Stiftung, bie T-r. Kohn bisher nickt errichtet hat, zurückbehalteu. Dr. Kohn soll jedoch eine Bestätigung der Statthaltern darüber in den Händen haben, daß er alle seine Verpflichtungen erfüllt habe. Die Affäre erregt desl-iilb Aufsehen tntb mau rnixirtct gespannt die Aufklärung derselben.
Ltudcntcnunruhen.
Studenten unb Studentinnen der Universitäten Peters-- bürg, Moskau und Dorpat fordern fortgesetzt miss lebhafteste die sofortige Einstellung des Krieges und die Einberufung einer auf Grund eines allgemeinen Wahlrechts gewählten gesetzgeberischen Körpmä-aft. 17 Dorpa ter Professoren schlossen sich den Semstlvo-Forderungen an. — Die Privatdozenten und einige Professoren reichten bei dem Universitätsrat zu Moskau einen Antrag ein, um einen P r o t e ft wegen der am 19. Dezember gegen die Studenten verübten Gewalttätigkeiten anzrrregen. Der Rat beschloß einstimmig, vorläufig eine Untersuchung der Umstände vor- znnehmen, welche die Kundgebung am 19. ds. Mts. herbeiführten. Wie verlautet, hat der größere Teil der Privatdozenten den Antrag gestellt, die Ursachen auszuklären, welche die Studcnten- unruhen hervorgerufen haben und die Ordnung der Studien störten. Tie Leiter der Bewegung behaupten, zur Vermeidung von Unruhen sei die A u t o n o m i e d e r U n i v e r s i l ä t e n erforderlich, und diese letztere sei wiederum nur möglich bei einer Äenderung der bürgerlichen Ordnung Rußlands.
In Venedig veranstalteten Studenten irrcdentistische ^Kundgebungen int Goldvni-Theater. Das Publikum rief unausgesetzt: „Hoch Italien, hoch Triest und Trient!" Tausende von Zetteln, die diele Worte enthielten, flatterten von der Öktlerie in den Saal. "Die Zöglinge der laitdwirlschaftlichcn Akademie steckten in ihrer Loge eine trikolore Fahne heraus. Als die Polizei die Studenten ersuchte, die Fahne zu entfernen, verbarrikadierten sich die Studeuten in ihrer Loge. Dabei wurde das elektrifck/e Licht abgedrehl und die Polizei rauntte in der Dunkelheit den Saal. Auf dem Markusplatz sanden später größere Tcmon- stranonen statt.
Ans Staöt und Land.
Gießen, den 27. Dezember 1904.
*• D ie Weihnachtsrenumerationen, die bisher alljährlich den Bahn beamten und Vorarbeitern in den Eisenbahnwerkstätten zu teil wurden, sind diesmal zum ersten Male auSgeblieben. Man vermutet nun, daß eine Erhöhung der Gehälter bevorsteht.
** Von der Sparkasse. In der letzten Mitalicder- aersammlurtg sind aus den Ueberschüssen des Jahres 1903 folgende Unter ft ützungen aus der Bczirkssparkafse Gießen (vorher Spar- unb Leihkasse Gießen) bewilligt worden: A. Für Krankenanstalten, Krankenpflege usw. 1. Allae- meiner Verein für Armen- und Krankenpflege dahier, 1400 Mk. 2. Verein für Krankenpflege dahier 450 Mk. 3. Elisabethenstift in Darmstadt 400 Mk. 4. Anstalt Bethel bei Bielefeld (Pastor von Bodelschwingh) 400 Mk. 5. Unterstützungskasse für bedürftige Pfleglinge der Irrenanstalt zu Heppenheim und des Hospitals Hos- heim 500 Mk. 6. Kinde rhosyital in Bad-Nauheim 800 Mk. 7. Unterstützung skrophuloser Kinder im Sparkassebezirk zum Gc- brauck>e einer Badekur 1000 Mk. 8. Der Tekanatskrantenpflege (Dekanatskasse Gießen) 900 Mk. 9. Shxnile und blinde N. 'N. dahier 70 Mk. 10. Tiakonipenftativn Heuchelheim 100 Mk. 11. N. N. dahier 50 Mk. 12. Tiakonissenansdatt Alten-Duseck 150 Mk. 13. Tiakonissenstation Steinbach 250 Mk. 14. Tiako- nifsenftarion Beuern 150 Mk. 15. Anstalt für jugendliche Epileptiker in Nieder-Ramstadt 200 Mk. 16. Diakonissenstation in Dieseck (in 1901 einmalig 150 Mk. und Jahresbeitrag 100 Mk. 150 Mk. 16c. Diakonissenstation in Großen-Linden 150 Mk. Zusammen: 7120 Mk. B. Für Kleinkinder sch ulen. 17. Gießen 1 642.06 Mk 17a. Elisabeth-Kleinkinderschule Gießen 500 Mk. 18. Alten-Buseck 375 Mk 19. Beuern list in 1902 aus Versehen unberücksichtigt geblieben) 300 Mk. 20. Allendorf a. d. Lda. 300 Mk. 21. Burkhardsfelden 450 Mk. 22. Taubringen (noch nicht errichtet) —.—. 23. Großen-Linden 375 Mk. 24. Heuchelheim 250 Mk. 25. Klein-Linden 375 Mk. 26. Lang-Göns 300. 27. Leihgestern 375 28. Lollar (noch nicht errichtet) —.—. 29. Rödgen (noch nicht errichtet) —.—. Zusammen 5 242.06 Mk. C. Für Rettungshäuser und sonstige An st alten 30. Rettungshaus in Arnsburg 200 Mk. 31. Erziehungs- und Besserungsanstalt in Grafenhausen 200 Mk. 32. Arbeiter-Kolonie „Neu-Ulrichstein" 400 Mk. 33. Rauhes Haus in Horn bei Hamburg 200 Mk. 34. Herberge zur Heimat dahier 800 Mk. 35. Verein gegen Bettelei dahier 200 Mk. 36. Tierschutzvcrein dahier 200 Mk. 37. Feierabend für Lehrlinge dahier 300 Mk. 38. Anstalt für sittlich gefähackete, bezw. nicht mehr schulpflichtige Knaben, jetzt: Rettungshausveroand für das Großh. Hessen und die Provinz Hessen-Nassau 600 Mk. 39. Sonntagsverein für Mädchen in Gießen 225 Mk. Zusammen 3325 Mk. D. Lehranstalten. 40. Kaufmännischer Verein (Lehrlingsheim) 1200 Mark. 41. Ortsgewerbeverein (Handwerkerschule) dahier 1500 Mk. 42. .Ortsgewerbeverein (Handwerkcrfchule) in Lollar 180 Mk. 43. . Aliceverein für Frauenbildung dahier 900 Mk. 44. Landwirtschaftlicher Bezirksverein dahier 900 Mk. 45. Gießener Lesehalle-Verein 900 Mk. 46. Volks- und Jugendbibliothek in Allen- oorf a. d. Lda, 13 Mk. 47. Volks- und Jugendbibliothek in Burk-
Marburger Verhandlung, kam es am Selterser Kirchhofe, vor allen Kirchengängern zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem oben erwähnten Steinmetz Wolf und dem Ratsschöffen Melchior Kandegießer. Wolf beschuldigte den Gießener Rat der fortgesetzten Feindseligkeit gegen die Evangelischen und tam auf die Marburger Verhandlung zu sprechen, wobei er jedenfalls sehr erregt dem Ratsschöffen oorwarf: „Wäre es nach Euerem Willen gegangen, so hättet Ihr uns auf die Schlachtbank geliefert und unsere Köpfe wären gefallen!" Natürlich wurde das Vorkommnis auf dem Selterser Kirchhofe in der Stadt eifrig besprochen. Ta man mit der Stimmung der „gemeinen Männer" zu rechnen hatte, so berief man den Rat und weitere Gemeinde- ausschußmllglieder (eine Art „Unterhaus") sowie die Vertreter der Evangelischen zu einer Besprechung auf das Rathaus. Zu einer Verständigt: .:g kam es in dieser Versammlung nicht. Tie Spannung wurde nur größer, als Steinmetz Wolf den Rats- mitgliedern vorwarf, sie seien nur in feindlicher Absicht nach Marburg gekommen und weiter nichts als gefügige Werkzeuge des Rentmeisters. Ter Rat berichtete in Gemeinschaft mit dem Rentmeister am 5. April 1526 über den Selterser Vorfall an den Statthalter Riedesel nach Marburg. Tiefer antwortete sofort durch eine Verfügung an den „Rat und die ganze Gemeinde zu Gießen". Tarin wird den „evangelischen Brüdern" Ungehorsam, Mutwillen unb Aufreizung zur Empörung vorgeworfen. „Ter Rat unb die ganze Gemeinde werden aufgefordert, den Rentmeister bei den Maßnahmen, die er auf Befehl des Landgrafen gegen die evangelischen Brüder treffen werde, zu unterstützen". Zu einer Maßregelung der Evangelisckien scheint es jedoch nicht gekommen zu sein. Ter Landgraf erfüllte wohl bald ihren Wunsch und sandte ihnen einen lutherischen Geistlichen, wie versprochen, und der Friede war äußerlich hergestellt. Damit dürfte aber auch festgestellt sein, daß nicht erst, wie gewöhnlich angenommen nitro, 1532, — zu welcKr Zeit Gießen den evangelischen Prediger Grefer erhielt —, die Reformation in Gießen eingeführt wurde, sondern daß sich bereits im Laufe des Jahres 1526 in Gießen als in einer oer ersten hessischen Städte, eine evangelische Gemeinde konstituiert hat.
sJiod) verdient erwähnt zu werden, was die Hauptsche Arbeit mit Recht betont, daß den jungen Landgrafen Philipp während ort sozialistischen und religiösen Volksbewegungen die größte Gewissenschaft in der Erfüllung seiner Herrscherpfliästen, eine seltene Milde und Dnldsamkell neben der Treue der evangelischen Sache gegenüber leiteten, Regenteneigenschaftcn, die wohl dazu an getan waren, ihm eine Volkstümlichkeit zu verschaffen, nach der ur sich rühmen durfte, „lebet gemeine Mann vom Adel und vom gemeinen Volke fei ihm zugetan".
haodSseldcn 10 Mk. 48. Leseverern in Mbach 20 Mk. 49. Lefe- vewin in Großen-Linden 40 Mk. 50. Lese verein in Grün in a en 21 Mk. 51. , Volks- und Jugendbibliothek in Hansen 20 Mk. 52. Volks- und Ingendbibliothet in Mein-Linden 25 Mk. 53. Lese- vevein in Lang--Göns 50 Mt. 54. Volks- und Jugendbibliotl-ek in Leihgestern 43 Mk. 55. Volks- und Jugendbibliothek in Mainzlar 12 Mk. 56. Volks- und In gen dbibliothet in Mnschenheim 20 Mk. 57. Volks- imb Jugcndbibliotliek in Reiskirchen 20 Mk. 58. Volks- und Jugendblllivthek in Ruttershausen 15 Mk. 59. Volks- und Jugendbibliothek in Steinbach 20 Mk. 60. Volksund Jugendbibliotl-ek in Wieseck 29 Mk. 60a. Volks- unb Jugendbibliothek in Hattenrod 20 Mk. Zusammen 5958 Mk. E. Sonstige Vereine. 61. Ludwig- und Alicestiftung in Darmstadt 400 Mk. 62. Mathildenstiftung für Ober heften 300 Mark. 63. Lutherstistung dahier 300 Mk. 64. Kaiser Wilhelm-Stiftung in Darmstadt lHilfsverein für die Krankenpflege und die Unterstützung der Soldaten im Felde) 200 Mk. 65. Jnvalidenunter- stützungSverein in Darmstadt (1866) 200 Mk. 66. Verein für Erhaltung oberhesfischer lveiblicher Volkstrachten 200 Mk. 67. Ernst Ludwig-Verein in Darmstadt 20 Mk. 68. Hessische Vereinigung für Volkskunde in Gießen 20 Mk. 68a. Zur Beschaffung warmen Frühstücks für arme Kinder der Stadtschule 150 Mk. Zusammen 1790 Mk. Gesamtsumme 23 435.06 Mk. Außerdem wurden zur Prämiierung von Tienstboten 1000 Dck. und für Sparer 350 Mk. zur Verfügung gestellt. Tie Verwalter von Sammelstellen der Pfennigsparkasse erhielten als Remuneration 1250 Mark.
i- Wieseck, 27. Dezember. Die 78jährigen Eheleute Johannes Bie rau und Elisabeth geb. Schäfer feierten am 2. Christtag ihre goldene Hochzeit. Der Jubilar ist Werkführer in der Müller'scheu Zigarrenfabrik zu Gießen und langjähriges Mitglied des hiesigen Kirchen- vorstandes. Im Namen dieses brachte am genannten Tage der hiesige Ortsgeistliche mit dem ältesten Kirchenvorsteher Jakob Haas dem Jubelpaare unter Ueberreichung eines Straußes und eines 9ieuen Testamentes herzliche Glückwünsche dar. Das Großh. evangelische Dekanat Gießen und das Großh. O b e r k o n s i st o n u nl zu Darmstadt hatten innige Gratulationsschreiben dem hiesigen Pfarramt zugehen lassen, welche im Auftrag dieser Behörden der Ortspfarrer dem Jubilarpaar vorlas und dann überreichte. Dasselbe erfreut sich noch einer verhältnismäßig guten körperlichen und geistigen Rüstigkeit. Mögen all die guten Wünsche, die ihm heute dargebracht wurden, reichlich in Erfüllung gehen.
k. Heldenbergeu (Wettercm), 26. T^z. Die Arbeiten an der Bahnstrecre Vilbel-Stockheim haben bedeutende Fortschritte gemacht. Von hier bis Stockheim ist man mit der Ferngsietluug des Oberbaus und mit dem Legen der Schienen beschäftigt. Wie verlautet, soll auf diesem Teil bereits im nächsten Frühjahr der Verkehr eröffnet werden. Größer sind die Geländeschwierigkeiten an dem preußischen Teil von Heldcnbergen bis Vilbel. Die Mdder macht hier bedeutende Bogen, sodaß ihr die Bahn nicht immer folgen kann. Mehrere Eipenbahnbrücken und ein ca. 400 Meter langes Tunnel bei Büdesheim müssen errichtet werden. Der zu durchbrechende Berg ist ein Basaltkegel. Merkwürdige Mistttllgebilde werben daraus zu tage gefördert. Tie Basaltntassen tverden hierher gebracht und zu Tammbauten benutzt. In Büdesheim waren seither zirka 450 Italiener, Kroaten unb Slavonier beschäftigt. Tie Teil- sttecke Vilbel-Helden bergen dürfte nicht vor Frühjahr 190'3 vollendet sein. Tie Bahn fiihrt von Vllbel über Gronau, Nieder- und Ober-Dorfelden, Killianstätten, Büdesheim, Heldenbergett-Windecken, Eichen, Höchst, Oberau, Altenstadt, Lindheim, Glauberg nach Stockheim.
-k- Mainz, 26. Dez. Die letzte Sitzung des Kreisausschusses bejchafttgte sich iausschlietzlich mit den jüngsten Mainzer Stadt Perordnetenwahlen. Der von sozialdemokratischer Seite aufgestellte freireligiöse Prediger Freiherr v. Zucea-Ene- cagua war gewählt morben, und dagegen von drei Seiten Protest erhoben auf Grund des Artikels 16 Ziffer 2 der Städteordnung, nach welchem ein Geistlicher als Stadtverordneter nicht wählbar ist. Bei den Verhandlungen vor dem Kreisausschuß drehte es sich hauptsächlich um die Frage, ob Freiherr v. Zucea-Euecagna als Geistlicher int Sinne des Gesetzes zu betrachten ist, was von den Reklamanten und deren juristtschen Vertretern bejaht lvurde, wä.hreud Frhr. v. Zueea-Eueeagna und dessen rechtskundiger Beistand die gegenteilige Anschauung vertraten und besonders geltend machten, daß der Freiherr kein festangestellter Geistlicher sei, sandern von der Stadt nur eine Entschädigung für das Erteilen von Religionsunterricht erhalte. Ter Kreisausschuß stellte sich auf den Standpunkt der Reklamanten und kassierte die Wahl. Gegen den Beschluß des Kreisausschusses wurde alsbald Rekurs bei dem Pro- vinzialausjchuß erhoben. Wenn der letztere die Ansicht des Kreisausschusses billigt, so scheidet Freiherr v. Zueca-Euc- cagne von den Gewählten aus unb an seine Stelle tritt ber Kanbibat, ber bie nächste Stimmenzahl hatte. Jtl biefeni Falle ist bas ein Mitglieb der Zenttumspartei. — Da, der bisyerige Letter des hiestgen Stadttheaters, Direktor Steinert definitiv abgelehnt hat, das Stadtk- theater weiterzuführen, hat die Stadtverordnetenf- Versammlung beschlossen, das Theater aus drei weitere Jahre auszuschreiben. Ms Schluß des Anmeldetermins wurde der 15. Januar festgesetzt. Kaum war bekannt geworden, daß das Theater neu vergeben iver- den solle, so hatten sich ^auch schon 17 Liebhaber für dasselbe gemeldet.
fc. Mainz, 26. Dez. „He ich will nooch Gundheim!" rief auf dem hiesigen Bahnhofe dieser Tage em Bauer unaufhörlich in den Schlitz des Automaten. Ter Landbewohner hatte dem Automaten das Geld für eine Fahrkarte 4. Klasse nach Gundersheim auvertraut, aber nicht an dem Hebel gezogen. Nachdem man ihn darüber belehrt hatte, meinte er mürrisch: „Lauter neimodische Kräm von idem .Stadtleit, knächft's Mal laaf ich nach, Guuden!" ä
—i— Windeckeu, 25. Dez. Ter Arbeiter Bausch, den man anfangs für den Mörder des Pfarrers Thöbes in Heldenbergen hielt, ist infolge der großen Aufregung, körperlich und gerpig gebrochen, sodaß man an seinem Aufkommen zweifelt. Bekanntlich wurden auch die huude gegen ihn in Anwendung gebracht
Unter dem Zöeiynachtsbaum.
Gießen, 27. Dezember 1904.
Die Weihnachtsglocken sind verklungen. Das vorige Jahr hatte uns ausnahinöwcise drei Feiertage gebracht. Dieses Jahr war darum desto sparsamer und bescherte der arbeit- famen Bevölkerung nur einen Feiertag. Samstag war dstsmal das Chrlftkind erschienen und machte den Sonntag zum ersten, den Montag zum zweiten Feiertag, und es halt nuu an, uns noch mehr in der Genügsamkeit und Wirtschaftlichkeit zu üben, inbem es diesmal auch den Neujahrstag zu feinem besonderen Feiertage im Laufe der Woche gestalten wird. In Frankreich haben noch kurz vor dem Feste die Parlamente befchlossen, m solchen Jahren, in denen der 25.
Dezember auf einen Sonntag fällt, den Montag darauf —- man spart im festereichen katholischen Frankreich wie in alle» romanischen Landern die großen christlichen Feste nur immer an e i n e m T a g e — fomiejben Montag nach Neujahr zum Feiertag zu machen. Es wird bei uns in Deutschland wahrlich nicht wenige geben, die diesen Beschluß für nachahiiienswert haltew.
Draußen und drinnen.
Kiirz vor dem Weihnachtsfeste hatte sich erfreulicherweise für mehrere Tage angenehiner leichter Frost eingestellt, der ein schönes klares Frostivetter auch für das Fest zu verheißen schien. Deni Reif war eine Freistatt auf den Siiiisen unb Dächern unb auf den Bäumen vergönnt, die uns wie die rechten Ehrist- bäume anblickten und in ihrer matten Zartheit einen un- gemein seinen Iarbenton den Anlagen, dem Botanischen unb allen Privatgärten sowie namentlich bem Walde gaben unb bie Lanbschast draußen wie mit einem zierlichen, spinnweb- bünnen Spitzengewebe bedeckten.
Dann aber kam, just am ersten Feiertage, der Nebel ins Land, unb schließlich beganns zu tauen, unb am zweiten Feiertage hat unsere hebe Stabt Gießen wieber ihr altgewohntes feuchtimfreunbliches Antlitz aufgesetzt. Wem bas Ehrist- kinblein etwa ein neues Rad beschert hatte unb wer es gleich in den Festtagen auf seine Güte erprobte, ber brachte statt bes funkelnden, blitzblanken Stahlrosses eine besudelte, jämmerliche 51arre heim, die Hinterm Ofen ganz hinten, wo sie niemand sieht, am besten aufgehoben schien.
So blieb denn der rechte Weihnachtszauber diesmal gänzlich aus, der doch nur dann eintritt, wenn Mutter Erde ihre dickste weiße Winterrobe angelegt hat, wenn die Flocken unaufhörlich vom blaugrauen Himmelszelt herunterwirbeln unb tanzen. Erst bann wirb das Behagen im gesicherten, warmen, weihnachtlich geschmückten Heim von allen Dienschenkindern doppelt angenehm empfunden — ja dreifach angenehm, wenn noch mild waltende Frauenhände es verstehen, reiche Gaben der Küche und des Kellers in vorzüglicher Güte zu spenden.
Zn den Kirchen.
Erhebende Weihnachtsgottesdienste wurden in allen Kirchen der Stadt abgehalten. Die Gotteshäuser waren gefüllt, em Beweis, welche unwiderstehliche Zugkraft dieses älteste und herrlichste Fest aus das Gemüt jedes Ehristen, des Erwachsenen,wie des eben schulpflichtig gewordenen Kindes, auSübt wohl stets ausüben wird, so lange die Religion der Liebe besteht. Die Andachten waren in gleicher Weise herzergreifend und erhebend.
Am heiligen Abend sand in der Kirche zu Klein- Linden die Bescherung der Kleinkinderschule statt. Etwa 70 Kinder wurden mit Geschenken bedacht. Die Feier wurde durch Gesang des gemischten KirchenchorS verschönett.
§ Burkhards, 25. Dez. Gestern abend fand in der hiesigen Pfarrkirche eine Christ vesper statt. Auf dem Altäre strahlte ein hoher Weihnachtsbaum in seinem Glanze. Vorträge unb zweistimmige Weihnachtslieder der Schulkinder beider Kirchspielgemeinden verschönten die Feier.
Aus den Vereinen.
Der Kriegerverein zu Klein-Linden veranstaltete am 2. Feiettage im Saale zur ^Deutschen Ejche^ eine Weihnachtsfeier mit einer Verlosung. Lehrer Keil gedachte ber Verlobung Sr. Kgl. Hoheit unseres GroßherzogS unb brachte ein Hoch aus das hohe Brautpaar aus. Veteran ©leger erzählte einige Episoden aus dem Feldzüge 1870/71 und toastete ans den Kaiser.
Am Kaiserhofe.
Berlin, 24. Dez. Nachdem heute nachmittag ber Kaiser den Bescherungen von den Mannschaften des ersten Garderegiments und die Kaiserin im Neuen PalaiS ber Bescherung der Dienerschaft beigewohnt hatten, fand um 4 Uhr Tafel beim Kaiserpaar statt, an der die hier versammelten Mitglieder der Kaiserfamilie, sowie bie Damen unb Herren ber Umgebung teilnahmen. Hieran schloß sich die Weihnach^- bescherung im Muschelsaal.
Potsdam, 26. Dez. Das Kaiserpaar wohnte gestern vonnittag dem Gottesdienste in ber Garnisonkirche in Potsdam bei und kehrte bann zu Fuß nach dem Neuen Palais zurück. An der Familientafel nahmen die in Potsdam unb Berlin weilenden Mitglieder der königlichen Familie teil. Am Nachmittag machte das Kaiserpaar mit den Kindern einen Spaziergang, später arbeitete der Kaiser allein. Heute abend reiste der Kaiser nach Ko bürg.
* K l e i n L T a g e S ch r o u i kV Ter Viehhäudler Papa aus Ignaz ewo '(Posen) ermordete fetne eigene Schwefter mit einer Axt. — In Posen beging die 25 jährige Ehefrau des Kaufmanns Ephraim, des Inhabers eines Abz-ahlungsgeschäftes, Selb ft mord, indem sie aus ihrer int 2. Stock beleg enen Wohnung auf die Straße sprang. — In Karlsruhe wurde im K u n ft v e r e i n ein Bild l o s g e r i s s e n und g e ft o h l e n. Es ist ein Gemälde des holländiscl-en Malers Jan Toroop von Patwijk und stellt Mei junge holländische Schneider, die mit Holzschnhen bekleidet auf einem Tische sitzen, dar. Das Blld führt den Namen „Kleedmactcr". Die Staatsanwaltschaft forscht uach dem Täter. — In Wien entgleiste auf der Stadtbahn ein Wagen eines Güterzuges. Der Wagen Aettrürnmerte das starke eiserne Geländer des Viadukts sowie zwei Sandstcinpfeller und stürzte um. Die zahlreichen Passanten konnten sich recl-tzeitig in Sicherheit bringen, sodaß größeres Unglück verhütet wurde. — In der Brusse 1 er Vorstadt Saint Giles beging ein Liebespaar, der 33 jährige Pferdehändler Bclcmnbre und die Dienft)- magd Therese Vtüller aus NLühlhausen im Elsaß,, Selbstmord. Ter Grund für die Tat ist darin zu suchen, daß die Eltern des jungen Mädäi-ens die Zuftimmmig zur Heirat vcrweigetten. Beide lvurd-en als Leichen int Zimmer vorgefunden. — Ter achtjährige Sohn einer Familie in C u t r y (Frankreich) lockte sein 5 jähriges Schwesterchen, welches er seit einiger Zeit haßte, an einen Brunnen und stieß e s h i n e i n. Der Knabe war wiederholt von seinen Eltern wegen Mißhandlung des Kindes beftraft woroen. — Gegen den Bürgermeister einer Ortschaft im Tepartement Soine infericure (Frankreich) ist am ersten Weih- nachtstage ein M o r b n e r s u ch gemacht worden. Ter Bürgermeister wurde, als er sich zum Markte begab, überfallen und durch einen Sä)uß in die Schulter schwer verletzt. Ter Mörder hoffte, den Bürgermeister, der 4000 J-r. bei sich trug, zu berauben, floh aber, als er nicrflc, daß sich noch ein junger Ncann in dem Wagen befand. Der Bürgermeiftier wird sich einer schweren Operation zn unterziehen haben. — lieber bie E i s e n b a h n ka tast r o p h e bei Paris wird noch berichtet, daß int ganzen 13 Leichen geborgen worden sind. Ueb er 50 Personen sind verletzt worben, darunter mehrere lebensgefährlich; eine ist bereits im Hospital gestorben. — In Hamburg wurde der Kunstmaler Anton Aßmussen, welck>cr seit dem 12. Nov. spurlos verschwunden war, als L e i cb e aus der Alster gezogew
Ein sabethait billiges) Getränk liefert Meßmer'ü Teesvitzcn. Ein Päckchen ä 15 Pig. ist ausreichend für reichlich 16 Lassen seinen, wohlschmeckenden Tees. Meßnier's Teespitzen, durch ihre Billigkeit jedem Haushalte zugänglich, sollen zur Hcoung des Lee- koniuws beitragen. hv18/»


