Ausgabe 
21.11.1904 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

auLzuzeichnen. Diese Noten sollen ausschließlich von den Vorgesetzten der betreffenden Offiziere ausgestellt werden.

.Heute sind keine Meldungen über Kämpfe eingelaufen" So meldet deS Zaren Generaladjutant K u r o p a t k i n fast täglich. Beide Heere haben sich wegen der Kälte durch Eingraben, Ver­schanzungen u. dergl. so festgelcgt, daß sie sich nicht mehr rücken und rühren können. Pelze und Nahrungsmittel sollen vorbanden sein, ebenso guter Mut und Gesundheit, sogar die öfters offiziell slatlfindenden mehrstündigen Artillerieduelle sollen kaum noch großen Schaden anrichten. Andererseits wird allerdings gemeldet, daß die Russen einen all­gemeinen Angriff der Japaner erwarten. Ein vorübergehendes Jntereffe erweckte der glückliche Durchbruch des russischen Torpedobootszerstörers .Rastoropny" auS dem durch die japanische Flotte zernierten Hasen von Port Arthur. Nach Tschifu entkommen und zur Deöarrnierung gezwungen, ent­schloß sich der Kommandant, sein Schiff in die Lust zu sprengen, wahrscheinlich, um nicht das Schicksal des früher von den Japanern weggesangcnenReschtschitelny" teilen 311 müssen. Die Besatzung des .Rasloropny" flüchtete sich an Bord eines chinesischen Kreilzers, da der Befehlshaber der in den Hasen eingelaufenen japanischen Torpedoboote drohte, sie als Gefangene sestziihaltcn. In Tokio wird derRastoropm)"- Vorsall als Bruch der chinesischen Neutralität betrachtet, da der Zerstörer nicht wegen schlechten Wetters Zuflucht suchte, sondern zu dem ausgesprochenen Zweck der Depcjchen- überbringung dorthin gesandt wurde. Die Presse führt aus: Die Berücksichtigung der Neutralität Chinas seitens Japaiis könne nicht über die Grenze dessen hiuausgehen, wie Ruß­land sich der Neutralität Chinas gegenüber stelle. Einige japanische Zeitungen fordern die Regierung auf, energisch einzugreifen, falls weitere russische Schiffe Tschifu anlausen sollten.

Aie Kutyüllung 0es Aenkmals Kllevnchs ö. Or in Zöalymgton.

Washington, 19. Nov.

Bei der heutigen Enthüllung des Tenkinals für Fried­rich den Großen waren 20 000 Personen anwesend, davon etwa 4000 auf den Tribünen. Ein seltener Anblick in Ame­rika waren die Uniformen, die vorherrschten. Ganz Washington machte Festtag. Die Stadt ist großartig ge­schmückt mit deutschen und amerikanischen Farben sowie Transparenten, die Aussprüche Friedrichs ausweisen. Ter Festakt währte dwi Stunden. Generalmajor Gillespie, der die Zeremonien leitete, bot nach dem vom Bischof Satterlee gesprochenen Gebet der Baronin Speck v. ^ternburg den Arm und führte sie zur Statue, die in deutsche und ame­rikanische Flaggen gehüllt war. Tie Baronin löste ein Band und sofort fielen die Flaggen zurück, die Statue den Blicken aller zeigend. Sofort ertönte ein von zwanzig Trompetern gegebenes Signal. Alle zur Feier zugezogenen Regimentskapellen intonierten die deutsche Nationalhymne, worauf Generalleutnant v. Löwenseld im Auftrage des Kaisers die Statue dem deutschen Botschafter überwies, der hinwiederum sie mit einer Ansprache an den Prajideten dem amerikanischen Volke übergab. Jetzt wurde die ame­rikanische Nationalhymne gespielt, worauf Roosevelt, Ge­neral Chasse und der Botschafter Tower Ansprachen hielten und der deutsch-lutheriscye Pastor Menzel den Segen sprach.

Tie Rede des dentscheu Botschafters.

Frhr. Speck v. ^ternburg machte folgende bemerkens­werte Ausführungen:

Ter herzliche, auftichtige Willkommengruß, der dem Prinzen Heinrich von Preußen überall in den Bereinigten Staaten wäl-rend seines Besuches im Februar 1902 zuteil wurde, hat einen tiefen, dauernden Eindruck auf den deutsä-en Kaiser und das deutsche Volk hinterlassen. Kaiser Wckhelm verfolgte mit Lebhaftem Inter­esse die Reise seines Bruders in Amerika. _ Tiefes Standbild entsandte er über das Weltmeer als Freundschaftsgabe für das amerikanische Volk. Äiöge der Geist dieses Helden die Männer, die die Stützen der zukünftigen Armee der Vereinigten Staaten bilden sollen, mit Eigenschaften beseelen, die den eisernen Hoheit­zollern unter den Heerführern groß machten, und die allein Heere mächtig und unbesiegbar machen!

Die Erwiderung des Präsidenten Roosevelt.

Tie Ansprache deS Botschafters Frhrn. Speck v. Stern­burg erwidernd, dankte Präsident Roosevelt in einer längeren Rede, in der er u. a. ausführte:

Ich nehme die Gabe nicht nur als ein Tenkmat eines der größten Soldaten, sondern ich nehme sie als das Tenkmal eines großen Mannes entgegen, dessen Leben dem Dienste des gwßen Volkes gewidmet war, und dessen Taten die Ankunft des Tages bescheinigte, wo das geeinte Deutschland ms Leben trat. Wir empfangen die Gabe aus den Händen des Kaisers, der hervor­ragend beitrug zu dem Glanze seines großen Hauses und seines großen Volkes, ein Mann, der sein Leben der Wohlfahrt seines Volkes geweiht hat und der stets bereit ist, die Rechte seines Voltes zu verteidigen, und der auch nachdrücklich dargetan hat, daß er und sein Volk Frieden und Freundschaft mit den anderen Völkern der Erde wollen.

Von Friedrichs des Großen Laufbahn lernen wir Strategie

und Taktik, sowie die Organisation des Erfolges. Ler Mann, in dem soldatisches Heldentum die höchste Vollendung erreichte, gehört nicht allein seiner Nation an, sondern allen Natio- nen, die militärische Tugenden an den Tag zu legen und zu würdigen wissen. .

Ich nehme dies Standbild aber auch als ein Sinnbild der Bande der Freundschaft und der Zuneigung, die, wie ich vertraue, das deutsche unb das amerikanische Volk immer enge r verknüpfen werden. Unter den Führern des Revolutivns- kricges war General Mühl en berg ein Amerikaner deutscher Abstammung. Unter den Ausländern, die nns^zu Hilfe kamen, war einer der hervorragendsten der Teutsche Steuden. Ein anderer Mühlcnberg war der erste Sprecher des Repräsentanten­hauses, und der Deutsche Hcrkomer war im Revolutivnslriege der Sieger der Schlacht, welche der amerikanischen Sache das Mohawktal rettete. In unserer Volksgemeinschaft ist der Deutsche ein unschätzbares Element.

Ter Zug unter den s)l atione n geht dahin, daß sie i in m c r enger aneinander geknüpft werden, zum Guten wie zum Schlimmen, und daher wird das Gedeihen der einen immer Wichtiger für jede andere. Wir in Amerika, wo die Verschmelzung der Völkerschaften zu einem Volke höchst wichtig ist, bemühen uns unaufhörlich, uns das Gute jedes Stammes zu Nutze zu machen, mit der R ässe n f eft n d s ch a f t und G l a u b c n s s c i n d s ch a f t der verschiedenen Stämme aufzu raumen, und beides mit erstaunlichem Erfolge. Wie der Friede im Innern immer leichter wird, so wird auch im Laufe der Zeic das glaube ich seit es nicht schwerer, sondern leichter werden, mit den anderen Völkern der Erde in Friede und Freundschaft zu leben. Es ist eine große Freude, Herr Botschafter, in Verfolgung dieses Zieles mit Ihnen neuerdings die ersten Schritte für einen deutsch - amerikanischen F r e u u d s ch a f t s - und 2 ch i e d s v e r t r a g getan zu haben. Mit Tauf für den deutschen Kaiser und das deutsme Vock nehme ich das Standbild an namens des amerikanischen Volkes, welches dem Ihrigen blutsverwandt und gleich dem Ihrigen erfüllt ist von dem Stolze auf die großen Taten der Vergangenheit und von dem Vertrauen in die Größe der Zukunft. Mein inniges Gebet ist, beide großen Völker mögen der künftigen Erfüllung ihrer besonderen Geschicke zu- schreiten, aneinander geht ipit durch Bande herzlichster Freund- jchast und herzlich en Woh wollens.

xie Ansprache des Generals v. Loewenseld.

Ter deutsche M.ui|cr ist von oeni rwuniu-e bc,een, dem Volke der Vereinigten Staaten ein sichtbares Zeichen seiner dankbaren Erinnernng an die sympathische Austiahme zn widmen, welche seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich von Preußen, überall in Amerika zuteil geworden ist. Ter würdigste Ausdruck erschien dem Kaiser das Standbild seines Ahnherrn Friedrichs II. Ist dieser König doch der gewesen, welcher das Werden und Emporringen der Vereinigten Staaten von Anbeginn an mit warmer Teil­nahme begrüßte und als erster Souverän nach dem Pariser Frieden im Jahre 1 <83 mit dem jungen Staatenbunde einen Freundschafts­und Handelsvertrag schloß. Ter Kaiser ist der Zuversicht, daß, so Gott wstl, das Tenkmal ein dauerndes Wahrzeichen blckbt für den Fortbestand der sreundschastlichen Beziehungen, für die der große König den Grund gelegt hat. In dieser Stadt, gleich ausgezeichnet durch herrliche Schönheit wie burt/ die Fülle historischer Erinner­ungen, führe ich hiermit den ehrenvollen ^tuftrag meines kaiser­lichen Herrn aus und übergebe Ihnen, Herr Botschafter, das Standbild Friedrichs des Großen.

Roosevelt richtete an Kaiser Wilhelm ein in herzlichen Worten gehaltenes T e I e g r a m m.

TieNewyork Times" versichert, den Amerikanern wäre das Standbild d c s K a i s e r S w i l l k 0 m m c n e r, als das desalten Fritzen". Wenn Deutschland heute einen Präsidenten zu wählen hätte, würde es nur Wil - h e Int II. wählen.

jpeY SiaptÜaus Ot» Amlcnsch.ffcsPcuhchland".

Kiel, 19. November.

Der Kaiser und die Kaiserin mit Gefolge, Gras Bül0w und Admiral v. Tirpitz trafen heute vormittag hier ein. Zum Empfang war am Bahnhofe Prinz Heinrich erschienen. Heute nachmittag erfolgte auf der Germaniawcrft der Stapellauf deS LinienschiffesN". Reichskanzler Graf Bülow hielt folgende Taufrede:

Das Schiff, zu dessen Stapellauf wir versammelt sind, soll den Namen unferes Vaterlandes tragen. Was sagt uns dieser Name? Wie das Deutsche Reich? Wie soll es seilt? Sicher ruhend hi der Eintracht der Fürsten lind Stämme; Kleinen und Großen, das Maß i h r e s R e ch t e s n a ch G e s e tz und Verfassung verbürgend, hilfreich d e n S ch lv ä ch e n, ivachselide Wohlfahrt und Crdiumg nix Innern, aller ehrlichen Arbeit freie Bahn, jeder Tüchtigkeit ein herzliches Willkommen. So allem kann nn Reiche der Boden bereitet werden für alle Werke des Friedeiis. Sie zu schirmen im Wettbewerb der Völker, dazu halten wir unsere Waffen fchars. Ter Sohn feines schwachen Volkes ist voin hennifcheii Staniine losgelöst, cm in den Wind gefallenes Blatt. Wer vo»x uns hinauszieht, um deutsche Kultur und deutsche Arbeit in die Welt zu tragen, soll eines fcften Rückhaltes in der Heimat sicher sein. Daruni schaffen wir uns unsere Flotte. Für niemanden aber ist unsere Seewehr eine Heraussordermig. Willig stehen wir in Reih' und Glied mit allen Freunden des Friedens, oljue zu vergessen, daß nicht ivir allein den Gang der Weltgeschicke bestiinmen. Stark un friedlichen Rate der Völker, so wollen wir unser Land blühen imb gedeihen sehen. Dazu helfe uns and) unser jüngstes Schiff, das Ew. Majestät jetzt taufen ivollen.

Der Kaiser taufte hierauf das Schiff auf den Namen Deutschland".

Tas neue Linienschiff weist folgende Abmessimgen ans: Länge 121,5 Nieter, größte Breite 22,2 Nieter, Tiefgang 7,65 Nieter.

Panzerschutz: Ter Gürtelpanzer hat mittschrffs eilte Dicke von 240 Millimeter, an den Enden des Schiffes eine solche von 100 Milli« nietet und reicht ebenso wie das Panzerdeck vom Heck zum Bug< Außerdem ist eine 205 Millimeter starke, gepanzerte Zitadelle sowi« eine mit 170 Millimeter starkem Seitenpanzer und Panzerdeck ver­sehene Batteriedeckkasematte nebst vier ebensolchen Eckkafematteu auf Oberdeck vorhanden. Zivei Kommandotürnie mit Panzer von 300 und 140 Millimeter Dicke dienen zum Schutze der Befehls- habenden und der Kommandoelemente. Tie Bestückung besteht aus! vier 28 Zeutimeter-Geschützen in Türmen vorn und achtern mit einem Panzerjchutz von 280 Millimeter Dicke; zehn 17 Zentimeter. Geschützen hinter Dem Kasemaltpanzer von 170 Millimeter Dicke, vier 17 Zentimeter»Geschützen in ebensolchen Einzelkasematten aus Lverdeck; zwelinidzivanzig 8,8 Zentimeter-Geschützen; vier 3,7 Zen tmicter-Maschmenkanonen in den Marsen; vier 8 TIi Uimet er- Maschinengewehren und einer 6 Zr-ntimeter-Bootskanonc. Außer­dem hat das Schiff sechs Stück Umerwasser-Toipedolanzierrohre. Das Linienschiff erhält drei, mit dreifacher Expansion arbeitende Hauptrnaschinen, die 16 000 Pferdekraste mdizieren und dem Schiffe eine Geschwiiidigkeit von 18 Knoten geben sollen. Ten Dampf liefern zwölf Wasserrohrkessel System ' Schulz-Thornyeroft. Der normale Kohlenvorrat beträgt 800 Tonnen, kann aber durch Füllung der Reservebunker auf 1800 Tonuen erhöht werden. Die -roppelvodeiizellen faßen 200 Tonnen,Teeröl, das ebenfalls zur Feuerung verwendet wird. Tas Schiff soll als Flaggschiff dienen und wird entsprechende Wohnraume für den ans 35 Offizieren be­stehenden Stab, iiir 35 Teckoffiziere, 16 Fähnriche und 650 Mann Beiatzung erhalten. Tie fchivere Artillerie besteht bet Mis aus vier 28 Zentmieter-Geschützen, während die der anderen Staaten zivei Ins vier 30,5 Zenttrneler-Geschütze aufweist. Sie ist aber dieser gleich an Wert für öic Seeschlacht, worüber bei uns alle Marine- iachbläller einig sind. Die Mittelartillerie der neueren, später in Bau gegebenen Schiffe anderer großer Stationen ist unserer \Uttttel- artillerie dem Kaliber nach überlegeii.

ZMttilche -Möschan.

AttNisterwcchjel in Eoburg-Gotha.

Im GroßycrZvgt.um herrscht große Er­

regung. Unverautlvorlliche Ralgeber haben den langen« Herzog Karl Eduard in Potsdam Veivogen, gegen die To- maiitaimiuiig Beocnken gU äußern. Tie Tvmumn gehörren nämlicy bisher sämtlich dem Herzog und sollten fortan zur Halste Uni Hcrzvg und dem Staate zugewiesen werden. Rach demGoth. Tgot." ist der K-ern der KUlidgebung des Gesumtministertums der, daß imBereiche des ersvrder- hujai agnatischen Ein vernehmens nach dem 18. April. 1004 Bcvcnken und Wünsche geltend gemacht sind, deren als- vaivcge Grlevcgung iuu)t erwartet weroen kann." Es fand eine Beratung des Ausschusses des Lanotags statt, um eine Erklärung an den Herzog zu formulieren. Infolge der Erklärung des Regenten des Fürstentums Sachsen- Koburg-Gotha in der Angelegenheit der Dvinu^enfruge hat Staatsminister H e n t i g seinen Abschied c-ingeretcyr. Der Regent nahin das Gesuch unter Ausorücken des Bedauerns an. Wie es heißt, jud Heutig zum Nachfolger des Ehefs dcS Kaiser!. Zionrabinetts v. Lueanus ausersehen sein.

TasGoch. Tgbl." berichtet folgende offene Anfrage an bcii vvcMuligcu Staatsmmister v. Strenge:Ist es wahr, dag Sie nach dem 18. April 1004 hinter dem Rüacn, d. h. ohne Borwissen des Regenten, dem minder­jährigen Herzog durch iBermittelung eines inzwischen av- geivsicn Adjutanten ein Promemorta zur Tomanenftage zugestellt haben?"

F»arLamenrarljches aus Kcjjen.

Eine Vorstellung des Hessischen Landes-Lehrervereins betrifft die Erhöhung der Pensionsbezüge der vor dem 1. April 1900 in Ruhestand getretenen Volks- schullehrer im Großherzogtum. Erfreulicherweise habe sich, ivie die Herren Lehrer meinen, die Finanzlage des Staates derart gebessert, daß eine verhältnismäßig so kleine Summe, wie die Erhöhung der Pensionsbezüge für die in Betracht kommenden Volksschullehrer sie erfordert, wohl ohne ein Mißverhältnis im Staatsbudget bervorzuruscn, aufgebracht werden könne.

Nach einem neuen Gesetzentmu»., der Regierung soll sich die Geltiingsdauer des Gesetzes, die Gemeindeumlagen betreffend, bis zum Inkrafttreten eines neuen Gesetzes, welches die Veranlagung der Gemeindeumlagen neu regelt, erstrecken.

Dor Entwurf eines Gesetzes, die Forst Verwaltung deS Großherzogtums betreffend, hat im großen und ganzen die Billigiing des 2. Ausschusses gefunden.

Kcer unö Alotte.

Der General der Infanterie Maximilian Robert v. Goetze ist in Hannover in fast vollendetem 75. Lebensjahre gestorben. Von 187176 war er Major und Bataillonskommandeur im Insanterie-Reginient Nr. 116. 1893 wurde er Kommandierender des 7. Armeekorps und 1894 General der Infanterie. Seit 1898 war er Chef des 1. Lothr. Jnf.-Reg. Nr. 130.

Pflege der Steno grahie im 18. A r ln e e k 0 r p s. Man schreibt uns: Bei Freigabe der Kapitulantenschule für den steno­graphischen Unterricht wurde im 18. Armeekorps für sämtliche Regl-

Hans v. Hopsen t*

Am SamstcH mittag verschied in seiner Wohnung zu Groß- Lichterfelde bei Berlin Hans v. Hopfen. Ter Dichter fühlte sich in der Nacht unwohl, der Arzt stellte ein Lungenoedem fest, das jchnell zu einem tödlichen Ausgang führte.

Hans v. Hopfen, am 3. Januar 1835 geboren, stand kurz vor der Vollendung seines 70. Lebensjahres. Mit ihm, der von seinem bayerischen Fürsten den persönlichen Adel erhalten hatte, ist die jüngste Poetenkrcrft des Münchener Tichterkreises dahin­gegangen, den einst der kunstsitmige Bayernkönig Maximilian um sich versammelte. Süddeutsche Lebensftische und warmherziges, künstlerisches Empfinden vereinten sich in dem Dichter schon in sehr jungen Jahren zu bedeutsamem poetischen Schaffen. Wie Scheffel blieb Hopfen im Herzen einewiger Student", der Weis­heit und Schönheit kostete und den Turst löschte, wo er brannte. Seine studentischen Erfahrungen spiegeln sich in seinen Romanen mehrfach ibieber. Und wenn der alljährliche Kommers der alten Korpsstudenten in Berlin die alten Herrn ad loca rief, da war Hans 0. Hopfen in seinen Münchener Frankenfarben einer der populärsten Gestalten im Präsidium. Man liebte es einst, ihn als Novellisten Heyse an die Seite zu stellen, obwohl der jüngere Dichter keineswegs eine so korrekte Stilgebundenheit zeigte wie Äeyse. Aber bie Leidenschaftlichkeit der Empfindung, die scharfen Umrisse der Figuren, bie Wärme des Tons zeigten künstlerische Kraft. Ten poetischen Rci;, der über seinen Iugenderzählungen liegt, hat der Dichter nie mehr erreicht. Tafur kam ein neues Element, der Humor hmzu. Auch hierin Scheffel ähnlich, hat Hopfen behaglich und ietn beobachtend prächtige Gestalten voll humorisnscher Irische ge^i^nct, die aus einer glücklichen Ver­einigung süddeutscher Teutperamentskraft und norddeutscher Tenk- ru jen S'Ui 1866 nahm Hopfen, m das Jahr norh r gU (öeneralsekrerär der dnttsckM Schillerittftung in Wien verbracht hatte, seinen Wohnsitz in Berlin. Uno seit dieser. Zeit trag 11 seine Romane, obwohl er meist sich zu Staffelt aus seiner lüüü uti'd Heimat l r , 7.1 gen fühlte, einen abgeklärteren Eha-

v rlinö, in dessen geistig vor­nehmen Kreisen . -Uc Persönlichkeit war,

machte sich naturgemäß geltend. Wer ihn persönlich in angeregtem I Kreise zu sehen Gelegenheit hatte, wird den geistvollen Plauderer, der voll von keckem Humor steckte, den witzigen, gescheiten Kopf ganz gewiß nicht vergessen.

Semiramis. Erzählung von E. v. Wildenbruch. (Ber­lin, G. Grote sch e Verlagsbuchhdlg.) Semiramis, die es aus unbedeutenden Anfängen zu einer hervorragenden Stellung als Leiterin und Eigentümerin einer angesehenen illustrierten Moden- Zeitung gebracht hat man denkt da an Freifrau Frida von Lipperheide, die Begründerin derModenwelt" gleicht in ihrer machtvollen äußeren Erscheinung und in dem ange­borenen Herrschertalent der asshrischen Königin, nach der man ihr den Beinamen gegeben hat. Sittenrein und doch der Liebe be­dürftig hat sie die Liebe in ihrer kurzen Ehe nicht kennen ge­lernt, und wird nun von ihr jählings befallen. Aber der Vlann, dem sie ihre Liebe zmoendet, ist ihrer unwürdig. Ten schein­baren Widerspruch, der darin liegt, daß ein solches Weio, wie Semiramis, einen solchen Mann liebe, wie den erbärmlichen Edgar Martesius, hat Wildenbruch romanhaft beantwortet. Ob­wohl ein verächtlicher Stümper, hält sich Älartesius für einen Schriftsteller ersten Ranges, der nur in die nötige Stimmung zu kommen brauche, um die Welt mit Meisterwerken zu beglücken; aber leider kommt er nie in diese Stimmung und erspart sich so die Mühe, seine Verheißungen und Einbildungen in Taten um­zusetzen; er ist die Personifikation jener Talcntlosigleit, die durch Interjektionen und Gedamenstriche da, wo sie nichts mehr zu sagen weiß, sich den Anschein abgrundtiefer Weisheit geben möchte und doch nur mühsam ihren geistigen Bankerott verschleiert. Semiramis lernt die geistige Erbärmlichkeit, des Martesius, die noch wesentlich übertroffen wird von seiner moralischen, allmäl;- lich kennen, und dazu hilft ihr die Bekanntschaft mit der anfäng­lich verachteten, nach und nach aber zu stiller Größe anwachsenden Gattin des traurigen Patrons. Ter Stil Wildenbruchs paßt sich bem Inhalt harmonisch an; gleichnläßig hinttießeud, )uo äußere Vorgunge beneblet werden, iuiro er leidenschaftlich bewegt, I ost Irans und zerhackt, wo er seelische Erregung widerspiegelt.

Die gothischen Zimmer, Augst ^trrndbergs neuestes Werk, sind ein großer sozialer Roman, der dre Gesell­schaft am Ende des 19. Jahrhunderts schildert. (Berlin, bei Seemann Nachfolger, Preis Mk. 4). Auf gegen 400 Seiten werden von dem nordischen Dichter tausend Dinge im Himmel unb aut Erde l berührt, kritisiert unb erschöpft; Ehe unb Familie, Reli­gion und Kirche, Ehristentum unb Judentum, Akademie und Se­zession, Landwirtsämft und Viehzucht, Beamtentum nnb Priester- schaft, Zeitungswesen und Majestätsbeleidigung, Seelenkult nnb Geschlechtsleben, Sommerfrische und Hospital, Finland und Treh- fus, Wettfriebe unb Kriegsrüstung, Europa unb Amerika usw. usw. In' einem Hhmnus an das neue, das 20. Jahrhunbert klingt dieser Roman vom Ende des 19. Jahrhunderts aus. . Im letzten Grunde ist er eine Abrechnung mit der darwinistischen Weltanschauung und ihren Folgen. Seele und Tier ringen in dieseui Romaii auf Leben und Tod miteinander. Tie Seele siegt: das neue Jahrhundert wird von einer Weltanschauung der Seele geleitet; mit dem alten stirbt dessen materialistische Weltanschauung. So wendet sich der Roman an die junge Gene-

Gespenster. S i e muß ihr Glück machen. Zwet Novellen von E. Viebig. Jllusttiert von Ed. Cucuel. Earl Krabbe Verlag, Stuttgart. Preis geh. 2 Mk. Allerlei seltsames Gewölk, auf Vererbungstheorie basierende, gespenstische Todesfurcht drängt sich zwischen das volle Liebesglück von Fritz und Maria, bis endlich die Ventunst und die Wirklichkeit siegt, nnb die mit lultusartiger Hartnäckigkeit genährte und mit hysterischer Apathie festgehaltene Familienbelastuilg auf immer verscheucht wird, um dauerndem Sonnenschein Platz zu machen. Clara Viebig versteht auch hier naturalisttsch getreu bie Charaktere der beiden Haupt­personen in der Wiedergabe ihrer ernsten und ungewöhnlichen. Seelenkämpfe bem Leser lebendig vorzuführen und daran alle Vorzüge ihrer vielbewunderteu Feder zu erproben. Sie muß ihr G 1 ü n m a ch e 11. Eine Kleinigkeit, welche geschickt den tiefen Sinn der Lebenswahrheit, die so oft unverfroren unsere HerzenS- ivünsche mit Füßen tritt, verkörpert.