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27.12.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 804

Dienstag 27. Dezember 1904

154. Jahrgang

Zweites Blatt

General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

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Kischen sich voller Ingrimms' wütend tm.

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Bestien bekämpfen sich die Menschen. In Frcnrkreich unb in Ungarn vlatzen in den Parlamenten die Geister auf-

Einen Erfolg hat der Liberalismus noch kurz vor Zühresschluß durch den Ausfall der Reichstags- ersatzwahl ün überwiegend agrarischen Kreise Je­richow zu verzeichnen gehabt. Hier wurde für den verstor­benen Fürsten Herbert Bismarck der freisinnige Berliner Volksschullehrer Merten mit 11740 Stimmen gegen den Sozialdemokraten Voigt gewählt, der nur 5311 Stimmen erhielt. Tie Sozialdemokraten hatten große Anstrengungen gemacht, um ihren Kandidaten durchzubringen. Das Ein­treten der rechtsstehenden Parteien für Aterteu ermöglichte aber den errungenen Sieg.

Auf die hochgespannten Hoffnungen der Ver- faffungsresor.meriNRuß land ist büld genug Ent­täuschung gefolgt. Bekanntlich hatte man am 19. d. M., dem Namenstage des Zaren, eine kaiserliche Kundgebung er­wartet in der Nikolaus II. in einigen Punkten feinen Entschluß kundgeben würde, mit dem starren Absolutismus zu brechen. Diese Erwartungen sind aber §u Nichte ge­

rn Ungarn vlatz, einander uno zi

Rotationsdruck unb Verlag der Brühk'scheu Unwerfitätsdruckerel. 9L Lange. Dietzen.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. 61. Telegr^-Adr. i Anzeiger Gletze«.

Volitische Wochenschau.

Greßen, 27. Dez. 1904.

Das Weihnachtsfest ist vorüber, das Fest, das alle Welt um der Friedensbotschaft willen feiert, während alle Welt sich nach wie vor gegen den Frieden empört. Wie die

Kcer und Itolte.

S K. H. der Grob Herzog haben mittete Allerhöchster Ordre' vorn 21. Tezember geruht, den Generalmajor ä la suite der ArtUlerie Prinzen Ludwig von Batteüberg Durch- laucht auch ä la suite des 1. Großh. Hessischen Feld- Artillerie-Regiments Nr. 25 (Großh. Artillerre-Korps!)! zu stellen. __

SoziaUstische und tclißiöie Iolksvcwegungen in Sießen 1525-1526.

Nur nenige Wochen trennen unb erst von der Jubelfeier am 13 No vember. Noch stehen wir unter dem Eindruck, den die Erinnerung an den großen hessischen Fürsten und sime große Zeit bei uns zurückließ. Sturm und Drang auf polittschem und kirchlichem Gebiete kennzeichnen bte_ Zeit, der P Hill pp von Hessen angehärte. 'Auch in Gießen sind diese Sturme des Reformationszeitalters nicht wirkungslos vorubergeraufcht. Es ist das Verdienst einer zur Philippsfeier ^schienenen LEbett vom hiesigen Universitätsbibliotheks-Tirektor Geh. Hoftat Pros. Tr Haupt 'ib-erSozialistische und religiöse Volksbewegungen in ' hessischen Städten 15251526", daß sie uns einen Euchlick gewährt über die Volksbewegungen jener Tage tn unserer Stadt, sr-ür Freunde der Lokalgesckstchte dürste es daher wohl von einigem Interesse sein, weim wir auf Grund.der Hauptschen Arbeit m kurzen Zügen über bie Volksgärungen tn Gießen vor 380 Jahren typ J-jffl tdl

Von der bedrohlichen Zusammenrottung der Bauern gegen ihre Lehnsherren, wie sie sich im Hersfeldischen und Fuldcnschen zeigte, blieb unsere Gegend verschont. SMglicherweise daß sie nicht so sehr wie jene Bezirke unter dem Drucke des Adels litt. Der tatkrästigen und zugleich maßvollen Politik des Landgrafen Philipp war es zu verdanken, daß die Torfschasten in Hessen von der sozialen Revolution im angemeinen wenig berührt wurden. Nicht ganz so in dem städtischen Gemeinwesen. Hier, wo man unter der Steuerlast und der Will kür l-errschaft der Beamten litt, fanden die revolutionären Gedanken einen günstigen Boden Auch in Gießen zeigten sich im Jahre 1525lebhafte Sympathien mit den Zielen der ue r l i ch en Er h e v un g . Hier war durch sein Vorgehen in der leidigen >L>teue rf rage der Rentmeister und Verwaltungsbeamte Säs-rautenbach wenig beliebt Zündstoff zu revolutionären Bewegungen schemt haupt­sächlich die Erhöhung der T r a n k st e u c r gegeben zu haben. Weihnachten 1525 saiiden sich 1620 Gleichgesinnte zusammen, bie unter Führung eines gewissen Trommelschläger wock-enlang die Stadt in Unruhe versetzten. Mit Aexten und Säbeln be- wasinel rückten sie vor die Trinkstube der Edelleute und per» ursacht en in den Straßen ia.llgemeine Aufläufe. Der Rentmeister und feine Knechte waren ben Meuterern gegenüber machtlos und

wurdeii in die Flucht geschlagen. Tie Exzedenten drohten, alle Pfaffen, Edelleute und deren Knechte zu er­schlagen. Am 5. Januar 1526 nahm der Aufstand einen be­sonders bedrohlichen Charakter an. Als nämlich der Rat mit den Wirteii wegen der Tranksteuer abrechnen wollte, zogen die Gießener Demagogen vor das Rathaus, warfen die Fenster ein, verletzten den Bürge rm ei st er und verhinderten den Rentmeister bei Gefährdung feines Lebens, die Steuern zu erheben. Auf dem kommunistischen Programm der Freiheitsmänner stand die Teilung des Besitzes der Adeligen. Der Rentmeister berichtete sofort über die Gießener Revolte an den Landgrafen, der den Hoftichrer und Statthalter an der Lahn, Hermann Riedesel zu Eisenbach, beauf­tragte, die Sache zu untersuchen und gegebenen Falles eilends mit 6080 Reisigen nach Gießen aufzubrechen, die Meuterer einzufangen und in Haft nach Marburg zu verbringen Zum Schlimmsten scheint es nicht gekommen zu fern; über die Bestrafung der Gießener Exzedenten fehlen uns alle Nachrichten.

Hand in Hand mit den Bewegungen des Jahres 1525 auf sozialem Gebiete gingen die Volkserregungen bei Einführung der neuen lutherischen Kirchen lehre zu Anfang des Jahres 1526 Hier steht das Volk, das Luthers Lehre von der evan- gelischeii Freiheit auf seine sozialen Verhältnisse überträgt, der neuen Lehre sympathisch gegenüber im Gegensatz zur Beamten­schaft und Adeligen, die konservativ auf dem alten Standpunkt verharren. Es ist noch die Zeit vor der Homberger Landessynode, die erst die schwebende Religionsfrage für die Lcmdgrafschaft ordnet. .

Gießen scheint die erste hessische Stadt gewesen zu fein, in der die neue Lehre unter der breiten M a s s c des Volkes begeisterte Anhänger gefunden hat. Es spitzten sich dadurch die Parteiverhaltnisse zwischen denEvmi- gelischen Brüdern", wie man die Neuerer ironisch nannte, und den Anhängern der alten Lehre, denen der Rentmeister ^chrauten- bach, die Beamten und Adelige angehörten wieder in einer Weise zu, daß ein Zusammenstoß unausbleiblich war. Wad) den voraus- gegangeiicn Ereignissen des Jahres 152t> war es der Gegen­partei leicht, gegen die Neuerer auf religiösem Gebiete den Bor­wurf zu erheben,daß sie sich gegen den Rat und Rentmeister alles Ungehorsams und Mutwillens befleißigen, täglich mehr zu Aufruhr und Empörung versammeln, andere zu sich reizen und rotticren sollen". Schrauteubad) ging gegen dieevaugelisckMN

In Rußland drohen in zahlreichen Stadien die Reservisten­unruhen, Studenten- und Arbeiteraufstände immer größere Dimensionen anzunehmen. Monarchien und Republiken rüsten und rüsten, Mordwerkzenge, eins immer raffi­nierter wie das andere, werden angehäust und die verant­wortlichen Führer der Völker sinnen, wie sie recht viele Kultur-Menschen zum Tage des «großen Aneinanderprallens bereit haben. Klassenhaß und Rassenhaß verwirrt viele Köpfe und verhärtet viele Herzen. Des Lebens Not erhebt ihr grimmig Haupt und gesellt sich zu dem furchtbaren asiatischen Völkerkriege.--Arme Menschheit, wie tut

dir Friede so not!

Wie sehr es unseren österreichischen Nachbarn we­nigstens um einen Handels frieden zu tun ist, geht daraus hervor, daß österreichisch-ungarische Bevollmäch­tigte kurz vor dem Feste in Berlin eintrafen, um sofort mit den Beratungen zu beginnen. Am 23. reisten sie zum Feste auf wenige Tage in ihre Heimat, gleichzeitig um dort den maßgebenden Ministern Bericht zu erstatten. Unmittel­bar danach, nachdem sie weitere Informationen erhalten haben, werden sie nach Berlin zurückkehren. Von dem Ter­min dieser gemeinsamen Beratungen wird es abhängen, ob die Fachreferenten in den letzten Tagen des Jahres bereits wieder in Berlin sind oder erst mit Beginn des neuen Jahres. Jedenfalls aber werden die ersten Tage des Januar den äußersten Termin bilden, an dem die Berat­ungen für das Zustandekommen der Handelsverträge in Berlin wieder eröffnet werden. Wie verlautet, wurde bei den neuen Verhandlungen in einzelnen Punkten, einerseits der deutschen aus die Jndustriezölle, darunter Maschinen, Papier, Eisenwaren, chemische Erzeugnisse, gebundene Bücher bezüglichen Forderungen ein teilweise genügendes Ent­gegenkommen konstatiert, während in einzelnen Fragen eine neue Formulierung der Gegenvorschläge nötig erscheine. Bei einem günstigen Fortgänge erwartet man den desini- tiven Abschluß des. Handelsvertrages frühestens Mitte Januar.

Dem Grasen Posadowsky ist seine neulich im Reichs- nrge getane Aeußerung, daß vorzüglich auf der Assoziation des Kapitals der Kulturfortschrrtt bermhe, von den rechts­stehenden Parteien übel genommen wordeu T«s Organ der konservativen Fraktion, die ,Mmjerv. Korresp.", hat sie als eure bedenkliche Ansicht bezeichnet, die der offiziellen Wirtschaftspolitik entgegengesetzt sei. Das leitende Blacht des Bundes der Landwirte oroht dem Staatssekretär, daß er Gefahr lause, das Vertrauen der konservativen Partei, das ihm früher in so reichem Maße geschenkt sei, zu verlieren.

Farlameutarlsches.

Ter neugewählte Reichstagsabgeordnete Lchrer Otto Merten in Berlin wird der drittjüngste unter seinen parlamentari­schen Kollegen sei Ter neue Vertreter von Jerichow wurde gerade in den Tagen der WM 30 Jahre alt. Jünger als er sind noch der freismnige Abg. Dr. Pott ho ff (Verbaudssekretär geb. 9. wlai 1875) und der Zentrums abgeordnete Schriftsteller und Redakteur Erzberger (geb. 20. Sept. 1875.)

worden. Im letzten Ministerrat, welchem auch der Zar und der Prokurator des heiligen Synod beiwohnten, wurde nichts anderes beschlossen, als daß die Minister fortan über die Ausgaben in ihren Ressorts der Oeffentlichkeit aus­führliche Mitteilungen machen sollen, als dies bisher der Fall war. Aus den Bericht des Ministers des Innern über den Ausdruck untertänigster Gesühle von 250 Per­sonen aus Tambow, die zugleich die Erklärung übermittel­ten, daß nur der Selbstherrscher Rußlands aus der schlvierigen, durchunbedeutende Gruppen simerer Feinde" hervorgerusenen Lage befreien könne, schrieb der Kaiser eigenhändig die Randbemerkung: ,^abe ich mit Ver- geügeu gelesen."

In Marokko will der Sultan sich die Bevormundung durch die europäischen Großmächte, namentlich von Frank­reich, nicht länger gefallen lassen. Es wurde kürzlich ge­meldet, daß der Sultan beschlossen hat, die in seinem Heere als Instruktoren tätigen europäischen Offiziere um­gehend zu entlassen, und diese Absicht auch den bei ihm akkreditierten Gesandten der betreffenden Mächte initgeteilt hat. Der französische Gesandte befahl darauf, daß sämt­liche Franzosen, der Konsul einbegriffen, Fez sofort ver­lassen sollen. Tie übrigen diplomatischen Vertreter be­fahlen gleichfalls ihren Untertanen die 5)eimsendung der Frauen und Kinder und rieten Männern die Heimkehr an. Die Konsuln wurden autorisiert, Fez zu verlassen, sobald es ihnen notwendig erscheint. Allgemein wird besürchtet, Frankreichs Entschluß werde einen diplomatischen Bruch veranlassen, sodaß andere Mächte genötigt würden, Schutz- maßregeln zu ergreifen. Es verlautet, Frankreich entsende die Mittelmeer flotte nach Tanger.

Nachrichten von besonderer Wichtigkeit sind in den letzten Tagen vom Kriegsschauplatz in der Man­dschurei nicht eingegangen. Marschall O y a m a hat sein Hauptguartier in Liao Yang aufgeschlagen. Ten Rujsen ist es gelungen, mit schweren Belagerungsgeschützen vier Werst nach Süden vorzudringen. Im übrigen sind hinter der Front fast völlig friedliche Verhältnisse eingetreten, diur die unmittelbar vor dem Feinde liegenden Truppen werden durch vereinzelte Schüsse und hier und da durchs eine Kanonade an den 51'rieg erinnert. Bezeichnend für die Ruhe ist das Eintreffen von Vertretern deutscher Handels­firmen aus Tientsin, um hier Filialen zu gründen.

In dem Riesenkampf um Port Arthur haben die Japaner durch die Eroberung einiger Außenforts wieder Erjolge zu verzeichnen gehabt. Die Emnahme des Nord- forts von Tunglikwanschan gestaltete sich zu einem der erbittertsten Kämpfe per ganzen Belagerungszeit. Nach zwölsstündigem blutigem Ringen wurde das Fort genom­men pnd die Besatzung fast völlig niederaemacht. Ferner hat die Belagerungsarmee Port Arthurs die Höhen östlich von Hojangscyatao, IVa Meilen vom 203 Km.-Hügel ent­fernt, erstürmt, und halt sie besetzt. Wie Gefangene be­richten, sollen die russischen Generale Kvndra- teuko und Ilma (?) getötet, Fock verwunjdet sein. Chinesischen Dschunken mit Proviant gelingt es aber trotz allem noch immer, die Blockade zu durchbrechen. Indessen ist das Schmuggeln sehr gefährlich, da von vier Schiffen stets drei beschlagnahmt werden. Die russisch- chinesische Bank bestreitet sämtliche Kosten für den Ankauf von Miegskontrebande.

Eine Meldung aus Dalny besagt, die Russen hätten vorgeschlagen, PortArthur zu übergeben, wenn der Besatzung aus Schiffen die Rückkehr nach Rußland gestattet würde. Die Japaner hätten aber den Vorschlag abge- lehnt.

Wmiral Togo meldete am 24., die Mehrzahl der Schiffe der japanischen Flotte sei von Port Ar­thur zurückgezogen worden. Sie ist bekanntlich, be­gleitet von den außerordentlichen Belobigungen des Mikado für die Vernichtrurg per russischen Port Arthur-Flotte^ nach dem Süden abgedampft, der baltischen Flotte entgegen. Allem Anscheine nach dürfte es sobald noch nicht zu einer Seeschlacht zwischen dem russischen und japa­nischen Geschwader kommen, vielmehr dürften sich die Ja-

Pauer vorläufig darauf beschränken, den Gegner beobachtend zu verfolgen.

Aus Sühweftafnfta

Kleine Erfolge.

General v. Trotha meldet vom 23. ds. aus Windhuk.' Von der Abteilung Kleist griff Oberleutnant Ritter mit zwei Kompagnien und einer halben Batterie am 21. Tezember die aufständischen Bethanier, Kamadams und Witbois überraschend an und zersprengte den 150 bis 200 a nn starken Feind .der in verschanzter Stellung bei Hudup, südlich von Aub, hartnäckigen Widerstand leistete, nach zehnstündigem Gefecht voll­ständig. 12 beladene Ochsenwagen. 50 Pferde, gegen tausend Stück Großvieh, mehrere tausend Stück Kleinvieh, mehrere Gewehre und zahlreiche Munition wurden erbeutet. Zehn tote Hotten­totten wurden aufgefunden.

Nach einer Meldung Lengerckes sind die Veldschoen- drager, die am 15. ds. bei Koes geschlagen und nach allen Richtungen zersprengt wurden, mit dem Hauptteil in süd­licher Richtung nach den Karrasberger panikartig entflohen. Die Verfolgung wurde am 18. ds. abends abgebrochen. Der Feind verlor bei dem Gefecht und der Verfolgung insgesamt 54 Tote. 45 Gewehre, viel Munition, 50 Stück Großvieh, 50 Pferde und Esel, und etwa 3000 Stück Kleinvieh wurden erbeutet

Neue Verluste.

An Typhus sind gestorben: die Refter Menzel, Klose, Rahn und Ackermann. Der Gefteite Bauer an Herzschwäche.

Im Patrouillengefecht bei S t a m p r i e t ist am 20. Dez. gefallen: Reiter Matthäus Beyer. Vermißt wird: Reiter Ludwig Pilzecker. Verunglückt ist: Reiter Wilhelm Tews. Infolge eigener Unvorsichtigkeit Schuß durch den rechten Ober­schenkel.

Nach Meldung aus Keetmannshoop haben sich die am 28. Nov. als bei Warmbad gefallen gemeldeten Mannschaften Gefteiter Ernst Wilke, Reiter Walter Riese und Reiter Johann v. d. Fecht nieder eingefunden.

Eine Beschwerde.

DerNordd. Allg. Ztg.^ zufolge erwiderte der Reichs­kanzler auf eine Beschwerde des Vaters des von den Bondel- zwarts erfchossenen Leutnants Jobst über angebliche Aeußerungw Leutweins über den Verstorbenen: ,

Euer Hochwohlgeboren gefälliges Schreiben vom 26. Oll. habe ich erhalten. Indem ich die Empfindungen des Vaters wie des alten Offiziers voll würdige, bitte ich Euer Hochwohl­geboren, überzeugt zu fein, daß alles zur Aufklärung des Falls Nötige von mir - veranlaßt werden wird. Weder in dem Bericht des Obersten Leutwein über den Friedensschluß mit den Bondelzwarts unb die gelegentlich desselben am 27. Januar in Kalkfontein stattgehabte Parade, noch lonit in den Akten über den ftaglichen Aufstand findet sich die angebliche, Ihren Herrn Sohn betreffende Bemerkung. Ich forderte daher bereits die Aeußerung des Obersten Leutwein darüber ein und traf Vorsorge, daß erforderlichen Falls eine genaue Unter­suchung des Vorganges erfolgt Sc^ald das Ergebnis der Ermittelungen mir vorliegt, werde ich sofort Euer Hochsvohl- geboren davon in Kenntnis setzen. __ _______

Krrche und Schule.

Olmütz, 26. Dez. Tas9Nähr. Tagebl." meldet: Der frühere Fürsterzbischof Dr. Kohn hatte sich bei der Ber- lassenschaftsabhandlung nach dem Tode seines Vorgängers, des Landgrafen Fürftenberg, verpflichtet, die von diesem letzt­willig verfügte Armenstiftung von 200 000 Gulden ans eigenen Mitteln zu errichten, wie immer die Abhandln^ aus­fallen möge. Es wurden jedoch nur 20000 Gulden für diese

Brüder" fck-arf vor, hatte er doch schon 1525 Ursache, über bie Feindseligkeiten der Gießener Demagogen gegen biePfaffen zu klagen Strafen uub Bußen wegen Abhaltung geheimer Bruder­versammlungen nutzten wenig; die Lutheraner wurden nur ge­reizter. Sie fühlten sich besonders gestärkt, als sie erfuhren, daß der Landgraf selbst ein begeisterter Anhänger ber neuen Lehre sei und sogar den Lutheraner Kraft zu seinem Hofprediger be­rufen habe So durften sie es wagen, gegen ihren ^odfemd Schrautenbach beschwerdeführend vorzugehen. Namens ihrer Partei- fteunde reichten Wolf und Junghans im März 1526 eine Klage­schrift gegen den Gießener Rentmeister beim Lmidgrafen ein. Der Statthalter an ber Lahn, Hermann Riebesel, erhielt Weisung, die Streitsache derGießener evangelischen Brüder" zu unter­suchen und zu schlichten. Zu diesem Zwecke berief er die Kläger, ben Rentmeister und Mitglieber bes Gießener Rates am 28. Ntarz, 1526 nad) Marburg. Bei dieser Gelegenheit sielen heftige Worte auf beiden Seiten. Der Rentmeister bezeichnete die Gießener Lutheraner geradezu als Rebellen, lieber die Beschwerde des Reittmeisters und des Gießener Rates ging Riebesel hinweg. Er schlichtete die Angelegenheit dahin, daß er dieevangelischen Brüder" ermahnte, künftighin mit dem Rentmeister und Rat Frieden zu hatten, sich aller geheimen Versammlungen -u ent­halten, auch fernerhin zu unterlasien,eigenmächttg ftemde lpthe- rsiche Prediger nach Gießen zu Rieben". Er konnte den Gießen« Lutheranern weiter in Aussicht stellen, daß der Landgraf selbst ihnen einengeschickten, gelehrten unb frommen Prediger" schicken werde.

TieEvangelischen" konnten mit der Marburger Entscheidung zuftieden sein, war ihnen doch 'im Namen bes Landgrafen eine gewisse Religionsfreiheit zugesichert worben. Tie schweren Un­klagen der Gießener Ratsdeputation und ihres Sachwalters Schrautenbach konnten sie jedock-i nicht vettvinden. Es bedurfte nur eines äußeren Anlasses, und bie Fnnbsdwtt zwischen ber neu- und altgläubigen Partei kam wieder zum Ausbruch. Die ebangcliitien Brüder" hielten ihre goUesdiensllidxn Versanun- lungcn in ber alten Mutterkirche am Seltersberg ab, während die Altgläubigen verniutlid) m ber Pankratius-« t i r d) e a m K i r ch enplatze, a\\o in der Stadt, ihren Uultus ausübten. Tie Neuerer scheinen also schon eine gewisse Olcineinbc für sich gebildet 311 den, hatten demnach einen ständigen evan- geiildjeu Prediger gei inten od > wurden durch lutl.n'risck« Wandcr- prediger versorgt. Am Karfreitage 1526, zwei Tage nach der

Grschelltt «gNch vuVnahm« M VonntagS. jRjP - a

DieWeinet KanMiendlStter" werben dem ||i| P|l AV / H |T X 1 O ,9lnflhtget viermal wöchentlich beigelegt. Der I I SL

»^tsflscht Lairdwkt" erscheint monatlich einmal. I B -63SG7 *** *