einem großen Garten wahrlich viel heißen will. Musikdirektor Krauße hatte ebenfalls eine sehr hübsche Auswahl in seinem Programm getroffen. Wie denn auch nicht anders zu erwarten war, war der Festplatz vollständig besetzt. Die Jugend unterhielt man durch Sackhüpfen, wofür als Preise riesige Bretzeln in einem großen Korb bereitstanden, und die Erwachsenen vergnügten sich an Verlosungsständen u. dergl. 9(m späten Abend fand ein großes Schlachtentongemälde statt, woran sich die Militärmusik und eine Anzahl von Gewehr- chützen beteiligten. Der Parademarsch und die Kaiserhymne ieß in allen Anwesenden patriotische Begeisterung erklingen. Das festliche Treiben dauerte bei Tanz im Saale noch bis zu später Stunde. Zu erwähnen ist noch, daß der Wirt zum Neuen Saalbau es an nichts hat fehlen lassen, seine überaus zahlreichen Gäste zufriedenzustellen. Bemerkenswert ist auch ein sehr lustiges Vorkommnis, wobei die Kassierer am Eingang zum Garten von einem naiven Jüngling gefragt wurden, wo denn das große „Tongemälde" sei, das auf dem Programm siehe, das er aber nicht habe auffinden können. Der Einfältige mußte natürlich einen furchtbaren Heiterkeitsausbruch über sich ergehen lassen.
Aaynenweihfest des Kießener Kardcvereins.
Gießen, 13. Juni.
Das Fahnenweihfest des Gaidevereins hat am Samstag mit einem großen Kommers begonnen, wozu sich viele Ehrengäste und zwar Se. Exc. Generalleutnant v. Schmidt, Vertreter des Regiments Kaiser Wilhelm, der Bezirkskommandeur Oberstleutnant ö. Merck, Vertreter des Kreisamts, der Bürgermeisterei und viele aktive Offiziere des Regiments Kaiser Wilhelm sowohl, als auch viele Reserve- und Landwehroffiziere und eine sehr große Anzahl Gaste aus vielen Vereinen Gießens und Deputationen von auswärtigen Vereinen eingefunden hatten, sodaß der große Saal des neuen Saalbaues vollständig besetzt war.
In seiner Begrüßungsrede wies der 1. Vorfitzende Grünig darauf hin, daß es sich um ein besonders ehrenvolles Fest für den Gardeverein handele, nämlich um die Weihe einer Fahne, deren Führung dem Verein von Sr. Majestät dem Kaiser verliehen wurde, um eine Fahne mit fliegendem Adler, dem Gardeadler und mit Gardestern. Mit diesem heiligsten Wahrzeichen alter Soldaten wolle man
ihr kein Unwürdiger nahen könne.
Darauf verkündete der Vorsitzende, daß er von den Gardevereinen Essen und Metz, sowie von dem Verein ehemaliger Leibgardehusaren in Berlin beauftragt sei, unter entsprechenden Devisen die von ihnen gesandten Fahnennägel als Band der kameradschaftlichen Beziehungen unlösbar an dem Fahnenfchaft zu befestigen. Ein früherer Angehöriger des Vereins ehemal. Leibgardehusaren in Potsdam, das Mitglied Zahlmeister Hahn, hatte ebenfalls einen derartigen Auftrag von diesem Verein auszuführen, ebenso das Mitglied Ringe! einen solchen des Hassialb'ezirks-Ehren- vorsitzenden Mayer. Darauf wurden noch Fahnennägel unter kurzen Ansprachen, welche sich alle auf oie guten kameradschaftlichen Beziehungen der betr. Vereine mit dem festgebenden Verein bezogen, überreicht: vom Kriegerverein, dem Veteranenverein, der Kriegerkameradschaft, dem Marineverein, dem Artillerieverein, dem Verein ehemaliger Jäger und Schützen, dem Verein ehemaliger Pioniere, sämtlich zu Gießen, von den Gardevereinen Frankfurt a. M., Marburg und Hanau.
Nach kurzen Dankesworten des Vorsitzenden an die Stifter, wobei er im Namen des Vereins wünschte, daß die kameradschaftlichen Beziehungen ferner nicht nur so bleiben, sondern noch enger werden möchten, und nach einem auf die Stifter-Vereine ausgebrachten Hoch übergab Fräulein Kl ein Henn eine kostbare Fahnenschleife im Auftrag der Damen des Gardevereins, dabei in poetischer Weise wünschend, daß die Fahne mit dieser Schleife nur zu ernsten, würdigen Gelegenheiten dem Verein voran wehen möchte und daß die Ehre der ihr Folgenden so rein bleiben möge, wie die Grundfarbe der Fahne und Schleife, dem Symbol der reinen unbefleckten Soldatenehre. Auch hierauf erwiderte der Vorsitzende mit DankeSworten, indem er bemerkte, daß der Verein geloben wolle, die Fahne mit der so hübschen Schleife immer so zu tragen, wie die Stifterinnen der Schleife wünschten. Auf die Damen brachte er am Schluß ein Hoch aus.
Glückwunschtelegramme waren eingelaufen vom Hassia-Bezirksehrenvorsitzenden, vom Hassia-Deligiertentag, der zur Zeit in Groß-Umstadt tagte, von den Vereinen ehemaliger Garde-Kürassiere, I. Garde-Dragoner, II. Garde-Dragoner, von den Gardevereinen in Düsseldorf, Elberfeld, IV. Garde- regiment-Charlottenburg, Remscheid und vom kgl. sächsischen Militärverein Garde-Korps-Dresden. Außer diesen Telegrammen liegen noch sehr viele Glückwunschschreiben von Vereinen und hohen Persönlichkeiten auf.
Hierauf wechselten Konzert und Gesang miteinander ab. Der Bauer'sche Gesangverein brachte seine Lieder wunderschön zum Vortrag, was bei einer solchen Menschenansammlung in
den alten Wahrfpruch hochhalten und mit dieser Bekräftigung ein Hoch auf Kaiser und Großherzog ausbringen.
Darauf ergriff Exz. Generalleutnant von Schmidt das Wort namens der Ehrengäste und dankte für die an sie ergangene Einladung. Dabei beleuchtete er in kernigen Worten, wie die Garde in vielen Schlachten ihren alten Wahrspruch „Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht" hochgehalten habe, wie sie gerade speziell mit der hessischen Division Seite an Seite bei Gravelotte-St. Privat große Lorbeeren errungen habe usw. Auch streifte Se. Exz. die Ziele der Kriegervereine und betonte, daß gerade in unserer leutigen Zeit diese Vereine einen so hübschen Zweck er- üllten.
Ter Männergesangverein und ein Teil der Mitglieder des Bauerschen Gesangvereins brachten mehrere Lieder zum Vortrag, die einen freudigen Anklang bei der Festversammlung fanden, weshalb der Vorsitzende des Vereins nochmals speziell diesen beiden Vereinen den Dank des Garde-Vereins aussprach.
Am Sonntag früh 6 Uhr wurde die Einwohnerschaft Gießens durch einen Weckruf auf den Hauptfesttag aufmerksam gemacht. Trotzdem der Himmel den ganzen Vormittag und bis zum Eintreffen des Festzugs auf dem Fest- ilatz, dem schönen, schattigen Garten des neuen Saalbaues, ein ganz bedenkliches Gesicht machte, hellte er sich nachher noch vollständig auf. Während des Frühkonzertes im Garten des Hotel Buschmann wurden die mit der Bohn ankommenden auswärtigen Vereine vom Bahnhof abgeholt. Das Frühkonzert war gut besucht; der Mittagstisch, woran ich ein großer Teil der Mitglieder auswärtiger Vereine und des Gardevereins beteiligte, fand starken Zuspruch.
Von hier ab marschierte der festgebende Verein mit seiner von zwölf mit schwarz-weiß-roten Schürzen geschmückten Mädchen getragenen neuen Fahne in weißer Hülle, und den mit der Bahn angekommenen Vereinen nach dem Aufstellungsplatz, dem Ostvaldsgarten. An dem Festzug beteiligten sich 35 hiesige und auswärtige Vereine, und zwar waren die hiesigen Militär- Vereine alle und ziemlich zahlreich beteiligt. Von den Vereine des Hass aibezirks Gießen waren mehrere in ganz ansehnlicher Stärke vertreten. Andere haben wohl von der Beteiligung Abstand genommen, da sie glauben mochten, in Gießen müßten bei dem Fest die Zugteilnehmer Eintrittskarten lösen, was jedoch nicht der Fall war. Auch aus benachbarten preußischen Orten war ein Kriegerverein erschienen; aus weiterer Entfernung die Gardevereine Frankfurt a. M., Marburg, Hanau und Fechenheim; letztere beiden nr.lr als Deputationen. Ten Beginn des Festzuges machte die Radfahrgesellschaft „Wanderer"; die hiesige Regimentskapelle war in zwei Abteilungen geteilt. Die zu weihende Fahne, von hübsch geschmückten lleinen Damen des Vereins getragen, bildete eine schöne Gruppe des Festzuges. Die Straßen, die der Zug passierte, waren über Erwarten reich geschmückt, u. a. hatte der zweite Vorsitzende des Vereins, Kleinhenn, sein Haus mit sinnigen Kernsprüchen und reichem Fahnenschmuck versehen.
Auf dem Fe st platz angekommen, fand kurze Pause statt. Nachdem der 2. Vorsitzende nach Begrüßung berEhren- gäste, Vereine und Gäste unter dem Ausdruck des Dankes für deren Erscheinen und die dadurch gegebene Verherrlichung des Festes, dem Ehrenmitglied Oberleutnant a. D. der Garde-Landwehr Professor Dr. Biermann das Wort erteilt hatte, vollzog dieser nach vorausgehenden längeren Ausführungen in ganz überraschend feierlicher Weise die Weihe der neuen Fahne. Der 1. Vorsitzende übernahm dann die neu geweihte Fahne unter Worten des Dankes, indem er dabei den Behörden und Kommandos, welche die Mtte des Vereins, an Se. Majestät, eine Fahne mit Gardeadler und Stern führen zu dürfen, so bereitwillig befürwortet haben, besonders dankte. Er ermahnte dann noch die Mitglieder des Vereins, so lange die Fahne hält, nach dem auf ihr zu lesenden Wahlspruch „Mit Gott für Kaiser und Reich, Großherzog und Vaterland" zu handeln. Dem Fahnenträger wurde dann die Fahne übergeben, und er mußte feierlichst durch Handschlag geloben, daß er sie stets als das höchste Heiligtum des Vereins so tragen wolle, daß
Hin neuer Leichensund in Aertin.
Berlin, 12. Juni.
Noch ist der Leichenfund in Eharlottenburg nach keiner Richtung aufgellärt und schon wieder ist ein Verbrechen derselben Art entdeckt worden. Gestern morgen landete man gegenüber dem Reichstag aus der Spree den Rumps einer Mädchenleiche. Der Rumpf war noch belleidet mit einem weißen Hemd und zwei Unterröcken, einem weißen und einem roten. Er scheint noch nicht lange im Wasser ge* legen zu haben. Sehr rasch ist es gelungen, die Persönlichkeit der Toten festzustellen. Es ist die 1895 geborene Tochter Lucie des Zigarrenmachers Berlin, die in den letzten Tagen vermißt wurde. Der Vater erkannte auf den ersten Blick an dem Rumpf und den Kleidungsstücken seine verschwundene Tochter. Lucie Berlin spielte am Donnerstag mittag aus dem Hofe des von den Eltern bewohnten Hauses Acker- straße Nr. 130. Als sie der Mutter zu lange ausblieb, ries diese auf den Hof hinab nach ihr, erhielt aber keine Dit," wort, sondern erfuhr von Gespielinnen ihrer Tochter, datz diese mit zwei anderen Mädchen zu einem Kaufmann gegangen sei, um Bonbons zu kaufen. Seitdem fc^te von dem Mädchen jede Spur. Polizeipräsident v. Borries schule sofort an Ort und Stelle eine Belohnung von lu Mark aus. h =
Der Rumpf wurde gestern nachmittag in YZegenwart ot Ersten Staatsanwalts Tr. Steinbrück von den Gerichtöarz^ Medizinalrat Tr. Mittenzweig, Prof. Dr. Straßmann un Dr. Schulz obduziert. Wie zu erwarten war, tonnr auch durch die Obduktion die Todesurfache nicht mit pol * tiver Sicherheit festgestellt werden. Die Gliedmaßen ftn wahrscheinlich erst nach dem Tode äbgetrennt worden. Schnitt in den Unterleib geht von unten nach oben; es st möglich, daß er dem unglücklichen Kinde schon bei ~eö« zeiten beigebracht wurde. Nach dem Mageninhalt wuro das Mädchen etwa eine Stmide nach seiner letzten Mayizci. umgebracht. Bei der Abtrennung der Gliedmaßen oe
Der Internationale Irauen-Kongreß
S. u. H. Berlin, 12. Juni.
Mit einer Bcgrüßungsvcrsammlung im großen Festsaale bet Philharmonie wurde heute abend der 3. internationale Frauen- Kongreß unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung von Vertreterinnen der dem Frauen-Weltbunde angeschlossenen 19 Na- tional-Verbänden eröffnet. Der internationale Frauen-Kongreß erstrebt seinem 1880 in Washington zustande gekommenen Programm zufolge die internationale Organisation der bestehenden Frauenverbände aller Länder und aller Richtungen, um das Interesse der Frauen an der Hebung ihrer sozialen und toirt» chaftlichen Lage zu wecken und zu fördern. Er will es jedoch vermeiden, in der Befolgung dieses Zieles für irgend eine der verschiedenen Richtmrgen in der modernen Frauen-Bewegung Propaganda zu machen, unb er hat es daher auch abgelehnt, daß die internationale Frauen-Stimmrechts-Konferenz etwa als ein von ihm arrangiertes Unternehmen angesehen wird. Tie deutsche Frauenbewegung hat sich diesem internationalen Verbände im Jahre 1894, bald nach der Begründung des Bundes deutscher Frauenvereine, angeschlossen, und dieser Bund ist es auch, der den 3. internationalen Frauenkongreß nach Berlin eingeladen hat. Insgesamt umfaßt der Frauen-Weltbund heute ca. 7 Millionen Frauen in Deutschland, England, Frankreich, Amerika, Oesterreich, Norivegen, Holland, Ungarn, Tänemark, Finnland, Schweden, Belgien, Irland, der Schweiz, Neu-Seeland und Australien. Die Präsidentin des Bundes ist die nordamerikanische Sckulvorsteherin Mrs. May Wright Sewall aus Indianapolis; die zweite Präsidentin ist die Gattin des ftüheren Vizekönigs von Irland, Frau Tr. Jshbel Aberden, während das Amt der Schatzmeisterin Fräulein Helene Lange -Berlin- die Vorkämpferin für weibliche Gymnasialkurse in Deutschland innehat.
Ter heutige Begrüßungsabend stand im Zeichen der geselliger Vereinigung. Fräulein Friederike Stritt sprach einen von Fräulein Anna Brunnemann verfaßten Prolog, worauf die Begrüßung der Tellnehmerinnen durch die Vorsitzende des Berliner Lokalkomitees erfolgte. Während des Abends konzertierte ein aus Damen gebildetes Streich-Orchester.
In der General-Versammlung des Internationalen Frauenbundes kamen zwei bedeutsame Anträge zur Debatte. Der erste lautet in der von der Vorsitzenden Mrs. May Wright Sewall nach den Beschlüssen des Vorstandes vorgeschlagenen Fassung: „Da alle Regierungen, die unter ihnen lebenden Männer und Frauen in gleicher Weise beeinflussen, müssen unter allen Regierungen, seien sie republikanisch oder monarchisch, alle politischen Rechte oder Privilegien, welche den Männern zugebilligt werden, unter den gleichen Bedingungen auch den Frauen zugebilligt werden." Er ttmrbe mit einem Amendement, das vom Bunde des Frauenvereins von Großbritannien und Irland eingebracht worden war, „in allen Ländern, in denen eine Vollsvertretung existiert, energisch für das Frauenwahlrecht zu arbeiten", angenommen. Der zweite Antrag, eingebracht von der Vorsitzenden des Bundes der Vereinigten Staaten Mrs. Swift betrifft die Vertretung im Internationalen Frauenbund nach politischen und sozialen Ge- fichtspunften. Ter Antrag wurde einer Kommission übergeben, die in der nächstjährigen Vorstandssitzung darüber Berichte zu erstatten hat.
Ferner wurde ein Antrag gegen den internationalen Mädchenhandel, der vom Bunde norwegischer Frauenvereine eingebracht war. mit, einem Amendement des Bundes der Frauenvereine von Großbritannien und Irland angenommen: „Der Internationale Frauenbund wird dringend ersucht, die Frage des Mädchenhandels bis zu ihrer endgiltigen Lesung auf sein Programm zu setzen; jeder Nationalverband soll aufgefordert werden, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln in seinem eigenen Lande an der Mschaffung des Mädchenhandels mitzuarbeiten". In einem zweiten Amendement des Bundes französischer Frauenvereine wird der Internationale Frauenbund ersucht, die Abschaffung der Reglementierung der Prostituierten auf sein Programm zu setzen.
Dem Bericht der Schatzmeisterin Fräulein Helene Lange ist zu entnehmen, daß der Weltbund 22 349 Mark Einnahmen und 16 903 Mark Ausgaben hatte.
Hanau (38% P.), 4. Preis C. Schwarz-Gießen 1 (371/2 P.). Auch der 12. (C. Müller) und der 14. Preis 1 (L. Bepler) sielen nach Gießen.
• * Ein Besitzwechsel zwischen der Gerhardt'schen 5 Gärtnerei und Kommerzienrat Gail hat, unserer Mitteilung 1 vom Samstag entgegen, nicht stattgefunden. Es waren zwar | Unterhandlungen im Gange, die aber zu nichts geführt haben.
• * Besitzwechsel. Die Stadt hat das am Marktplatz gelegene ehemals Cäsar'sche Haus für 50 000 Mk. von Uhrmacher Otto Schmidt erworben. Schmidt hatte dies Haus, die alte Hirschapotheke, bekanntlich unter dem Vorbehalt der Umbau-Erlaubnis von Apotheker Dr. Eäsar für den gleichen Preis gekauft.
• * Stadttheater Gießen. Die morgige Aufführung des »Zigeunerbaron* findet bestimmt statt; doch ist sehr zu wünschen, daß sich das Abonnement bis zur Vorstellung noch heben möge. Weitere Abonnementsausgabe findet noch den ganzen Dienstag in der Musikalienhandlung von Ernst Challier statt. — Wie bereits bekannt gegeben wurde, sollen für gewöhnlich die Dienstage als Spieltage fest- gehalten werden; als folgende Vorstellungen sind vorgesehen: „Son Cäsar" und „Mikado", die letztere mit hervorragend schöner, gänzlich neuer Ausstattung.
— Auf Oswaldsgarten gibt es zur Zeit etwas zu sehen. Das bekannte Zirkustheater Wallenda und ein Panoptikum, in welchem eine Reihe von Seltsamkeiten zu sehen sind, sind dort eröffnet worden. Beide hatten gestern einen überaus guten Besuch. Wer eine Gänsehaut hat, die der Anregung bedarf und wer kaltes Grausen gern über sich ergehen läßt, der gehe ins Panoptikum. Dort sind freilich auch Dinge, die der Belehrung dienen, ausgestellt, aber das Packendste und Angreifendste ist doch die Witwen- verbrennung im Reiche der Inder. Auf das Wallenda- Theater kommen wir zurück.
R. B. Darmstadt, 12. Juni. Die eifrigen Nachforschungen der Kriminalbehörde nach dem Mörder des Architekten Döring haben zunächst zu der beruhigenden Feststellung geführt, daß bei der grausigen Freveltat nicht ein Raubmord, sondern ein schnöder Racheakt vorliegt, der höchst wahrscheinlich von dem eigenen Neffen des Ermordeten ausgeführt wurde. Obwohl Döring zu seinen hiesigen Bekannten immer nur von seinem vermögenden Bruder in Neuseeland sprach, ist festgestellt, daß er noch verschiedene engere Verwandte in Sachsen besaß, die in ärmlichen Verhältnissen leben. Döring, der als ein sehr sparsamer Herr bekannt war, hatte sich von diesen völlig zurückgezogen und auch jedes Ansuchen derselben um Unterstützung — er hatte 300000 Mk. Vermögen — zurückgewiesen, vielmehr sein ganzes Habe seinem Bruder vermacht. Unter den Papieren fand man nun einen schon vor 12 Jahren geschriebenen Bettelbrief aus Sachsen und der Verfasser dieses Briefes, der Neffe, ist auch feit einigen Tagen wiederholt hier in der Wohnung des Ermordeten - gewesen. Da dessen Personalien auch mit der Beschreibung der Person über den unmittelbar nach den Schüssen geflüchteten Mann übereinstimmen, so darf man wohl mit Recht annehmen, daß dieser sächsische Verwandte auch der Mörder ist. Die Polizei soll ihm auch bereits auf der Spur sein.
Mainz, 12. Juni. Große Veruntreuungen hat sich der Zeug Haupt mann Künnemund von hier zu schulden kommen lassen und sitzt deshalb, wie wir schon meldeten, seit einigen Tagen in Untersuchungshaft. Hauptmann Künnemund ist beschuldigt, bei Lieferungen zu hohe Beträge eingeschrieben und auch nicht gelieferte Sachen in die Bücher eingetragen und das Geld für sich behalten zu haben. Es kommen noch Geschäftsleute in Betracht, die mit ihm die Manipulationen vorgenommen haben und gegen die ebenfalls Untersuchung eingeleitet ist. Außerdem hat Künnemund bei Versteigerungen stets die Beträge über den Steigerlös mit Blei eintragen lassen, mit dem Bemerken, wenn es regnete, könnte die Tinte verlaufen. Später soll er dann die Zahlen ausradiert und niedrigere Beträge eingeschrieben haben, während er die Differenz in seine Taschen fließen ließ. Eine Anzeige muß bereits vor einiger Zeit bei der vorgesetzten Behörde eingelaufen sein, da vor einem Monat ein Hauptmann und ein Zahlmeister hierher versetzt wurden, ohne daß eine Vakanz vorhanden war. Die beiden Herren haben bann im Geheimen Nachforschungen angestellt und die Verfehlungen entdeckt. Ein weiter in Betracht kommender Offizier soll früher ebenfalls einen höheren Verwaltungsposten in Mainz bekleidet haben. Eine große Menge Bücher und Akten sind beschlagnahmt und dem Gouvernementsgericht übergeben worden. Hauptmann Künnemund soll über seine Verhältnisse gelebt und ein ausschweifendes Leben geführt haben. Die Veruntreuungen haben im Laufe der Jahre eine Summe von 50 000 Mk. erreicht. (M. Tgb.)
x. Mainz, 12. Juni. Die gesamte Gendarmerie, wie auch die sonstigen ländlichen Polizeiorgane Rh ein Hesse ns befinden sich in fieberhafter Tätigkeit, um die Zigeuner zu ermitteln, welche am vorgestrigen Abend auf verschiedene Bewohner von Gau-Köngernheim mehrere tätliche Schüsse abgegeben haben. Verschiedene Verhaftungen sind bereits vorgenommen worden, doch hat man noch keine Gewißheit, ob man die Täter hat, denn die Banden verlegen sich auf bartuäckiqes Schweigen.


