suchungen ansteMen, ergab sich daS Vorhandensein von tausenden oon Fällen. Hätte man damals unserer Resolution, die Wurm- krankhcit mir Reichsmitteln Zu bekämpfen, Zugestimmt, so hätte schon sehr viel geschehen können. Die jetzige Behandlung der Wurmkranken ist' eine wahre Pferdekur. Lin Bergmann hat die Kur schon fünfmal durchmachen müssen und soll sich ihr seht zum sechsten Male unterziehen. Will er nicht, dann ist ihm sein Brod genommen, heim eS gilt die Parole: Wer sich nicht fügt, der fliegt All- bisherigen Mittel haben nichts genützt. Das; bisher nicht mehr geschehen ist, ist allein die Schuld der Regierung. Herr ?lbg. Mug- dan hätte bei seinen Kollegen für die Einführung der freien Acrzte wähl bei den Knappschaftskassen wirken sollen. Herr Geheimrat Meißner bat gesagt, daS Nullen käine nicht häufig vor. Aber auch das ist schon schlimm genug. WaS lvürden Sie sagen, lieber Herr RegierungSrat, wenn inan Ihnen sagte: Streichen wir Ihnen mal einen halben Tag ab. (Heiterkeit.) Die Zahl der Unfälle hat nicht nur scheinbar, wie der Geheimrat Meißner meinte, sondern tatsächlim bedeutend zugenommen. ES ist daher eine durch Hinzuziehung von Arbeitern verbesserte Arbeitcrinspcktion nötig. Wenn Bergleute sich mit Beschwerden an die Verwaltung wandten, dann wurden sie abgewiesen mit dem Hinweise, cS sei daS Recht der Verwaltung, so zu verfahren. Ja, Herr RegierungSrat, kümmern Sie sich nur einmal um diese Sachen und nehmen ^-ie sich diese Herren unter die Lupe. Wir werden bei Gelegenheit der Beratung des Etats des ReichtSamtS des Innern auf diese Klagen zuriickkommcii.
Präsident Graf Ballestrem: Ich bitte Sie, keine Privatgespräche mit dem Herrn Regierungskomnnssar zu führen. (Große Heiterkeit.)
Abg. Sachse (fortfahrend): Die Frauen dürfen im Bergbau überhaupt nicht mehr beschäftigt werden. Sie werden zu Arbeiten herangezogen, zu denen sich der weibliche Körper durchaus nicht eignet. Redner geht dann noch auf angebliche Mißstände in Bergwerken ein und behauptet u. a., in manchen Bergwerken bekämen die Arbeiter Wasser zu trinken, das so schmutzig wäre, daß lein Pferd es saufen könne. Wenn die Parteien zeigen wollten, daß eS ihnen ernst sei mit der Sorge sirr daS Wohl der Arbeiter, dann müßten sie den Antrag Auer annebmen.
G' Posndowsky: Der Vor. V.er hat der Re- 'L'rung vor... irorsen, daß sie ihre Pflicht nicht erfüllt haue. Was oas Reich tun konnte, bestand darin, vom Reichsgesundheitsamte
die Natur der Krankheit ergründen zu lassen. Gelingt uns das und gelingt es uns. wirksame Präventivmaßregeln zu finden, dann kann man allerdings feste Grundsätze aufbaucn und die verbündeten Regierungen ermahnen, sich daran zu halten. Man kann bei solchen Gefahren nicht sagen, cs muß irgend etwa? geschehen. Blinder Eifer schadet nur. Man muh vielmehr wissen, was das richtige ist. Die Erklärungen, die ich heute abgegeben habe, habe ich nur unter einer gewissen Reserve abgegeben. .Die Untcrsuchun- gen sind noch nicht abgeschlossen. Aber das scheint jetzt schon erwiesen zu sein, daß Desinfektion auf die Larven des Wurms so gut wie gar keinen Einfluß haben.
Die Larve ist hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen und die Untersuchungen im ReichSgcsundheitSamt haben [chon den Er folg gehabt, daß eine große AnZahl Desinfektionsmittel, die man bisher für wirksam gehalten hat, auf die Natur der Larven überhaupt keinen Einfluß ausübcu. Das Ncichsgesuudheitsamt kommt in seinem Votum fetzt schon zu dem Schluß, daß kein Desinfektionsmittel gegen die Wurmkrankhcit gefunden wird, welches ohne Schädigung der Arbeiter angetvenbet werden könnte und daß es das beste wäre, die Gruben möglichst trocken und die Temperatur möglichst niedrig zu halten sowie auf eine strenge Kontrolle des einzelnen Arbeiters zu achten. Wir erleben cs doch ost genug, daß etwas, was Heine die Wissenschaft für falsch halt, sich später als richtig ergibt und umgekehrt. Wir habeu aber int Neichsgesuuheits- amte in der Erkenntnis der Krankheit erhebliche Fortschritte gemacht.
DaS Neichsgcsundheitsamt hat ferner noch die außerordentliche Widerstandsfähigkeit der Larven gegen äußere Einflüsse fest- gestellt: sic bleiben selbst bei sehr hohen und sehr niedrigen Temperaturen geschlechtsreif. Ich glanbc, wir können zur Zeit nichts weiter veranlassen, als die Mittel, die bereits angewandt sind, und abwartcn, ob die wissenschaftliche Forschung noch wirksamere findet. (Beifall.)
Geheimrat Renß nimmt die preußische Regicruug gegen die Vorwürfe dcö 911)g. Sachse in Schutz. Sie habe zur Be-
kämpfung der Wurmkraukheit durchaus alles gctau, was überhaupt in ihren Kräften gestanden. Ebenso sei cs
unrichtig, daß für die Erkrankten nicht genügend gesorgt werde. Im Gegenteil, man sei noa> über die durch das Kraulcu- versicherüngSgesetz aufcrlcgtcu Vcrpflichtuugcn hinauSgegaugen. Redner verliest aus dem Sauitätsbcricht deS Allg. Knappschafts
vereins eine Statistik über die Erkrankungen und die Zahl der erfolglosen und der erfolgreichen Behandlungen.
Abg. Sachse (Soz.) meint, wenn jetzt festgesiellt sei, daß der Wurm durch die Haut cindringc, so sei es um so inehr geboten, an schleunige Maßregeln zu denken. Ein Bergdirektor im Aachener Revier habe selber gesagt, daß dort bereits seit 1880 Wurm- erkranlungeu bekannt'seieu. (Hörti)
Was die Zahlen des Geheimrats Neuß anlange, so lautete der ursprüngliche Bericht des Sanitätsrats Tenholt ganz anders; Tenholt habe festgestellt, daß circa ein Drittel Erkrankungen nicht geheilt seien. (Hört! Hört!). Diesen Passus enthält der vom Geheimrat Renß verlesene Bericht nicht.
Der ursprüngliche Bericht ist dann dem allgemeinen Knapp» schaftsvercin vorgclcgt worden. In der Generalversammlung stellte nun Bergdirektor Littgen den Antrag, daß der betr. Passus aus dem Bericht herausgelassen werden sollte. «Lebhaftes hört! hört!) Die Arbeitcrvertretcr stimmten sämtlich dagegen. Jetzt sehen wir aus der heutigen Verlesung, daß der betreffende Passus tatsächlich fortgclassen ist (hört, hört !), daß also eine Fälschung begangen ist und man die Regierung hiutcrö Licht geführt hat. (Lebhaftes Hört, hört! und Ilnruye).
Nach einem längeren Disput zwischen den Abgg. Bur läge (Ztr.) und Sachse (Soz.) über die Frage, ob der letztere einen angeblich tvidcrlcgtcn Vorwurf gegen den Abg. Hitze heute wiederholt habe oder nicht, wird die Resolution Stötzel ein- stimmig a n g e n o in in c n.
Der Antrag, die Resolution Auer zur Berücksichti« g u u g zu überweisen, wird gegen die Siiminen der Sozial- demolratcn. Freisinnigen, Antisemiten nnd Polen ab gelehnt und die R c s o l u t i o n nach dem Anträge Spahn dem Reichskanzler als Material ü b e r w i e s e n.
Darauf vertagt sich das Haus.
Nächste Sitzuug: Dienstag 1 Uhr. (Resolutionen betr. Invalidenversicherung der Handwerker und Befähigung s n a ch w e i S.
Schluß 7 Uhr.
Das
im neuen hessischen Staalshausöaltsekat.
Im neuen Etat 1905 nimmt naturgemäß die Fürsorge für Scbulc und Jugenderziehung einen sehr breiten Raum ein. Das B o l ks s ch u l w e s e n ist, darüber kann kein Zweifel ebstehn, von allen Bundesstaaten bei uns in Hessen am weitesten und liLer alsten a u s g e b i l - bet, ganz besonders gegenüber Preußen, wo der neue Schulantrag wieder auf einen Zustand ^urücfgreifen will, den man in Hessen schon vor langen Jahren als unhaltbar erkannt und i)aniin wieder verlassen hat. Wir haben erst vor wenigen Wochru bei der Besprechung des Antrags auf Uebcrnahme sämtlicher Bvlksschullasten auf den Staat die Summen naher anfgesührt, die unser Volks- schulwesen im allgemeinen erfordert, hier möge an der Hand des neuen Etatsentwurss aus die Ausgaben^ des Staates dafür spezielleres bemerkt werden. Ter Staat wird nach Maßgabe des Gesetzes vom 2. Januar 1901 im neuen Jahr an T i en st zul ag en f ür bi c Volksschullehrer 1 680 000 Marl zu zahlen haben, 33 000 Mark mehr als im Vorjahr. Für oas Etatsjahr 1901 02 betrug die Summe 1526 828 Mk., für 1902 03 1568 711 Mk., für 1903/04 1 607 714 Mk. und für 1904 05 1 647 000 Mk., sie ist also durchschnittlich um 40 000 Mt. pro Jahr gestiegen.
An Zulagen für Schullehrer, Schulverwalter usw. au besonders ungünstig gelegenen Orten sind auch diesmal wieder 10 000- Mark eingestellt, an Vergütung für Katecheten 12 000 Mk. Dagegen sind für Vergütung der bei vorübergehender Tienstunfälngkeit erforderlichen Vertreter usw. bet militärischen Hebungen usw. nur 50 000 Mk. gegen 70 000 Mk. im Vorjahr in den Etat eingestellt morden, weil die hierfür benötigte Summe ungefähr 60 000 Mk. im Jahr beträgt. Für Zuschüsse an bedürftige Gemeinden zur Aufbringung der Lehrergehalte werden 241000 Mk. gefordert wie int Vorjahr. Der Etat gibt leider keine Aufklärung über die nähere Verteilung dieser Summen. Man vermutet aber wohl nicht mit Unrecht, daß der Betrag von nahezu einer Viertelmillion gerade an solche Kreise abgegeben wird, deren Vertreter in der Kammer die Ueber- nahme aller Volksschullaßen aus den Staat befürworten. Zur Unterstützung bedürftiger Gemeinden bei Ausbringung der Kosten des Fvrtbildungsschulunterrichts sind wiederum 32000 Mark, zur Abhaltung von Unt^rrichtskursen für Handarbeitslehrerinnen 4000 Mark ausgeworsen, während für die Unterstützung von (Gemeinden bei Schulhausbauten diesmal 80 000 Mark gegen 60000 Mark int Vorjahr angesetzt sind. Von der letzteren Summe erhielten die Gemeinden Altenhain und Sichenhausen im Kreise Schotten je 6000 Mark, Erbach, Mörfelden und Unter-Altsteinach je 5000 Mark, sowie eine Reihe anderer Gemeinden Beträge von 1000—3000 Mark. Für Turnunterricht sind, wie im Vorjahr, 7800 Mk., für Zeichenunterricht 7000 anstatt 4000 Mark im Vorjahre angcsetzt, um die Zeichenlehrer schneller als bisher in die neue Zeichenmethode einznführen. Tie Taubstummenanstalt zu F r i e d b e r g mit 51 Zöglingen erfordert 31045 Mk. Zuschuß, die Taubstummenanstalt zu Bensheim mit 75 Zöglingen 33125 Mk., und die Blindenanstalt ju Friedberg mit 33 Zöglingen 19 293 Mark. Im übrigen bleibt noch zu erwähnen, daß im Etat auch gmei neue Kreisschutiuspektoren verlangt werden (21 statt 19), und zwar für Darmstadt mit 335 Schulklassen und für Offenbach mit 388 Schulklassen. Für die Volksschulen im Kreise Mainz mit jetzt 349 Schulklassen wurde bereits 1902 ein zweiter Kreisschulinspektor bewilligt.
Einen sehr umfangreichen Abschnitt bildet ferner Kap. 38 betr. Gymnasien, Realgymnasien, Oberreal- und Realschulen, sowie pädagogische Seminarien. $?ier ist die Einnahme auf 1313 413 Mk., die Ausgabe auf 2 207 031 Mk. festgesetzt, sodaß ein Zuschuß von 893 618 Mt. erforderlich ist, 19 8'97 Mark mehr als im Vorjahr. Ter Zuschuß würde noch höher sein, wenn nicht der aus dem Mainzer Universitätsfonds zu den Kosten der beiden Mainzer Gymnasien zu leistende Zuschuß sich infolge Besserung der Verhältnisse des Fonds um 15 000 Mk. höher und der Zuschuß der Stadt Worms um 3420 Mark höher geworden wäre. Im neuen Etat sind infolge notwendiger Klassenerweiterungen 12 neue Stel - len " für Oberlehrer und zwei für seminaristisch g e b i lb e t r Lcbrcr vorgeschn; die Gehaltszulagen für Oberlehrer und seminaristisch gebildete Lehrer erfordern 35600 Mark mehr. Es werden 1905 an den 26 Gymnasien, Realgymnasien, Oberreal- und Realschulen des Landes im Ganzen 175 Lehre'', darunter 346 Oberlehrer, 72 seminaristisch gebildete, 6 technische und ca. 50 provisorische Lehrer tätig sein. Von den neuen Kräften erhält Friedberg 2 Oberlehrer und l seminaristisch beiden Mainzer Gymnasi n je cil' ir Ob 'l h-'c" .^ntt der
b'sher pr>" i'0"'stst . c 'm und Realsthule zu Worms 1 Oberlehrer, Realgymnasium zu Darmstadt 1 Oberlehrer, Oberrealschulc zu Osfeilbach 3 Oberlehrer «wenn die Stadtgemeinde drei neue Klasscnräume zur Verfügung stellt) Realschule zu Gießen 2 Oberlehrer und Realgymnasium unb Obcrrealschule zu Mainz 2 Oberlehrer. Eine Anmerkung im Etat weist ausdrücklich darauf hin, daß alle neuen Stellen als definitive in Zugang kommen und sich dadurch das Verhältnis der provisorischen akademischen Lehrer zur Zahl der Oberlehrer verbessert; da's Verhältnis sinkt von 13,3 Prozent in den Vorjahren auf 12,2 Prozent im neuen Etat.
Tie Gesamtausgabe an Elehalten für die Oberlehrer betrug im Jahre 1904 für 334 Stellen 397 600 Mk., für 1905 sind in den Voranschlag eingestellt für 346 Stellen 1470 200 Mark, für die 72 seminaristisch gebildeten Lehrer 196 300 Mark.
An staatlichen Zuschüssen erfordern nach dem neuen Etat: Ludwig Georgs-Gyinnasium Tarmsladt 87 300 Mark, Neues Gymnasium /Darmstadt 55 385 Mark, Gymnasium zu Bensheim 27 070 Mk., Gymnasium zu Offenbach 48 595 Mk., Gymnasium zu Gießen 47 700 Mk. Gymnasium zu Büdingen 34 495 Mk., Augustiiierschule (Gym- nasiuni und Realschule) zu'Friedbcrg 55010 Mk., Gymnasium zuLauba ch 22 267 Mk., Ostergymnasium zu Mainz 21 360 Mk., Herbstgymuasium zu R^ainz 20110 Mk. (weniger gegen 1904: 4980 Mk.), Gymnasium uiid Oberrealschute zu Worms 50 662 Mk., Realgymnasium zu Darmstadt 36 891 Mark, Oberrealschule zu Darmstadt 40 473 Mk., Oberrealschule zu Osfciibach 27 786 Mk., Realgymnasium und Realschule zu Gießen 38873 Mk., Realgymnasium, Oberrealschule und höhere Handelsschule zil Maiilz 12 221 Mart, Realschule zu Gernsheim 19995 Mk., Real- und Land- wirtschastsschule zu 0)roß-Umstadt 32 840 Mk., Realschule zu .Heppeiiheim 24 655 Mk., Realschule und Progymnasium zu Michelstadt 32165 Mk., Realschiile zu Wimpseii 21 020 Mark, Realschule zu Alsfeld 18 033 Mk., Realschule zu Butzbach 17002 Mk., Realschule und Progymnasium zu Alzey 19 120 Mk., Realschule und Progymilasium zu Gingen 30 075 Mk., Realschiile zu Oppenheim 23 515 Mark.
Das Kap. 39, Höhere Bürgerschulen erfordert einen Staatszuschuß von 76 050 Mk., d. i. 7030 Mk. mehr als im Vorjahr. Es sind im Großherzogtuin 35 höhere Bürgerschulen mit 2119 Schülern vorhanden, die 40 akademisch gebildete, 29 seminaristisch gebildete Lehrer und 18 Lehrerinnen ausweiseu. Neu gebildet werdest 1905 je eine höhere Bürgerschule (Mädchenschule) zu Bad- Nauheim, Büdimgen, Friedberg unb Bin gen.
Für die S ch u l l e h r e r s e m i n a r i e ii und Präpa- randen-Aii st alten sind 246 976 Mk. Zuschuß erforderlich. Darunter für "das Schullehrerseminar zu Friedberg 56 785 Mk., für daS zii Benshemi 44 957 Mk. unb für bas zu Alzey 50 645 Mk., bas Lehreriuncnsemüiar zu Darmstabt 40 775 Mk., bie Lehrer-Präparaubenaustalten zil Linbenfels, Lich unb - Wöllstein 34567 Mark.
ValilMe TiMsschmi.
Der oldenburgische Minister Ruhstrat
hat bei seiner Veriiehmung im Schwepnert-Prozeß bekanntlich die Ansicht vertreten, daß Pokern nicht zu den Hazard- f Vielen zähle, und auch das Landgericht in Oldenburg hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß Pokern kein Glücksspiel sei. Demgegenüber erinnert die in dem oldenburgischen Städtchen Brake erscheinende Zeitung daran, daß vor einigen Jahren mehrere dortige Wirte mit einer hohen Geldstrafe belegt und ihre Lokale längere Zeit einer strengen polizeilichen Uebcrwachung unterzogen wurden, weil sie in ihren Lokalen das als Glücksspiel bezeichnete Pokern geduldet haben. Nach der Auffassung des Oldenburger Landgerichts würden nun die Wirte von Brake seinerzeit die Strafgelder zu Unrecht bezahlt haben. Das genannte Blatt gibt ihnen deshalb anheim, sich mit einem Gesuch um Rückzahlung der Gelder an den Iustizminister zu wenden.
„Hei pokert noch?"
In ber „Verl. Zig." fanden wir folgende kleine Satire unter Aufschrift: Re -- itanbo ab libitum.
Es lies ein Minister zum Staatsanwalt, zum Rechtsanwalt, zur Strafkammer, zum Reichsgericht
Und d'nimzierie einen Redakteur wegen unwahrer Behauvtuugen, Veleidigung m, Frechheiten, Unverschämtheiten, Verleumdungen.
Ta nahm das Gericht einen Voruntcrsuchungsbeschiluß, eine Anklageschrift, einen Eröfsnungsbeschluß, einen Haftbefehl
Und ioerrte bei* Angeklagten ein bei Mattenslechten, Eirtzielmng der geistigen Nahrung, warmer Erbsensuppe, kalter Erbsen- suppe, Brot und Wasser und anderen Nalwuugsmitteln.
Ta kamen alle Spatzen, Rechtsanwälte, Neichstagsabgeordneten, Landtagsabgeordneten, Reporter. Jonrnalisten, Redakteure, Verleger
Und setzten dem Minister einen Leichenstein, ein Mauscholenn eine Temp.' nssl i7st, einen Leitartikel ein Gedenkimal;
Daraus stand gesunieben, gcsckrricen, geheult, gepfiffen:
Hei pokert noch, hei pokert noch und läßt sich niemals bläffen.' Oldenburgische Konjugation:
Ich pokere. Du jeust. Er hazardiert. Wir tempeln, Ihr knobelt. Sie mauscheln.
vevinlfchte«.
"Der Kaiser und die Volksbäder. Admiral Hollmann, dem Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Volksbäder angehörig, hat Gelegenheit gefunden, dem Kaiser von der Tätigkeit der Gesellschaft mündlich Mitteilung zu machen, und alsdann die bisher erschienenen beiden Bände der Veröffentlichungen Seiner Majestät überreichen lassen. Hierauf ist folgendes Anschreiben erfolgt:
„Euerer Exzellenz beehre ich mich auf das gefällige Schreiben vom 10. d. Mts. ganz ergebend mitzuteilen, daß ich nicht unterlassen habe, S. M. dem Kaiser und Könige die übersandten Ver- öffciiHidninnen der Deutschen Gesellschaft für Volksbäder vorzulegen. Allerhöchst dieselben haben die Bücher gern entgegen- gcroimnen und lassen Euerer Exzellenz für die Ueberreichung vielmals danken. Seine Majestät geruhten habet mit lebhaftem Interesse und herzlicher Freude von der ersprießlichen Tätigkeit des Vereins während der ersten fünf Jahre seines Bestehens Kenntnis zu nehmen unb wünschen der Gesellschaft auch fernerhin ein erfolgreiches Wirken auf diesem wichtigen Gebiete bet Volkswohlfahrtspflege. gez. Lncanus."
Diese Mitteilung entnehmen wir der jüngsten Veröffentlichung her Deutschen Gesellschaft für VolkSbäber.
* lieber hie GeburtS- unb Heiratsziffer her preußischen Großstäbte enthält hie „Statist. Storr/ eine hie 26 Jahre von 1875 bis 1900 umfassende Zusammenstellung, ans der heroorgeht, daß die allgemeine Geburtsziffer in den Städten mit mehr als 100000 Einwohner verhältnismäßig niedrig und im Sinken begriffen ist. DieHeirats- ziffer dagegen ist in den Großstädten verhältnismäßig hoch und zeigt nur eine sehr geringe Abnahme ober sogar eine Zunahme. Die „Statist. Korr." glaubt, daß hie Entwickelung, bie bie Bevölkerung in bett Großstädten genommen hat, mehr ober weniger für bie Zukunft ber Gesamtbeoölke- rung maßgebenh sein wirb, so haß wir also mit einem Sinken ber allgemeinen Geburtsziffer zn rechnen Hätten. Die Höchste Geburtsziffer Haben unter ben Großstäbten hie bes rheinisch-westfälischen Inbustriebezirks, nämlich im Durchschnitt ber 26 Jahre Essen 47,7 auf 1000 ßebenbe, Dortmunb 47,3 unb Düsselborf 41,7. Dagegen war gerade in Berlin die Heiratsziffer im 26jährigen Mittel am größten, nämlich mit 21,9 aus 1000 Lebende. Am geringsten war sie unter den Großstädten in Kiel mit 16,3. Die stärkste Abnahme in hem 26jährigen Zeitraum zeigen Berlin (1875-80 44,9, 1896-1900 28,9), Eharlottenburg (40,0 unb 31,6) und Krefeld (46,4 und 30,0). Berlin steht im letzten Jahrfünft an unterster Stelle.
* Ein Wunderdoktor nach der Art des Schäfers Ast treibt jetzt auf dem Eichsfelde sein Wesen. Aus aller Herren Ländern pilgern hie Leute, reich und arm, vornehm unb gering, nach hem kleinen, an her Bahn Halle— Kassel liegenhen Dörfchen Kirchganhern, wo her neue Doktor Eisenbart sie nach seiner Art kuriert. Der weife Mann heißt Ausmeier, ist von Beruf Tischler, hat aber schon seit niehreren Jahren hieses Gewerbe an ben Nagel gehängt. Schon sein Vater war als heilkunhiger Mann bekannt gewesen; seit seinem Tobe führt ber Sohn bas „Geschäft" mit noch viel größerem Erfolge weiter. Der Zndrang ist so groß, baß jetzt allein aus diesem Grunde ein regelmäßiger OmnibuS- verkehr zwischen Kirchgandern unb der nächsten Eisenbahnstation Arenshausen eingerichtet inorhcn ist, durch welchen täglich 50 bis 80 Fremde zu dem Wundermann befördert werden. Während her Nadbrucher Ast die Krankheiten aus den Haaren her Patienten erkennen will, läßt sich der Mann von Kirchganhern ben Harn schicken. Die Zusammensetzung her von ihm verkauften Arzneien ist „Familiengeheimnis". Schaben sollen sie noch nicht angerichtet haben. Schon heute ist „Dr. 9lusnieier" ein wohlhabenber Mann; vielleicht wird, so meint bie „Weserztg.", auch er noch einmal Rittergutsbesitzer unb Mitglied der Ritterschaft, wie sein nord- hannoverscher Kollege-


