Mir kommt eS vor, als ob unzweifelhaft eine einseitige Unterstützung der Akademiker stattfinde, eine Bevorzugung der älteren Kunst. Ich habe in der Kommission bereits den Fall der Chicagoer Weltausstellung erwähnt. Damals wurde eine Liste aufgestellt für die Künstler, die herangczogen werden sollten, und diese Liste yatte nun den schrecklichen Fehler, daß auch ein paar Sezessio- nisten darauf standen. Da kam vom Auswärtigen Amt die Weisung, diese Leute müssen gestrichen werden, die passen uns nicht. (Hört, hört!) Ist das eine gleichmäßige Berücksichtigung der verschiedenen Richtungen? Ist das die hohe Stellung des Grafen Posadowsky: „Wir stehen auf hoher Warte, und die Künstler mögen ihre Streitigkeiten unter einander ausfechtenI"?
Es ist uns hier von der großen Bedeutung der Beteiligung 6er deutschen Kunst an der Ausstellung in St. Louis für uns Deutsche gesprochen worden. Die Regierung beschritt auch anfangs einen Weg, dec in allen deutschen Einzelstaaten lebhaften Beifall fand. Es wurde eine Kommission zusammenbrufen, bestehend aus den angesehensten Künstlern, aus aus einigen Gelehrten und — schrecklich für manchen! — aus zwei sehr erfahrenen Kunsthändlern. Ich fand auch die Anwesenheit der letzteren sehr gut. Damals wollte man auch einen Kunstmarkt sich erobern. Heute scheint man freilich diesen Gedanken aufgegeben zu haben und mehr eine retrospektive Ausstellung im Sinne zu haben. Von dieser Kommission wurde nun auch die Frage erörtert, ob es denn unumgänglich notwendig sei, die Leitung der Kunstausstellung in St. Louis wieder der Kunstgenossenschaft zu übertragen, oder ob man sie ihr nicht besser entzöge. Die anwesenden Künstler haben einstimmig oder mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Majorität sich dahin geäußert, daß man nach den früheren Mißerfolgen der Kunstgenossenschast ihr die Leitung dieser Ausstellung nickst mehr anvertrauen solle. Herr von Werner war freilich damals krank.
WaS geschieht nun? Die Kunstgenossenschast setzt alles in Bewegung. Nicht allseitig und einstimmig, sondern mit 241 gegen 37 (sezessionistische) Stimmen beschließt sie, die Leitung wieder zu erlangen, und erteilt dem Reichskommissar in optima forma ein Mißtrauensvotum. Und die Regierung weicht mutig zurück und betraut die Kunstgenossenschaft mit der Leitung. Tie einzelnen Regierungen werden gar nicht gefragt: sie werden nur in Kenntnis gesetzt, zu weiteren Verhandlungen sei keine Zeit mehr. sHört! hört!) Durch ein solches Verfahren nützt man nicht dem Rcichs- gedanken und Reichsempftnden. (Sehr wahr!). Und nun kommt der Staatssekretär und erklärt, ein anderer Weg sei gar nicht praktisch möglich gewesen. Ja, wozu hatte sie dann erst die erste Kommission berufen? Die Kunstgenossenschaft hat bei den früheren Ausstellungen, in Paris und Chicago, bewiesen, daß sie zu der Leitung einer solchen Ausstellung gar nicht fähig sei. Schon allein in der Aufmachung. Wie ging es dem prachtvollen Werk von Tuaillon: „Die Amazonen"? Hieß es nicht mit Recht, in Paris hätte man damals nur eine Lenbach-Ausstellung veranstaltet? Die anderen Bilder, die hingen nur so nebenbei ganz oben, wo sie niemand sehen konnte. sHört! hört!) Wie hat sich denn Herr von Werner gegenüber Den Sezessionisten benommen? Diese spöttische, ironisierende Weise, mit der dieser Beamte deutsche Künstler behandelte, kann mir nicht gefallen. Und war nicht der Effekt der Ausstellung in Paris ein kläglicher? Stand er in irgend einem Verhältnis zu den Kosten? Der allgemeine Durchschnitt war — trotz einiger guter Leistungen — unerfreulich. Und dieser Kunstgenossenschaft, die s o ihren Befähigungsnachweis erbracht hat, übergibt man wieder die Leitung für St. Louis?
Graf Posadowsky sagt: die Sezessionisten verlangen Unmögliches! Warum hat die Sezession sich geweigert, teckzunehmen? Einfach, weil sie nicht mehr das Vertrauen hatte, daß in einer Ausstellung unter der Leitung der Kunstgenossenschaft die Moderne zu ihrem Recht kommen könnte. Kann man ihr das nach den früheren Erfahrungen verdenken? Und ist denn das, was die Regierung als ihr Ideal hinstellt, von der Kunstgenossenschaft beachtet worden? Da fajreibt mir einer der ersten Worpsweder Künstler: „Zur Pariser Ausstellung waren wir gar nicht zugezogen worden. sHört! hört!) Zur Ausstellung in St. Louis forderte man uns erst auf, als die übrigen Sezessionisten sämtlich abgelehnt hatten shört! hört!) und als wir uns dann in Unterhandlungen einließen und uns vor allen Dingen über die Raumverhältnisse $u orientieren suchten, da ward uns folgender Bescheid: Braunschweig mit 40 Mitgliedern bekommt 9 Meter, Hannover mit 60 Mitgliedern bekommt 12 Meter, wir mit etwa 5 Mitgliedern bekommen also 1,11 Meter, sGroße Heiterkeit.) 1,11 Meter, das war der ganze Raum, auf dem wir Worpsweder ausstellen sollten.
Diese Wiedersinnigkeit kennzeichnet die Künstlergenossenschaft zur Genüge. Und nun frage ich den Grafen Posadowsky: Wie steht es nun mit dem „neuen Programm"? Kein Messen mehr mit dem Ellenmaß? (Sehr gut!) Und wie ging es denn der Zentral- Jury? Alle ihre Beschlüsse sind über Den Haufen gerannt worden durch den Einfluß des Herrn von Werner, der gar nicht Mitglied der Jury war. Alle von ihr abgelehnten, von Werner protegierten Bilder haben, bis auf drei, nachträglich ausgenommen werden müssen! (Hört! hört!) Wer hatte Denn zu entscheiden? Wer ist für die Verwendung der Mittel verantwortlich, der Reichskanzler oder Herr von Werner?
Nun, so kann das nicht weiter gehen. Die Reichsregierung muß daraus ihre Lehre für die Zukunft ziehen. Aus der Entrüstung über das Vorgehen der Kunstgenossenschaft hat sich der Deutsche Künstlerbund gebilbet, dem die angesehensten Künstler — nicht nur Sezenionisten — angehören. Und wie geht es diesem Bund? Einer der angesehensten, bedeutendsten Künstler hat wieder austreten müssen, weil, wie er mir schrieb, der Druck der Behörden zu stark sei. Wenn er nicht fürchten müßte, schwer geschädigt zu werden, würde er mit Freuden dem Künstlerbund angehören. (Hört! hört!) Wie hat man den Deutschen Künstlerbund behandelt! Ter Vorsitzende desselben, Graf Kalckreuth, suchte eine Audienz beim Reichskanzler nach. Man weiß ja, es ist oft gerühmt worden, welch guten Geschmack der Herr Reickskanzler besitzt (Heiterkeit), und welches Interesse er an der deutschen Kunst nimmt. Nun, der Herr Reichskanzler yat den Grafen Kalckreuth nicht empfangen. Warum nicht? Ec ist doch sonst ein so liebenswürdiger Mann! Er spricht doch mit so vielen Leuten! Warum gerade nicht mit dem Grafen Kalckreuth? Nun. er hat mit ihm nicht gesprochen, er hat ihn an den Grafen Posadowsky verwiesen. Graf Kalckreuth wandte sich nun an den Grafen Posadowsky und wurde von ihm empfangen. Graf Posadowsky war sehr freundlich, sehr liebenswürdig (Heiterkeit), er sagte ihm etwa: Lieber Mann, da kann ich nichts machen (Heiterkeit), geht hin und verhandelt mit der Kunstgenossenschaft; wenn Ihr Euch mit der verfracht, bann ist alles tn Orbnung l (Heiterkeit.) Also bie Regierung hat nichts zu sagen, bie Kunstgenossenschaft ist allmächtig!
Was hat nun der Reichstag aus alledem für Konsequenzen zu ziehen? Wir wollen nicht, daß nur eine Richtung unterstützt werde Sollte die Regierung io einseitig wie bisher die bewilligten Mittel verwenden, so werde ich mir es sehr überlegen, ob ich diesem Posten künftig zustimmen werde. (Zustimmung.) Es handelt sich nicht nur um einen Künstlerstreit. An diesem nimmt bie ganze gebildete Well teil. Aber auch im Interesse unserer Kunstindustrie, unseres Handwerks, unserer Arbeiter verlangen wir ein gerechteres Verfahren. Das moderne Kunstgewerbe hat Teutschland sehr viel Geld und An- seben gebracht. Und dieses ist größtenteils den sogenannten Sr- zessionisten zu danken. Große Volksinteressen stehen hier auf dem Spiel. Nicht im einseitigen Interesse einer Künstlergruppe habe ich gesprochen. Es handelt sich um die Entwicklungsmöglichkeiten unserer deutschen Kunst überhaupt. Nicht eine Richtung kann Der deutschen Kunst das Heil bringen. Nur in dem freien Wettbewerb aller Richtungen liegt die Zukunft ber deutschen Kunst. (Beifall.!
Direktor im Reichsamt des Innern Tr. Richter: Graf Lriola hat von einer Blamage der deutschen Kunstausstellung hi Paris gesprochen. Ich als Kommissar derselben muß hier darauf erwidern, um einer Legenbildung vorzubeugen und auch im Interesse der deutschen Kunst, da diese diskreditiert bleiben würde, wenn Derartige abgünstige Acußcrungen unwidersprochen blieben. Redner gibt nun eine ausführliche Darstellung der Entstehungsgeschichte jener Ausstellung. Es schien natürlich. Die, Leitung derselben der Künstlergenossenschaft zu überlassen. Das war
ja die legitime Vertretung der deutschen Künstlerschaft. Dafür sollte ich von Ihnen doch keinen Tadel bekommen. Sie sind ja sonst für Selbstverwaltung. Ich wollte von einem Bureau aus nicht die Kunstausstellung dirigieren; ich hielt die deutsche Künstlerschaft für Manns genug, ihre Angelegenheiten selber zu erledigen. Die Grenzen zwischen der alten Schule und der Sezession sind viel zu strittiger Natur, als daß man mit Bestimmtheit den einen ober anbern Meister dieser ober jener Richtung zuweisen kann. Jedenfalls bar; man unsere Pariser Kunstausstellung nicht schlecht nennen; sowohl von ber alten Schule wie auch von der Sezession waren bic ersten deutschen Meister vertreten. Ich habe hier auf den Tisch des Hauses zwei Kataloge niedergelegt, Sie können sich überzeugen, daß auch aus ber Sezession kein einziger großer Künstler fehlt. Aber freilich, solange es Ausstellungen gibt, toiro es immer Künstler geben, bie sich zurückgesetzt fühlen., Schlecht gehängt waren unsere Bilder in Paris auch nicht. Wir hatten höchstens zwei Bilder übereinander gehängt, während alle andern Nationen die ganzen Wände behängt hatten. Jedenfalls wirkte unsere Hängeart außerordentlich vornehm. Tie französischen Künstler äußerten sich über unsere Ausstellung in anerkennenswertester Bewunderung und ebenso der Präsident der Republik, kurz cs gab nur eine Stimme der Anerkennung. Die ®üte_ der deutschen Ausstellung äußerte sich auch in der großen Zahl unserer grands prix; Deutschland erhielt neun, während England, Amerika und Belgien nur je sechs davontrugen, und jede andere Nation noch erheblich weniger. Möge die deutsche Kunst im Auslande stets des Wortes gedenk sein: Einigkeit macht stark.
Abg. Dr. Miiller-Meiningen (frcis. Vp): Wenn cs noch eines Beweises bedurft hätte, daß wir uns bezüglich der Kunst in einem gewaltigen Gährunasprozeß befinden, so beweist das der Umschwung in der Haltung des Reichstages, namentlich auch gegenüber seiner Stellungnahme vom Jahre 1899. Heute können wir sagen, hat sich, der Reichstag direkt zu einer imposanten Kundgebung zu Gunsten der Freiheit der deutschen Kunst aufgcsckwun- gen. Graf Posadowsky hat wieder alles auf sich nehmen müssen, was in der entgegengesetzten Richtung gesündigt ist. Ec bat schon so vieles auf sich nehmen müssen. Wie oft war er schon der Prügelknabe I
Vizepräsident Graf Stolberg: Ich möchte Sie bitten, den Ausdruck ..Prügelknabe" nicht zu gebrauchen.
Abg. Muller-Meiningen (fortfahrend): Nun, dann ist er wenigstens das arme Opferlamm gewesen, das darf ich wohl sagen. (Erneute Heiterkeit.) Die Kunstausstellung in Paris ist ein Mißerfolg gewesen. Geheimrat Richter hat das fteilich zu widerlegen gesucht; aber ich zitiere hier einen Regierungskommissar gegen den anderen. In dem sogenannten Kunstparlament, das hier am 4. April v. I. tagte, hat der Regierungskommissar Lewald den Mißerfolg zugegeben und betonte, daß es in St. Louis nicht so weiter gehen könne. (Hört! hört!) Nun erging aber der bestimmte Befehl von einer bestimmten höheren Stelle, einen Beschluß ber Verbündeten Regierungen einfach aufzuheben und der allgemeinen butschen Kunstgenossenschast die Ausfiihmng der Kunstausstellung in St. Louis zu übertragen. Es ist ein Irrtum, wenn Graf Posa- dowskh behauptcl, die Sezession hätte gegenüber ber älteren Kunstrichtung im Verhältnis von 6 : 6 in dem Zentralkomitee vertreten sein sollen. Nicht in diesem Verhältnis, sondern in dem von 4 : 14. (Hört! hört!) Graf Posadowsky hat nämlich eine ganze Reihe Lokalgenossenschastcn der Sezession zngerechnet, bic nichts mit ihr zu tun haben Es hätte aber noch alles gut werben können, wenn nicht der Vorstand des Künstlerbundes in der schnödesten Weise behandelt worden wäre. Herr von Kalckreuth versuchte cs ja, eine Audienz beim Reichskanzler zu erlangen. Mer dieser cancellarius doctissimus elegantissimus amabilis von sonst hat sich geweigert, Herrn von Kalckreuth zu empfangen. In dieser Weise wird ein Künstler von Gottes Gnaden behandelt. Aber Herr von Kalckreuth wurde zu dem ärmsten der Staatssekretäre (Heiterkeit), zu dem Grafen Posadowsky, geschickt, der sollte die Suppe ausessen, und der sagte nun wieder Herrn von Kalckreuth, er solle zu Anton von Werner gehen, also zu dem Mann, der der Vater aller Hindernisse war. Zum Schluß soll er gesagt haben: quod bonum fei ix faustumque sit. (Heiterkeit.) Die Sache hat jedenfalls eine symptomatische, politische Bedeutung; in der ausgesprochenen Ignorierung der Wünsche der Bundesstaaten kommt sie zum Ausdruck. Sie ist das Zeichen einer antiföderativen KabinetSregierung. Warum hat man nicht einmal die Form gewahrt und den einzelnen Regierungen Mittcilimg gemacht von ber beabsichtigten Aenderung? Die Kosten eines Telegramms wären boch nicht zu hoch gewesen? Nun wirb gesagt, es geschah nicht wegen ber Kürze ber Zeit.. Nun, cs waren 8 Monate dazwischen, da hätte man ben langsamsten Klepper von einer Hauptstadt zur anderen traben lassen können, um bie verschiedenen Negierungen zu benachrichtigen. Man hat eben durch einen Handstreich aufgehoben, was die einzelnen verbündeten Regierungen bestimmt hatten. (Sehr richtig!)
Wie stellen sich denn bie einzelnen Regierungen dazu, der Hof in München usw.? Und wie steht es mit ben Mandaten der Kommission? Erloschen sind sie noch nicht. Die hervorragendsten Künstler sind geradezu wie Schuljungen behandelt worden. (Lebhafte Zustimmung.) Das fördert zwar nicht die Reichsverdrossenheit, das ist ein Wort, das nur in allerschwärzesten Gegenden noch vorkommt (Oho! im Zentrum) — aber, meine Herren, ich habe Sie ja gamicht gemeint (Heiterkeit), wie können Sie so aus ber Rolle fallen (erneute Heiterkeit) — ich sage, es wirb zwar nicht Reichsvcr- brossenheit badurch erzeugt, aber Verdrossenheit über ben autokratischen Grundzug der preußischen Politik. (Lebhafte Zustimmung.) Damit treiben Sie keine moralische Eroberungspolitik bei uns in Süddcutschland. (Sehr richtig!) Wir haben viele Fürsten in Deutschland, denen ein Nasenstüber auf künstlerischem Gebiete weit empftublichcr ist, als in anderen Dingen. Da sollte man sich in Preußen doch etwas taktvoller benehmen. Auch in kultureller Hinsicht ist ein solches Vorgehen nicht zu billigen. Ich erinnere hier an ein Wort aus hohem Munde: Eine .Kunst, die sich über die von mir gezeichneten Schranken hinwegsetzt, ist keine richtige .Kunst; es wurde sogar von „Rinnsteinkunst" gesprochen. Noch niemals ist eine Rede mit solchem Widerspruch ausgenommen worden, wie diese. (Sehr richtig!) Gegen diese Kunstauffassung haben sich Millionen konftr- vativcr und königstreuer Männer aufgelchnt. (Lebhafte Zustimmung.) Tie ganze Presse mit Ausnahme ber „Hamburger Nachrichten" hat in ber schärfsten Weise Front gemacht gegen bi esc Kunst- rebc. Wenn damals die deutschen Staatsanwälte so fix gewesen wären, wie sonst, bann hätten wir was schönes erleben können, bann hätten sie nicht einzelne Arbeiter ober Bauern, fonbern ganze Kolonnen zum Teil hochgestellter Delingucnten vor Gericht geschleppt. Kluger Weise hat man das nicht getan, man wußte, baß man tn einen Ameisenhaufen hineingreifen wurde. Der Staatsanwalt hat wenigstens damals an den Stufen des Tempels der deutschen Kunst Halt gemacht und sich gesagt, daß hier das Wort sic volo. sic jubeo nicht gelten dürfe. Solche Dinge müssen hier offen ausgesprochen werden, wenn man nicht in den Verdacht der Schaumschlägerei geraten will. Ich habe gewiß große Achtung vor den Kenntnissen des Staatssekretärs, aber leider hat er sie auf dem Gebiet der Kunst in der Budgetkommission nicht betätigen können. Heute hat er freilich etwas zurückgewunken (Heiterkeit), aber in der Kommission hat er deutlich gesagt: Die Sezession ist nicht der Weg zur Veredelung der Kunst, weder nach dem Sujet, noch nach der Ausführung. Man kann gewiß ein vortrefflicher Staatsmann sein, man kann wissen, wann der Lachs laicht in Norwegen, man kann alle Ausführungs- bestimmungcn zu den Reichsgesetzen kennen und doch keine Bohne verstehen von deutscher Kunst. Was nennen Sie Veredelung ber Kunst? Was nennen Sie Kunst überhaupt? Die Kunst eines Hans Thoma, bes Deutschesten aller Deutschen, eines Leibls, des Stolzes von Bayern, eines Stuck (Ruf im Zentrum: Stuck?) — jawohl, nur ein Banause fann bas leugnen —, bic Kunst eines Klinger kann man boch nicht so wegwerfenb dehanbeln.
Nur Banausen erster Güte können behaupten, daß diese Männer nickt zur Veredelung der deutschen Kunst beigetragen haben. (Sehr richtig.) Aber auf allen Gebieten geht cs )o. Ich erinnere nur an Wagner, daß epochemachende Neuerungen in der Kunst erst langsam den Widerstand brechen. Die Kunst macht der Künstler und nicht das Publikum, das willkürlich zusammengesetzt ist.
Die moderne Kunst hat uns erst die Natur sehen gelehrt, sie hat uns erst die Wirkungen von Licht und Luft beobachten gelehrt. Wenn gestern vom Abg. Dr. Spahn nur 2 deutsche Namen genannt sind, so sage ich, wir sollen uns vor falschem Chauvinismus hüten, sonst blamieren wir uns vor dem Auslande. Es handelt sich hier um eine tiefe nationale Bewegung, vor der der Deutsche allein nicht die Augen verschließen konnte. Wir durften nickt in der alten hellenistisch-italienischen Schablone im internationalen Wettbewerb zurückbleiben. Ich hoffe, die Kunst wird von Jahr zu Jahr eine große staatliche Kulturanstalt werden und das Reich wird an ihren Bestrebungen intensiver teilnehmen. Deshalb hat der Reichstag die Pflicht, Dafür zu sorgen, daß die Gelder, Die zu Kunst- zwecken ausgegeben werden, leider ist cs ja nur wenig, nicht in einer einseitigen und von persönlich einseitigen Anschauungen beeinflußten Weise verwendet wird. Eine Hofästhetik nach dem Satze: sic voio. sic jubeo, wie man sie in Preußen schaffen will. Darf keine Geltung gewinnen. Man beklagt es in Den weitesten Kreisen, daß Hofsckranzen und Schmeichler in Preußen nicht auf das Gefährliche der Stabilierung einer Kabinettskunst Hinweisen, man beklagt es in den weitesten Kreisen des deutschen Volkes, daß man nicht genügend warnt vor Dem Eintreten in Die Arena, wo Die kaiserliche Macht Die Geister nicht fesseln kann unD soll. (Sehr richtig.) UnD nun fragen sich Die Gebildeten aller Parteien mit Recht: Was leistet denn diese Hofästhctik? Wir haben ja Die Momente ganz in der Nähe. Ileberall hohle Dekorationen, aber keine wahre Kunst nach Der Anschauung von Millionen Kuniwerständiger. (Lebhafte Zustimmung.) Wie viele Menschen gibt es Denn, Die Den ornamentalen unD monumentalen Marinorsteinbruck hier vor Dem Siegestor überhaupt für künstlerisch Diskutabel halten? (Lebhafte Zustimmung, große Heiterkeit.) Es tut uns SüDDeutschen bis ins innerste Herz weh, wenn man geraDe Den Liebling des Deutschen Volkes, Kaiser Friedrich, hier in Den nackten kahlen Wänden stehen sicht. (Sehr richtig!) Das ganze Gefühl von uns SüDDeutschen bäumt fick gegen diese Kunst auf, wie man Personen, an Denen Das Deutsche Volk besonders hängt, Durch Das Arrangement in Den HintcrgrunD zerrt. (Erneute Zustimmung.) Diese plumpe, ins un- gemessene verzerrte hellenistische Schablone entsprickt zwar den Dekorativen offiziellen Neigungen, aber nicht Den ästhetischen Anforderungen, welche die große Mehrheit des deutschen Volkes überhaupt stellt. (Lebhafte Zusftmmung.) Man will eine preußische Kunst schaffen, man hat ausgesprochenerweise die Tendenz, die Kunst lediglich zur Verherrlichung des Fürstenhauses zu benutzen. Tas läßt sich die Kunst auf die Tauer nickt gefallen. (Sehr richtig!)
Eine derartige Tendenz widerspricht der ganzen Natur der internationalen Kunst. Man kann freilich im Reiche nichts dagegen tun, wenn ein Kunstdczement des preußischen Kultusministeriums gehen muß, weil er zu modern ist, oder wenn die Anschaffung eines berühmten Bildes von Leistikow ober Kamps abgelehnt wird, aber wir dürfen einen Protest dagegen erbeben, daß man es versucht, diese preußische Kunstästhetik auf das ganze Reich zu übertragen. In München, Darmstadt, Stuttgart, Dresden, Karlsruhe denkt man über Kunstfragen ganz anders als in Berlin. (Sehr richtig!) Man will dort keine konzessionierte, gewappelte Reicks- kabinetsästhetik haben. (Lebhafte Zustimmung.) Unsere Ausfuhr an Werken ber Kunst ist minimal im Vergleich zu andern Ländern trotz der stolzen Erklärung, daß wir Deutschen gewissermaßen allein ben Beruf zur Kunst hätten. Man bevorzugt in Amerika bie modernen Meister. Jetzt war Gelegenheit, zu zeigen, was bic unserigen können. Was Lenbach, .Knaus unb Menzel kann, weiß das Ausland längst. (Sehr richtig!), jetzt sollen wir beweisen, was unsere fungocutsche Kunst versteht. Was will man aber tun? Mit einer historischen Darstellung will man nach Amerika geben. (Heiterkeit.) Das kommt mir so vor, als wenn ich in ben Staatswissenschaften geprüft werde und dem Eraminator sage: Mein Vater war Darin ein ungeheuer gescheiter Mensch. Ich würde kläglich durchfallen und ebenso wird die deutsche Kunst Durchfällen, wenn man blos zeigt, was frühere Generationen geleistet haben, lieber den moralischen Katzenjammer kann uns diese historische Darstellung nickt hinweghelfen. Nun frage ich: cui bono? Wer hat Den Vorteil von diesem ganzen .Kunstskandal? Das sind Die Engländer, Franzosen und Belgier, bie freuen sich wie Schneekönige (Heiterkeit); bie könnten nichts Besseres machen, als Herrn o. Werner zum Ehrenprotektor ihres internationalen Klubs zu ernennen. (Sehr gut! und Heiterkeit.) Es handelt sich hier geradezu um bie Frage des Ansehens beS deutschen Volkes im Auslande, um eine wahrhaft nationale Frage. Es hat mich manchmal, wenn ich im Auslände war, bis ins Innerste gewurmt, wenn ich hörte, wie man dort namentlich unter dem russophilen System über Deutschland spricht, wie von einer Art von Rußland, unb zwar deshalb, weil man hier einem eigenmächtigen autokratischen Gefühle auf künstlerischem Gebiete zu viel nachgibt. Gott sei Dank, es gibt aber noch viele Millionen im deutschen Volke, welche gegen eine derartige Regung sich auflehnen. Alle gebildeten Deutschen beinahe wissen, daß die internationale moderne Kunstbewegung, bie bie Wahrheit auch in ber Kunst sucht, sich nicht einfach kommandieren läßt wie ein Regiment ©arbefüfieliere. Was wirklich Kunst ist, darüber entscheidet nicht ber einzelne, auch wenn er noch so hoch steht, fonbern darüber entscheidet ganz allein die Gesamtheit ber kunstverständigen Volksgenossen und die .Künstler. Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben unb kurz ist auch das Sehen des einzelnen Fürsten. Ich erinnere hier an ein Wort Karls X., der sagte: Im Theater habe ich gleich jedem einzelnen Pariser auch nur einen Platz im Parterre. Das ist ein feiner Ausspruch, ber meines Erachtens eines königlichen Mäeen würdiger ist als bas sic volo, sic jubeo. Auf feinem Gebiete ist für bic Unfehlbarkeit so wenig Raum, wie auf Dem ber .Kunst, und Sache ber deutschen Volksvertretung ist, sine ira ct studio dahin zu wirken, baß eine solche Diktatur auf künstlerischem Boden nicht noch durch staatliche Mittel unterstützt wirb (Sehr richtig!), sonbern daß die Kunst frei ihres Amtes walten darf. Nur eine freie Kunst kann die schöne Aufgabe erfüllen, die Veredelung einer großen Nation herbeizuführen. Die Kulturgeschichte hat gezeigt, daß die Kunst hinweggeht über Könige und Kaiser. (Lebhafter Beifall.)
Staatssekretär Graf Posadowsky: Eine Kunstpolitik haben wir hier überhaupt nicht zu vertreten, denn Kunstangelegenheiten an und für sich gehören nach ber Verfassung überhaupt nicht zur Zuständigkeit der verbündeten Regierungen. Wenn Sie Einwendungen gegen gewisse künstlerische Bestrebungen in Preußen haben, dann, bitte, wenden Sie sich damit an Den preußischen Landtag! Der größte Teil ber Ausführungen des Vorredners richtete sich gegen Maßnahmen, die in Preußen getroffen sind. Ich muß meine Behauptungen trotz der Ausführungen des Vorredners auftecht erhalten, solange nicht ber Gegenbeweis geführt ist. Es handelt sich dock nur Darum: Ist die sezessionistische Kunstrichtung durch Maßregeln der Reichsregierung verhindert worden, sick an Der Ausstellung in St. Louis zu beteiligen ? Und das bestreite ich auf daS Bestimmteste. Obwohl die Vertreter der sezessionistiscken Richtung in den Kommissionen unter Umständen sogar in ber Mehrheit waren, haben sich die sezessionistiscken Lokalvereine ohne Angabe von Gründen nicht beteiligt, sie haben die Beteiligung abgelehut, nicht weil sie fürchteten, ihre Kunstrichtung nicht vertreten zu können, sondern weil ihre Forderung, einen eigenen Raum und eine eigene Jury zu bekommen, nickt erfüllt ist. Wohin soll eS kommen, wenn sick außer der sezessionistiscken Richtung noch andere Richtungen bilden? Sollen wir denn wirklich auf einer Weltausstellung, in vier ober fünf Richtungen geteilt unsere Kunst Darstellen? Wir können cs nur begrüßen, daß wir so viele Zentren der Kunst in Deutschland haben. Jeder darf in künstlerischen Fragen eine eigene Meinung haben. Wenn aber die oberste Spitze des Staates eine eigene Meinung zum Ausdruck bringt, bann wird sie zum Gegenstand der lebhaftesten Beschwerde. Eine ganz andere Frage ist es, ob diese Meinung etwa in einer Weise zum Ausdruck gebracht wird, die staatsrechtlich bedenkich ist ober andere gesetzgeberische Faktoren schädigt. Das ist nicht der Fall. Unsere erste Kommission, bie wir berufen haben, war ja zunächst nicht eine fest gebildete Kommission, sondern nur ein gutachtliches Kollegium, wie es im Reichsamt des Innern alle Augenblicke einberufen wird.
Abg. von Kardorff (Rp.): Es steht fe)t, daß alle Parteien Die


