ländeabtretung außer der Straße nicht nötig sei, obgleich die Kosten vom Kreis getragen würden. Im Hinblick auf dieses Verhalten des Gemeinderates von Angenrod glaubte der .Kreisausschuß keinerlei Veranlassung mehr zu haben, der Gemeinde gegenüber irgendwelche Vergünstigungen eintreten zu lassen, er war vielmehr der Ansicht, daß nunmehr an Hand des Gesetzes die Gemeinde auf dem Verwaltungswege zur Stellung des erforderlichen Geländes cmzuhcckten sei, und erkannte in seiner Sitzung vom 5. Februar 1903, die Gemeinde Angenrod für schuldig, das zur Verbreiterung der Kreisstraßen in der Gemarkung Angenrod erforderliche Gelände nach Maßgabe des Art. 8 des vorerwähnten Gesetzes zu stellen und dem Kreis in Eigentum zu überweisen, t^egen diesen Beschluß verfolgte die Gemeinde Angenrod Beschwerde an den Provinzialausschuß mit folgender Begründung: Aus der Begründung des .Kreisa: s'chußurteils gehe hervor, daß das aüzutretende Gelände zum großen Teil zu Schutzstreifen verwendet werden solle. Eine gesetzliche Verpflichtung für die Gemeinde für Stellung von Gelände zu Schutzstreifen bestehe jedoch nicht, da man bei anstoßenden Aeckern und Wiesen doch von Wald nicht reden könne und das Gesetz Schutzstreifen nur bei angrenzendem Wald vorsehe. Die' rubr. Kreisstraße befinde sich schon ca. 20 Jahre im Besitz d s Kreises, seid rn^'s ls g'"etz'ich anerkannt, vom Kreis übernommen und unterhalten worden. Da das neue Grundbuch bereits seit dem 20. September 1902 als angelegt gelte, so dürfte auch dieser Grund für den kostspieligen Geländeankauf nunmehr hinfällig werden. Aach einer von der Gemeinde Angenrod vorgenommenen Messung habe die Straße nach Billertshausen eine gut chauffierte Fahrbahn von 5 Meter, beiderseitig je 1 Meter Bankett und 1 Meter Graben. 9 Meter Breite und die Straße nach Seibelsdorf mit allem 8 Meter, welche bereits ausgesteint gewesen sei, ob dies so außerordentlich ungünstig, dürfte zu bezweifeln sein. Tie in der Begründung angeführten Unzuträglichkeiten beständen in dem angeführten Maße nicht. Tas Gelände an der Straße nach Seibelsdorf ziehe längs der Chausse und des Grabens und könne von einem Hineinackernn keine Rede sein; die angeführten Meinungsverschiedenheiten bei Grasversteigerungen könnten nach der geplanten Neuanlage nur noch größer werden, da neue Grenzgraben angelegt werden müßten und soweit Gemeindegelände in Betracht komme, zum Teil der Kreis, zum Teil die Gemeinde als Versteigerer auftreten würden. Ter Gemeinderat beantragte eventuell, wenn dies prozessual zulässig fei, die Sache zur nochmaligen mündlichen Verhandlung mit Ortsbesichtigung an den Kreisausschuß zurückzuweisen. Bei der am 23. September 1903 stattgefundenen Ortsbesichtigung wurde mit dem Bürgermeister von Angenrod vereinbart, daß die Gemeinde Angenrod ihre Beschwerde zurückziehe, wenn der Kreis ihr die entgehende Grasnutzung auf der Strecke zwischen Gethürms und Angenrod während der nächsten fünf Jahre ersetze, vorbehaltlich jedoch der Genehmigung des Kreisausschusses und des Gemeinderats. Nachdem aber nun der Gemeinderat unterm 24. Oktober 1903 beschloß, diese Vereinbarung nicht anzunehmen, kam die Sache in der heutigen Verhandlung vor den Provinzial-Ausschuß, welcher zu Recht erkannte, daß die Beschwerde als unbegründet zu verwerfen und die Gemeinde in die Kosten des Verfahrens zu verurteilen sei. Von Erhebung einer Verhandlungsgebühr wurde abgesehen. (Schluß folgt.)
Aus Stadt und Kauö.
Gießen, den 21. Januar 1904.
Gedenket der hnngernden Vögel!
LU. 50jähriges Doktorjubil äum. Am heutigen Sage begeht der Geh. Medizinalrat Dr. Wilhelm Heß in Mainz sein 50 jähriges Doktorjubiläum. Aus diesem Anlasse wurde ihm von der medizinischen Fakultät der Landes-Universität mit einem Glückwunschschreiben das erneuerte Diplom 'übersandt.
**Preisverleihung. DieSenckenbergisch naturforsch ende Gesellschaft zu Frankfurt a. M. hat den v. R e i- nach-Preis für Geologie dem Assistenten am mineralogischen Institut der Landesuniversität, Rudolf Delkes- kamp, für seine Arbeit „Die Genesis der Thermalguellen lvon Ems, Wiesbaden und Kreuznach und deren Beziehung zu den Erzgängen de§ Taunus und der Pfalz " zuerkannt.
** Aus dem heutigen Militärwochenblatt: Weimar, Oberlt. der Landw. Inf. 1. Aufgebots (Gießen), mit der Erlaubnis zum Tragen der Landw. Armee-Uniform der Abschied bewilligt. Roltz, Zahlmeister, dem 1. Großh. Hess. Drag. Regt. (Garde-Trag.-Regt.) Nr. 23 zugeteilt.
** Ordensverleihungen zum Ordensfest 1904. Es erhielten: den roten Adlerorden 3. Kl. mit der Schleife: Oberst Di et lein, Kommandeur des 4. Großh. Hess. Jnsi- Regts. (Prinz Karl) Nr. 118; — den Roten Adlerorden 4. Kl.: Kriegsgerichtsrat Linck bei der Großh. Hess. (25.) Div., Oberzahlmeister Kuhn beim 1. Großh. Hess. Feldart.- Regt. Nr. 25, Hauptm. Wolter im 4. Großh. Hess. Jnf.- Regt. (Prinz Karl) Nr. 118, die Oberstabsärzte Spamer, Negts.-Arzt desselben Regts. und Dr. Ger la ch, Negts.-Arzt des 2. Groß. Hesi. Feldart. Regts. Nr. 61.; — den Stern HUM Königl. Kronenorden 2. Kl.: Gen.-Arzt Dr. Größte im, Korpsarzt des XVIII. Armeekorps; — den Königl. Kronenorden 2. Kl.: die Obersten Scholtz, Kommandeur der 25. Feldart.-Brig. (Großh. Hess.), v. Gers dorff, Kommandeur des Jnf.-Leib - Regts. Großherzogin (3 Groß. Hess.) t-Qr. 117; — den Königl. Orden 3. Kl.: die Obersilts. Biß beim Stabe des 4. Groß. Hess. Jnf.-Regts. (Prinz Carl) Nr. 118, Gr. v. W e starp, Kommandeur des 1. Groß. Hesi. Feldart.-Regts. Nr. 25, die Oberstlts. z. D. v. Leuchsen- ring, Kommandeur des Landw.-Bez. II Darmstadt, Mootz, Kommandeur des Landw.-Bez. Friedberg, v. M o s ch, Kommandeur des Land.-Bez. Gießen; den Königl. Kronenorden 4. Kl.: Feuerwerkshauptm. Ko ekel mann bei der 25. Feldart.-Brig. (Großh. Hesi.), Stabsveterinär Ehristiani beim 2. Großh. Hesi. Drag.-Regt. Nr. 24, die Oberzahl- meister Dern beim Jnf.-Leib-Regt. Großherzogin Nr. 117, Freim uth beim 2. Großh. Hesi. Drag.-Regt. Nr. 24; — das allgemeine Ehrenzeichen: Feldw. und Zahlmstr. - Aspir. Neuling im 1. Großh. Hesi. Jnf.-Negt. Nr. 115, Bizc-- wachtmeister Groß im 2. Großh. Hess. Feldart.-Regt. Nr. 61, die Wachtm.- und Zahlmsir.-Aspir. Hollbach im 1. Großh. Hesi. Drag.-Regt. Nr. 23, Meyer im 1. Großh. Hesi. Feldart.-Regt Nr. 25.
•* Maskenb all des Fechtverbandes Gießen. Am Sonntag den 24. d. M., abends 8 Uhr, findet im Cafe Leib der diesmal sehr viel versprechende Maskenball des Wohltätigkeitsvereins statt; besonders werden dabei lebende Bilder und Gruppenaufführungen aus der Märchenwelt viel Anziehungskraft ausüben. Es ist Wert darauf gelegt worden, alles ans den Vorjahren allzu Bekannte und Gewöhnliche auszuscheiden und nur durchweg Neues und Ueberraschendes zu bieten. Ein mit großen Aufwendungen vorbereiteter Neigen und verschiedene Tänze mit äußerst kostbaren und eleganten Kostümierungen versprechen den Ballbesuchern einen genußreichen Abend, und wenn auch die Preise diesmal etwas höher sind als sonst, so werden die Gäste dennoch sicherlich befiiedigt die Veranstaltung verlaßen. Der Ueberschuß, den das Fest ergiebt, wird an hiesige Stadtarme verteilt, wie ja auch im Monat Dezember in Höhe von 200 Mk. für Kohlen und Brot solche Gaben an Arme vergeben worden sind.
** Eine „bessere Lauffrau" schreibt uns wörtlich: „Steht da eine Laufstelle in der Zeitung, eine bessere Frau, wie es heißt. Ich denke, das ist was für Dich. Hänge meinen Kragen um und gehe hin. Springe hurtig die drei Treppen hinauf, schelle. In Erwartung, öffnet mir eine ältere Frau in einem eleganten Spitzenhäubchen und schwarzem Hauskleide. „Entschuldigen Sie," sagte ich, „hier wird eine bessere Lauffrau gesucht, ich möchte mich melden." „Ja," sagt sie, „treten Sie näher," macht den Korridor hinter mir zu und sagt, „wie heißen Sie, und können Sie Gardinen aufhängen." Ich sage ihr, wie ich heiße, und daß ich alle Arbeit kann. „Nun ja," sagt sie, „morgen bekommen Sie Antwort, ich werde Sie wahrscheinlich engagieren." Al'o entlassen. Ich gehe nach Haus. Am anderen Morgen empfange ich eine Postkarte. „Auf unsere Laufstelle nicht zu rechnen." Weiter nichts. (Wenns wirklich weiter nichts war? . . .)
Wetzlar, 20. Jan. In der gestrigen Stadtverordnetensitzung wurde der Stadthaushaltsplan bereiten. E? sind vorhanden ausstehende Kapitalien 663 568 Mk., Kapitalschulden am 1. April 1904 2 091 713.62 Mk. (ursprünglich 2 434 200.— Mk. An Einnahmen sieht der Haushaltsplan für 1904 vor die Summe von 576 120 Mk. 86 Pfg. Die Summe der Ausgaben des Jahres 1904 wird im ganzen berechnet auf 576 120 Mk. 86 Pf. und zwar sollen darunter sein 232 591 Mk. 73 Pf. ordentliche und 343 529 Mk. 13 Pf. außerordentliche Ausgaben.
R.. L. Darmstadt, 21. Jan. (Eigener Draht- bericht). Man geht in hiesigen maßgebenden Kreisen mit der Absicht um, demnächst eine Landwirtschaftliche Hochschule ins Leben zu rufen, die in erster Linie den Zweck verfolgen soll, die Ausbildung von Beamten für das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen zu fördern. Bei dem dauernd sich steigernden Bedarf an solchen tüchtigen Beamten scheint dieser Gedanke sehr viel für sich zu haben. Es finden augenblicklich unter den hervorragenden Vertretern des Ge- nosienschastswesens Besprechungen statt, um diese Hochschule eventuell an die geplante Reichsgenossenschaftsbank anzugliedern und auf diese Weise dem Institut auch einen größeren Reichszuschuß zu gewähren.
Offenbach, 20. Jan. Ein aufregender Vorgang ereignete sich nach der „Offenb. Ztg." am Montag abend gegen 89 Uhr am Bahnübergang beim Schlittschuhklub. Der dort stationierte Bahnwärter Friedrich bemerkte, daß drei anscheinend betrunkene Arbeiter sich anschickten, das geschlossene Bahngeleise zu überschreiten. Er machte die Leute aufmerksam, daß der um diese Zeit fällige, von Stuttgart kommende Schnellzug bereits den Bahnhof verlassen habe, die Schranken deshalb geschlossen und das Ueberschreiten der Geleise verboten sei. Trotz dieses Hinweises hoben die Leute die Schranken hoch, traten auf das Geleise und beschimpften von hier aus den Bahnwärter, den sie „Tagedieb" und „Faul- lenzer" nannten. Friedrich sprang nun hinzu und wollte die Leute vom Geleise ziehen, wurde aber sofort zu Boden geworfen, wobei die Arbeiter mit zu Fall kamen, sodaß sich der ganze Menschenknäuel auf den Schienen wälzte. Mittlerweile war der Schnellzug bis zum Uebergang an der Sprendlingerlandstraße gekommen und von hier aus bemerkte der Zugführer, daß vor ihm das Haltesignal gegeben wurde. Einige Meter vor den sich noch immer auf den Schienen wälzenden Männern konnte der Zug zum Stehen gebracht werden. Die Zugbeamten sprangen herbei und befreiten den Bahnwärter Friedrich, der trotz des Ringens mit den Leuten noch die Geistesgegenwart besesien hatte, mit feiner Laterne das Haltesignal zu geben, aus seiner lebensgefährlichen Lage. Es gelang, die Arbeiter zu verhaften. Alle drei sind Kesselschmiede; einer davon ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
Kleine Mitte tun gen aus Hessen und den Na chbarstaaten. JnFrankfurt genehmigten die Stadtverordneten die Erhebung einer BilletsteuerfürTheater- und Zirkusvorstellungen, sowie die Erhöhung der Hundesteuer von 15 auf 20 Mark. Sie lehnten aber die Bestimmung, daß die Besitzer mehrerer Hunde fiir jeden 30 Mark zahlen sollen, ab. — In Wiesbaden stürzte der 29 Jahre Maurer Stillqer aus dem dritten Stockwerk eines Neubaues herab und erlitt so schwere Verletzungen, daß er nach sechs Stunden verstarb. Er hinterläßt Frau und mehrere Kinder. — Seit einigen Tagen ist in Mainz die Frau eines Militärbeamten spurlos verschwunden; sie hat sich morgens von zu Hause entfernt, ohne wieder zurückzukehren. — In Worms wurden Dienstag nacht am Römischen Kaiser im Hause des Herrn Kiefer drei Kellerschlösier erbrochen und Kartoffeln, Konserven und anscheinend Leder entwendet. Aus einem mit Essig gefüllten Fasse tranken die Diebe und ließen, als sie den Irrtum bemerkten, den Inhalt auslaufen. — Bei dem Landgericht in Mainz sind gegenwärtig nicht weniger als 30 Ehescheidungsprozesse anhängig, von denen mehrere in den ersten Gesellschaftskreisen spielen. In den meisten Fällen handelt es sich um den modern gewordenen Begriff „Ehe-Irrung." — Man meldet auS Kassel: Bei der Schlittenfahrt auf der Straße gerieten 2 Knaben unter ein Lastfuhrwerk. Einer wurde getötet, der andere schwer verletzt.
Vermischtes.
• Berlin, 20. Jan. Die Konferenzen im Polizeipräsidium betr. die Feuersicherheit in den Theatern, die fast täglich unter dem Vorsitz des Polizeipräsidenten von Borrees abgehalten rourben, haben ergeben, daß die vorhandenen Einrichtungen zum Schutze des Publikums völlig ausreichend sind. Heute vormittag fanden sich sämtliche Theaterdirektoren Berlins zu einer Konferenz zusammen, in der Regierungsrat v. Glascnapp die Wünsche der Behörden mitteilte. Bauliche Veränderungen sind vorläufig nicht in Aussicht genommen. — In der leisten Nacht gegen 11 Uhr brach im Bühnenkeller des Luisen-Theaters Feuer aus; die Gefahr wurde gleich bemerkt und konnte schnell beseitigt werden, sodaß nur unbedeutender Schaden entstanden ist. Die Ursache ist auf Kurzschluß durch Defektiverden des isolierten Zuleitungsdrahtes vom sogenannten Werstand zurückzuführen.
* Posen, 20. Jan. Der Gerichtsvollzieher Hoffmann wurde, als er heute wegen Unterschlagung amtlicher Gelder verhaftet werden sollte, flüchtig. Der Staatsanwalt erließ einen Steckbrief.
• Triest, 20. Jan. Seit Montag wütet eine heftige Bora und legt die Schiffahrt lahm. In Istrien, Bosnien und Dalmatien herrschen furchtbare Schnee stürme. Der neue Gouverneur der Provinzen mußte seine Rundreise verschieben. Auch auf dem Gardasee herrscht heftiger ^turm. Eine Barke ist bei Maderno gesunken. Die Mannschaft wurde gerettet.
* Wien, 20. Jan. Der Inhaber der Probsdorfer Automobilfabrik Lehner u. Tauber, Albert v. Tauber, ehemaliger Kompagnon des Länderbank-Defraudanten Hallineck, wurde wegen Warenunterschlagungen verhaftet.
* Budapest, 20. Jan. Der Abg. Graf Alexander Teleki sandte dem Redakteur Hiob Zede vom „Pesti Hirlaps" seine Zeugen, weil der letztere ihn durch einen Zeitungsartikel beleidigt hatte.
* Serajewo, 20. Jan. In ganz Bosnien und der Herzogowma wüten fürchterliche Schneestürme. Der Postoerkehr ist größtenteils eingestellt.
* New-Pork, 20. Jan. Zahlreiche Fälle von Hundswut beschäftigen das Gesundheitsamt. Sie werden auf die anhaltende Kälte zurückgeführt. Gestern herrschten wieder 15 Grad Reaumur.
* EineblutigeSchlägereizwischen Studenten und Arbeitern fand nachts in Karlsruhe statt. Die Studenten, welche in der Mehrzahl waren, benutzten als Waffen ihre Stöcke und Schläger, während die Arbeiter zu ihren Taschenmessern griffen. Zwei Studenten mußten, durch Mesierstiche lebensgefährlich verletzt, in ein Krankenhaus gebracht werden. Wie der amtliche Polizeibericht meldet, hat bis jetzt die vorläufige Festnahme von neun an der Schlägerei beteiligt gewesenen Personen stattgefunden. Die Arbeiter sollen sich angeblich in der Notwehr befunden haben; sie vergnügten sich mit Schneeballwerfen, wobei einer der Studenten von einem Ball getroffen wurde.
* Vom Simplontunnelbau. Der Generaldirektor für den Simplon-Tunnel versicherte dem Mitarbeiter einer Mailänder Ztg., daß die Bohrungen an der Nordseite in wenigen Tagen wieder aufgenommen und gegen Ende September vollendet fein würden. Für die Verkleidung der Tunnelwände und der Schienenlegung genügt 9 Monate, sodaß die Eröffnung im Sommer 1905 gewiß fei.
• Trauriger Ausgang eines Scheinkriegsgerichts. Die Unsitte der Scheinkriegsgerichte, die in der englischen Armee im Offizierskorps sowohl wie im Unteroffizierkorps bereits mehrfach zu groben Skandalen Veranlassung gegeben haben, ist durch einen Fall mit tödlichem Ausgang, der in Kairo vorkam, wieder einmal zur Sprache gebracht worden. Die an und für sich harmlos auSsehende Komödie besteht darin, daß Unteroffiziere ober Offiziere sich damit unterhalten, über einen oder mehrere Kameraden ein nachge- ahmtes Kriegsgericht abzuhalten. In der letzten Zeit häuften sich nun aber die Fälle, in denen unbeliebte Kameraden in dieser Weise scheinbar scherzhaft verurteilt und bann in ent* ehrenber Weise von ihren Richtern mißhanbelt wurden. Ein Mitglied der Regimentskapelle der Schützenbrigade in Kairo wurde nach einem derartigen Scheinkriegsgericht so mißhandelt, daß er feinen Verletzung en erlag. Die ganze Kapelle ist jetzt verhaftet worden und wird sich vor einem richtigen Kriegsgericht zu verantworten haben, das in dem Interesse des englischen Heeres diesen Fall benutzen dürfte, um gegen den Unfug in höchst energischer Weise ein^isehreitem
Zlniverfliäts-'MLHrichten.
— Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Fr. Riegel in Gießen begeht zu Beginn des ©omtr.crfcmeftcr-' da? 25jährige Jubi- läum seiner Tätigkeit als Lehrer an der hiesigen Nniversitstt und als Direktor der Universitätsflinik. Seine ehemaligen Schüler planen aus diesem Anlaß eine Ehrung des Gelehrten.
— Geh. Medizinalrat Heß, der fein 50 jähriges Doktor- Jubiläum feiert, war feit 1857 in Mainz als ArU tätig, jetzt, da er sich zur Ruhe zurückgezogen hat, blickt er auf ein an Arbeit und Erfolgen reich gesegnetes Leben zurück. Er hat die Entwickelung der deutschen wissenschaftlichen Medizin mit erlebt bis zu der Höhe, da sie d'e Führung übernahm. Nachdem er auf der L a n d e s u n i v e r s i t ä st wo noch kurz vorher sein Großvater af? angefefiener Kliniker und weithin gesuchter Augenarzt gewirkt huste, f ine. Studien vollendet hatte, wandte er sich nach Wien. In Berlin wurde dann Heß durch A. von Grase, den Schöpfer der modernen Augenheilkunde, auf die Tisziplin gelenkt, die fortan fein engeres Arbeitsfeld werden sollte. Heß gehörte zu dem kleinen Kreis von Augenärzten, die auf Gräfes Anregung die Heidelberger ophtoalmoloai i-e Gesellschaft gründeten, und hierdurch den Ruhm deutscher Wissenschaft in alle Weltteile trugen. Als Sekretär der Gesellschaft hat Heß eine stattliche Reihe wertvoller Berichte herausgegeben. Toch beschränkte er sich nicht auf die Augenheilkunde, er blieb in lebendiger Beziehung 'ur gesamten Medizin. Mit den älteren Dozenten der Gießener Hochschule, dem Chirurgen Wernher uno dem inneren Kliniker Seitz, deren Andenken heute noch von ihren Schülern hochgehalten wird, blieb er bis an deren Lebensende befreundet. Nach Wemhers Tod gab er dessen letzte literarische Arbeit „Forschungen zur Jmpssrage" heraus. Tas reiche Wissen, die vornehme Gesinnung und das menschliche Mitgefühl am Krankenbett gewannen Heß eine ausgedehnte


