Ausgabe 
28.6.1904 Zweites Blatt
 
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lieber einen mutmaßlichen Ju . izirrtum be­richten dieMünch. N. Nachr.": Ein hiesiges 19jähriges Mädchen war in den letzten Jahren wiederholt wegen Eigen- lumsdelilten bestraft worden, darunter mit Gefängnisstrafen von 5, 6 und 9 Monaten. Kurze Zeit nach Verbüßung der letzten Strafe wurde das Mädchen plötzlich auf der Straße tobsüchtig und mußte in die Gersteskrankenabteilung des städti­schen Krankenhauses geschafft werden, wo es sich zurzert be­findet Der Verteidiger, der früher schon Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Mädchens zum Ausdruck gebracht hatte, beim Gericht aber damit nicht durchdringen tonnte, hat nunmehr die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt und ein Gutachten vom Vorsteher der Krankenabteilung, Professor Dr. Gudden, eingefordert. Das Gutachten geht dahin, daß die Erkrankung schon auf die Kindheit des Mädchens zurückgeht. Es wird behauptet, das Mädchen habe sich nach Verbüßung der Strafe derart alteriert, daß dec Keim der Krankheit m einem Tobsuchtsanfall zum Ausdruck gekommen sei. Ferner soll die Angelegenheit auch noch in ariderer Richtung eine Untersuchung zur Folge haben. Es ist zur Kenntnis des Mmisteriilms gebracht morden, daß das Mädchen in der Gefängnisanstalt Sulzbach einmal luegen nicht rechtzeitiger Vollendung der ihm übertragenen Arbeiten und ferner wegen Spuckens von Blut auf den Boden je drei Tage und flächte bei Wasser und Brot ohne Strohsack in einer Isolierzelle in einem tief gelegenen Gelaß zu Strafe interniert wurde. Darauf soll sie an Gesichtsrose unb Kops­typhus erkrankt sein. Sie soll drei Monate im Spital in ärzt­licher Behandlung gewesen sein und während dieser Zeit die Haare völlig verloren haben.

* Ein sehr schlechtes Gedächtnis. Eine Dame mit merkwürdigen dürfen im Gedächtnis hatte sich dieser Tage in Wien vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes

Leopoldstadt wegen Falschmeldung zu verantworten. Sie hat sich als ledig gemeldet, obwohl die Behörde sie als verehe­licht kennen will. Richter Gerichtssekretär Dr. Drawe: Sind Sie verheiratet? Angekl.: Ich glaube, aber ich weiß es nicht bestimmt. Richter (erstaunt): Wie? Angekl.: Ja, ja, ich kann es nicht beurteilen, ob ich verehelicht bin. Richter: Aber, verzeihen Sie mir .. . Angekl.: Ich habe mit einem Manne gelebt, ihn aber nach vierzehn Tagen verlassen. Wir waren in Berlin und gingen zum östreichischen Konsul. Ich kann niich aber nicht erinnen, ob ich dort heiratete. Es war von einer Ziviltrauung die Rede, weil mein Bräutigani Israelit war. Cb ich aber wirklich und gütig heiratete, weiß ich nicht. Dokumente über eine Trauung habe ich auch nicht. Richter: Das ist aber sehr merkwürdig. Auf die Frage des Richters, ob sie vorbestraft sei, erklärt die Angeklagte: Ich habe vor zehn Jahren meinem Chef 2000 Gulden veruntreut, er­innere mich aber nicht, eine Strafe erhalten z u Haden. Richter: Wurde eine Anzeige erstattet? Angekl.: Jawohl. Ich kann mich auch erinnern, daß ich bei der Polizei war. Bon einer Strafe aber weiß ich absolut nichts. Der Richter beschloß, die Verhandlung zu ver­tagen, um über die Angeklagte, die im übrigen einen ganz vernünftigen Eindruck macht, Erhebungen zu pflegen. Die Angeklagte ist als Bademeisterin m einer Wiener Anstalt bedienstet.

Handel und Verkehr. VolKswirtschast.

lUavtte.

Gicßc», 28. Juni. Marltberichl. 2iu| ijemigem ^oiheuiiiarlt kosteten: Butter pr. Psd. 0.901.10 Lik., Hühnereier 1 St. 56 Pfg. 2 Lick. 0000 Psg., Gänseeler 00OO Pfg., EiUcneier 70 Psg., Käse pr. Slck. 68 Pf., Käfematte 2 Sick. 56 Psg. Erbsen pr. Liter 21 Psg., Linsen pr. Liter 32 Psg., Tauben pr. Paar 0,80-1,00 Alt., Hühner pr.St. 1,3t)1,40 Alk., Hähne pr. Sluck 0,801,70 9JIL, Enten pr. Stück

77,i2,20 Gänse pr. Psd. 0070 Psg., Ochjenfleisch pr. Pfund

0080 Pfa., Kuh- und Rindfleisch pr. Pfund 6268 Psg., Schweine­fleisch pr. Psund 6072 Psg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 76 Pfg., Kalbfleisch pr. Psd. 6876 Psg., Hammelfleisch pr. Pfund 5074 Psg. Kartoffeln pr. 100 Kgr. 6,007,00 Alk., Weisskraut per Stück 912 Pfg., per Zentner 0.000.00 DJIL, Zwiebeln pr. Zentner 7,0010,00 3J1L, Milch per Liter 18 Pfg., Aepsel per Zentner 20 bis 25 Alk., in Körben 0000 Pfg. Russe 100 St. 00-00 Pfg. Kirschen per Psd. 1520 Pig. Marktzeil 71 Uhr.

Eingesandt.

(Für Form und Jichalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Gießen, 27. Juni. Au ciueu mitternächtigen Säuger, alias Ruhestörer, in der südöstltcheu Älerchstratze.

An der Bleichslraß' hör' ich einen Opernsänger von Beruf, Der von seiner Stimme meinen Muß, sie wär', wer weiß wie gut. Doch er läßt sie nur erschallen Brüllend, tosend, trillernd spat, Statt ein Schlummerlied zu lallen, Wenn die Well zu Bette geht. Gräßlich hört sich aus der Ferne TerGesang" desSängers" an Und ich gäb' ihm, ach! wie gerne Einen Pfennig, daß er kann Friedlich Ruh der armen Erden Geben unb nicht mehr um 11, Ta doch andre wohl schon werden Rich' bebürien vor Schlag 12. Also würd' ich Sie mal bitten, Richt so spät zu singen mehr, Und auch in der Rächte Millen Ruh' zu gönnen dem Gehör. H. F.

Familien Nachrichten.

Gestorben: Hosrat Dr. Z. Oppenheimer, a.°o. Professor der Universität Heidelberg.

Sargnägel:

Coffin Kails nennt der Amerikaner nut bittrem Spott die Zigaretten, und nicht ganz mit Unrecht, denn das tägliche Verpaßen einer fast unglaublichen Anzahl von Zigaretten, wobei noch der Unsitte gehuldigt wird, den Rauch hlnunlerzulchlucken, Hal wirklich schon manchen frühzeitig in die Grube gebracht; für ihn sind in Wahrheit die ZigarettenNägel zu fernem: Sarge" gciuoiben. Gänzliche Rerwenzerruttung ist häufig von ameritamschen Aerzien als unmittelbare Folge bie|es unsinnigen Zigarettenrauchens nach­gewiesen worden. Daher wird m letzter Zeit in den Vereinigten Staaten eine scharfe Agitation gegen die Zigarette geführt. In den Schulen werden Vorträge gehalten und entsetzenerregenbe Bilder dazu gezeigt, welche alle Stadien der Verderbnis und Ver­dorbenheit eines Zigareltenrauchers darsielleii, und ui einzelnen Städten und Staaieu ist der Verkauf von Zigaretten durch Staats- geietze verboten, luie man ja in dem sogenannten freien Anierila schon daran gelvöhnt ist, irgend welchen Mißbrauch, ivelchen un= vernünftige Leute mit etwas treiben, dadurch zu unterdrücken, daß man die ganze Sache einfach verbietet. Natürlich hat sich auch

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das zarte Geschlecht der Zigarettenhetze angejchlossen, und es existteren Klubs von jungen Damen, bei denen der § 1 lautet: niemals einen jungen Mann zu küssen und zu lieben, noch zu heiraten, der dem 9lilotiii huldigt. Tas ist doch schrecklich! Natürlich für diese jungen Damen! . .

Das Zigarrenrauchen ist übrigens m Amerika vielleicht eberyo ungesund, ime das Zigarettenrauchen, beim man hat sich dort baran gewöhnt, frische, recht starke nikotinhaltige Zigarren zu kon­sumieren. Dazu kommt noch bie Unsitte, die halbe Zigarre, welche Der echte Amerikaner stets bis zur Hälfte im Munde stecken hat, zu zertaueil. .

Der Deutsche, welcher leichte, abgelagerte Zigarren vorzieht, ist barm vernünjtiger. Rur diejenigen Raucher, bereu Herz, Lunge ober Nervensystem nicht ganz ui Ordnung ist, müssen entweder den Tabalgenufz ganz ausgeben ober sich iutolinunschäblichen -rabats- eizeugniffen zürnenden.Hygienische Zigarren und Zigaretten" lucibcn aber zur Zeit m jo reicher Anzahl angepnejen, daß es dem mlotni-empfiiidllchen Raucher herzlich schwer sallen dürste, das Gute heraus zu finden. Da höreii wir nun eine autoritative Stimme von der Universität Stockholm! Der ordentliche Professor Dr. G. v. Lagerheini daselbst hat sich der Arbeit

unterzogen, die verschiedenen in dem Handel befindlichen sog. nikottn- freien Zigarren auf chren hyglenischen Wert zu untersuchen. Der­selbe lammt zu dem Resultate, daß nllotinsreie Zigarren über­haupt nicht im Konsum sind unb baß schon bnrch nur teilweises Entnikotuusieren bes Tabaks besten Geschmack unb Aroma ver­loren gehen. Am zweckmäßigsten bewährt habe sich bas Verfahren bes Geheimrats Universitätsprofestor Dr. med. Gerold, weil durch dasselbe der Tabak weder ausgelaugt, noch erhitzt, ober sonst nach­teilig beeinflußt lüirb. Gleichzeitig erkläre er bas von Universitäts- professor Dr. H. Thoms-Berlin jüngst ausgestellte Verfahren als bie Höchstleistung auf diesem Gebiete und zwar um so mehr, als sich dessen Systeiii iiichl nur auf bie Absorption des Nikotins und seiner Spaltprodukte, die Pyridinbasen, beschränkt, sondern auch^die, sich im Verbreiinunsprozeste entimcfclnben Giftstoffe, wie Schwefel­wasserstoff, Blausäure, Ammoiiiak re. re. erfaßt. Rach den pateiüierten Ergebnissen der wissenjchasllichen Forschungen dieser Autoritäten werden Wendt's Patent-Zigarren hergestellt und Wendk's Zigarren- jabrilen Aktiengesellschaft Bremen fenben jedem Interessenten gern Proben unb Preislisten. Dr. Gerhard.

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Kreisblatt für den Kreis Gietzen