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26/01/1904 Drittes Blatt
 
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haft auch das 5?oH dies foiH. Freilich erscheinen seht wieder die Scharfmacher und fordern Maßnahmen gegen die immer mehr an» wachsende Sozialdemokratie. Da ist cs bon großer Bedeutung, daß die Thronrede nur bon großen, neuen sozialen Aufgaben spricht. Tas rst eine deutliche Absage an die Scharfmacher. (Beifall beim Zentr.) r!aQtdjcfrs.et^,. raf Posadowvky: Nachdem bont ho^n Hause beschlossen ist, die Gebiete beim Reichsamt des Innern einzulcilen, halte ich cs meinerseits für praktisch, daß ich dazu beitrage, durch eine möglichste Beschränkung die Verhandlungen abzukiirzen. Ich will daher nur auf das eingchcn, was Herr Abg. Trimborn gesagt und gefragt hat.

AH zunächst oarnach erkundigt, wie es mit der Aus­dehnung der .nrankenkaßcnbcrsicherung auf die Heimarbeircr stehe. Durch das Gesetz vom 30. Juni 1900 sollte die Möglichkeit gc- sct)affen werden, die Krankcnkassenbcrsickierung durch Statut auch auf die Heimarbeiter anözudehnen. Es ist bereits ein solches Staiut im Reichsamt des Innern ausgcarbeitet worden. Dasselbe sicht als Sitz der Krankcnkasscnbersichcrung den Wohnsitz des HeimarbUters an. Der preußische Herr Handclsministcr war aber anderer Ansicht. Er wollte als Sitz der .Krankcnkasscnbcrsicherung den Sitz dcS Arbeit­gebers feststcllen. Tas schien aber gänzlich uninöglich. Ter Betrieb des Arbeitgebers konnte schon aus dem Grunde nicht als Sitz der Krankenkasscnbersicherung gelten, tocil doch Heimarbeiter bei bcrschic- gcbcrs feststellen. Das schien uns aber ganz unmöglich. Ter Betrieb des preußischen Herrn Handelsministers war es uns ganz unmög­lich, das Gesetz bom 30. Juni 1900 überhaupt in Kraft zu fetzen. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als die Ausführung oieses Planes zu verschieben bis zur allgemeinen Revisioii des Kranlcn- versicherungsgcsches. Auch der Herr preußische Handels­minister wünschte eine solche Revision. Ten Zeitpunkt derselben kann ich freilich noch nicht angeben. Ich glaube, daß er allzulange nicht mehr wird auf sich wartcii lassen können.

Der Herr Vorredner hat den Wunsch ausgesprochen, daß unsere drei großen Versicherungsgesehe in eins vereinigt werden sollen. Will man das tun, so muß eine eigene selbständige Organisation geschaffen werden und das hängt wieder davon ab, welchen Umfang die sozial­politische Versicherung überhaupt annimmt. Es muß also erst ent­schieden werden, wie weit die Krankenversicherung auszildchnen ist, ob die Dienstboten, das Gesinde, die landwirtschaftlichen Arbeiter mit einbezogen werden sollen, nsw. usw. Zunächst müssen alle diese Forderungen in irgend einer Form erfüllt werden und wenn man in dieser Art über den Umsaua unserer Krankenversicherung im klaren ist, dann erst kann ein einheitlicher Rahmen für dasselbe geschaffen werden.

Was die Witwen- und Waisenversichcrung anlaiigt, so will ich jetzt schon aus der Denkschrift, die ich dem hohen Hause vorlege, Mitteilen, daß, wenn dieser Gedanke wirklich Gestalt annehmen sollte, daö Reichsamt des Innern für diese Versicherungsart eine besondere Organisation für angemessen hält. Tie verlangte Enquete über die Handwertcrorganisation mußte um ein Jahr ver­schoben werden, da mit dieser Enquete erhebliche Kosten verbunden sind und der Reichsschatzsekretär die Bitte ausgesprochen hat, daß man mit einer solchen Ausgabe noch ein Jahr warten möge. Bel dem gegenwärtigen Stand der Finanzverhältnisse hat ein feder Ressortchcf die Vcrpflichcnng, selbst dazu bcizutragcn, daß eine Balcmzicrung des Etats ermöglicht wird. (23cifall rechts.) Daher glaube ich recht getan zu haben, daß ich diesem Wunsche Rechnung trug, umsomehr, als wir nach einem Jahre besseres Material über diesen Puntt haben werden. Es ist der Wunsch ausgesprochen worden, daß die Berichte der Handelskammern allen wcitgiicDcrn dieses Hauses zugehen sollen, ferner, daß sie nach einem einheit­lichen Schema aufgestellt werden. Ich halte ersteres bei dem Um­

fang dieser Berichte nicht für möglich; ich werde aber dafür Sorge tragen, daß eine größere Anzahl Exemplare dem Hause zur Ver­fügung gestellt werde, so daß diejenigen, die sich besonders dafür interessieren, sie erhalten. Dem zweiten Wunsche wird nach Mög­lichkeit Dledjnuna getragen werden.

Was die Ausdehnung der Arbeiterschutzgesetzgebung auf die Hausindustrie anlangt, so kann ich jetzt schon bemerken, daß ein Gesetzentwurf betreffend den Schutz der in dec Zigarrenindustrie beschäftigten Arbeiter festgestellt und schon in nächster Zeit dem hohen Hause zugehen wird. Der Wunsch, nach französischem Muster ein Verzeichnis aller Jndusttieen aufzustellen, in denen Frauen und jugendliche Personen nicht beschäftigt werden sollen, ist auf Bedenken gestoßen. Man ist der Meinung, daß die einzelnen Industriebetriebe in Bezug auf die Favrikalionsmelhoden doch zu große Verschiedenheiten aufweisen. Dagegen wird der Weg be­schritten werden, allgemein festzustellen, welche Arbeiten für Frauen und jugendliche Personen nicht zuträglich sind.

Ich will zum Schluß noch Herrn Trimborn für bi» warmen Worte danken, mit denen er des dahingeschiedenen ausgezeichneten Beamten, des Präsidenten des kaiserlich statistischen Amtes, gedacht hat.

Abg Fischer-Berlin (Soz9: Wenn man dem Abg. Trimborn glauben wollte, wäre bei uns alles wunderschön, er sprach sogar von dem frischen, sozialen Zug, der durch die Thronrede ging. Aber dasselbe Zentrum, das jetzt so arbeiterfreundlich tut, hat gegen die meisten unserer Anträge gestimmt und selbst sich gegen die Re ichsge wc rbe - A ufsicht ausgesprochen Sozialpolitik, ja! aber tosten soll sie nichts, da man das Geld für das Militär braucht. Wir wollen eine wirkliche Sozialpolitik, die nutzbringend ist. Was lind denn die Millionen, die man bisher bewilligt hat, der Zoll­tarif legt den Arbeitern ja das Drei- und Vierfache von Lasten auf. Die paar Dutzend Resolutionen zeigen doch, daß das Wichtigste in der Sozialpolitik noch fehlt. Jrn Schneckengang gehl cs bei uns vorwärts, der Staatssekretär hat ja selbst eine Schonzeit für Die Unternehmer gefordert. Wenn die Arbeiter sich allein auf die offizielle Sozialpolitik verlassen wollten, so würden sie nicht weit kommen. Zum Glück haben sie sich Organisationen geschaffen, die ihnen eine wirksame Selbsthilfe gewähren Tie deutschen Gewerk­schaften haben wie die Zusammenstellungen desKorrespondenz- blattcs dec Gencralkommission der Geiverkschaften Deutschlands" ausweisen im Unterstützungs- und Versicherungswesen weit mehr für die Arbeiter geleistet, als alle Wohlfahrtseinrichtungen zu- lammengcnommen. Und die ganze Sozialpolitik? Sie ist doch nur auf das Drängen der organisierten Arbeiter gekommen und nicht etwa wegen der schönen Resolutionen des Zentrums. Und daher ist und Dleibt das Wichtigste für die Arbeiterschaft: Siche­rung und Ausbau des K o a 1111 o n S rechtes. Wir pfeifen auf die ganze Arbeiterschutzgeschgebung, wenn dafür das Koalitions­recht angctastct wird. Wie aber verfährt die Regierung dal Es heißt: sie stehe über den Parteien! Vielleicht! Aber ganz sicher stehl sie nicht über den Klassen! Ist nichtim Namen des Königs" die schnödeste Klassenjustiz geübt worden? Hat die Regierung nicht aus die Taten eines verlumpten Idioten und eines bedauernswerten Geisteskranken das Sozialistengesetz geschaffen. Gegen den Umsturz" war es gefordert, gegen die Arbeiterkoalitionen wurde es angewandt, damit die Unternehmer die Löhne ihrer Arbeiter drücken konnten! Und hat man es später anders getrieben? Was ist nicht alles gegen die verhaßten Arbeiterorganisationen geschehen! Man Hal später dassoziale Königtum" erfunden. Nun, diese Idee hat ja mittlerweile unter tätiger Mitwirkung des Zentral- verbandes deutscher Industrieller jämmerlich Pleite gemacht. Die

Arbeiter wurden bei jeder Gelegenheit beschimpft. Der Oberhof- meister der Kaiserin von Mirbach, der die Nase nicht zu hoch trug, um bei Sozialdemokraten und Juden betteln zu gehen, sprach sogar vonsozialdemokratischen Rhinozerossen". Ter Oberhofprediger Ohly _ sagte, die Arbeiter seien Bestien, denen man den Fuß auf den Nacken setzen rnußle. Jedesmal, wenn Arbeiter geknechtet wurden, sind auch die Pfaffen dabei (Pfui! im Zenttum), das haben wir auch in Crimmitschau gesehen. Wo soll daher das monarchische Gefühl bei den Arbeitern Herkommen. In Crimmitschau hat sich die Regierung auf Seite dec Unternehmer gestellt und hat den Arbeitern die wichtigsten Grundrechte genommen. Nicht wir, sondern die sächsische Regierung hat hier Parteipolitik getrieben. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Staatssekretär Graf Posndowskh: Der Abg. Fischer schützt die sozialpolitische Gesetzgebung sehr niedrig ein. Ganz mit Unrecht. Seit Einführung derselben hat sich die ganze Lebens­haltung der Arbeiter wesentlich gehoben. Daß der Abg. Fischer auch den Frh. v. Mirbach hineingezogen hat, halte ich nicht für richtig. Frhr. von Mirbach ist nicht Mitglied dieies Hauses, auch nicht Staatsbeamter. Daß die Regierung den Arbeitern das Recht nehmen will, sich zu Koalitionen zusammenzuschließen, ist nicht wahr. Die Gegensätzlichkeit zur Sozialdemokrattc liegt darin, daß die Sozialdemokratie das allgemeine Kollcttiveigentum ein­führen will. Das Proletariat soll herrschen. Die Geschichte kennt aber fein Beispiel einer dauernden Herrschaft des Proletariats. Wo eine solche vorübergehend borkarn, da war sie mit Greueln und Schrecken verbunden. Die große Masse kann nicht regieren, weil sie nicht regie­rungsfähig ist. Nach dem Gesetze sollen alle Staatsbürger gleichberechtigt sein. (Sehr richtig links . Aber die Negierung kann immer nur in den Händen einiger Persönlichkeiten liegen. Selbst wenn das Proletariat zur Herrschaft kommt, selbst wenn Sie Ihren sozialdemokratischen ZnlunftSstaat einrichten, so wird sich doch immer eine Herrschaft einiger daraus entwickeln, der besten, der gebildetsten, der in­telligentesten. (Lachen links.) Wenn Sie heute den Zukunftsstaat errichteten, würden Sie dasselbe beobachten. In der Republik ist die Herrschaft des Geldes am größten Wenn die Aristokratie des Geldes irgendwo in ihren Ausschreitungen bekämpft ist, bann geschah cs in der Monarchie. Gerade die Monarchie ist die idealste Regicrungsform auch in Ihrem Interesse. Die kaiserlichen Erlasse waren doch der Ausgangspunkt der ganzen sozialpolitischen Gesetz­gebung. Wir können auf dem Boden der Sozialpolisik mir lang­sam Schritt für Schritt fortschreiten, Sie selber bestreiten nicht, daß Fortschritte schon gemacht sind, und das haben Sie der Monarchie zu verdanken.

Daß bei einer so großen Bewegung wie in Crimmitschau auch einzelne Mißgriffe untergeordneter Polizeiorgane borgefommen sind, ist ganz natürlich; aber wo sie vorgekommen sind, bat man sie auch redressiert. Keine Regierung aber xann sich der Pflicht entziehen, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. (Beifall.)

Sächsischer Bundesratsbevollmächtigter Dr. Fischer bemerkt, daß er später, bei der Resolution über den Maximalarbeitstag, einen ausführlichen Bericht über den Streik in Crimmitschau ab­statte n werde. Heute sei er noch nicht in der Lage dazu, aber auf­geschoben sei nicht aufgehoben.

Hierauf vertagt das Haus die weitere Beratung auf Dienstag 1 Uhr.

Schluß 6% Uhr.

Jer Ausstand der Kereros.

Gestern nachmittag kurz nach Fertigstellung unseres Blattes erhielten wir folgendes Telegramm:

Berlin, 25. Jan. Ter Kommandant des KreuzersHabicht" übermittelt ein durch Kaffernläufer aus Windhuk am 17. Januar überbrachtes Telegramm: Windhuk ist dauernd bedroht, abrr stark befestigt. Durch die Einstellung sämtlicher Flüchtigen und Buren ist die Garmson auf 280 Mann gebracht. Zweite Kompagnie ist von Süden her im Anmarsch. Das Gelnrgs» geschütz ist von Nehoboth znrückbeordert. Außerdem sind hier' zwei Maschinengewehre. Ter Entsatzversuch von Okahandja ist mit großen Verlusten gescheitert. Die Patrouillen wurden sämtlich zurückgeschlagen. Am 15. Januar war eia erfolgreiches Eikundigungsgefrcht bei der FarmHoffnung". Gefallen find der Reserveoffizier Boysen, der Unteroffizier Pasch, der Rekrut Weiß, die Landwehrmänner Zueldt und Rudolf Tro eltzsch, der Reservist Germinsky und Lokomotiv- führet Takert. Ermordet wuiden die Ansiedler Eng- b ar th, Ko rzarski, Tausend freu nd mit zwei Kindern, Pilet mit zwei Kindern und Stüber. Biele sind ver­wundet.

Eine uns heute früh zugegangenen ausführlichere Meldung wiederholt die Mitteilungen und teilt noch fol­gendes mit:

Ter Kommandant des KanonenbootesHabicht" tele­graphiert aus Swakopmuud: Tie Bahn ist noch immer unterbrochen; hinter Karibik ist sie wieder durch c 9 e n z erst ört. Ein Zug ging am 24. d. M. nur bis 209 Kilometer. Folgendes Telegramm vom 17. aus Windhuk: Schutztruppe (verstümmelt) meldet durch Kaffcrnboten zu Fuß voui 17. nach Otjimbingwe-Kubas folgendes: Soeben gemeldet fünf Haufen Hereros sind auf Marsch nach Windhuk. gez. Techvw.

Tie , Nordd. Allg. Ztg." ist in der Lage, zu den Wb- uugen. über cinc Auflehnung der Ein geborenen am Tistriktsort Malt a h ö h e folgendes mitzuteilen: Der Trstrrttschef von Maltahuhe war mit einer Expedition gegen die Bvndelzwarts ins Feld gerückt und lwß einen Ges reiten der Sclmtzlruppe als Vertreter zurück. Tie ein­geborenen Polizisten, Arbeiter und Gefangene benutzten die Abwesenheit des Tistriktsckiefü zur Meuterei. Das Ergebnis der Untersuck-ung über die Ursachen der Auf­lehnung liegt noch nicht vor, jedoch kann schon jetzt mit Bestimmtheit angenommen werden, baß ein direkter Zusammenhang d cr M eu t crc i mit den Bon­de l z w a r t s nicht besteht. Die Ruhe tonnte ohne Mühe Wiederhergestell t werden. Es gelang, den größten Teil der Aufwregler zu sangen und den Meuterern sieben Gewehre, gestohlenes Vien und 960 Mk. geraubten Geldes abzunehmcn. lieber Verluste an Menschenleben wird von feiten der Weißen nicht berichtet, daher ist die Hoffnung zulässig, daß die Nachricht von der Ermordung eines Ehepaars Jäger unzutreffend ist.

Ter Llo.)ddamp,erDarmstadt" mit dem Marineexpedi- tionslorps für Teutschsüdwestairila an Bord, passierte am Samstag 21/2 Uhr nachmittags Quessant.

Tie ait) amtliches Ersuchen vom Zentralkomitee vom Roten Kreuz für die Expedition nach Südwestafrika zu stellenden sechs tian.p^rtaolen K rankend a rau en mit gesamtem Inventar wurden am 25. d. Mts. vom Depot des Roten Kreuzes in Neubabelsberg nach Hamburg abgesandt, um auf dem am 30. Januar abgehenden Tamp,er oer fruchtet zu werden. De'- Wert der Malerialsendung be­trügt ctiua 130000 Mk. Weitere wertvolle Hilfsmittel für

>die Behandlung von Verwundeten folgen mit einem der nächsten Dampfer.

Ter kaiserliche Kommissar und Militärinspekteur der freiwilligen KrankerU>ftege Graf Solms-Baruth macht fol­gendes bekannt: Ueoer die Ausdehnung und die Art un Weise der erwünschten freiwilligen Hilfsrätigkeit für die kämpfenden Truppen in Teutschsüdwestafrika gehen mir nur je nach Bedarf von den zuständigen Behörden Mit­teilungen zu, welche ich veröffentlichen werde. Um eine Zersplitterung der Hilfstätigleit zu vermeiden, bitte ich, alle in Aussicht genommenen Gaben ausschließlich den Ver­einen vom Roten Kreuz und den Ritterorden zuzuführen.

Nach einer Kieler Depesche tritt der Stab des Ma­rine-Expeditionskorps am 1. Februar die Aus­reise nach Swakopmund mit dem Dampfer Adolf Wüi> mann an. Ter endgiltigen Bestimmung zufolge werden keine Tispositionsurlauber in das Seebataillon einge­zogen.

parlamentarisches.

Berlin, 25. Jan. TieNational-Ztg." berichtet: Tie nationalliberale Reichstagsfraktion brachte nach dem Vorgänge anderer Fraktionen ihre früher ge­stellten Initiativanträge jetzt ebenfalls in Form von Re­solutionen zum Etat des Reick)stages (Anwesenheits­gelder) bezw. zum Etat des Reichsamtes des Innern ein.

Dresden, 25. Jan. Tie gestrige Versammlung des nationalliberalen Landesvereins Sachsens er­klärt die Wahlvorsckläge der Regierung für annehmbar und verlangt eine Reform der ersten Kam­mer, und eine gesetzliche Vertretung der übrigen Er­werbsstände neben der Landwirtschaft. Die Versammlung verwirft für die zweite Kammer jede berufs- tänbige und Klassenvertretung sowie den Zensus. Tie Ber- ammlung befürwortet das Pluralsystem nach dem Alter >er Wahlberechtigten oder nach einer besonderen Stiftung für den Staat.

München, 25. Jan. Am Schlüsse der heutigen Sitz­ung der Kammer der Abgeordneten kam es ge­legentlich der Beratung des Justizetats zu einem Zwi­lche ns al l. Ter sozialdemokratische Abg. Segitz begann den jüngst konfiszierten Artikel desSimplicissi- m u s" zu verlesen. Ueber die Zulässigkeit dieser Verlesung entstand eine längere Geschäftsordnungsdebatte. Tie libe­ralen und die sozialistischen Redner traten für die Zulässig­keit ein, da die Geschäftsordnung kein diesbezügliches Ver­bot enthalte, während die Mitglieder des Zentrums und der Präsident Tr. v. Orterer die Verlesung für unzulässig hielten. Bei der schließlichen namentlichen Abstimmung darüber stellte sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses heraus.

Ium Arande von Aalesund.

Tie Verteilung der Lebensrnittel am Quai zu Llalesund ging unter gewaltigem Andrang vor sich Es ehlt in allen Gesellschaftsklassen an Lebensmitteln. Tie Hilfsangebote werden mit dankbarer Begeisterung ange­nommen. Viele sind zu Tränen gerührt über die Hilfe des deutscher^ Kaisers. Während der Auswanderung aus der Stadt kamen mehrere Personen zu Schaden. Einige Kranke wurden von «chlagau- allen betroffen und st arben. Ticker, übelriechender Much hüllt die Brandstätte ein.

Tie Wertpapiere und das Bargeld der Kredit­bank smd durch den Brand verloren. Viele der Ein­wohner hatten nichts versichert. Außer den bereits gemclbel n b. ubeii ist auch das neue städtische Museum

niedergebrannt. Mehr als 10000 Me-iich e n sind n o ch obdachlos. Gaben laujen aus allen Getze'-den en. In allen norwegischen Städten biid.t.n sich H: f .LmiieeS.

Ter deutsche Kaiser überwies dem hamburgischen Hilfskomitee für Aalesund für Anscyafsung Don Kleidungs­stücken und Lebensmitteln die Summe von 10 000 Mark und richtete an den Generaldirektor Baltin ein Telegramm, in dem er denselben beauftragte, den Mitgliedern des Roten Kreuzes und den Beamten und Arbeitern der Ham- burg-Amerikalinie, soweit dieselben an der Hilfsexpedition des TampfersPhönieia" teilgenommen haben, seinen wärmsten Tank auszusprechen.

Ein Appell an die Mildtätigkeit der Bürger Bre­mens zu Gunsten der heimgesuchten Einwohnerschaft Aalesunds fand wärmste Aufnahme. Aus allen Stadtteilen ging eine große Menge an Kleidungsstücken und andere Hilfsmittel bei dem Gepäckbureau des 9dordd. Lloyd ein. Ta die Sendungen teilweise zu spät eintrafen, um mit derW eimar" noch befördert zu werden, werden die Liebesgaben mit dem DampferAstcarte", den die Neptun- gesellscyaft zur Verfügung stellt, nach Aalesund nachgesandt.

Auf die Meldung von iber Abfahrt uerWeimar" nach Aalesund und von der lebhaften Unterstützung, welche die Hilfsexpedition durch Zuwendungen der bremischen Be­völkerung gesunden hat, ist dem Generaldirektor Wiegand folgendes Telegramm des Kaisers Wilhelm ru- gegangen: herzlichsten Tank! Die schnelle Hilfe roub gewiß sehr zur Linderung der großen, plötzlichen Not bei­tragen. Ich werde den Kapitän v. Gramme benachrichtigen. Für Bremens toarmen tätigen Anteil an der Organijation der Hilfe sagen Sie meinen besten Dank. Wilhelm."

Tas dänische Marineministerium sandte ein Kriegs­schiff mit Proviant und Kceidungs,cüaen sowie Tecren nach Aalesuud ab. Das dänische Kriegsministerium sandte 520 Zelte und Proviant ab. Unter Vorsitz der Kronprinzessin Luisa von Dänemark hat sich hier ein Hilfskomitee für Aale­sund gebildet.

L"- .. ..... . i'-SSSt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 26. Januar 1904.

♦♦ Ernennung. S. K. H. der Groß Herzog haben Allergnädigst geruht, am 23. Januar den praktischen Veterinärarzt Karl Gerhard aus Lang-Göns zum Kreisveterinärarzt des Kreisveterinäramtes Oppenheim mit Mrkung vom Tage seines Tienstantritts zu ernennen.

** Kanarien-Ausstellung. Tie Ausstellung er- reute sich eineß sehr guten Besuchs. Sie wurde am Sonntag abend geschlossen. Von den Ausstellern erhielten unter scharfer Konkurrenz folgende Herren Ehrenpreise: 1. Ehrenpreis und goldene Medaille: K. Schneider, Gießen, 2. Ehrenpreis und goldene Medaille: Herrn. Dauer, Llltena, 3. und silberne Medaille: H Schnake, Hannover, 4. und ilb. Med.: Peter Meier, Köln, 5. silb. Med. und Gesamt­ehrenpreis: A Felsing, Gießen, 6. silb. Med. und Gesamt- Ehrenpreis: K. Walter, Fritzlar. 7. Georg Haubach, Gie­ren, 8. Wilhelm Leichtweiß, 9. Louis Rolosf, 10. Louis Petri, 11. Heinr. Keil, Gießen. Tie silberne Medaille er­hielten: Richard Flügel, Hannover und Bernhard Kerst, Hannover. Für Sämereien erhielten die goldene Medaille: K. Eichmann, die silberne Medaille: Edgar Bormann, Gie^ jen. 1. Preise bekamen: L. Flemming, Globenstein, und Karl Müller, Frankfurt.

Kerichtsjaal.

Dresden, 25. Jan. Tas Kriegsgericht der 23. Division verurteilte den U l a n e n r i t t m e i st e r v. H n p f e l d wegen ^istolenduellS mit dem Schriftsteller v. Dmptcba ui e chs Monaten Festungshaft.