Nr. 293
Dienstag, 13. Dezember 1904
154. Jahrg.
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.
Pariametttarische Berhanvlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
110. Sitzung vom 12. Dezember.
1 Uhr. Das Haus ist s ch w a ch besetzt.
Am Bundesratstische: Graf Posadowsky u. a.
Auf der Tagesordnung stehen zunächst Resolutionen betr. das B e r g r e ch r.
Die Abgg. Stützet (Ztr.) und Gen. beantragen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, 1. dem Reichstage tunlichst bald einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen das Bergrecht einheitlich für das Reich geregelt wird;
2 in der Gewerbeordnung Bestimmungen vorzusehcn, welche den Bergarbeit"rn einen der Eigenart des Betriebes entsprechenden und umfassenden Schutz gewähren;
3 . scstarr mit den beteiligten Einzelregierungen Verhandlungen zum Zwecke wirksamerer Bekämpfung der Wurmkrankheit einzuleitcn.
Die Abgg. Auer (Soz.) und Gen. verlangen ein Reichs- berggeseh, durch welches insbesondere vorgeschrieben wird:
1. Eintübrung einer täglichen, regelmäßigen Schichtzeit von längstens acht, und in Betrieben, in welchen die Temperatur 23 Grad Celsius übersteigt, von längstens sechs Stunden,
2. obligatorische Teilnahme an der Ueberwachung der für die Betriebe erlassenen Schutzvorschriften durch Arbeiter, die von den Belegschaften in allgemeiner, gleicher und geheimer Wahl ge- Wähtt und,
3 Verbot der Frauenarbeit in den der Berginspektion unterstellten Betrieben,
4. einheitliche Regelung des Knappschaftswesens.
Abg. Dr Spahn lZtr.) beantragt, die Resolution Auer dem Reicbskanzl-'r al? Material zu überweisen.
Abg. Dr. Burckhardt (wirtsch. Vgg.l: Auch meine Freunde wünschen ein Reichsberggesetz. Vor allen: soll dafür gesorgt werden, daß die Ansprüche der Bergarbeiter an die Knappschaftskassen besser fundiert werden, daß sic ihre Rechte nicht, wie jetzt, auf Grund des Austrittes aus einer Knappschaft verlustig gehen. Nichts macht die Beraarbeiter unzufriedener und treibt sie mehr der Sozialdemokratie in die Arme, als dieser Umstand. Auch für die übrigen Forderungen d<s sozialdemokratischen Antrags treten wir ein: für das Verbot der Frauenarbeit, den Marimalarbeitstag,„ die Teilnahme der Arbeiter an der Revision. Eine bessere Inspektion ist unbedingt notwendig, da die Zahl der Unfälle in der letzten Zeit sich erheblich vermehrt bat. Auch mit der Einführung der geheimen Wahl föniiicn wir uns einverstanden erklären, wenngleich sie auch bedenkliche Erscheinungen mit sich bringt. Indessen, die Regierung dürfte dieser Forderung nicht zustimmen, und wir müssen doch mit der Negierung zusainmengehen. Es ist daher Wohl überhaupt das beste, wenn wir. dem Zentrumsantrag entsprechend, die garnc Resolution der Regierung als Material überwiesen. Ms Maßregel gegen die Stilllegung der Zechen würde ich emvfehlen, daß man nach Analogie des französischen Berggesetzes die nicht ausgebeuteten Gruben gehörig besteuert. Hieraus würden dem Reich auch erhöhte Einnahmen zufließen. Es ist Zeit, daß die Gesetzgebung den Wünschen der Arbeiter entgegenkommt. Früher war das ganre rheinisch-westfälische Bwgrevier durch bürgerliche Abgeordnete vertreten: jetzt sendet es bereits zwei Sozialdemokraten in den Reichstag. Das sollte der Regierung eine Mahnung sein.
Abg. Korfantp (Pole): Auch die Wünsche meiner Freunde bewegen sieb in de«- Richtung des Antrags Auer. Vor allein liegt uns der Maximalaröeitstag am Herzen. Die Arbeit des Bergmanns ist eine so schwierige, so gefahrdrohende, so schädliche für die Gesundheit, daß wir nichts Dringenderes zu tun haben, als seine Arbeitszeit zu verkürzen. Die Zahl der Unfälle in den Gruben ist in den letzten Jahren beständig gestiegen. (Redner verliest einige Zahlen, die diese Behauvtung illustrieren sollen.)
Die Forderung nach Verbot der Frauenarbeit bedarf keiner besonderen Begründung, wenigstens ftir uns Oberschlesier nicht. Oberschlesien ist das klassische Land der Frauenarbeit. Die Frauen arbeiten für 1 Mk und 90 Pf. den Tag. (Hörti hört!) Diesen zum Himmel schreienden Zuständen muß ein Ende gemacht werden. Oberschlesien ist auch das Land, wo die jugendlichen Arbeiter unter 17 Jahren unter Tage beschäftigt werden. Das muß grundsätzlich verboten werden. Auch müßte dasiir gesorgt werden, daß die Aufsichtsbeamten unter allen Umständen der polnischen Sprache mach- tig und Ihre Anordnungen werden jetzt von den oberichleitzchen Bergleuten oft nicht verstanden, ebenso verstehen diese oft nicht die Wünsch-' der Arbeiter. Was das bei einem ]o gefährlichen Betrieb zu bedeuten hat ist wohl ohne weiteres klar^ Des weitern würde es sich empfehlen, Schiedsgerichte für die Knappschaftskassen em- zurichten die bei Streitigkeiten über Ansprüche zu entscheiden haben. Die Wahl der Knappschaftsältesten muß geheim sein Notwendig ist es, daß alle Vorschriften und Instruktionen für den Bergbau in polnischer Sprache angeschlagen werden. In erncr Frage, wo es sich um Leben und Tod handelt, darf man nicht au» politischen Gründen den Erlaß von Vorschriften in polnischer Sprache verbieten. Diese Polit'-k, wie ste -der Reichskanzler betreibt, t]t verdammenswert. . .
Abg. Dr. Paasche (nl.): Der Resolution «totzel können wir zustimmen. Es handelt sich dabei um eine alte liberale Forderung. Unser hochverdienter, leider verstorbener Freund Hammacher, hat mehr als einmal den Erlaß eines einhcitlick-en Berggesetzes «ordert. Man wird trotz aller Schwierigkeiten zu einem solchen Gesetz kommen müssen. Allerdings wird sich ein einheitliches Bergrecht nicht auf alle Punkte erstrecken können, sondern man wird sich da zunächst auf eine einheitliche Regelung der materiell rechtlichen Frage beschränken müssen. Die Sitten und Gewohnheiten unseres Volkes sind so verschieden, daß eine einheitliche Regelung dem einen vielleicht nicht weit genug geht, während sie dem andern übermäßige Härten auferlegen würde. Für die zweite Forderung der Resolu- tion Stötzcl, in der Gewerbeordnung Bestimmungen vorzusehen, welche den Bergarbeitern einen der Eigenart des Betriebes entsprechenden umfangreichen Schutz gewähren, werden wir selbst- verständlich unserer ganzen Tradition entsprechend stimmen müssen. Ich kann vieles von dem, was der Vorredner gesagt hat, unterschreiben, eine Uebertreibung aber ist es, wenn behauptet wird, daß Frauen 14 Stunden unter der Erde beschäftigt werden. (Zuruf: Neber der Erde!) Nein, speziell im Rheinland und Westfalen haben wir derartige Zustände überhaupt nicht. Auch das muß ich bestreiten, daß, wie behauptet worden ist, ein nationalliberaler Abgeordneter wahre Loblieder auf die Frauenarbeit gesungen hat. Sie kennen ja unsere Stellung zu der Frauenfrage. Wir haben immer erklärt, daß die Frau ins Haus gehört, daß sie den Kindern erhalten werden soll zur Erziehung einer kräftigen, gesunden Nation, und daß die Arbeit dec Frauen nach Möglichkeit eingeschränkt werden muß. Aber andererseits darf mau doch nicht übersehen, daß viele Frauen des Ernährers beraut sind und. um ihre Existenz
zu sichern, zur gewerblichen Arbeit gezwungen werden. Gewiß wäre es erwünscht, die Frauen überhaupt aus dem Bergbaubetriebe auszuscheiden. Aber ich erinnere daran, daß aus den Berichten der Fabrikinspekroren hervorgeht, daß die in oberschlesischen Kohlenwcrken tätigen Frauen zum größten Teil solche sind, die keinen Ernährer mehr haben. Es lind Witwen oder geschiedene Frauen oder solche, die vorübergehend des Ernährers entbehren. Man darf also nicht einfach durch das Gesetz erklären, daß Frauen unter keinen Umstanden beschäftigt werden dürfen. Daß man den hygienischen Anforderungen entsprechend die Arbeitszeit beschränkt, halte ich für selbstverständlich. Das ist notwendig zur Erhaltung und Gesundung des Volkes. Die mit Recht hervorgehobenc Unsicherheit der Knappschaftslassen sollte man sobald als möglich beseitigen. Ob das auf dein Wege der Reichsgesetzgebung möglich ist, lasse ich unerörtert. Wenn wir das Knappschaftswesen zum Segen der Bergarbeiter erhalten wollen, dann muß eine Freizügigkeit innerhalb der Knappschaftskassen möglich sein. Wie das im einzelnen zu geschehen hat will ich hier nicht weiter ausführen.
Ich resümiere mich dahin, wir müssen versuchen, auf diesem Gebiete die Schäden zu beseitigen. Wir müssen versuchen, soweit wie möglich auf dem Wege einheitlicher Reichsgesetzgebung vorzugehen. Wir werden aber nicht umhin können, auch polizeiliche Bestimmungen zu erlassen. Auch den Gewerbeinspektoren muß Raum zur Betätigung übrig bleiben. Wir sollen nicht weiter gehen als cs notwendig ist und nur dic^ Bestimmungen treffen, die , zur Beseitigung der vorhandenen Schäden erforderlich sind, nicht aber ein Gesetz schaffen, das vielleicht mehr Schaden als Nutzen an- richtet. (Betfall.)
Abg. Stöüel 'Str.) begründet seinen Antrag und beklagt die großkapitalistische Entwickelung des Bergwerksbetriebes. , Wenn sie so weiter ginge, dann würde sich sehr bald der ganze rheinisch-westfälische Bergbau in den Händen ganz weniger Leute befinden, was gewiß nicht im sozialpolitischen Interesse läge. Vor allem müsse die Arbeitszeit verkürzt werden. Acht Stunden lang, tätig, unter der Erde bei 20 Grad Neaumur angestrengt zu arbeiten, sei mit gesundheitlichen Rücksichten unvereinbar. In die Arbeitszeit müssen auch die Ein- und Ausfahrt mit eingerechnet werden. Wenn man bedenke, daß bei der Hibernia z. B. die Gesamtlänge aller Gänge nicht weniger als 140 Kilometer betrage, so könne man sich ein Bild davon machen, wieviel Zeit der Arbeiter oft gebraucht, ehe er zu seiner Arbeitsstätte kommt. Tie ganze Bergwerksentwickelung der letzten Jahrzehnte mit diesen Kuxen neuen Stils und den Aktien bedeute keine zehr glückliche Aenderung. Heute stehe der Arbeiter nicht mehr in direkten Beziehungen zu dem Bergwerkseigner, sondern nur noch zu einem Stück Papier und zu Beamten, die lediglich das Interesse verfolgen, für die Aktionäre möglichst Hobe Dividenden herauszuwirtschaften. Als ganz unzureichend erweise sich jetzt auch das Knavpschaftskassenwesen. ES hätte mit der Entwickelung des Bergbaus nicht Schritt gehalten, die Saluten seien noch immer im wesentlichen dieselben, wie vor zwanzig Jahren. Es sei hohe Zeit, daß hier eine Reform einsetzc.. Die Annahme seines Antrages würde nicht nur den Arbeitern, sondern auch den Arbeitgebern zugute kommen.
Preußischer Gedeimer Bergrat Meißner tritt zunächst der oft hervorgetretenen Anschauung entgegen, als ob die Zahl der Ucber- schichten sich vermeh't habe. Das sei nicht Der Fall. Im ganzen Monat Oktober z. B. sei in allen preußischen Bergwerken nur eine Ucbcrschichl von 1,1 Stunde im Durchschnitt gekommen. Auch die Annahme, daß der Bergmann aus Not UOberschichten mache, treffe nicht zu. Wo sie vorkämen, seien sie nur ein Ersatz für frühere Feierschichten Unberechtigt seien auch die Klagen über übermäßiges Nullen von Wagen. Keine Rede könne davon sein, daß man die Gefährlichkeit des Betriebes dadurch erhöhen würde, daß die berg- polizeilichen Verordnungen nur in deutscher Sprache gedruckt würden. Es würde jedem der deutschen Sprache nickst mächtigen polnischen Arbeiter die Unfallverordnung in polnischer Sprache eingehändigt, aber natürlich nur diesen; denn die meisten polnischen Arbeiter seien de.' deutschen Sprache durchaus kundig. Daß die Zahl der Unfälle 'ich insgesamt etwas gesteigert habe, sei naturgemäß. In jedem Betriebe, auch in landwirtschaftlichen Betrieben, habe sie sich erhöh:, trotz der Anwendung der vermehrten Sicherheitsmaßregeln. Tas rühre einfach daher, daß jetzt jeder, auch der kleinste Unfall angezeigt werde, weil die davon Betroffenen sich die Unfallrente sichern wollten. Von der Einfiihrung der Arbeiter- Inspektoren dürfe man sich keine Abnahme der Unfälle versprechen. Das Beispiel anderer Länder, wo Arbeiter als Inspektoren tätig seien, habe das hinreichend bewiesen.
Abg. Dr. Mngdan ffreif. Volksp.s: Es ist mir nach der Erklärung des Abg. Dr. Svahn am 2. Dezember eigentlich unverständlich, weshalb das Z'ntrum den Antrag Auer nur der Regierung als Material überweisen will. Unsere Freunde werden dem Antrag Auer zustimmen. Der Einwand, den man sonst bei derartigen Arbeiterschutzgesetzen macht: die Konkurrenzgefahr, kann hier nicht gelten; es kommen hier ja nur noch drei andere Staaten in Betracht, und diese haben jene Bestimmungen zum Teil schon selbst. Daß die Schutzbestimmnngen für polnische Arbeiter auch in polnischer Sprache angeschlagen sein müssen, versteht sich von selbst, und liegt gerade auch im Interesse der Deutschen. Ein polnischer Arbeiter, der die Schutzbestimmungen nicht lesen kann, also auch nickst beachtet, gefährdet ja Hunderte von Deutschen. Tas Verbot der Frauenarbeit in Gruben scheint mir durchaus berech- ttgt. Die Kommunen könnten dafür auch pekuniäre Opfer bringen. Sie haben ja auch ein Interesse daran. Denn die Mutter ist für die Erziehung der Kinder, wenigstens für die ersten zehn ober zwölf Lebensjahre, unentbehrlicher, als die Schule. Unverständlich ist es mir, weshalb die Regierung sich gegen die Einrichtung der Arbeiteraufsichtsbeamten sträubt. Tas entlastet sie doch und nimmt ihr einen Teil der Verantwortlichkeit. Ebenso bin ich ein Freund der gesetzlich einzuführenden achtstündigen Schichtzeit. Desgleichen einer sechsstündigen bei höherer Temperatur. Redner, der sehr schwer verständlich ist, da er der Tribüne den Rücken zuwendet, scheint Vorbeugungsmaßregeln gegen die Wurmkrankheit zu verlangen. Er nennt einzelne derselben: z. V. soll dafür gesorgt werden, daß der Bergmann nie seine Hände auf die Stelle legt, auf die er seine Füße setzt. Ein Arbeiter hat eine Leiter erfunden, die besondere Sprossen für die Hände und die Füße hatte. Die Einführung dieser Leiter wurde aber abgelehnt, weil sie zu viel Geld koste. (Hört, hört!) Es ist hohe Zeit, daß die Regierung etwas für die Bergleute tut. Sollen diese denn insgesamt der Sozialdemokratie überantwortet werden? Der Reichstag hat seine Pflicht bereits getan; ec hat die Sache oft behandelt, und man kann aus den stenographischen Berichten feststellen, daß schon jetzt immer wieder dasselbe gesagt wird. Es ist daher kein Wunder, wenn seine Arbeitslust nicht sehr gesteigert wird. Jetzt liegt alles an der Regierung! (Beifall.)
Staatssekretär Graf Posadowsky: Wir haben eingehende und schwierige Untersuchungen über die Entstehung der Wurmkrankheit im Reichsgesundheitsamt angestellt. Man hat festzustellen versucht, wie das Ei Eingang in den menschlichen Körper findet und wie dann
der Wurm sich bild^. Man hatte früher t(e Auffassung, daß die Wurmkrankheit nuÄi den Körper eintreten kann dadurch, daß der Wurm seinen Eingang durch die Muudöffnn" findet. Wir haben nun die überraschende Entdeckung gemacht die Infektion nicht nur durch die Mundöffnung, sondern auch . ;.l) die Haut erfolgt. Wir haben entsprechende Versuche im Reichsgesundheitsamt gemacht und zwar am Affen. Bei diesen Versuchen ist diese Hypothese bestätigt worden. Der betreffende Referent hat selbst durch die Lupe beobachtet, daß der Wurm durch die Haut seinen Eingang findet. (Hört, hört!) Nach dieser überraschenden Entdeckung ist es begreiflich, daß alle die Maßregeln, die man bisher zur Bekämpfung der Wurmkrankheit für so sehr wichtig gebalten hat, recht wenige Erfolge gehabt haben. Der Bergarbeiter, der bei einer so großen Temperatur in Den tiefen Schächten arbeitet, muß sehr leicht bekleidet oder fast unbekleidet sein. Die Gefahr der Infektion durch die Haut ist daher eine sehr große. Wir wollen diese Studien nun fortsetzen, um definitiv festzustellen, ob in der Tat die Infektion bei Menschen auch durch die Haut erfolgt. Hierzu muß man eine große Anzahl von Sektionen madjen. Soweit unsere Untersuchungen reichen, hat sich gezeigt, daß da, wo die Gruben unbedingt trocken sind, eine ungünstige Vorbedingung für die Verbreitung des Wurms vorhanden ist. Ter Weg, den die Maßregeln zu geben haben, führt, soweit man bis jetzt urteilen kann, auf folgende zwei wichtige Punkte: 1. man soll für möglichste Trockenheit der Gruben sorgen; 2. man soll nicht unnütz Zeit und Geld aufwenden auf großartige Desinfektionen, sondern man soll mit der größten Sorgfalt den Parasiten im Wine selbst aufsuchen, man soll also vor allem die Körper der Arbeiter eingehend untersuchen. Ein englischer Arzt hat die inreressantc Feststellung gemacht, daß man die Wurmkrank- bcit, bevor noch äußere Anzeichen für ihr Vorhandensein, auftreten, schon durch Blutuntersnchungen feststellen kann, und daß diese Untersuchungen viel schneller zur Erkenntnis der Krankheit führen, als die vcrwick'lten Untersuchungen der Ernährung.
Sobald die Erhebungen, die das Reichsgesundheitsamt an» stellt, abgeschlossen sein werden, soll dem Reichstag eine eingehende Denkschrift vorgelegt werden. Daß eine genaue Ueberwachung und schnelles Eingreifen gute Wirkungen ausübt, ist aus dem rheinischen Kohlenrevier zu ersehen, wo infolge dieser Ueberwachung die Erkrankungen von 80 auf 33 Prozent der Belegschaft zurückgegangen sind. Wir sehen diese Arbeiten fort, und wir hoffen, auf diesem Wege zu erkennen, welche Mittel ergriffen werden müssen, um die Arbeiter ber Erkrankungen zu schützen, aber auch um die Bergindustrie vor gänzlich unnützen Ausgaben zu bewahren. (Beifall.)
Geh. Oberbergrat Meißner: Ich habe seit zehn Jahren Gelegenheit, im preußischen Handelsministerium die Erfindungen zum Schuh gegen Unfälle zu prüfen. Jedesmal, wenn ein Unfall passiert, dann regt sich ein Heer von Leuten, die uns mit nicht praktisch unbrauchbaren Erfindungen bestürmen. Bei Sprengarbeiten kann schon jeder Schuß eine Gefahr bedeuten. Eine völlige Beseitigung der Gefahren ist nickst möglich. Wir werden nach wie vor jede Erfindung aufs sorgfälttgste prüfen.
Abg. Bömelburg (Soz.) weist auf die Zunahme der Unfalls im Bergbau hin. Tie Ursachen liegen vor allem in dem Streben der Bergwerksbesiher, aus den Knochen der Arbeiter möglichst viel herauszuschlagen, und die Knappschaftsberufsgenossenschaften tun nichts, um Abhilfe zu schaffen. Es fehlt vor allem an einer ausreichenden Kontrolle, die Zahl der Revisionen ist viel zu gering, viele Betriebe werden nur einmal im Jahre revidiert. Soll wirklich Wandel geschaffen werden, dann müßte wenigstens, in jeder größeren Grube ein ständiger Kontrolleur vorhanden sein. Vergessen wir auch nicht, daß das Durchschnittsalter der Bergarbeiter ein sehr geringes ist und daß wir eine hohe Zahl von Berginvaliden aufzuweisen haben! Das spricht dafür, daß endlich wirksame Maßnahmen ergriffen werden müssen. Die Opfer auf dem Schlachtfelde der Industrie sind ungeheuer groß, aber im Bergbau sind sie noch größer. Abhilfe kann-nur durch ein Reichsgesetz geschaffen werden, das die Arbeitszeit regelt und den Besitzern bestimmte Schranken zieht. Ich verweise weiter auf die große Zahl der unständigen Arbeiter im Bergbetrieb, die zwar gegen Krankheit versichert sind, aber nicht der Pensionskasse angehören. Die preußische Regierung ist zwar gewillt, in dieser Beziehung den Arbeitern Konzessionen zu machen, aber , von einer Erhöhung der Witwen- und Waisengelder will sie nichts wissen. Tie Knapp^chaftsältesten haben die Erfüllung dieser Forderung stets hintertrieben, obwohl die, Knappschaftskassen große Kapitalien angesammelt haben. Daß die Invalidenrente auf die Reichsrente angerechnet wird, ist ein fast an Gaunerei grenzendes Verfahren. (Unruhe.) Wenn Sie einmal sehen könnten, wie die Invaliden sich durchs. Leben schlagen müssen, wie sie , oft nicht das Notwendige zum Leben haben, dann würden Sie mit uns sagen, daß Remedur geschaffen werden muß. Nimmt heute ein Knappschaftsältester im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier die Jnter- esien der Arbeiter wahr, dann muß er wie ein gehetztes Wild von einer Grube zur anderen ziehen. Ich nehme an, daß das Haus unseren Anttägen seine Zustimmung erteilt. Tas liegt im Interesse der Arbeiter und im Interesse der Gesamtheit. Die Bergarbeiter sind bisher in ihren Hoffnungen getäuscht; sehen sie sich auch diesmal getäuscht, bann wirb ihre Erregung sich noch steigern. Daß es bisher nicht zum Streit gekommen ist, ist ben Arbeiterführern zu danken. Bis jetzt haben sie die Arbeiter vom Streik abgehalten; ob es ihnen in Zukunft noch möglich sein wird, läßt sich nicht bestimmt sagen. Es besteht die Gefahr, daß eine ähnliche Bewegung wie 1889 Platz greift. Stellen wir die Mißstände endlich ab, damit die Arbeiter nicht zur Selbsthilfe zu schreiten gezwungen sind. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Geh. Bergrat Reuß: Der Vorredner hat das Verfahren, daß auf die Knappschaftsrente die reichsgesetzliche Invalidenrente an- gercchnet wird, als Gaunerei bezeichnet. Ich muh diesen Ausdruck entschieden zurückweisen. Dies Verfahren findet im Gesetz seine Begründung.
Abg. Korfanty (Pole) betont die Notwendigkeit, Verordnungen im Ruhrtohlenrevier auch in polnischer Sprache zu erlassen; die Polen seien nach dem Westen gelockt, und der größte Teil von ihnen sei der deutschen Sprache nicht mächtig.
Präsident Graf Ballestrem teilt mit, daß ein Antrag Kvpsch (freif. Vp.) eingegangen ist, die Resolution Auer dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen.
Abg Sachse (Soz.): ES ist richtig, daß die Anrechnung der Knapvschaftsrente auf die Reichs-Invalidenrente gesetzlich berechtigt ist. Wir haben aus diesem Grunde wiederholt cinc^ Aenderung des Gesetzes verlangt. Unerhört ist es, daß auch der Reichs- zuschnß den Arbeitern angerechnet wird. Das geschieht in den Knappschaftskassen, an denen die staatlichen Bergwerke beteiligt sind. Was die Desinfektion in den Bergwerken betrifft, so mag das Reich die Grubenbarone, wenn sic zu arm sind, die Desinfeklions- mittel zu zahlen, unterstützen. Zuerst, als wir auf das häufige Vorkommen der Wurmkrankheit aufmerksam machteu, sagte man uns, man habe nur 256 Fälle gefunden. Als wir selbst Unter-


