Ausgabe 
22.6.1904 Zweites Blatt
 
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Mittwoch 22. Juni 1904

Nr. 144

tes Blatt

154. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitätsdruckerei. 9L Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. bl. Telegr.-2ldr. r Anzeiger Gießen.

DieGießener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigclcgt. Der »hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Seneral-Mzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

£>ie heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.

Die Umgestaltung der Dörfer.

(Schluß.)

In der günstigen Zeit des Getreideverkaufs steigen die Bodenwerte in Oberhessen wie überhaupt in Deutschland sehr auf- fnlLg, beispielsweise hebt sich zwischen 1857 und 1877 der Turch- schnittspreis des Hektars in A l S l e i d von 583 ML auf 1073 Mk., in B u tzbach von 1299 Mk. auf 2260 Mk., in Nidda von 895 Mk. auf 1815 Mk., in Schotten von 330 Mk. auf 757 Mk. Man kann sich denken, wie eine solche Wertsteigerung in kurzer Zeit das psychologische Verhältnis zum Acker ändert. Das Erb- rcd t rechnet mehr als früher mit dem Geldivert, der im Acker ist, das treibt: das gleiche Erbrecht der Kinder steigt, im Bewußt­sein der Bevölkerung. .Das Land ist etwas verkäufliches, teil­bares, berechenbares geworden. Die Ueberfüllung der Betriebe mit überzähligen Familiengliedern wird vom Bauern als un­geschäftlich empfunden und infolgedessen findet man die Geschwister ab, um von ihnen frei zu sein. Die Nichtbesitzer wandern ab und zwar umsomehr, als für sie der $rei3 der Lebensbedürfnisse steigt. Je höher der Roggenpreis, desto größer die Auswanderung. Ter Gedanke des privatwirtschaftlichen Nutzens siegt und löst bic Reste alten Gemeinbesitzes auf. Der Besitzer hebt sich aus der Reihe der übrigen heraus, wird Herr im Dorf und kauft zu seinem Ackerbestande hinzu. Auch das Dorf bekommt nun erst eine eigent- licfye Oberschicht und Unterschicht. Mag die Oberschicht auch im großen betrachtet noch immer aus kleineren Besitztümern bestehen, im Dorfe selbst entscheiden nur die relativen Werte, hier wird der Ackerbesitzer zum Arbeitgeber und zwar zum Bezahler von zeit­weiliger Arbeit. Der Nichtbesitzer muß bei wachsender Intensität der Wirtschaft und bei Vermehrung der landwirtschaftlichen Ma­schinen sich als Saisonarbeiter einrichten, den bre Landwirtschaft nur teilweise noch nährt. Das aber ist die Ursache, weshalb die tüchtigeren Elemente der Unterschicht überhaupt dorfslüchtig wer­den. Nur der weniger Strebsame verkauft sich auf Monate. Die Arbeiternot beginnt nnb führt zur Einführung ftemder Wander­arbeiter für die Arbeitsmonate. Der Zuzug von Fremden aber ist derartia, daß nun die ländliche Lohnarbeit erst recht an Achtung und Wertschätzung verliert. Das Dorf hört auf eine innere Ivirtschaftliche Einheit zu sein, denn die Gutsbesitzer holen Polen herein, während die Dorftinder nach Westfalen auf Arbeit gehen. Das alte in sich geschlossene Dorf stirbt und wird zur lockeren Anhäufung von Einzelwirtschaften, von denen jede mit der Außen­welt ihr eigenes neues Verhältnis findet. Man hat kein ein- heitliä)es gemeinsames Dorfschicksal mehr.

Natürlich verschärft sich diese Tendenz auf Zersplitterung der Dorfinteressen überall dort, wo die Jndustriearbeft bis in die Dörfer hineinreicht. Zwar auch die alten Dörfer waren in ihrer Weise industriell. Dr. Katz berichtet von der Zeit, wo im Vogels­berg exportierende Leinweberei landesüblich war. Aber das alle Dorsgcwerbe war kein Beruf neben der Landwirtschaft, sondern Hilfsbeschäftigung der Landleute. Jetzt ist es anders. Ter ländliche Industriearbeiter hat zwar meist sein .Stückchen Feld, scheidet sich aber nach oben bestimmt vom Bauern und nach unten vom ländlichen Lohnarbeiter. Er ist eine beständige Lockung für den Landarbeiter, sich auch durch gewerbliche Arbeit zu ver­bessern, besonders auch, da er erfahrungsgemäß seine Frau besser zu falten weiß als der Landarbeiter. Nur von der Frau des Landarbeiters gilt, daß sie erbarmungslos ansgenutzt wird. Der Kleinbauer wird lieber Industriearbeiter als landwirtschaftlicher Lohnarbeiter, wenn sein eigener Betrieb für ihn nicht ausreicht, er aber ist es, der nach Zeiten schwerer Demütigung neuerdings wieder besseren Lebensspielraum gewinnt, denn ihm hilft die Ver­schiebung der landwirtschaftlichen Gesamtlage, deren vaupterschein- ung ist, daß der Getreidepreis sich nach unten, der Viehpreis aber sich nach oben bewegt.

Vorhin sprachen wir von den Folgen der hohen Getreide­preise für die Veränderung der inneren Zusammensetzung des Dorfes. Das Ergebnis war die Herausarbeitung einer getreide- verkaufcnocn Oberschicht. Kaum cntstandeu, ist diese Schicht durch das billige Auslandsgetreide notleidend geworden, wenn sie es aicht versteht, sich der Viehzucht und Milck)wirtschaft zuzuwcnden. Tas aber läßt sich mit den geringwertigen Saisonarbeitern nicht machen. Hier entscheidet, wenigstens bei Stallfütterung, die persön­liche Pflege. Damit bekommen die Hände der Kleinbesitzer erst ihren eigenen Wert. Das Vieh bringt viel Geld in die Dörfer

und ändert oft binnen kurzer Seit die sozialen Höhenlagen der ver­schiedenen Gruppen.

Das Dorf ist kein stiller Teich mehr, es ist wirbelndes Wasser, so wenig der Städter, der nur gelegentlich das Land sieht, die Unterschiede und Wechsel merken mag. Man kann vielleicht sagen, daß gerade jetzt ältere Industriegebiete, besonders in der Textil­branche, ein innerlich gleichmäßigeres Dasein führen als die meisten Dörfer. Und glücklicherweise ist das Resultat der modernen Be­wegung trotz alles Klagens und Schreiens in seiner Gesamtheit kein ungünstiges. Unsere Dörfer bessern sich. Jeder Mensch, der selbst vom Dors stammt und Lebensweise der Land­leute früher und jetzt vergleichen kann, gibt zu, daß im Durch­schnitt die Eltern des heutigen Geschlechts knapper und ärmlicher gelebt haben als dieses. Dr. Katz geht bei seiner Arbeit besonders daraus aus, die Besserstellung der Unterschicht anschaulich darzulegen. Seine Tabellen über Gesi nd e l ö h n e auf zehn oberhessischen Gütern während 30 Jahren sind neu und lehr­reich. 5)er Oberknecht bekommt in Altenburg (Oberhessen) vor 30 Jahren 172 ML, vor 20 Jahren 250 ML, vor 10 Jahren 320 Mk. und jetzt 520 ML Die Obermagd steigt von 80 Mk. auf 250 Mk., der einfache Knecht in Eichenrod von 120 Mk. auf 280 ML, die Magd von 40 (24) auf 170 (148) ML Mit dem Lohn steigen Ansprüche und Leistungen. Das letztere ist wichtig und zum Verständnis der Gesamtlage nötig. Wenn man nur die Klage dcr Bauern über hohe Löhne hört, so stellt sich leicht der Gedanke ein, daß es genau dieselbe Arbeit ist, für die jetzt doppelt soviel bezahlt wird als früher. Der ganze rechnerische Geist des neuen Dorflebens hat aber auch die Arbeit selbst intensiver gemacht Wo viel bezahlt roirb, wirb auch mehr geforbert. Billig sind geringe Kräfte aus dem Osten, aber auch sie steigen in Preis und Wert, je länger die Wanderungsgewohn­heit sich einbürgert. Die Unterschicht verlangt ihren Anteil am Ertrage der neuen Zeit und wird durch ihre höheren Ansprüche eine Triebkraft für Technik und Arbeitsbenutzuug. Der Landmann muß sich an die höheren Ansprüche gewöhnen und je mehr er es tut, desto mehr wird er Quolitätsprodukte zu liefern im stände sein. Das ist an der Arbeit von Dr. Katz das erfreulichste, daß sie auf bestimmtem Gebiet festftelll, wie durch die Modemisier- ung die Dörfer vorlvärts kommen. Er sagt:

Für den größten Teil der bäucrlick)en Pnümzenteu ist heute die Gesamtlage günstiger als jemals früher. Die steigende Kon­junktur für animalische Produkte hat im Vogelsberg zu einer starken Steigerung der Einnahmen in den bäuerlichen Betrieben geführt, überall da, wo nur einigermaßen fortschrittlich gewirt­schaftet wird. Den Vogelsberg nannte man wohl früher wegen der mißlichen Produkttonsverhältnisse und der Armut seiner Be­wohner dashessische Sibirien"; nach der Abwanderung der überschüssigen Bevölkerungsteile entwickelt sich dort heute in­folge technischer Verbesserungen (hervorragende staatliche Unter­stützung), getragen von der wirtschaftlichen Konjunktur ein kräf­tiger Bauernstand, toi e ihn diese Gegenden nie­mals gesehen haben. Nicht anders steht es in dem größten Teil der bäuerlichen Betriebe der Wetterau, wo infolge des wachsen­den Koifiums in den Städten die steigende Rentabilität von Mllch- wirtschafl und Obstbau den sinkenden Erlös des Getreideverkaufs mehr als ausgeglichen haben.... Dem oberhessischen Bauer gehrt es trotz der Lohnsteigerung der Arbeiter besser als je das war das Ergebnis einer Anzahl Aus­sagen, die mir von bäuerlicher Seite gemacht wurden. Der größere Grundbesitzer nur ist es, der in der Entwicklung der letzten Jahr­zehnte der leidttagende Tell war."

Die erste Periode der neueren Landwirtschaft kam den größeren Besitzern mehr zu gute, die zweite hilft den kleineren, durch beide Perioden hindurch aber wandelt sich die alle stille Heimat des deut­schen Volkstums, das Dorf.

Volilische Tagesschau.

DasArbeiterin imsterimn" des australischen Staaleubundes setzt sich folgendermaßen zusammen: der neue Premier­minister Watson war Schriftsetzer, der Minister des Aeußeren Schneider, der Handelsmrnist«: Grubenarbei­ter der Landesverteidigungsminister Goldgräber, der Ge­neralpostmeister Journalist.

Die neuen Minister sind nicht marxistische Sozialdemokraten, wie ihre Forderungen auf Schaffung einer eigenen australi­schen Marine und Verbot der Einwanderung von Farbigen

deutlich erkennen läßt Im Mittelpunkt ihres Programms stehen bodenreformerische Forderungen. Ministerpräsident Wat­son führte in seinem ersten Vortrage aus, daß das erste Gesetz, das er durchzubringen hosse, ein Verbot für alle austra­lischen Staaten sein würde, künftighin noch R e g i erun g s l an d der Privatspekulation auszuliefern. Es solle im Ge- genteil den Staaten möglichst erleichtert werden, den Boden der großen Landgesellschasten zurückzugewimwn. Eine billige Ver­pachtung von kleinen Grundstücken sei nach feiner Meinung auch die beste Hilfe gegen Arbeitslosigkeit. Ob das Ministerium sich lange wird halten können, ist die Frage. Im Unterhaus verfügt es von 75 stimmen über nur 24, im Oberhaus von 36 über nur 14. Da Konservative und Liberale sich in den Rest der Stimmen fast gleich 'teilen, so besteht das Bundesparlament aus drei fast gleich großen Gruppen und cs wird zunächst alles von dem staatsmännischen Geschick des neuen Ministeriums abhängen.

Iortführung der ^LaynLaualisatiou.

LEI

General-Direktor Kayser-Wetzlar, der Vorsitzende des Lahn­kanal-Vereins, teilt int Anschluß an Dr. Knippers Ausführungen eine Berechnung mit, welche Frachtersparnis pro Jahr allein für Gießen, Hungen, Lumda, Mücke sich ergibt, wobei er zu Grunde gelegt hat die lahnabwärts gegangenen Sckwergüter von diesen Stationen nach ber Eisenbahnstatistik für 1902, wonach sich das Quantum dieser Güter auf 396 000 Tonnen beläuft, dessen Wasfer- fracht eine Ersparnis von 400 000 Mk. gegen Bahnfracht aus­macht.

Oekonomierat Schlenke erllärt, daß er den Ausführungen gegenüber, es würde die Landwirtschaft Oberhessens durch den an* gestrebten Wasserweg vom Rhein bis Gießen Vorteile haben, von Anfang an mißttauisch gegenüber gestanden habe. Er halte diese Wasserstraße für das Einfallstor, welches unsere Provinz mit ausländischem Getreide überschwemmen werde und so der l-eimisck>cn Landwirtsck-ast Schaden bringen müsse. Tie Wirkung der kanalisierten Fulda auf die kurhessische Landwirtschaft sei ähn­lich gewesen. Herr Schlenke macht Mitteilung von den ihm von der Landwirtschaftskammer Kassel zur Verfügung stehenben Zahlen, wonach dort allerdings die Einfuhr von Getreide und Mehl von Bremen die Fulda hmauf von Jahr zu Jahr zugenommen habe, dagegen nennenswerte Quantitäten landwirtschaftlicher Produkte aus Kurhessen per Wasser nicht verfrachtet worden seien. Oekono- mieiat Schlenke nimmt an, daß den Profit aus den vom Ausland zu beziehenden Futtermitteln wohl der Handel etnstecken würde. Er bemerkt jedoch, daß er persönlich trotzdem gegen die Durchführung des Wasserweges bis Gieeßn sich nicht wenden wolle, well er wohl einsehe, daß dieses wenig nützen würbe unb weil er anerkenne, daß allgemeine wirtschaftliche Zwecke für eine Schiffbarmachung ber Lahn sprächen, denen man sich nicht entgegenstellen solle. Aber als Vertreter der oberhessischen Landwirte könne er für das Projett nicht eintreten.

General-Tirektor Kayser verweist demgegenüber darauf, daß es doch falsch sei, Kasseler Verhältnisse, welche gewiß ganz anders liegen, auf unsere Verhältnisse an der Lahn zu übertragen. Die ausländischen Getreidetransporte ließen sich mit Vorteil nur in größeren Schiffen als solche von 300 Tonnen Ladefähigkell ver­frachten. Es werde sich schwerlich ein Spekulant finden, der, um Getreide auf der Lahn nach Oberhessen zu bringen, das Risiko ber eventuell zweimaligen Umladung mit der Hoffnung auf nennenswerten Gewinn übernehmen werbe.

Oekonomierat Schlenke erllärte, man werde die Frage im landwirtschaftlichen Provinzialverein resp. in dessen Ausschuß einer eingeheuben Prüfung unterziehen, was bis jetzt noch nicht habe geschehen können. Er regt bann die Frage an, ob es nicht ange­bracht sei, im Interesse einer gleichmäßigen Verteilung der Wasser­menge in der Lahn, auch im Interesse einer gleichmäßigen Schiff­fahrtsmöglichkeit, an der oberen Lahn und auch an der Ohm Tal­sperren zu errichten; bamit würde zweifellos einem großen Tell unserer Landwirte ein Vortell erwachsen; man würde deren Felder vor den Verwüstungen der Wildwasser schützen.

Baurat Röder bemerkt darauf, daß diese Talsperren Millio­nen toften würden. Sei aber später der Verkehr auf dem Fluß so be­deutend, so wäre die Mögllchkell ber Ausführung solcher Talsperren gegeben, die fick) bann ja auch für industrielle Zwecke und zur Anlage von Wasserleitungen rc. benutzen ließen.

Rückblick auf den Ilrauenkougreß.

Orig.-Arr. d.Gieß. Anz." dort E. E.

Berlin stand fast 14 Tage unter dem. Zeichen desJnter- nattonalen Frauenkongresses". Wo immer in den Kauf­läden, in Konditoreien ober Restaurants sich eine Ange­hörige des Frauenkongresses zeigte, wurde sie mit aus­gesuchter Höflichkeit und besonderer Zuvorkommenheit be­dient.

In den Straßen- und Stadtbahnen dagegen wurde sie angestarrt, inehr oder minder rücksichtslos bekrittelt genug, sie war Gegenstand der Bewunderung der Speku­lation der 9öeugierde oder der Verachtung, je nach dem Stanbmuitte des jeweiligen Kritikers.

Tre Fwauen aber, denen diese entgegengesetzten Empfindungen galten, hatten wohl ein leichtes Lächeln bei gar zu offenen Kundgebungen des Publikums im übrigen nahm ihre Arbeit sie viel zu sehr in Anspruch, als daß solcheKritiken ungelesener Bücher" großen Eindruck auf sie hätten machen können. Denn eine ernste, anstrengende Arbeit mutete dieser Kongreß seinen Mitgliedern zu, sowohl den Empfangenden, als der: Gebenden. Wohl waren unter den vielen tausenden von Frauen Hunderte, welche bis dahin der Frauenbewegung skeptisch gegenüber gestanden hatten, zahlreiche, welche die bloße Neugierde herbeigeführt hatte, wiederum tausende, die hungernd nach klarer Er- ienntnis gekommen waren. Die letzteren sollten volle Klar­heit erlangen und den Nikodenrusnaturen sowie den Spott- leistungen hat sich wohl bald jedes Gefühl der Abneig­ung oder des Mißverstehens umgewandelt in Staunen und ehrAche Bewunderung.

Ter Einbruch der sich einem von Anfang an ouf- i bräunte und bei jeder neuen Sitzung verstärkte, war der- enige der Abgeklärtheit und der Reife in der ganzen Be- 'venuna und allen ihren Führerinnen. Hier konnte nicht mebr über phantastische Hirngespinste gespöttelt werden, iüenn die Frauen dursten auf die reifen Fruchte Hinweisen, ibic ihre jahrelange ehrliche Arbeit gezeitigt hat und das i bereits Geleistete berechtigt zu vollem Vertrauen auf das nioch zu Erstrebende.

Es würde zu wert führen, aus alle Eutzelhetten etn- -m geh en, aber schon der flüchtigste Blick auf die Leistungen j dieser Woche läßt die Grünülich.keit und Allseitigkeit er­

kennen, durch- welche sich die gmrze Veranstaltung und alle einzelnen Ausführungen ausAeichneten.

In der Woche vom 5.11. hatte der Internationale Frauenbund getagt. Er hatte durch die verschiedenen Empfänge, Begrüßungen und Sitzungen hinlänglich Ge­legenheit gegeben, gegenseitig Fühlung mit einander zu nehmen, alte Beziehungen ouszufrischen und neue zu schließen. Tas Prinzip, dem der Internationale Frauen­bund seine Gründung und Ausgestaltung verdankt, ist die goldene Regel:Handle an andern, wie du wlllft, daß sie an dir handeln".

Unter diesem Gesichtspunkte verhandelte der Bund über Maßregeln gegen den internationalen Mädchen­handel, über die politische Gleichberechtigung der Frau, über die Vertretturg des Bundes nach politischen und nationalen Gesichtspunkten usw.

In der Woche vom 12. bis zum 18. saird dann der eigentliche Kongreß mit seiner anstrengenden Arbeit statt.

Es wurde bereits berichtet, wie die Räume der Phil­harmonie dazu hergerichtet waren und wie mtt erstaun­licher Umsicht und überraschetrdem Organisationstalent alle Einrichtungen getroffen waren, welche für Ordnung des Ganzen, für das Behagen aller sorgten. Die künstlerische, geschmackvolle Ausstattung der Räume hob sofort über jede Alltagsstimmung hinaus da gab es ein Schreib- und Lesezimmer, Salon, Erfrischungsräume, Pressezimmer, Post und Telephon, kurz alles war so bequem und einheitlich wie möglich hergerichtet. Die Gegner der Frauenbewegung hoben auch nach dem Kongreß sie hatten also offenbar die Gelegenheit, sich selbst an Ort und Stelle zu infor­mieren, versäumt hervor, die Hauptsache bei dem ganzen Kongresse sei den Damen doch, ;ür sich das politische Stimmrecht zu erkämpfen. Tas ist nicht der Fall. Wohl wurde verschiedentlich betont, wie wünschenswert es sei, das politische und kommunale Stimmrecht zu erkämpfen, da nur dadurch die Frau imsrande sein würde, das von ihr für notwendig Erkannte durchzusetzen, aber in den Vordergrund trat diese Frage nicht. Das wärmste Interesse der Frauen galt überall der Erziehung und der Berufs­wahl des weiblichen Geschlechts.

Der kurz bemessenen Zeit und der sich aus allen Kreisen zusammensctzenden Zuhörerschaft entsprechend, ließ man bei den Schulfragen die rein technischen Fragen mehr beiseite und

betonte hauptsächlich die kulturelle und soziale Seite. So wurde über die Frauenbildung im allgemeinen und über die Aufgabe der Volksschule im besonderen mit Rücksicht auf die Stellung der Frau als Mutter, als Berufs­arbeiterin und als Mensch gesprochen.

Für die Einheitsschulen traten, durch ihre langjährige Erfahrung da^u berechtigt, Frau Jlrni Hallfteu aus Frnland und Frau Dr. Schwarzwald aus Oesterreich ein. Sie hoben die Vorzüge solcher Schulen für die Sittlichkeit, die Natürlichkeit und Tüchtigkeit der Jugend hervor.

Eingehende Besprechung fand auch die Krankenpflege, die sich ja sett alter Zett in hervorragender Wette als gegebener weiblicher Beruf bewährt hat. Es wurde darauf hingewiesen, daß mau hier in den meisten Fällen einen zusagenden edlen Beruf, aber keinen (Srtoerb hätte. Da aber die Frauen ost durch Familienrücksichten gehindert feien, einen Beruf ohne Erwerbsmöglichkeit zu erwählen, oa weiter auch zum Ausreifen der Persönlichkeit pekuniäre Unabhängigkett wünschenswert erscheine, würden hier ver­schiedene Wege vorgeschlagen, um Wandel zu schaffen. Ein­gehende Vorträge fanden über die Fortbildungsschulen, über die Mädchengymnasien und die Universität statt, und auch hier wurde wie bei der Besprechung über oie Volksschule stets als Ziel dar Ausbildung neben der Befähig­ung für den Erlverb das Ausreisen des Individuums zur Persönlichkeit, die volle Befähigung der Fcau, in rich­tiger Weise Mutter- und .Erzieherinnenpflichten zu üben hingestellt. Ein Morgen war den neuen Berufsarten der Frauen als Oberinnen, Lehrerinnen, Wärterinnen in Ge­fängnissen und als Pflegerinnen und Aufseherinnen in Fabriken und als Gewerbetreibende gewidmet.

Mit warmem Interesse wurde auch die Lage der besitz­losen Frauen, der Arbeiterinnen und der Dienstboten be­sprochen und auf die Verantwortlichkeit aller Gebildeten gegenüber den Schwachen und Schulbedürfttgen hinge­wiesen.

Die Berufe der Advokatin, der Predigerin, die in Amerika bereits von Frauen geübt werden, wurden erwogen und Beispiele angeführt, die sich in diesen Be­rufen bewährt hatten, ohne dadurch Einbuße an Eigenart zu erleiden! Besonders die Ausländerinnen traten ein für die energische Bekämpfung des Al ko Holismus,