Wer bei unseren Verhältnissen kann tttan sich einen solchen Luxus nicht leisten. Wir sind infolgedessen längst davon abgekommen, die Jäger zu Pferde so zu brauchen, wie sie verwendet werden müßten, und ich meine, es muß ba§ letzte Ziel immer das sein, sich gute Regimenter zusammenzustcllen, gute Regimenter auszubilden, gleichzeitig bei der Kavallerie und der Infanterie. Die Jäger zu Pferde sind gewiß ein vorzügliches Mittel, zu einer Kavallerievermehrung zu gelangen. Dann hätte man sie aber in einer größeren Zahl haben und in einem schnelleren Tempo vermehren müssen. Jetzt genügen sie einfach nicht mehr unserem Bedarf. Auch dies werde ich in der Kommission des Näheren nachzuweisen mich bemühen.
Mit der Frage der zweijährige,: Dienstzeit steht es einfach so: Ist die Aussicht für den Sieg größer mit einer Armee von nur 200 000 Mann bei dreijähriger Dienstzeit oder mit einer Armee von 300 000 Mann mit nur zweijähriger Dienstzeit? Man hat sich für die letztere Ansicht entschieden. Das ist der militärische Grund für die Beibehaltung der zweijährigen Dienstzeit. Nun steckt die Armee in dem Provisorium seit jetzt 11 Jahren. Es ist kein Geheimnis, daß viele Offiziere mit einer gewissen Sorge an dies Provisorium in der Ausbildung der Fußtruppen in einer zweijährigen Dienstzeit hcrangcgangen sind, aber, ich glaube, niemand wird der Armee das Zeugnis versagen, daß sie in dieser Zeit redlich und ohne jeden Hintergedanken gearbeitet hat und bemüht gewesen ist, die ihr zufallenden Aufgaben zu lösen. Die dabei erzielten Resultate - das muß anerkannt werden — sind durchaus befriedigende gewesen, aber diese Resultate sind doch nur erreicht durch Ucbertragungen des Ausbildungspersonals. Es ist eine ganz allgemein bekannte Tatsache, daß unsere Aufgaben gegen früher schwerer geworden sind. Das liegt doch schon einfach an dem Zahlenmaterial. Es ist schwerer, eine Truppe, die zur Hälfte aus Rekruten besteht, zu kommandieren, als eine solche, die nur zu einem Tritte: Rekruten hat. (Sehr richtig! rechts.) Uebcrhaupt dauert ja die Dienstzeit nicht einmal volle zwei Jahre. Nun wird gesagt: Ihr habt ja die dreijährige Dienstzeit niemals ganz gehabt. .Tas ist zum Teil richtig für die letzten 20 Jahre, die dem Provisorium vorausgegangcn sind.
Es trifft aber nicht zu für die kritische Zeit, die man zur Bc- nrtcilung hat, wenn man prüfen will, ioie sich die dreijährige Dienstzeit bewädrt hat: für die sechziger Jahre und dann weiter bis zum Jahre 1880 Da hatten wir die dreijährige Dienstzeit in der Tat, da diente der einzelne Mann, wenn auch nicht 36, so doch 32, 33, sogar 34 Monate, also immerhin 11 Monate mehr, als heute. Infolgedessen ist der Schluß richtig: Das Endurteil über die zweijährige Dienstzeit kann nur der K r i e g abgeben, wie der Krieg auch sein Urteil über die 3jährige Dienstzeit abgegeben hat. Es ist gesagt ivordcn: die Leute des 3. Jahres waren ja ohnehin nur „Schlote", schlechte Kerle. Das mag ja bei diesem oder jenem Truppenteil der Fall gewesen sein. Wer durchaus nicht im allgemeinen. Allerdings in den lebten acht
ziger Jahren waren die Leute des 3. Jahrganges infolge der immer I mehr platzgreifenden Urlaubserteilung schon schwach. Wer davon, | daß es lauter „Schlote" gewesen, war auch da keine Rede. Der 3. Jahrgang hatte immerhin einen ordentlichen Gehalt. In ihm befanden sich die Leute, welche man verwandte zur Rekruten-Aus- bildung. Es befanden sich unter diesen Leuten die Unteroffiziere, die man ausbrldete zu der Kapitulation. Und es war immerhin ein Vorteil, sic ein Jahr länger ausbilden zu können.
Ich habe all dies angeführt, nur um Ihnen zu zeigen, daß wir doch Bedeutendes abgegeben haben. (Sehr richtig! rechts.) Das hat ja auch der Reichstag selbst anerkannt, daß cs notwendig ist, gewiße Ausgleichsmaßregeln zu treffen. Sonst hätte er doch seinerzeit nicht die vierten Bataillone uns gegeben. Diese sind zivar wieder eingcgangen und mit ihnen alles das, was sie enthielten zur Ausbildung des Beurlaubtenstandes usw. Alles das fällt jetzt wieder der Kompagnie zu. Es liegt mir fern, zu verkennen, daß auch manches Neue geschaffen ist: die frühere Einstellung der Rekruten usw. Die Truppen sind in mancherlei Weise entlastet. Alles außerordentlich dankenswerte, anzucrkennende Maßnahmen. Wer sie genügen nicht für Beseitigung der Nachteile, die durch die Einführung der 2jährigcn Dienstzeit erwachse. Es wird vielfach von der Nervosität des Ausbildungspersonals gesprochen. Sic soll auch nicht geleugnet !vcrden. Aber ich glaube, sic entsteht vielfach dadurch, daß die zur Ausbildung Berufenen nicht wissen, .wie sie in der ihnen vorgeschriebenen Zeit mit der Ausbildung fertig werden sollen. In dieser Richtung sollten wir Abhilfe schaffen. Die Truppe darf nicht einem nervösen Personal überantwortet werden. Die überhastete Ausbildung muß einer größere:: Ruhe und Sicherheit Platz machen. Unsere Ausbildung ist umfassender, schwieriger geworden. Die Massenausbildung, der Massendrill genügt nicht mehr. An seine Stelle tritt die individuelle Ausbildung. Der Artillerist soll selber wissen, urteilen, selbsttätig sein neben aller Disziplin. Die geschlossene Ausbildung darf niemals mehr Selbst- zweck sein. Sie soll nur dazu dienen, den Mann zum Gehorsam zu zwingen, an Ordnung zu gewöhnen, ihn zu befähigen zum Gefecht in höheren Verbände:: gut und sicher zu marschieren. Aber die Haupausbildung muß immer gerichtet sein auf die Gefechtsfor- n:ation, die Gefechtsart, die Gefeehtsdurchbildung. Wir haben jetzt statt einer Ausbildung (wie früher die Masscnausbildung) deren zwei. Die lassen sich nicht vereinigen. Beide Ausbildungen, namentlich aber die Erziehung des Mannes, stellen große Ansprüche an das Personal, weil auf die Individualität eingegangen werden muß. Wir wollen die Disziplin be§_ Mannes gründen auf das unbedingte Vertrauen .zu seinem Vorgesetzten und auf einem lebhaftem Standesbewußtsein. Das kann nur erzielt werden durch Tradition, diese Eigenschaft kann sich erst in der späteren Dienstzeit einstellen.
Heute genügt nicht mehr das bloße Kommando, sondern beide, der Kommandierende und der. Kommandierte, müssen getragen sein Don tiefem Wissen und Können. Auch der Unteroffizier soll in
gewisser Weise eine Persönlichkeit sein, die es versteht, den Mann zu lcftcn. Es soll die Tatsache nicht übergangen werden, daß unser Truppen-Personal im Laufe der letzten Zeit auch ein anderes geworden ist. Es ist intelligenter (Hört, hört! bei den Soz.), ae- bildeter, feinfühliger (Hört! Hört! bei den Soz.) geworden, auf der andern Seite aber auch verrohter, unlustiger, es hat Widerwillen gegen die. Disziplin, wenn es sich äußerlich auch ihr unterwirft. Auch in dieser Beziehung müssen nun ganz andere Ansprüche an das Ausbildungspersonal gestellt werden. Der alte Unteroffizier geht fort, so bald er seinen Zivilversorgungsschein hat, und von den jüngeren Elementen treten nicht immer die besten in den Unter- ofsizierstand ein. Denn bei unserer hochentwickelten Industrie, wo jeder gut bezahlte Arbeit findet, kapitulieren die Leute nicht so leicht und gerade die besten tun cs nicht. Wir sollten daher alles tun, um den Unteroffizieren eine gesicherte Existenz zu bieten. (Lebhafte Zustimmung.) Tie Vorlage bringt in dieser Hinsicht eine Reihe Forderungen. Damit nützen ivir dem Unteroffizierstand und fördern die Ausbildung der Truppen und den Eifer des Ausbildungspersonals.
Ferner verlangen wir weitere Mittel zur Verbesserung der Exerzierplätze, zur Vermehrung der Schießplätze. Das Wesentliche der Ausbildung kann nur geschehe:: auf den Plätzen, und nur mit voller Munition. Nur im Gefechtslärm lernt man einigermaßen Disziplin. Zur gefechtgemäßen Ausbildung gehört ein offener Kopf, ein richtiges Urteil. Dieses Urteil zu erziehen, dazu müssen wir Patronen haben und müssen wir ins offene Feld. Einen wichtigen Punkt betrifft die Gestaltung der Vcurlaubten- Uebungcn Wir haben angefangen, geschlossene Verbände zu bilden und geschlossen üben zu lassen. Wir können über die Resultate nicht klagen. Die zweijährige Dienstzeit liefert uns aber so viel Mannschaften, daß wir niemals im stände sind, alle zu den gesetzmäßigen Uebungen heranzuziehen. Wer mindestens zu einer Reserveübung müssen wir sie heranziehen. Dort soll der Mann das, was er gelernt hat, befestigen, dann wird er erst ein Soldat, auf den wir uns verlassen können.
Weiter wollen wir eine bessere Ausbildung der Armee mit dem Gewehr Modell 98. Ich bemerke: dies ist kein neues Gewehr, sondern nur das, mit dem wir bereits vor einigen Jahren angefangen haben, unsere Truppen zu bewaffnen. Es ist ein Jnfanteriegewehr, das sich überall auszeichnet. Weiter verlangen wir die E i n f ü h r u n g des Rohrrücklauf- g e s ch ü tz e s u. a. Ich werde in der Kommission über alles das genaue Angaben machen.
Sie sehen aus allem diesen, daß wir beabsichtigen, in unserer Armee Meliorationen einzuführen, die zwar Geld kosten, die sich aber lohnen werden in der Ausbildung der Armee und sicher lohnen werden, sollte es einmal nötig werden, die Existenz des Deutschen Reiches mit dem Schwert in.der Hand zu verteidigen. (Beifall.)
Tie Weiterberatung wird hierauf auf Montag 1 Uhr vertagt. Sck'luß 3*4 Uhr.
VoMisllse Wochenschau.
Gießen, den 5. Dezember 1904.
Die Mission des Grafen Posadowsky in Wien ist gescheitert. Der Staatssekretär ist am Mittwoch nach Berlin zurückgekehrt, nachdem auch die in letzter Stunde versuchte Vermittelung des Grafen Goluchowsky resultatlos geblieben ist. Der Abbruch der handelspolitischen Verhandlungen zwischen den: Deutschen Reiche und der Doppelmonarchie an der Donau erfolgte nicht nur wegen der extremen deutschen Forderungen in den speziellen Fragen der Vcte- rinärkonvention und der Gerstenzölle; auch in Bezug auf die industriejllen Zölle konnte kein Einvernehmen erzielt werden. Ein Teil der deutschen Presse, die „Deutsche Tageszeitung" und ihre Gefolgschaft, ist über die Hartnäckigkeit der österreichisch-ungarischen Delegierten außer sich und möchte die Regierungen in Wien und Budapest am liebsten vor ein kategorisches Entweder-Oder stellen, ja sie malte sogar das drohende Gespenst eines möglichen Zollkrieges an die Wand. Es muß dahingestellt bleiben, ob sich die leitenden Männer in Cis- und Transleithanien dadurch einschüchtern lassen werden. Vorläufig ist zu Zollkrieg-Befürchtungen noch kein Anlaß. Der deutsche Vertreter v. Körner ist in Wien geblieben, um gegebenenfalls die Verhandlungen fortzusetzen. Eine Initiative zu ihrer Wiederaufnahme müßte allerdings von Oesterreich-Ungarn ausgehen, und zwar in nicht allzu langer Zeit, da die Schwierigkeiten zu einer Wiedereinleitung, je weiter sie hinausgeschoben werden, immer größere Dimensionen annehmen werden.
Wie die Deutsche Tagesztg." erfährt, dürsten die Handelsverträge, die bisher abgeschlossen sind, dem Reichstage in dieser Woche vorgelegt werden.
Der Entwurf des Reichsh a ush altsetats für 1905 ist erschienen, und Freiherr von Stengel . hat ihn bereits im Reichstage besprochen. Ausgaben und Einnahmen sind zusammen aus 2241 Millionen Mark festgesetzt und zwar im ordentlichen Etat 1945 Millionen Mk. Einnahmen, denen 1762 Millionen Mk. an fortdauernden und 182 an einmaligen Ausgaben gegenüberstehen, während int außerordentlichen Etat 296 Millionen Mk. auf Einnahme und Ausgabe entfallen. Der Reichskanzler wird ermächtigt, zur Bestreitung einmaliger außerordentlicher Ausgaben die Summe von 2 93 Millionen Mk. im Wege des Kredits flüssig zu machen und zur vorübergehenden Verstärkung der Betriebsmittel der Reichshauptkasse nach Bedarf, jedoch nicht über den Betrag von 275 Millionen Mark hinaus Schatzanweisungen auszugeben. Von den fortdauernden Ausgaben des ordentlichen Etats sind besonders die größeren Mehrbeträge bei der Verwaltung des Heeres, infolge der geplanten Verstärkung um rund 10 000 Mann mit 16,8 Millionen und bei der Verwaltung der Ai ar ine mit 6 Millionen Mk. zu er- tvähnen, während im außerordentlichen Etat bei der Ver- ivaltung i)t*i Reichs he eres eine Mehrausgabe von 47,4 Mill., bet der Marine ein Mehr von 4 Millionen vorgesehen ist. Ferner sind 48,7 Millionen Mk. für die südwe st afrikanische Expedition, deren Kosten sich bis jetzt allein aus 130 Millionen Mk. belaufen, auf den außerordentlichen Etat übernommen. Int ganzen stellt sich das Mehr der Ausgaben des außerordentlichen Etats auf 12 6 Millionen Mart. Bei den Einnahmen soll das Gleichgewicht dttrch Eiitstellung einer A n l e i h e in Höhe von rund 2 9 3 M i l l i 0 tt c n Mark hergestellt werden. Eine nette Schuldenlast! Besonders bedenklich erscheint es jedoch, daß für die Deckung der einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etat der Kredit in Anspruch genommen werden mutz und zwar in Höhe von 51 Millionen Mk., die aus der Anleihe zu entnehmen sind. Schuld daran sind vor allem die vielen Verfehlungen in der Wett-und Kolon.alpolitik, die uns bis jetzt horrende Summen gekostet und uns kaum etwas anderes als das Mißtrauen
und Uebelwollen der übrigen Mächte eingetragen hat. Angesichts der so rapide anwachsenden Reichsschuld wird sich der Ruf nach einer gründlichen finanziellen Reform des Reiches von nrtlent erheben, dantit dieses mehr als bisher auf eigene Füße gestellt werden kann.
Wie anders wirkt das Bildnis auf uns ein, das unser Finanzminister Tr. Gnauth uns von den hessischen Finanzen schauen läßt. Auch der hessische Etat ist heraus und den Kammern zugestellt worden. Der hessischen Presse ist er, im Gegensatz zu den sonstigen Vorlagen, leider nicht zugegangen, nur die „Darmst. Ztg." hat ihn erhalten und enthalten. Wir haben einen kurzen Auszug vor 8 Tagen, in unserer Nr. 280, gebracht. „Noch" — dieses Wörtchen ist sehr bedeutungs- und verheißungsvoll — „noch" schließt! zwar der Etat mit einem Fehlbetrag ab, der jedoch geringer als der diesjährige jst, und zwar um etwa 300 000 Mk. Es bedarf, nach den Ausführungen unseres hessischen Miquel „n 0 ch" einer namhaften weiteren Besserung unserer Einnahmen und namentlich großer Sparsamkeit, bis wir das Defizit überwunden haben. Wir dürfen von der zukünftigen Gestaltung der Dinge, besonders von der zweifellos zu erwartenden erheblichen Steigerung der Eisenbahneinnahmen erhofsett, daß die Zeit der Dürre in den Staatssinanzen einer Zeit der Rosen weichen wird.
Die Sitzungen des Reichstages sind am Dienstag durch eine Ansprache des Präsidenten Grafen Ballestrem wieder eröffnet worden. Tie Mahnung, die der Präsident bei dieser Gelegenheit einsließen ließ, doch ja die Sitzf- ungen recht fleißig zu besuchen, w-ird wohl kaum auf fruchtbaren Boden fallen. Solange die Diätenlosigkeit für die Reichsboten ,in Permanenz erklärt ist, wird auch die chronische Beschlußunfähigkeit des §aufeS nicht aufhören. Die geplante Absetzung von Petitionen betr. Einführung des Befähigungsnachweises für das Handwerk und Erlaß einer neuen Lex Heinze inußte unterbleiben. Die Versammlung beschränkte sich daher auf Auseinandersetzungen über das unerquickliche Thema des Befähigungsnachweises. Am Mittwoch standen die von den Abgg. Gröber und Rettig eingebrachten Resolutionen betr. Revision des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb zur Beratung und wurden am Freitag angenommen. In der sich daran knüpfenden Debatte spielte die sogenannte Mittelstandspolitik eine hervorragende Rolle. Am Samstag begann die erste Etat- beratung und brachte große Reden des Staatssekretärs des Reichsschatzamtes Frhrn. v. Stengel und des Kriegs- Ministers v. Einem.
Interessanter gestalteten sich die Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Am Dienstag stand hier zunächst die H i b e r n i a v 0 r l a tz e zur Beratung. Handelsminister Möller, der den Reigen mit einer längeren Rede eröffnete, verwahrte sich zunächst gegen die in der Presse wider ihn erhobenen Vorwürfe, als sei er bei Vorbereitung der Vorlage nicht loyal verfahren. Im Gegenteil habe er sich stets aus konstitutionellem Boden bewegt, sodaß der Vorwurf eines leichtfertigen Vorgehens hinfällig sei. Wichtiger als diese Ausführungen war die im Namen des Staatsministeriums abgegebene Versicherung, daß an eine Verstaatlichung des gesamten westfälischen Bergbaues nicht gedacht werde. Die Fortsetzung der Verhandlungen am Mittwoch brachte einen heftigen Zusammenstoß zwischen Herrn Möller und seinem früheren Fraktions- genossen v. Eynern. Tas Rededuell endete schließlich damit, daß beide ihre gegeneinander gerichteten Aeußer- ungen zurücknahmen, sodaß die Sitzung nach dieser Richtung einen versöhnlichen Abschluß fand. Die Wirktutgen der Komutissionsberatungen werden voraussichtlich dazu beitragen, die Verstimmungen zu utildern und die rein sachliche Frage dieser Angelegenheit in den Vordergrund treten zu lassen. — Tie zweite interessante Verhandlung des Abgeordnetenhauses betraf die Interpellation in Sachen des sog. Berliner S ch u l k 0 tt f l i k t s. Ter greise Minister a. D. Hobrecht führte unter -lautloser Stille ans, daß die Gesetze, auf denen der Minister Studt fuße, veraltet seien und nicht mehr auf die modernen Verhältnisse paßten. Die Entgegnung des Ministers konnte kaum befriedigen. Sein scharfes Vorgehen entschuldigte er mit dem Widerstände des Berliner Magistrats.
Am Samstag hat das Abgeordnetenhaus den freis. Antrag auf Errichtung von Meisterkursen nach längerer Debatte ab gelehnt, den konservativen Antrag betreffend, den Bezug von Kalisalzen vom Kali-Syndikat mit großer Mehrheit angenommen und dem KommissionsbeschMß, den Wohnungsgeldzuschuß für Unterbeamte zu erhöhen,, zugestimmt.
Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz kon* zentriert sich das ganze Interesse um das Schicksal Port Arthurs. IN dem Ring der Einzelfesten, die die belagerte Festung umgürten und bisher mit staunenswerter Ausdauer den immer wiederholten Stürmen der Japaner getrotzt haben, scheinen diese eine Position genommen zu haben, von der aus der weitere Fortschritt des Angriffs leichter sein soll. Durch, die kürzlich erfolgte Eroberung des 20L Meter-Hügels sollen die Japaner angeblich den Hafen beherrschen. Es werden aber auch Stimmen laut, die da meinen, dast die Japaner dem „203 Meter-Hügel" eine zu große Bedeutung beilegen, denn die dort beftnp- ltchen Befestigungswerke waren nicht permanenter Art, sondern nur Ergänzungswerke, und die Stellung, die die Japaner heute in Händen haben, hatten sie bereits einmal im September erobert, konnten sie jedoch nicht behaupten, Ter „203 Meter-Hügel" ist anscheinend identisch mit dem russischen Wyssokcha Gora (Hohe Berg), von dem der österreichische Major Schön, der ein größeres Werk über den Krieg veröffentlicht hat, sagt, daß er nicht permanent, sondern nur (als Vorfeldstellung befestigt war. Diese Stimme scheint um so glaubwürdiger zu fein, als am 2. d. M. ein Waffenstillstand in und um Port Arthur eintrat, in den sich die Japaner gewiß nicht eingelassen haben würden, wenn sie sich kurz vor ihrem Ziele fühlten. Der Waffenstillstand dauerte freilich nur 6 Stunden. Der Kommandeur der die Festung belagernden japanischen Armee meldet darüber vom 3. d. M. folgendes:
Tie Parlametrtüre, die gestern auf unserem linken Flügel er-« schienen, schwssen einen von 10 Uhr vormittags bis 4 Uhr nach- mittags dauer::den partiellen Waffenstillstand ab, während dessen die Berg.ung der Toten und Verwundeten erfolgen sollte.
Ter preuß. Hauptmann a. D. v. Kalrnowski, von dessen Werke über den Krieg soeben das 4. Heft erschienest ist (Liebelsche Buchhandlung in Berlin) vertritt die Ansicht, Port Arthur sei zum Schaden der japanischen Operatiottest zu sehr in den Vordergrund getreten. Auch andere Militärschriftsteller sind der Meinmtg, daß die schließliche Einnahme der Festung ihre Wichtigkeit verloren habe. Engl. Blätter veröffentlichten ein Telegramm aus Tschisu, demzufolge am Freitag sämtliche Forts vor Port Arthur ein heißes Ar- tilleriefeuer gegen den 203 Meter-Hügel richteten. Es war aber erfolglos. Tie Einnahme der Forts kostete den Japanern 4000 Tote und Verwundete. In Petersburg ist man, so heißt es, mehr als je überzeugt, daß Stössel bis zum Eintreffen des baltischen Geschivaders aushalten kann.
Aus Staöt Md iuuiJ.
Gießen, 5. Dezember 1904.
** Oessentliche Lesehalle. Im November mürben 2564 Bände ansgeliehen. Davon konttnen auf: Erzählende Litteratur 1146, Zeitschriften 624, Jugendschriften 309, Versdichtungen 75, Litteraturgefchichte 20, Länder- und Völkerkunde 45, Kulturgeschichte 16, Geschichte und Biographien 118, Kunstgeschichte 13, Naturwissenschaft und Technologie 125, Seewesen 12, Haus- und Landwirtschaft 10, Gesundheitslehre 17, Religion und Philosophie 17, Sprachwissenschaft 6, Fremdsprachliches 11 Bünde. Nach auswärts kamen 81 Bände.
** Befähigung s n a ci) w eisi m B a u h a u b w c r t. Wie nötig dem Bauyandlverk die Einführung des Befähigungsnachweises ist, beweist, so schreibt nran uns, folgender Fall. In einem Orte Hessens soll eine Kirche gebaut werden. Man ließ sich Konzessionszeichnungen und den Kostenanschlag von einem Architekten anfertigen und vergab daraufhin die ' 'Maurerarbeit an zwei ortsansässige Unten inem sehr geringen Preis diese
Arbeit übernahmen; die Bauleitung ersparte man sich. Tas


