Ausgabe 
22.6.1904 Zweites Blatt
 
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Tie Versammlung trat dem schon früher gefassten Beschluß der, der dahin gebt, die Großh. Staatsregierung durch die Handels- ckammer und die Bürgermeisterei Gießen zu bitten, damit diese bei der preußischen Ltaatsregierung die Ausführung des Lahnkanal- projcktes befürwortend fördern möge und dem preußischen Ministe­rium eventuell ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gebe, die Schiff­barmachung des Flusses bis Gießen zur Durchführung zu bringen.

Aus Stadl und Land.

Gießen, den 22. Juni 1904.

* * Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben dem seitherigen Mitglied der König!. Preuß. Eisenbahn­direktion Frankfurt a. M., Geheimen Vaurat Ritnr o tt in Berlin, aus Anlaß seines Ausscheidens aus dem Eisenbahn­direktionsbezirks Frankfurt a. 2)L das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

"* Das Großh. Regierungsblatt 9Zc. 20 ent­hält: 1) Bekanntmachung, die Bestimmungen über den Bau und die Einrichtung der Schulräume und Lehrenvohnungen betreffend. 2) Bekanntmachung, die Organisation der Ober­förstereien betreffend. 3) Bekanntmachung, die David Elias Levinger-Stiftung in Mainz betreffend.

* * Lahnkanalisation. Bekanntlich findet am nächsten Sonntag nachmittag 3 Uhr in Limburg a. d. L., Hotel zurAlten Post", die Hauptversammlung des Lahnkanal- Vereins statt. Der Verein hat am 2. Mat dss. Js. eine Eingabe an das preuß. Abgeordnetenhaus gerichtet mit dem Antrag:Für die Lahnschiffahrt von der Mündung bis zur preußisch-hessischen Grenze bet Gießen wird ein Betrag bis zu höchstens 15 Millionen Mark aufgcwcndet und die Schiff­fahrtsanlagen nach einem von dem Herrn Minister der öffent­lichen Arbeiten zu genehmigenden Plan für Schiffe von 1,6 Meter bis 2 Meter Tiefgang binnen 5 Jahren nach Verabschiedung dieses Gesetzes ausgebaut." Dieser Antrag soll in der Versammlung durch einen entsprechenden Beschluß wirkungsvoll unterstützt werden. Im übrigen werden aus­führliche Mitteilungen über die Tätigkeit des Vereins seit der letzten Hauptversammlung gemacht und eingehende Angaben über den Stand der Kanalisation gegeben werden. 9lud) haben verschiedene Abgeordneten zugesagt, darüber zu be­richten, was von ihrer Seite in dieser Angelegenheit geschehen ist. Gerade diese Versammlung bietet die .Möglichkeit, zu zeigen, daß der Vercm tatsächlich die Jntereffen des ganzen Lahngebietes vertritt.

* Wettertalbahn. In Steinfurth i. d. Wetterau fand, wie man uns schreibt, am letzten Sonntag eine von 260 bis 280 Personen besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher die Frage, soll dte Wettevtalbahn über Bad- Nauheim geführt werden, besprochen wurde, und welche von zahlreichen Orten der Umgegend besucht war. Sie ver­lief unter lebhafter Beteiligung aller Anwesenden und schloß mit einer einstimmig (mit drei Stimmenenthaltungen) ge­faßten Resolution, in welcher der Wunsch ausgesprochen wurde, daß die Wettertalbahn über Bad-Nauheim ge­führt wird.

a. Marburg, 21. Juni. Heute abend fand die Ein­weihung der von den Studenten und Bürgern Marburgs errichteten Bismarcksäule statt. Von 79 Uhr hielt die Studentenschaft zunächst an den Abhängen des Berges eine Faßpartie in großem Maßstabe ab, die allerdings durch die kühle Witterung etwas beeinträchtigt wurde. Um 9 Uhr setzte sich der Zug nach der Bismarcksäule in Bewegung, an der jetzt em trästiges Fener schwarze Rauchwolken zum Himmel sandte. Nach dem gemeinsamen Gesang eines Blsmarckliedes tübergab der Erbauer der Säule, Architekt Reising, den .Schlüssel dem Vertreter der Studentenschaft, der ihn dem lVertceter der Stadt, Beigeordneten Schimpff, überreichte. Dieser übernahm ihn mit dem Versprechen, das dem größten verewigten Ehrenbürger Marburgs gewidmete Denkmal treu­lich zu hegen und zu pflegen. Die Festrede hielt hierauf ein ^Chargierter von derFrankonia", mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland schließend. Daran schloß sich der Gesang Deutschland, Deutschland, über alles", worauf sich die ge­samte Studentenschaft in großartig wirkendem Fackelzuge von den Höhen ins Tal und durch die Stadt nach der Scherzen­wiese begab, wo unter Absingung des LiedesGaudeamus

igitur" öie yacrein zusainmengeworfeu wurden. Morgen abend findet großer Festkommers statt.

Vermischtes.

Tas neue Automobil des Kaisers, welches ge­legentlich des jüngsten Kaiserbesuches in Homburg v. d. H. zum erslenmale in Benutzung genommen wurde, ist in derselben hellen Elsenbeinsarbe lackiert, wie der kaiserliche Hofsonderzug; es weist auch dieselben blauen Ränder aus. Mtt einer Erkenn­ungsnummer ist der Motorwagen nicht versehen, dagegen ist an der Stelle, wo sonst die Nummer zu sein pflegt, die könig­liche Krone angebracht. Tas Führerpersonal trägt braune Livree; Iackenkragen und Mütze sind mit breiter goldener Adlerttesse besetzt. Ter eine, aus der rechten Seite des Führersitzes befind­liche Fahrer trägt auf dem rechten Aermel seiner Jacke eine doppelte goldene Adlerttesse. Die Mütze mit der Adlertresse wird von dem Führerpersonal nur dann getragen, wenn der Kaiser sich im Wagen befindet, bei anderen Fahrten trägt das Personal die Mütze ohne Tressen.

* Der gepfändete Prinz. Eine interessante Stenerrechtsvorlage wird demnächst zum Austrag ge­langen. Auf Grund des in Elsaß-Lothringen neuerdings eingeführtcn und im vergangenen Jahre zum erstenmal zur praktischen Geltung gelangter: Kapttalrentensteuer-Ge- sctzes war der in Longeville bei Metz wohnende, zur Dienstleistung beim Generalkommando des 16. Armeekorps kommandierte Oberstleutnant Prinz Otto Heinrich zu Schaumburg-Lippe von der Steuerkommission mit 8000 Mk. zur Kapitalrentensteuer veranlagt worden. Der Prinz, der sich in seiner Eigenschaft als Mitglied eines deutschen souveränen Herrscherhauses für nichtsteuerpflich­tig hielt, jedoch versäumt hatte, im Laufe des Rechnungs- jalnes die nötigen Einwände gegen seine Veranlagung zu erheben, weigerte nunmehr, als nach dem 1. April der Zahlbefehl über denSteuerrest von 8000 Mk." ihm zu- gestellt rourbe, die Zahlung, worauf der Rentmeister (Steuer­einnehmers ihm den Exekutor auf den Hals oder richtiger in den Marstall schickte, wo er 12 der schönsten Vollblut­pferde pfändete. Der Zwangsverkauf war schon überall in der Stadt durch Plakate, sowie in den Zeitungen an- gezeigt zum allgemeinen Verblüffen als der Prinz im letzten Augenblicke vom Statthalter eine Sistierung des Verfahrens erwirkte, bis die Hauptfrage, ob er mit Recht oder Unrecht zur Steuer veranlagt sei, erledigt jein wird. Auf die Entscheidung, die wohl in letzter Instanz vom kaiserlichen Rat als obersten Verwaltungsgerichtshof ge­fällt werden wird, kann man gespannt fein. Formell kennt das elsaß-lothringische Kapitalrentensteuergesetz keinen Standesunterschied bei den Steuerpflichtigen, und folglich auch keine sich daraus ergebende Steuerbefreiung. Ander­seits würde es aber widersinnig erscheinen, daß Mitgtteder legierender deutscher Häuser, die auf Grund gegenseitiger Vertrüge in allen deutschen Staaten die Steuerfreiheit genießen, gerade in Elsaß-Lothringen, das dem deutschen Reiche in seiner Gesamtheit angehört, eines solchen Pri­vilegiums verlustig sein sollten. Praktisch ist übrigens die [^rage insofern niaft ohne Bedeutung, als fortwährend eine mehr oder minder große Anzahl Mitglieder regierender oder ehemals souveräner stand eshorrtich er Häuser, die Stellen in der Armee oder in der höheren Verwaltung innehaben, nach Elsaß-Lothringen konrmt und dort auch längere Zeit wohnt.

UnivrrMts Nachrichten.

Die Zenttaldirektion des kaiserlichen Archäologischen Instituts Hal für das Studienjahr 1904/05 die Herren: Dr. Ludwig Curtius in München, Dr. Hugo Hepding in Gießen, Dr. August Köster in Berlin, Oberlehrer Dr. Max Ruhland in Bonn und Oberlehrer Dr. Friedrich Mie in Bremer­haven zu Stipendiaten des Instituts in der Abteilung für klassische Archäologie und zwar mit der Maßgabe gewählt, daß die beiden Letztgenannten von einem vollen Jahresstipeudium je die Hälfte erhalten.

Die neue technische Hochschule zu Danzig erhält folgendes Lehrerkollegium: Zu etatmäßigen Professoren sind ernannt worden: 1. der Schiffbauingenieur, Oberingenieur beim Norddeutschen Lloyd in Bremerhaven, Schütte; 2. der ordentliche Professor an der Landwirtsck)aftlichen Akademie in Hohenheim Dr. Behr end; 3. der Abteilungsvorsteher am 1. Chemischen Institut zu Berlin, Professor Dr. Ruff; 4. der Dozent an der Hochschule in Aachen, Dr. Wien; 5. der Dozent an der Hochschule zu Berlin Professor Dr. Rößler; 6. der außero. Professor in der Philosophischen Fakultät in Göttingen, Dr. Lorenz; 7. der Direktor der Brückenbauabteilung der Gutehoffnungshütte" in Sterttade, Professor Krohn; 8. der Privatdozent in der Philosophischen Fakultät der Universität zu Berlin, Prof. Dr. Wohl; 9. der Regierungsbaumcister Oder

zu Berlin; 10. der Privatdozent an der Landwirtschaftlichen Hoch­schule und an der Universität zu Berlin, Dr. Eggert. Der Privatdozent an der Technischen Hochschule zu Berlin, Ober­ingenieur bei der Firma Siemens und Halske, Dr. D o l e z a l e! ist unter Beilegung des TitelsProfessor" zum Dozenten m Danzig ernannt worden.

Ter etatsmäßige Professor für Brückenbau und höhere Baukonsttuktionen an der Technischen Hochschule zu Aachen, Geh. Regierungsrat Dr. Heinzerling, feierte am 20. Juni sein 50 jähriges Dienstjubiläum. Heinzerling steht im 80. Le­bensjahre. .Ein geborener Hesse, absolvierte Heinzerling das Gymnasium zu Darmstadt und die höhere Gewerbeschule daselbst und studierte an den Universitäten Gießen und Berlin. 1848 be­stand er hier die Fakultätsprüfung. 1860 wurde er zum Lehrer des Bauingenieursaches an der höheren Gewerbeschule inTarm- stadt ernannt. 1864 folgte er einem Rufe als Professor der Bau- und Jngenieurwissenschaften an der Universität Gießen. Seit 1870 lehrt er in Aachen.

Landwirtschaft.

Saatenstand in Preußen Mitte Juni 1904, wenn eins sehr gut, zwei gut, drei mittel bedeutet: Winterweizen 2,5, Sommerweizen 2,8, .Winterspelz 2,3, Winterroggen 2,6, Som­merroggen 3,2, Sommergerste 3,0, Hafer 2,9, Kartoffeln 2,8, Klee 3,1, Luzerne 2,7, Wiesen 3,9, Bewässerungswiesen 2, 5, an­dere 3,2. Die entsprechenden Zahlen des Vormonats waren 2,4, 2,5, 2,3, 2,5, 2,7, 2,5, 2,5, 2,8, 2,5, 2,6, 2,6, fehlt, fehlt. In den Bemerkungen der©tat. Korresp." über den Saatenstand heißt es: Auch in der zweiten Hälfte des Mai ist das Wetter bei anhaltenden Winden vorherrschend kühl und trübe gewesen, aber im Gegenteil zu der ersten Monatshälfte trocken. Wiederholt sei das Thermometer während der Nachte unter den Gefrierpunkt gesunken. Fast allgemein seien von den Nachtfrösten die östlichen Landcsteile und das ganze Küstengebiet betroffen. .Da die Feuchtigkeit des Vormonats schon durch nord­östliche Winde fast völlig .ausgewogen war, habe die gegen Ende des jetzt abgclaufcnen Berichtsmonats eingetretene hohe Tempe­ratur mit Sonnenschein, die inzwischen bereits recht empfindlich gewordene Trocknis verstärkt. Vor den überreichlichen Nieder­schlägen seien die Aecker zusammengeschlagen. Sie verkrusteten nun. Stellenweise hörte fast jegliches Wachstum auf. lieber» wiegend wird darüber geklagt, in den Provinzen Ost- und Wesl- preußen sowie in Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien und Sachsen, ausgenommen den Regierungsbezirk Erfurt und Schles­wig-Holstein. .Man befürchtet hier und da sogar schon eine Mißernte an Sommerfrüchten und Futter-Ge­wächsen, wenn nicht seljr bald ergiebige Feuchtung komme. Aber auch .in Hannover und Westfalen wird vielfach über un­genügende Regenfälle geklagt. Von 4617 bis zum 18. Juni eingegangenen Berichten melden 2794 oder 60,5 v. H. über Trockenheit. Erfreulicherweise werde in diesem Jahre über Schäd­linge nicht sehr getlagt, jedoch sott die im vormaligen Berichte angezeigte Rostbildung im Winterweizen größeren Umfang an­genommen haben. Was die einzelnen Fruchtsaaten anlange, hätten die Winterhalmfrüchte der Ungunst der Witterung bisher noch einigermaßen Widerstand geleistet, .über die Sommerhalmfrüchte dagegen werde selten günstiger berichtet. Auch für Futtergewächse seien die Etteaussichten allgemein wie für Sommerhalmfrüchte nicht unerheblich gegen die des Vormonats schwächer geworden.

Kandel und Verkehr. llalkswülfchasl.

Deutsches Kapital und russische Bedürfnisse. Trotzdem, schlecht gerechnet, ein halbes Dutzendmal das Gerücht austauchte, daß Rußland in Deutschland eine neue Kriegsanleihe aufnehmen werde und dieses Gerücht ebenso oft dementiert wurde, ist es einfach nicht umzubringen und erscheint immer wieder auf dem Plan. Jetzt läßt sich dieN. Fr. Pr." aus Paris melden, daß eine neue russische Anleihe im vorläufigen Betrage von 250 Mill. Mark im Prinzip abgeschlossen sei. Schon die Valuta, auf welche diese Anleihe laute, lasse es als zweifellos erscheinen, daß es sich um eine Anleihe bei dem deutschen Kapital handelt. Man kann gespannt sein, wie lange es dauert, bis dieser neuen Meldung das neueste Dementi folgt.

Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

Juni 1904.

Barometer auf 0° reduziert

Temperatur der Luft

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

Windrichtung

Windstärke 1

Wetter

21.

225

749,9

. 19,6

9,9

58

NNW.

4

Sonnenschein

21.

9"

753,5

14,2

8,6

72

NW.

4

Heller Hünmel

22.

73s

756,6

12,6

8,6

80

W.

2

Sonnenschein

Höchste Temperatur am 2021. Juni -+ 20,4u C.

Niedrigste . 20.21. = + 7,8 VC.

durch den Unsittlichkeit und Gesundheit in gleicher Weise geschädigt würden.

Es wurde ferner Bericht erstattet über die Frauen, die sich in öffentlichen Ehrenämtern, in der Armen- und Waisenpflege, in Kaufmannsgerichten, städtischen Schul- deputationcn usw. durch Tüchtigkett ausgezeichnet, und er­wogen, ob nicht auch für Deutschland diese Berufsarten für Frauen zu erstreben seien.

Einen interessanten Punkt bildeten die Referate und die Sessionen über Kunst und Ku n st g e w e r b e über Literatur und Journalismus.

Frl. Natalie v. Milde aus Weimar und Frau Marie von Bülow-Berlin schilderten in beredter Weise die Mißstände im Leben der Schauspie­lerinnen, wiesen auf die sittlichen Gefahren, aus das Proletariat unter den Künstlerinnen, auf das geringe Ge­halt für die tüchtigen Durchschnittskünftler und die ver­hängnisvolle Ikolle hin, welche den eleganten Toiletten ein- geräumt find sodaß der Erfolg aus der Bühne zuweilen mehr dem Schneider als dem Talent zu danken sei. Sie verlangen gründliche Ausbildung der Bühnenkünstler­innen, deren Auffasung und Leistungen von unschätzbarem Werte für die Arbeit an der Kulturentwicklung eines Volkes seien oder sein sollten, und dringen auf staatliche Prüfung durch berufene Fachleute einerseits und anderer­seits verlangen sie, daß die Schauspielerinnen die Garde­robe geliefert bekommen, statt sie selbst zuweilen aus nicht ganz lauteren Mitteln oder mit Aufopferung ihrer notwendigen Existenzmittel zu liefern.

Die Malerinnen verlangen Zugang zu den Aka­demien das Recht gleicher ^lnsbildungsmöglichkeit mit dem Manne und gleiche staatliche Unterstützung. Frau Sabine Lepi iuS ermahnt die Künstlerinnen, nicht zu jammern, als ob der Weg zu höchster Kunst für sie schwerer sei oder als ob sich ihnen mehr Hindernisse in den Weg stellten als dem Mann der Weg unserer tüchtigen Künstler sei dornenvoll genug vielmehr sich vor dem Dilettantismus zu hüten, der der Tod aller wahren Kunst sei, und in unserer Arbeit zu sorgen, daß ein Talent unter sorgsamer Führung auch erst ausreifen könne.

Frau Charlotte Klein aus Dänemark legte die hohe Bedeutung des K u n st g e w e r b e s als das besondere Gebiet der Frau dar, und tüchtige Rednerinnen sprachen dann noch über die Frauen in der Literatur und im Jour­nalismus. Alle warnten einstimmig vor Dilettantismus, vor Modetorheiten, vor Nachahmung des Mannes und wiesen wiederholt hin auf die schwere Verantwortung, welche gerade auf den Frauen läge, die literarisch tätig seien. Eine Norwegerin meinte, wohl werde man dereinst zur Be­urteilung unseres Jahrhunderts auch die Frauenliteratur heranziehen, aber bei so manchem Produkt einer perversen, unsittlichen Lebensanschauung würden die Menschen der Zu­kunft auscufen:Ao waren die Mütter zu einer Zett, wo solche Bücher geschrieben und gar von der Jugend gelesen wurden."

Zum Schlüsse des Kongresses sprachen noch Mrs. Char­lotte Perkins-Gilman über eine neue Theorie der 5 rauen frage und Helene Lange- Berlin überdas Endziel der Frauenbewegung". Aus den Schlußworten dieser beiden so verschiedenen interessanten Frauen flingt derselbe Grundton, der sich von der ersten Sitzung bis ^ur letzten durch die Vorträge sämtlicher Frauen zog: Nicht Gegnerin, sondern verständisvolle gleichberech­tigte Gefährtin des Mannes soll die Frau sein in den Rechten und Pflichten der Mutter soll sie nach wie vor das höchste Frauenideal sehen aber um andere leiten zu können, muß sie selbst wissend und voller Verständnis sein. Darum verlangen wir eine gründ­liche Ausbildung der Individuen wir verlangen einen Beruf, der vollständig die Kraft des Weibes aussüllt bei die Jungfrau in dem verhängnisvollsten Alter vor dem unglückseligen, Geist und Körper vernichtenden Träu- men undWarten" bewahrt, und welcher der Frau die Möglichkeit der Erwerbes und der sorgenfreien Existenz gibt * (Schluß folgt.)

Vom Claar-Jubiläum. Am Montag abend fand im Frankfurter S ch a u s p i e l h a u s e eine Festvorstellung statt. Demetriu s", mit dem Elaar sein Regime begonnen Halle, I und der 2. Akt des Götz von Berlicbin gen wurde gegeben. L Das Demetrius-Fragment eröffnete den Abend. Die großen Par­

lamentsszenen zeugten von Claars meisterhafter Regiekumt. -ten Schluß bildete der Att ausGötz", in dem namentlich Herniann als Selbitz und die Adelheid Fräulein Bochs hervortraten, «iie- gelmanns Götz war die bekannte, tüchtige Leistung. Bor dem Theaterpublikum wurde zwischen den zwei Fragmenten eineThea- terrebe" des Jubilars von Frl. Rottmann vorgetragen, die in hübschen Versen an den Demetrius anknüpfte _unb bat, den Lorbeer dem großen Dichter zu reichen, nicht feinem Diener. Für den Lorbeer, der ihm in Fülle doch Zespenbet wurde, dankte dann Claar selbst mit dem Wunsches möchte ivirtlta) so gewesen sein, wie es heute scheine, daß er nämlich bie An­erkennung, die ihm gezollt werde, tatsächlich verdient hatte. Wenn es ihm gelungen sei, dem Publikum nach Wunsch nno Willen zu dienen, so habe er die Genugtuung, nicht umsonst ge­lebt und gearbeitet zu haben. Frankfurt sei ihm zu einer zweiten Heimat geworden, die er liebe und die er auch Dann nicht verlassen wolle, wenn es ihm nicht mehr beschieben sei» würbe, an dieser Stätte zu mitten. So lange es ihm aber vergönnt sei, hier zu arbeiten, werde er fein Bestes geben . Darauf wiederholten sich .die herrlichen Ovationen des puvn kums. Dem Jubilar wurde von Theaterfreunden eine Ll)ten- gäbe von 20 000 Mark dargebracht.

Jüngst wurde in dem kräftig anssttebenden Bielefeld ein neues Stadttheater festlich eröffnet, das in nianaK Beziehung vorbildlich für derartige Anlagen Jein ;;lh einem Aufwande von nur 500 000 Marl (ausschließlich Gruna stück und Bühnenfundus- hat Bernhard Sehring, der Erbauer Dj Theaters des Westens" in Charlottenburg-Bertin, hier em i » von 1100 Plätzen geschaffen, das sich in seiner aruitcrtond^ Anlage und in seinem Schmuck, vor allem aber ui der Dur dachten inneren Anlage ohne Bedenken neben manches ungn teuerere, viel prunkvollere Großstabttheater stellen bars. --1 dem neuen Rathaus der Stadt durch einen unmittel uren : uev- gang verbunden, der die gemeinsame Benutzung der oiunui ttonsräume beider Gebäude fiebert, ist der Hauptbau, Da» ö ' schauer Haus mit dem schönen Foyer, in den Formen Des io. -ö Hunderts, mit rnaiül-erlei Renaissance-Anklängen, ^halle , renb das Bühnenhaus sich gleich einer wuchtigen Gratsourg dahinter aufbaut Für die Decke des Zuslhauerranlla-, v II Rahmen in freier Umformung klassizistische Motive ^.gt, Y Baumeister Sehring die wirlungsvott Jitorbnimj d.s 0 1 - Himmelszeltes gewählt, mit der er schon einmal bei o m bau des Berliner Wintergartens überraschte.