Gauner an-
Verbrennung
dieser 3 000 Mark als Sicherheit dem vertraute.
* Gelsenkirchen, 22. Juni. Bei der
Schutz der ländlichen Kinderarbeit.
Man schreibt uns:
Mißbehagen ruft in agrarischen Kreisen der Beschluß des Bundesrats hervor, der Reichstagsresolution be- Itreffenb Erhebungen über die ländliche Kinderarbeit Folge an geben. Die Umfragen seitens der Einzelstaaten werden Ifreilich geraume Zeit in Anspruch nehmen, und es ist sehr fraglich, ob sie bereits für die nächste Session zu einem Gesetz- jentwurf sich verdichten werden. Aber für die Ausarbeitung ' dieses Entwurfs ist das Reichsamt des Innern zuständig, -und dessen Leiter, Graf Pofadowsky, ist des Vertrauens der Agrarier verlustig gegangen. Man erkennt ihm hinreichendes Verständnis in landwirtschaftlichen Dingen ab. Immerhin 'ist Graf Posadowsky jahrzehntelang Landrat eines ackerbau- itreibenden Kreises in der Provinz Posen gewesen und hat 'sich dort mit dem Wesen des landwirtschaftlichen Betriebes und besonders auch mit Umfang und Art der Kinderarbeit auf dem Lande vertraut gemacht. Vielfach werden die Kinder, oft unvernünftiger Weise von den eigenen Eltern, in einem Maße zur Feldarbeit herangezogen, daß zum Besten von Eltern und Kindern, die auch einst Eltern werden sollen und in ihrer Jugend nicht überanstrengt werden dürfen, auch im Interesse der Erzielung eines kräftigen Geschlechts der Zukunft, ein gesetzlicher Schutz notwendig wird, wenn er auch nicht durchrveg unter dieselben Gesichtspunkte zu fassen ist, wie der Schutz gewerblicher Kinderarbeit.
Vermischte».
* Eschwege, 22. Juni. Heute nachmittag entgleiste bei Homberg auf der Strecke Leinefelde—Treysa ein Güterzug. Maschine und Packwagen rutschten den Damm hinunter. Acht Wagen schoben sich ineinander und legten sich aufs Gleis. Em Heizer ist tot, ein Maschinenführer schwer verletzt; er dürfte kaum mit dem Leben daoon- fommcn. Das übrige Personal konnte sich durch Abspringen vom Zuge retten. Die Strecke ist auf ungefähr hundert Meter aufgerissen. Der Verkehr wird durch Umsteigen auf
Politische Tagesschau.
König Eduard in Hamburg.
Die Freie und Hansestadt Hamburg kommt aus den Fest- Feiern nicht heraus. Sie wird am 30. d. 2)L den König von England begrüßen. Es ist das erste Mal, daß ftönig Eduard -als Gast der Hamburgischen Regierung in den Mauern der ^Hansestadt weilt. Bisher berührte er Hamburg nur inkognito Jauf der Durchreise nach oder von Kiel. Die Hamburger ^Bürgerschaft und besonders die Handelskreise werden es sich nicht nehmen lassen, ihrem Gaste einen glänzenden Empfang zu bereiten. König Eduard kommt in die Hansestadt nicht nls Repräsentant einer Staatshoheit, sondern als Oberhaupt einer Ration, die mit Hamburg einen überaus lebhaften Handel treibt. Und Hamburgs Regierung wie Bürgerschaft fönneu nichts sehnlicher wünschen, als daß König Eduard, was an ihm ift, tut, um die fiskalischen Pläne Chamberlains zum Scheitern zu bringen. Denn diese Pläne zielen auch gegen den Ausfuhrhandel Hamburgs, wie im letzten Jahresbericht der Hamburger Handelskammer des Näheren dargelegt ist.
Das englische Geschwader, das den König nach Deutschland.begleitet, ist in Sheerneß versammelt und hat ferne Vorbereitungen für die Reise beendet. Das Geschwader besteht aus den Kreuzern „Redford", „Essex", „Dido" und „Juno" und den Torpedobootzerstörern „Cherwell", „Grey- chound", „Racehorse", Roebuck", „Dove" und „Falcon".
Militärische Wandlungen.
Bon besonderer Seite wird uns geschrieben:
Die Schranken zwischen den verschiedenen Waffengattungen in Deutschland sinken mehr und mehr. Als bemerkenswert seien hervorgehoben die Abkommandierungen von Offizieren der Armee zur Marine, und die von In fanterie-OssiLiercn und -Mannschaften zur Kavallerie. So find zur Teilnahme an den diesjährigen Flottenmanövern Stabsoffiziere von in Süd- deutschland garnisonicrendeu Armeekorps beordert, und mau darr wohl annehmen, daß diese Maßregel zur Einrichtung eines „Marine-Kursus" führt, den eine bestimmte Anzahl von Offizieren der Armee alljährlich zu absolvieren hat. Eine Kommandierung von Seeoffizieren zum Heer erübrigt sich, weil die infanteristisch durchgebil- deteu Seebataillone hier die Lücke ausfüllen. Was sich durch planmäßiges Zusammenwirken von Marine und Landtruppe erreichen läßt, zeigt die erst wenige Tage zurückliegende Schlacht bei Ki n r s ch au. Der entscheidende Sturmangriff der Japaner wäre erfolglos gewesen, wenn er nicht durch das Feuer der japanischen Kreuzer reck)tzeitig unterstützt worden wäre. Die Formation „Berittene Infanterie" ist deutscherseits zum elften male gebildet worden bei der Mobilmachung für Süd - westairita. Im Bereich der Armee daheim gab cs bislang nur eine berittene Spezial-Fußtruppe: die Jäger zu Pfeide. Zur Bewilligung dieser Neuerung nmr der Reichstag nur schwer zu bewegen, und die Militärverwaltung dürfte sich von weiteren Forderungen dieser Art kaum Erfolg versprechen. Andererseits hält man es offenbar für geboten, die Infanterie wenigstens teilweise mit den Besonderheiten des Kavalleriedienstes vertraut zu machen. Eine ostpreußische Zeitung weiß zu melden, daß Jnfante'rie- regimenrer Kommandos der besten Leute in Kavallerie- Garnisonen entsenden, damit sie dort in einem mehrwöchigen Kursus das Reiten und die Pferdepflege erlernen. Die Infanterie wird also jetzl nicht nur auf die Kavallerie ausgÄildet, sondern in gewisser Begrenzung auch als Kavallerie. Mit dieser Ausdehnung der dienstlichen Obliegenheiten wachsen natürlich die Ansprüche an die Leistungsfähigkeit von Offizieren und Mannschaften, lieber Wandlungen auf dem Gebiete der Artillerie soll bei nächster Gelegenl)eit gesprochen werden.
recht erhalten. Von Elchwege tit em pllsszag aogegangen. Die Ursache der Entgleisung ist noch nicht bekannt.
* Köln, 22. Juni. Ein amerikanischer Geistlicher ist das Opfer eines geriebenen Bauernfängers geworden. Im Dom schloß der Gauner, der sich als Amerikaner vorstellte, Freundschaft mit dem Geistlichen, verpflichtete «ich, 10 000 Pfund Sterling für amerikanische Arme zu ftiften'unb händigte dem Geistlichen gefälschte Banknoten ein, wogegen
alter Dynamitpappschachteln erfolgte auf den Schlaker Hüttenwerken eine heftige Explosion. Der Schießmeister und ein Arbeiter wurden schwer verletzt.
* Bremen, 22. Juni. Der amerikanische Passagier Kent Loomis, der sich auf dem Schnelldampfer Kaiser Wilhelm II. nach Europa eingeschifft hatte, wird seit dem 20. Juni vermißt. Die bislang angestellte Untersuchung hat nur das Resultat ergeben, daß Loomis am 19. Juni 12 Uhr nachts noch in Gesellschaft eines anderen Passagiers gesehen worden ist, einige Stunden später aber kurz vor der Ankunft des Dampfers in Plymouth vermißt wurde.
* Berlin, 22. Juni. In einem Sanatorium mußte sich heute der jugendliche Geigenkünstler Franz von Veszy einer Blinddarm-Operation unterziehen, welche von Professor Dr. Sonnenburg vorgenommen wurde und einen glücklichen Verlauf nahm.
* Breslau, 22. Juni. Gestern abend war in Chai» lottenburg ein Ballon des Vereins für Luftschifffahrt m Berlin aufgefiiegen und schwebte heute früh über den Häusern von Gräbchen bei Breslau. Aus der Gondel ertönten plötzlich Hilferufe, da das Schleppseil sich an den Drähten der elektrischen Straßenbahn verfangen hatte und die Landung im ersten Augenblick sehr gefährlich aussah. Schließlich gelang der Abstieg ohne Unfall für die vier Insassen.
* Prag, 22. Juni. Heftige Gewitter mit Hagelschlag haben in ganz Ostböhmen die Ernte vernichtet.
* Brisbane, 22. Juni. Der Oberrichter von Britisch-Neu-Guinea, Robinson, erschoß sich am 19. Juni nach einer langen Unterredung mit dem neu ernannten Administrator auf Neu-Guinea. Robinson war stellvertretender Administrator, als der Regierungsdampfer „Mercy England" von Goorabi-Eingeborenen angegriffen wurde. Der Angriff, der am 3. März stattfand, wurde zwar zurückgeschlagen, aber auch auf englischer Seite waren einige Verluste zu verzeichnen.
* Tarent, 22. Juni. In der letzten Nacht stießen in den hiesigen Gewässern das Torpedoboot 68 und ein Torpedofahrzeug dritter Klasse zusammen. Letzteres, ein zwanzig Jahre altes, nur für Hafenzwecke dienendes Boot, sank. Von der Besatzung ertrank ein Matrose. Die Bergungsarbeiten sind im Gange.
* 3u Lauterbach hab' ich mein’ Strumpf verlöre n", die schöne Volksweise summt mancher in heiterer Stunde vor sich hin, ohne zu wissen, wo man diesen Ort auf der Landkarte zu fliehen hat. Zn den Vogelsberg führt ein fesselnd geschriebener Aufsatz, den Paul Heidelbach in der letzten Nummer des „Tourist", des offiziellen Organs des deutschen Tourisien- vereinsbundes verösfenllicht. Sehr hübsche Genrcbildchen unterstützen die lebhafte Darstellung. Vom Vogelsberg hinab über die Mainlinie zum schönen Frankenland geleitet em weiterer Aussatz der Nummer, aus deren Inhalt wir noch einen „Ausflug nach Skandinavien", sowie den Schluß eines Artikels über „Kartenlesen" von Landmesser Schoppmann in Arnsberg hervorheben. Abonnements für den „Tourist" kosten für die gewöhnliche Ausgabe 5 Mk. und werden von allen Buchhandlungen entgegengenommen.
* Unerwarteter Ausgang eines Duells. In Osimo in Italien hat soeben ein Pistolenduell stattgefunden, das vom Standpunkt aller Tierschutzvereine aus aufs tiefste zu beklagen ist. Ein Graf S. und em Hauptmann D. N. standen sich — weiß der Himmel wegen welcher Brettelschönheit — gegenüber, beide voll Grimms und entschlossen, sich gegenseitig zu töten. Das Kommando erscholl — da — paff — lag der Hund des Grasen zappelnd am Boden. Tas arme Tier hauchte als erstes und einziges Opfer des Pistolenduells feine treue Hundeseele aus, wahrend die Gegner sich tiefbeivegt die Hände drückten und versöhnten. So erfreulich^ dieser Ausgang nun für die beiden Duellanten war, so sehr ist es andererseits die Pflicht der Tier- schutzbewegung in Italien, den merkwürdigen Fall im Auge zu behalten. Denn wenn die Geschichte bekannt wird, so werden künftig .alle Duellanten ihre Hunde auf die Mensur mitnehmen.
*„Mörber" ausfreienStücken. Unter der S el b ft- beschnldigung einer m Berlin verübten Mordtat hat sich in Philadelphia der Maschinist Wilhelm Gerstermeyer der Behörde gestellt. Der angebliche Mörder will feine un Hochbahnrestaurant beschäftigt gewesene Geliebte, die Kellnerin Klara, getötet und den Leichnam zerstückelt in die Spree geworren haben. Die Berliner Polizeibehörde steht der Selbstanzeige sehr mißtrauisch gegenüber. Die Nachforschungen haben keinerlei Anhaltspunkte ergeben, daß zu der in Frage kommenden Zeit, im Februar 1901, eine Kellnerin, die in dem erwähnten Restaurant beschäftigt geivefen iväre, spurlos verschwunden ist. Es sind auch keine Leichenteile in der Spree ui Berlin oder Umgebung gefunden worden, ivas unbedingt hätte der Fall sein müssen, wenn Gerstermeyer in Wirklichkeit die ^1010101 verübt hätte. Warscheinlich will G. nur unentgeltlich nach Deichch' land zurückbeiördert iverden, ein Wunsch, auf dessen Erfüllung er nach den Ergebnissen der bisherigen Ermittelungen kamn rechnen kann.
* Krankheitsübertragung durch Bücher und Zeitschriften. Sanitätsrat Tr. Fürst-Berlin samibt uver dieses Thema in dem „Börsenblatt für den deutschen •
Wiederholt ist von ärztlicher Seite (erst jüngst durch, Tr. Mutuescu in Koch-Flügges Zeitschrift für Hygiene) die Wahrscheinlichkeit 0^ Uebertragung von Bazillen durch Bücher und Zeitschriften, die vo Haus zu Hans, von Familie zu Familie wandern, als ieyr er, bezeichnet worden. Namhafte Hygieniker haben daraus hingcwieu , daß Leihbibliotheken und Lesezirkel in dieser Beziehung eine e hebliche Gefahr mit sich bringen. Aese viel zu wenig beacht 1 Warnung hält Verfasser für ungemein wichtig. Es ist bctiin , daß Mitulescu in mehr als 30 Prozent der untersuchten Tuberkulosebazillen sand. Ferner, daß der Vorstand des 3nst>tul» für Infektionskrankheiten, Geheimrat Prof. Tr. cuv » den Büchern anhaftende Jnfektionskeime nickst für unichadlich Y - und daß erden Kuratorien der städtischen Bibliotheken Bors 0 zur Abhilfe unterbreitet hat. Dies bestärkt den Becsafser 11 Ueberzeugung, daß zirkulierende Lektüre unter Umstanden doch Zwischenträgerin von Jnsektionskcimen anzusehen ist- auch besonders für Swulbibliotheken sehr wichtig. Was sp j die Tuberkulose anbetriftt, so hat Geheimrat Prof. v »W
(Breslau) schon seit Jahren auf die Gefahr der I ■ n
hingewiesen Man versteht darunter die kleinen ba)Ul nhalngen Schleimpartikelchen, die Lungenkranke bei jedem ©ultail b, 1 sie nicht ein Tuch vor den Mund halten, m ihre UmgebuU verstreuen. .So kommt es, daß Blätter oder Buc^r i den an ihnen lose haftenden Tuberkulosebazillus, Hustentröpfchen eines Schwindsüchtigen tstrruhrt, aus nachher dieselben Blätter oder Bumer zur tcriurc 1 v bekommen, übertragen. Man hat diese oorm1 der ti als „Librogene Infektion" bezeichnet.tz-^hrmg. 0 bibliotheksbuch oder eine Leiezirkelzeftschnfl anI dem
rate würden ähnliche Firckllionen, tote dem Lcrndeseisenbahu- rate zu übertragen sein. Es wurde daraus beschlossen, Zunächst in eine kurze Begründung der 22 vorliegenden Anträge auf Materialbeschaffung einzutreten. Nach Begründung der Anträge auf die Materialbeschasf- img erklärte der Minister, daß die Regierung alle Anträge und Anfragen sorgfältig prüfen und bis zum Wieder- gufanunentritt der Kommission ihre schriftlichen Erklärungen zu derselben abgeben werde.
München, 22. Juni. Abgeordnetenkammer, pjicmininger und andere Mitglieder der freien Vereinigung brachten den Antrag ein, an die Krone die Bitte zu richten, -eine Aenderung der Verfassung in der Richtung !her-eizuführen, daß die Regentschaft auch bei Lebzeiten des andauernd willenlosen Königs sthr Ende finden kann. — Die Kammer nahm das Kokäloahngesetz an. Durch das Ersetz werden 30neue Lokalbahnen mit einem Gesamtaufwand von 8 700 000 Mk. bewilligt
Aus Stadt und Kaud.
Gießen, 23. Juni 1904.
** Pölizeibericht. In der verfloffenen Nacht wurden an dem Schulgebäude in der Nordanlage drei Fensterscheiben und an einem Hause in der Löberstraße eine Fensterscheibe eingeworfen. Auch wurde in der Johannesstraße an dem Kanalbau eine dort angebrachte Sicherheitslaterne zertrümmert. In den drei Fällen wurden die Täter bei der Tat erwischt und zur Anzeige gebracht.
** Bon am ts wegen. Zu einer Frau in M ainz kam, so erzählt des „M. Tgbl.", dieser Tage ein Schutzmann und brachte ihr einen Steuerzettel für ihre Tochter. Als man ihm mitteilte, daß das Mädchen, das nebenbei bemerkt, schon jahrelang in kein Geschäft mehr gegangen war, seit etwa zehn Monaten verheiratet ist, zog der Schutzmann wieder ab, und die Steuerbehörde wurde von den Verhältnissen in Kenntnis gesetzt. Wenn man nun glaubt, daß die Steuerbehörde, wie es einzig richtig gewesen wäre, den Zettel in den Papierkorb geworfen und den Posten in ihren Büchern wieder getilgt hätte, so irrt man sich gewaltig. Dieser Weg wäre ja auch zu g_att gewesen und hätte dabei viel zu schnell zum Ziel geführt. Man schrieb jetzt auf den Steuerzettel im schönsten Amtsdeutsch mit roter Tinte den Vermerk: „Zu Händen des Herrn X. zwecks Reklamation." Wieder muß ein Schutzmann den Briefträger spielen, um dem Ehemann der jungen Frau den Steuerzettel zuzustellen; der Ehemann, der, wie anzunehmen ist, auch einen Beruf hat, der seine Zeit in Anspruch nimmt, muß fein säuberlich eine Reklamation schreiben, und, wenn er den weiten Weg bis zum Steuerbureau nicht machen will, außerdem Geld für Porto ausgeben. Dann wird dte Reklamation genau und lange geprüft, vielleicht auch noch einige Verhöre verfügt, bis endlich ein Beamter beauftragt wird, in einem gewichtigen Aktenstück die Streichung der Steuern zu erklären. Davon wird der Ehemann in Llennt- nis gesetzt, und ihm „anheimgegeben", von der Kasse die Steuern zurüazuholeu, die er selbstverständlich für seine Frau inzwischen bezahlen mußte, wenn er sich keiner Pfändung ausfetzen wollte. Außerdem müssen Zahlung und das Zurückholen der Steuern natürlich lvährend der Bureausrunden geschehen, wodurch von neuem Zeitversäumnisse verursacht werden. — Der ganze Vorfall erinnert stark an ein anderes Steuerkurioslun. Eine junge Dame war als Kontoristin zur Steuer herangezogen worden, obgleich sie noch nie in einem Geschäfte oder auch nur in einer Handelsschule gewesen war. Aus ihre Reklamation erließ man ihr nach langem Hin und Her zwar das tine Ziel, forderte sie aber aus, vor jedem Ziel durch neue Reklamation nachzuweisen, daß sie immer noch teme — Kontoristin wirre. Da beide Fälle in einer Familie und binnen Jahresfrist bat lauten, so ist anzunehmen, dgß sie keineswegs vereinzelt dastehen.
Cronberg, 22. Juni. Die Kronprinzessin von Griechenland ist mit ihren Kindern heute nachmittag hier eingetroffen. Der Kronprinz von Griechenland, der sich von Verona zunächst nach Paris begeben hat, dürfte in etwa zehn Tagen hier emtreffen.
Wiesbaden, 22. Juni. Heute nachmittag traf König Christian von Dänemark zu mehrwöchentlichem Kuraufenthalt hier ein. In seiner Begleitung besindcn sich die Adjutanten Kammerjunker Hauptmann v. Kaufmann und Fregattenkapitän v. Bardenfleth, sowie der Leibarzt Lemaire.
* * Biedenkopf, 22. Juni. Vom frühen Morgen bis zum Mittag strömte am Sonntag zum Kreiskriegeroerbandsfeste eine solche Menge Menschen in unsere Feststadt, wie sie wohl hier noch nicht gesehen worden ist. Der Festgottesdienst in der Kirche begann um halb 10 Uhr, und eine Stunde später wurden die mit der Bahn kommenden Vereine abgeholt. Um 11 Uhr fand eine Sitzung des Kreiskriegerverbandes statt. Aus den Mitteilungen des Vorsitzenden, Landrats v. Heimburg, ist zu ermähnen, daß die über 14000 Mk. betragenden Kosten des Denkmals bis auf etwa 4000 Mk. aufgebracht sind. Die verstärkte Henkel'sche Kapelle von Weifenbach konzertierte während der Verhandlungen auf dem Marktplatze. Der Festzug nahm gegen 2 Uhr auf der Straße nach der Ludwigshütte Aufstellung. Außer den verschiedenen Vereinen Biedenkopfs und Gruppen von Jungfrauen nahmen an 70 Kriegervereine daran teil. Am Denkmal machten die Vereine Halt. Von der Kapelle und einem Sängerchor von Biedenkopf ertönte am Denkmal die Motette: „Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten." Darauf hielt Landrat v. Heimburg die Festrede. Auf einer Gruppe von Grünstein erhebt sich in natürlicher Größe ein Krieger, gewillt, dem Feinde seine Lanze in die Brust zu stoßen, während zu seinen Füßen sein verwundeter Kamerad auf fein Bajonnett tot niedefsinkt. Zwei Tafeln an der Selle der Gruppe, umspült von dem aus vielen Röhren sprudelnden Wasser, geben die Namen der 56 gefallenen Krieger an. Fräulein Hahn begrüßte das Denkmal in einem Prolog, worauf Gesang des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles" folgte. Bürgermeister Grünewald nahm sodann das Dsnkmal m Schutz der Stadt Biedenkopf. Nach weiterem Gesang brachten Vertreter des Krieger-Verbandes Wiesbaden-Land herzliche Grüße und Wünsche. Nachdem einige Kränze am Denkmal niedergelegt waren, schritt man zur Weihe der neuen Fahne des Kriegervereins. Eine Festjungfrau sprach einen Prolog, wonach Landrat v. Heimburg die Weiherede hielt, die Fahne enthüllte und sie mit der vom Kaiser gestifteten Schleife zierte. In musterhafter Ordnung begab sich nun der lange Festzug nach dem Festplatze außerhalb der Stadt. Zehn Wirte hatten zu tun, um Durst und Hunger der Festbesucher zu stillen. Durch das herrliche Wetter begünftigt, verlief der Festttag auf die angenehmste Weise. Am 2)lontag fand diese Feier durch Konzert, Tanz und Volksbelustigung auf dem Festplatz ihren Abschluß.


