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6.12.1904 Drittes Blatt
 
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recht-)', unsere Staatsmänner machen sich zu Han^rnigern eines Nikolaus II. Der Königsberger Prozeß ist eine Schmach für Deutschland, eine Blamage, wie Ivir sie nie erlebt haben, eine Niederlage sondergleichen! (Oho! rechts.) Da stellte sich heraus, daß unsere Staatsleute von Rußland gefälschte Nebersebungen er- balten haben, da stellte sich heraus, daß der preußische Justizminister leine Ahnung von den Gesetzen habe. (Uiuiilic.) In jedem an­deren Lande wäre ein solcher Minister sofort nach dem Prozeß mit Scbimpf und Schande entlassen worden. (Große Unruhe.) Bei unS heißt eS: Jetzt erst reckst nicht! WaS sich Justizminister in Deutschland erlauben können, das hat ja erst in den letzten Tagen der Prozeß Rublll'at gemeint.

Alö neulich der Kaiser Von Rußland 20 Meilen von der Grenze entfernt eine Herrschau abhiclt, da wurden ertni der Obcr- präsident von Ostpreußen und der preußische kommandierende General kommandiert, um der Parade beiunvohnen, und alS kürz­lich der Kaiser dicht an der obcrschlesischen Grenze !var, da wurde er von jenseits der Grenze von russischen Soldaten begrüßt und ließ. jedem von diesen ein blankes Zweimarkstück auZhändigen. Gegen­über den Beschießungen deutscher Schiffe durch die russische Flotte bat sich die Regierung äußerst zurückhaltend gezeigt. Da§ alles beweist, wie abhäiufig wir doch von Rußland sind.

Nun zur inneren Politik! Was sind wieder im Laufe des, JahreS für eine Menge von Urteilen vorgekommen, die man als Ausfluß der Klassenjustiz bezeichnen muß! Hätte an Stelle des Herrn v. Mirbach ein Sozialdemokrat ausgesagt, er wisse nicht, wo: die 350 000 Mark geblieben sind, die Romeik ihm übergeben hat er wäre wegen Meineids unter Anklage gestellt ebenso wie I jetzt im Prozeß Ruhsrrat der Kellner Maier. (Sehr wahr! links.) Aber Herr v. Mirbach ist der Mann, der fort und fort das Wort Christentum im Munde führt. Sehen Sie sich die Zustände in den Bolls sch ulen, in den Kinderasplen an! Das ist eine Not, ein Elend, ein Jammer, da sollte man das Geld aufwenden, da ist eS nötiger, als für Kirchcnbauten. Und wo haben wir die Gleich- berecktigimg der Arbciterklasie mit den anderen Gesellschafts- schiLten? Die steht es mit dem KaiserwortDie Staatsbetriebe sollen Musterbetriebe fein*? Man sehe sich den Prozeß im Saarrevier an! Die Grundrechte des Arbeiters wurden da mit Füßen getreten. Das sind die Zustände im Gegen- wartsstaar drS Grafen Bülow! Wo bleibt das seit Jahrzehnten versprochene Reichs-Vereins- und Versammlungsrecht? Wo bleibt die Sicherung deS Koalilionsrechts? Rückwärts! Rückwärts! heißt. c5 überall. Und da sollen sich die Massen für diese Zustande be­geistern? Charakterlosigkeit, Strebertum, Feigheit, Heuchelei: das ist das Charakteristikum unserer Gesellschaft. Tenkmalsent büllungen, Paraden, Jubiläen, Kircheneiweihungcn: für die herr­schenden Klasse^ bangt der Himmel voller Geigen. Man könnte fast , glauben, Deutschland sei ein großes Freudenhaus (Schallendes j Gelächter. Große Heiterkeit), in dem man sich nach Belieben amü- fieren kann. Vom Ernst des Lebens kann mau absolut nichts sehen. Alles Schöne und Gute ist aus diesem Reich verbannt. Für ein solches System sind wir freilich nie zu haben. (Lebhafter Beifall, bei den Soz.)

Reichskanzler Graf Bülow: Das der Herr Abgeordnete Bebel soeben über Jena gesagt bat, und daß das deutsche Volk Anlaß ' hätte, das Jubiläum der Schlacht bei Jena zu feiern, hat mich nicht Wunder genommen. Es stimmt ja dem Sinne nach mit dem überein, was er in diesem Sommer auf dem internationalen Partei tag in Amsterdam über Sedan gesagt hat, und daß er cs sich wohl; gefallen lasten würde, trenn auch wir mal ein Sedan erlebten. Ter Herr Abg Bebel bar weiter gemeint, die Früchte eines großen eure päischen Krieges würden in erster Linie die Sozialdemorkatic da vontragen. Diese Auffassung halte ich für richtig und das ist ein Grund mehr, warum die Regierungen in allen großen Ländern festhalten teerten an ihrer jetzigen ruhigen und besonnenen Friedenspolitik.

Das ist aber auch wohl der innere Grund für die Art und Weise, wie die Sozialdemokratie sich zu dem ostasiatischen Konflikt stellt. Ich babe schon im vergangenen Frühjahr hier einen Aufsatz vorgelesen eines der erleuchtetsten Köpfe der sozialdemokratischen Partei, eines ihrer Führer, des Herrn Dr. Kautslp, wo eingehend dargestellt worden war, die Sozialdemokratie müsse den gegen wärtigen oftasiatischcn Krieg benutzen, um überall den Regierungs­antritt der Sozialdemokratie, die Diktatur des internationalen Pro-: letariats, vorzubereiten. Die Sozialdemokratie will ja gar nicht, daß wir dem ostasiatischen Kriege gegenüber neutral bleiben. In Wirklichkeit möchte die Sozialdemokratie uns gegen Rußland ver­hetzen. Sie möchte einen großen Druck- der öffentlichen Meinung hervorbringen, um unserer auswärtigen Politik Schwierigkeiten zu bereiten, um uns Hindernisse in den Weg zu legen und am letzten Ende vielleicht, um ein kriegerisches Durelieinander zu versuchen, bei dem dann der Weizen der Sozialdemokratie blühen könnte. Wenn die deutsche Sozialdemokratie wirklich eine neutrale Haltung gegen­über dem ostasiatischen Krieg wollte, so würde der Führer dieser Partei sich nicht gegen Rußland in solchen Angriffen ergehen, wie es eben geschehen ist, in Angriffen, die direkt im Widerspruch stehen mit der neutralen Haltung, die das Deutsche Reich dem ostasiatischen Krieg gegenüber einzunehmen bat.

Von einer 'olchen revolutionären Einmischung in die inneren Verhältnisse anderer Länder wollen wir aber nichts wissen, wir haben gar nicht das Recht, in die innerrussischcn Verhältnisse hin- einzurcden, die gehen uns gar nichts an, die gehen uns ebenso wenig etwas an, wie die Rusten unsere Verhältniste angehen. Wenn wir uns jede Einmischung des Auslandes auf das ernsttichstc ver­bitten, (Rufe b. d. Soz.: Königsberg!! so haben wir auch nicht das Recht, anderen die Fenster einzuschmeißen. Sie (zu d. Soz.) wollen international sein, und Sie gefährden die internationalen Be­ziehungen, Sie predigen gegen den Krieg und Sie suchen selbst den Krieg herbeizufubren. Sie erklären, daß unsere ruhige und be­sonnene Politik eine phantastische wäre, die überall Händel sucht, und Sie empfehlen uns eine Politik, die, wenn wir sie einschlagen wollten, uns in Schwierigkeiten mit aller Welt verwickeln würde. Wenn übrigens Herr Bebel sich in dieser Weise gegen die russische Autokratie echauffierte, so spotte er seiner selbst und weiß nickt wie, denn die Führung, die Art und Weise, wie er seine eigene Partei leitet, steht ungefähr auf der Höhe dessen, was ihm an Rußland nicht gefällt. (Große Heiterkeit.) Die Freiheit in seiner Partei und in den Organen seiner Partei erreicht ungefähr den Grad der Freiheit in Rußland. Die Ordnung der Dinge, die er bei uns herbeiführen will, die Zukunftsgesellschaft, die er uns etablieren will, die würde jeden Tcsvotismus in den Schatten stellen. Wer­den Sie erst selbst liberal, begreifen Sie selbst daS Wesen wahrer Freiheit, bevor Sie anderen das Wesen Ihrer Freiheit importieren wollen. (Lebhafte Zustimmung rechts.)

Was nun die Bc ichießung einiger deutscher Handelsschiffe und die Bejchießung des Geestemnnder DampfersSonntag" betrifft, so haben wir, sobald die ersten Nachrichten über die Zwischenfälle bei uns eingetroffen sind, cil'.gegriffeu und ich freue mich, sagen zu können, daß die russische Regierung unseren oercchtigtcn Forderungen willig ent­gegengekommen ist. Auf diese Weise ist es möglich gewesen, diese Zwischenfälle glatt aus der Welt zu schaffen. Sie rvissen, daß die Fragen des Seerechts und des Völkerrechts sehr schwieriger und verwickelte Natur sind. Um so ratsamer erschien cs mir, den Vcr such zu machen, in jedem einzelnen Fall diese Zwischenfälle auf diplomatischem Wege aus der Welt zu schaffen. So haben es auch andere Regierungen gemacht, die sich in derselben Lage befanden, auch sie baben den Weg diplomatischer Verhandlungen beschritten. Sie waren freilich nicht nach dem Sinne mancher Leute, die gerade bei diesem Anlaß ein besonders forsches Vorgehen von uns ver­langten. Namentlich im sozialdemokratischen Lager zeigte sich da­mals sie zitterte j.i noch in der Rede des Herr,i Bebrl noch erne lebhafte Sehnsucht noch der gepanzerten Faust (Hört! hört!), die Ihnen (zu den Soz.) sonst nicht sympathisch ist. Da wurde nur schon im Sommer ich war noch in Norderney geraten, ich möchte, ohne eine russische Erklärung abzuwarten ^ie deutsche

Flotte ohne werteres nach Kronstadt schicken. Und als der Geeste- mündcr Fischerdampfer beschosten wurde ich konstatiere hier an der Hand der mir vorgclcgten spezics facti, daß an Bord des Dampfers niemand verletzt ist, daß der Dampfer selbst unbeschädigt ist, und daß der Schadenersatz, den die Reederei beansprucht, sage und schreibe auf 3065 Mark berechnet ist; der Landrat in Geestemünde glaubte aber, daß eine Entschädi­gung von 1500 bis 2000 Mark ausreichend wäre also, als sich diese Ercigniste zutrugen, wurde der Lärm im sozialdemokratischen Lager ganz fürchterlich. Herr Bebel hat eben gesagt: Ucber allen Wipfeln war Ruh'. Na, ich danke. (Große Heiterkeit.) Vor mir liegt sein Moniteur, derVorwärts*. Da hieß eS, sobald die ersten Nachrichten iiber die Beschießung cingetroffen waren, als ich noch gar nicht die Möglichkeit hatte, irgendwclckic Schritte zu unter­nehmen:Die deutsche Regierung nimmt sich ungeheuer viel Zeit, um auch nur die Tatsachen gegenüber dem russischen Reich festzu- stellen; wenn sie in demselben Tempo die Sache verfolgt, wird sie lange Zeit brauchen, um mit einer Sühnefordcrung an Rußland heranzutreten." In einem anderen Artikel heißt c5:Was speziell Deutschland anbelangt, so muß mit dem größten Nachdruck gefordert werden, daß Deutschland zu der allgemeinen Verletzung des Völker­rechts Stellung nimmt und daß sofortige Aufklärung erfolgt. Jedes Schweigen muß den Eindruck erwecken, als ob Deutschland seinen Rußland geleisteten Diensten noch einen neuen hinzufügen will. Gleichviel, wie Bülow über die nationale Würde denkt, das deutsche Volk hat zu verlangen, daß eS so nickt länger der Verachtung an­derer Nationen preisgegeben wird." Ter sozialdemokratischen Preise sekundierte in dieser Sackie die demokratische. DieVolks­zeitung* bracklc einen überaus schneidigen Artikel unter der Ueber- scbrift:Bülow beraub!" (Große Heiterkeit ) Da hieß es:Was wird der Reickskanzler tun, um diesem, allem Völkerrecht Hohn sprechenden an die Pieris der marokkanischen Seeräuber erinnern­den Gebabren Genugtuung zu verlangen?* Selbst dos ..Berliner Tageblatt" da? in auswärtigen Fragen sonst verständig ist, schrieb: Man müsse verlangen, daß die Regierung sich in diesem Falle ebenfalls nickt die Butter vom Brot nehmen lasse, wie daS Kabinett von St. James " Warum eigentlich? Sie fanden cs ganz uner­hört, daß wir den Marokkanern auf die Finger klopften, weil sie ein deutsches Handelsschiff ackavert hatten, sie protestierten, als wir die Ermordung deutscher Missionare durch die Boxer nicht duldeten. Sie verhielten sich ganz rnhia, als die Herero ihren deutschen Far­mern den Hals abschnitten. Sie wünschen, daß wir das Hereroland wieder räumen sollten. Bei Zwischenfällen aber, luic sie Neutralen gegenüber kaum zu vermeiden sind und trotzdem augenblicklich die russische Negierung sich bereit erklärte, jealiche Genugtuung zu ge­währen. und obwohl die anderen Mächte sich in derselben Lage be­fanden wie mir. die Zwischenfälle ganz versöhnlich nahmen, da wollten Sie daß wir sofort vom Leder sogen. (Heiterkeit.)

Als unser korrektes und verständiges Vorgehen von vollem Erfolge gekrönt war, da meinte derVorwärts", daß die Genug­tuung, die wir uns verschafft hätten, außerhalb jeder Kritik lägen (.Heiterkeit), ja. sc drückte er sich au5. Aber selbst die Engländer waren damals der Sozialdemokratie nicht forsch genug. Als zur Befriedigung nffer vernünftigen Leute der Hüller Zwisä-cnfall seinen ahnen Charakter verlor, da schrieb derVorwärts": Ter fetzige Aukaana de? Konflikts fei für England keineswegs so rühm­lich, wie c3 cnfanq5 den Anschein gehabt hätte. England hätte unter diesen Umständen trotz allen Säbelgerastels ziemlich klein beigcgebeu. , Und dasselbe sozialdemokratische Blatt, daö so oft bc- ba"ptet. Kriege und Konflikte entspringen nur aus der gegenwär­tigen Ordnung der Dinge, aus der heutigen Gesellschaftsordnung, das io cft geschrieben, im Zukunftsstaat, in der Zuknnftöwelt würde es keine Krieg- und Konflikte mehr geben na, Herr Bebel, was haben Su stlbfr beriiber für nette Sacken geschrieben (Heiterkeit) in Ihrem BuckeTie Frau*, was habe ick da für hübsche Sachen gelesen über da? idyllische und friedliche Tasein unter (zum Abg. Bebel) Ihrer Leitung (Stürmische Heiterkeit) dieser selbe Vorwärts* schrieb als zur Genugtuung, wiederum zur Genug­tuung aller verständigen Leute der Hüller Zwischenfall einem SchiedSo-rickt unterbreitet wurde:

Noch nnwahrscheinlichcr dünkt nu5 die Petersburger Mel­dung, daß die englische Regierung der russischen den Vorschlag gemacht habe, den Zwischenfall einem Schiedsgericht gemäß den Haagc.- Scflinuiunmeu zu unterbreiten Würde sich England auf eine solche Verschleppung dcb Falles einlassen, so hätte c5 unstreitig an Prestige unendlich verloren. Wir zweifeln nicht daran, daß England sich vollständig Ge­nugtuung versckaffen könnte, wenn e5 nur Rußland gegen­über seinen unbeugsamen Willen zeigte. Es könnte durchaus nicht nackzuqebcu. Die ersten scharfen Scküsse würden Rußland zur Nachgiebigkeit ztvingen. England bat hier die beste Gelegenheit, zu zeigen, ob cs tvirklich auch mit einer Großmacht anzubindcn wagt oder ob es gleich anderen Staaten nur den Heldenmut l'efitzt, gegen winzige kleine Staaten vorzu­gehen." (Hört! hort'.)

DaS ist ein febr bösartiger Hetzverinch (Sehr richtig ft und der erklärt wahrscheinlich auch die Tatsache, daß die Nachricht auf* tauchte, wir suchten während oder nach dem Hüller Zwischen­fall Rußland und England mit einander zu verhetze«. Wir,, d. h. die vernünftigen Leute, die große Mehrheit dieses hohen Hauses hätte es versucht, anläßlich des Hüller Zwischenfalls, bei dem wir ja garnickt beteiligt waren, der u«S gornichtS anging. Also damals forderte, unS derVorwärts" auf im Namen der sozialdemokratischen Partei, sofort einen energischen Protest gegen Rußland zu erlassen. Er schrieb damals: Der Fall mit der englischen Fischerflottille hätte zu einer internationalen Frage gemacht werde« müsse«, de«« alle Natio«en feie« a« ihm interessiert. Hierzu sei auch von unserer Seite jeder Anlaß vorhonden, umsomehr als auch aller Wahrscheinlichkeit nach ein deutsches Fahrzeug beschädigt worden sei, ivas eine gröbliche Mißachtung des Völkerrechts bedeute. Alle Staate«, also auch tvir hätte« gegen die russische Regierung Protest erhebe« solle« imb den englischen Protest zu dein unsrigcn erheben müssen. Nun, ick hoffe, daß Sie diese Reizbarkeit des Nationalgefühls auch bei anderen Gelegeuheiie« zeigen werden. (Sehr gut! und Heiter­keit.) Ich verüehe nicht, loie unter solchen Umständen Herr Bebel nicht mit beiden Hände« für die Forderungen meines Kollegen von Einem gestimmt hat. (Heiterkeit.) Ich hoffe, daß er nun­mehr bei jedem Anlaß uns die Wittel bewilligen wird zu Lande und zu Wasser. (Crnieiitc Heiterkeit.) Angesichts einer so kampf- bereitcii Politik, wie er und sein Leiborgan sic enipfiehlt, must er uns auch den nötigen Rückhalt geben. Denn mit dem großen Munde allein n't es nicht getan, dos wird Herr Bebel selbst zugebcn. (Gr. Heiterkeit.) Nun hat Herr, Bebel auch gesprochen von unserer eigenen Würdelosigkeit ich glaube, so sagte er, er liebt ja die starken Worte, von unserem Mangel an Selbständig­keit gegenüber Rußland. Davon ist gar keine Rede. Wir wollen uns ober auch nicht von ihm mit Rußland bronüiercit lassen. Angriffe, wie sie eben Herr Bebel gegen Rußland gerichtet hat, sind doppelt bedauerlich während eines Krieges (Sehr richtig!), denn gerade ivährend eines Krieges, wo die Empsindlichkeit, die Leidenschaft doppelt groß ist, da soll sich der Unbeteiligte eines möglichst großen Taktes befleißigen (Lebhafte Zustiinmung); der ist aber freilich unter den Menschen sehr verschieden verteilt. (Stür­mische Heiterkeit und Zustimmung.)

Herr Bebel hat auch den Königsberger Prozeß berührt, die Voraussetzungen, unter denen er eingeleitet ist und die Art unb Weise, wie er geleitet worden ist. Ucber den Gang und die Modalitäten dieses Prozesses wird der preußische Justizminister ant- ioorle« an zuständiger Stelle (Aha! und Gelächter links.) Für meine Person aber möchte ich ihm sagen: die Kritik, die an diesem Prozeß geübt worden ist, bewegt sich auf dem Gebiet der Verschiedenheit der juristischen Auffassung (Lauteö Gelächter bei den Soz.) Wenn Fehler begangen sind, so liegen sie auf dem Gebiet der juristischen Meinungsverschiedenheiten (Erneutes Gelächter links). Es handelt sich in diesem Prozeß aber nicht um theoretische Fragen, nicht um juristische Fragen, sonder« um die in Königsberg festgeftellte Tatsache, daß die deutsche Sozialdemokratie

mit vollem Bewußtsein daran arbeitet die in Rußland bestehende Ordnung der Dinge umzustürzen. (Unruhe bei den Sozialdemokraten.) daß die Sozialdemokratie zu diesem Zwecke Schriften revolutionären und terroristischen Inhalts in Rußland verbreitet habe (Wider­spruch bei den Soz.), daß diese Schriften auch den Zweck verfolgten, die in Rußland bestehende Regierung zu stürzen. (Große Unruhe bei den Soz.) Solche direkte gegen die Regierung eines uns befteundeten Landes gerichteten Treibereien sind nur geeignet die guten, friedlichen Beziehungen zu unferm Nachbarn zu gefährden. Die inneren Verhältnisse in Rußland gehen unL gar, nichts an und wenn sie zehnmal schlimmer wären als die in Dahome. Wir haben die Pflicht, feindselige Handlungen gegen eine uns befreundete Ne­gierung zu verhindern. (Ruf von den Soz.: Das ist unwürdig 1) Ich höre eben den ZwischenrufUnwürdig!" (Mit erhobener Stimme:) Ein solcher plumper Angriff reicht nicht an mich heran (Beifallt er fällt auf den zurück, der in unsere Verhandlungen eine solche Tonart einführt. (Lebh. Beifall rechts, Lachen b. d. Soz.) Wenn in Königsberg eine Verurteilung ivege« Hochverrats nicht erfolgt ist, so geschah das aus formalen Gründen. Die Verhandlungen haben aber keinen Zweifel über die Schuld der Angeklagten gelassen. Sie haben keinen Zweifel darüber gelasse«, daß die deutsche Sozial­demokratie mit Bewußtsein die Tendenz verfolgt und eine Tätigkeit entfaltet, die, wenn wir sic ungehemmt vor sich gehen ließen, unser Verhältnis zu Rußland schädigen und beeinträchtigen werde. Die deutschen Sozialdemokraten haben offen erklärt, daß sic im Interesse des allgemeinen Umsturzes den Umsturz auch in Rußland herbeifüren wollten. Der Rechtsanwalt Liebknecht erklärte, es wäre die vornehmste Aufgabe des von der Sozialdemokratie geführten deutschen Volkes (Zuruf recht': Verführten!) tatkräftig zur Befreiung des russischen Volke? mitzuwirkcn. Das heißt dock mit dürren Worten: Rußland provozieren, anrcmpehi, Krieg mit uns anzufangen. (Lachen und Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) In einer Versammlung in Königsberg luuvbc eine Resolution angenommen, in der es als Pflicht inkernationaler Solidarität erklärt tvird, die Russen zu unterstützen, bis Rußland in einen modernen Rechtsstaat umgcwandelt sei (Lebhafter Beifall bei den Sozial­demokraten). Vorher hatte der Abg. Haase erklärt, eS sei eine Pflicht aller Sozialdemokraten, von jetzt ab noch vielmehr für die Verbreitung russischer Schriften zu tun (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten). Und in einer Berliner Versammlung erklärte der Abg. Liebknecht (Zuruf: der Rechtsanwalt Liebknecht!) na ja, der durchgefallene Abgeordnete Liebknecht (Unruhe bei den Sozial­demokraten).

ES muß jeder Parteigenosse dazu beitragen, daß die Bastikb des Despotismus gestürzt wird. ES lebe die russische Freiheit! (Stürmischer Beifall bei den Soz.; Lachen rechts^. Unb darauf folgte gerade so stürmischer Beifall, tote jetzt bei Ihnen (Heiterkeit rechts). In derselben Rede sagte Herr Liebknecht über die Ermordung des riissischen Ministers von Plehtoe:Der Bluthund ist gerichtet; der Täter hat dabei sei« eigenes Leben in die Schanze geschlagen, nm den Tyrannen zu stürzen. Ein ehrendes Andenken ist diesem Helden sicher. Wir aber haben die Pflicht, die russische« Sozialdemokraten zu unterstützen, so oft toir das können!"Lebh. Beifall" sicht dahinter. Und da ivollen Sie bestreiten, daß, toenn Sie das Heft in die Hand bekäme«. Sie uns in einen Krieg mit Rußland verlvickeln werden wohlgemerkt: nachdem Sie uns vorher wehrlos gemacht hätten durch Einführung Ihres Miliz- systemS. (Lachen bei den Sozialdemokraten.)

Nu« ist Herr Bebel atick damit nicht einverstanden, daß ich einen englischen Journalisten empfangen habe. Ich habe Mr. Bashford niwtS gesagt, was für das deutsche Publikum etwas Neues luärc. Ick habe ihm mir daS gesagt, waS die große Mehrheit der v c r st ä u d i g e n Deutschen iintersckreibt; ich uiiterstreichc das Wort verständig ganz besonders. Wann ich es für richtig und .zweckmäßig halte, die öffentliche Meinung anderer Länder zu orientieren, das behalte ich mir selber vor. Und wenn Herr Bebel weiter gesagt hat, ich hätte diese Auseinandersetzung im Reichstag machen sollen, so glaube ick, daß es wenige Minister deS Auslvärligen gibt, die sich so oft und so eingehend über die auswärtige Politik aussprechen, Ivie ich es hier getan. Ich bin aber nicht der Feuerwerker (Heiterkeit), der 2, 3 mal jährlich auftritt, um sein Feuerwerk abzubrennen (Heiterkeit). Wenn und toie ick über auswärtige Fragen hier sprechen will, das hängt lediglick von dem ab, waS ich im Interesse des Landes für nützlich und zweckmäßig halte, und daS bestimme ich. Der Grund, warum ich Herni Bashford empfangen habe, war die unverkennbare und leidige Tatsache, daß eine gewisse Zahl engliscker Publizisten den Platz in der Presse dazu benutzten, um Unkraut zu säe« auf dem Acker der deutsch-englischen Beziehungen. In der Polittk darf man nickt warten, bis der himmlische Gärtner das Unkraut vom Weizen sondert (Lachen bei de« Soz.), sonder« da niuß man zugrcifen, auch wenn das Jäten eine unerquickliche Arbeit ist. Darum habe ick schon zu Anfang November Herrn Bafhford empfangen, der dann die Sache Anfang Dezember veröffentlichte. Ich hielt cs für nützlich, einige besonders stattliche Disteln unter dem Un­kraut berauszuwählen: wir hätten uns in die Tibet-Angelegenheit hinein- gemiicht, wir hätten im Hüller Zwischenfall gehetzt: alles un- verfchärnte Lügen. Ich habe mich bemüht, einer publizistischen Kampagne entgegenzukrcten, die nicht erst seit gestern unsere friedlichen Beziehungen zu England zu stören verfucht.

Wen« aber solche Hetzer zur Basis ihrer Angriffe ihrer Verleumdunge« kann ich wohl sagen die Behauptung nehmen, als wenn lvir mit unserer 'Flottenpolitik aggressive Pläne gegen England verfolgen, und wenn zu meinem Bedauern auch der Abg. Bebel es nicht mit der wünschenSiverten Klarheit unb apodik­tischen Gewißheit ausgesprochen hat: das ist Verlcumdmig, dann frage ick Sie, ob unsere Flotte andere, als rein defensive Zwecke verfolgt? Auch in Zulunft wird sie keine anderen verfolgen. Dafür sorgt nickt nur unser Friedexsbedürfnis, sondern auch die rapide Zu­nahme der maritimen Machtniittel aller übrigen seefahrenden Nationen. Heute kann keine Mackt auf universelle Seeherrschaft mehr An­spruch erheben. EinCeterum censeo" hätte heute keinen Sinn; was würde denn heute gewonnen werden, wenn cs einer Macht gelingt, einen maritimen Nebenbuhler zu unterwerfen?

Sic wird ihn vielleicht in seinem wirtschaftlichen Organismus zerstören, aber sie wird sicherlich auch ihrem eigene« Handel die schwersten Wunde« schlage«, sie wird die Geschäfte der auderen besorge«, die mit Vergnüge« auf de« leer gebliebenen Plätzen auf den Weltmärkten sich häuslich cinrichten werden. Wer auch als Sieger hervorgeht, er wird nicht ohne die allerschwersten eigenen Schäden zur frieblidien Arbeit zurückkehrcu. Aber ich rechne zu diese« Schäden nicht allein die Wunden deS Krieges selber, sondern auch die Folge«: de« Haß und die Erbitterung jahrzehntelang nachher. Frankreich und Deutschland wissen ein Lied davon zu singen.

Die praktische Schlußfolgeruiig aus meinen Darlegungen ist: Ick kann mir nicht denken, daß der Gedanke eines

deutsch-englischen Krieges bei den vernünftigen Leuten

beider Lander ernstlich Anhänger finden wird. (Sohr richtig!) Wägen wir den ungeheuren Schaden, beit auch beim günstigsten Ausgange der Krieg für daS eigene Land bringt, mit dem zu »Erreichenden ab, so ergibt die Rechnung, daß der Einsatz zu hock ist gegenüber den sicheren Verlusten; deshalb nehme ich auch für meinen Teil die feindseligen Aeußerungen der englischen Presse nicht allzu tragisch.

Redner geht nunmehr auf die Verhältnisse in Süd- westafrika ein und spricht die Hoffnung aus, daß die große Mehrheit des Hauses und des Volkes entgegengesetzte Ansicht lute der Mgeordnete Bebel sind. . (Zustimmung.) Wenn wir den Reichstag im Sommer nicht einberufen haben, so geschah cs, weil sich damals und auch im Frühherbst die Lage in Südwestafrika noch nicht übersehen ließ, und weil wir unS andererseits nach der Stellung, die das Haus bisher eingenommen hat, der Erwartung hingebcn konnten, daß es unsere Maßnahmen billigen würde. (Zu­stimmung.) Es hat sich hcrausgesrellt, daß wir gegen einen an Zahl