Ausgabe 
1.1.1901 Drittes Blatt
 
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Dienstag den 1. Januar

1901

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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131. Jahrgang

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Drittes Blatt.

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Schulstrahe Nr. 7.

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Gießens neue Geschäftshäuser.

. -9!och in keinem Jahre vordem sind soviel neue Ge­schäftshäuser in Gießen entstanden, als in dem nun zu Ende gehenden Jahre, und es lohnt wohl, diese Gebäude näher zu betrachten.

Beginnen wir unsere Wanderung am S e l t e r s t h o r. Als Pendant zum Rudolph'schen Hause ist nach Plänen der Architekten Stein L Meyer das Eberhardt Metzger'sche Geschäftshaus entstanden. Im Styl der deutschen Renaissance bildet das Gebäude mit seiner weit­hin sichtbaren Kuppel und seiner modernen inneren Ge­schäftseinrichtung, die von außen durch die großen und lichten Erkerfenster sichtbar ist, ein vornehmes Entree am Thore unserer Altstadt.

Als weiterer Neubau am Seltersweg fällt das nach Plänen des Architekten Huhn in schweren Renaissance­formen durchgeführte, mit wuchtigen Sandsteinglieder­ungen, an denen die Bildhauerarbeit nicht gespart ist, durchsetzte Haus von Georg und Tichy in die Augen. Die darin untergebrachten Läden machen einen eleganten Eindruck. Besonders hervorzuheben ist im Georg'schen Laden die moderne Einrichtung im Innern des Verkaufs­raumes.

In der Plockstraße fällt vorteilhaft der ebenfalls nach Plänen des Architekten Huhn in Formen aus der Barokzeit mit Anklängen an die Spätrenaissance errichtete Neubau für den Schneidermeister W. Engelhardt auf. Die Frontansicht des Gebäudes ist architektonisch geschmack­voll und flott durchgearbeitet. Der für geschäftliche Zwecke bestimmte Parterreraum des Hauses ist wirkungsvoll.

Das nach Plänen des Architekten Hamann von Birken stock & Schneider erbaute Doppelhaus in der Plockstraße weist eine künstlerisch vollendete Facade im Style der Frührenaissance auf, die allerdings durch die davorstehende Baumreihe beeinträchtigt wird. Gegenüber an der Ecke der Johannesstraße fällt das nach Plänen der Architekten SteinLMeyer erbaute B a ch'sche Geschäfts­haus vorteilhaft auf, dessen Frontansicht im Style fein modernisierter Renaissanc mit zweckentsprechender, eben­mäßig und dezent wirkender Bildhauerarbeit durchgebildet ist, wobei allerdings, im Einzelnen betrachtet, die Ausbild­ung der Dachfenster in ihren oberen Partien etwas schwer und fremdartig wirkend ausgefallen ist. Der gewaltige Raum des unteren Stocks, für Geschäftszwecke bestimmt, dürfte mit der Zeit wohl Liebhaber finden, obgleich an dieser Stelle auf großen Verkehr vorerst nicht zu rechnen ist.

Gegenüber der Plockstraße, am Seltersweg, zieht das Hirz'sche Haus, das ebenfalls nach einem Entwurf der

Architekten Stein & Meyer erbaut ist und in diesem Jahre erst vollendet und bezogen wurde, das Auge auf sich. Dessen zweietagige, ganz in Eisen konstruierte Ge­schäftsräume sind in großstädtischer Manier errichtet. Man hat damit sicher mehr erreicht, als ursprünglich! beabsich­tigt war. Zwar in der feinsten Geschäftslage der Stadt gelegen, ist diese hier veranschaulichte Methode des Bauens für unsere Verhältnisse noch nicht reif, weil die so ge­schaffenen Räume nicht für jede Branche passend sind. An sich wirkt der Hirz'sche Bau von der Plockstraße aus be­trachtet, nicht unschön.

Nicht weit davon, am Seltersweg, ist das alte Schwager'sche Haus nach einem Entwurf des Archi­tekten Hamann durch einen Umbau, mit einer vollständig neuen Facade in mittelalterlichen Renaissancesormen ver­sehen, wodurch es einen vorteilhaften Eindruck hervor­ruft, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß durch einen vollständigen Neubau in dieser geschäftlich überaus wert­vollen Lage architektonisch ein besserer Effekt zu erzielen gewesen sein würde.

Das am meisten kritisierte Bauwerk, das geschäftlichen Zwecken zu dienen bestimmt ist, dürste das Haus des Architekten Kockerbeck sein. In den Formen der Bauten des Mittelalters, zu denen die in Gips modellierten Reliefs und das ebenso hergestellte Blattwerk nicht sonder­lich passend erscheinend ist die Idee, hier an der später gewiß noch mehr exponierten Ecke Schul- und Sonnenstraße dies Gebäude zu errichten, nur zu loben. Jedenfalls ist der im einzelnen mit Recht vielen Einwendungen ausge­setzte Bau als originell zu bezeichnen, an dem das ange­wandte Holzwerk nicht übel wirkt.

Recht schön in seiner ganzen Wirkung ist das nach dem Entwurf des Architekten Hamann ausaeführte Geschäfts­haus der Firma I. Schmücker Nachfolger in der Marktstraße. Im Style der Frührenaissance mit Ueber- lieferungen aus der Spätgothik bietet das Gebäude eine Frontansicht, der keine zweite Facade eines Gebäudes in unserer Stadt gleicht. Dabei ist die ganze Front des Hauses in echtem Sandstein hergestcllt, wodurch die monu­mentale Wirkung der Gesamtansicht noch gehoben wird. Mit dieser Schöpfung hat der Architekt Hamann unsere Stadt um ein Gebäude bereichert, das Aufsehen erregt, wobei nur zu bedauern bleibt, daß es in der Marktstraße, und nicht an einer breiteren Straße oder an einem größeren freien Platz errichtet werden konnte, wo der Effekt des Gebäudes erheblich größer wäre.

Das gegenüberliegende, nach Plänen des Architekten Nikolaus erbaute A. Biele r'sche Geschäftshaus kann

in seiner Wirkung noch nicht beurteilt werden. Noch wird daran gearbeitet, noch stehen die Gerüste davor zum Leid­wesen der Nachbarschaft, die den Wunsch hat, oaß dieser Bau fertig wird, damit der Verkehr in der sehr engen Marktstraße nicht noch länger behindert wird.

An der Marktstraße, in der Rittergasse, ist noch nach Plänen des Architekten Huhn in altdeutscher Holzkon­struktion das Ebel'sche Geschäftshaus erbaut. Das Ge­bäude, das an einzelnen Stellen seiner Front wirkungs­voll durch Holzbildhauerkunst gehoben ist, nimmt sich an dieser Stelle überaus schmuck aus.

In der Bahnhofstraße ist noch das L o tz'sche Haus zu erwähnen. Im gleichen Style wie das Bachsche Haus an der Ecke der Johannesstraße errichtet, waren es auch hier die Architekten Stein & Meyer, welche die Pläne zu diesem Bau geliefert haben. Die ganze Durchbildung der Facade, die bis in das Kellergeschoß hinunterreichenden Schaufenster geben dem Bau ein vornehmes Gepräge.

Mögen diese Beispiele aneifern zur Schaffung weiterer moderner Geschästslokalitäten, an Stelle der alten, be­sonders in unserer Altstadt.

Umversitäts Nachrichten.

Das Komitee für Errichtung einer technischen Hoch- schule in Breslau hielt am 17. Dezember eine Sitzung ab. Nach dem Berichte des Bergrates Gotheim sind an Beiträgen rund 250 000 Mk. gezeichnet worden; außerdem hat Breslau eine Beitragsleistung von einer Million in Aussicht gestellt und die oberschlesische Montanindustrie sich zu einer Leistung von 500 000 Mk. bereit erklärt. Einstimmig wurde beschlossen, an die Ministerien und an das preuß. Abgeordnetenhaus gemeinsame Petitionen aller Inter­essentenkreise zu veranlassen, dahingehend, daß entweder durch einen Nachtrag zum Etat für 1901 die Mittet für die Errichtung einer technischen Hochschule in Breslau unter Mitverwendung der zur Verfügung gestellten Summe von etwa zwei Millionen Mark bereit gestellt werden, oder aber, daß spätestens in den Etat für 1902 diese Einstellung vor­genommen werde.

Hausens

Behebt, ständig genossen, körperliche Schwächezustände.

7006

Kasseler Hafer -Kakao.

Zur Jahrhundertfrage.

Schluß.

Denselben Rechnungsfehler, der dem siebenjährigen Ele­mentarschüler nicht durchgelassen werden darf, glauben die Anhänger der Meinung A. sicb. leisten zu dürfen, trotzdem sie vielleicht Gymnasium und Universität hinter sich haben und in angesehene Stellungen eingerückt sind. Sie ver­wechseln die0" mit einer ,A" und fangen die Jahre nach Christi Geburt nach dem Schema des eben erwähnten Ele­mentarschülers so zu zählen an:

0+1 = 2 u. s. w.

Daher müssen sie am Ende des 1. Jahrhunderts zu dem falschen Ergebnis kommen: 0 plus 99 gleich 100. Ist der Rechnungsfehler aber erst einmal eingeführt in die Rech­nung, dann schleppt er sich auch fort durch alle Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag.

Da die 0 nur eine Stelle im Zahlensystem bezeichnet, ohne selbst eine Zahl zu sein, so eignet sie sich vortrefflich, um einen sogenanntenmathematischen Punkt" zu benennen, der seinerseits ebenfalls nur eine Stelle im Raum oder in der Zeit andeutet, ohne selbst ein Teil des Raumes oder der Zeit zu sein. So bezeichnen wir auf der Skala des Thermometers den Scheidepunkt zwischen den Wärme- und Kältegraden mit 0. Es kann aber keinen Grad 0 geben, weder über noch unter diesem Scheidepunkt. Der Punkt 0 ist aber ein mathematischer Punkt ohne räumliche Ausdehnung. An diesem Punkte berühren sich der 1. Kältegrad und der 1. Wärmegrad (plus 1 und minus 1).

Ebenso kann man auch an den Scheidepunkt der Jahre vor Christi Geburt und nach Christi Ge­burt e i n 0 setzen. Aber auch hier darf man keinen Augen­blick vergessen, daß dieser Scheidepunkt eben ein bloßer mathematischer Punkt ist ohne alle zeitliche Ausdehnung. Ein Jahr 0 kann es also gar nicht geben, weder vor noch nach Christi Geburt. An demScheidepunkte 0" berühren sich das Jahr 1 vor Christi Geburt und das Jahr 1 nach Christi Geburt. Ja, nicht einmal der kleinste Zeit­teil kann mit einer 0 bezeichnet werden. Denn jeder Monat, jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde ist an sich betrachtet schon eine 1. Betrachtet man aber die kleinen und kleinsten Zeitteile als Bestandteile eines größeren Zeit- «bschnittes, z. B. eines Jahres, dann sind sie wenigstens Bruchteile eines Jahres. Auch aus dem kleinsten Bruchteil

wird, wenn er nur oft genug mit sich selber zusammen­gezählt wird, zuletzt eine 1. Aus der 0 aber, und wenn sie auch noch so oft mit sich selber zusammengezählt wird, kann niemals eine 1 entstehen. Denn die 0 ist eben keine Zahl. Jede Verwechselung der 0 mit einer Zahl rächt sich! dadurch, daß die ganze Rechnung falsch werden muß.

Zu dieser ersten Verwechselung gesellt sich nun' aber noch eine zweite, in welcher o er eigent­liche Sitz des ganzen Irrtums zu suchen ist. Die Anhänger der Meinung A.s verwechseln nämlich auch noch zwei verschiedene Thätigkeiten:Zählen" undNume­riere n".

Zählen heißt: Feststellen, wie viel Einheiten zu einer bestimmten Vielheit gehören. Nu­merieren heißt: Angeben, an der wievielsten Stelle ein einzelnes Ding unter einer Vielheit seinen Platz haben soll.

Zählen kann man nurgleich artigeDinge, also nicht etwa fertige und unfertige, vollendete und werdende Dinge. Man kann also nicht einen Apfelstiel oder eine Apfelblüte mit unter die Aepfel, oder ein Ei mit unter die Hühner zählen. Von dem Augenblicke an aber, an dem das werdende Ding fertig wird, .muß es mitgezählt werden. 9hirt könnte man wohl das werdende Ding, weil es noch nicht mitgezählt werden kann, füglich mit einer Null be­zeichnen; dann dürfte man aber nicht vergessen, in dem- Augenblicke, wo das Ding fertig wird, die Null in eine Eins umzuwandeln.

Beim Numerieren ist eine solche Umänderung nicht nötig, weil durch die Nurymer nicht eigentliche das Ding selbst bezeichnet wird, sondern vielmehr die Stelle, au der das Ding seinen Platz hat. Nehmen wir ein Beispiel: An einer neuangelegten Straße werden zehn Bauplätze ver­kauft, jeder Bauplatz bekommt seine Nummer. Wenn hier­auf der Bau begonnen wird, so behält ja der Bau die gleiche Nummer, mit welcher der leere Bauplatz bezeichnet war. Wenn endlich der Bau vollendet ist, dann behält auch das fertige Haus die gleiche dkummer. Wie steht es nun mit den Jahren unserer Zeitrechnung? Wir bezeichnen ein künftiges Jahr mit seiner Jahreszahl schon längst ehe es erscheint, z. B. in Vorträgen, in Bekanntmachung von Terminen usw. Tritt alsdann das Jahr ein, dann behält es die gleiche Jahreszahl 365 Tage lang von seinem 1. Januar bis zu seinem 31. Dezember als werdendes, oder,

wie wir gewöhnlich zu sagen pflegen, als laufendes Jahr. Ist es dann vollendet, so behält es immer wieder die gleiche Jahreszahl als fertiges Jahr bis ans Ende der Welt.

Hieraus folgt unwidersprechlich, daß die Jahreszahl nicht die Zahl der Einheiten bezeichnen soll, aus dem die Vielheit der bis jetzt vollendeten Jahre besteht, sondern vielmehr die Stelle, an der jedes einzelne Jahr innerhalb der Vielheit von Jahren seinen Platz haben soll, oder mit anderen Worten, daß die Jahres­zahl keine Summe vollendeter Jahre, sondern die Nummer des einzelnen Jahres gleichviel, ob unvollendet oder vollendet angiebt.

Die Anhänger der Meinung A. wollen in der Zeit­rechnung gleich mit Zählen anfangen, und zwar schon da, wo noch nichts zu zählen ist. Daher bezeichnen sie das erste Jahr unserer Zeitrechnung mit einer 0. Dies könnte man ihnen allenfalls zugestehen, so lange dieses erste Jahr als ein unvollendetes noch nicht mit gezählt werden kann. Nur dürften sie dann nicht vergessen, in dem Augenblicke, wo das erste Jahr sich v oll- endet,aus der 0 eine 1 zu machen. Indem sie dies aber unterlassen und dem ersten Jahre dieselbe Be­zeichnung, die es als werdendes Jahr getragen hat (0), auch, nachdem es vollendet ist, belassen wollen, geraten sie aus dem Zählen ins Numerieren. Wenn sie dann fortfahren, das zweite Jahr, so lange es im Lauf befindlich ist, als ein noch nicht zählbares auch nicht mit zu rechnen und ihm deshalb die Jahreszahl 1 beizulegen, so ver­fallen sie wieder ins Zählen. Wenn sie aber diesem zweiten Jahre auch dann, wenn es aus einem noch nicht zählbaren zu einem zählbaren Jahre geworden ist, die Jahreszahl 1 belassen, so kommen sie wieder ins Numerieren. Und so geht die Verwechselung ohne Auf­hören fort. Sie verfallen beständig aus dem Zählen ins Numerieren und aus dem dkumerieren ins Zählen.

Wollten die Anhänger der Meinung A. fest beim Zählen bleiben, so müßten sie jedem Jahre eine doppelte Jahreszahl beilegen, eine vorläufige und eine end- g i l t i g e, wodurch freilich wiederum eine grenzenlose V e r- Wirrung entstehen müßte. Ist ihnen aber daran ge­legen, aus aller Verwirrung, aus allen Verwechselungen und Widersprüchen herauszukommen, so bleibt ihnen kein anderer Weg, als ihre irrige Meinung aufzugeben und sich zu der Meinung B. zu bekehren. W. I.