Ausgabe 
5.2.1904 Drittes Blatt
 
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Pie InvaliSerrverstch-rurrg für Kavdwcrker.

Man schreibt uns aus Handwerkerkreisen: Trotz der ablehnenden Haltung, welche der Staats­sekretär Gras Posadowsty bei der Verhandlung über die Interpellation betreffend die Einführung einer obliga­torischen Alters -und Invalidenversicherung für selbständige Handwerker eingenommen hat, nimmt die Agitation für diesen Plan in Handwerkerkreisen ihren Fortgang. Es ist zweifellos richtig, daß zahlreiche Kreise des Handwerts wirtschaftlich sehr ungünstig gestellt sind und der sozialpolitischen Fürsorge minoestens ebenso sehr wie die Arbeiter bedürfen, aber eine andere Frage ist es, ob das Alters- und Invalidenversicherungsgesetz auf das Handwerk ausgedehnt werden soll. Gegen eine solche Ausdehnung sprechen Bedenken, die auch von feiten der verbündeten Regierungen im Reichstag zutreffend zum Aus­druck gebracht worden sind. Tie Novelle von 1899 hatte den Handwerksmeistern gestattet, sich freiwillig an der Reichsinvalidenver.icher^ng zu bete l'.g.n. Tiefe freiwillige Teilnahme in ganz Teutscytand i|t üo eraus gering. Es wurden letzthin nur 2785 derartige Karten gezählt, in Hessen im Jahre 1902 107 Karten, die aber auch nur Gemeinde-Hebammen betreffen.

Tiefe Abneigung, von jener Versicherung Gebrauch zu machen, beweist nur, daß der Handwerkerstand von dem Gefühl geleitet ist, daß eine solche Versicherung für ihn nicht paßt. Ter Meister, der kleine Unternehmer, steht anders da wie der Arbeiter. Wenn ein kleiner Unternehmer Geld übrig hat, so soll er es nicht in die Versicherungsanstalten tragen, sondern in das eigene Geschäft stecken, damit er seine Geräte, seine Instrumente verbessert, als Land­wirt seinen Acker melioriert, überhaupt sein Geschäft mehr in die Höhe bringt. Tas ist seine beste Invalidenversicher­ung, die ihm in späteren Jahren eine Stütze gewährt. Auch der Begriff der Invalidität ist bei den Meistern und Unternehmern ein anderer wie bei dem Arbeiter. In betreff eines Arbeiters kann die Invalidität klar erkannt und fest­gestellt werden, aber wenn einem kleinen Betriebsunter­nehmer die körperlichen Kräfte versagen, so wird er darum noch nicht für sein Geschäft invalide, zumal wenn er Ge­hilfen hat. Er kann sein Geschäft fortsetzen, so lange er die Disposition behalt über dasselbe mit) den Verkehr mit seinen Kunden vermitteln kann. Schließlich muß auch daraus hin­gewiesen werden, daß der Handwerksmeister als Ver­sicherter doppelte Beiträge zu zahlen haben würde, da chm ein Arbeitgeber nicht gegenübersteht.

Gegenwärtig zahlt das Reich einen Zuschuß aus den Mitteln der Gesamtheit von 50 Mk. zu jeder Rente. Mit der Ausdehnung der Zwangsversicherung würde dieser Zu­schuß, der bis zur Erreichung des Beharrungszustandes für die Reichskasse jetzt schon auf 150 Millionen Mark anwachsen wird, noch weitere Tutzende von Millionen bean­spruchen. Wo soll das Geld dazu Herkommen? Etwa aus Verbrauchsabgaben, die wiederum vor­zugsweise den Mittelstand und die Arbeiterwelt belasten?

Tie Zwangsverficherung würde durch die Beiträge dem Mittelstand Gelder entziehen in Millionen kleiner Par- Ükelchen und sie bis zu Milliarden hinauf in den Reichs- Versicherungsanstalten ausspeichern. Glaubt man, daß der­gleichen dem Mittelstand helfen kann? Wenn die Hand­werksmeister in die Zwangsversicherung einbegriffen werden, warum dann nicht auch Bauern, die Gastwirte und die Händ ler? Zuletzt gelangen wir dahin, alle Volks­kreise zu Reichspensionären heranzuziehen, zumal wenn man, wie dies auch schon verlangt wird, die Zwangs­versicherung ausdehnt auf Einkommen über 2000 Mark hinaus.

Mit Recht hat Staatssekretär Graf Posadowsky im Reichstag ausgeführt, man müsse sich klar darüber sein, ,chaß, wenn die Handwerker einer obligatorischen Ver­sicherung unterworfen werden, mit demselben Recht die Kaufleute es gibt auch sehr kleine Kaufleute mit sehr unsicherer Zukunft daß mit demselben Recht die Bauern den gleichen Anspruch erheben werden". Und nicht minder recht hat der Staatssekretär, wenn er es als staats­rechtlich und sozialpolitisch wichtigen Schritt bezeichnete, die Zwangsverficherung, die bisher nur für unselbstän­dige wirtschaftliche Existenzen gilt, auf selbständige auszudehnen. Tann wird ihnen später kein Zieren Helsen, sie müssen alle die Staatsbürger versicherungspflichtig machen, die überhaupt ein bestimmtes Einkommen nicht haben." Es ist kein Zweifel, daß die Annahme des Gcund- fatzes, der durch die Ausdehnung der Zwangsversicherung auf selbständige Handwerker ausgesprochen würde, uns in den sozialdemokratischen Zukunstsstaat hinein- sühren würde.

Aus Stadt und Kand.

Gießen, den 5. Februar 1904.

**Personalien. S. K. H. der Großherzog haben am 23. Januar d. I. der Schriftstellerin Tr. E l l a M e n s ch in Darmstadt die Silb. Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen.

** Das Vorlesungsverzeichnis der Univer­sität für das Sommerhalbjahr ist soeben erschienen. Die Immatrikulationen beginnen am 18., die Vorlesungen am 25. April. Ter neue ordentl. Professor der theol. Fakultät, Lic. Eck, kündigt ein Kolleg übertheologische Ethik" an.

** In der letzten Monatsversammlung des Ortsgewerbe-Vereins berichtete zunächst unser Reichstagsabgeordneter Heyligenstaedt über das Schick- sal der die Handwerker sehr interessierende Interpella­tion betreffend Ausdehnung der Invaliditäts­und Altersversicherung auf die Handwerker. Kommerzienrat Heyligenstaedt wies auf dierecht aus­führlichen Reichs tags berictste des Gieß. Anz. hin, aus denen schon hervorging, daß die Interpellation, wenn sie auch während der Besprechung vom Zentrum und den Kon­servativen sowie auch vom Regierungstisch ablehnend be­handelt wurde, doch das erreicht hatte, daß im Verlaufe der späteren Verhandlungen fick) auch bei diesen Parteien wie auch bei der Reichsregierung eine hanüwerkerfreund- lichere Stimmung entwickelte. Nachdem die Reichsregierung ihre ablehnende Haltung damit begründet hatte, daß gar keine Grundlagen vorhanden seien, um sich von der Wirk­ung und dem llmsange der Ausdehnung dieser Versicherung aus die Handwerker ein Bild machen zu können, haben die Interpellanten eine neue Resolution eingebracht, worin die Reichsregierung ersucht wird, alsbald unter Mitwirkung der Handwerkerkammern und der Gewerbe­vereinsverbände Erhebungen über die Grund­lagen sür eine obligatorische Invaliditäts-und Alters­versicherung der Handwerker alsbald in die Wege zu leiten und die hierfür nötigen Mittel anzufordern. Die während der Reichstagsverhandlungen leider konstatierte sehr ge­ringe Beteiligung der Handwerker an der Invalwitäis- ,und Altersversicherung läßt erkennen, daß viele Hand­

werker bezügl. ihrer Rechte der Invaliditäts- und Alters­versicherung gegenüber nicht unterrichtet sind. Es ist deshalb notwendig, daß in dieser Beziehung seitens der Handwerkervereinigungen etwas mehr aufklärend gewirkt wird, denn nach den jetzigen Bestimmungen könnte schon ein großer Teil der Handwerker die Wohltaten der Jn- validitäts- und Altersversicherung genießen. Dem Be­richterstatter wurde von Herrn Petri der Tank der Ver­sammlung ausgesprochen und sodann zur Besprechung der Handwerkergerichte übergegangen. Die Diskussion führte jedoch zu keinem bejiimmien Resultate, es wurde vielmehr bei dieser Gelegenheit eine Reorganisation unserer Gewerbegerichte in Anregung gebracht, welche dahin ging, daß die Tätigkeit der Beisitzer zu den Gewerbegerichten nicht nach einem bestimmten monat­lichen Turnus, sondern möglichst von Fall zu Fall je nach dem Gemerbszweig des zu beurteilenden Falles bestimmt würden. Nachdem noch bezügl. des Submissions- we s e n s einige Anfragen eine entsprechende Aufklärung durch Herrn Petri erhalten hatten, wurde die sehr inter­essante Monatsversammlung durch den Vorsitzenden ge­schlossen. Wir möchten nicht unterlassen, die Mitglieder des Gewerbevereins auf diese in der Regel recht inter­essanten und lehrreichen Monatsversammlungen, die jeden ersten Mittwoch eines Monats statkfinden, a..j merksam zu machen und zu recht zahlreicher Beteiligung einzuladen.

** Kaufmännischer Verein. Der Vortrag von Prof. Gust. Amberg-Berlin überHimmelsmecha­nik, das Sonnensystem, die Kometen" gestern abend im Neuen Sualbau war diesmal wieder sehr gut besucht. Der Redner erfreut sich hier großer Beliebtheit; er wurde, als er seinen Vortrag vor einem Apparat von vielen Demonstrationsvorrichtungeu begann, mit viel Bei­fall begrüßt. Zunächst begann er, die Anwesenden in die Gesetze der Himmelsmechanik einzuführen, indem er mehrere Versuche vorsührte, die, von populären Erklär­ungen begleitet, die Zentrifugalkraft, die Ursache der Ab­plattung der Erde, die Entstehung der Himmelskörper in Kugelgestalt ulid ihre Bewegung, fesselnd erklärten. Die Apparate funktionierten sämtlich tadellos, und die An­wesenden folgten gespannt den ebenso einfachen, gemein- verständlicheü, wie instruktiven und unterhaltenden Be­lehrungen des Vortragenden. Welche Fülle der Anregung bietet ein so objektiver, in die rätselvollen Wunder der äußeren Erscheinungswelt eindringenoer Vortrag! Wie be­rechnet und exakt greifen die Rüder der Weltenordnung ineinander, in der wir ein Leben voll Erkenntnis, aber auch voll Verschlossenheit führen! Wo ist der Anfang und das Ende? Das fragten sich die Philosophen aller Zeiten. Die grundlegenden Lehren über das Himmelssystem vom Altertum bis in die Neuzeit, die Weltenordnung der Alten bis zu der umgestaltenden Forschung des Koper- nikus, den Gesetzen Keplers und den Triumphen der Ma­thematik führte uns der Redner in kurzem Rückblick vor. Dann zeigte er eine Reche prächtiger, farbiger Licht­bilder, womit er unser Wissen von unserer Sonne und den Planeten des Sonnensystems veranschaulichte, von denen uns der Mars, dessen Zustände und Merkmale am meisten denen unserer Erde gleichkommen und der wie die Erde die Möglichkeit der Existenz von den unseren ähn­lichen Lebewesen bietet, am meisten interessiert. Alle Bil­der begleitete der Vortragende mit Belehrungen über die Größe und Beschaffenheit der Himmelskörper, ihre Ent­fernung von der Erde und ihre Umdrehungsgeschwindig­keit. Herr Amberg konnte seinen Vortrag nicht eindrucks­voller schließen, als mit dem Bericht über die Entdeckung des Neptun im Jahre 1846 von Leverrier, dessen Erfolg durch die Berechnung von Unregelmäßigkeiten im Gange des Uranus sich ergab und der durch die Beobachtung von Galle bestätigt wurde, was als eine der größten wissen­schaftlichen Leistungen des vergangenen Jahrhunderts be­zeichnet werden muß. Erst nach 11 Uhr wurde der inter­essante Vortrag beendet.

** EinUnfall. Am Mittwoch nachmittag gegen 3 Uhr ereignete sich in der Marburgerstraße, in der Nähe des Wieseckerweges ein bedauerlicher Unglücksfall. Einem Fuhrmann, welcher eine Fuhre Holz nach Gießen schaffen wollte, scheute sein Pferd durch ein daherkommendes Auto­mobil. Es rannte die Marburgerstraße entlang und bog dann in den Wieseckerweg ein. Der Fuhrmann wurde von seinem Wagen in den mit Wässer angefüllten Chaussee- graben geschleudert, in dem er besinnungslos liegen blieb, bis ihn ein anderer Fuhrmann, dem beinahe dasselbe Unglück widerfahren wäre, aus der unglücklichen Lage heraushalf und ihn nach Hause fuhr. Das Pferd rannte den Mittelweg entlang. Dort stürzte es zu Boden. Mit Mühe nur gelang es einigen Arbeitern, es wieder auf die Beine zu bringen. Die Wagentrümmer wurden später zusammengelesen.

H o m b u r g v. d. H., 4. Febr. Heute nachmittag gingen die für die Weltausstellung in St. Louis bestimmten Saalburg-Altertümer in Eisenbahnwagen nach Ber­lin ab, wo sie der Kaiser vor ihrem Weitergange be­sichtigen will.

R. B. Darmstadt, 4. Febr. Unsere Stadtverord­netenversammlung hatte heute abend eine sehr leb­hafte Sitzung. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Mit­teilungen wurde zunächst einmütig dem Antrag der Bürger­meisterei zugestimmt, nach dem Beispiel Stuttgarts für die Abgebrannten in Aalesund pro Kvpf der Bevölker­ung einen Pfennig, also rund 800 Mark, zu bewilligen.: Tann sprach Beigeordneter Dr. Glässingin schwungvoller Rede .seinen Tank »:us für das Vertrauen, das chm die Stadt durch die Verlängerung seines Vertrages und die Ge­haltserhöhung ausgedrückt. Erst als er im Begriff war, zu scheiden, habe er richtig empfunden, wie schwer ihm der Abschied von Darmstadt werden würde, und deshalb habe er sich zum Bleiben entschlossen. Auch Beigeordneter g er dankte in ähnlichem Sinne. Eine große sozialpolitische De­batte rief alsdann der Antrag Bormat-Schnpp hervor, für die zukünftige Konzessionierung neuer Ga st wirtschaften den Bed ürfnisnachweis einzuführen. Namens des sozialpolitischen Ausschusses, der für den Antrag ist, sprach Stadtv. Koch, der ein sehr umfangreiches Material über diese Frage vorbrachte und auch auf Grund der polizeilich veranstalteten Enquete die Tatsache feststellte, daß seit einer Reche von Jahren ein ungeheuer großer Zuwachs von Gast­wirtschaften stattgefunden habe, wogegen der Zuwachs der Bevölterungszahl verhältnismäßig sehr zurückblieb. Redner beklagte auch den außerordentlich häufigen Besitzwechsel, namentlich der kleinen Wirtschaften, und brachte auch eine Anzahl Beispiele über die Lage der diesbezüglichen Ver­hältnisse in anderen Städten zum Vortrag. Stadtv. Götz trat gleichfalls für den Antrag ein, den er auf die Dauer von fünf Jahren beschränkt wissen will. Tagegen wandte sich in liiiigcicn Ausführungen Stadtv. Justiziar Gallus; er führte aus, es sei nicht der geringste Beweis für die Notwendigkeit der Einführung dieser Zustimmung erbracht,

es liege keineswegs ein öffentliches Interesse für ju vor; weder vom sittlichen noch von einem anderen Standpunkt aus ließe sich der Antrag rechtfertigen, im Gegenteil würde er eine grobe Beschränkung der Gewerbefreiheit bedeuten. Bei einer derartigen Einschränkung der Wirtschaften würde der Wert der jetzigen vorhandenen außerordentlich steigen und der Spekulation Tür und Tor geöffnet werden. Dian würde damit auch dem Kreisausschuß die Möglichkeit geben, über die Köpfe der Stadtverordneten weg in Beschwerde­fällen die Konzession zu erteilen, und das sei kein gesunder Zustand. Die Stadt Frankfurt, Mainz, Mannheim und viele süddeutsche Städte dächten nicht daran, diese Bestimmung einzuführen, und diejenigen, die sie hätten, machten auch keine besonders günstigen Erfahrungen damit. In Bamberg sei sie sogar wieder abgeschafft worden, weil der Schacher mit den Realwerten geradezu überhand nahm. Die Polizei­behörde habe jetzt schon genügend Gelegenheit, etwaigen Mißbräuchen entgegenzuwirken; auch die hohe Stempel­gebühr für die Konzessionserteilung sei schon ein Vorbeug, ungsmiitel gegen ein zu starkes Anwachsen der Gastwirt­schaften. Stadtv. Schupp sprach für seinen Antrag und bemerkte u. a.: Ach, was heißt Gewerbefreiheit. Die Schornsteinfeger können sicb auch nicht beliebig vermehren (große Heiterkeit) und die Apotheker ebenfalls nicht (Lachen). M. H. Es freut mich, Sie so heiter zu sehen, ich sehe gern fröhliche Menschen! Ter Redner wendet sich noch des weiteren gegen die Ausführungen des Vorredners. Stadtv. Lehr hat als Armenpfleger sehr böse Erfahrungen über die Trunksucht gemacht und stimmt deshalb dem Antrag zu. Oberschulrat No d n a g el wendet sich gegen den Antrag. R einemer sprach als Vorsitzender des Gastwirteverbandes für den Bedürfnisnachweis, wahrend sich der soz. Reichstags­abgeordnete und frühere Gastwirt Cramer entschieden gegen den Antrag wandte; man unterstütze damit nur die Bessersituierten gegen die minderbemittelten Gastwirte. Nach weiterer Debatte und nachdem sich auch Oberbürgermeister Morneweg kurz zu Gunsten des Antrags ausgesprochen hatte, weil er als Chef der Polizeiverwaltung ebenfalls recht böse Erfahrungen hinsichtlich der Trunksucht gemacht habe, wird er mit erheblicher Mehrheit abgelehnt. Es, bleibt also bei der früheren Konzessionserteilung in Darm-

Vermischte».

Unter ber SpitzmarkeErn unerhörter Vor­fall" schreibt dieBerl. Ztg.", der wir die volle Verant­wortung für ihre Mitteilung überlassen müssen, folgendes: In der Geschichte des Eisenbahnverkehrslebens dürfte ein Vorfall vereinzelt dastehen, wie er sich am Sonntag auf der Station Kaulsdors abgespielt hat. Dr. Blochmann aus BerUn hatte auf der Rückfahrt von Kaulsdorf eine Zuschlags­karte zu lösen. Er begab sich in das auf dem Bahnsteig gelegene Stationsbureau, wo er vom Stationsvorsteher die Zuschlagskarte ausgesolgt erhielt. Als Dr. Blochmann das Bureau verließ, machte einer der dort anwesenden Beamten die Bemerkung:Wir werden ein Schild anbringen, auf dem wir anständige Leute bitten, den Hut abzunehmen." Dr. B. erwiderte:Ich verbitte mir diese Flegelei". Der Stations­vorsteher rief darauf Herrn B. zurück und stellte dessen Per­sonalien fest. Bei dieser Gelegenheit fragte er Dr. B., ob er denn nun den Hut abnehmen wolle. D. B. verneinte. Der Stationsvorsteher wiederholte die Frage und setzte hinzu, er würde sonst Dr. B. den Hut vom Kopse schlagen. Dr. B. meinte, das würde er wohl doch nicht tun. Der Stationsvorsteher schlug ihm nun tatsächlich den Hut vom Kopse. Dr. B. partrte und es kam zu einer Schlägerei, an der sich auch ein anderer Beamter beteiligte. Schließlich waren drei gegen einen, als aus einer rückwärts gelegenen Tür ein Fahrkartenschaffner hereintrat, der auf den Kopf des Dr. B. mit einer Billetzange losschlug. Ein Paffa- gier, der Schlächtermeister Paul Tietze, hatte die ihn em­pörende Szene mit angesehen. Als man ihn wahrnahm, zog der Stationsvorsteher die am Fenster be­findliche Gardine zu, wobei er sagte:Was hier drinnen vorgeht, geht Niemanden was an." Nachdem es Dr. B. gelungen war, das Freie zu gewinnen, begab er sich in Kcmls- dors zu einem Arzte, der ihm atteftirte, daß er eine Beule am Hmterkops und eine Kratzwunde an der Wange habe. Dr. B. hat bereits den Klageweg beschritten.

Humor aus der Schule.

Kommerzienrats Fränzchen, ein frühreifes Pflänzchen, Talentvoll, doch träge, bekam häufig Schläge, Atü bläulichen Spuren, wenn schlecht die Zensuren. Doch Fränzchens Mamachen war nicht wie Papachen; Sie fühlte recht bitter, wie meistens die Mlürer, Daß Papa zu heftig und schlage zu krästig. Und weil gar zu lieb sie, deshalb unterschrieb sie Zu Fränzchens Entzücken stets hinter dem Rücken Papas jene Noten, die Fränzchen bedrohten. Es stellt d'rob der Lehrer das Kerlchen zur Rede. ,Mama hat Prokura", spricht Fränzchen nicht blöde.

A, G. ImYess. Schulbl."

Kerichtsjaal.

R. B. Darmstadt, 4. Febr. SchulkinderalsKirchen- biebe. Die hiesige Strafkammer hatte sich heute mit den wiederholten Kirchendiebstählen zu beschäüigen, drei im Dezember v. I. in Darmstadt verübt ivurden. Als Täter wurden die erst 13jähngen Knaben ermittelt, die chren Feldzugsplan zur Er­brechung der Opferstöcke in den Schulklassen ausgeheckt hatten, Peter Laub, Anton Volk und Ludwig Möser. Das eme mal hatten sie einen während des Gottsdienstes an die Kirchtür gesetzten Opferstock einfach unter den Arm genommen und davon getragen, das andere mal hatten sie sich des schweren Diebstahls schuldig gemacht, indem sie eine in der flauer befestigte Kasette heraus- brachen und damit verschwanden. Die Diebstähle fanden am 6. Dezember in der Johanneskirche, am 13. und 16. Dezember, also gerade am ersten Weihnachtsfeiertag während des Gockesdienstes stack, was vom Gericht noch als besonders strafschärfend erachtet wurde. Die Angeklagten wollen im Ganzen ca. 30 Mk. bei vier Diebstählen zusammen bekommen haben, welches Geld sie meist im Orpheum verjubelten. Die jugendlichen Verbrecher hatten also nicht ans Not, sondern aus Genußsucht gehandelt. Das Gericht verurteilte Laub und Volk zu je 2 Monaten 3 Wochen und Moser, der an einem der Diebstähle nicht beteiligt war, zu 2 Monaten 2 Wochen Gefängnis. Die Schul­behörde dürfte, rote wir hören, für alle drei Verbrecher die Zwangserziehung beantragen. Ein glücklicherweise in Deutschland noch seltener Fall von sittlicher Verkommen­heit der Jugend wurde ebenfalls, natürlich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, verhandelt. Em 13jähriges Mädchen aus Bürgel, dessen Eltern das Kind zweifellos in sträflichster Weise erzieherisch vollständig vernachlässigten, hatte es verstanden, vier nur um wenig ältere Buden zu allerlei unsittlichen Handlungen und Verbrechen aegen § 176 HI. zu verleiten, und zwar auf die raffinierteste Weise. Tie vier Burschen wurden zur gesetzlich geringsten Strafe, 6 Mo­naten Gefängnis, verurteilt. Was aber wird mit dem so entsetzlich verkommenen Mädchen?