Haltung der Regierung in dieser Frage lebhaft mißbilligen. (Zustimmung.) Die Sache ist die: Nicht der Wille der Künstler, nicht das Interesse der Kunst waren entscheidend, sondern eine höhere Macht hat einfach angeordnet: die Kunstgenossenschaft hat die Leitung au bekommen! Wie benimmt sich denn die Negierung? Da sollte für die preußische Nationalgalerie ein Leistikow angeschafft werden; vom Direktor wurde er angeworben. Da kommt plötzlich von oben der Befehl: „Leistikow darf nicht angekauft werden; gehört zur Sezession I" Muß man da nicht Mißtrauen bekommen, muß nicht der Verdacht entstehen, daß die preußische Regierung schuld an diesen Vorkommnissen ist? Ihr Verfahren hat zweifellos die kleineren Staaten arg verstimmt. Und Fürst Bismarck hat einmal gesagt: „Gerade die kleinen Verstimmungen haben wanchmal unliebsame Konsequenzen bei großen Dingen!" (Sehr wahr I) Es scheint, als ob bei uns in der Tat der Geschmack eines einzelnen maßgebend ist. Das darf aber nicht sein. Keine Persönlichkeit, und sei sie noch so hoch gestellt, ist unfehlbar in künstlerischen Dingen. Man denke nur an das Urteil Friedrichs des Großen über Shakespeare. Und Friedrich der Große war gewiß ein genialer MannI Verdient denn die „alte Richtung" eine Bevorzugung? Wenn ich mir so ansehe, was sie geleistet hat, so habe ick ein einigermaßen ängstliches Gefühl. (Heiterkeit.) Wir haben in Berlin hervorragende Denkmäler der alten Kunst. Der große Kurfürst, das Brandenburger Tor, das sind herrliche Kunstwerke. Was ist aber seitdem Neues hinzugekommen? Na, die Siegesallee bis zum Roland . . . (Heiterkeit), man kann sa darüber verschiedener Meinung sein — aber wenn Berlin einmal verschüttet ist und man bann Ausgrabungen veranstaltet und wenn man dann auf die Siegesallee und den Noland stößt, ob man darüber auch so erfreut fein wird, wie über die Funde in Pergamon? (Große Heiterkeit und lebh. Zustimmung.) Ich meine nnan sollte die Kunst nicht bevormunden. Die Kunst bedarf dieser Bevormundung nicht. Die großen Künstler schaffen, wie ihr Empfinden, wie ihr künstlerisches Gewissen es ihnen gebietet. Sie sehen nicht nach oben, nicht nach unten. Die Beethoven, Wagner. Goethe, Manet haben nicht um Beifall gebuhlt. Und so wird es auch bleiben. Auch die Regierung sollte sich das merken. Auch ein Politiker soll nur nach seinem Gewissen gehen, unbekümmert um Gnade und Gunst. Diese Lehre wollen wir aus diesem unerquicklichen Streit ziehen. Dann wird der Schaden, den er angerichtet, bald verwunden sein. Denn schließlich: ob die deutsche Kunst nun in St. Louis vertreten ist oder nicht — daran hängt nicht alle SBc't und ->uch nicht die Zukunft der Secession. ^afa sie sich
schon selbst. Wtrv fie unterbrilcft — nun, baS schabet ihr auch nicht sehr. Druck erzeugt Gegendruck. Die Sezession wird die Widerstände schon überwinden! Lebhafter Beifall auf den verschiedensten Bänken des Hauses. Mehrere Abgeordnete schütteln dem Abg. v. Kardorff die Hand.)
Abg. Dr. Dove (freis. Vg.): Ich ir r e mich bei der vorgerückten Stunde auf wenige Worte beschränken. Graf Posadowsky versuchte, die Regierung weiß zu brennen, das war in der Tat keine leichte Aufgabe. Ich kann nur erklären, daß meine Freunde in den Chor, der das Vorgehen der Regierung mißbilligt, mit einstimmten. Ich kann dabei nur bedauern, daß mein Freund Dr. Pachuicke durch Krankheit verhindert ist, hier, wie es feine Absicht war, zu reden. Was wir hier vor allem bekämpfen, ist der Autokratismus, der Zäsarismus, der sich jetzt auch auf künstlerischem Gebiete geltend macht. (Sehr wahr!' Die ganze Volksstimme sagt: Hier ist ein schwerer Mißgriff gemacht. (Beifall.) ?lbg. Kirsch (Ztr.): Bei Gelegenheit der Zurückweisung des Stuckschen Bildes haben meine Parteifreunde einmütig erklärt, daß ein solches Bild in den Reichstag nicht gehört. Dr. Lieber hat damals in vortrefflicher Weise unseren Standpunkt zu dieser Art der Kunstrichtung bargelegt. Aus biejem Staiidpunlt stehen wir auch heute noch. Wenn wir auch aus Gerechtigkeitsgefühl bafür sind, daß die Sezessionisten in St. Louis vertreten sind, so schließt dies doch nicht in sich, daß wir nun mit einem Male auch alle Freunde der Sezession geworden sind. (Zustimmung im Zentrum.) Das, was damals von uns bei der lex Heinze gesagt ist, entspricht auch noch heute unseren Anschauungen. Wer lveiß, wie man nach 100 Jahren über die Sezession urteilen wird; vielleicht wird man sie dann ebenso verurteilen, wie die Sezession setzt die Bilder der Alten! Herr von Kardorff hat scharfe Kritik geübt an den Leistungen der Berliner Kunst seit den Zeiten des Brandenburger Tors I Ich unterschreibe das keineswegs. Auf eines sollten wir indessen doch noch acht geben: auf die Denkmäler hier im Reichstag selbst. Das Denkmal, daS man in der Wandelhalle aufstellen will, scheint mir sehr bedenklich. (Sehr richtig I) Mir scheint da eine Einzelfigur überhaupt nicht am Platz (Sehr richtig I). sondern vielmehr eine Gruppe. (Zuruf: Noch schlimmer 1 Frei bleiben I)
Abg. Dr. Südekum ^Soz.): Wenn wir auch alle das Vorgehen der Regierung tadeln, so sind wir doch in vielen Punkten dieser Frage nicht einig. Graf Oriola sprach freilich pathe!i'ch von der Freiheit der Kunst, im inneren Herzen aber ist er doch Reaktionär. Aus seiner Rede klang sozusagen der Angstruf: Seremissimus darf nicht DeriDottet werden. Im Gegensatz zum Direktor Richter meine ick auch.
daß unsere Ausstellung in Paris eine Blamage war. Dies ist nicht nur mein Urteil, das sagt auch Professor Eckmann, der nicht nur deutscher Professor, sondern auch ein genialer Mensch ist. Wenn die Sezessionisten nicht ausgestellt haben, so hatten sie wohl ihre triftigen Gründe. Sollten sie Herrn voit Werner botmäßig fein ? Wer ist denn Anton von Werner? In diesem Fall doch nur bei Donnerkeil, ber von Zeus auf die Sezession gesandt wurde. (Sehr gut!)
Es handelt sich hier um einen Vorgang von allgemeiner Bedeutung, es zeigt sich hier ein mangelnder Respekt vor geistiger Arbeit. daß Ueberwuchern eines Dilettantismus, der sich berufen fühlt, überall hineinzupfuschen, der sich nickt sckeut, überall hinein- zureden, und sich so ständig zu blamieren. Wir danken für eine Kunstrichtung mit Wilhelm II. an der Spitze.
Präsident Graf Ballcstrem : Ich ersuche Sie, nicht ohne Veranlassung, die Person des Kaisers in die Debatte zu ziehen. Das ist in unserer Debatte nur üblich, wenn es sich um authentische persönliche Erklärungen des Kaisers handelt.
Weimariscker Bundesbevollmächtigter Dr. Paulsien: Es ist hier von einer Mission des preußischen Kultusministers in Weimar die Rede gewesen. Es handelt sich da tatsächlich um eine Legende, die bereits in der „Nordd. Allg. Ztg." dementiert worden ist, zu deren Beseitigung ich aber auch hier folgende Erklärung abgeben will: Es ist durchaus unzutreffend, daß der Besuch des preußischen Kultusministers in Weimar in irgend welchem Zu'ammenhang mit der Gründung des Künstlerbundes stand. Herr Dr. Studt hat dort weder mit ber Regierung, noch mit irgend einer maßgebenden Persönlichkeit irgend welche die Künstler betreffende Angelegenheit erörtert.
Direktor Dr. Richter erklärt, daß er sich Vorbehalte, eine Uebersetznng des Urteils von offizieller französischer Seite über unsere Pariser Ausstellung hier vorzulesen. Er bleibe dabei, daß von einer Blamage in keiner Weise die Rede fein könne.
Hiermit schließt die Debatte. Der Titel für die Ausstellung in St. Louis wird bewilligt.
Sodann vertagt sich das Hau? auf Mittwoch 1 Uhr. (Tritte Beratung der Novelle zur Reich-5 schuld en-Ordnung und Fortsetzung der Etatsberatung, Post-Etat und Etat des R e i ck s e i s e n b a h n a m t s.)
Schluß 0^ Uhr.
KeMcher Landtag.
R. B. Darmstadt, 16. Febr.
Am Ministertisch: Staatsminister Dr. Rothe, Finanz- Llintster Dr. Gnauth, Geh. Staatsrat Krug zu Nidda, Geh. Oberbaurat C o u l m a n n, Ministerialrat Ewald, Geh. Oberfinanzrat Rohde.
Nachdem Präsident Haas die Sitzung um 91/4 Uhr eröffnet, wird in die Fortsetzung der Etatsberatung eingetreten bei Kapitel 10, Staatseisenbahnen. Die Einnahmen sind infolge des günstigen Nachtrags von zuerst 11600 000 Mk. auf 12 000 000 Mk. festgesetzt worden, die Ausgaben auf 270 200 Mk.
Abg. Dr. Schmitt beklagt, daß es noch immer eine ganze Anzahl Beamte der ehemaligen Ludwiasbahn giebt, die sich in ihren jetzigen Gehaltsverhältnissen schlechter ständen als früher. Das sollte aber nach den Abmachungen bei der Uebernahme der Bahn ausdrücklich ausgeschlossen werden. Es gab Beamte, die vor der Uebernahme ein höheres Einkommen hatten, als die in derselben Klasse stehenden preußischen Beamten und diesen sollte in der preußischk-hessischen Gemeinschaft eine Zulage bis zu 100 Mk. gewährt werden. Diese Zulagen wurden aber den Beamten mit dem Aufsteigen in höhere Gehaltsklassen wieder entzogen, sodaß jetzt mancher ältere Beamte in Hessen ungünstiger dasteht, als jüngere preußische Kollegen. Dann bespricht Redner die Frage der freien Äsenbahnfahrt für die Abgeordneten. In Preußen seien die Abgeordneten nicht auf Tagegelder, sondern aus 15 Mk. Diäten gestellt, die sie als eine Art Gehalt für die Dauer der Session bezögen. Die Mitglieder des Herrenhauses genössen den Vorzug freier Eisenbahnfahrt. Er meine, es sei nur recht und billig, wenn auch den hessischen Abgeordneten diese freie Eisenbahnfahrt zugebilligt würde. Die Regierung möge mit dem preußischen Eisenbahnministerium behufs Ueberlassung von Abonnementskarten für die Abgeordneten zur freien Fahrt in ganz Hessen in Unterhandlung treten.
Abg. Berthold bringt verschiedene Wünsche vor und beklagt, daß das Projekt eines Bahnbaues Griesheim— Trebur—Guftavsheim noch nicht weiter gefördert worden sei. Redner bedauert, daß beim Bahnbau noch immer italienische Arbeiter mit verwendet würden und wünschet namentlich auch> eine Verbesserung der Verbindung zwischen Darmstadt und Mainz, speziell die Schaffung eines Nachmittagszuges, da zwischen 1.35 und 5.40 Uhr kein Zug zum Besuch! der Ried zu benutzen sei.
Abg. Seelinger wünscht eine Verbesserung der Wartesäle in Bürstadt und Rohrheim. In Bürstadt sei der Wartesaal 3. Klasse so klein, daß oft viele Passagiere daselbst keinen Schutz vor der Unbill der Witterung finden könnten.
Abg. Adelung meint, das Koalitionsrechj der Arbeiter werde von der Eisenbahngemeinschaft noch immer mißachtet, erst kürzlich seien wieder drei Arbeiter gemaßregelt worden, weil sie dem Reichsoerband der Eisenbahn- arbeiter angehörten. Auch von dem Frankfurter Kongreß der christlichen Arbeiter sei eindrücklich die Gewährleistung des Koalitionsrechtes verlangt worden.
Abg. Ulrich: Die Regierung antwortet auf diese Frage nicht. (Der Finanzminister winkt, daß er das Wort nehmen wolle.) Nun, dann will ich warten, bis wir diese Antwort gehört haben.
Finanzminifter Dr. Gnauth: Dieselbe Höflichkeit wollte ich dem Abg. Ulrich gegenüber beobachten. (Heiterkeit.) Der Minister bemerkt dann, daß er nicht auf alle hier vorgebrachten Beschwerden vorbereitet sei. So könne er auf die Klage über die verminderte Besoldung ehemaliger Beamter der hessischen Ludwigsbahn nur erwidern, daß die Regierung eine Prüfung eintreten lassen und etwaige Ungerechtigkeiten auszugleichen sich bestreben werde. Auch die Anregung bezüglich der ^Eisenbahn-Freikarten für die Abgeordneten solle geprüft und namentlich die Beschaffung etwaiger Abonnements in Erwägung gezogen werden. Bezüglich des Koalitionsrechts der Eisenbahnarbeiter sei wohl die Besprechung der diesbezüglichen Interpellation eine nähere Erörterung noch zu erwarten; er erinnere jetzt nur daran, daß im allgemeinen der Regierung auf die Behandlung der einzelnen Arbeiterfragen in der Eisenbahn- gemeinschast ein Mitwirlungs- bezügl. Einspruchsrecht nicht zustehe, ebensowenig treffe die Regierung die Verantwortung für die Maßregeln, welche die preußische Regierung für die Aufrechterhaltung der Sicherheit als notwendig erachtet. Er müsse übrigens daraus aufmerksam machen, daß die Bestimmungen des § 152 der ReichDgewerbcord-
nung über das Koalitionsrecht auf den Eisenbahnbetrieb keine Anwendung finden könne.
Mg. Häusel fragt, wie es mit der in Aussicht gestellten Vorlage über die Staatszuschüsse zur Erbauung von Nebenbahnen stehe.
Abg. Molthan meint, nach der Antwort des Finanzministers scheine wenig Neigung zu bestehen, den Wünschen bezüglich der Eisenbahnfreikarten für die Abgeordneten Rechnung zu tragen. In Mainz bestehe große Unzufriedenheit darüber, daß man das Nebenbahnprojekt Griesheim— Gustavsburg behördlicherseits nicht zu fördern sich bestrebe. Er ersuche die Regierung, über die Erbauung dieser Strecke baldigst neue Verhandlungen in die Wege zu leiten.
Abg. Hirsche! wünscht eine Verbesserung der Zuganschlüsse nach Oberhessen über Fulda und die Anlegung einer Haltestelle in Lindenstruth. Auch die Nachmittagsverbindung von Hanau nach Offenbach sei eine sehr un-
Äg. Bähr spricht seine Befriedigung über die Verbesserung der Anschtüsse Gießen-Gelnhausen aus, und wünscht weiter den Bau einer Bahnstrecke Ober-Seemen- Büdingen-Hanau.
Abg. Sensfelder gibt Anregungen zu einer Verbesserung der Zugverbindung auf der Strecke Frankfurt-Groß- Gerau und Mannheim, auch beklagt er die Zurückstellung des Dahnprojekts Griesheim-Gustavsburg.
Abg. Reh wünscht bessere Bahnverbindung zwischen Frankfurt und Gießen—Gießen-Fulda-Lauterbach usw.
Finanzminister Gnauth sagt möglichste Berücksichtigung der vorgetragenen Wünsche zu. Tie Novelle zum Nebenbahngesetz sei bereits ausgearbeitet, man habe sie aber noch nicht vorgelegt, weil der Landtag noch viele andere Aufgaben zu erleoigen habe. Man könne in der Zwischenzeit auch noch weitere Erfahrungen mit in Erwägung ziehen.
Abg. Damm beklagt die Zustände beim Bahnhof Friedberg.
Abg. Weidner ersucht, recht bald den Bau einer Strecke Stockheim-Vilbel ins Auge zu fassen und für einen besseren Passagierverkehr auf der Umsteigestelle Stockheim Sorge zu tragen.
Wg. Dr. Buff besprickt die Verhandlungen der Stadt Darmstadt mit der Süddeutschen Eisenbahngemeinschaft und legt die Ursache der Verzögerung des Vertragsabschlusses dar. Er hoffe jedoch, daß der jetzige veränderte Vertrag bald zu einem befriedigenden Abschluß kommen werde.
Nach weiteren lokalen Wünschen der Abgg. Pennrich, Erk, v. Brentano, Horn bestreitet Abg. Euler die jüngst durch die Presse gegangene Meldung bezüglich seiner Audienz beim preußischen Eisenbahnminister; der Bau einer Bahn Bensheim-Lindenfels sei ihm nicht zugcsagt worden. Es seien nur Erwägungen über die Frage, ob Normalspur oder Nebenbahn im Gange, etwas Näheres sei darüber nicht zu sagen. Redner wünscht, daß in Bensheim mehr Schnellzüge hatten möchten, denn die Bergstraße ziehe Besucher aus ganz Deutschland herbei.
Wg. Seelinger beklagt ebenfalls die Verwendung italienischer Arbeiter bei den Bahnarbeiten und meint, die Regierung sollte bei Vergebung der Bahnarbeiten energisch das Interesse der heimischen Arbeiter wahren. Redner wünscht auch die Errichtung einer Haltestelle möglichst in Der Nähe von Worms, das durch Errichtung der neuen Rheinbrücke jetzt von Lampertheim aus erheblich schwieriger zu erreichen sei.
Finanzminister Gnauth sagt auch hier eine Prüfung der Beschwerden und so weit als möglich Abhilfe zu, woraus nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Sensfelder, Orb und v. Brentano, der namentlich den Sozialdemokraten gegenüber betont, sie könnten doch nicht verlangen, daß die Dahnverwaltung den Arbeitern, nur weil sie eben Arbeiter sind, nun besondere Vorteile vor den anderen Passagieren einräumen solle, die Arbeiter möchten sich gegen die Beamten höflich benehmen, dann würden sie auch wieder so behandelt werden — wird die Einnahme und Ausgabe des Titels Staatseisenbahnen einstimmig angenommen.
In der 4. Hauptabteilung sind für Kap. 11, Lotterie an Einnahme 1000 000 Mark angejetzt.
Abg. Molthan führt hier Klage über die verschiedenartige Bestrafung in den einzelnen Bundesstaaten bei Lotteriedelikten und tritt für eine Besserstellung der Kollekteure ein. In Württemberg würden Lotterievergehen sogar mit Gefängnis bestraft. Tas Reich beziehe aus den
verschiedenen Lotterien ca. 40 Millionen an Stempelsteuer^, und die einzelnen Lotterien führten miteinander erbitterte Kämpfe, um ihre Lose abzusetzen. Man solle versuchen, für alle Lose die Freizügigkeit im Reich herbeizuführen.
Finanzminister Tr. Gnauth betont, daß unablässig das Bestreben bestehe, noca vorhandene Mißstände zu beseitigen, die sich namentlich beim Wettbewerb der verschiedenen Lotterien im Reiche ergeben hätten; er hoffe auch in nicht ferner Zeit auf ein gutes Resultat. Im übrigen gelte von den Lotterien dasselbe, was man von den Frauen sage: Tiejenigen sind die besten, von denen man am wenigsten spricht. (Heiterkeit.) Er werde sich deshalb auch hier nicht weiter darüber aussprechen.
Nachdem Abg. Ulrich noch die Abneigung seiner Partei gegen die LotteAen überhaupt zum Ausdruck ge/ bracht, die auch gegen diese Position stimmen werde, schließt die Tebatte und das Kapitel wird bewilligt.
In der 5. Hauptabteilung gibt bei Kap. 12 direkte Steuern usw. Abg. Köhler der Mißstimmung Ausdruck, die auf dem Lande über die hohe Hundesteuer herrsche. Ta noch verschiedene weitere Redner zum Wort gemeldet sind, wird auf Antrag Weidner die Debatte gegen 1 Uhr abgebrochen.
Nächste Sitzung morgen früh 9 Uhr.
Der Aufstand in Ierttsch-Südrvestafrika.
Tas nachstehende Telegramm des von der „Köln. Ztg." zu einer Orientierungsreise nach Teutsch-Südwestafrika entsandten Redattionsmitgliedes Prosper Müllendorf gibt nicht nur eine aussührlieve Schilderung der bis jetzt unbekannten Vorgänge im Norden und Nordosten unseres Schutzgebietes, sondern befreit uns auch von einer großen Sorge, da die letzte Nachricht Müllcndorffs vom 18. Dezember datiert war und vielfach bereits angenommen wurde, daß §err Müllendorsf von den Herero erschlagen worden sei. Am 7. Dezember hatte Müllendorff von Windhuk mitgeteilt, daß er sich am 11. mit dem Tezernenten für Landwirtschaft und Forstwesen, Tr. Gerber, zur Bahn nach Okahandja begeben und von dort im Ochsenwagen eine Reise nach Waterberg, Grootfontein, Otavi, Outjo, Omaruru anzutreten und in Karibik die Eisenbahn wieder zu erreichen gedenke. Tie letzte Nachricht aus Okahandja hatte er am 18. Tezember an seine Familie abgesandt. Was ihm seitdem begegnet ist und für die Öffentlichkeit Interesse hat, schildert er in dem unten stehenden Telegramm. Tas Telegramm lautet:
Die Vorgänge im Norden und die Gefechte um Outjo.
Outjo, 3. Febr. (Abgeaangen von Swakopmund am 15. Februar.) Bei meiner Ankunft hier am 14. Januar wurde ich durch den Herero-Ausstand überrascht und fand Unterkunft auf der von Flüchtigen besetzten Station. Tie 4. Kompagnie war nach Westen unterwegs seit dem 9. Jan. Ermordet sind Peter von hier, Schwarz und Hoy im Westen, und auf dem Wege hierher der Frachtenfahrer Behr. Von Behr wurde nur das Gerippe, das von Tieren zerfressen war, aufgefunüen. Mißhandelt sind Grunwald, Clußmann und Weschkalnitz (wahrscheinlich lautet der Name richtig: Weschkalnies. D. Red. des „Gieß. Anz."), beraubt und bestohlenviele andere. Auch zwischen Otavi und Grootfontein waren die Herero aus Viehstehlen bedacht. Tie 4. Kompagnie wurde bei Okanjande am 16. Januar aus dem Hinterhalt beschossen, führte ein Gefecht und erstürmte die Werft. Ter Feldwebel Glatzel wurde schwer verwundet. Da Outjo sich bedrängt meldete, wurde der Rückmarsch am 19. Ian. angetreten, der durch Regen auf den weichen Wegen erschwert wurde. Mittlerweile waren wir nach Süden aufgebrochen und 25 Kilometer von hier auf Omaruru zu gelangt, mußten aber umkehren, weil ein Teil der Mitreisenden einberufen und Peter, der für die Truppe Frachten brachte, gerade unweit der Lagerstätte ermordet und beraubt worden war. Eine Patrouille begrub ihn. Tie Kompagnie hatte inzwischen die Reserve und Landwehr eingestellt und erkundete die Paresisberge, wo sie keine Herero sand. Hauptmann Klie;oth beschloß einen Zug auf Omaruru, woher seit länger als 14 Tagen keinerlei Nach-- richt gclommen war. Ter Abmarsch erfolgte am 27. Jan. Einem Gefecht am Etanenoberg am 29. Januar wohnte ich bei. Bei Tagesanbruch vorgehend, erkannte
Kempagnie durch den Busch bei einer Werst Kleinvieh treibende Herero und feuerte. Tann ging sie abgesessen in zwei Zügen vor und beschoß die Großvieh treibenden


