Ausgabe 
23.6.1904 Erstes Blatt
 
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T>er[tel)e-ne Schie-ßpreis ist seitens des Marinekabinetts dem Chef der aktiven Flotte, Admiral v. Köster, zugestellt worden. Der Preis besteht ans einem silbernen, innen ver­goldeten Tafelaufsatz, der eine Höhe von 70 Zentimeter hat und auf einem Ebenholzsockel steht. Er trägt die Widmung: Wilhelm II., Deutscher Kaiser, König von Preußen, der aktiven Schlachtflotte für hervorragende Leistungen im Schießen mit der Schiffsartillerie 1904*.

DerVoss. Ztg.* wird zu den Gerüchten über die bayerische Ministerkrisis aus München gemeldet: Herr v. Riedel hat kürzlich wieder einen ganz besonderen Beweis der Gunst desPrinz-Regenten erhalten, nämlich einen Hund, den der Regent sehr gern hatte. Wer die Lebens­gewohnheiten des Prinzen Luitpold kennt, weiß, daß das mehr ist, als wenn er einen hohen Orden austeilt.

Stendal, 22. Juni. Gelegentlich einer gestern abend veranstalteten großartig verlaufenen Bismarckfeier, an der mehr als 2000 Personen teilnahmen, wurde eine Bismarckgesellschaft für Deutschland mit dem Sitz in Stendal gegründet. Die Ziele der Gesellschaft erstrecken sich vor allem auf die Mehrung der Bestände des Bismarck­archivs und Museums mit Schaffung eines monumentalen Prachtgebäudes in Stendal zur Unterbringung der Bismarck­schätze u. s. w. In den Vorstand wurden u. A. gewählt: Oberbürgermeister Werner, Landgerichtspräsident Chuchul und Dr. Segelcken. Namhafte Beiträge von Korporationen sind bereits zugesagt.

Ausland.

Paris, 22. Juni. Tie Untersuchungskommission in der Karthäuserangelegenheit vernahm heute nach­mittag den Journalisten Besson aus Grenoble. Derselbe erzählte, er sei am 13. März 1903 durch einen gewissen Maget mit dem J-ournalisten Gervoort in Beziehung gebracht worden, der ihm mitteilte, er sei ein verrrauter Freund Edgar Combes, und er habe von ihm, Besson, die formelle Zusage verlangt, daß eine Million Francs ern Edgar Combes gezahlt würde einen Tag nach der Erteilung der Genehmigung an die Karthäuser. Besson erwiderte, daß er nichts versprechen könne, da er niemandes Vermittler sei. Gervoort drang jedoch weiter in ihn und erklärte, daß, wenn Besson damit einverstanden sei, er am Abend mit Edgar Combes speisen könne. Er, Besson, wieder­holte darauf, daß er niemandes Vermittler sei, er sagte aber, er würde sich freuen, mit Edgar Combes zusammen- z-nkommen, um sich bei ihm für die Karthäuser zu ver­wenden. Abends sei Gervoort wieder mit ihm, Besson, zu- sam'mengetrofsen und sagte ihm, die Karthäuser wollten nicht bezahlen, sie würden fortgehen. Von diesem Zu­sammentreffen habe er, Besson, dem Abgeordneten von Grenoble, Pichat, und dem Verleger Daragnon Mitteilung gemacht. Besson verwies schließlich auf den von ihm in seinem Blatte geführten Feldzug und bemerkte, er werde seine Anklage wiederholen, denn er wolle vor das Schwur­gericht kommen, um dieganzeWahrheit darlegen zu könne n, die die Kommission nicht sagen könne: er besitze Beweise, daß Bervoort der Abgesandte Ed­gar Combes' war. Er werde diese Beweise aber nur vor dem Schwurgericht vorzeigen.

B e r n, 22. Juni. Im S t ä u d e r a t beantwortete heute Bundesrat Brenner, Chef des Justiz- und Polizeideparte­ments, eine Interpellation über das Attentat des russischen Ingenieurs Jlnicky auf den russischen Ge­sandten Schadowsky. Die Untersuchung werde er­geben, ob es sich um die Tat eines Verbrechers oder eines Hicistesgestörten handle. Redner stellte dann fest, daß das Polizeidepartement schon am 3. September 1903 auf Wunsch der russischen Gesandtschaft die Berner Polizeibehörde mündlich und schriftlich aufgefordert habe, Jlnicky zu überwachen. Tie Ueberwachung ergab nichts verdächtiges, sodaß die Behörden allgemein den Eindruck erhielten, von Jlnicky sei nickts zu befürchten. Im Januar 1904 wären die Polizeibehörden infolge eines Schreibens Jlnickys an die Gesandtschaft, worin er mit dem Rechtswege, keines­wegs- jedoch mit Gewalttaten drohte, aufgefordert worden, die Bewachung Jlnickys fortzusetzen. Dies sei geschehen, aber wieder mit dem Ergebnis, daß in seinem Verhalten nichts auffälliges zu bemerken war. Ein weiterer Um- üand, der das Attentat ermöglichte, sei gewesen, daß der Gesandte Schadowsky von seinem Wohnsitze in Genf nach Bern zu kommen pflege, ohne die Behörden davon z-u be­nachrichtigen, sodaß diese weder auf der Gesandtschaft in Bern selbst noch im Hotel Berner Hof, wo der Gesandte zu logieren pflegte, in Erfahrung bringen konnten, an welchem Tage der Gesandte nach Vern käme. Infolgedessen war es nicht möglich, sofort Maßnahmen für die Sicher­heit des Gesandten zu treffen. Der Vorfall lehre, daß eine genauere Kontrolle der zureisenden Fremden, namentlich auch ein besserer Kontakt der Schweizer Polizei mit der ausländischen und auch eine zweck­mäßigere Organisation des Polizeiwesens der Hauptstadt Bern notwendig sei, da nach der Verfassung der Bund selbst keine Polizeitruppe besitze.

Wien, 22. Juni. Das ehemalige Mitglied des Frank­furter Parlaments und der frühere Präsident des obersten Gerichtshofes, Karl von Stremayr, ist heute nachmittag in Pottschach gestorben.

K o n st a n t i n o p e l, 22. Juni. Kemael Pascha, oer Schwiegersohn des Sultans, ist auf einem Spezial­dampfer fortgebracht worden. Er ist nach Brussia ver­bannt. Am Samstag nahm ein Bataillon Infanterie im Pildiz Kiosk Aufstellung, um die Degradation Kemael Paschas vorzunehmen. Durch die Bitten seiner Tochter, der Gemahlin Kcmaels, ließ sich der Seltan bewegen, Kemael in seiner Würde als Marschall zu belassen.

Chicago, 22. Juni. Der republikanische Na- tionalkonvent hielt wiederum eine Versammlung ab. Das Programm zählt zunächst die von der republikanü- scheri Partei geleisteten Dienste auf und fährt dann fort: Wir haben unsere ausländischen Absatzgebiete weit aus­gedehnt und sind für die Annahnre aller praktischen Wege zu ihrer weiteren Ausdehnung einschließlich, der kommer- zrellen Reziprozität, wo immer solche Reziprozitäts-'?lb- kommen abgeschlossen werden können, die mit den Grund­sätzen des Schutzzolles vereinbar und ohne Schaden find jv.L den amerikanischen Ackerbau, die amerik.mis he Strbeir oder irgend eine amerikanische Industrie. Das Programm spricht fick dann für eine Gesetzgebrmg zu Gunsten eines machtvollen Ausbaues der Kriegs- und der Handelsmarine, für die Aufrechterhaltnng der Mon­roe d o k t r i n, für die friedliche, schiedsgerichtliche Bei­legung internationaler Zwistigkeiten und für den kräf- trgen Schutz der Amerikaner in fremden Ländern aus. Das Programm' enthält dann eine Verherrlichung Roosevelts.

Unter seiner Führung befinden wir uns im Frieden mit der Welt. Nie waren wir mehr geachtet, nie wurden unsere Wünsche von fremden Völkern mehr beachtet."

Au Ähren des Keheimrats Irof. Ar. Sfannenftiel, der in rascher Aufeinanderfolge zwei ehrenvolle Rufe nach anderen Universitäten ausgeschlagen hat, fand gestern abend in Gießen ein prächtiger Fackelzug der Studentenschaft mit Huldigung vor dem Hause des so Geehrten und später ein großer Festkommers im Neuen Saalbau statt. Es war ein unübersetzbarer Zug» von Fackelträgern, die sich die Frank- surterstraße hindurch bis zu der Wohnung von Geheimrat Pfannenstiel bewegte, wo man mit Musik Aufstellung nahm. Ein Chargierter des Wingolf hielt im Namen der Studenten­schaft eine Ansprache, in der er der Freude darüber Aus­druck gab, daß Profeffor Pfannenstiel zum wiederholten Male einen so ehrenvollen Ruf ausgeschlagen habe. Er schloß mit einem Hoch auf den Gefeierten.

Geheimrat Pfannenstiel richtete aus einem Fenster der 1. Etage folgende Worte an die Versammelten:

Kommilitonen!

Ich danke Ihnen für die ftenndlichen Worte, die Sie mir durch den Mund Ihres Herrn Sprechers haben übermitteln lasten. Ich preise mich glücklich, daß mir einmal in meiner noch jungen akademischen Laufbahn die Ehre eines so glänzenden Fackelzuges zuteil geworden ist. , Ob ich sie recht verdient habe, weiß ich nickst. , Wohl darf ich darin die Anerkennung dafür erblicken, daß ich mich bemüht habe, meine Pflicht als Lehrer zu tun. Mer heute sind es ja nicht meine Hörer allein, welche zu mir gekommen sind, nickst die llinischen Semester der medizinischen Fakultät, denen ich wohl in erster Linie die Anregung zu der heutigen Ehrenbezeugung zu verdanken habe, sondern es ist die Gesamtheit der Ludoviciana, also auch diejenigen Fakulläten, von denen ich annehmen darf, daß sie ein näheres Interesse an dem medizinischen Unterricht zu nehmen keine Veranlassung haben. Taß auch diese Fakultäten sich heute beteiligt haben, darin erblicke ich einen schönen Beweis für den Zusammenhalt der gesamten Universität. .Aber es ist noch ein anderer Gedanke, der sich mir aufdrängt beim Anblick des glänzenden Fackelzuges. Ich gedenke der Aufgabe, die der Universitätslehrer zu erfüllen hat: er soll die Studierenden einführen in die Wistenschaft, auch in das Dunkel der noch unerforschten Gebiete und ihnen dabei die Fackel der Erleuchtung boremtragen. Heute ist das Verholten das umgekehrte, heute bringt die Studentenschaft dem Professor das Lickst und beweist ihm damit symbolisch den altbekannten Satz, daß der Lehrer im Unterricht nicht nur gibt, sondern auch empfängt. .Wie viel wir von Ihnen empfangen, wie oft Sie uns Licht spende«, das wird Ihnen v elleicht gar nicht einmal bewußt sein. Nicht allein, daß wir durch das öffentlich gesprochene Wort zur Selbstkritik und zur Förderung der eigenen Erkenntnis an­geregt werden, wir werden auch irisch 'erhalten durch den be­ständigen Verkehr mit der studierenden Jugend, deren ernstes Stteben uns die Freude gibt zum Lehren und deren heiterer Frohsinn uns die blühende goldene Zeit der eigenen Studienjahre ins Gedächtnis zurückruft, in denen wir selbst sorgenfrei des Lebens Mai genoffen haben. Möge dies schöne Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, das an unserer Hochschule besteht, auch in Zukunft stets erhalten bleiben 1 Dann wird die Ludo- vieiana auch fernerhin so weiter blühen und gedeihen, wie wir es besonders in den letzten Jahren mit Freuden und mit Stolz beobachten könnten. Das ist mein aufrichtiger Wunsch am heutigen Tage. M. H.! Ich "bitte Sie mit mir einzustimmen in den Ruf: Tie Alma mater Ludoviciana lebe hoch, hoch, hoch!

Nachdem die Musik mehrmals gespielt hatte und die Chargierten das gastliche Haus, in dem sämtliche Lehrer der Universität mit Damen auf eine Einladung des Hausherrn versammelt waren, wieder verlaßen hatten, begab sich der Zug, nachdem die Fackeln an günstig gelegener Stelle gelöscht waren, zurück nach der Stadt.

Um etwa 11 Uhr begann imNeuen Saalbau* im Beisein des Gefeierten, der Universitätslehrer und einer Anzahl von Gästen der studentische Festkommers, der von stuck. Poepperling präsidiert wurde. Dieser leitete die Feierlichkeit mit ehrenden Worten für unsere Fürsten und das Vaterland ein, worauf die Versammlung in ein Hoch auf Kaiser und Großherzog einstimmten und stehend die Kaiser­hymne sangen.

Der erste Redner war der Vertreter der medizinischen Fakultät, cand. med. Baumann, der folgende zündende Ansprache hielt:

Hohe Festkorona!

Hochgeehreter Herr Geheimrat!

Zweimal im Verlaufe Don wenig mehr als ein Monat hat Herr Prof. Dr. Pfannenstiel einen Ruf an eine andere deutsche Universität erhalten. Gab man sich bei der ersten Berufung nach Erlangen in den zunächst beteiligten Kreisen wohl mit Recht der Hoffnung und Erwartung hin, daß Herr Prof. Pfcmnen- tiel diesen Ruf ablchuen würde, so schwand alle Hoffnung, den hochverehrten Lehrer zu. behalten, vollständig, .als man hörte, daß die medizinische Fakultät der Universität Freiburg ihn zum Nachfolger des am 1. Oktober 1904 aus dem Amte scheiden­den Direktors der Frauenklinik, Sr. Excellenz, des Herrn Geh. Rat Hegar ausersehen und bestimmt habe. Jeder wußte, daß Herr Prof. Pfannenstiel diesen Ruf armehmen würde. Wie sollte man auch anders geglaubt haben, war er doch an eine Universität berufen, die in herrlicher Lage am Fuße des Schwarzwaldes ge­legen, fast doppelt so groß wie Gießen ist; an eine Universität, deren Ruf und Name weltbekannt ist; sollte er doch der Nach- olger eines LNannes werden, der, in der medizinischen Wett hochbedeutend, in der Gynäcologie speziell der erste, der Alt­meister genannt zu werden pflegt, hatte man ihn doch berufen unter überaus ehrerwollen Bringungen seitens der badischen Regierung, die sich bereit erklärt hatte, alle seine Wünsche und Sonderwünsche zu erfüllen, nur, um ihn für Freiburg zu ge­winnen. Und doch, was niemand auch nur im entlegensten Winkel eines Herzens zu erhoffen gewagt, es trat ein: Herr Professor tzfannenstiel lehnte den Ruf nach Freiburg ab. Wie ein Lauf­euer verbreitete sich am letzten Montag diese Kunde durch die Stadt und großer Jubel herrschte darob unter den jungen Mdei- zinern. Tas Telephon trug die frohe Botschaft von einem Restaurant zum anderen, von dem man wußte, .daß Mediziner dort versammelt seien. Ein Kollege rief es auf der Straße dem anderen zu:Pfannenstiel hat den Ruf abgelehnt." Wohl be­mächtigte sich zunächst großes Erstanrren der von dieser Kunde Ueberraschten, welches aber bald einem Freudentaumels Platz machte. Tie jungen Kliniker freuten sich, daß sie den gleichsam schon- verlorenen Sohn wieder hatten. Jeder erwartete mit Sehnsucht das erste Kolleg, um seinem ver­ehrten Lehrer zu danken. Ich glaube, Herr Prof. Pfannenstiel hat für den Fußboden seines Hörsaales gefürchtet, als er sich, nach dem Bekanntwerden der Ablehnung des Rufes, zum ersten- male wieder vor seinen erfreuten Schülern zeigte. Bald sollte man auch erfahren, aus welchen Grüichen Gießen über Freiburg den Sieg davongetragen hatte. War auch der Ruf in ideeller wie in materieller Beziehung überaus ehrenvoll, so gab es doch manches, was dem fortschrtttlichen Geiste des Berufenen nicht zusagte. Wohl bot ihm Freiburg vieles und in vieler Hinsicht mehr wie Gießen, aber Gießen bot ihm auch etwas. Denn von ilym wußte er, was es ihm geworden, was es ihm ist, von Frei­burg aber nicht, was es ihm geworden wäre. Die Gießener Frauenllinik arbeitet seit Jahren nach dem bewährtenSystem Pfannenstiel", die Freiburger Klinik aber hätte der neue Di­rektor erst diesem System anpassen müssen und ftaglich, ob's gegangen toure. .Mer gleich, hätte ihm auch 'Freiburg alles

geboten, eins hatte er dort sicher vermißt denn das ist Gie» ßener Eigenart das schöne Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Und so entschloß sich 'berat, Herr Prof. Pfaratenstiel, der Universität treu zu bleiben, die ihn zuerst als Ordinarius gesehen hat.

Hohe Korona? Wohl ist es eine große Ehre für einen Do­zenten, an eine andere Universität berufen zu«werden, eine Ehre, die um so bebeutenber ist, je ehrenvoller die Beding­ungen sind, unter denen er berufen wird, aber nicht minder ehrenvoll ist es für eine Universität, wenn einer der Ihrigen einen. Ruf an eine andere Hochschule erhält. Deshalb nimmt sie auch, so regen Anteil, an den Ehrungen, welche einem ihrer Mit­glieder _ durch .eine Berufung zu teil wird. Entschließt sich aber nun ein Profeffor, seiner Universität, seinem Lehrstuhle treu zu bleiben, so erfüllt Stolz, Genugtuung und Freude alle Be­teiligten, und man drängt sich "ba$u, ihm in gebührender Weise für seinen Entschluß zu danken. Unb so haben sich am heutigen Abend die Studierendem der LandeSuniversttät im Verein mit ihren Lehrern hier versammelt, um Ihnen, hochverehrter Herr Geheimrat, von Herzen dafür zu. danken, daß Sie sich ent- fchlossen haben, noch weiterhin als Professor und Lehrer an unserer Universität zu ivirken. Am heutigen Abend danken Ihnen Ihre Herrn Kollegen. Ihnen banft bie ganze Universität, ganz besonders aber dankbar sind Ihnen die jungen Kliniker, die in Ihnen ihren wohlwollenden Lehrer und liebenswürdigen Be­rater wiedergewonnen haben. Diesem Dankgefühl begeisterten Ausdruck zu verleihen, bitte ich die hohe Korona. Das hohe Präsidium bitte ich, mir das Kommando zu einem urkräftigen deutschen .Salamander auf Herrn Geheimrat Dr. Pfannenstiel zu erteilen.

Dieses geschah und Geheimrat Pfannen stiel erwiderte darauf sogleich mit ungefähr folgenden Worten:

Kommilitonen!

Was ich Ihnen am heutigen Abend zu wiederholten Malen zu sagen habe, das sind Worte des Dankes für bie Anerkennung, die Sic mir haben zu teil werden lassen. Ich banke dem Vorrebner, meinem lieben Kollegen, für die warmen Worte, mit denen er meiner Bemühungen gedacht hat. Aber das ist zunächst Zukunftsmusik: ich .hoffe, daß wenn es mir vergönnt fern sollte, noch etliche 20 Jahre als Universitätslehrer zu. wirken, daß jch dann so fein und so viel geleistet haben werde, wie ans den Worten meines Herrn Vorredners herausklang. Ein solcher Ehrentag, wie er mir heute zuteil geworden ist, ist wohl dazu angetan, die schönsten Ideale zu wecken und die besten Vofiatze zu zeitigen. Mer, m. H., .ich bilde mir garniert ein, daß ich in Wirklichkeit der Mittelpunkt des heutigen Festes bin. Ich bin ganz ehrlich, wenn, ich sage, daß ein Professor, der einen Ruf ausschlagt, egoistisch handelt. Denn den Ausschlag dabei gibt doch bie Ab­schätzung der Aussichten, die bie neue Stellung- gewährt, und der Annehmlichkeiten, die man am alten Platz gehabt hat. Wenn trotzdem die Studentenschaft das freiwillige Verbleiben eines Professors cm der bisherigen Hochschule freudig begrüßt unb festlich begeht, so ist es bie Freude darüber, baß biejenige Hoch­schule, der der Student eben zugehört, dem Professor so viel wert ist, daß er sie nicht verlaffen mag. Ich gestehe Ihnen ehrlich, daß die Entscheidung mir das zweite Mal recht schwer geworden ist. Es ist immer eine ernste und verantwortliche Sache, eine Betätigung der vielseitigen akademischen Freiheit. Mit forschendem Blick schaut man in das Land der Zukunft und fragt sich: was wird es mir bringen im Vergleich zu dem, was ich seither gehabt habe. Aber es ist gut, daß wir in der Zukunft nicht lesen können. Wo bliebe sonst unser Streben, wo unsere Ideale?! Mer in der Vergangenheit können wir lesen: wir können das, was wir besitzen, werten und würdigen. Und es ist eine altbekannte Tatsache, daß man den Besitz erst dann recht zu werten versteht, wenn es heißt, ihn aufzugeben. So erging es mir, als ich den Ruf nach Freiburg erhielt. .Ich erinnere mich jn Freiburg an den regen Verkehr mit ausgezeichneten Kollegen, die wachsende Zahl der Studierenden in Gießen, das schöne Verhältnis zwischen Lehrern und Hörern, an die neuen und schönen Institute, welche bie Lanbesregierung in verständnis­voller zind bereitwilliger Weise gebaut hat, an meine eigene Klinik und so manches andere. Und bei der Rückkehr an bie mir lieb gewordene Stelle stand mein Entschluß fest. Wenn wir also heute ein gemeinsames Fest feiern, so ist es ein Fest der Freude darüber, daß wir eine Hochschule haben, die wir getrost an die Seite der .besten und schönsten setzen können. M. H.! Es kann kein Zufall sein, daß die Zahl der Studierenden stetig wächst. Vor 20 Jahren toaryt es noch nicht 400, vor zwei Jahren 1000, und jetzt sind es schon 1100. Es sind verschiedene Beweggründe, die den Studenten an diese ober jene Universität ziehen: bedeutende Lehrer, schöne Institute und Lehrmittel, an­genehmes Leben, Lage und Umgebung, vor allen Dingen aber hier das innige Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Hier fühlen wir uns glücklich, und darum werden Sie alle «gewiß gern dereinst zurückdenken an unsere Hochschule, wie wir Professoren uns tets Ihrer gern erinnern werden und uns freuen werden, wenn Sie Ihren Stubiengang nicht nur zu einem erfolgreichen ?lb- schluß gebracht haben werden, sondern auch im späteren Leben mit Nutzen Ihres Amtes walten, zur eigenen Befriedigung, wie zum Wohle der Menschheit, des Staates und der ganzen Nation. M. H.! Ausländer geben oftmals ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, wie es kommt, daß bie beutfeben Otubentcn so viel lernen und später so tüchtiges leisten, trotz der großen Freiheit. Ich glaube, die Erklärung liegt eben in der Freiheit. Wo viel Freiheit, da ist viel Verantwortlichkeit. Unsere Studentenschaft in Gießen ist so fleißig, daß ich Sie im stillen manchmal darüber ogar etwas bedauert habe (Heiterkeit). Darum stellen wir Ihnen eine gute Prognose. Wir sind uns dessen bewußt, daß vor uns eine Schar von Jünglingen sitzt, aus denen vielleicht bie besten unb edelsten Männer der Nation hervorgehen, die geistigen Seufer der kommenden Generation. Ich erhebe mein Glas und trinke auf das Wohl der akademischen Jugend, auf die Gesamtheit der Gießener Studentenschaft, Ihre Zukunft!

Ein Vertreter derAdelphici" begrüßte die erschienenen Gäste, worauf Kreisamtmann Dr. Kranzbühler im Namen dieser erwiderte und einen Salamander auf das Blühen unb Gedeihen der Alma mater Ludoviciana kommandierte.

Nach dem Gesang eines weiteren Liedes sprach der Rektor. Er dankte auch im Namen des Lehrkörpers Geheim­rat Pfannenstiel für sein Verbleiben an der hiesigen Uni­versität. Er führte aus, daß außer den schon angeführten Gründen, die für den Entschluß Pfannenstiels maßgebend ^ge­wesen sind, doch eins seither verschwiegen worden war, näm­lich, daß der Gattin de§ Geheimrats das Hauptoerdienst zu- ällt, ihn der Landesunioersität erhalten zu haben. Er brachte zum Schluß ein mit großer Begeisterung aufge­nommenes Hoch auf Frau Pfannenstiel aus.

Bei der Eröffnung der Fidulität wurde Geheimrat Pfannenstiel das Ehrenpräsidium zngeteilt, das er mit einer humoristischen Ansprache übernahm. Gegen Ende des Kom­merses begrüßte Geheimrat Pfannenstiel im einzelnen alle studentischen Teilnehmer. Heute sind, wie der Rektor unter großem Beifall verkündete, die Vorlesungen, Seminarien und Antiseminarien" geschloffen.

Ans und Land.

Gießen, den 23. Juni 1904.

L. U. Prof Dr. Pfannenstiel wurde aus Anlatz deffen, daß er den Ruf nach Freiburg abgelehnt hat, der Charakter als Geheimer Medizinalrat verliehen.

-s- Gedern, 22. Juni. Sc. Durchlaucht der Fürst zu Stolberg-Wernigerode ist wieder abgereist, währen Ihre Durchlaucht die Fürstin, noch einige Tage hier oer-

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