bis zu der etwa 1000 Meter unterhalb der Wieseck auszuführenden Kläranlage.
Meine Herren! Dieser Hauptsammler A ift fast in allen seinen Teilen ausgeführt und Sie haben alle seine Richtung verfolgen können. Er hat in der Marburgerstraße zu erheblichen Schwierigkeiten keinen Anlaß geboten, dagegen waren in dem Stadtgraben die Verhältnisse sehr ungünstig. Es mußte da eine besonders gute Fundierung in den großen Schlammmengen, Die sich angesammelt Hutten, stattfinden, es mußte auch eine Stützmauer abgebrochen und neu errichtet werden und die Schlammmassen mußten sehr sorgfältig ersetzt werden durch fest lagernden Kies, um ein Nachsetzen und ^a^^rutfd^en des Kanals und da.mii ein Undichtwerden zu verhindern. Was aber damit geschaffen ist, können Sie heutp sehen. Es ist aus einer höchst ungesunden Gegend ein schöner Weg gestaltet, der in Zukunft jedenfalls verhindern wird, daß Miasmen auffteigen, wie dies früher der Fall war. Ein wesentliches Bauwerk an diesem .Hauptsammler A ist die Kreuzung an der Ecke der Bahnhofstraße und Westanlage. Hier mußte nämlich der große Hauptsammler A den Stadtringgraben kreuzen. Das Bauwerk ist hier aufgetragen. (Wird an Hand des Planes erläutert. Es ist die Möglichkeit vorgesehen, den Stadtringgraben hier durch diese Unterführung (hinz-eigend) unter dem Hauptsammler A hindurchzuführen. Andererseits aber kann bei hohem Wasserstand das Wasser aufsteigen und in den Hauptsammler A überfallen, sodaß bei starken Niederschlägen das Wasser durch den Hauptsanrmler A ebenfalls nach der Kläranlage gefördert wird. Äe Baustelle dort hat ja auch einige Zeit offen gelegen, wir sind da in eine ungünstige Jahreszeit hereingekommen, aber das Bauwerk ist jetzt sehr gut ausgefallen und bietet für die ganze Kanalisationjeden- salls außerordentliche Vorteile. Dann mußte der Haupt- fanunler A unter der Wieseck hindurch geführt werden. Bei Entwurf des Projektes hat man lange überlegt, ob man vielleicht die Wieseck an der Stelle durch ein Wehr aufstauen und den Kanal in dieses Wehr hineinlegen sollte. Es wäre dann oberhalb dieses Wehres, von der Bahnhofstraße aus, eine Art Teich entstanden. Nach langem Ueberlegen ist man aber von diesem Plane abgekommen und hat sich entschlossen, durch zwei eiserne Rühren den Hauptsammler A unter der Wieseck hindurchzuführen. Nach dieser Untersühr- ung steigt der Hauptsammler A hier in dem linken Schacht des Dückers (hinzeigend) auf und fließt der Wieseck entlang nach den Klärbecken weiter. Dann war die Untersührung unter der Eisenbahnbrücke wegen des geringen, zur Verfügung stehenden Raumes mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden, aber auch dieses Bauwerk hat sich schließlich leicht ausführen lassen. Die Führung des Kanals den Bahndamm entlang bot verhältnismäßig geringe Schwierigkeiten und auch der weitere Ausbau nach der Kläranlage wird sich zweckmäßig gestalten lassen.
Vieine Herren! Ich habe Ihnen den Hauptsammler A m seiner ganzen Führung, mit seinen Bauwerken näher beschrieben, weil ich glaubte, daß es notwendig ift, hierauf hinzuweisen. Bei den anderen Kanälen kann ich mich kürzer fassen.
Nun mündet die gesamte Entwässerungsanlage von Gießen in die Lahn ein. Infolgedessen ist natürlich das Kanalnetz von Gießen beeinflußt durch die Wasserstände der Lahn. Die Lahn wechselt chve Wasserstände ganz erheblich, sie steigt unter Umständen bei erheblichen Niederschlägen rasch an, und der Unterschied zwischen dem höchsten Hochwasserstand und dem niedersten Niederwasserstano ist sehr bedeutend. Bei dem großen Einfluß, den diese Wasserstände auf die ganze Anlage ausüben mußten, waren diese Verhältnisse ganz besonders eingehend zu untersuchen. Der höchste, je vorgekommene Wasserstand in der Lahn wurde beobachtet im Jahre 1879. Er erreichte eine Pegelhöhe von 5.25 Meter. Dieser Wasserstand war unbedingt zu berücksichtigen bei der Anlage der Kanäle. Andererseits war der niederste Niederwasserftand, der beobachtet wurde, nur 0.19 Meter über dem Pegel und zwar im Jahre 1899. Es ist also hier ein Unterschied von 5.06 Meter. Nun war weiter auf Grund einer langjährigen Beobachtung und während zwanzig Jahren von 1880 bis 1900 festzustellen, wie häufig die Lahn den Mittelwasserstand überschritt. Es würde zu weit führen, wenn ich Sie mit all diesen Zahlen bekannt machen wollte; aber es ist dabei zu sagen, daß im allgemeinen der Mittelwasser stand doch nicht so häufig überschritten wurde, daß daraus Schwierigkeiten für die Kanalisation erwack)sen wären. Allerdings muß bei einzelnen höheren Wasserständen in Zukunft nc*ch gepumpt werden, wie es jetzt bereits an dem Stadtringgraben geschieht. Es muß also an der Kläranlage ein Pumplverk vorgesehen werden, um bei hohem Wasserstand das von dem Kanal in die Kläranlage gelangende Wasser in die Lahn zu heben.
Nach diesen Ermittelungen, die sich auf diese 20 Jahre zurückerstrecken, kann angenommen werden, daß durchschnittlich im Jahre etwa an 106 Tagen gepumpt werden muß. Selbstverständlich wechselt diese Zahl in jedem einzelnen Jahre, sie ift eben aJuf Grund dieses 20jährigen Durchschnittes berechnet. Wenn man die Hochwasserstände der Lahn auf die Stadt Gießen ausgleicht und ertvägt, in welcher Höhe die Wasserstände der Lahn die Stadt Gießen teilweise überfluten würden, wenn nicht die nötigen Vorrichtungen getroffen würden, so zeigt sich, daß ein Teil, der in diesem Plane (hinzeigend) hellblau angelegt ist, etwa 0.50 Meter unter dem höchsten Hochwasser liegt; also an dieser Stelle würde die Lahn auf die Straße austreten, wenn nicht das Wasser abgepumpt wird. 9toch tiefer wie die 0.50 Meter unter Hochwasser liegt dieser kleine Teil (hinzeigend). Dagegen liegt dieses gesamte Gebiet, was violett umrändert ist (hinzeigend) etwa 0.30 Meter über dem höchsten Lahnhochwasser.
Diese Zahlen waren maßgebend für die Erwägung, ob die getrennte Kanalisation oder die gemeinsame ausgeführt werden solle. Das Gebiet, was ich Ihnen eben andeutete, das nur 0.30 Meter, also 30 Zentimeter über dem höchsten Hochwasser liegt, kann nicht getrennt entwässert werden, weil das nötige Gefälle für die Abführung des Wassers nach der Lahn nicht vorhanden ist. Es würde also hier bei einer getrennten Kanalisierung das Regenwasser, was nach der Lahn hinzuführen ist, nicht abfließen, sondern umgekehrt würde wegen des geringen Gefälles das Lahnhochwasser durch die Kanäle auf die Straße zurückstauen, und es müßten an den tiefst gelegenen Teilen Ueberschwemmungen ein treten. Selbstver stund lich wäre das noch mehr der Fall bei den Gebieten, die noch tiefer unter dem Lahnhochwasser liegen. Deshalb sind diese Gebiete gemeinsam entwässert, d. h. von diesen Gebieten werden die Schmutzwässer und die Niederschlagwässer zusammen abgeführt. Die übrige Stadt dagegen ist, wie vorher schon bemerkt, nicht gemeinsam, sondern getrennt entwässert.
Ein besonders charakteristisches Merkmal der Gießener KanoilHaticm ist nun, daß es unbedingt verworfen wurde,
sogenannte NotausläsH anzulegen. Die Notauslässe sind Hilfsmittel, aber nicht sehr schöne Hilfsmittel, durch die man in einem gemeinsam kanalisierten Kanalnetz einen großen Teil des Niederschlagswassers abführt und es mit dem Flußlauf, hier also der Lahn oder der Wieseck, vereinigt.
Wenn nämlich in einem gemeinsam entwässerten Gebiet die Kanäle gezwungen sind, bei einem starken Gewitterregen oder bei Wolkenbruch große Wassermengen auf» ßunehmen, dann werden die Profile so überlastet, daß es der Kosten wegen nicht möglich ist, die Kanäle so groß zu bauen, daß sie alle diese Wassermengen abführen könnten. Wenn man dem Rechnung tragen wollte, so würden eben Profile entstehen, die wirtschaftlich nicht mehr möglich sind. Keine Stadt könnte verantworten, derartige Kosten auszugeben. Um nun trotzdem die Vorteile einer Kanalisation auch bei der gemeinsamen Entwässerung einer Stadt zu ermöglichen, werden dann sogenannte Notauslässe eingebaut, d. y. Ueberfälle, durch die das Negenwasser mit einem Teil des Schmutzwassers gemischt in den Flußlauf gelangt; natürlich macht man die Ueberfälle so, daß das Schmutzwasser durch das Niederschlagswasser einigermaßen verdünnt in den Fluß gelangt. Man rechnet, daß auf einen Teil Schmutzwässer vier bis fünf oder mehr Teile Niederschlagswasser kommen. Aber dadurch wird doch nicht aus der Welt geschafft, daß tatsächlich Schmutzwasser in die Flußläufe gelangt und das ist deshalb unangenehm, weil die Schwimmstoffe, wie Papier, Korke, Orangenschalen usw. auf dieser Fläche schwimmen und durch die Notauslässe in den Flußlauf gelangen. Dieser Nachteil der Notauslässe war der Grund, daß man hier in Gießen vollständig davon abgesehen hat, solche anzulegen. Ich weroe nachher nochmal auf diesen Punkt zurückkommen.
Nun möchte ich kurz Ihnen noch darstellen, wie sich die Mengen des abzuführenden Wassers gegen einander stellen zur Begründung der Ausführungen, die ich Ihnen vorhin bereits gegeben habe.
Das Grundwasser steht in Gießen in der Altstadt bekanntlich verhältnismäßig hoch. Ich habe Ihnen vorhin dargestellt, wie schädlich es für die Gesundheit ist, wenn Grundwasser nahe unter dem Boden steht und wenn es dort steigt und fällt, den Boden trocken legt und ihn dann wieder anfeuchtet. Trotzdem darf man Grundwasser nicht in die Kanäle einlaffen, insbesondere nicht in Schmutzwasserkanäle, weil dadurch unter Umständen gerade das entgegengesetzte von dem erzielt werden würde, was man anstrebt. Es ist nämlich bei großen Niederschlägen nicht zu vermeiden, daß ein Kanal unter Druck arbeitet, d. h. daß er das in ihn gelangende Wasser nicht glatt abführt, sondern einen Stau yervorruft, der über den Kanalscheitel hinausgeht. Da aber dieser Scheitel noch unter der Straßenfläche liegt, so sind Bedenken hiergegen nicht vorhanden. Wenn nun aber Grundwasser in diese Kanäle eingelassen wird, so könnte bei einer derartig starken Belastung das Wasser anstatt aus dem Grundstück durch ein Sickerrohr ober irgend ein Zementrohr nach dem Kanal geführt zu werden, bei dem Rückstau umgekehrt in die Grundstücke hineingelangen und es würden unter Umständen diese Grundstücke mit verdünntem Schmutzwasser angefüllt, ein Zustand, der natürlich zu lebhaftem Bedenken Anlaß geben müßte. Deshalb darf das Grundwasser allgemein in Schmutzwasserkanäle nie aufgenommen werden. Anders ist es natürlich bei den Regenwasserkanälen, in diese wird unter Umständen das Grund wasser eingeleitet, aber auch nicht allgemein, sondern nur in besonderen Fällen. Das Gebrauchswasser aus den Häusern ist aufzunehmen. Das Gebrauchswasser richtet sich nach den Verhältnissen der Wasserleitung. Wenn eine Wasserleitung im allgemeinen etwa 120 Liter auf den Kopf der Bevölkerung liefert, so werden diese 120 Liter meist verbraucht, und das verbrauchte Wasser gelangt in die Kanäle. Danach berechnet man das abzuführende Schmutzwasser. Erfahrungsgemäß verteilt sich der Wasserverbrauch nicht gleichmäßig auf die 24 Stunden des Tages, denn es wird in der Nacht viel wenniger Wasser verbraucht als am Tage. Auch an Den einzelnen Tagesstunden ist der Verbrauch sebr verschieden. Um diesen wechselnden Beanspruchungen der Kanäle gerecht zu werben, nimmt man an, daß der stärkste Verbrauch doppelt so groß ist, wie die Zahl von 120 Liter, die ich vorhin angegeben habe, d. h. man sagt, die 120 Liter werden nicht in 24 Stunden ab- geführt, sondern in 12 Tagesstunden, und bann ergibt sich eine sekundliche Abführung von 0.00276 Liter auf ben Kopf der Bevölkerung.
Die Dichtigkeit der Bevölkerung ist nun in ben einzelnen Stabtteilen sehr verschieben. In ber Altstabt stößt ein Haus an bas anbere, Gärten sind im wesentlichen nicht vorhanden, die Höfe meist eng. Dagegen stehen die Häuser außerhalb des Stadtringgraoens in Gärten, sind meist auseinander gebaut und fast durchweg niedriger. Dementsprechend ist die Bevölkerungsdichtigkeit in der Altstadt erheblich größer, wie in dem neuen Stadtteil.
Es kann angenommen werden, daß in der Altstadt von Gießen etwa 250 Seelen auf einem Hektar wohnen, während in den außen gelegenen Teilen der Stadt bloß 120 Seelen auf einem Hekatr wohnen. Dementsprechend werden natürlich die Abflußmengen verschieden, und es ergibt sich, daß für einen Hektar in der Altstadt das abzufÜhrenbe Ber- brauchswasser auf 0.69 Liter unb in ben weiter gebauten Teilen ber Neustabt auf 0.33 Liter pro Sekunbe sich berechnet. Das finb lebiglich bie Schmutzwässer aus ben Küchen, bie hervor gerufen werben Durch bie Zuführung ber 120 Liter Wasser. Dazu kommen bie Fäkalien. Diese inb außerorbentlich gering im Verhältnis zu biefen Zahlen, unb es ergibt sich, daß die Fäkalien etwa nur ein Achtzigstel bis ein Neunzigstel dieser abzuführenden Hauswässer betragen. Sie feljen also, daß die Menge der Fäkalien keinen Einfluß auf die Querschnittbildung der Kanäle ausübt. Anders allerdings auf die Gestaltung, "denn sie sind nicht mehr wie die Hausabwässer, aber ebenso wie diese unter Umständen die Träger von starker Verunreinigung.
Das Fabrikabwasser kann im allgemeinen wohl in die Kanäle auf genommen werden, vorausgesetzt ist dabei, daß es säurefrei ist und weiter, daß es keine zu hohe Temperatur hat, weil auch dadurch unter Umständen der Kanal zerstört werden kann und das Arbeiten in demselben unmöglich gemacht wird. Man nimmt an, daß das Wasser, was in den Kanal gelangt, keinesfalls mehr als 35 Gr. C. haben darf, jedenfalls aber kann durch die Fabrikabwässer ein Kanal in der betreffenden Straße sehr beein- lußt werben, benn es können z. B. Säure, Dampf- unb Kondensabwässer unb ähnliche Abwässer hereintvmmen, obaß es unter Umftänben notwendig ist, den Straßen-- faiml nach diesen Abwässern zu bemessen. Jedenfalls aber müssen für die Einführung der Fabrikabwässer in jedem Falle besondere Vorschriften erlassen werden, damit das Kanalnetz nicht beschädigt wirb.
Tann kommen wir zu den N ieb erschl agsw äs fern, bie auf bie Berechnung ber Querschnitte ber Kanäle von Dem
allergrößten Einfluß sind Auch hier in Gießen sind ein» gehenbe Untersuchungen über bie Niederschläge aufgestellt unb nachbem man alle biefe Fragen sehr genau geprüft unb bie Nieberschläge von zehn Jahren gegen einander verglichen hat, nachdem man auch ganz besonders die Regenmessungen, bie an bem selbst registrierenden Pegel ber Bürgermeisterei seit einigen Jahren in gewissenhaftester Weise aufgetragen werben, berüasichtigt hat, nachbem man alle biefe Ergebnisse gegen etnanber abgewogen hat, ist man dazu gekommen, baß 200 Liter Regen in ber Sekunbe eine halbe Stunbe lang auf einen Hektar fallen unb baß bie bann zur Abführung gelangen müssen.
M. H.! Die Ausrechnungen, warum bas gerabe 200 Liter in ber Sekunbe finb, ist sehr kompliziert, unb ich möchte Sie nur barauf Hinweisen, baß bie größte Regenmenge, bie hier bekannt geworben, niebergefallen ist am 12. Mai 1901. Sie erinnern sich, baß b am als ein sehr starker Wolkenbruch nieberging, unb ba finb 357 Liter in ber Sekunbe 7 Minuten lang auf 1 Hektar gefallen. Wir haben 200 Sek. Liter auf eine halbe Stunde angenommen. Nun muß man bedenken, daß das Niederschlagswasser, was auf den Boden kommt, nicht alles in bie Kanäle gelangt. In ben eng bebauten Stadtteilen verbunstet eine verhältnismäßig große Wassermenge. Wenn das Wasser in einem recht heißen Sommer auf ein trockenes Dach fällt, bann verbunstet natürlich ein großer Teil. Außerdem wirb aber von bem Pflanzenwuchs bei Außenstabt sehr viel Wasser aufaenommeft. In ben (Stabtteilen, in benen Gärten vorhanden sind, wirb ja aus biefen Gärten nur sehr wenig Wasser zum Abfluß kommen, anbers aber in ber Ältst ab t. Da ist bie Decke des Hofes undurchlässig unb es versickert bort sehr viel weniger Wasser in bem Boden wie in ben Gärten.
Sie sehen also, baß in ben einzelnen Stabtteilen zweifellos eine erhebliche Verschiebenheit in ber Wassermenge ist, bie in ben Kanal gelangt.
Unter Berücksichtigung biefer Verschiebenheiten nimmt man an, baß in ber Altstadt etwa acht Zehntel dieses Niederschlagswassers in die Kanäle kommt, in ben weiter gebauten Teilen ber Neustadt, wo Gärten vorhanden sind, aber nur drei Zehntel. Aber auch diese Zahlen sind noch nicht ohne weiteres maßgebend für die Berechnung der Kanalquerschnitte.
Es kommt noch etwas anderes in Frage. Das Kanalnetz ist im allgemeinen bei den großen plötzlich eintretenden Niederschlägen nahezu leer. Das kommt daher, daß die großen Niederschläge nie im Winter vorkommen, sondern immer nur int Sommer, daß sie ferner nicht im Laufe einer längeren Regenperiode emlreten, sondern ganz plötzlich, sie sind eben Wolkenbrüche, die nicht während langer Perioden eintreten, sondern gewöhnlich nach langer Trockenheit. Infolgedessen ist das Kanalnetz, soweit es für die Regenabwässer bestimmt ist, leer, und wenn bas Wasser, Was in ber Nähe ber Kläranlage nieberfällt, in ben Kanal kommt, so finbet es den Kanal frei unb kann leicht abfließen. Menn zu berfeiben Zeit an bem Friebhof auch Wasser einfällt, bann braucht bas Wasser, um sich mit bem ersten Wasser zu vereinigen, eine lange Zeit, weil es bis an die Bahnhofstraße herunterfließen muß. Diesen Umstand nennt man die Verzögerung in ber Ansammlung des Wassers unb ber Einfluß biefer Verzögerung wirb nach Formeln, bie barüber ausgestellt finb, berechnet. Es werden also von diesen 200 Litern zunächst je nach ber Beschaffenheit bes Grunb unb Bobens in der Altstadt entweder acht Zehntel oder in der Neustadt drei Zehntel berechnet und von diesem Wasser durch den Verzögerungskoöffizienten noch eine Verminderung vorgenommen.
Ich bemerke, daß bie 200 Liter, bie hier für Gießen angenommen finb, verhältnismäßig groß erscheinen. Gegenwärtig ist nur in einer Stabt in Preußen unb zwar in Königsberg ein noch größerer Niederschlag für die Berechnung ber Kanäle angenommen. Die Annahme biefer außerordentlich hohen Niederschläge hier in Gießen ist aber durchaus berechtigt und zwar deshalb, weil tatsächlich hier ganz außerordentlich große Niederschläge stattfinden, und zwar viel größer wie z. B. in Darmstadt und Mainz, und weck man hier mit Rücksicht auf die Lahnwasserstände ganz besonders vorsichtig fein mußte. Es kann angenommen werden, daß jetzt bei der Berechnung ber Kanäle auf einen Nieberschlag von 200 Liter tatsächlich ein Ueberfluten von Straßen, selbst bei größten Wolkenbrüchen nach menschlichem Ermessen für ausgeschlossen gilt.
Ich habe Ihnen vorher schon eingehenb ben Haupl- ämmler A beschrieben unb möchte noch bemerken, daß außer bem Hauptsammler A das gesamte Gebiet von Gießen eingeteilt ist in Nebensammler B, C, D, E, F, G, P, I, K, außerdem bie Nebensammler L, M unb N, ferner ist noch ein Hauptsammler O vorgesehen, ber bie hoch gelegenen Teile an ber Frankfurterstraße entwässert. Ich. mache auf ben Hauptsarnmler O besonbers aufmerksam, weil er bei Gestaltung ber Kläranlagen eine erhebliche Rolle spielt. Die Zeit ist nunmehr so vorgeschritten, baß ich zu einzelnen Punkten kommen muß, bie Sie besonders interessieren, unb ich gehe deshalb dazu über, Ihnen die Kläranlage ein* gehend zu beschreiben. Ich habe bereits mitgeteilt, baß )ie Kläranlage nach bem Gutachten bes Herrn Geheimrats Gafsky nur eine mechanische Klärung vornehmen follc. Der Platz für bie Kläranlage befindet sich 1000 Meter unterhalb ber Wieseckniündung. Es ist erwogen worben, ob biefe Lage tatsächlich ausreichenb weit von ber Stabt entfernt sei, um alle üblen Gerüche von ben nahe gelegenen Stabtteilen unb von ben Kliniken insbesonbere abzuhalten. Es besteht ja häufig bie Meinung, baß eine berartige Kläranlage sehr unangenehme Gerüche verbreiten müsse. Um in biefer Beziehung völlige Beruhigung herbeizuführen, hat bie Stadtverordnetenver- ammlung beschlossen, eine Kommission nach ähnlichen un- lagen zu schicken, Die bort bic Geruchsverhältnisse unter* üajen soll. (Heiterkeit.) Wir waren in ber vorigen Woche in Kassel, unb ich glaube Ihnen bie Beruhigung erteilen zu können, büß sämtliche Herren, bie bort waren, sich überzeugt hoben: von üblen Gerüchen aus der Kläranlage wird Gießen in Zukunft keineswegs beeinträchtigt werden, -ue Kläranlagen werden zwar offen gebaut, und trotzdem )mD >ie Gerüche, bie entsteigen, tatsächlich außerorbentlich un* bebeutenb. Sie finb eigentlich nur bann vorhanden, wenn ein Becken gereinigt Wirb, aber sonst ift kaum etwas von üblem Geruch zu bemerken. Deshalb ist denn auaj Diejer Platz, 1000 Meter unterhalb der Wieseckmündung, ms eststehend angenommen, unb es wirb demnächst mit bem Bau bort begonnen. Die Kläranlage besteht nun aus brei Teilen, unb zwar zunächst aus vier pichen Becken, die bie Schmutzwasser aufnehmen, bw aus oe Altstabt in bie Becken gelangen. Iebes dieser Becken i 40 Dieter lang und in seinem Querschnitt so berechnet, daß später, nach Jahren, wenn die Bevölkerung von Gieb ich noch erheblich vermehrt hat, eine Geschwindigkeit v etwa 5 Millimeter bei dem Durchfluß in Den Klärbecken


