Ausgabe 
18.2.1904 Erstes Blatt
 
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Mühlen feien hauptsächlich im Dienste der Heeresverwaltung tätig: der östreichische Lloyd habe Auftrag erhalten, Trans- portschisfe bereitzustellen.

" Deutsches Reich.

Berlin, 17. Hebr. <x^r Kaiser hörte heute den Dortrag des Chefs des Zivilkabinetts von Lucanus.

$?eute nachmittag fand ein Besuch deS Kaiser? bei dem Generaldirektor der Allgemeinen Cleltrizitätsgesell- schast Geh. Baurat 3i a t b e n a u zu einem Vortrag des Professors Klingenberg über Dampfturbinen statt. In der Begleitung des Kaisers befanden sich Staatssekretär Holl- mann und Professor Tr. Slaby.

Ter Kaiser wird, wie bereits angekündigt, am I. März vormittags zur Vereidigung der Marine-Rekruten mittels Sonderzuges in Wilhelmshaven eintreffen. Zur Vereidigung kommen die bei der 2. Matrosen-Tivision und der 2. Werft-Tivision Anfang Februar er. eingestellten Rekruten und zwar rund 900 Köpfe. Voraussichtlich wird auch Prinz .Heinrich der Vereidigung beiwohnen.

Ter Kaiser fyat für die Deutsche Gruppe der Inter­nationalen Ausstellung in Wien April-Mai 1904 sein Bild, eigenhändig mit Unterschrift und einen auf die Bedeutung des Kartoffelbaues bezüglichen Merk- wort versehen, gewidmet. Tas Porträt wird die statistisch­wissenschaftliche Mteilung der deutschen Ausstellung zieren.

Gegenüber der Nachricht, daß dem Kaiser ein Kompromißgeschütz Er h a r d t-Kru pp vorgeführt werden soll, ist zu konstatieren, daß diese Nachricht nicht richtig ist. Tem Kaiser soll vielmehr ein Kompromiß- aeschutz, welches aus allen Modellen in der Armee- Merkstätte hergestellt wurde, im Frühjahr vorgeführt toerben.

TieNordd. Allg. Ztg." erklärt die Meldung für er­funden, nach der Kaiser Wilhelm den Obersten von Schenck beauftragt hätte, vom Kaiser von Rußland ein Muster des russischen Offiziersäbels mit Leder­scheide zu erbitten, da man in Teutschland beabsichtige, die stählerne Scheide durch lederne nach russischem Muster zu ersetzen.

K i e l, 17. Febr. Ter Zustand desjüngstenSohnes des Prinzen Heinrich ist wieder besorgniserregend. Gestern war er zeitweilig besinnungslos.

Dortmund, 17. Febr. Die Kosten der demnächst vor- zunehmenden Emscher-Regulierung sind auf 70 Millionen Mark festgestellt worden, die die inter­essierten Städte und Gemeinden in entsprechenden Raten ausbringen müssen.

Eschwege, 17. Febr. Tas Endergebnis der Reichs- t'aasersatzwahl in Eschwege-Schmalkalden liegt nun­mehr vor. Es erhielten Hugo (Soz.) 5824, Raab (Ant.) 4550, Merten (fr. Vp.) 4083, von Christen (Rp.) 3525 St.

Dresden, 16. Febr. Das auf Veranlassung der Mi­litärbehörde in Leipzig beschlagnahmte BuchAus aller- lei Garnisonen" von Arnold ist wieder freigegeben.

Farlarmntarisches.

Karlsruhe, 17. Febr. Nach einer offiziellen Mit­teilung der Verfassungskommission der zweiten Kammer, erklärte der Ministee des Innern, die Verfassungs­revision mit Einführung des direkten Wahlrechts werde von der Regierung nur unter Erweiternn g des Budgetrechts der ersten Kammer durchgeführt werden. Bei Ablehnung dieses notwendigen Gegengewichts sei für die Regierung die Frage der Verfassungsrevision wohl auf Jahre erleoigt.

Kolonialpost.

Berlin, 18. Febr. Ter Stab des Marineexpeditions- forps und die Kompagnie Lieber sowie zwei Geschütze unter Leutnant Mansholt, welche gestern in Windhuk eingetroffen waren, rückten am Nachmittag in der Richtung auf Gobabis zur Vereinigung mit der Kompagnie Fische l ab. Für zahlreiche gänzlich ausgeraubte Farmer- (fantilien ist Geldunterstützung dringend not­wendig. Schnelle Sammlungen in Deutsch- land können hier großes Elend lindern.

Ausland.

St. Etienne, 17. Febr. Beim Empfang des hier statt­findenden Sozialistenkongresses seitens des Ge­meinderats verlas Jaurös eine längere Erklärung über den japanischen Krieg und den französischi-russischen Allianzver­trag. Er erklärte unter anderem, falls die Umstände es er­heischen würden, würde die sozialistische Partei die Ange­legenheit im Parlament zur Sprache bringen. W i r w o l l e n den Frieden, wir erklären jedem Krieg den Krieg und werden uns bemühen, das Werk des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit durchzusetzen.

Wien, 17. Febr. DerWiener Allg. Ztg." zufolge habe der P a p st entgegen allen diplomatischen Gepflogenheiten .durch den Maler Lippay dem Erzherzog Eugen ein Bild Pius X. und den Christusorden überreichen lassen. Die Affäre habe in den beteiligten Kreisen Erregung hervorgerufen und werde Konsequenzen nach sich ziehen.

Petersburg, 17. Febr. Wie aus Baku vom 16. Februar gemeldet wird, hielt die armenische Geistlichkeit gestern ein Tedeum für den Erfolg der russischen Waffen ab. Rach Schluß des Tedeums während des Absingens der Na­tionalhymne wurde eine Bombe gegen die Geistlich­keit geworfen. Die Bombe explodierte und verwundete einige Personen. Zwei erlagen ihren Verletzungen. Als sich die Aufregung über die Tat gelegt hatte, begab sich die Menge unter Vorantragung des Kaiserbildes zum Hause des Gouverneurs und bat ihn, den Ausdruck ihrer treuen Gefühle dem Kaiser zu übermitteln. Sodann wurden dem Gouverneur 1000 Rubel für die Verwundeten übergeben.

Aus Stadt uui) Land.

Gießen, den 18. Februar 1904.

Provinzial-Ausschuß. Wie wir bereits be- tichteten, soll Mittwoch, den 24. l. Mts. vormittags 9 Uhr das Gesuch des Heinrich Sack II zu Heuchelheim um Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft verhandelt werden. Auf Antrag des Vertreters des 92chtrrenten wurde die Sache vertagt und an deren Stelle soll der Rekurs der Johannes Eckhardt Eheleute zu Staufenberg gegen einen Polizcibefehl Großh. Kreisamtes Gießen verhandelt werden.

** Aus dem Bureau des Stadttheaters. Morgen, Freitag den 19. Februar geht als 9. Volks Vor­stellung Felix Philippis SchauspielWohltäter der Menschheit" in Szene. Das bekanntlich überaus wirksame Werk hatte bei den bisherigen Vorstellungen m Folge der abgerundeten Darstellung einen großen Erfolg zu verzeichnen.

Nach allen Anzeichen darf auch die morgige Aufführung auf starken Zuspruch rechnen.

Verloren hat gestern abend auf dem hiestgen Bahn­hof eine Dame von auswärts ihr Portemonnai mit ziemlich großem Inhalt. Sie war auf einer Treppe zu Fall ge­kommen, wobei sich ihre Handtasche öffnete, was ste zunächst garnicht bemerkte. Von einem Herrn darauf aufmerksam ge­macht, untersuchte ste den Inhalt der Tasche, wobei sich der Verlust herausstellte. Alles Suchen war vergeblich. Es ist nicht ausgeschloffen, daß ein Paffant die ihm vielleicht will­kommene Beute mitgenommen hat.

() Aus dem Ohmtal, 17. Febr. Schon seit Jahren klagt man im Ohmtal, besonders in der Kreishauptsladt Kirchhain und den umliegenden Ortschaften in der Richtung nach der Darmstädter Landesgrenze, über den unermeß­lichen Schaden, welcher durch die verschiedenen Ueber- schwemmungen in jedem Jahre angerichtet wird. Besonders bei Kirchhain, da, wo Ohm, Wohra und Kleie sich vereinigen, wie auch bei der sog.alten Ohm", zwischen Amöneburg und SchweinSberg, bilden sich bei jedem Tau- wctter, manchmal sogar auch bei anhaltendem Regenwetter mitten im Sommer oder während der Ernte auf meilenwcite Entfernungen große Seen. Die Ursache ist darin zu suchen, daß bei seinem Uebertritt über die hessisch-preußische Landes­grenze sich der Ohmfluß seinen Weg in kürzeren und längeren Zickzackwindungen durch das sich verbreitende Wiesental sucht und der Wafferspiegel bis zur Mündung in die Lahn im Kreise Marburg viel zu hoch liegt; besonders ist dies bei der schon erwähntenalten Ohm" der Fall. Daß sich hier nur durch eine der aufzunehmenden Wassermenge entsprechende Verbreiterung und den Gefällverhältnissen entsprechende Ver­tiefung Wandel schaffen läßt, weiß man längst. Leider ist in dieser Sache bis jetzt noch nichts geschehen, trotzdem schon im Jahre 1899 eine größere Versammlung von Bewohnern des OhmtaleS. der auch Regierungsvertreter beiwohnten, die Ucberschwcmmungen und ihre Schäden eingehender Beratung unterzogen. Man war sich einig, daß nur durch eine durch­greifende Regulierung des Ohmflusses etwa 1 Kilometer nach Uebertritt über die preußische Grenze bei Homberg bis zur Mündung bet Cölbe Abhilfe geschaffen werden kann. Nach- dem jetzt innerhalb 2 Monaten das gesamte Ohmtal schon drei mal wieder unter Ueberschwemmungen zu leiden gehabt hat, scheint man endlich Abhilfe schaffen zu wollen. Gegen­wärtig finden nämlich durch Wasserbautechniker Messungen der Wasserverhältnisse im Ohmtal statt, welche mit der Aus­arbeitung eines Plans zur Ohmregulierung in Zusammen­hang zu bringen sind. Im Interesse der ganzen Bewohner­schaft des Ohmtales wäre die baldige Ausführung der Ohm- Regulierung sehr zu begrüßen.

M ainz, 17. Febr. Wie wir mitteilten, ist der hiesige Kommerzienrat Martin Mayer am Montag in Frankfurt von einem Schlage betroffen worden und diesem erlegen. Tas hiesige sozialdemokratische Blatt widmet dem Verstorbenen nachfolgende Zeilen:An der Babre des so plötzlich Verstorbenen steht auch die Sozialdemo­kratie. Er war keiner der Unseren, aber er hatte für die moderne Arbeiterbewegung das richtige Verständnis. Schulter an Schulter focht er mit ihr, wenn es galt, Mucker­tum und Reaktion zu bekämpfen. Kommerzienrat Mayer war, was man heute leider so selten findet, ein offener, ehrlicher Gegner im politischen Kampfe, ein gerader Cha­rakter, dem jeder die höchste Achtung zollte. Er rechnete sich zur Temokratie. Und wahrlich: hätte die bürger­liche Temokratie mehr Männer wie Mayer einer war, ihr Untergang hätte sich nicht so schnell vollzogen. Martin Moritz Mayer war Telegierter auf den meisten demokrati­schen Parteitagen. Er gehörte außerdem zu unseren Wahl­männern bei der Landtagswahl und erließ bei der letzten Reichstagswahl im Namen der Mainzer Demokraten einen Ausruf für unfern Genossen Dr. David. M. M. Mayer gehörte auch über 25 Jahre dem Stadtverordnetenkolle­gium an." Nun stellt sick aber heraus, daß das hiesige sozialdemokratische Organ einem bösen Irrtum zum Opfer gefallen ist. Tenn der lebende Herr Stadtrat Moritz Martin Mayer, der Temokrat, und der ver­storbene Kommerzienrat Martin Mäher sind zwei Per­sonen, die miteinander nichts als den Namen gemeinsam haben. Ter Kommerzienrat Mayer trat in politischen Tingen überhaupt nickt hervor. Er war Begründer der bedeutenden Bijouterie- und Silberwarenfabrik gleicher Firma, hat sein zuerst in kleinem Umfang betriebenes Geschäft durch unermügliche Arbeitskraft, ungewöhnliche Intelligenz und Energie zu einer der ersten Firmen der Branche emporgebracht. Im Verein mit seinem im Vor­jahre verstorbenen Bruder, Dcrnard Albert Mayer, ist es ihm gelungen, unsere Stadt zu einem der führenden Jn- dustrieplätze der Silberwarenfabrikation zu machen.

Mainz, 17. Febr. Leider sind auch die diesmaligen Karnevalstage nicht ohne ernsthafte Ausschreit­ungen vorübergegangen; so wurde mit den sonst sehr barmlosenPritschen" fürchterlicher Unfug getrieben. Einem Knaben wurde mit dem Griff einer Pritsche derart gegen das Ohr geschlagen, daß der obere Teil der Ohrmuschel förmlich vom Kopfe abgerissen ist. Am Heilig Geist fielen mehrere Masken über einen Mann her und schlugen ihn so, daß ihm das Mut über den ganzen Kopf aus Rißwunden lief, die von spitzen Gegenständen herrührten. In den Pritschen, die die Bande benutzte, waren Nägel ein­geschlagen. In der Köthergasse kam es am Tienstag abend zwischen mehreren als Vagabunden verkleideten Per­sonen zu einem Streit, wobei der eine feinem Gegner mit einem Knotenstock derart auf den Backen schlug, daß das Fleisch förmlich platzte und das Blut in Strömen aus dem Munde lief. Tann erhielt der 9)2ann noch einen Hieb auf den Kopf, unter dessen Wucht er zusammenstürzte und kein Glied mehr rührte. Namentlich wird auch, so schreibt dasM. Tgbl.", sehr und mit vollem Recht geklagt, daß manche Burschen gerade darauf ausgingen, mit umge­kehrten Pritschen Herren- und Tamenhüte entzweizuschlagen, wobei es ihnen auch nicht darauf antam, das Gesicht und den Kopf empfindlich zu treffen. Es ist tief zu be­dauern, daß das Maskentreiben auf den Straßen seinen harmlos-neckischen Charakter durch solche Ausschreitungen völlig verliert und zu einem wüsten, rohen Radau aus­artet. Diesem Unfug, der dem Ansehen des Mainzer Karne­vals unendlich schadet, kann das anständige Publikum nur durch Selbsthilfe steuern.

Rieder-Ingelheim, 17. Febr. Hier wurden vier Burschen feftgenommen, die vorgestern nachts nach einem Maskenballe in der Turnhalle ohne allen Grund den ruhig heimkehrenden Gärtner Malchus überfielen und durch Messerstiche an den Kopf schwer verletzten. Der Arzt

erklärte die Verletzungen de? schon bejahrten ManneS für sehr schwer, hofft ihn jedoch am Leben zu erhalten.

Frankfurt, 17. Febr. Gestern morgen, gegen 3 Uhr statteten Einbrecher der Adler-Apotheke von Th. Tuch, Trierischegasse 16, einen Besuch ab. AlS der Provisor, von einem Ball zurückkehrend, sein Zimmer im vierten Stock aufsuchen wollte, bemerkte er, daß die Haustüre offen stand und aus der Offizin Lichtschein fiel. Er schellte sofort, doch das Licht erlosch. Schutzleute wurden herbeigerufen und das ganze Haus abgesucht, im Keller fand man schließlich in den Kohlen, schwarz wie ein Mohr, den vielgesuchten Schlaffer Köhler. Sein Raub war ein ganz merkwürdiger. Er hatte Bonbons, Gummiwaren, Rizinuskapseln 2C. gestohlen. Der Kassenschrank zu erbrechen, war ihm nicht gelungen. Ein ganzes Lager Einbrecherwerkzeuge fand man nach demG. A." bei dem Diebe vor.

rv. Wetzlar, 18. Febr. In der Stadtverordneten­sitzung am Montag stand u. a. auch die Umgestaltung der hiesigen höheren Mädchen- und Knabenschule auf der Tagesordnung. Die jetzige Form der höheren Schule besteht feit 1895, wo die sechsklassige Schule mit einem acht­jährigen Kursus in eine siebenklassige mit einem neunjährigen Kursus umgewandelt wurde. Die höhere Schule war schon seither selbständig, nur war sie mit der städtischen Volksschule in der Weise vereinigt, daß zum Teil Lehrkräfte und und Lehrmittel der evangel. Stadtschule hierbei ver­wendet wurden; auch lag die Leitung der Schule in denselben Händen wie die Leitung der ev. Stadtschule. Run sollen diese Schulen vollständig von einander getrennt werden unter Vermehrung der Lehrkräfte für die höhere Schule und An­stellung eines eigenen Direktors.

Oberscheld, 17. Febr. Rach alter Sitte ruht am Fastnacht-Dienstag in allen Bergwerken des Schelderwaldes die 9(rbeit In Hirzenhain, Eiershausen und anderen Orten wird ein sogenannter Berg-Gottesdienst abgehalten, an dem außer den Bergleuten auch die anderen Glieder der Ge­meinde regen Anteil nehmen. Um aber auch am leiblichen Wohle nicht mangeln zu müssen, fand gestern für alle Berg­leute außerordentliche Löhnung statt.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Großen-Buseck feierte der Ge­sangvereinGermania" am Dienstag sein 41jährigeS Stif­tungsfest. Daß es auch noch Leute giebt, die gerne Steuern bezahlen, geht aus einer Zuschrift aus Biedenkopf hervor, die ein Steuerpflichtiger an den Vorsitzenden der Steuer­kommission richtete. Er bittet darin um Erhöhung seiner Einkommensteuer und um Veranlagung zur Ergänzungssteuer, zu der er überhaupt nicht herangezogen sei, obwohl er ein Barvermögen von 7220 Mk besitze. Die Behörde ist den Wünschen deS Vernachlässigten gerne nachgekommen.

Vermischtes.

* Merseburg, 17. Febr. Der 12jährige Sohn eineZ Bierfahrers erschlug bei einer Neckerei den zehn- jährigenSohn des Photographen Herrfurth mit einem Knüppel.

* Dresden, 17. Febr. Eine SchreckenSszene er­eignete sich in einem Geschäftslokal. Nachdem eine junge Dame eine Zeitlang die Auslagen in den Schaufenstern des DamenmäntelgeschaftS R. Ulbricht betrachtet hatte, drang sie, von plötzlich auftretender Tobsucht befallen, unter entsetz­lichem Schreien und gellendem Lachen in daS Geschäftslokal der Firma ein und durchstürmte in fliegender Eile den Laden in feiner ganzen Länge. Dabei schrie.sie unaufhörlich:Ich muß alle Menschen töten ich muß alle auf- fress en" und schlug dabei auf eine Verkäuferin ein, welche vor Angst und Schrecken in eine tiefe Ohnmacht fiel. Das gesamte zahlreiche weibliche Personal der Firma geriet in die größte Verwirrung. Alle flüchteten, namentlich weil die Irr­sinnige ihre rechte Hand beständig unter dem Jackett ver­borgen hielt, als habe sie einen Revolver schußbereit. End­lich rief man Nachbarn zur Hilfe herbei, wodurch das Un­heil nur noch größer wurde, da die Tobsüchtige in dem einen der herbeigeeilten Personen einen Bruder erblickte, dem sie vorwarf, daß er sie betrogen und unglücklich gemacht habe. Inzwischen war ein Schutzmann in den Laden getreten, welcher aber von der Wütenden sofort angegriffen und mit Schlägen empfangen wurde. Es gelang schließlich den Bemühungen zweier Wohlfahrtspolizeibeamten, die Irrsinnige, die bereits früher in einer Irrenanstalt untergebracht gewesen ist, in einer Droschke in das Stadtirren- und Siechenhaus zu schaffen. Vorher aber hatten die beiden Beamten noch einen schweren Kampf mit der Tobsüchtigen zu bestehen. Sie schleuderte mit ungeheurer Kraft die Beamten weit von sich und schlug den­selben die Mützen vom Kopfe. Eine ungeheure Menschen­menge hatte sich vor dem Geschäftslokale angesammelt, um Zeugen der erschütternden Szene zu fein. Die bedauerns­werte junge Dame gehörte den besseren Ständen an.

Ein Studenten-Ulk verursachte in der Berliner Friedrichstraße einen ungeheuren Auflauf. Zwölf Ange­hörige eines studentischen Korps hatten im südlichen Teil der genannten Straße einen einspännigen Schlächter- wagen bestiegen und fuhren darauf singend gegen Norden. Unter den Linden wurden sie von Schutzleuten zur Ruhe ermahnt, stimmten aber einen neuen Cantus an. Dadurch daß die den Wagen umflutende Menschenmenge immer mehr anwuchs, entstand eine völlige Verkehrsstockung, und es blieb an der Ecke der Dorotheenstraße nichts anderes übrig, als die ganze Gesellschaft polizeilich zu sistieren. Vier Schutzleute gingen neben dem Wagen her. Die Menschenmenge war so groß, daß, als der Zug endlich vor der Wache des zweiten Polizeireviers in der Oberwall­straße angelangt war, die anwesenden Beamten die Leute auseinandertreiben mußten. Die Studenten wurden in dem Geschäftszimmer behufs Einleitung des Strafverfahrens fest- gestellt und dann entlassen.

* Würzburg, 17. Febr. Zu der von uns sckon ge- meldeten Verhaftung des griechischen Konsuls und Weingroßhändlers Friedrick Karl Ott, die hier in weiteren Kreisen großes Aufsehen erregt, schreibt man: Soviel ver­lautet, hat Konsul Ott dem Gerichte eine Kaution von 50000 Mark angeboten, dock wurde diese zurückgewiesen. Ott wollte eine größere Reise nach Griechenland, speziell nach der Insel Patras unternehmen und dort sein Ge­schäft weiter betreiben, während hier der Verschleiß ge­blieben wäre. Er hat auay eine Villa dort im Weinberge. Tie ihm zur Last gelegte Straftat steht schon seit Oktober v.r Jahres in Untersuchung, und wäre Ott auf freiem