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27.5.1904 Erstes Blatt
 
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Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Giehener Familien- Hölter viermal in der Woche beigelegt.

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Fkrnsprechanichluß Nr. 61.

Erstes Blatt. 154. Jahrgang Freitag 27. Mai 1904

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen MUZ W zeigenteil: Hans Beck.

GietzenerAnzeiger

" General-Anzeiger **

Zer Krieg zwischen Zapan unb Wußtand.

Drei japanische Schiffe bei Port Arthur nntergegangen!

Petersburg, 26. Mai. Ein Telegramm des Statt­halters Alexejew an den Kaiser vom 25. Mai lautet: Ich erhielt heute einen Bericht des Admirals Mtthöfft. Der Feind beschoß die In t s ch e n d sib u ch t mit Kanoneubooten. Am 19. Mai versuchtendieJavaner nachts, die Reede von Port Arthur durch Minen zu sperren. Hierbei gingen, wie man auf Grund von Beobachtungen an der Küste glaubt, ein Dampfer und zwei Torpedoboote unter. Vom 18. bis 21. Mai wurden auf der Reede von Port Arthur elf feindliche Sperrminen aufgefischt. Aus Dalnh wurden der Handels- dampferAmur", ein Baggerschiff und eine Dampfbarkasse nach Port Arthur gebracht'

Weiteres vom Kriegsschauplätze.

London, 27. Mai. DieMorniug Post" meldet aus Tokio vom 26. ds., daß Kinchau nachmittags von den Japanern beseht wurde. Die Japaner rücken zum Angriffe gegen die Russen vor, welche die Höhen im Süden der Stadt besetzen.

London, 26. Mai. Eine Blättermeldung aus Tokio von heute besagt: Die Japaner vertrieben gestern die Russen aus Rankialing, erstürmten und nahmen heute nach heftigem Kampfe Kintschou.

Tsch i fu, 26. Mai. (Reuter.) Dem Briefe eines japani­schen Korrespondenten zufolge landeten die Japaner am 19. Mai ein Regiment in der Kerrbucht. Eine Dschunke, die Dalny am 23. Mai verließ, berichtet, die "apanische Armee hätte Sanschilipu, die zweite Eisenbahnstation von Port Arthur, erreicht, wobei die Russen hartnäckig ihrem Vorrücken Widerstand leisteten.

Söul, 22. Mai. Bei Sans ch ilipu soll eine Schlacht stattgefunden haben, deren Resultat noch nicht bekannt ist. Tie Russen bei Talienwan seien bereit, die Stadt beim Anrücken der Japaner zu zerstören.

Tokio, 26. Mai. (Reuter.) General Kuroki berichtet vom 25. Mai: Rach einem Gefecht bei Togu nahm die russische Kavallerie Stellung bei Patao shi. Die Japaner griffen an und schlugen sie. Einge­borene erzählen, drei Russen seien gefallen, 18 verwundet. Am Nachmittag wurden ein russischer Offizier und ein Ge­meiner gefangen genommen.

Petersburg, 26. Mai. Ein Telegramm des Gene­rals Sacharow an den Generalstab vom 25. meldet: Um Föngwangtschöng ist in der Gesamtlage keine Veränderung eingetreten. Wie die russische Kavallerie berichtet, errich­teten die I a p a n e r rings um FöngwangtschöngBe- festiguugen. Daselbst seien gegen 30000 Mann Infan­terie und 2000 Mann Kavallerie mit 36 Feldgeschüyen zusammengezogen. Die Vorhutabteilungen des Feindes seien bis auf 30 Werst nördlich vom Fluß Aiho vorge­schoben. Sie stehen auf dem Gebiet zwischen Föngwang­tschöng und der Aihomündung init der Front nach Saimadsa

und Kuandianiiam Vom Aiho rücken die Japaner nicht weiter nordwärts vor. Wie gemeldet wird, sind die Pferde der japanischen Reiterei entkräftet und wundgerieben. In der Umgebung von Pitsewo und auf der Kwantunghalbinsel stellten russische Streif­wachen am 23. Mai fest, daß Abteilungen der japanischen Vorhut die Höhen im Süden der Station Wafandian besetzt halten. Einige Werst weiter stehen zwei Eskadrons, sowie 21/2 Kompagnien des 12. Infanterie-Regiments. Diese wer­den auf t)en Flügeln von Jnfanteriefeldwachen gedeckt. Jede Feldwache zählt gegen 40 Mann. Weiter nach Süden be­finden sich in den Dörfern bei der Eisenbahnlinie In­fanterie und Kavallerie. Bei Pulandian ist eine aus drei Waffengattungen bestehende Abteilung zusammengezogen, etwa 3000 Mann mit fünf Geschützen. In der Umgebung von Pitsewo und weiter südwärts fahren die Japaner fort, Truppen zu landen und von dort rücken die Truppen nach Süden auf Kintschou vor, indem sie nach Westen Sicher­ungsdetachements entsenden. Wie Chinesen berichten, fand am 18. Mai bei Kintschou eine Schlacht statt, in der^ die Japaner 700 Mann verloren haben sollen. Die russischen Verluste sind weniger bedeutend, (Hier findet also die japanische Meldung von der Ein­nahme Kintschous noch keine Bestätigung. D. Red.) Bei Takuschan begannen die Japaner vor 5 Tagen Truppen zu landen, nach einer Meldung 50 000 Mann Infanterie. Die Richtigkeit dieser Angaben ist jedoch nicht genügend geprüft. Die gelandeten Truppen marschieren aus Takuschan nach Ssiujan, sowie auch in der Richtung auf' Port Arthur nach Tschintaitsy. Ein in der Nacht vom 20. auf den 21. Mai bei Sithutschindsa erfolgter Zu­sammenstoß einer Sotnie mit einer japanischen Abteil­ung richtete unter den Japanern große Ver­wirrung an. Sie eröffneten ein völlig ungeordnetes Feuer auf die Kosaken, sowie wegen der Dunkelheit auch auf die eigenen Mannschaften. Die russische Streifwache gelangte am 21. Mai in den Rücken der japa­nischen Armee ber Tasantschingsa auf dem großen Wege Sachodsa-Liaujang und bemerkte nur eine 300 Mann starke Mteilung. Die Streifwache beobachtete ferner, wie große Fuhren die Straße passierten. Im Verlaufe von 16 Stunden zogen nicht weniger als 18 000 Kulis, Chinesen und Koreaner, und 200 Wagen an der Streifwache vor­über, deren Pferde von den Japanern getötet wurden, sodaß sie zu Fuß zurückkehren mußten.

Petersburg, 26. Mai. Ein Augenzeuge berichtet über den Kampf nördlich von Takuschan am 20. Mai: Eine Kosaken-Sotnie marschierte von Takuschan nördlich, als plötz­lich abends in der Nähe des Dorfes Sithutschindse drei Schwa­dronen Japaner anrückten. Der Kommandeur der Sotnie Beksmi- schew kommandierte: Vorwärts!, worauf sich die japanische Kavallerie zurückzog. Im Vorgehen erst bemerkten die Russen zahlreiche japanische Infanterie, die in einem Hinterhalt gelegen hatte. Tie Japaner eröffneten ein lebhaftes Feuer. Beks- mischew wurde schwer verwundet, ebenso 2 andere Offi­ziere und 80 Kosaken.

London, 26. Mai. Nach hier eingelaufenen Meldungen hat sich das Wetter in der Mandschurei gebessert.

Die Regengüsse haben aufgehört. Nach weiteren Meldungen sollen in Niutschwang wieder 9000 Russen einmarschiert sein.

Der Gesundheitszustand der russischen Truppen.

Petersburg, 26. Mai. Der Inspekteur des Medi­zinalwesens der mandschurischen Feldarmee berichtet, daß der Gesundheitszustand der Truppen ausgezeichnet sei und kein Fall von Pest sich ereignete. Am 25. Mai herrschten in der ganzen Armee, abgesehen von Port Arthur, die folgenden Krankheiten: 6 Fälle von Tyssenterie, 8 Fälle von Abdominaltyphus, 3 Fälle von Flecktyphus, 6 Fälle von Typhus anderer Art, 1 Fall Pocken, 1 Fall von Karfunkel, 1 Fall Skorbut, 1 Fall Masern; im ganzen 27 Fälle. Im April kamen frei einem Regiment 5 Fälle von Rückfall­typhus vor. Jetzt ist die Krankheit erloschen. Die Gesamt­zahl der Erkrankungen weist keine Ueberschreitung der Zahl der Erkrankungen zu gewöhnlicher Zeit auf.

Die schwimmenden Minen.

Petersburg, 26. Mai. Bezüglich der Washingtoner Meldung, daß die Marine-Attaches der Vereinigten Staaten Weisung erhalten hätten, über die Gefahren zu be­richten, welche der Neutralität der Schiffahrt durch die schwimmenden Minen an der mandschurischen Küste drohen, erfahren dieNowosti" und dieNowoje Wremja" von offizieller Seite, daß gegen die Einholung der Berichte in keiner Weise seitens Rußlands eine Einwendung erhoben werde. Außerdem würde sich nach Beendigung des Krieges Rußland einem von den Vereinigten Staaten oder England .ausgehenden Vorschläge, der Frage der schwimmenden Minen näher zu treten, anschließen.

Mobilmachnng.

P a r i s, 26. Mat. Der Petersburger Korrespondent des Echo de Paris" berichtet aus Rußland: Zur Beendigung des russisch-japanischen Krieges sei die Mobilmachung von 2 Millionen Soldaten beabsichtigt. Diese Mobilmachung werde progressiv vor sich gehen und in den östlichen ^Provinzen beginnen. Ein Staatsmann soll dem Korrespondenten des genannten Blattes erklärt haben, Rußland werde eher der ganzen Welt den Krieg erklären, als eine Demütigung über sich er - aehen lassen. Dasselbe Blatt berichtet, daß der deutsche Kaiser außer dem Telegramm: Rußlands Trauer sei auch deutsche Trauer, noch mehrere andere sehr sympathisch gehaltene Telegramme tfn" den Zaren gerichtet hat. Der Korrespondent glaubt, daß der Kaiser damit den Zweck verfolge, Deutschland aus seiner Isolierung herauszubringen. (Leeres Geschwätz! D. Red.)

Der koreanische Gesandte.

Berlin, 26. Mai. Der in Petersburg beglaubigte koreanische Gesandte gedenkt sich heute auf seinen Posten nach Petersburg zurückzubegeben. Auf der koreanischen Le- gation, wo der Gesandte Wohnung genommen halte, wurden die Meldungen bestätigt, wonach der Gesandte lediglich in privaten Angelegenheiten nach Berlin gekommen sei.

Krtrakonzert des Konzertvereins zum Westen eines Tyeater- und Saalbaues.

Gießen, 27. Mai.

Wie schon in einer früheren Notiz hervorgehoben wurde und aus dem Inseratenteil des gestrigen Blattes ersichtlich, veran­staltet der Konzertverein am Sonntag den 5. Juni in der Turn­halle ein großes Extrakonzert zum Besten eines Theater- und Saalbauprojektes. Das Konzert hat nicht nur wegen dieses Zweckes, zu welchem sich der ausführendeSchuler'sche Män­ne r ch 0 r" mit seinem Dirigenten, Herrn Universitäts-Musik­direktor Trautmann, bereitwilligst und uneigennützig zur Verfügung gestellt hat, ein besonderes Interesse, sondern auch deshalb, weil der Konzertverein hiermit zum erstenmale im Wesentlichen Werke aus der M ä n n e r g e s a n g - vereinslitteratur im' Programm bietet. Er liefert da­mit den Beweis, daß er, wie sein hochverdienter Dirigent, Herr G. Trautmann (welcher bisher traft seines Amtes in Gießen lediglich Orchester-, Oratorien- und Kammermusikaufführungen leitetet auch diesem Zweige der Musikliteratur sich nicht ver­schließt, und dies muß für em größeres Konzertinstitut, wie es in Gießen von dem Konzertverein repräsentiert wird, lobend an­erkannt werden! Haben wir doch vor wenigen Tagen erst Gelegenheit gehabt, bei dem Gesangswettstreite in den Einzel­klassen zum Teil vortreffliche Darbietungen aus dieser Literatur zu hören, ich brauche ja nur an die Gesangsleistungen des Frank­furter Vereins Thalia, des Bierstädter, Cassel-Welhcidener Vereins zu erinnern. Man konnte gerade gelegentlich dieser Gesangs­vorträge sich überzeugen, was hier in musikalischer Hinsicht tatsächlich geleistet wird und- geleistet werden kann! Unstreitig ist das Interesse für die Männergesangliteratur augenblick­lich auch bei denjenigen wach gerufen worden, welche sich bisher dieser Art von Gesangsleistungen gegenüber etwas ablehnend ver­hielten. Aus diesem Grunde dürfte aber auch das jetzt bevor­stehende Konzert einen Anziehungspunkt für das musikalische Publikum Gießens und der Umgegend bilden; die Aufführung bietet eine wertvolle Ergänzung und Vervollständigung der uns in letzter Woche gebotenen Männergesangsliteratur, insofern sie, wie das Proaramm zeigt, neben einer Auswahl der schönsten Volkslieder und a capella Kunstgesänge drei größere Chor­werke mit Orchesterbegleitung bringen wird. Bekannt­lich ist Schubert einer der ersten gewesen, welcher die dyna­mische Wirkung des Männerchores durch Orchesterbegleitung zu erhöhen strebte, und seinem Beispiel sind Richard Wagner, I0h. Brahms, Max Bruch, Brambach, Scholz u. a. gefolgt. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Orchester- begleituug für die neueren Bestrebungen, den Männergesang in seiner Kraft und Tonentfaltting zu unterstützen, den richtigsten Weg darstellt, und daß auf diese Weise musikalisch bedeutendere und größere Kompositionen geschaffen wurden. (Man vergleiche R. Wagner,Liebesmahl der Apostel", Bruch,Frithjof",Da- majanti", das neueste Werk von Max Bruch, u. a.) Unver­kennbar sind allerdings auch die äußeren Schwierigkeiten, welche diese Art größerer Chorwerke mit Orchesterbegleitung, wenigstens

für kleinere Vereine mit sich bringen, vor allem die vollere Besetzung des Chors und das Erfordernis eines Orchesters. Der Schule r'sche Chor, welcher sich dem Konzertverein zur Ver­fügung gestellt hat, kann diese Schwierigkeiten deshalb über­winden, da er über ausreichendes Stimmmaterial (über 100 aktive Sänger!) verfügt. Er hat sich mit der Sinfonie- Kapelle des Zoologischen Gartens nur aus dem Grunde ver­einigt, weil er in allen größeren Aufführungen in Franffurt am Main, wie auch auswärts, von diesem Orchester bisher be­gleitet wurde, alsomit ihm gut eingesungen ist." Der Verein genießt in Frankfurt einen ausgezeichneten musikalischen Ruf; die von ihm alljährlich im großen Saale des Saalbaues ver­anstalteten Konzerte sind sozusagen immer ausverkauft. Im März dieses Jahres konnte der Verein sein 40jährigesStift- ungsfest feiern. Dezember 1903 hatte er als Vorfeier dazu ein vortrefflich gelungenes Konzert int Saalbau unter Leitung des Herrn Universitätsmusikdirektor G. Trautmann ver­anstaltet, über welches sich die Kritik bezüglich der Gesangs­leistungen übereinstimmend günstig äußerte. Der Verein hat sich aus einem im März 1864 gegründeten Männerquartett (Schulersches Männerguartett) von 16 Mitgliedern des Sachsen­häuser Turnvereins, zunächst unter der Leitung seines hoch­verdienten Mitbegründers und langjährigen Dirigenten Schuler, allmählich zu einem größeren Männerchor entwickelt. 1884 hat der Verein mit 54 Mitgliedern alsSchuler'scher Männer­chor bei dem Gesangswettstreit in Bonn einen hervorragenden Preis errungen. 1891 beteiligte er sich mit gleichem Erfolg an dem großen internationalen Wettstreit in Wiesbaden, 1892 trat er noch einmal in Karlsruhe erfolgreich in Kon­kurrenz mit derHarmonie-Zürich" und einigen Mannheimer Vereinen. Nachdem Schuler krankheitshalber das Dirigenten­amt niederlegen mußte, übernahm zunächst Heinrich Kl ah re (ehemaliger dritter Kapellmeister der Franffurter Oper), nach dessen Tode Georg Krug die Leitung des Vereins; feit zehn Jahren ist Gustav Trautmann der musikalische Leiter des Vereins. Inzwischen ist der Verein an Mitgliederzahl sehr gewachsen, sodaß er jetzt 110 aktive Sänger zählt. Der Schuler'sche Chor hat, getreu seinem Wahlspruch:Vorwärts streben, nimmer müde, wie im Leben, so im Lied e", unter den genannten Dirigenten, wie besonders unter der energischen gewissenhaften Führung Trautmanns fleißig weiter gearbeitet und genießt auf dem Gebiete des deutschen Männer­gesanges einen musikalffch guten Ruf! Er hat in fleißiger Arbeit diesen Ruf nicht in Frankfurt allein, sondern auch aus­wärts, so z. B. durch ein im Sommer 1902 in Nürnberg stattgehabtes Konzert, noch vermehrt. Sein jetziger Dirigent, Herr Gustav Trautmann, hat, unbeeinflußt von allen modernen Üebertreibnngen auf dem Gebiete des a capella Gesanges, seinen Verein, welchem er auch nach seiner Berufung nach Gießen treu geblieben ist, auf eine respektable Höhe der musikalischen Leistungsfähigkeit gebracht. Wir sehen ohne Zweifel einem großen Kunstgenuß entgegen. Ueber das Programm werden wir dem­nächst etwas genauer berichten. . . . r.

Frankfurt, 26. Mai. Die musikalische Welt Frankfurts ist eben mit den letzten Vorbereitungen für die 4 0. Tagung des Allgemeinen deutschen Mnsikvereins beschäm tigt. ImSalbau" finden lang ausgedehnte Proben für die einzelnen symphonischen und Kammermusik-Aufführungen statt, teilweise im Beisein der Komponisten, die bereits größtenteils in Frankfurt ein getroffen sind. Der Schöpfer der Festoper Herr Waldemar von Bausnern weift schon längere Zeit hier. Unter seinen Angen vollzog sich die Einstudiernng der technisch ungemein schwierigen dreiaktigen OperDer Bundschuh", die morgen (Freitags abend vor einem Parkett von Musikern und Kompo­nisten in Szene geht. Kapellmeister Dr. Kunwald wird das Werk aus der Taufe heben. Das Suiet behandelt ein ttagisches Ereignis aus dem armen Konrad, den Bauernkriegen die Erstürmung der Helfensteiner Burg durch die Bauern und der Untergang des Grasen von Helfenstein. Das Textbuch rührt von Otto Erler her und zeichnet sich durch geschickte Entwicklung, sicheren Szenenaufban und eine gewisse Realistik aus, nur gegen Ende des Dramas stockt der Fluß der Handlung. Die Musik besitzt Kraft, dramatischen Schwung und zweifellos interessante instrumentattve Züge, denen die melodiösen nicht nachstehen sollen. Die einzelnen Partien sowohl, wie der ganze szenische Apparat und nicht zum mindesten die Partitur selbst stellen die größten Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Oper. Außer Baus­nern studiert Richard Strauß, eben erst aus Amerika zurück- gekehrt, wo er übrigens, was ihm vielfach übel genommen worden ist, u. a. auch in einem großen Warenhause konzertiert hat, seineSinfonia domestica" ein, welche die Widmung trägt: Meiner lieben Frau und unserem Jungen. Das Werk beansprucht ein Orchester von 108 Instrumenten und wird durch seine stilistischen Konttaste überraschen. Von starker Wirkung dürsten, nach den Proben zu schließen, der erste Satz (der Mann) und der zweite (die Fran) sein, der sehr kapriziös gehalten ist. Jean Louis Nicod6 ist aus Dresden hierhergekommen, um der Vorbereitung seiner Symphonie in einem Satz,Gloria", ein Sturnr- und Sonnenlied, beizuwohnen. Die umfangreiche Arbeit verwertet in den beiden Schlußteilen als Zitate dasDona nobis pacem" auch dasMissa solemnis" und den Anfang des Wach-aus-Chors aus denMeistersingern"; das ganze ist ein Tongemälde von viel­fältigsten Reizen. Siegmrmd von Hausegger, der Dirigent der Museumskonzerte und Festdirigent, bringt eine programmatische Dichtung:Wieland der Schmied" zur Aufführung. Bruno Walter ist aus Wien gekommen, um seinesymphonische Phan­tasie" einzustudieren. Im Publikum bringt man der Parade des modernen musikalischen Schaffens das größte Interesse ent­gegen, die einzelnen Festkonzerte-werden vor ausverkaustem Saal vor sich gehen.

Mannheim, 26. Mai. Bei der heutigen Fesffitzung dct Hauptversammlung des Vereins deutscher Chemiker wurde die alljährlich vom Verein zu vergebende aoldene Liebig- Medaille an Tirektor Dr. Kai sch in Ludwigshafen für hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der angewandten Chemie verliehen.