Nr. 144 Viertes Blatt.
154. Jahrgang
Mittwoch 22. Juni 1904
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Siebener LamilienblStter- werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «hessische Landwirt erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der Brühllchen UniversitätSdruckeret. R. Lauge, Gießen.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.?.
Tel. Nr. 5L Telegr^-Adr.: Anzeiger Gießen.
General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen.
Vortrag
des Herrn Oberbaurat Schmick-Darmstadt über
Die Kaualifatrou der Stadt Gießen.
(Gießen, den 8. Juni 1904.) (Original-Artikel des „Gieß. Anz.")
Meine Herren! Die Gesundheitspflege der Neuheit hat tn immer steigendem 97iaße erkannt, tote wichtig Die Beschaffenheit des Bodens, d .h. des Untergrundes einer Stadt für die Gesundheit der Bewohner ist. Bei dem engen Zu- sammenivoynen einer großen Anzahl von Menschen auf einem beschränkten Raum dringen im Laufe der Jahre Unreinlichkeiten aller Art in den Boden ein, und wenn man bedenkt, daß die meisten unserer Städte (auch Gießen) eine vielhundertjährige Geschichte haben, läßt sich leicht ermessen, daß durch das wiederholte Eindringen von Unreinlichkeiten in bett Boden dieser Untergrund eben allmählich verseucht. Menn dann noch das Grundwasser in diesem Boden verhältnismäßig flach unter der Oberfläche steht und wenn es — namentlich durch die Einflüsse der Jahreszeiten bedingt — steigt und fällt, dann sind die Verhältnisse gesundheitlich besonders ungünstig. Denn es ist nachgewiesen, daß gerade der Wechsel in dem Stand des Grundwassers in einem verunreinigten Untergrund sehr leicht die Bedürgungen zur Verbreitung ansteckender Krankheiten aiiei Art liefert.
Auch in Gießen hat man erkannt, wie notwendig es war, die hier insbesondere in der Altstadt äußerst gesundheitsschädlichen Verhältnisse zu bessern. Die Geschichte der Kanalisation Gießens spielt lange zurück. Bereits Ende der 80er Jahre haben sich die städtischen Behörden damit befaßt, und im Laufe der 90er Jahre sind dann alle verschiedenen Systeme der Kanalisation erwogen worden. Es ist untersucht worden, inwieweit die getrennte Kanalisation oder die gemeinsame Kanalisation anwendbar sei hier in der Stadt. Es sind zwei Projekte über gemeinsame Kanalisation und ein Projekt über getrennte Kanalisation ausgearbeitet und unter dem Vorsitz des früheren Oberbürgermeisters, jetzigen Finanzministers Gnauth sind eingehende Verhandlungen über all diese Fragen geführt worden. Herr Geheimrat Gaffky, unterstützt in technischen Dingen durch den früheren Stadtbaurat Schmandt, hat dann ein Gutachten über alle diese Projekte ausgearbeitet und ist in diesem Gutachten wesentlich zu folgenden Schlüssen gekommen:
Die Kanalisation von Gießen soll ausgeführt werden und zwar nach folgender Art:
1. Die Entwässerung der Altstadt soll nach dem kombinierten System, die der übrigen Stadtteile nach dem Trennsystem erfolgen; eine Vereinigung der Schmutzwassersiele der äußeren Stadtteile mit dem Hauptsiel der Altstadt zwecks Reinigung und zeitweiser künstlicher Hebung des Sielinhalts vor Einleitung in die Lahn ist vorzusehen. Dann sollte berücksichtrgt werden, daß auch bei der Entwässerung der Altstadt, soweit es tunlich ist, getrennte Ableitung der Regenwässer erfolgen soll.
2. Der Anschluß der Klosetts an die Schmutzwasserkanäle und die Beseitigung der Gruben und Tonnen ist unter Gewährung einer angemessenen Frist obligatorisch zu machen und eine mechanische Reinigung der Schmutzwässer vor ihrer Einführung in die Lahn vorzunehmen.
Meine Herren! Bei diesen Grundsätzen ist in erster Linie die Rede von einem getrennten System und dem kombinierten oder gemeinsamen System der Kanalisation. Ehe ich hierauf weiter eingehe, möchte ich diese Begriffe kurz !klarlegen.
Die abzuführenden Wässer einer Stadt zerfallen in die Schmutzwässer, d. alle diejenigen Wässer, die aus den Haushaltungen in die Kanäle gelangen (Küchenwässer, Bade
wasser, Waschwasser usw.) einschließlich der Abgänge aus den Morten, Pissoirs usw.
Das sind im wesentlichsten die Schmutzwässer; demgegenüber stehen die Riederschlagswässer.
Die Niederschlagswässer bestehen aus Regen, Schnee im Winter, und sind, wenn sie zur Erde kommen, verhältnismäßig rein gegenüber den Schmutzwässern, die aus den Haushaltungen nach den Kanälen gelangen.
Die Aiengen dieser verschiedenen Wässer, die von den Kanälen abzuführen sind, sind außerordentlich verschieden.
Die Hauswässer spielen gegenüber den Niederschlagwässern eine verhältnismäßig geringe Rolle der Menge nach. Sie betragen ungefähr rund ein Zehntel höchstens. Die Niederschlagswässer wechseln natürlich je nach der Größe des Niederschlags; sie sind bei Schneefall verhältnismäßig nicht sehr groß, während sie am größten sind im Sommer bei großen Gewittern und Wolkenbrüchen. Wenn nun die Schmutzwässer, die Regen- und Niederschlagswässer gemeinsam in einem Rohr aus den Straßen der ^>tadt abgeführt werden nach einer Kläranlage oder na'ch einem anderen Ort aus der Stadt hinaus, so nennt man das ein gemeinsames System, weil eben Schmutzwässer und Regeuwässer .gemeinsam ab geführt werden.
Umgekehrt wenn das Schmutzwasser und das Regenwasser nicht in einem gemeinsamen Rohrsystem, sondern getrennt von einander abgeführt werden, daß also das Schmutzwasser für sich und das Niederschlagswasser für sich abgeleitet werden in zwei getrennten Rohrleitungen, so nennt man das getrenntes System.
Nun könnte man ja meinen, wenn man zwei Rohrleitungen baut, so muß das unbedingt mehr kosten, als wenn man eine baut Dem ist jedoch nicht in allen Fällen so. Es fragt sich, wo sind die Niederschlagwässer- hinzusühren. Gibt es nun in einer Stadt Wasserläufe, die so gelegen sind, daß es möglich wird, das NiÄ)erschlagswasser durch kurze Rohrstränge in diese Flußläuse oder Bäche zu führen, so werden die Leitungen für das Niederschlagswasser verhältnismäßig kurz und entwässern sie auch nur ein geringes Gebiet Im Verhältnis zu diesem geringen Gebiet steht aber die Menge des Wassers. Die Rohrleitungen haben also eine verhältnismäßig geringe Wassermenge abzuführen, sie brauchen deshalb auch nicht sehr groß zu werden bezw. keinen großen Durchmesser zu bekommen und werden infolgedessen billiger. Andererseits wenn derartige Wasserläufe nicht vorhanden sind, wenn infolgedessen die Kanäle für das Niederschlagswasser sehr lang werden müssen, dann gibt es außerordentlich große Rohrquerschnitte und Kanalquerschnitte, und die Leitungen werden infolgedessen teurer. Nun ist zwischen diesen beiden extremen Fällen natürlich der Punkt auszusuchen, wo die verhältnismäßig billigen Schmutzwasserkanäle mit den Re gen was serk an ä len vereinigt oder von den Regenwasserkanälen getrennt den billigsten Preis ausmachen. Deshalb kann man im allgemeinen nie sagen, das getrennte System ist das richtige oder das gemeinsame System ist das richtige, sondern es wird in jeder Stadt und in jedem einzelnen Fall besonders zu untersuchen fern, welches von dieses beiden Systemen anzuwenden sein wird.
Es ist aber auch gar nicht notwendig, daß diese Systeme in einer Stadt gleichmäßig durchgeführt werden, daß also eine Stadt nur nach dem getrennten ober nur nach bem gemeinsamen System entwässert wirb. Im Gegenteil, es können sehr häufig in einer Stabt bie Verhältnisse dazu zwingen, baß man einzelne Teile ber Stabt getrennt kanalisiert unb anbere Teile gemeinsam, und einen solchen Fall, meine Herren, haben Sie hier in Gießen.
Wir haben hier eine Vereinigung bes getrennten Systems unb bes gemeinsamen Systems. Das gemeinsame System ist angetoenbet auf bie Altstabt, auf bie inneren, tief gelegenen Gebiete ber Stabt, bas getrennte System auf
bie anbereu Stadtteile, bie außerhalb bes ursprünglichen Stabtringarabens liegen. Es finb allerbings auch noch in ber Altstadt einzelne Gebiete, die getrennt entwässert finb, aber im wesentlichen finb es bie höher gelegenen Stadtteile, bei denen die getrennte Kanalisation zur Ausführung kommen soll.
Nachdem ich Ihnen diese wesentlichen Unterschiede zwischen dem gemeinsamen und dem getrennten System geschildert habe, gebe ich Ihnen nunmehr die Grundlage, nach denen das Projekt für Gießen entworfen worden ist. Mast- gebenb für bie Gestaltung eines Kanalisationsnetzes rst die topographische Lage einer Stadt. Es muß in erster Linie untersucht werden, wie bie Gefällsverhältnisse liegen, ob ein Fluß vorhanben ist, ob Bäche vorhanben jinb, die für die Kanalisation in Frage kommen usw. Gießen liegt auf beiben Ufern ber Lahn. Bei weitem ber größere Teil liegt auf ber linken Seite, auf ber rechten Seite befinben sich außer bem Schlacht- unb Viehhof bis jetzt nur einzelne Häuser, boch bürste zweifellos, wenn erst für biese Gegend ein Bebauungsplan aufgestellt ist, eine ausgedehntere Bebauung sich entwickeln.
Die Altstadt liegt in ber Ebene, flach, in bem Winkl Mischen ber Lahn unb ber Wieseck, unb hat teilweise eine so geringe Höhenlage, baß bie Hochwasserstände ber Lahn (bie höchsten wenigstens) übet bieses Gebiet hinübergehen würben, wenn nicht burch besonbere Vorkehrungen sie daran gehindert würden. Um die Altstadt herum zieht sich der Stadtringgraben, der von der Lahn gespeist wird unb in seinen Wasserstänben von ber Lahn abhängig ist. Dieser Stabtringgraben kann aber an seinem Einlauf abgestellt werben, wenn bie Hochwasserstänbe zu groß werben unb eine Ueberschwemmung ber Altstadt befürchten ließen unb außer- bem ist er an feinem Ausgang mit einem Pumpwerk versehen, sodaß hier bei hochgehender Lahn das Wässer aus bem Ring graben in bie Lahn übergepumpt unb auf biese Weise bie Ueberschwemmung ber Altstabt verhindert wird.
Aus der linken Seite ber Wieseck steigt bas Gelände nach Osten unb ©üben allmählich an unb zwischen diesen beiden Erhebungen befindet sich das Tal des Klingelbachs, der in die Meseck einmündet. Auf diesem Plan (hm- zeigend) sind nun bie Höhenkurven alle eingetragen, sodaß ba bas Gelände ziemlich genau zur Darstellung gekommen ist. Wenn ich Ihnen einige kurze Zahlen an geben bars, so möchte ich bemerken, baß bie Altstadt auf einer mittleren Höhe von etwa 157.3 Meter über R R liegt unb daß ber tiefste Punkt im Tiefeuweg 156.4 Meter beträgt, währen!) bie stäbtische Kaserne an der Grünbergerstraße 187.5 Meter unb bie Schöne Aussicht eine solche von 197.57 Meter hat. Sie sehen also, baß ba außerorbentliche Unterschiebe bis zu 41 Meter vorhanben sinb.
'Tas gesamte zu entwässernbe Gebiet ist nun auf biefem Plan (hinzeigenb) in einzelne Teile eingeteilt unb zwar nach sogenannten Sammelgebieten. Es ist nottoenbig, einzelne Sammler burch bie Straßen burchzuführeu unb in Diesen Sammlern das Schmutz- unb Regenwasser der gesamten Fläche aufzunehmen. Selbstverständlich münden in diese Hauptsammler Nebensammler und in diese Nebensammler einzelne Kanäle, und dadurch bildet sich ent gesamtes Netz des Kanalisationsgebietes. Der Hauptsammler in Gießen beginnt oben am Friedhof, führt die Marburgerstraße entlang, kreuzt den Stadtringgraben am Walltor, folgt ber Walltorstraße, der Wetzsteingasse, bem jetzigen Stabtbach, der Bahnhofstraße, wo er bei der Kaplansgasse den Nebensammler B aufnimmt, führt weiter durch Die Bahnhofstraße, Westanlage, wo er den Stabtringgraben kreuzt. Hinter bieser nimmt er ben Nebensammler D auf, ber auch Abwässer vom Nebensammler F mit sich führt. Dann geht ber Haupb- fammler A burch bie Bahnhofstraße bis zur Meseck, unterquert biese, nimmt ben von ber Alicestraße kommenden Sammler auf, läuft dann ber Wieseck und Lahn entlang
Feuilleton.
— Ein jüdisches Theater in London. Aus London noirb berichtet: London soll ein ständiges jüdisches Theater er- Lmlten, ein modernes Schauspielhaus mit all dem Luxus, den anspruchsvolle Theaterbesucher heutzutage verlangen; der Schau- ßpielertruppe sollen die besten Kräste des Kontinents und Amerikas angehören, die im jüdischen Schauspiel tätig sind. Die Pläne für den „Crient", so wird das jüdische Theater heißen, sind von dem Architekten Bertie Erewe entworfen. Der Bau wird im nächsten Jahre beginnen. Für die Errichtung des Theaters ist eine Summe rort 900 000 Mk. ausgesetzt. Es wird das erste ständige Theater in England sein, in dem nicht Stücke in englischer Sprache gespielt werden. Alle Mitglieder der Gesellschaft, die das Unternehmen finanziell stützen, sind Juden. Der Plan ist entstanden, weil bei gelegentlichen Vorstellungen jüdischer Stücke in verschiedenen Teilen des Londoner Ostend ein Publikum von 1200 bis 2400 Personen anwesend war. In Newyork gibt es bereits vier jüdische Theater, die zum Teil wöchentlich neun Vorstellungen im jüdisch-deutschen Jargon geben. Der „Orient" soll Platz für 2000 Personen bieten: die Preise für die nummerierten und reservierten Plätze werden ö-on 50 Psg. an auswärts betragen.
— Cott a'sche Handbibliothek. Hauptwerke der deutschen unb ausländischen schönen Literatur in billigen Einzelausgaben. Stuttgart und Berlin, Verlag der I. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. — Bon ber „Cotta'schen Handbibliothek" ist soeben eine Anzahl weiterer Nummern erschienen. Wieder hat eine Reihe von Werken, deren Verlagsrecht dem Cotta'schen Verlage ausschließlich zusteht, Aufnahme gefunden und ist nun zu außerordentlich billigen Preffen bei gntter Ausstattung zu haben. So wird Bc r t ho l d A n e r b a chs qmmütnolle Erzählung „Edelweiß" in einer neuen wohlfeilen Ms gäbe geboten, eine Auswahl aus verschiedenen Werken Ru- Dolf Baumbachs zeigt uns den beliebten Dichter als feinsinnigen und unterhaltenden Erzähler. Die „Ansgewählten Gesichte" von Betty Paoli, eingeleitet von Marie von Ebrrer- Erschenbach, werden bie besten Schöpfungen der hervorragenden Dichterin und edlen Frau yun in weitere Kreise tragen. Äußer- dsrm find wiederum Werke von Hebbel in die Sammlung auf- gsmommen.
— Friedrich Huch: Träume. (S. Fischer, Verlag, 88-rlin.) Geh. 1 Mk. ■— Friedrich Huch, bietet eine höchst I eigenartige und reizvolle Gabe: Träume. Es sind Träume, w. er sie wirklich gehabt hat, nicht Erdichtungen ber Phan-l 1
tasie. Er hat sie mit Treue unb Schlichtheit ausgeschrieben und dabei doch ihren Reichtum mtt der Grazie seiner Sprache eingefangen. So erregen diese Träume ein zwiefaches Interesse: ein psychologisches, weil man in ihnen die rätselhaft souveränen Bewegungen der unbewußten Seele gewahrt, — und ein poetisches, weil eben doch ein Dichter sie träumt, bei dem die Schönheit der Anschauung im Unbewußten nur noch gesteigert ist.
— D i e Kunst. Monatsschrift für freie und angewandte Kunst (Verlagsanftalt F. Bruckmann A.-G., München. Viertel- jährlich 6 MkJ. Mai-Heft 1904: Die Frühjahr-Ausstellung der Münchener Sezession, von G e o r g H a b i ch in einem längeren Aussatz besprochen, wird uns in zahlreichen Abbildungen vor- gesührt, bie der Qualität der Ausstellung ein gutes Zeugnis ausftellen. — Carl Langhammer spricht über den deutschen Künstlerstreit in verständigem, versöhnendem Sinne. — Das große Werk Wilhelm Steinhausens, seine Wandgemälde zu Frankfurt a. M. in der Aula des Kaiser Friedrich-Gymnasiums, würdigt Heinrich Weizsäcker, Johannes Kleinpaul die größte Schöpfung Hermann Prelis, nämlich die Gesamtausstattung des Treppenhauses im Albertinum zu Dresden. Friedrich Prellers b. Ae. Gedächtnis wird anläßlich seines 100. Geburtstages durch den Abdruck interessanter Briefstellen geehrt. — Der kunstgewerbliche Teck dieses Hestes besaßt sich mit der Raumgestaltung und Ausstattung der deutschen Kunstausstellung in St. Louis und gibt mit 77 Abbildungen ein sehr bedeutendes Anschauungsmaterial.
— DieMax Klinger-Nummer der illustrierten Kunft- zettschrist „Die Plastik" (herausgegeben von der Aktien-Ge- sellschaft vorm. H. Gladenbeck u. Sohr, Berlin) ist kürzlich erschienen. In ber anregenden und interessanten Abhandlung von Paul Kühn lernen mir Max Klinger als Plastiker würdigen. Die Hauptwerke des Meisters: Salome, Kassairdra, die Badende, Beethoven unb das Nietzsche-Porträt werden in Einzelabschnitten erläutert unb in Reproduktionen veranschaulicht, besonders interessant ist auch ber Abschnitt über die Reprodukttonen in Bronze; denn es sührt uns Klinger, der in seinem rastlosen Schassen aufwärts steigt, menschlich unb künstlerisch näher. Mit diesen nach Klingerschen Werken hergestellten Reproduktionen ist der deutsche Bronzekunfthandel in ein neues verheißungsvolles ©tabium getreten, das ihm aus dem Welttnarkt zu einer hervorragenden und angesehenen Stellung verhelfen wird.
— DaS Studium fremder Sprach em ist heute eine Notwendig leit. Aber nicht allein ist es möglich eine Sprache an der Hand eines tüchtigen Lehrers zu erlernen. Für diese bleibt nur ber Selbstunterricht. Uns liegen jetzt ein paar weitere Liefer
ungen eines von uns bereite erwähnten Werkes zum Selbst, unterricht ber italie nischen Sprache, von Prof. Buonaventura und Dr. Schmidt, vor. 6. Verb. Auflage. (Einzelne Briefe je 50 Pf.) Verlag von E. Haberland in Leipzig-N. 91. Tie Briefe sind, so weit wir sehen können, sorgfältig und gewissenhaft gearbeitet und schreiten methodisch vorwärts. Der Schüler findet Gelegenheit zu regelmäßigen Repetitionen und praktischen Uebersetzungsübungen. Die Aussprachebezeichnung, auf bie es bei einem solchen sür Selbstlerner bestimmten Buche vor allem an- kommt, ist tadellos. Wir können die Briese, deren weiterem Erscheinen wir mit Interesse entgegensehen, nur auf das roärmfte empfehlen.
— Die Hendel-Bibliothek verfolgt das Ziel, die Ge» famtlitteratur zu umfassen. Neues, soweit eS Anspruch auf dauernden Wert hat, unb literarische Schätze vergangener Tage werden in der neuesten Serie (ä. Nummer 25 Psg.) dargeboten. Neben Malta- t u l i, dem Vorlänser Nietzsche's, der mit seinen so gehaltvollen wie scharfgeschliffenen .Ideen und Skizzen" (geh. 7b Pfg.) auf dem Plan erscheint, finden wir Andersens Märchen" (geh. 1.2b Mk.), eine Fülle weniger bekannter Gaben des dänischen Dichters in stimmungsvoller Uebersetzung, die bei Groß und Klein mit Freuden willkommen geheißen werden. Eine bühnenwirksame Ausgabe von Shakespeare's „Othello" (bearbeitet und inszeniert von C. W. Schmidt unter Benutzung der Uebertragungen von Schlegel-Tieck und Wilh. Jordan) verdient besondere Beachtmrg bei allen Theatersreunden.
Das X. Hest von Velhagen L Klasings Monats- h e f t e n bringt einen überaus nrteressanten Aussatz über die Villa Borghese in Rom, in deren Anlagen bekanntlich das von unferm Kaiser gestiftete Goethe-Denkmal von Eberlein aufgestellt worden ist. In dem Aussatz des Herrn von Graevenitz, der bezeichnend; „Villa Borgbese und ihre deutschen Erinnerungen" heißt, geht der Verfasser liebevoll den Beziehungen nach, die Goethe mit dieser Villa und ihren eigenartigen Narur- und Kunstschätzen verbanden. Von den anderen illustrierten Aufsätzen, die das Heft bringt, seien noch „Docks" von Ernst Foerster unb „Tie Einführung ber Stein- bruckerei in Berlin" von Walther Gensel erwähnt. Sehr interessant ist ein Artikel: .Die Schnellbahnverfuche" von R. Wahle, in dem die Versuche, durch Elektrizität betriebene Züge mit bisher ungeahnter Schnelligkeit, zu befördern, eingehend besprochen und nach ihrer Bedeutung für die Versuchspraxis gewürdigt werden. Auch der Aussatz von Professor Heyck: „Karl der Große als Persönlichkeit" — eine seine psychologisch-historische Studie — wird viele dankbare Leser finden. Tw farbigen Faksimiledrücke geben diesmal reizvolle ©lubien von Otto Sttützel wieder.


