Tfcm Graßen Balle,Irem ftnb Aufrrft ^dtreiche Sympithie- bin> '. n un uigciaiVKiL Reic^m-ler Graf B ü low sandte int ttiexintmot Ter Gesamt Vorstand be$ Reid'StageS sprach in rinem Mikfhnnif 11ektrnnmit die Hofftumg auS, Nif; BaNestrem rtv.b Lm<rv Arlnv seinem gcsegnetnl Wirken in alter Reiftet- und v e.dalten bleibe für Reich nnd Land, für seine Fa- milie und seinen oreuitbcS- und VerehrerkrciS.
KitKen als Kandklsstadt im zwciten Iuyllauscnd.
lieber dies bodniitciyffantc Thema hielt am Samötag abend 9 Uhr Syndcku s Hermann Pilz and Leipzig un Neuen Saalbau in <&eßen einen Vortrag. Eine große Anzahl Zuhörer, Damen und Herren, darunter auch Mit- gliedci- der Sektion Metzen von: Verband reisender Muf- icute DeurscküaudS, hatten sich eingefunden. Namens der Sektion Gießen Ijiefj $„x*rr Todt-Gießen die Zuhörer willkommen und bat, and) in Zukunft dem Verein regeS Interesse zu bewahrpn. Hierauf führte Syndikus Pilz etwa folgendes aus: Gdian vor dem 19. Jahrhundert machte fiieb im Wirtschaftsleben eine große Bewegung bemerkbar; die Bedeutung des Handels wuct>S und entwickelte sich im Verkehr mit den Kolonien. TaS 19. Jahrhundert hat den Handel gründlich unrgestaltet. Der frühere Kaufmanns- stand führte zurzeit d.s Zunftwesens ein beschcutlickves Dasein; er hatte eine ständige &mb|dkift und kannte die Hast von heute nicht. Die Spekulation fehlte noch int 18. Jahrhundert. Später wurden jedoch die Zunstvorrechte abgesaxrfst und die Konkurrenz verschärfte sich Aber gerade diese Sckpvierigkeitcn waren die Ursache, daß sich der Handel LU einem Glanze erl>ob, der die Zeit der Jugger und amderer HarldelSkönige weit überftttchlt. 9tur crnS Krisen stoben sich HarrdelSvolker entwickelt. Gerade der deutsche Kruftnann hat Deutschland auS feiner Fedrigkeit hervor- gehoben, daS zeigen die lebten Jal)rzchnte. Tie gewaltige Entwicklung auf dem Gebiete deS Transports seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, die Erbauung von Straßen und Eisenbahnen, daS Dampfschiff, der Telegraph, sie brachten eine ungeahnte Umwälzung des Handels. Tie Leichtigkeit dcS Transports leitet den deutschen Handel ins Ausland, die Messen und Märkte verlieren ihre frühere ÄedQUung, die Kunden wollen besucht sein, der Kaufmann muß 'reisen. Diese Umwälzung brack>te eine neue Entwick- lurrg deS HenXlSherufs mit sich, der Kaufmann ist mehr auf seine Gehilfen angewiesen, rocini er der Konkurrenz tm In- und Ausland widerstehen will. Aus bescheidenen Anfängen hat sich auS dem früheren Krämer der heutige Kaufmann entwickelt. Nur Augsburg, Mrnberg, Frankfurt, Danzig und andere Städte waren früher Bletropole des HandÄ; mit einemmale wurde jetzt der Hcurdel allgemein, der gewaltige Aufschwung reihüe auch Gießen in die Reihe der deutschen Handelsstädte, r— Den ersten Handel in Gießen haben die Ehatten mit den Römern geführt; es war ein reiner Tauschhandel mit Fellen, Honig, Pferden il dergl. gegen die feineren Produkte der Römer. Seit dem 12. Jahrhundert entwickelte sich ein Binnenhandel. In Gietzen war der Markt für die ganze Umgegend- es gab schon früh Handwerker und Gastwirte. 127b eröffnete der Gastwirt Dtenges eine Wirtschaft; er trieb auch Handel. Die Kaufleute aus Süddeutschland
gaben den Anstoß zur Entwicklung der Gießener Kaufmannschaft. Doch die Straßen wimmelten von Räubern und Gesindel, nnd eS bildeten sich die Geleitschaftcn, die für hohe Abgaben die M'kwfleiüc begleiteten und schützten. In Gießen besorgten dies die Herren von Gleiberg. Eö entwickelte sich der erste Handel mit landwirtschaftlichen Produkten: Gemüse, Obst, Getreide, Mohnsamen und Wein. Der Wein aiiS Gietzen am Hardtberg galt als einer der besten damaliger Sorten, und der Weinhandel erhielt sich biS znm Ende des 17. Jahrhunderts. Daneben bestand der Honighandcl und die Viehzucht. Die Naturprodukte kamen auf Midere Märkte. Trotzdem stand der Außenhandel auf einem bescheidenen 9Hi)ean und nahm am Hanfabnnd wenig Tell. Aber fortan reiht sich ein Hande ISztveig an den andern. Wie es in einer alten Chronik heißt, tvurde dnrch Gründung der Universität 1607 daS Brauereigewerbe und die Tabaks ab rikat i on zu einer „eisernen Not- Wendigkeit". Schriftsteller Laufach urteilt im Jahre 1776 über daS Gießener Bier in seinem derben Stil sehr abfällig, ebenso über die Produkte der Branntweinbrennereien: „Wer nicht von einem Quantum von sechs Kreuzer Schnaps berauscht wird, der muß schon ein kapitaler Säufer sein." Große Schwierigkeiten wurden dem Tabakhandcl. Die Krämer mußten durch Verordnung von 1664 schüvcrc Abgaben zahlen, und hohe Stenern lagen aus Tabak. Züchter und Händler erhoben vergebens Protest. 1793 wurde daS Tabakrauchen auf den Straßen verboten, und diese Verordnung bestand Ttüd) bis ins 19. Jahrhundert. Dem Kaffee handel wurde noch übler mitgespielt. 1750 schreibt daS Gießener; Wochenblatt: „Der -wssee ist in Gießen sck>on so gemein, datz man ihn sogar in Häusern findet, wo manchmal kein Brot ist." Da erschien eine Ver- ordnung, die den Kafseeverlaus verbot.^ Das war ein fdimerer Schics für den Handel. Die Stadt verbrauchte fd>on damals für 40 000 Gulden Kajfee und Zucker. Der Rat der Stadt schrieb den Bürgern vor, wieviel Kaffee sie kaufen durften. Eine neue Industrie entstand: man bereitete Surrogate für Kaffee aus Gerste, Kartoffeln, Zichorien, gelbe.. Rüben inib Tickwurzel n. Die Bürger, lvelche Kaffee trinken wollten, mußten sich im Rathause einjchreiben inib ack-t Zvreuzcc bezahlen. Wer von auswärts Kaffee in die Stadt brachte, erhielt zehn Reichstaler Strafe. Eine Vecorbnung von 1776 drohte ebenfalls große Strafen und ölonzesjionscntziehung an. Endlich gab die hesfijck>c Regierung 1797 den Kaff ec krieg aus, unb im selben Jahr wurde das erste öffentliche Eajö konzejjionicrt; dessen Besitzer hieß Philipp Eberhardt Schwalb.
Manche Gclverbsz-veige brachte noch die Universität mit, so den Waffenhandel, Buchhandel und daS Juhr- wejen. Eine miete)(ante Verordnung, die bis 1829 bestand, erließ 1779 die Universität gegen das Borgen der Studenten. Die Kaufleute dursten ihnen nur borgen für 5 Gulden Kaffee und Getränke, P/t Gulden für Fuhren und 1 Gulden jur StufeUvichsen. Johann Philipp Krieger gründete 1750 die Univer)itätsbilchhandlung, eine Leih- vibliotl-ek und das erste periodisch ersd>einende Wock)eri- blatt. Er war aber aud) Kaufnmnn und verkaufte neben Büchern aud; Häringe. TaS Wochenblatt stellte nad). zwei Iahten auf kurze Zeit sein Erscheinen ein. 1765
erscküen eine Verordnung, wonach die Slmifleute ihre Ein- kaussbücher vorllegen mußten. Die Preise oer Waren und Bück)er schlug die Polizei össentlich an. DaS Wochenblatt brachte 1770 eine Schilderung der Stadt: ^Gießen ist noch keine schöne Stadt, daS Vieh wird noch täglid) durch die Straßen getrieben, die Straßen finb schlecht und schmutzig, die Häuser klein und häßlich, unb viele offene Misthaufen und Ställe sind an der Straße."
Während des amerikanischen Krieges entwickelte sich ein G e t r e i d e h a n d e l nach Amerika, und dcchurch, daß die Tabakzufuhr abgeschnitten wurde, hob sich die heimische Industrie bis 1803. Durch die Kontinentalsperre wurde 1806 der Ausfuhrhandel lahmgelegt. Für die heimische Industrie war dies segensreich, denn es befreite von der gefährlichen Koiikiivrenz des Auslandes, aber die Handelstätigkeit war 15 Jahre gelähmt. Als jedoch der Corsar das 19. Jahrhunderts seine Träume auf St. Helena vernichtet sah, da atmete Industrie und Handel auf6 neue auf, trotz der englischen Konkurrenz.
Von da ab beginnt die Zeit des ZollschutzeS. 1334 entstand der erste deutsche Zollverem, dem sich auch Hessen anschloß; dies war der erste Schritt zur deutschen Einheitsbewegung. Die Handelsverträge belebten den Kaufmann lvieder unb die beutschen Produkte erkämpften sich allmählick) den Welttnarkt. Der Norddeutsche Bund brachite neued Blut in das wirtschaftliche Volksleben. 1870/71 erhielt die Nation wieder ihren Platz an der Sonne. Die Zeit des alten Handels wich einem neuen Geist. Deutsche Schisse brack-ten deutsche Produkte und Kultur zu oen Völkern, die vorher verächtlich auf den deutschen Michel gesehen hatten. Äe glorreiche Wiedergeburt Deutschlands brachte einen Siegeslauf des Handels mit sich, uno diesen Wandel hat and) Gießen mit durchlebt. Die Gießener Industrie, die schwere Schicksale überdauert hatte, stand jetzt achtunggebietend da. Gießen nimmt auch am Export und Welthandel teil durch die Erzeugnisse seiner zahlreichen Jndustrieprodukte. 1872 entstand ein mächtiger Auffchtvung, dem später eine EmnatMng und 1876 der NiÄergang folgte. Erst anfangs der 80er Jahre konstatierte die Handels- kanrmer eine Besserung. 1888 war das Bankgeschäft gehemmt, der Fellhandel flogt, der Absatz der Landespro- dukte war schlecht, die Tabatinduscrie stand ungünstig, nur Roheisen gut. Das Vertrauen auf Kaiser Wilhelm II. war berechtigt, seine Jtiedenspolittk brachte eine Neubelebung des Handels. Die Regierungen schlossen Schutzzölle; 1891 wurden die Zölle erhöht, 1892 mit der autonomen Schutz- Politik gebrochen. Der deutsche Exporlltandel atmete auf, 1895 Ivar ein günstiges Handelsjahr bei fast allen Branchen. Die Tabak- und Zigarrenindustrie erreichte 1899 ihren ziulnnnationspunkt, 1900 trat eine Koise ein, gegen Ende 1902 konstatierte die Handelskammer eine Besserung, und heute herrscht ein lebhafter Geschäftsgang.
Das AuSseben des heuttgen Handelsbildes ist ein sehr erfreuliches und hoffnungsreiches. Durch die Umwandlung der Prinzipien des allen Handels ist aus der ehemaligen Krümerftadt eine achtunggebi ete nde Handels- stadt geworden, c^rvs Billow, unser Reichskanzler, hat einmal gesagt, datz die Städte sckon feit Heinrich dem Städtcgrünoer ein Hort des Handels unb dadurch der


