Ausgabe 
10.5.1904 Drittes Blatt
 
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Nassau und dem Fürstentum Waldeck statt. In Hom­berg wurde Bürgermeistereisekretär Müller wegen schweren Sittlichkeitsoergehens, das er an einer Hausiererin im Ge­fängnis begangen hatte, verhaftet. Müller hatte sich für einen Arzt ausgegeben._________________

Historische Kommission für Kessen und Waldeck.

u. Marburg, 9. Mai.

Im Scnatssaale der Universität zu Marburg fand am 7. Mai die siebente Jahresversammlung der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck statt. Ihr ging eine Sitzung des Vorstandes am selben Tage vorauf. Sieben den in Marburg ansässigen Patronen und Mitgliedern waren von auswärts erschienen u. a. die Herren Oberoorsteher von Baumbach-Kassel, Graf von Berlepsch-Schloß Berlepsch, Landrat von Bischoffshausen-Witzenhausen, Staatsarchivar Dr. Dieterich-Darmstadt, Generalmajor Eisentraut- Kassel, Oberbürgermeister Dr. Gebeschus-Hanau, Baron von und zu Gilsa-Gilsa, OberbibliothekarProf.Dr.Haupt- Gießen, Dr.Kartels-Fulda, PrivatdozentDr.Köhler- Gießen, Oberlehrer Dr. Küster-Hanau, Landesrat Dr. Osius- Kassel, Frhr. v. Pappenheim-Karlshafen, Geh. Rat Prof. D r. A. S ch m i d t-G i e ß e n, Generalsuperintendent D. Werner- Kassel, Akademielchrer Zimmermann-Hanau. Der Vorsitzende, Prof. Frhr. v. d. Ropp, begrüßte die Anwesenden und er­teilte zunächst das Wort an Herrn Prof. Wenck zu einer Festrede zum Gedächtnis Landgraf Philipp des Großmütigen. Sie würdigte Persönlichkeit und Charakter des Fürsten in scharfen Urnrissen und entrollte ein lebendiges Bild seiner historischen Bedeutung, ohne Schatten und Fehler zu ver­hüllen. Ihr Wortlaut wird an anderem Orte veröffentlich! werden. Der Vorsitzende gedachte sodann der im verflossenen Berichtsjahre verstorbenen Mitglieder, der Herren Geh. Reg.- Rat Dr. Hartwig in Marburg, Prof. Dr. Höhlbaum in Gießen und Sanitätsrat Dr. Schneider m Fulda, welche der Kommission seit ihrer Begründung angchört hatten. Zu ihren Ehren erhob sich die Versammlung von den Sitzen. Sodann teilte er mit, daß aus dem Vorstande ausgeschicden seien Herr Geh. Archivrat Dr. Reimer zufolge seiner Ver­setzung nach Coblenz und die Herren Heraeus und Prof. Dr. Suchier in Hanau aus Gesundheitsrücksichten. An ihrer Stelle hat der Hanauer Geschichtsverein Herrn Ober­lehrer Dr. Küster delegiert und wählte die Versammlung die Herren Graf Berlepsch, Dr. Wilhelm Heraeus und Professor Dr. Wiegand zu Vorstandsmitgliedern. Zum stellvertretenden Vorsitzenden des Vorstandes an Stelle von Prof. Höhlbaum wurde Ob erb i bl. Prof. Dr. Haupt in Gießen ge­wählt. Zu Mitgliedern der Kommission wählte die Ver­sammlung die Herren Pfarrer Lic. Dr. Diehl in Hirsch­horn, Dr. Fabarius, Direktor der Kolonialschule in Witzen­hausen, Oberlehrer Lic. F. Herrmann in Darm­stadt, Rektor Lürssen in Wetzlar, Dr. Dersch, Dr. Grotefend, Archivar Dr. Merx und Oberlehrer Dr. Wintzer in Marburg. Die Rechnung des Schatzmeisters, Geh. Archiv­rat Dr. Könnecke, dem die Versammlung die Entlastung für seine Rechnungsführung erteilte, ergab eine Einnahme von 24 106 Mk. gegenüber einer Ausgabe von 8560 Mk. Er­schienen ist im Laufe des Jahres die dritte Lieferung des hessischen Trachtenbuches von Geh. Rat Professor Dr. Justi, der in Bälde eine vierte Lieferung als Abschluß folgen wird. Auch konnten der Versammlung der bis auf einige Buchstaben des Registers vollendete Druck des ersten Bandes des Friedberger Urkundenbuches und die ersten Bogen des ersten Bandes der hessischen Chroniken, welche Professor Dr. Diemar bearbeitet, vorgelegt werden. Weitere Arbeiten gehen demnächst in den Druck und wird hierüber und über die sonstigen Unternehmungen der demnächst er­scheinende Jahresbericht das Nähere enthalten. Erwähnt sei jedoch, daß die Kommission einen Ausschuß zur Herausgabe einer neuen Publikationsreihe vonQuellen zur Geschichte des geistigen und kirchlichen Lebens in Hessen im Zeitalter der Reformation" unter dem Vorsitz von Professor Dr. Haupt-Gießen bestellt hat. Für diese Veröffentlichung wird in erster Linie Herr Privatdozent Dr. Koehler in Gießen ivirksam sein. Die Festschrift der Kommission, Das Bild Philipp des Großmütigen", bearbeitet von Geh. Archivrat Dr. Könnecke und Professor Dr. von Drach wird -bis zum Säkulartage, dem 13. November d. Js. erscheinen. Der Landesausschuß zu Kassel hat der Kommission zur besseren Ausstattung des Werkes einen Zuschuß von 2000 Ml. bewilligt, wovon die Versammlung nut lebhaftem Danke Kenntnis nahm.

Vertnijehte».

* Berlin, 9. Mai. In Großlichterfelde bei Berlin erschoß sich der Sohn des Oberbürgermeisters von Bres­lau, der Student des Forstsachs Kari Bender, der beim zweiten Gardeschützen-Bataillon zurzeit eine Hebung als Vizeseldwebel der Reserve machte und kurz vor der Be­

förderung zum Offizier stand. Man nimmt an, daß Bender, der sich geistig überanstrengt hatte, die Tat in einem An­fall von Geistesstörung beging.

Detmold, 8. Mai. Eine Sensationsange­legenheit, die das Fürstentum Detmold seit einer Reihe von Jahren in Atem hält, geht jetzt ihrem gerichtlichen ^Ab­schluß entgegen. Die Anfänge der Affäre liegen etwa sechs bis sieben Jahre zurück. In jene Zeit gingen zuerst einer Reihe lippescherNotabein" anonyme Briese zu. Die Briefe erinnerten in ihrem Inhalt stark an die Kotze-Briefe, die so viel Aerger und Aufregung bervorriefen. In der Form unterschieden sie sich von jenen dadurch, daß sie handschrift­lich zu Papier gebracht waren, und zwar mit einer außer­ordentlich charakteristischen Handschrift, nach der sie in den Untersuchungsakten dieAntiquabriese" heißen. Die Zu­schriften folgten sich rasch und richteten sich an immer mehr Empfänger, ohne daß es möglich war, den oder die Absender zu ermitteln. Besonders wurden ein HerrKr a ch t, Sohn des Großindustriellen Geh. Kommerzienrat Kracht, sowie ein Fräulein W., Tochter des Geh. Kommerzien­rats W., von dem Verfasser als Adressaten bevorzugt. Kracht jun. trat an die Spitze eines Ermittlungs­komitees, das sich zur Aufklärung der Affäre bildete. Hohe Belohnungen, die das Komitee auf die Namhaftmach­ung des Briefschreibers aussetzte, führten zu keinem Resul­tat. Dann gab es einen Zwischenfall. Ein Detmolder trat mit der Beschuldigung hervor, Kracht jun. selbst sei der Anonymus. Ter Versuch, in dem Beleidigungs­verfahren, das die Folge dieser Behauptung war, Beweise für deren Richtigkeit beizubringen, glückte nicht; der An­kläger wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, was übrigens nicht verhinderte, daß hier und da seine Annahmen und Folgerungen schon damals nicht für ganz unbegründet an­gesehen wurden. Jedenfalls verdarb der Prozeß dem Schrei­ber der Briefe den Humor nicht, denn er setzte seine Arbeit fort und zwar bis in das Jahr 1899 hinein. Dann ver­stummte er plötzlich. Dies Verstummen fiel zeitlich zu­sammen mit der Verlobung und -Vermählung des Vor­sitzenden des Aufklärungskomitees, Kracht, mit der oben erwähnten Tochter des Geh. Kommerzienrats Wk Jahre vergingen. Der Vater des jungen Gatten, Geh. Kommerzien­rat Kracht, starb, und sein Sohn wurde Chef des väterlichen Hauses. Da, um die Mitte des vorigen Jahres, meloete sich der Anonymus plötzlich wieder. Bald hier, bald dort trafen seine Kundgebungen ein; in kurzer Zeit wurden sie aber­mals zur wahren Landplage. Diesmal ging der Stäats- anwaltschast eine Strafanzeige zu, die sich gegen Kracht richtete. Große Aufregung entstand, als man erfuhr, daß aus das Ergebnis einer Haussuchung hin Kracht in Untersuchungshaft genommen worden war. Man hatte nämlich, wieder eine Analogie zur Kotze-Äfsäre, Lösch­blätter gesunden, die Abdrücke von Bruchstücken mehrerer der anonymen Briese enthielten. Noch größer aber wurde die Erregung, als auch nach der Festnahme des vermeintlich Schuldigen die Unglücksbriefe nach wie vor versendet wur­den. Auf diese Tatsache hin wurde K. gegen Hinterlegung einer hohen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Die Staats­anwaltschaft requirierte nunmehr die Hilfe der Berliner Kriminalpolizei. Ein Berliner Kommissar weilte unter der Maske eines Schriftsachverständigen etwa acht Wochen lang in Detmold und Lemgo. Aus seine Veranlassung hin wurde nunmehr über Frau Kracht, geb; W., Untersuch­ungshaft verhängt; das Verfahren ergab die Erhebung der Anklage gegen bad Krachtsche Ehepaar wegen vielfacher Beleioigung usw., in dem demnächst Termin zur Hauptverhandlung angesetzt werden wird. Nach Ansicht der Änklagebehörde ist Frau Kracht die Hauptschuldige; sie gilt namentlich als Verfasserin der Antiquabriese, von denen 110 Stück vorliegen. Die Aufregung im Fürstentum ist ganz gewaltig; die Familien beider Angeklagten sind den ersten des Landes nahe verwandt.

* Paris, 10. Mai. Im Hotel Regina erschoß sich ein Student Namens Clarke, der Sohn eines Millio­närs in San Francisco, infolge enormer Spielver­luste in Monte Carlo.

* Bozen, 9. Mai. In den Cadorschen Dolomiten hat ich der Monte Spolo gespalten. Ungeheure Felsmassen kürzten ins Tal und zwar ins Gebiet von Balabso. Zahl­reiche Häuser wurden zerstört. Drei Personen, die sich in ihren Hütten befanden, wurden getötet. Die Ortschaft Colaso und Balabso mußten geräumt werden, da neue Felsstürze befürchtet werden.

* New York, 9. Mai. In der dritten Avenue an der 57. Straße erfolgte aus der Hochbahn ein e Kolli- ion und Entgleisung. Die Züge waren gedrängt voll von Passagieren. Die Wagen brannten. Mehrere Wagen hingen von der Hochbahninstruktur herab. Ein Motorsührer ift tot und zehn Personen sind schwer ver­letzt. Viele Personen sind leicht verletzt.

* Vom DampferKurfürst"/ Nach einer Mit­teilung der Deutschen Oftasrika-Linie werden sämtliche Passagiere des bei Sagres (Südportugal) gestrandeten DampfersKurfürst" mittels eines holländischen Dampfers nach Lissabon gebracht. Von dort werden sie, soweit Platz vorhanden, mit dem am 7. Mai von Lissabon abgehenden DampferPrinzessin Viktoria Luise", die übrigen mit dem am 10. Mai Lissabon verlassenden DampferPrinz Sigis­mund" nach Hamburg befördert. Die Mannschaft desKur­

fürst" bleibt an Bord. Nach einer späteren Mitteilung ist der DampferKurfürst" durchgebrochen und total verloren. Bergungsdampfer versuchen den Dampfer zu bergen; das Gepäck ist in Lissabon gelandet.

Kerichtssaal.

R. B. Darmstadt, 9. Mai. Wegen M aj estätsbelei­dig u n g , begangen durch unflätige Äußerungen über den Kaiser, Satte sich heute der Taglöhner Wilh. B u ch m ü l l e r aus Mühl- eim a. d. Ruhr, geb. 8. Sept. 1859, vor der hiesigen Straf­ammer zu verantworten. Der Angeklagte halte am 12. April b. I. in Mörfelden dem edlen Gewerbe des Bettelns obgelegen und, als er von einer Frau darüber Vorhaltungen bekam, die in- krimierte Aeußerung getan. Zu gleicher Zeit hat er auch dem dortigen Polizeidiener, der ihn wegen Bettelns verhaften wollte, gewaltsamen Widerstand geleistet und nach ihm geschlagen. Der schon vorbestrafte Angeklagte wurde wegen der beiden Delikte zu vier Monaten Gefängnis und vier Wochen Haft verurteilt und soll nach Verbüßung der Strafe der Landespolizei überwiesen werden. Fortgesetzter schamloser Sittlichkeits-Ver­brechen an seinem eigenen Töchterchen hatte sich der 42 jährige verheiratete Fabrikarbeiter I. Phil. Herdt aus Groß-Gerau schuldig gemacht, gegen den heute die hiesige Strafkammer unter Ausschluß der Oefsentlichkeit verhandelte. Das Urteil des Gerichts lautete dem Antrag des Staatsanwalts entsprechend auf 2 Jahre Zucht­haus.

Der Prozeß in Kischinew. Aus Kischinew wird vom 8. Mai berichtet: Gestern wurde gegen die Exzedenten Woiti- schcnko, Berdidschin, Dobrowolski, Georgitza, Alexejew, Bandariew und Krautor verhandelt. Die vier Erstgenannten waren angeklagt der Ermordung zweier Personen, der Chaja Leo Kigil und des Jsak Weinstein, um den eine Witwe und sieben verwaiste Kinder trauern. An hundert Zeugen waren für die im Zusammen­hang mit diesen Mordfällen stehenden Verbrechen angemeldet. Berdidschin und Krautor waren außerdem der Vergewaltigung der Rebekka Schiff und Sima Seitschik während der Plünderungen in der Nikolaigasse angcklagt. Die Verhandlungen endeten mit der Verurteilung des Woitischenko zu fünf Jahren Zwangsarbeit, alle übrigen wurden wegenunzureichender Beweise" ihrer Be- teiligung sreigesprochen.

Arvetteröewegung.

Hamburg, 9. Mai. Die in den Brauereien von Hamburg, Altona und Wandsbek beschäftigten Brauer und Brauerei­arbeiter sind heute infolge von Lohnstreitigkeiten ausstän- d i g geworden.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Köln, 9. Mai. In der heute stattgehabten Generalversamm­lung des Walzdrahtverbandes wurde beschlossen, mit den neuen Walzdrahtwerken in Tifferdingen, Bürbach und Völk­lingen ein weiteres Abkommen bis zum 30. September zu treffen. Infolgedessen soll eine Kommission neue Satzungen ausarbetten.

Berlin, 9. Mai. In der heutigen Sitzung des Aufsichts­rats der D e u t s ch e n B a n k wurde beschlossen, einer demnächst einzuberufcnden außerordentlichen General-Versammlung die Er­höhung des Aktienkapitals um Mk. 20 Millionen durch Ausgabe neuer Aktien mit Dividendenberechtigung ab 1. Januar 1905 zum Kurse von 200 Prozent in Vorschlag zu bringen. Anlaß zu dieser Erhöhung bildet ein vorbehaltlich der Genehmigung der beiden Generalversammlungen zwischen der Deutschen Bank und der BerlinerBank getroffenes Abkommen, welches das Auf­gehen der Berliner Bant in die Deutsche Bank zum Zwecke hat. Den Aktionären der Berliner Bank sollen gegen Mk. 8000 Aktien der Berliner Bank mit laufendem Dividendenschein Mk. 3600 junger Deutscher Bankaktien mit Dividendenschein ab 1905 gewährt werden. Hiernach sind zum Umtausche der Mark 42 Millionen Berliner Bankaktien erforderlich Mk. 18 900 000 Deutsche Bank­aktien. Der durch den Uebernahmepreis erzielte Mehrerlös auf die restlichen Mk. 1100 000 Deutsche Bankaktien fließt ebenfalls in voller Höhe dem Reservefonds der Deutschen Bank zu. Das Kapital der Deutschen Bank wird sich alsdann auf Mk. 180 Millionen und die bilanzmäßige Reserve auf rund Mk. 78 Millionen belaufen.

Berlin, 9. Mai. In der heutigen Gesellschaftsversammlung der Verkaufs st elle vereinigter Glühlampenfabri­ken G. m. b. H. wurde der Antrag eines Mitgliedes auf Auflösung a b geljJ) n t. Die Gesellschaft setzt ihre^Tät^igkeit fort.

Wqcttliihtllkderjichlttr Todesfälle in ttr Statt tofitij.

16. Woche. Vom 10.16. April 1904.

Einwohnerzahl: angenommen zu 27 öOO (inkl. 1600 Mann Militär) Sterblichkeitsziffer: 41,6

nach Abzug von 10 Ortsfremden: 22.68 c/oo.

Kinder

Es starben an: Zusammen:

Erwachsene:

im

vom

Altersschwäche

1. Lebensjahr:

2.15. Jahr

2(1)

2d)

Tuberkulose der

Lungen

Tuberkulose anderer

8(1)

3(1)

Organe

2(1)

1(1)

_

1

Schlagfluß

1(1)

1 (1)

Herzleiden

Kl)

1 (1)

_

Gehirnentzündung

2

2

Unterleibsentzündung 1 (1)

Kl)

Leberentartung

1

1

*

-

Nierenentzündung

2(2)

2(2)

W

Wochenbeltfleber

1

1

Lebensfchwäche Rhachitis

KD

1(1)

1

1

Eitervergiftung

Kl)

1(1)

Krämpfen

2

1

1

Lungenentzündung

1

1

Summe 22 (10) 13 (8) 4 (2) 5

Anm.: Die m Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.

Feuilleton.

Lenbach und Bismarck. In derKöln. Ztg." wird /erzählt: Als wir zur Zeit des 80. Geburtstags des Fürsten Bis­marck im Schlosse zu Friedrichsruh vor den neben tausenderlei andern Dingen dem Fürsten in großer Anzahl geschenkten Ge­mälden standen, kam mir (dem Erzähler) Lenbach gegenüber un­willkürlich die Frage in den Mund, wie denn eigentlich des großen Staatsmannes Verhältnis zur bildenden Kunst sei.Die Aehn- lichkeü und alles, sozusagen Verstandesmäßige in den Bildern weiß er mit der ihm eigentümlichen Gedankenschärfe vielleicht klarer als wir Künstler selbst zu erfassen, aber eigentliches Kunst­verständnis hat er nicht so viel." Eine bezeichnende Handbewegung begleitete diese Worte Lenbachs, die auch zu der Frage veranlaßten, ob ihm das wirklich voller Ernst sei.Ich "läge", wiederholte Lenbach,daß der Fürst für die Kunst als solche, mit der sich zu beschäftigen ihm ja auch die Zeit fehlte, weder Verständnis noch Interesse hat." Tas Geräusch von Schritten hinter uns ließ mich umblicken, und ich gewahrte den Fürsten, der die letzten Worte gehört haben konnte und, nach seinem eigentümlichen Lächeln zu schließen, vielleicht auch gehört hatte. Lenbach aber war nichts weniger als verlegen. Denn derartige Offenheiten hätten, wie er mir später erläuterte, weit davon entfernt, Bismarck zu ver­letzen, seine, Lenbachs Beziehungen zum Fürsten geradezu ein- geleitet und befördert.

Peter Hille f. Ter begabte Dichter Peter Hille ist am Samstage int Krankenhause zu Groß-Lichterselde bei Berun feinen Leiden erlegen. Er litt seit einiger Jett an Kopfrose; dazu kam ein Unfall, den er, auf einem Bahnsteig erlitt. Er war auf einer Bank eingeschlafen, im Schlaf heruntergestürzt

und hatte sich dabei blutende Verletzungen im Gesicht zugezogen. Am 3. d. M. wurde er in schwerkrankem Zustande in das Kreis­krankenhaus zu Groß-Lichterfelde eingeliefert. Als Todesursache wird jetzt ärztlicherseits Lungenödem und Urämie angegeben. Hille war zu Erwitzen bei Driburg 1854 geboren und hat außer Skizzen und Gedichten eine Reihe von Romanen und Schauspielen veröffentlicht.Ein Einsiedler und ein Bohßme" ist Peter Hille von einem seiner besten Freunde genannt worden, und damit ist der weltfremde und absonderliche Mensch, der jetzt die Augen geschlossen hat, trefflich charakterisiert. Wer kannte ihn, ehe er fein seltsames Kabarett in einer Weinstube in Berlin auftat, um dort jeden Montag die wunderlichste Gesellschaft um sich zu versammeln? Ein kleiner Kreis von Fachgenossen, deren Ver­ehrung für den Sonderling mit dem wallenden Haupte und Barthaar und dem vernachlässtgten Aeußern nicht ohne Lächeln dargeboten wurde. Und wer kein Fachgenosse war, der begegnete ihm nur dem Lächeln. Dennoch war Hille ein Dichter, ein Dichter allerdings, der aus dem genialischen Zigeunerleben, in das er durch seine Neigung geraten war, sich nicht emporraffen konnte zum rechten Künstler. Trotz seiner Absonderlichkeiten hatte man ihn gern, denn er besaß das Gemüt des Kindes, und man wird seiner gedenken als eines überaus begabten, aber wunder­lichen Poeten, der in der letzten Sturm- und Drangperiode der deutschen Literatur die Hoffnungen vieler auf sich vereinte.

- Aus Frankfurt a. M. meldet man: Von den am Samstag zur ersten Aufführung gelangten drei Einaktern hatte Oskar Blumenthals geift» und anmutsvolle Plauderei Wann ju ir altern" ' bin stärksten Erfolg. Das Publikum folgte gefesselt und nut lebhaftem Anteil den Reden des weh­mütig entsagenden Helden, die von Edgar Bolz mit überzeugen­der Jnntgllit meiüerhaft gesprochen wurden. Frl. Boch sekun­

dierte wacker. Die Darsteller wurden fünfmal gerufen. Voraus ging WildesSalom e", die eine neue Art Sensationswirk­ung erzielte. Das Publikum wurde förmlich hypnotisiert. Vor­trefflich gab Fräulein Hedwig Lange die Titelrolle. Die sa­tirische Schnurre,Die E m p f e h l u n g", von Maurey, wurde von den Herren Schwarz, Bauer und Diegelmann stil­gerecht wiedergegeben.

Aus Barmen wird geschrieben: Ganz Barmen steht schon seit Monaten unter dem Zeichen der T h e a t e r s r a g e. Nach vielen Debatten in der Stadtverordnetensitzung, in Volksversamm­lungen, Volksstimmen in der Presse usw. hat der Neubau be­gonnen und wächst bereits zusehends heran. Welches Interesse die Barmer Gesellschaft an ihrem nicht leicht erkämpften neuen Theater nimmt, wurde dieser Tage bei der Veranstaltung des dreitägigen Bazars zum Besten des Neubaus ersichtlich, und infolge des überaus regen Besuchs, sowie der Opferwüug- keit der Teilnehmer scheint der Betrag von 30 000 Mark, mit dem der Reinertrag in das Budget eingesetzt war, nicht nur er­reicht, sondern weitaus überschritten zu sein.. Das Gelingen des Ganzen ist in erster Linie das V c r d i e n st des rührigen K o- mitee-Vorsitzenden, des Herrn Robert Barthels, der denn auch von Oberbürgermeister Lenze nach Verdienst gefeiert wurde. Das Festspiel ist von Walter Bloem, dem Verfaffer vonEs werde Recht", gedichtet worden. . L

Budapest,^ Mai. Im Abgeordnetenhauie wurde Maurus Jokai vom Kullusminister Berzewiczy, vom Präsidenten Perczel und vom Abgeordneten Thaly ergreifende Nachruse gewidmet. Tas Leichenbegängnis ist heute unter gewaltiger Beteilig- ung aller Kreise der Bevölkerung verlausen. Der MiM)wrprail- dent, sämtliche Mitglieder des Kabinetts sowie zahlreiche Ab- orbuungen waren erschienen.