Ausgabe 
17.6.1904 Zweites Blatt
 
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ergreifen und die ReichsgesetzgebungZmaschine in Bewegung setzen sollen. Im übrigen ist die gegenwärtige Geschäftslage durchaus ungeeignet, näher auf die Interpellation einzugehen. (Beifall.)

Abg. Gamp (9tp.): Wir kennen die Methode Stadthagens, er reißt einzelne Worte aus dem Zusammenhang und greift daraufhin die Redner an. Auch heute hat er manches wider besseres Wissen behauptet. (Unruhe bei den Soz.) Wenn Herr Stadthagen so sehr für die guten Sitten eintritt, so sollte er doch zuerst durch­setzen, daß seine Parteigenossen bei den Wahlen gute Sitten beob­achteten. So ist mir nachgesagt worden, meine Arbeiterwohnungen seien schlecht, und als Arbeiter sich beschwerten, hätte ich gesagt: Für euch verfluchten Hunde sind die Wohnungen gut genug 1" Narürlich war alles Schwindel. Herr Dr. Müller hätte die Be­deutung seiner Rede wesentlich verstärkt, wenn er mit mehr Zurück­haltung und weniger Selbstbewußtsein gesprochen hätte. (Hciter- kett.) Wie kann er so über preußische Arbeiterverbältnisse sprechen, er, der keine Ahnung davon hat. Die preußischen Arbeiter- verhältnisie sind geradezu mustergültig. Als Preuße kann man es sich nicht gefallen lassen, wenn ein Nichtpreuße sich in der Weise überlebt. (Heiterkeit links.) Glaubt der Llbg. Müller wirklich, daß ein so hervorragender Jurist wie der Staats­sekretär die Reichsgerichtsurteile nicht kennt, die Herr Müller kennt? Wie darf der Richter Müller in so abfälliger Weise über Reichs­gerichtsurteile sprechen? (Glocke des Präsidenten.)

Präsident Graf Ballestrem: Es ist nicht zulässig, ein Mit­glied des Hauses bei seinem Beruf, den es außerhalb des Hauses ausübt, zu nennen.

Abg. Gamp (fortfahrend): Also, wie kommt der Abg. Müller, von dem ich nicht behaupten kann, welchem Berufe er außerhalb des Hauses angehört (große Heiterkeit) zu solchen Angriffen auf die höchsten Richter. Meines Erachtens (Zuruf: nach!) hätte sich der Staatssekretär die Beantwortung viel leichter machen können. Im preußischen Abgeordnetenhause sind auch einige tüchtige Leute, die vielleicht ebenso viel wisien wie Sie, Herr Müller, und schon dafür sorgen werden, daß das Neichsrecht nicht verletzt wird. Im übrigen kann ich nur sagen, daß meine Freunde etwa auf dem Standpunkt des Abg. Herold stehen.

Abg. BrcjSki (Pole) erklärt, daß seine Fraktion Gegnerin des preußischen Gesetzentwurfes sei, weil er die Arbeiter gegen den Sion? traktbruch der Arbeitgeber nicht schütze. Auch die verfassungsmäßigen Bedenken würden von seinen Freunden geteilt.

Abg. Klose (Ztr.) bleibt unverständlich.

Abg. Haase (Soz.): Der Staatssekretär hat gesagt, daß in dem Gesetzentwurf die Grenze zwischen Reichs- und Landesrecht nicht mit der wünschenswerten Deutlichkeit gezogen sei und damit selbst zugegeben, daß der Entwurf in das Reichsrecht eingreift. Die Er­örterungen haben doch ein Gutes gehabt, manche Redner sind heute von ihrem früheren Standpunkt zurückgewichen. Auch der Abg. Gamp ist gegen eine kriminelle Bestrafung des Kontraktbruchs, und ich hoffe, daß der national-liberale Redner Dr. Lucas mit feinen Freunden uns unterstützen wird, wenn wir einen Initiativantrag einbringen, der die kriminelle Bestrafung des Kontraktbruchs unmög­lich macht. Heute hat der Staatssekretär eigentlich den preußischen Justizminister preisgegeben. Es wird so viel vom Kontraktbruch der Arbeiter gesprochen. Ich kenne die ländlichen Verhältnisse genau und weiß, daß die Arbeiter nicht kontraktbrüchig werden. Sie verlassen böswilligerweise den Dienst niemals. Sie verlassen ihn nur, wenn sie es nicht mehr aushalten können, und ich glaube, daß ihnen jeder billig denkende Mensch Recht geben wird.

Hiermit schließt die Besprechung.

Persönlich bemerkt Abg. v. Oldenburg (kons.): Der Abg. Müller-Meiningen soll unter Bezugnahme auf mich von Rück­ständigkeit und Kürassierstiefelpolitik gegenüber den Arbeitern ge­sprochen haben. (Widerspruch des Abg. Müller-Meiningen.) Ich weiß nicht, woher der Abg. Müller-Meiningen Kürassierstiefel kennt.

Präsident Graf Ballesttcm: Kürassiersttefel sind nur persönlich, wenn sie sich auf Sie beziehen. (Große Heiterkeit.)

Abg. v. Oldenburg ffortfahrend): Jedenfalls berechtigen die trüben Erfahrungen, die der Abg. Müller-Meiningen vielleicht mit feinemMädchen für alles" hier gemacht hat, ihn keineswegs, in olcher Weife über ländliche Arbeiterverhältnisse zu urteilen.

Abg. Müllcr-Mciningen (srs. Vp.): Was Küraffierftiefel sind, das habe ich am 9. März und 16. April hier gemerkt.

Präsident Graf Bnllesttcm: Sie dürfen nicht im Namen der Mrafsierstiefel eine persönliche Bemerkung machen. (Große Heiterkeit.)

Es folgt die dritte Beratung des Entwurfs betreffend die Togobahn nebst dem dazu gehörigen Nachtragsetat.

Die Entwürfe werden ohne Debatte definitiv an­genommen, ebenso der Enlwurf des Gesetzes betreffend die Uebernahme einer Garantie des Reiches in Bezug auf eine Eisen­bahn von Daressalam nach Mrogoro und das Servis- tarif-Gesetz.

Es folgt die Beratung der an die Budgetkommission verwiesenen Resolution Gröber, bett, die Einguartiernngs- [afte n. Die Kommission hat diese Resolution in folgender Form angenommen:

Der Reichstag wolle beschließen: die verbündeten Regie­rungen zu ersuchen, eine zeitgemäße Revision des Gesetzes über Naturallcistung für die bewaffnete Macht im Frieden nach der Redaktion vom 24. Mai 1890 (Reichs-Gesetzbl. S. 361) bald­möglichst herbeizuführen und dabei insbesondere dahin zu wirken, daß denjenigen Gemeinden, welche in außergewöhnlicher Weise von Einquarlierungslast betroffen werden, außerdem be­sondere Zuschläge zu den allgemeinen Entschädigungssätzen seitens des Reichs gezahlt werden."'

Abg. Werner >Antis.) erklärt sich für die Resolution, obwohl sie ihm nicht weit genug gehe. Aber es liege ihm daran, wenigstens etwas zu erreichen.

Die Abgg. Graf Oriola (nat.-Iib.l Bachem (Ztt.), Rettich (kons.), Dr. Miiller-Sagan (fr. Vp.) und Schrader (fr. Vg.) erklären sich mit der Resolution einverstanden.

Die Resolution wird einstimmig angenommen.

Nächster Gegenstand der Tagesordnung ist die dritte Lesung des Gesetzentwurfs bett, die Kaufmann sgerichte.

In der Generaldebatte erklärt

Abg. Singer (Soz.), daß seine Freunde dem Gesetz nicht zu- stirnmen können. Es sei die größte Ungerechtigkeit, den weiblichen Angestellten das Wahlrecht vorzuenthalten. Diese Ungerechtigkeit wirke um drastischer in einem Augenblick, wo die Bourgeoisie den Worten nach den Bestrebungen der Frauen auf Erringung des poli­tischen Wahlrechts vollste Sympathie entgegenbringt.

Es sei ztvar das Wort gefallen:Deutschland in der Welt voran I" Aber in der Frage des Frauenstimmrechts sei Deutschland von überseeischen Ländern längst überholt. Auch die Heraufsetzung der Altersgrenze für männliche Handlungsgehilfen, wie sie ja zweifellos beschlossen werde, sei eine durch nichts zu billigende Maßnahme. Die Mehrheitsparteien seien im Begriff, sich dein Willen der Regierung zu fügen und etwas zustande zu bringen, was weder gut noch brauchbar sei. (Beifall bei den Soz.)

Inzwischen sind die Kompromißanträge eingegangen, die das in der zweiten Lesung beschlossene aktive Wahlrecht der Frauen wieder beteilige« und für männliche Personen die Altersgrenze für das aktive Wahlrecht auf 25, für das passive auf 30 Jahre heraufsetzen wollen.

Abg. Trimborn (Ztr.) begründet diese Anträge. Die Zufalls- mehrheit, die die Anträge in der zweiten Lesung zu Fall gebracht haben, fei heute hoffentlich nicht da, sondern eine wirkliche Mehr­heit. Trotz der Kompromißanttäge bedeute das Gesetz einen Fortschritt. Wenn es nach den Wünschen des Zentrums ge­gangen wäre (Lachen bei den Soz.), wäre das Gesetz sicher besser geworden. Aber das gute zu verwerfen, weil man das bessere nicht erreichen könne, sei stets nur die Praxis der Unvernünftigen gewesen. (Heiterkeit^ Auch die Frauen würden für die Taktik der Mehrheit volles Verständii haben. Vergessen dürfe man auch nicht, daß verschiedene große kausntännische Korporationen sich für das Gesetz in der Fassung der Kompromißanträge aus­gesprochen hätten. (Widerspruch des Abg. Singer.) Herr Singer, Spiegelberg ich leime Dir! (Große Heiterkeit.) Bei dem Gewerbe­gerichtsgesetz hätten die Sozialdemokraten für das Gesetz gestimmt, obwohl ihre Anttäge abgelehnt wurden. Das sei ein vorüber­gehender Lichtblick gewesen. (Heiterkeit.)

Abg. Dr. Müller-Meiningen (frei). Vp.) erklärt, daß seine Freunde kein Interesse an dem Gesetz mehr hätten, wenn die Kompromißanträge, die es sehr verschlechterten, angenommen würden. Sie würden dann gegen das Gesetz stimmen. |

Abg. Henning (kons.) führt aus, daß feine Freunde für das

Gesetz mit den Kompromißanträgen stimmen würden, obwohl sie Bedenken gegen die in zweiter Lesung beschlossene Herabsetzung von 50 000 auf 20 000 Einwohnern als Vorbedingung für die obligatorische Einführung der Gerichte hätten.

... Abg. Beck-Heidelberg (nl.) bemerkt, daß seine Partei ebenfalls für das Gesetz stimmen würde, da es ein brauchbares Gesetz fei, unb es dem Reichstag noch gelungen sei, manche Verbesserungen hinetnzubringen. Das Gesetz bedeute jedenfalls einen Fortschritt.

Abg. Schrader (fr. Vg.) erklärt namens seiner Freunde, daß sie gegen das Gesetz stimmen ivürden, weil das Wahlrecht der Frauen durch dre Kompromißanträge beseitigt werden sollte. Der Reichstag füge sich dem Willen der Regierung, die von dem Wahl­recht der Frauen nichts wissen wolle. Die Diegierung habe für diese ihre Stellungnahme nicht einen einzigen Grund angegeben, wndern einzig nur erklärt, dies wollen wir nicht. Dies fei ein Vorgang, der in der ganzen parlamentarischen Geschichte noch nicht vorgekommen sei. Er (Redner) habe die Ehre, dem Verbände weiblicher Handlungsgehilfen an­zugehören (Große Heiterkeit) und könne daher nur sagen, daß der Eifer und der Fleiß, mit dem die weiblichen Angestellten ihre Ob­liegenheiten verrichten, durchaus anzuerkennen sei. Es sei daher absolut kein Grund vorhanden, ihnen das Wahlrecht vorzuenthalten.

Staatssekretär Graf Posadowsky macht darauf aufmerksam, daß die Gewerbegerichte, zu denen die Frauen auch keinerlei Wahl­recht hätten, nach allgemeinem Urteil sehr gut gewirkt hätten.

Abg. Lattmann (wirtschaft!. Vgg.) tritt für die Kompromiß­anttäge em; ebenso Abg. v. Kardorff (Reichsp.) und Abg. Zimmer­mann (d. Reformp.), der sie nur, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, annehmen will.

Damit schließt die Allgemeinerörterung, in der Einzelberatung werden die Kompromißanträge gegen die Stimmen der Sozialdemottaten und Freisinnigen debattelos angenommen.

Abg. Peter Marzellin Jtschert (Zentt.) beantragt, mit Unter­stützung von Abgeordneten der freisinnigen Volkspartei und der Ver­einigung, sowie des Zenttums, einen neuen § 15a in ba§ Gesetz einzufügen, wonach Rechtsanwälten und Personen, welche das Verhandeln vor Gericht geschäftsmäßig betreiben, auf Antrag einer Partei als Vertreter zum Kaufmannsgericht zugelassen werden können, wenn es sich um Streit aus der Konttirrenzklausel handelt und die betreffende Partei im Bezirk des Kaufmannsgerichls weder wohnt, noch eine Handelsniederlassung hat oder beschäftigt ist. Die Zulassung hat die Wirkung, daß beide Parteien sich durch Personen der bezeichneten Art vertreten lassen können.

Abg. Dr. Seniler (nat.-lib.) bekämpft diesen Anttag, der die Rechtsanwälte mit den Winkelkonsulenten gleichstelle. Unter letz­teren werde sich bei Annahme des Antrages ein Spezialistentum bedenklichster Art herausbilden.

Der Antrag wird abgelehnt.

Damit ist die Einzelberatung beendet. In der Gesamt-» ab ft immung wird der Gesetzentwurf gegen die Stimmen der Freisinnigen, der Sozialdemokraten und des Abg. Semler endgültig angenommen.

Sodann nimmt das Haus in erster und zweiter Be- rahing den Gesetzentwurf betreffend Aenderungen des Gesetzes über das Reichsschuldbuch an.

Die Tagesordnung ist erschöpft.

Präsident Graf Ballesttcm: Ich beraume die nächste Sitzung an auf heute abend 8% Uhr mit der Tagesordnung: Antrag auf Vertagung des Reichstages bis zum 29. November, dritte Beratung des Reichsschuldbuchgesetzes. Ich bemerke zu dem e'rften Punkte, daß in manchen Kreisen Verwunderung herrscht über den späten Termin des Wiederzusammenttitts. Als aiich ich diese Verwunderung ausdrückte, wurde ich darauf hingewiesen, daß dem Kaiser das Recht zusteht, den Reichstag früher einzuberufen, auch wenn er bis zum 29. November vertagt ist, und daß er von diesem Rechte Gebrauch machen werde, falls dies besondere Vorlagen er­heischen sollten, namentlich wenn es sich darum handeln sollte, daß Handelsverträge in früherer Zeit abgeschlossen werden.

Schluß gegen 8 Uhr.

100. Sitzung.

Auf dem Tische des Präsidenten befindet sich ans Anlaß der WO. Sitzung ein großer Blumenstrauß. Dem Änttage des Reichs­kanzlers auf Vertagung des Reichstags bis zum 29. No­vember stimmt das Hans ohne Debatte einstimmig zu. Die Novelle zum R ei chsschu ldb u ch g es e tz wird in dritter Lesung ohne Debatte einstimmig genehmigt. Präsident Graf Ballesttem erhält die Ermächtigung, Tag und Tagesordnung der nächsten Sitzung sestzusetzen.

Abg. v. Normann (kons.) spricht den Dank des Hauses für die fachkundige und unparteiische Leitung der Geschäfte durch den Präsidenten aus. (Allgemeiner Beifall.)

Präsident Graf B a l l e st r e m dankt uitb betont, daß ihm der allfeittge Beifall besonders wertvoll sei, da er auf das Ver­trauen des ganzen Hauses angewiesen sei. Er freue sich herzlich, daß ihm dieses Verttauen ausgesprochen worden sei. (Seßhafter Beifall bei allen Parteien.)

Reichskanzler Graf Bülow verlieft hierauf die Vertag­ungsurkunde, die das Hans stehend anhört.

Mtt einem Hoch aus den Kaiser schließt die Sitzung.

Kirche und schule.

Metz, 16.Juni. Auf dem lothringischen Lehrer­lag kam es gestern zu einem Zwischenfall. Als der Lehrer Mayer aus Dieuze beantragte, der Lehrerverein solle sich um die Neuregelung der Organisten frage an den Bischof wenden, erhob Seminardirektor Schulrat und Ehrendomherr Nigetjcd-Mctz mit Rücksicht auf den interkonfessio­nellen Charakter des Vereins Widerspruch. Das Recht, sich an den Bischof zu wenden, stehe allein den Katholiken zu. -Als trotzdem der Antrag Mayer angenommen wurde, verließ Nigetjed den Saal, worauf die Versammlung, der auch Ver­treter der Regierung beiwohnten, mit einem Hoch auf den Kaiser geschlossen wurde._______

Aas Korbon-Neunet-Reunen.

(Nachdruck verboten.)

IV.

S. u. H. Äombu r g v. d. H., 16. Jmtt.

Der letzte Tag vor dem Gordon-Bennett-Renn-n war zugleich auch bei interessanteste. Vom frühesten Morgen ab strömten die Menschenmas,en aus Frankfurts Wiesbaden, Mainz, Friedberg, Bad-Nauheim rc. nach Homburg, um der für 8 Uhr früh gemeldeten Ankunft des Kaiser- paares beizuwohnen. Aus der festlich geschmückten Sta­tion empfing Oberbürgermeister v. Marx, wie bereits tele- graphisch gemeldet, die Majestäten, die sofort zum Schlosse fuhren. Nach kurzer Zeit fuhr vor dem Schloßportal das kaiserliche Automobil vor, von dem in Homburg toahie Wunderdinge erzählt wurden. Zwei Chasseure in brauner _ Hoflakaien-Unisorm lenkten das weißgenrichene, allerliebst aussel)ende Gefährt, das aus der Daimierschcn Motoren-Fabrik in Cannstatt hcrvorgegangen ist und Mer- cedes-Simplax-Konstcuttion aufweist. Die Enttäuschung war für die versammelten Autlet groß, als der Kaiser, fröh­lich nach allen Seiten grüßend, mit den Herren seines Gefolges in dem rotgepolsterten Wageninnern Platz nahm, statt selbst das Steuer und die Bremse des Wagens zn handhaben. Im schnellsten Tempo sauste das Automobil

davon, gefolgt von einem weiteren Automobil-Reisewagen. In einer Hofequipage folgte die Kaiserin, die ein hell­graues Promenadenkleid und einen großen, weißen Feder­hut trug und unablässig grüßte. Den Beschluß machte eine Hofequipage, in der man den vielgenannten Oberhofmeister der Kaiserin, Frhr. v. Mirbach, bemerkte. Seine gestrige Vernehmung in Mavbit schien auf seine gute Laune nicht eingewirkt zu haben, denn wiederholt sah man ihn bei dem nun folgenden Besuch der Saalburg beiter lächeln. Auch der Kultusminister Dr. Studt befand sich im Ge­folge. Der Weg führte den kaiserlichen Wagenzug durch Dornholzhausen den taufrischen Bergwald hinan über den Charlottenweg zur Saalburg. Das Kaiserpaar trank zu­nächst einen Becher Wasser aus der Mythras-Quelle und nahm dann das Mythrirum in Augenschein, ein Ge­bäude, das Kommerzienrat Albert in Biebrich auf seine Kosten auf dem Saalburg-Terrain hat errichten lassen und heute dem Kaiser als Geschenk überwies. Kom­merzienrat Albert ist der Vater des unglücklichen jungen Rennfahrers Paul Albert, der auf der Fahrt von Cann­statt nach Parts zum Automobil-Rennen ParisBordeaux mit seinem Daimler-Motor-Wagen bei Nieder-Ingelheim umstürzte und bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert wurde. Bekanntlich knüpfte sich an diesen Unfall der sensationelle Prozeß gegen den Hauptmann a. D. Mayer, der von Land­leuten beschuldigt worden war, der Leiche eine größer? Geld­summe entwendet zu haben. Mayer wurde durch das Urteil oer Mainzer Straftammer von dem gegen ihn entstandenen Verdacht gereinigt, und es ist ein Rätsel geblieben, wo das Geld hingekommen sein mag.

Vom Mythräum aus begab sich das Kaiserpaar zn der großen Tribünenaillage für das Gordon-Bennett-Rennen. In einer Loge saß der Zeichner der,^Leipz. Jllustr. Ztg." Limmer, um die Anlage zu jfixieren. Der Kaiser kletterte in angelegentlicher Unterhaltung mit den Herren des Ge­folges auf beide Tribünen hinauf und musterte alle Einzel­heiten des luftigen Bauwerks. In der für ihn bestimmten Loge hatte der Lehrer Göbel aus Friedrichsdorf ein Relief der Gordon-Dennett-Strecke aufgestellt, das den Kaiser sicht­lich interessierte. Nun ging es nochmals zur Saalburg. An der Porta decumana erwartete jetzt Bezirkspräsident Graf Zeppelin als Vorsitzender der lothringischen Gesell­schaft für Geschichte und Alturtumskunde den Kaiser, um diesem die neben der Porta Pretonia neu aufgestellten römischen Geschütze vorzuführen. Vorher besichtigte das Kaiserpaar die vom Bildhauer Götz aus Berlin geschafseneu Standbilder Hadrians und des Alexander Se­verus. Bei ersterem wollte der Kaiser eine Aehnlichtett mit Geheimrat Jacobi in seinen jüngeren Jahren heraris- finden. Hierauf wurden dem Kaiser die beiden Söhne, eine Schwiegertochter und ein Enkel Theodor Mommsens vov- gcstellt, die aus Anlaß der vom Kaiser für heute angeord­neten Enthüllung des Mommsen-Reliefs auf der Saalburg erschienen waren. Beim Betreten der Halle, die mii dem Relief cftschmückt ist, fiel die Hülle, wobei der Kaiser salutierte. Es folgte nun die Vorführung der alt­römischen G e s ch ü tz n a ch b i 1 d u n g e n. Es sind drei Geschütze, ein Palintonon, ein Cnthytonon und ein Onager.

Sie werfen Steine und Bleikugeln bis zu einem Gewicht von einem Kilo auf zirka 150 Meter Entfernung. Ein viertes Geschütz, Euthyon, für Pfeil geschosst bestimmt, wurde auf eine Eisenplatte von der Dicke eines römischen Brust­panzers gerichtet und abgeschossen, wobei die Platte von den Pfeilen durchlöchert wurde. Der Kaiser äußerte feine Bewunderung für* die gelungene Nachbildung der römischen Geschütze, die in der Waffen Halle des Saalburgkastels aus­gestellt werden sollen und regte die Herstellung von Photo­graphien für den Gebrauch in den höheren Schulen an. Zum Schluß wurde noch eine Ausgrabe stelle om nord­westlichen Außenwall besichtigt, wo man auf einen umfang­reichen Wachtturm gestoßen ist. Während der ganzen Seit war der Kaiser und die Kaiserin in heiterster Stimm­ung Der Kaiser scherzte viel mit den einzelnen Herren des Gefolges und wurde erst ernst, als am Ausganze der Geh. Kobinettsrat v. Valentini an ihn herantrat, um ihm hinter vorgehaltenem Zylinder eine anscheinend sehr wich­tige Mitteilung zu machen. Beim Hinaustreten begrüßte die Majestäten ein Hoch des Publikums, worauf der Kaiser wieder in den Automobilomnibus stieg und in schnellstem Tempo, befolgt von den übrigen Wagen, nach Homburg zurtickfuhr.

Inzwischen hatten die für das Rennen gemeldeten Fahrer das Training auf der Strecke, dem ;. B. Jen atz ky bereits sett 4 Uhr früh oblag, eingestellt und waren in ihre Garagen ein gekehrt, um ihre Vehikel für das wichtige Geschäft des Abwiegens herzurichteu. In einer schmalen Straße vor dem Spritzenhause der Homburger Freiwilligen Feuerwehr ging das Geschäft vor sich. Ringsum ans Mauern, Fensterbrüstungen und an den Gaslaternen standen, saßen oder hingen Photographen jeden Alters und jeder Nation, um die interessantesten Momente auf die Platte zu bannen. Auch zwei englische, eine französische und eine amerikanische Gesellschaft für Herstellung lebender Photo­graphien war am Platze. Mau kann sich denken, welche Panik entstand, als plötzlich eine Explosion an dem Napier-Wagen S. F. Edges erfolgte und eine haus­hohe Stichflamme emporschlug. Ein Führer hatte eine Zi­garette in Brand gesetzt, während der englische Konkurrent das Benzin seines Wagens abfüllte. Der Humor kam aber bald zu seinem Rechte, als man sah, daß die Flamme die Tür des Spritzenhauses in Brand gesetzt hatte, hinter der alle Feuerlöschgerätschaften standen. So mußten denn ein paar Eimer Wasser helfen.

Jenatzy lächelle stillvergnügt, als die Deutschen, deren Automobil-Industrie er wieder zum Siege führen soll, ii)1'-1 stürmisch zujubelten. Er lächelte... er hat die Strecke 184 mal umkreist. Sein schweizerischer Konkurrent Tn- feaux war schlimmer bar au. Er wollte sie heute früh zum erstenmale befahren. Ein Geschick fügte es, oaß ihn> bei der Anfahrt zur Wäge die L e n k st a n g e zerbrach- Damit zerbrachen auch alle seine Hoffnungen- Tenn eine neue Lenkstange braucht von Gens nacb Hom­burg etwa viermal so viel Zeit, als von diesem Augen­blick noch bis zur Eröffnung des Rennens übrig ist. Manche sagten: Glücklicher Dufeaux. Er braucht seine Knochen nicht im Schnupftuch heimzutrageul darauf »fiel ein