag weiteste Kreise fesselnd zu unterhalten. , Um vor die Nation hiuzutreten, müsse der Poet, .wie er Wb Jagte, eme Hörpoesie" mitbringen, die tauglich sei, sie in ihrer Gesamt-

*i Vgl. Jordans scharfsinnige kleine SchriftTas Kunstgesetz Homers unb die Nhapsodik

Heber seine Promoiiousfchnft sagte mir einmal ^»orvan. «U ich das schriftlich« unb mündlich« D°kwr-r°m-n macht-, ei » xu.) uu > von Hegelei. Nach glücklicher Gc-

nching sckämte ich mich dessen, sammelte und vernichtete alle mir zugänglichen Exemplare meiner Dissertation .

Bei Goethe fand Jordan den Stoßseufzer: ,Mir geben imjer Bestes sckxwarz auf weiß: Jeder kauft sich damit ui eine Ecke Mld Eno Wert wie er kann. Wenn man auch vor feiner Nation so frpfyrt unb sie persönlich belustigen dürfte!' Was, fo fragte irck) Jordan, soll den deutschen Poeten daran hindern, .vor feine Nation hinzutreten und sie persönlich zu belustigen?^) Hatte das doch.Georg Herwegh im Jahre 1842 getan. Und wie, Jordan mit eigenen Ohren gehört hatte, mit raufchendem und den Lebendigen" stlbst berauschendem Erfolge. Erst seit einem halben Jahre hatte Jordan den philosophischen Doktorhut ge- ftaoeu **) als erden damals Deutschland gleich einem Sieger durchziehenden schwäbischen Frecheitssän^r fti einer von Königs beraer Studenten veranstalteten Festlichkeit fein kraftgenialisches Die Lerche war'S, nickst die Nachtigall" unb andere feiner schwungvollen Dithyramben hatte remitieren hören. Die Beffalls- itürme die Herwegh umtost hatten, .verlockten Jordan fckjon ba- mals zur Nachahmung. Wiederholt trug er bi jener politisch bewegten Zeit in öffentllchen und privaten Gesellschaften Dicht­ungen Herweghs vor, und seine Deklamationen wurden enthusiastisch angenommen. Und einige Monate nach den Königsberger Herwegh-Feierlichkeiten kam Franz Liszt, ber be­rühmte Tonmeister, nach Art der fallenden Sanger und Spiel- leitte des Mtertums und des Mittelallers, nach ber_ allen preußi­schen Krönungsstadt am Pregel. .Die Kimigsberger Studentenschaft wählle Liszt zumeivis Academiae Awertinae und 3orban wurde dazu ausersehcn, dem gefeierten Muftkrhcftffoden eine diese Ehrung ausdrückende Urkunde unb bas nrft demAlbertus , bem in Gestalt einer silbernen ober goldenen Nabel mit bem 23ilb» ni§ des Begründers der Universität versehenen Abzeichen des Königsberger Studenten, geschmückte Barett zu überreichen Seit- St gehörte Jordan zu den eiftigsten Lmehrern Liszts und begleftete ihn auf der Weiterrerfe an der Osyeekuste., Lifzt setzte in der ihm eigenen sckstvunghaften Weise feinem jungen Be­reiter auseinander, wie die Kraft ihm.wachfe, wenn der be­geisterte Beifall einer großen Zuhörerschaft nicht unr, den Han- Ven, sondern Geist und öceleFlügel am Flügel verleihe. Dos habe der Musiker vor dem Poeten voraus, der nur mittel­bar erfahre, welcher Wert seinen Leistungen von anderen zu-

A^an wftd der Ansicht Jordans gewiß gern beipflichten, daß ber Eindruck von Gehörtem tiefer ist und nachhaltiger als Don Gelesenem. Viele Poeten machen es ihm daher heute bann nach und tragen an den in fast allen größeren Städten ^eutfch- lands seft einiger Zeit beliebtenDicksterabenden" die,es ober jenes ihrer 2ßerte selbst vor. Doch wie häufig zum Entsetzen ifjrer Zuhörer, nicht etwa immer ihrer Dichtungen wegen, sondern wegen ihrer Vorttagsart. Darum ist es ein heikles Ding mit Jordans ästhetischer Theorie, biü Dichter und Rezitator in eurer Person sich .vereinigen müßten. Tie Fertigkeft der Rede ist er­lernbar, bie Stimmbegabung aber eine auf keine Weise zu er­werbende inbiDibuelle Eigenschaft. Ihm freilich ward von der Natur das ganze Rüstzeug des Rhapf'oden.

Wer Empfindung für bie Eigenart von Charakteren hat, wird oft aus bem Aeußeren eines Mensck)en besten hervorftechende Eigenschaften erkennen. Ein Jugendfreunb Jordans entwirft ein Porträt von ihm aus den vierziger Jahren. Stets, so,sagt er, war Jordans Kleidung von romantischem Anstrich. Ein Sammet- rock von unbeftimmbarem Aller, oer Jugend überhaupt nicht gekannt zu haben schien, bedeckte seine breite Brust. Bis oben hinauf zugeknöpft, gewährte er am Halse einem mächtigen Klapp- kragen von blendender Weiße Platz der einzige Glanzpunkt ferner Kleidung. Sein langes, dunlles Haar, das von einer kecken, studentisch aussehenden Mütze bedeckt war, seine funkeln­den braunen Augen, sein interessantes, scharf und männlich schön geschnitztes Gesickft, seine sehr statlliche, wohlgelagerte und in sich .gefestete Gestalt, mit ber ein kräftiger, einem Tyrsosstabc nickst unähnlicher Knotenstock durckjaus harmonierte, ^gaben ihm ein ebenso imponierendes, wie anziehendes Aeußere. Seine ganze Euscheinung wie sein feurig frisches unb freies Wesen waren dazu angetan, namentlich das schöne Geschlecht im Sturm hinzureißen.

Äraftgefühl war seine dichterische Jiftuition. Tie Krank- Heft der Moderne, Nervosität geheißen, war ihm etwas unbekanntes, mifaßliches. .Nicht allein gegen körperliche Unbilden ift er von zäher Widerstandsfähigkeit. Ter Starrsinn, der eine ostpreußische Charaktereigenschaft ist, war auch ihm eigen. Unabhängig von der allgemeinen Geschmacksrichtung ist Jordan allzeit gewesen. Er ist stets seine eigenen Bahnen, fern vom allgemeinen Strome, gewandell. Damm vornehnllich ist auck) die Tageskritik nur jetten für ihn eingetteten. Nichts weniger als alltäglich sind seine ltterarischen Erzeugnisse. .Jordan hat seine Poesie selbft diePoesie der wissenschaftlichen Erkenntnis" genannt. Es ist eine Poesie, die die Leser sinnbildlich verttaut machen will mit dem Entstehen, Bestehen und Vergehen der Dinge im Weltraum. Bezeichnend für ihn ist, daß er im Jahre 1844 in Leipzig eine Zeitschrift unter dem TitelDie begriffene Welt, Blätter für wissenschaftliche Unterhaltung" herausgab, bie an ihrer Spitz? folgenden Leftvers ttug:

An Drähten, die nach .oben langen. Kann keine Welt des Lebens hangen.

Von Jugend aus bis zum höchsten Greisenalter hat er sich rastlos bemüht, das Buch der Bücher zu schassen, das Ausschluß gibt über die wichtigsten Lebens- unb Weltfragen nach dem mo­dernen Standpunkt der Wissenschaften. Nach seiner Ansicht vermag allein die Poesie im Bunde mit den Wissenschaften diese Frage zu beanttvorten. Die chxislliche Theologie muß sich mit den Naturwissenschaften im allerweitesten Sinne vereinigen, um einer bem Geist unserer Zeit entsprechenden Neligionslehre das Leben geben zu können. Tabei ist ihm von Grund aus verhaßt alles Sttebertum und alle Unselbständigkeit. SeineLetzten Lieder" beginnen mit folgender Strophe: