Nr. 251
Zweites Blatt.
154. Jahrgang
Dienstag 25. Oktober 1904
Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siebener Kamilienblätter- werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Giehener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der BrÜhlsschvr UniversitatSdruckerei. 9t Lange. Gießen.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Gchulstr.K» Tel, Nr, 6L Telegr«-Adr. ♦ Anzeiger Gießen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.
Aad-Wanyeim und der Ainanzausschuß.
Der Bericht des Ersten Ausschusses (Nef. Abg. Ulrich) Über die Regierungsvorlage, betreffend Bad- Nauheim, und zugleich auch über die gestern von unS erwähnte Vorstellung der Dampfwaschanstaltsbesitzer Menzel u. Schönwasser in Bad-Nauheim, liegt jetzt gedruckt vor. Er legt aus 19 Seiten erschöpfend und verständig auseinander, was unseren Lesern bereits aus zwei größeren Original- Artikeln im wesentlichen bekannt ist, und befürwortet warm die Annahme der Regierungsvorlage.
In Bezug auf die Dampfwaschanstalt wird aus- geführt:
„Tie Tampfwaschanstalt ist im Interesse der Wäsche für die Kurgäste ein dringendes Bedürfnis geworden, da die Privat- waschansialten außer stände waren, den Klagen über die Wäsche gerecht zu werden und es sich dringend empfiehlt, das Bad unabhängig zu machen von denPrivat-Wäsche- reien — genau fo wie dies seinerzeit bei der llniversitäts- wäscheret in Gießen geschehen ist. Die bisherigen Privat- wüschcr Menzel u. Schiönwasser G. m. b. H. haben gegen die Er- richtung der Waschanstalt petitioniert, um sich den Auftrag zu erhalten. Tas was in der Petition gesagt witt>, kann den Ausschuß nicht veranlassen, zu einer anderen Auffassung zu kommen, als vorstehend wiedergegeben."
Dec Bericht schließt mit folgenden Ausführungen:
„Tas Bad Nauheim hat den Staat bisher nod) feinen Pfennig gekostet; es hat im Gegentell der Staatskasse, ganz abgesehen davon, daß durch die gesteigerten Einkommen usw. der Einwohn er schäft Nauheims erheblich mehr an Steuern zugesührt wurden — nicht unbedeutende direkte Zuschüsse geleistet." An diesem Zustande soll und wird durch die Regierungsvorlage nichts geändert. Sowohl die Verzinsung als auch die Abtragung der 6 41)6 000 Mark erfolgt ganz allein aus der Kasse des Bades, und die bisher in die Staatsfasse abgeführten 100 000 Mark pro 3 aj i werden auch für die Folge alljährlich in die Staatskasse fließen. Tamit ist auch der Versuch, es so hinzustellen, als hätte Hessen ein den 100 000 Mark entsprechendes Kapital bei Uebernahme des Bades hingegeben widerlegt. Bad-Nauheim siel 1866 beim Friedensschluß mit Preußen an Hessen, ohne daß dafür irgendwelches Kapital aufgewendet zu werden brauchte. So Tönernen wir bei Prüfung der Vorlage zu dem Schlußrefultat, daß das Bad Nauheim ein wertvolles Kleinod hinsichtlich seiner Wirkungen für Kranke, aber auch im Hinblick auf die f i n a n z i e l l e B e d e u t u n g für das Großherzogtum Hessen ist. Der Ausschuß erkennt im allgemeinen den vorliegenden Generalplan für die Ausgestaltung der staatlichen Anlagen von Bad-Nauheim als empfehlenswert an und beantragt einstimmig:
1. zu genehmigen, daß für das Etatsjahr 1904 noch 1 688 600 Mark — und für das Etatsjach: 1905 1 239 500 Mark — im Wege des Staatskredits unter den gleichen Bedingungen, wie sie im Artikel 3 des Finanzgesetzes vom Jahr 1904 angegeben sind, flüssig gemacht werden, um mit den Bauten beginnen zu können,
2. zuzustimmen, daß die aus dem Verkauf des zu den Staatsdomänen gehörigen Salinengeländes zu erzielenden Einnahmen dem Erneuerungsfonds für Bad-Nauheim zufließen, mir der Bestimmung, daß sie zur Verminderung der Kapitalaufnahme oder zur Tilgung des Anlehens dienen sollen,
3. die Großh. Negierung zu ersuchen
a) zu prüfen, ob und in welcher Weife für Minderbemittelte weitere Erleichterungen eintreten können,
b) beim Abschluß von Verträgen mit Unternehmern möglichst darauf zu sehen, daß die mit den Arbeiterorganisationen vereinbarten Löhne und Arbeitsbedingungen anerkannt und Streiks oder Aussperrungen nicht Naturereignissen gleichgestellt werden,
4. die Erngabe der Dampfwaschan staltslh esitzer Menzel u. Schönwafser G. m. b. H. für erledigt zu erklären.
Dolitische Tagesschau.
Minister v. Budde.
R. Br Hin, 24. Oktz
Nach einem in großinoustriellen Kreisen umlaufenden Gerüchte soll der preußische Eisenbahnmmister demnächst zurücktreten, umdieLeitungderKruppschenWerke zu übernehmen. Wie wir auf drrekte Erkundigung erfahren, trifft dies Gerücht nicht zu. Herr v. Budde hat um
so weniger Grund, sich ins Privatleben zurückzuziehen, als die Aussichten der K a n a l v o r l a g e sich entschieden g ü n - [tiger gestaltet haben. Ties gilt sowohl für den Groh- schisfahrtsweg Berlin-Stettin, wie für den Rhein-Hannover- Kanal. Für den letzteren glaubt das Zentrum das „erlistende Wort" gefunden zu haben, dem auch die Konservativen Folge leisten würden.
Der Geburtenüberschuß in Deutschland.
S. W. K. Trotz der schlechten Zeiten hat sich der Geburtenüberschuß im Deutschen Reiche nach den letzten statistischen Veröffentlichungen im Jahre 1902 wieder erheblich gegen das Vorjahr gemehrt. Wahrend er 1901 nur 857 824 betragen hat, bezifferte er sich 1902 auf 902 243, zeigt also eine Vermehrung von 5 Prozent. Die Zunahme von 1900/1901 bezifferte sich allerdings auf rund 13 Proz., es kommt dabei aber in Betracht, daß 1899/1900 sich eine Abnahme von 4.5 Proz. ergeben hatte. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß die Zahl der Neugeborenen überhaupt eine Abnahme von 36.9 aus 36.2 pro Mille zeigt und auch die Zahl der Lebendgeborenen von 35.7 auf.35.1 pro Mille herabgegangen ist. Ter Geburtsüberschuß ist also nicht dur ch die Vermehrung der Geburtszisfer, sondern durch Verminderung der Sterbeziffer entstanden, die von 21.8 auf 20.6 pro Mille gesunken ish während sie im Jahre 1900 noch 23.2 pro Mille betragen hat. lieber dem Reichsdurchschuitt des Geburtenüberschusses mir 15.t> aus 1000 Einwohner steht Preußen mit 16.4 pro Mille. Von den übrigen Staaten erreicht Oldenburg mit 18.5 pro Mille die höchste Ziffer; ihm folgen Sachsen-Meiningen [mit 17.5, Schwarzburg- Rudolstadt mit 17.2, Lippe mit 17. Tie süddeutschen Sta aten stehen im ganzen unter dem Reichsdurchschnitt: Hessen 14.9, Baden 14.3, Württemberg und Bayern je 14.2 pro Mille. Bei letzterem erreicht allerdings die Pfalz die Hohe von 18.6, wahrend Bayern rechts dem Rheine nur 13.5 pro Mille zeigt. Ten niedersten Satz weisen Eljaß-Lothringen mit 10.9, Mecklenburg-Strelitz mit 11.1 und Hamburg mit 11.2 pro Mille auf.
Auch die Zahl der Geborenen überhaupt steht in Preußen mit 36.7 pro Mille über dem Reichsdurchschnitt, wobei 'die Provinz Posen mit 43 pro Mille den höchsten Rekord erreicht, Verhältnisse, die auch für die Lebendgeborenen ungefähr dieselben Md. Am weitesten unter dem Durchschnitt bleibt Berlin mit nur 26.4 pro Mille Geborenen überhaupt. Von den übrigen Bundesstaaten erreichtSachseii- Mtenburg den höchsten Satz mit 39.8, dem allerdings 1.6 vro Mille Totgeborenen gegenüberstehen; aber selbst unter den Lebendgeborenen ist feine Ziffer die höchste. Ihm folgt Bayern mit 38 bezp>. 36.8 Lebend geborenen, Reuß j. L. mit 37.2 und Sachsen mit 36.9 pro Mille. Tie übrigen süddeutschen Staaten sind auch hier unter dem Reichsdurchschnitt. Württemberg mit 35.7, Baden 35.2, Hessen 34, die Reichslande gar nur 31.1 pro Mille. Tie niederste Ziffer weist Haneburg mit 28.4 aus; ihm folgen Waldeck und Mecklenburg-Schwerin mit je 29.3 pro Mille.
Die höchste Sterbeziffer findet sich, abgesehen von der Provinz Posen mit 24.u, bei Bayern mit 23.7, und zwar beeinflußt durch die in Bayern rechts des Rheins mit 24.3. Nahe kommen Ostpreußen mit 23.6, Westpreußen mit 23.1, Altenburg mit 23 und Hohenzollern mit 22.9 pro Mille. Tie niedersten Sätze finden sich bei Schaumburg- Lippe und Lübeck mit je 16.4 und merkwürdigerweise in Berlin mit 16.8. Württemberg und Baden sind wenig über dem Reichsdurchschnitt mit 21.5 bezw. 20.9; Hesse n weist nur 19.2 auf.
Tie Eheschließungen sind auch im Jahre 1902 wieder zurückgegangen, und zwar von 8.2 auf 7.9. Eine Steigerung gegen 1901 weisen nur Meckleuburgf-Stre'litz (um 0.7) und Lippe (um 0.3) auf. lieber dem Reichsdurchschnitt stehen besonders Bremen mit 9.5; von den größeren Staaten Sachsen mit 8.1, Preußen mi,t 8 pro Mille (wesentlich beeinflußt durch Berlin mir 9.9 gegen 14.4 im Vorjahre). Auch Hessen steht mit 8.4 pro Mille besser als Württemberg und Baden mit je 7.8 und Bayern mit 7.5 pro Mille. Die wenigsten Eheschließungen zeigte Waldeck mit 6.2 und Hohenzollern mit 6.8 pro Mille.
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Die Schulden des Reiches und der Bundesstaaten.
lieber die Schulden des Reiches und der Bundesstaaten? entnehmen wir der amtlichen FtnanzstattsM folgendes:
Tie gesamten Schulden des Reiches betrugen zu Beginn des Rechnungsjahres 1903 2813.5 Millionen Mark; darunter waren 2733.5 Millionen Mark fundierte und 80 Millionen; Mark schwebende Schulden. In den Bundesstaaten betrugen! die Schulden 11 776.3 Mill. Mart, davon 11730.2 Mill. Mark fundierte und 46.1 Mill. Mark schwebende. Im Vergleich, zum Jahre 1902 haben sich die fundierten Steichsschulden nicht geändert, doch sind nn Laufe des Rechnungsjahres 1903 290 Mill. Mark begeben worden. In den Bundesstaaten haben sich die fundierten Staatsschulden von 1901 zu 1902 um 46Ü und von 1902 zu 1903 um 471 Milll Mark erhöht, sodaß in den zwei Jahren eine Zunahme- um 933 Mill. Mark oder 8.6 v. H. stattgesunden hat. An dieser Zunahme ist Preußen mit 422, Sachsen mit 150, Bayern mit 98, Baden mit 86, Hamburg mit 52, Hessen mit 48, freuten mit 32, Württemberg mit 25 und Mecklenburg-Schwerin mit 18 Mill. Mark beteiligt. Iw Sachsen-Weimar, ' Mecklenburg - Strelitz, Braunschweig, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Koburg-Gotha, Waldeck, Lippe und Lübeck hat sich die Staatsschuld in diesen zwei Jähren! etwas verringert, am meisten verhältnismäßig in Lippe von 1.29 aus 0.82 Mill. Mark, während Schaumburg-Lippy die verhältnismäßig größte Zunahine von 0.27 auf 0.49. Mill. Mark zeigt. Anhalt und Reuß ältere Linie haben" überhaupt keine fundierten Staatsschulden. Aus den KopL oer Bevölkerung entfallen rm Reich 48.49 Mark Reichsschulden und 208.10 Mark Staatsschulden, zusammen also 256.59 Mark. Tie Staatsschulden sind verhältnismäßig ernt größten in den Hansestädten; in Bremen kommen auf den ttopf 856.04 Mark, in Hanrburg 596.54 Marh, in Lübeck 379.20 Mark; dann folgen Hes'sen mit 297.05, Würt? temberg mit 239.77, Bayern mit 236.48, Sachsen mit 233.24^ Baden mit 225.58, Mecklenburg-SchWerin mit 208.74 unp Preußen, das unter den größten Staaten am günstigsten! dasteht, mit 203.84 Mark. GanH Ausfallend gering ist dth Staatsschuld in Sachsen-Weimar mit 4.94 und Sachsen-^ Altenburg mit 4.53 Mark auf den Kops. Tie AttsgÄeni an Verzinsung, Tilgung, .Verwaltung usw. für die sundiertens Staatsschulden betragen bet der Reichsschuld 94.4 und bet den Staatsschulden 471 Mill. Mark, zusammen also 565.4' Mill. Mark oder 10.03 Mark auf den Kopf der Bevölkerung^ Auf die Staatsschulden allein entfällt ein Betrag von &36 Mark für den Kops, in Preußen ein solcher von &27 MarL; Tie Zahlen über die Höhe der fundierten Schulden find wegen der verschiedenen .Verwendung, der die Schulden in den einzelnen Bundesstaaten dienern nur mit behalt vergleichbar und verwertbar. Wie in den Hansestädten der loeitaus größte Teil ausgenommen ist KweckZ, Baues bon Verkehrs anlagen, bie wieder Einnahmen vO- wersen, so sind auch in den Eisenbahnstaateni die Eisenbahnschulden, denen ein wertendes Vermögen gegenübersteht, in den Staatsschulden mitenthalten. Sondert MM bie 'Eisenbahnschulden aus, so verbleiben von den 11.7, Milliarden Mark der Bundesstaaten nur 4.5 Milliarden reine Staatsschuld (von der noch mindestens eine halbL Milliarde aus die gedachten hanseatischen Anlagen enb* fällt), der Turchschnittsanteil an den einzelstaatlichen Schulden sinkt dann von 208,10 auf 80.15 Mk. und die AuK-j' aaebn für die Staatsschulden fallen von 8.36 auf 3.23 Mark für den Kopf. Baden tritt nach Abzug der ,&ifen* bahn schulden unter die schuldenfreien Staaten, in Würtz, temberg beträgt der Rest der Staatsschuld 15.40 Mac- auf den Kopf, in Bayern 32.40, in Sachsen 53.56, inj Preußen, das nunmehr nächst den Hansestädten und Brauw« schweig am schlechtesten dasreht, 92.04 Mark. Das lagekapital der Eisenbahnen beträgt im Reich und in den Einzelstaaten 12.69 Milliarden Acark, übersteigt also die Eijenbahnschulden, die 7.37 Milliarden Mark betragen, uml rund 5Z/2 Milliarden. V™
Der konfessionelle Kouleurftrrdent. ■ \
'Kürzlich erschien eine Broschüre aus der Feder! bejS' Grasen von Hoensbroech: „Der konfessionelle Eouleur- ftuDent, ein Wort an die Hochschuljugend". Der Graf weist auf eine Gefahr hin, die der freien Forschung an deutschen
Menschen erziehen werde, und so Gott will, auch mein Sohn werden soll, Marie. .
Ta fuhr sie empor. (Forts, folgt)
Düsseldorf, 23. Okt Heute fand die Schlußfeiev der Internationalen Kunst- und Gartenbau-Ausstellung statt. Den Ehrenpreis des Kaisers erlnclten Beterandt u. Sohn in Geldern, den Krvliprmzenpreis Otto Beyrodt-Dürrienfelde bei Berlin. Nach der Rede des Oberbürgermeisters Marx fand ein Festmahl statt. An den Kaiser und den Kronprinzen wurde» Huldigungstelegramme gesandt und ein Glückwunschteleq gramm des letzteren verlesen:
„Ich möck-te nicht unterlassen, am Schlußtage der Intet», nationalen Kunst- und Großen-Gattenbau-Ausstellung mein Be-, dauern auszudrücken, daß es mir nicht möglich war, die Ausstellung, welck-e mich bei ihrer Eröffnung in solchcnr Maße erfreute, noch eiiunal vor Sck-luß zu besuchen. Nach einstimmigem Urteil smd die Leistungen und Erfolge der Ausstellung ganz hervorragend. In eiirzelnerr Teilen steht dieselbe unerreicht da und ist durch die dar-gebotene Fülle von Anreg^ ungen ausgegangcn, welck>e Segen noch bringen lverden, allen deneil, die ihre Zeit und Kraft dem Gelingen dieses^ schönen Werkes gewidmet haben. Der Ausstellungslcitung und den Ausstellern des In- und Auslandes, soivie allen heiligten,' spreche ch für den so glänzenden Erfolg dieser unter mebient Protektorat stattgefundenen Ausstellung meinen rvärurstm Dank aus. Wilhelm, K r o n p r i n z." n —
Lübeck, 24. Okt. Mit einer Aufführung. vor: Lessing- „Miilna von Barnhelut" wurde gestern tibend die neuerbaute. Prächtig ausgestattete Stadthalle in Gegemr»art von Buir etern der Behörden und unter zahlreicher Teilnahme der EHr- wohn ersäuft eröffnet. .
— Wie aus Kopenhagen berichtet >mrd, perlangt der najtot* bische Tiäüer Au g u st Strindb erg die Schei d u n g vo» s einer dritt e n F r a u, bei gegenlvärtig in veympforS gastiv- rcnökii Schauspieleritl Harriet Bosse; er Rschuldist Uc, rUi verlassen zu bdlX'JL
Ker King.
Kriminal-Roman von O. Elster.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Halt, Herr Rat! Ich bin nicht unverschuldet in meine Lage geraten, ich beuge mich der Strafe, welche der Himmel mir auferlegt hat. Ich bin schuldig, melw als Sie glauben."
„Nun, nun, in der Jugerld rollt das Blut heiß durch die Adern. Sie sind schuldig, weil Sie zu sehr vertrauten. . . Vicin, unterbrechen Sie mich nicht! Sie kennen meine Ansichten über Ihre sogenannte Schuld. Treulosigkett hat Sie, ein gebildetes, braves Mädchen in das Unglück getrieben, dem ich Sie entreist-en durfte. Tanken Sie 'mir nicht — ich habe nur meine Schuldigkeit als Mensch getan und habe mehr Lohn für meine sogenannte gute Tat erhalten, als ich jemals erwarten durfte. Also — wenn es sich um Wohltaten hier handelt, so habe ich mehr empfangen, als Sie — wir sind quitt, vollständig quitt, liebe Marie. Ich habe jene Ruhe und Frieden gefunden und eine Häuslichkeit, die mich beglückt. Diese Häuslichkeit möchte ich nun niemals mehr missen, ich möchte sie auch nicht im Verborgenen gleichsam genießen, sondern vor aller Welt — frei und offen — kurz und gut, Marie, ich wollte Sie bitten, meine Frau zu Werben . .
„Ihre Frau! ?"
„Ja, meine Frau. Ich weiß, daß ich ein alter Mann bin, und daß ich nicht das Ideal einer jungen dreißigjährigen Frau fein kann, aber wie die Verhältnisse nun einmal liegen, dürften Sie doch an meiner Seite ein ganz zirfriedenes Leben fuhren und ich könnte für Ihre uitd Ihres Sohnes Zukunft besser sorgen, als wenn ich nur Ihr väterlick-ier Freund bliebe."
„Ihre Frau? — das ist unmöglich, Herr Rat. .. ."
„Weshalb unmöglich'? Sie stel-en allein in der Welt da, wie Sie nur oft gesagt haben, ich ebenfalls — allerdings habe ich einige V^noandte, ivcld^ mich mit außerordentlich liebevoller Lorgsal. üb«', wachen", setzte er sMlisch brnzu. „Arn liebsten
möchten sie mich alten Mann in ein Narrenhaus sperren lassen, damit ihnen ja nur kein Heller von meinem Gelde entgeht. Ja, sehen Sie mich nur so erstaunt an, liebe Marie. Hier durch diesen Brief teilt man mir mit, daß mich meine lieben Verwandten sogar hier beobachten lassen, daß sie hinter meine Schliche, wie sie es' nennen, gekommen sind. Ich solle mich in Acht nehmen, man habe die Absicht, mich unter Kuratel zu stellen. Trnken Sie nur, mich unter Kuratel!"
„Es ist abscheulich!"
. „Ja, das ist es. Aber die Habsucht, mein liebes Kind, treibt die sonderbarsten Blüten. Ich möchte nun den Herrschaften das Prävenire spielen... ich möchte nicht allein meine, sondern auch Jhre^und Ihres Kindes Zukunft sick-er stellen und deshalb frage ich Sie nochmals, ob Sie meine Frau werden wollen."
„Sie glauben doch nicht, daß ich Ihre Verwandten berauben wollte?"
.„O, was das anbetrifft, so seien Sie ganz außer Sorge. Meine Maßregeln sind getroffen. Was ihnen gebührt, erhalten sie nach meinem Tode, das Uebrige die Armen oder — Sie uird Ihr Sohn. . . ."
T4e junge Frau atmete schlver. Tann schlug sie plötzlich dte Hände vdr das Gesicht und schluchzte laut auf.
„Sffias ist Ihnen,, Marie?" fragte der Rat ängstlich. „Ist ^zhnen der Gedanke so Iwnerttäglich, meine Frau zu werden?"
„Ich kann es nicht — ich darf es nickst . . ." jammerte Marie und sentte tief das Haupt, daß es fast auf ihren itnien ruhte. Wte eine Büßende lag sie da, getvallsames Schluänzen erschütterte ihre Gestalt.
„Wollen Sie mir nicht sagen, weshalb Sie nickst dürfen, Marie?"
Tiefer janl sie in sich zusammen.
„Was Sie Ihre Schuld, Ihre Schmach nennen", fuhr der alte Herr milde fort, „kümmert mich nickst mehr. Sie haben Ihre Schuld abgebüßt und die Schmach haben Sie nicht auf ftch geloben, sondern die unuerftäubigeu Menschen. Vertrauen eie mir, Marie, ich werde Sie sicher durch bas Leben führen. Denken Sie auch an Ihren Sohn, den ich zu einem tüchtigen


