Nr. 282 Erstes Blatt. 151. Jahrgang.
Samstag 30. November 1901
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der Kauzüsten bei den Landgerichten durchgesetzt; sie möge dasselbe Wohlwollen auch den anderen Beamten schenken. Er empfehle die Annahme des Antrags der Ausschuß- minderheit.
Abg. Jöckel (natl.) polemisiert gegen den Abg. Mol- than, der für eine Vermehrung der dekretmäßigen Stellen der Gerichtsschreiber eintrete, die er (Redner) für absolut nutzlos halte. Zufriedenheit werde auch mit der Erfüllung des Wunsches der Hilfsgerichtsschreiber nie erreicht.
Abg. David (soz) widerspricht dem unter Hinweis darauf, daß wir 111 dekretmäßige Stellen hätten, denen 197 dauernd beschäftigte Aspiranten gegenüberständen. Vor dem 32. Lebensjahre werde heute niemand Hilfsgerichtsschreiber. Er bitte dringend, den Antrag der Minorität des Ausschusses anzunehmen. Was die Titel anlange, so seien sie billig und brauche man deshalb keine Schwierigkeiten zu machen. Warum man aber ein Fremdwort nehmen solle, sehe er nicht ein. Vielleicht empfehle sich die Bezeichnung erster und zweiter Gerichtsschreiber. Der Neuorganisation stehe bis jetzt das Stempelwesen entgegen, das man. beseitigen müsse. Die Gehaltsverhältnisse der Hilfsgerichtsschreiber seien scheußlich. Bei ihrer Anstellung bekämen sie noch nicht einmal, wie sonst jeder Beamter, eine Gehaltserhöhung. Derartige Inkonsequenzen, die nur Aergernis erregten, müsse man beseitigen.
Justizminister Dr. Di t t m a r: Er werde, wo es nötig sei, bessern. Er wäre glücklich, wenn er alle Wünsche, die an ihn heranträten, befriedigen könnte. Das könne er aber nicht, denn er müsse sich zunächst fragen, was ist für den Dienst nötig, und wieweit verträgt es- sich mit dem staatlichen Interesse. Wenn man in der Kammer zuhöre, so könne man meinen, die Justizverwaltung sei gegen ihre Beamten feindlich gesinnt. Man solle aber einmal die Zahlen lesen, wieviele sich zu den Hilfsgerichtssch'reiberstellen meldeten; ein Amt, das so viele Angebote aufweise, könne unmöglich so schlecht sein. Der Ausschuß, der mehr Kenntnisse als mancher der Redner hier besitze, habe selbst gesagt, daß die Gehaltsverhältnisse gebessert worden seien. Aber je mehr man gebe, desto mehr werde gefordert. Was Abg. David über Organisation rede, sei alles höchst unpraktisch; Klagen, daß der Dienst zu kurz käme, habe er noch nie gehört, auch nie den Wunsch gehört, daß der Apparat geändert werden solle. Nur die, die glaubten, alles anwenden zu müsseii, um auch besser gestellt werden zu müssen, würden sich auch gegen die Organisation wenden. Gänzlich, unausführbar sei der Vorschlag, jedem Amtsrichter einen Gerichtsschreiber beizuordnen. Das Streben der Hilfsge- vichtsschreiber, von der Aufsicht der Gerichtsschreiber frei zu werden, verstehe er wohl; aber im Interesse des Dienstes könne nicht davon abgegangen werden. Zu einer Titeländerung sei er gern bereit, man solle ihm nur sagen, wie man es besser machen solle, als es sei. Die Wiedereinführung von fremdsprachlichen Titeln widerstrebe ihm außerordentlich (Bravo!) Der Ausschuß habe recht, wenn er sage, es liege kein Grund zur Aenderung der Organisations- und Gehaltsverhältnisse vor. Er gebe zu bedenken, wenn die Kammer der Regierung zu erwägen gäbe, eine Aenderung in den Gehaltsverhältnissen eintreten zu lassen, so werde sie bei den Interessenten die Auffassung erregen, die Regierung müsse dann nun auch die Aenderung eintreten lassen. Und wenn dann die Hoffnung nicht erfüllt werde, so würde die Kammer gerade das Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen wolle.
Abg. Wolf (freie wirtsch Vereinigg.) erkennt die Forderung der Petenten, mit den Finanzaspiranten gleichgestellt zu werden, als berechtigt an. Er sei auch für die Bezeichnung Gerichtsschreiber erster und zweiter Klasse. Den
Zweite hessische Ständekammer.
31» Landtag. 76. Sitzung. Mittwoch, den 27. Nov. 1901.
Am Regierungstische: Staatsminisber Rothe Exc., Finanzminister Gnauth Exc., Justizminis^r Dr. Mttmar ®jc. (später), Ministerialrat Emmerling, Obermedizin alrat Lorenz, Ministerialräte Willbrand und PÜckel.
Vizepräsident Reinhart eröffnet die Sitzung um 9-16 Uhr. Das Haus tritt in die Beratung des Antrags Korell über die Maul- und Klauenseuche ein.
Abg. Schönberger tritt für eine Entschädigung unter Rücksichtnahme auf besondere Verhältnisse in der Provinz Starkenburg ein und begründet Jeine Stellungnahme in längeren Ausführungen. Eine Entschädigungspflicht des Staates müsse gesetzlich festgestellt werden. Die Regierung müsse teilweise für die Seuchen infolge mangelhafter Beobachtung und Organisation verantwortlich gemacht werden.
Abg. Wolf (antis.) weist die Regierung auf den Durchzug der Schafherden durch Rheinhessen hin, die namentlich von Nichthessen betrieben werden, um billige Futtermittel sich zu verschaffen. Es werde dadurch die Einschleppung von Seuchen befördert.
Abg. Weidner (christl.-soz.) legt der Regierung ans Herz, Drittel und Wege zu finden, die schwer heimgesuchten Landwirte wie in anderen Notstands fällen zu unterstützen, wie dies der Fall gewesen sei bei den Ueberschwemmungen in Rheinhessen.
Abg. Ko rell (B. d. L.) tritt wiederholt im Sinne der Vorredner für seine Wünsche ein und bittet die Regierung um baldige endgiltige Regelung der Materie. Die Debatte wird damit geschlossen. — Der Ausschuß beantragt, über die Vorstellungen der Dampft rahn en- Maschinenmeister zu Gustavsburg und Bingen, sowie des Wagenwärters Ludw. Frey zur Tagesordnung uber- zugehen. Das Haus stimmt dem zu.
Das Haus schreitet sodann zur Beratung der Eingabe ver Hi lfsgerichtsschreiber bei den Amtsgerichten und zweiten Staatsanwaltsgehilfen um Aufbesserung ihrer Gehalte und Gleichstellung mit den Finanzaspiranten (Vertreter des Justizministeriums sind am Ministertische vorerst nicht anwesend).
Abg. Molthan (Ztr.) geht eingehend zur Schilderung ber Verhältnisse der Petenten über. Ihre Gleichstellung mit den Finanzbeantten entspreche nur der Billigkeit. Wenn der Wunsch auf Umwandlung der Hilfsgerichtschreiberstellen in Gerichtsschreiberstellen aus finanziellen Gründen nicht möglich sei, dann möge man ein gleiches Anfangsgehalt beider Beamten-Klassen schaffen. Der finanzielle Effekt bedeute nur 12 000 Mk. jährlich. Vielleicht sei es auch möglich- 26 neue definitive Stellen zu schassen, damit die Aspiranten wenigstens irgendwelche Aussicht auf Anstellung erhalten. Wenn der Abg. Jöckel in seinem Bericht gesagt habe, das Institut der Hilfsschreiber habe sich bei uns „bewährt", so gebe er letzteres zu hinsichtlich! der Ersparnisse der Staatskasse; aber gerecht habe man gegen die Petenten bei 6em Beamtenbesoldungsgesetz nicht verfahren. Dieser Tadel treffe in erster Lnie das Justizministerium. In Betracht komme, daß die Gerichtsschreiber noch Nebeneinnahmen haben, voll welchen den Hilfsgerichtsschreibern nichts zufließt, obschon sie dieselben Funktionen und dieselbe Vorbildung mit den ersteren Beamten haben. Auch die Abänderung des geraoezu mitleiderregenden Titels „Hilfsgerichtsschreiber" sei geboten, man nenne sie doch wie in Preußen und Bayern Sekretäre. Im übrigen habe die Regierung bei der letzten Budgetberatung die Aufbesserung der Hilssgerichtsschreiber bei den Untersuchungsrichtern und
Minister bitte ec, dem Landgerichtspräsidenten die Auf- sichtsbefugnis über die Gerichtsschreiber zu übertragen.
Justizminister Dittmar bestreitet, daß die gleiche Vorbildung bei den Finanzaspiranten und den Hllfsgerichts- schreibern bestehe. (Zwischenrufe: Neuerdings aoer!) Bei der vom Abg. Molthan erwähnten und im Budget besser- gestellten Beamtenlategorie habe es sich um eine Frage der Organisation gehandelt. Hier handele es sich um einen Bruch mit der Beamtenbesoldung, dem hoffentlich der Finanzausschuß schon aus prinzipiellen Gründen wohl nie zustimmen werde. Der Abg. David habe ihn mit einem Zahlenmaterial überrascht, das er wohl durch Nachfrage bei den Beamten sich verschafft habe. Man habe im Finanzausschüsse keine Statistik verlangt. Er bitte wiederholt das Haus dringend, dem Ersuchen der Petenten keine Folge zu geben.
Abg. Leun (antis.) geht auf die Einkommensverhältnisse der Gerichtsschreiber näher ein, die durch große Neben- einnahmen sich recht günstig gestalten. Abg. Weidner (christl.-soz.) bekennt sich als Freund der Hilfsgerichtsschreiber; er sei im Finanzausschüsse lediglich um deswillen der nunmehrigen Majorität beigetreten, weil er weitere Gesuche anderer Beamtenkategorien um Gehaltserhöhung befürchte. Aber einer Gleichstellung der Petenten mit den Finanzaspiranten rede er das Wort. Man könne dies dadurch erreichen, indem man die Nebeneinkommen der Gerichtsschreiber den Hilfsgerichtsschreibern zuwende. Ministerialrat Pückel tritt verschiedenen Bedenken der Vorredner entgegen und beharrt darauf, daß die Vorbildung der Finanzaspiranten eine bessere sei als die der Hilfsgerichts^ schreiber.
Abg. Köhler-Darmstadt (natl.) tritt mit Wärme und Nachdruck für die Petenten ein. Er sei allerdings gegen einen Bruch mit dem Beamtenbesoldungsantrag, wohl aber für eine Vermehrung der definitiven Stellen. Man müsse immer im Auge behalten, daß Hilfsgerichtsschreiber und Gerichtsschreiber gleiche Vorbildung und gleiche Funktionen haben. Man solle doch endliche einmal den Beamten gerecht werden und auch ihren Wünschen auf Aenderung ihres erbarmungswürdigen Titels entgegenkommen.
Abg. Dr. David (Soz.) polemisiert gegen den Justiz. Minister (der das Haus inzwischen wieder verlassen hat). „Ucberraschen" habe er den Minister nicht wollen; denn er habe annehmen müssen, daß derselbe das statistische Material selbst kenne und dasselbe selbst dem Hause unterbreiten werde. Im übrigen konftattere er, daß dasselbe ja in der Eingabe an Regierung und Landstände ausdrücklich wiedergegeben sei. (Heiterkeit.) Ministerialrat Pückel habe die Sachlage nicht geklärt, sondern nur weiter verwirrt. Der „Zug nach den Bureaus" werde von der Negierung geradezu gefördert, indem dieselbe Aspiranten in Menge annehme und keine dekretmäßigen Stellen schaffe. Das heiße man beim Kaufmannsstand Lehrlingszüchterei. (Heiterkeit und Beifall.) Bei dem Wunsche auf Abänderung des Titels spreche wohl auch das „schöne Geschlecht" mit. Die Erftlllung dieses Wunsches ermögliche manchem jungen Manne das Heiraten. (Heiterkeit.) Er bitte, dringend, im Sinne der Petenten zu entscheiden.
Nach weiteren Ausführungen der Mgg. Weidner und Molthan sowie des Oberjustizrats Lor buch, er beantragt der Abg. Weidner die Zu rückvcrweisungderEin- gabe an den Finanzausschuß.
Präsident Reinhart stellt diesen Antrag zur Abstimmung; er wird mit 17 gegen 16 Stimmen angenommen.
Es entsteht nun eine längere Debatte darüber, ob durch Nichtanhörung des Berichterstatters ein Fehler in der Geschäftsführung vorgekommen sei. Das Haus lehnt einen
Gießener Theatervrrein.
Die Zwillingsschwester.
Lustspiel in 4 Aufzügen von Ludwig Fulda.
Die Dichter von heute erfechten nur noch bescheidene Siege. Gerhard Hauptmann hat am Dienstag in Berlin mit seinem neuesten Drama, das unter dem Namen „Der rote Hahn" einen zweiten Teil seines prächtigen „Biberpelzes" bar- stellt, so etwas wie einen kühlen Achtungserfolg errungen, Max Halbe ging es unlängst mit seinem „Haus Rosenhagen" nicht sehr viel besser, und Herr Ludwig Fulda — nun, Herr Fulda verschmäht es ja längst, das Löwenfell auch nur umzuhängen, er scheint schon seit Jahren gar nicht einmal mehr den Ehrgeiz zu haben, ernst genommen zu werden, im Gegensätze zu den beiden genannten, so geschickt er auch gelegentlich einmal die ernste Kunst zu verteidigen versteht. Es ist noch nicht gar so lange her, daß er mit Oskar Blumenthal ein Versgefecht ausfocht, als die Freie Bühne, deren Vorsitzender er ist, ein Schauspiel des jungen Grafen Keyserling zur Aufführung gebracht hatte. Damals bespöttelte Blumenthal jene freie Bühnendramatik als sogen. „Arnlleutdichtung". Fulda veröffentlichte umgehend ein paar geharnische Verse gegen Blumenthal, in denen er viel von der „Richtung nach oben in mutigem Flug" sprach. Blumenthal aber antroodete postwendend mit einem „Postscripturn", in dem er u. a. seinen Gegner also charakterisierte:
„Ach nein! Du bist fein kühner Rebell, Der bei den Philistern gesiebt ist, Du bist ein schmiegsamer, guter Gesell, Der allgemein „beliebt" ist."
Daß Blumenthal nicht unrecht hat, zeigen neben anderem Fuldas kürzlich im Verlage der I. G. Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart erschienenen „Neuen Gedichte". Tas ist ein
rechtes echtes Familienweihnachtsbuch. Man erkennt, wenn man den Band durchblättert, den sinnigen Beobachter des Weltverlaufs, das liebevolle Sichversenken in jede sympathische Einzelerscheinung, die herzliche Teilnahme an Freud und Leid. Fuldas Muse ist nicht stürmisch und leidenschaftlich, nicht kühn und nicht rebellisch, sie ist helläugig und klar, und man versteht es, daß sie ihre freundlichen Weisen hat hören lassen, wenn es sich darum handelte, eine Gedenkfeier mit einer dichterischen Ansprache einzuleiten; so finden wir hier Dichtungen, die zu Ehren Anzengrubers, Kuno Fischers, Theodor Fontanes, Wilh. Jordans, Paul Heyses und anderer gesprochen worden sind. Auch in Aphorismen zur Lebensweisheit und in Parabeln hat sich die Eigenatt des Dichters naturgemäß beteiligt. Sprache und Versmaß sind bei Fulda immer mit Sauberkeit und Gewandtheit gehandhabt. Im Hinblick auf die Form des Dargebotenen überragt dies Buch die meisten lyrischen Erzeugnisse des Tages, ebenso wie seine „Zwillingsschwester" die meisten Verskomödien unserer Tage um einiges überragt. Aber von einer „Richtung nach oben" verspürt man bei ihm heute nichts mehr. Er ist ein sehr sanfter Löwe geworden, sehr zahm, und brüllt nur noch ganzspianissimo und in den glattesten, gefeilten Versen. Herr Fulda, der mit besonderer Aufmerksamkeit die graziöse Lustspiel-Verskunst Jordans verfolgt hat und sehr wohl weiß, daß „Deutsches Volk ihn liebgewann durchs Ohr", wie Fulda seinen Prolog zu Wilh. Jordans reizendstem Lustspiel zur Feier von dessen 80. Geburtstage im Frankfurter Stadttheater schließt, — Fulda hat dem großen alten Poeten in unserer benachbarten Main- großstadt ganz hübsch das Aeußere seiner Lustspielkunst abgeguckt. Er hat zudem noch mehr als Jordan Geschmack am bunten Spiel und farbenprächtigen Kostümen; denn das erfreut des Publikums Herz. So hat er „die Zwillingsschwester" geschrieben, eine Renaissance-Komödie, besser als jene, die wir im vorigen Jahre in unserem Theaterverein
sahen, und mit der sich gestern unsere große Theatervereinsgesellschaft angenehm und ohne Aufregung unterhielt. Es ist die alte Geschichte und wird auch niemals neu. Das Ende kennt man schon am Anfang. Das Stück spielt in der Zeit der Renaiffance, des Kostüms wegen und um anzu- deuten, daß dergleichen heute unmöglich wäre. Damit ist aber noch lange nicht der Beweis erbracht, daß sie damals möglich gewesen wäre. Aber derlei ist auch nicht nötig. Man höre die Geschichte von dem Ritter Orlando della Torre (wie das klingt, echt italienisch!), der sein süßes Weibchen Giuditta zwar liebt, das ihm aber im Laufe der Zeit etwas langweilig geworden ist. Den „Narrn des Glücks" wieder zum Bewußtsein seines Besitzes zu bringen, ersinnt Giuditta eine Theaterlist. Sie hat in Süditalien irgendwo eine Zwillingsschwester, die ihr zum Verwechseln ähnlich ist. Sie reitet — in kostbar heller Schlepprobe! — angeblich auf Monate von bannen, und kommt als ihre Zwillingsschwester schleunigst wieder. Der Mann ist bald aufs neue verliebt, die Verführerische siegt, betrügt ihn und sich mit sich selbst! Denn der Gatte liebt ja doch wieder die Abwechselung. Zum Schluß heitere Lösung: auch die wirkliche Zwillings- schwester erscheint, mit dem echten, nicht mit dem angelegten Muttermal auf der Brust; ironischer Triumph, glückliche Heilung des Flatterhaften — für die nächsten fünf Jahre, wenn's hoch kommt! Tie oft gehörte Weisheit des dünnen Tändelspiels der Porzellansigurinen also ist: „Was man nicht hat, das eben brauchte man, und was man hat, das kann man nicht gebrauchen." Doch das Reimspiel, das der Virtuose mit allen Reizen der Sprache, mit zierlichen Wendungen und feinen Pointen höchst sinnengefällig unckleidete, klingt sehr fein und anmutig aus, mit einem nachdenklichpsychologischen Sprüchlein, das den ewig-männlichen Zug nach dem Anderen mit zärtlich schmollendem Fächerschlage berührt:


