Stuttgart, 5. Nov. In der heutigen Sitzung der Abgeordnetenkammer nnirbe Payer (D. VolkSp.) mit 84 Stimmen zum Präsidenten wiedergewählt. Zum Vizepräsidenten wurde Abg. v. Kiene (Ztr.) gewählt.
Nordbausen, 6. Nov. Der Kronprinz und Prinz Friedrich Wilhelm trafen heute nachmittag zur Beisetzung des (in Südafrika gefallenen Leutnants Volkmar von Wurmb in Groß Furra bei Sondershausen ein. Der Kronprinz legte Kränze vom Kaiser, der Kaiserin und von sich selbst nieder. Nach der Beisetzungsfeier fuhr der Kronprinz mit seiner Begleitung nach Nordhausen zurück und be-- flchtigte die Stadt.
Ausland.
Nom, 6. Nov. Bis 3 Uhr frül/waren die Ergebnisse son 337 von 505 Wahlbezirken bekannt. Danach lind gewählt: 205 Ministerielle, 84 Mitglieder der konstitutionellen Opposition, 18 Radikale, 20 Sozialisten und 9 Republikaner; ferner haben 51 Stichwahlen stattzufinden. In Trappni wurde der frühere Minister Nasi, d.r sich vor dem gegen ihn schwebenden Gerichtsverfahren nach dem Ausland flüchtete, wiedergewählt.
Wien, 6. Nov. Der heutigen Schlußsitzung der großen Kommission der internationalen Ausstellung für Spiritusverwertung unter dem Vorsitz de§ Handelsministers v. Call, wohnten der Ehrenpräsident, Graf von PosadowSky, Ackerbauminister Bucquoy, Vertreter der übrigen Ministerien und Bürgermeister Dr. Lueger, sowie die meisten Mitglieder der Kommission bei. Der französische Ackerbauminister Mougeot hatte ein BegrüßungStelegraimu gesandt. Nach der Eröffnungsansprache von CallS, sprach Graf von PosadowSky für die Förderung dc§ volkswirtschaftlich so wich- tigen Unternehmens namens der deutschen Reichs-Regierung, sowie der deutschen Aussteller seinen aufrichtigen Dank aus. Zwischen der Industrie, der Landwirtschaft und dein Handel beständen nicht nur in Deutschland, sondern überall ziemlich weit auscinandergehende Interessen, aber es sei eine erfreuliche Erscheinung, daß gerade auf dem speziellen Gebiete der Spiritusindustrie die Interessen durchaus harmonisch seien. Tie gewerbliche Verwertung des Spiritus sei diejenige, die der Menschheit am meisten zum Wohle gereiche und am wenigsten schade. (Lebhafter Beifall).
Bukarest, 4. Nov. Das Amtsblatt publizirt eine Verordnung, durch welche das Ausfuhrverbot für Hafer- aufgehoben wird.
Sofia, 5. Nov. Zwischen Rußland und Bulgarien ist ein Schiedsgerichtsvertrag ähnlich demjenigen zwischen England und Frankreich abgeschlossen worden.
Petersburg, 5. Nov. Der »Ruff. Tel.-Agentur" wird aus Troitzkosawsk (Baikalgcbiet) gemeldet, daß man nach dort aus Urga cingetroffcncn Nachrichten in Urga der Ankunft des Dalai-Lama von Tibet entgegensetze, der in 10 Tagen dort eintrcffen werde.
— Die ,Russ. Tel.-Ag." wird im Hinblick auf die für die russische Negierung abfällige Besprechung, die ihr den Prozeß Schaumann betreffendes Communiqu^ vom 30. Oktober in gewissen Kreisen der ausländischen Presse gefunden hat, von zuständigen Stellen ersucht, darauf hinzuweisen, daß das genannte Communique ein Resümee der Anklageschrift gegen Senator Schaumann ist, die von den finländischen Gerichtsbehörden ausgcarbeitct und vom Generalstaatsanwalt in einer Sitzung des höchsten Gerichtes in Abo zur Verlesung gebracht worden ist. Tie gegen die russischen Behörden gerichteten abfälligen Bemerkungen, führt die genannte Agentur aus, sind also durchaus unangebracht. Auch ein Widerspruch ist in dem Resümee aus der Anklageschrift nicht vorhanden. In dem von Schaumann selbst geschriebenen Schriftstück wird das Projekt der Schaffung einer Organisation von geheimen Schützengescllschaften offen durch den Wunsch begründet, die russische Tyrannei unter Beteiligung an der revolutionären Bewegung russischer Rädelsführer abzuschütteln. Gerade diese erwiesene Absicht war es, die den Grund gab, den Senator, vor das höchste Gericht Finlands zu stellen.
Newyort, 5. Nov. Roosevelt erließ ein langes Schreiben, in dem er in heftiger Sprache leugnet, daß er oder Eortelyon, der die Wahlkampagne für ihn führt, die Trusts durch Drohungen oder Versprechungen gezwungen habe, Geld zu Wahlzwecken zu geben. Er wirst dem Richter Parker vor, er habe gelogen. Parker hat die abgeleug- nete Behauptung aber gar nicht ausgestellt, sondern nur gesagt, die Sammlungen Eortclyons involvierten das stille Versprechen des Schutzes für die Trusts. Der Kampf ist äußerst erbittert geworden, der Ausgang ist unsicher. Otoosevelts persönliches Eingreifen wird als ein Zeichen der Besorgnis gedeutet.
Aus Aadt?i::d Land.
Gießen, 7. November 1904. Eine Philippsfeier in Gießen.
Die Philippsfeier des evangelischen Bundes gestern abend im Neuen Saalbau war außerordentlich gut besucht; sämtliche Plätze im Saal waren besetzt. Landgerichts- rat Schmeckenbecher eröffnete die Festsitzung, indem er zunächst den gemischten Ehor des evang. Arbeitervereins ein Lied singen ließ. Darauf erteilte er dem Stadtv. Sch mall das Wort zu einer Begrüßungsansprache, und nachdem der erste Vers des Lutherliedcs „(Sine feste Burg" von allen Anwesenden gesungen worden war, ergriff Pfarrer v. D i e h l- Hirschhorn das Wort zum Festvortrag „Was hat Landgraf Philipp für das Hessenland getan".
Keine selbstsüchtigen Gedanken haben den 20-Jährigen beseelt, als er int Jahre 1524 als Landesvater seinen ^Austritt aus der alten und Ucbertritt in die neue Kirche vollzog. Nicht etwa hat er seine eigene Tasche mit den Geldmitteln der Kirche füllen wollen. Er hatte einzig und allein den Plan, dem Hessenlande solle geholfen werden. Daher hat er überall, wo geistige Kräfte gebunden waren, zugegriffen, um sie seiner Idee dienstbar zu machen. So hat er aas Marburger Gespräch zustande gebracht, fo paktierte er mit den Wiedertäufern, denen er sehr ivcit entgegenkam. Ec wollte alle Evangelischen der Welt zusammenschließen zu einem großen Bund. Ja, er versuchte sich sogar daran, einen
Ausgleich mit der katholischen Kirche herbeizuführcn. Alles dies hat er nicht etwa aus Interesse für die Kämpfe der Theologen getan, sondern einzig als der große LandeSvater, der Praktiker, den die Zähigkeit und Energie des begeisterten Jünglings bei seiner Sache leitete. Er schuf die M a rb u r g e r Universität und die dortige Stipendiatenanstalt, weil er sie brauchte. Die Beamtenschaft und Pfarrerschaft sollte sich aus allen Schichten feines Landes rekrutieren. Die frei gewordenen Altarstiftungen benutzte er, um die Söhne seines Volkes auf Staatskosten studieren zu lassen. Die Erzieher des Volkes konnten ihm nicht genug durchgebildet werden, itnb schon deshalb erscheint er, der die größte Hochachtung vor der Wissenschaft hatte, als eineZganz modente Persönlichkeit.
Aber auch aus sozialem Gebiet schuf er als solcher Großartiges, nämlich seine vier Hospitalien. Un8 interessiert besonders die Anstalt, die er in Hof heim (heutige Irrenanstalt) in der ehemaligen Obergrafschaft Katzen-Ellenbogen errichtete. Blinde Kinder, Taubstumme,^ Epileptiker, Atters- schwache und andere Bedürftige fanden in diesem Hospital Aufnahme. Vorübergehend waren im 16. Jahrhundert 120 bis 130 Leute im Hofheimer Hospital ausgenommen, für einen Landesbezirk, der nicht so groß war wie der Kreis Gießen! Philipp suchte durch die Organisation der Gemeinden den entsetzlichen Bettel der katholischen Zeit zu bannen. Jede Gemeinde hatte die Verpflichtung, für ihre Armen zu sorgen.
Auf religiös-sittlichem Gebiet machte Philipp sich durch seine weitblickenden Kirchenvorschriften verdient. Auch hier beseelte ihn der Gedanke der sittlichen Erziehung seines Volkes. Jeder seines Volkes soll eine Erziehung haben; darunt hat er die Konfirmation eingerichtet, zu der die Jugend vorbereitet werden mußte. Für die Alten, die einer Erziehung unter sich bedurften, schuf er den „Seniorat" (Kirchenvorstand) und suchte das Verantwortlichkeitsgesühl im Schooße der einzelnen evangelischen Gemeinden zu heben.
Philipps Werke haben ihn, ob sie auch vielfach nicht die Entwicklung gehabt haben, die man wünschen konnte, weit über seine Zeit hinaus, bis auf die heutigen Tage, überdauert. Für die Entwicklung der Schule hat er die sichere Grundlage gegeben. Im Jahre 1620 wurde der allgemeine Schulzwang eingerichtet, und die Bauern, die vordem ihre Kinder selber zur Konfirmation vorbereiten mußten, sagten: Gebt uns Lehrer, danut wir den Kindern den KathechiSmum nicht tuehr lehren müssen. Auch auf sozialem Gebiet haben die Hessen den Sinn für ihre Verpstichtungen behalten. Nach dem Beispiel des großen Landgrafen marschieren wir noch heute an der Spitze, wo es gilt, soziale Einrichtungen zu fördern.
Dem packenden Vortrag wurde lauter Beifall zu teil, dem Landgerichtsrat Schnteckenbecher Ausdruck verlieh. Dieser forderte, nachdem der gemischte Chor des Arbeiterbildungsvereins wieder gelungen hatte, der die schöne Feier recht belebt und gehoben hat, die Anwesenden auf, deut evangelischen Bunde, der in Gießen noch zu wenig Mitglieder habe, beizutreten, oder, falls sie schon Mitglieder feien, für den Verein zu werben und ihn fördern zu helfen.
Nach dem Gesang zweier Liedervorträge war der offizielle Teil des Festes beendet.
•* Besichtigung. Professor Dr. Elbs und Privatdozent Dr. Brand besuchten am Samstag vormittag mit ihren Hörern die Aktienbrauerei, wo ihnen vont Braumeister Grallert alle Einrichtungen zur Biererzeugung gezeigt wurden.
"Die Vereinigung für gerichtliche Psychologie und Psychiatrie ist am 5. November in der Aula der Universität zu einer Gründungstagung zusannnengetreten, über die nur morgen einen ausführlichen Bericht bringen werden. Ter Vorstand der Vereinigung setzt sich aus neun Mitgliedern zusammen, und zwar drei an§ jeder Provinz.
** Vermißt. In der Nacht vom 5. auf 6. l. Mts. hat das 1874 geborene Fräulein Emmy Winkler ihre elterliche Wohnung hier heimlich unter Umständen verlassen, die die Annahme rechtfertigen, daß ihr ein Unfall zugestoßen ist oder daß sie sich ein Leid angetan hat. Die Vermißte ist etwa 1,60 Meter groß, von schlanker Statur, hat dunkelbraunes Haar, dunkle Augen und Stumpfnäschen. Sie ivnr bekleidet mit braunem Kleid, schwarzem Iaket, schwarzem Strohhut und weißer Leibwäsche, gez. E. W. Die Polizei ersucht um Anstellung eifriger Nachforschungen nach der Vermißten. Sie hat eine Belohnung von 3 00 Mk. ausgesetzt.
** Aus dem Bureau des Stadttheaters. Auf die morgige Volksvorstellung „Journalisten" sei noch besonders hingewiesen. Das Werk hatte bekanntlich in flotter Aufführung hier einen starken Erfolg zu verzeichnen und dürste sich sowohl seines ernsten wie heiteren Eharakters sowie Situationen wegen ganz besonders für eine Volksvor- stellung eignen.
** Der sozialdemokratische Wahlverein verhandelte, so berichtet mein uns, am Samstag abend im Restaurant „Zum Ritter" über die bevorstehende Stadtverordnetenwahl, die nach der Bekanntmachung der Bürgermeisterei in der letzten Nummer unseres Blattes schon am 15. ds. Mts. stattfinden wird. Vor Eintritt in diese Verhandlung bat der Vorsitzende, Kontrolleur Beckmann, die nicht zum Verein gehörenden anwesenden Personen das Lokal zu verlassen. Stadtverordneter Krumm, Redakteur Vetters und der Geschäftsführer Fnurier sprachen zwar ihr Verwundern auS über den Ausschluß der Oeffentlichkeit, von dem eben nur ein Vertreter der Presse betroffen wurde, da man ja nichts heimliches zu verhandeln habe, aber Veekmann beharrte bei seiner An- sicht. Es ist seit langen Jahren das erste mal, daß die Sozialdemokraten hinter verschlossenen Türen verhandeln.
** Alldeutscher Verband. Ein echt nationaler Geist durchwehte die Versammlung, in der Landtags- und Reichsratsabgeordneter Fr. Schreiter aus Leitinekih über: „Das Deutschtum in Oesterreich und die gegenwärtige politische Lage daselbst" sprach. Der Redner gab ein anschauliches Bild der Kämpfe, die unsere dortigen Stannnes- genoffen gegen das mächtig andringende Slaventum zu führen haben. Hat das Slaventum erst einmal Deutsch-Oesterreich bezwungen, dann wehe dem jetzt noch festgefügten Deutschen Reich! Leider will man in Deutschland vielfach die Gefahr, die uns von Osten droht, nicht erkennen und steht der deutschnationalen Bewegung in Oesterreich völlig teilnahmlos und ablehnend gegenüber. Ja, man verurteilt oft das scharfe
Auftreten der österr. Alldeutschen. Mit Humanitätsduselti ist aber in Oesterreich nichts getan, besonders den Tschechen gegenüber. Diese sind von allen slavischen Völkerstämmen dem Deutschtum am gefährlichsten; einmal wegen ihrer starken Kopfzahl, zum anderen durch eine höhere Intelligenz, die sie vor den übrigen Slaven auszeichnet. Dazu kommt noch, bafo die Tschechen ein kräftig entwickeltes Nationalbewußtsein besitzen und den politischen Kampf mit einer Rücksichtslosigkeit, die ihresgleichen sucht, führen. Besonders schwer ist für die Deutschen in der Ostmark der Kampf um die Erhaltung ihres Volkstums, da ihnen auch die klerikalen und die adeligen Großgrundbesitzer feindlich gesinnt sind. Ebensowenig haben die Deutschen von der österreichischen Negierung etwas zu erwarten. Daß es soweit kam, lag au der Schlafmützigkeit und Gleichgültigkeit der Deutschen, besonders der deutschen liberalen Partei. Diese gab zu einer Zeit, da sie die Macht noch in den Händen hatte, den tschechischen Forderungen stets nach, und so wurden die Deutschen nach und nach -an die Wand gedrückt. Erst die Badeni'schen Sprachverordnungen rüttelten das Deutschtum aus feiner Lethargie auf. Mächtig setzte die deutsch-völkische Bewegung in Oesterreich ein. Sie darf getrost in die Zukunft schauen, auch wenn sie die Hilfe der Reichsdeutschen vorausfichtlich nicht zu erwarten hat. Durch die alldeutschen Gruppen um Schönerer und Wolf — Redner gehört zur Parteirichtung des letzteren — wird das nationale Bewußtsein in der deutschen Bevölkerung immer mehr geweckt. Diese Parteien verlangen vor allem die Einführung der deutschen Sprache als Staatssprache. Sie haben jederzeit den österreichischen Einheitsstaat gefordert, während die übrigen Völkerstämme nur sörderalistische Interessen verfolgten. Trotzdem werden die Deutschen von der österreichischen Negierung in keiner Wesse geschützt. Darum stellen die österreichischen Alldeutschen das Interesse um die Erhaltung ihres Volkstums dem Ctaatsinteresse voran und hoffen — mag man sie deswegen auch des Hochverrats u. dergl. bezichtigen — daß einmal die Zeit kommen werde, wo sie wieder mit ihren reichsdeutschen Brüdern vereinigt werden. Diesem Gedanken gab der Redner m einem von ihm verfaßten Gedichte, dessen Schlußstrophe hier einen Platz finden möge, Ausdruck:
Und nennt man uns Träumer, Verräter am Thron, Laßt beißet die Glut im Herzen loh'n.
Man bat auch jene einst Träumer genannt, Verspottet, verhöhnt, geknechtet, verkannt. Die dereinst träumten vom einigen Reich Und doch ist's geworden und keins ist ihm gleich. Drum tragt es im Herzen an Donau und Rhein: Das Deutschland der Zukunit muß Alldeutschland sein. Dröhnender Beifall folgte diesen Worten. Eine gemütliche Nachfeier schloß die in so erhebender Weise verlaufene Versammlung, die von der akadem. Jugend äußerst zahlreich, von dem Bürgertum dagegen nur schwach besucht war, was im Interesse der nationalen Sache sehr zu bedauern ist.
** Das Kaiserliche Postamt läßt bei den Env psängern von Postanweisungen und Nachnahmesendungen freiwillige Unterschriften sammeln, wonach die Unterzeichner auf die Bestellung solcher Sendungen durch die Postboten an den Sonntagen Verzicht leisten. Der Gedanke, auf diesem Wege den Bestellern dieser Sendungen einen leichteren Sonntagsdienst zu verschaffen, soll bei den Geschäftsleuten in unserer Stadt vielfach schon Entgegenkommen gefunden haben.
** Der nächtliche Besuch der Bahnhofswirt- schaft. Die Großh. Betriebsinspektion hier macht heute bekannt, daß zur Vermeidung ungehöriger Austritte, hervorgerufen durch Besuchen der Bahnhofswirtschaft, diese künftig von 1 b i s 31/2 Uhr nachts geschlossen sein wird.
* Ex perimental vortrag über Radium. Ter Physiker Algardt aus Berlin wird heute abend 8 Uhr im Neuen Saalban einen Exverimcntalvortrag über das neue Wunderelement Radium halten. Wenn sckwn die Entdeckung der Nöntgenskrahlen ein großes Aussehen in der ganzen Welt erregten, so war das in noch viel höherem Maße der ftaU, als im Jabre 1898 das Ehepaar Curie in Paris zum ersten Male ein allerdings nur gan; winziges Quantum eines neuen Elementes herstellte, dessen Eigenschaften ans Wunderbare grenzen und heute noch den Männern der Wissenschaft rätselhaft sind. Tas Radium straht fortwährend Licht aus, das es aus keiner stcmden Quelle empfangen hat; dieses Licht durchdringt — wie die Röntgenstrahlen — Holz. Papier und selbst Metall; es schwärzt auch die photographische Platte. Außerdem sendet das Radium auch Wärmestrahlen aus, da es aus sich selbst 2 bis 3 Grad wärmer ist als seine Umgebung. Tie Radiumstrahlen finh_ auch in der Medizin zur .Heilung von Krebs und Lupus mit Erfolg angewandt tvorden; anderseits aber sind sie auch sehr gefährlich, indem schon durch einige Tausendstel Gramm Verbrennungen der Haut hervvrgernseu werden können, die sehr schwer heilen. Tie ganze Menge des bis jetzt überhaupt hergestellten, Radiums beträgt höchstens 5 Gramm; der gegenwärtige Preis dieses seltenen Stoffes beträgt 600 Mark für ein Tausendstel Gramm. lHerr Algardi besitzt 25 Milligramm.) Tie günstige Geleaenheit, dieses »runderbare Element kennen zu lernen, wird gewiß allen Gebildeten hochwillkommen sein.
m. Wieseck, 6. Nov. Bei der am' o. November 51t Wieseck stattgehabten Gemein de ratswa hl wurden gewählt : Heinrich Becker mit 225 Stimmen, Melchior Küm - mel mit 221 Stimmen, Ludwig Deibel IV. mit 201 Stimmen. Damit haben die bürgerlichen Kandidaten einen glänzenden Sieg über den sozialdemokratischen Wahlverein davougetragen. Dieser hatte daftir agitiert, daß man die beiden bewährtet! Gemeinderatsmitglieder Becker und Kümmel nicht wiedertvählen solle. Mit erheblicher Majorität erfolgte aber dennoch deren Wiederwahl, und Wieseck hat damit erreicht, daß man ihm ferner nicht den Ruf zuschreiben kann, daß die Sozialdemokratie .Herrin der Gemeinde sei.
d. Mainz, 6. Nov. Da8 israelitische Hospital mit Pfründner haus auf der Gonsenheimer Gohl ist vollendet und wird nach seiner Einweihung am 15. November, an welcher Feier die staatlichen und städtischen Behörden teilnehmen, seiner Bestinunnng übergeben. Der Plan zu den Häusern wurde vom Architekten Wiesth entworfen. Vorläufig können 16 bis 20 Kranke untergebracht werden. Die Anstalt untersteht einer Oberin, die in einen: Berliner Kranken- hause längere Jahr^c tätig war. Im Pfründnerhaus können zivöls Personen nntergebrachi werden. Der Bau der beiden Häuser stellt sich mit der Einrichtung auf 170 000 Mark.
Bretzenheim, 5. Nov. Zur Erweiterung des OrtS» bauplanes kaufte die Gemeinde ein großes Stück Ackerland von hiesigen Grundbesitzern an und zahlte für das Klafter 10 Mk., um eS zu Bauplätzen und Straßen ein« zutcilen und wieder zu verkaufen. DaS angekaufte Gelände ist gerade so groß wie der jetzige Flächeninhalt des ganzen Ortes.


