Antrag David auf Wiedereröffnung der Debatte mit Stimmenmehrheit ab und beharrt auf seinem Beschlüsse.
Finanzminister D-r. Gn auth beantwortet dann die Anfrage des Abg. Nioack. die Beamtenverhältnisse an der Main-Neckarbahn betr. dahin: Die Regierung habe geglaubt, die Beantwortung der Anfrage so lange verschieben zu sollen, bis der Stand der Verhandlungen betreffs der Main-Neckar- Bahn einen besseren Uebcrblick gestatte. Tie Verhandlungen seien nunmehr dem Abschlüsse sehr nahe gekommen; dabei sollten auch die Verhältnisse im einzelnen geregelt werden. Die Regierung stelle e s aber der Kammer anheim, die Besprechung der vorliegenden Anfrage von der Tagesordnung abzusetzen, da man bei Gelegenheit der Beratung des Staatsvertrags bezüglich der Main-Neckarbahn wieder darauf zurückkommen könne.
Auf Antrag Köhler-Langsdoxf (freie wirtsch. Vgg.^ wird die Besprechung der Anfrage ausgesetzt und eine Reihe sich auf die Main-Neckarbahn bezüglicher Vorstellungen an den Ausschuß verwiesen.
Auf die Anfrage des Abg. Berthold (Soz.), den zwischen der Großh. Domanialverwaltung und der Gemeinde Nauheim bei Groß-Gerau geplanten Waldtausch betr., erwidert
Finanzminister Gnauth, daß sich die Tiomanialver- waltung zu einem Tausche bereit erklärt habe, aber noch ohne Antwort der betreffenden Gemeinden sei.
Nachdem Abg. Berthold (Soz.) bemerkt hatte, die Gemeinden Königstädten und Nauheim wollten von dem Waldtausche nichts wissen, wird die Besprechung vertagt und die Vorstellung der Gemeinde Königstädten und Nauheim an den Ausschuß verwiesen.
Schluß der Sitzung 1 Uhr 30 Min.
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Beginn der Sitzung 4 Uhr 10 Min.
D4e Vorstellung des Bezirkskassiers Meißinger in Friedberg wird an den Ausschuß verwiesen.
Die Anfrage des Abg. Bähr, die Bureaukosten der Bürgermeister betr., die Vorstellung des Abg. Weidner, das Tiensteinkommen der Bürgermeister betr. und diejenige des Abg. Pitthan, den Gesetzentwurf, die Dienstbezüge der Forstwarte betr. werden aus Antrag Gutfleischs (freis.) von der Tagesordnung abgesetzt.
Die Anfrage des Abg. Köhler-Langsdorf (freie wirtsch Vgg.), die Vergütung der Ortsgerichtsdiener für Mühewaltung bei Anlegung des Grundbuchs betr., beantwortet Justtz- minister Dr. Dittmar^ Die Ortsgerichtsdiener hätten eine Gebühr zu beanspruchen. Die Beträge würden auf der Hauptstaatskasse angewiesen. Die Anweisung von Gebühren sei stets erfolgt, wenn darum nachgesucht worden sei. Sollte es bei den einzelnen Ortsgerichten versäumt worden sein, so könne es nachgeholt werden.
Abg. Köhler-Langsdorf (freie wirtsch. Vgg.): Als er die vorliegende Anfrage an die Regierung gerichtet habe, sei ihm durch den „Gießener Anzeiger" die Antwort zu Teil geworden, daß er sich im 3rrturne befinde. Wenn ein Grundbuch angelegt werde und die Ausmärker sollten eingetragen werden, so beauftrage das Ortsgericht den Ortsdiener, die Zustellungen vorzunehmen. Anlaß zu der Anfrage habe ihm gegeben, daß das Amtsgericht Lich die Vergütung seines Ortsgerichtsdieners verweigert habe. Mit der Antwort des Justizministers könne er zufrieden sein.
Es wird sodann die Anfrage der Abgg. Gundrum und Korell, die Erbauung einer normalspurigen Bahn von Alsfeld nach Hersfeld betr., vom Finanzminister Gnauth im wesenllichen dahin beantwortet:
Auf den übereinstimmenden Beschluß beider Kammern hin sei die Regierung in die nochmalige Verhandlung mit dem preußischen Eisenbahnminister getreten. Die Verhandlungen seien durch unseren Gesandten in Berlin geführt worden. Der preußische Minister beharre jedoch bei seiner Ansicht, daß die Bahn Alsfeld-Hersfeld nicht die Bedeutung habe, daß man sie auf Staatskosten baue. Bei dieser Sachlage sei die Regierung leider nicht im stände, dem Ersuchen der beiden Kammern zu entsprechen. Sie könne nur empfehlen, mit den Interessenten in Preußen in Verbindung zu treten, die auch eine Bahn durch das Jossa-Thal nach Alsfeld anstrebten. Die Regierung sei gerne bereit, für den in Hessen gelegenen Teil der Bahn eine Beihilfe in Aussicht zu stellen.
Abg. Gun drum (freis.): Er müsse bedauern, daß die Regierung eine bessere Antwort nicht habe mitteilen, können.. Die Strecke als Kleinbahn zu bauen, sei eine Ungeheuerlichkeit, worauf schon der vierte Ausschuß hingewiesen habe. Die Weigerung Preußens sei einfach ein Skandal in der Eisenbahngeschichte. Bei Preußen herrsche eben nur der rein fiskalische Gesichtspunkt. Man habe in Oberhessen die Erfahrung gemacht, daß alle Eingaben aus Oberhessen, woher sie auch kämen, bei der Eisenbahndirektion in Frankfurt immer abgewiesen würden. Die Handelskammer in Gießen habe dem auch schon unzweideuttgen Ausdruck gegeben. Die Erbitterung sei nachgerade bis aufs höchste gestiegen.
Finanzminifter Gnauth: Da sich Abg. Gundrum zu der vorliegenden Frage der Bahn Alsfeld-Hersfeld nur kurz geäußert habe, so könne er sich auch kurz fassen. Er weise nur daraus hin, daß es sich bei dem Wunsch der Antragsteller um eine Linie handele, deren überwiegender Teil in Preußen liege, und daß man anerkennen müsse, daß die Initiative und Entscheidung bei dem Staat zu liegen habe, in dessen Gebiet die Bahn hauptsächlich laufen solle. Man werde es der Regierung des Nachbarstaates nicht versagen dürfen, hier ihren eigenen Interessen zu folgen. Es stehe aber einer Nebenbahn nichts im Wege; es scheine in Preußen Geneigtheit dafür vorhanden zu sein, sobald die Strecke Trehsa-yersfeld genehmigt sein werde. Sei dies geschehen, dann werde die hessische Regierung dahin zu wirken haben, daß die beabsichtigte Kleinbahn (Nebenbahn) auch auf Hessen ausgedehnt werde und staatliche Zuschüsse erhalte. Abg. Gundrum habe aber vor allem Klage über die Gemeinschaft geführt und besonders geklagt, daß die Oberhessen so wenig Entgegenkommen bei der Frankfurter Direktion fanden. Gundrum werde aber wähl in manchem sagen müssen, daß die oberhessische Direktion zur Zeit, als die Bahnen noch staatlich gewesen seien, auch nicht alle Wünsche erfüllt hätte. Das sei ein Beweis dafür, daß an den Beschwerden nicht alles richtig sei. Er könne, wenn ihm auch jedes von dem Hause gegebene Stimmungsbild von Wert sei, dgch nur dann Abhilfe versprechen, wenn ihm die einzelnen Beschwerdepunkte genau angegeben würden. Die erste Frage sei immer die, ob wir seitens der Gemeinschaftsdirektion schlechter behandelt würden, als die preußischen Gebietsteile. Dafür habe er aber noch keinen Anhaltspunkt gefunden. Die Klagen richteten sich nur immer dahin, daß mit etwas freigiebigerer Hand und patriarchalischer verwaltet werden solle. Aber das Zeugnis könne der Verwaltung nicht versagt werden, daß sie ehrlich und redlich mit gleichem Maße die Wünsche aus Hessen und Preußen messe. Hessen könne natürlich nicht denselben Anteil an der Verwaltung beanspruchen wie Preußen, da es nur mit einem Fünfzigstel an der Gemeinschaft beteiligt sei. Er könne nur wiederholen, wenn einzelne Mitglieder Beschwerde zu führen hätten, so wäre er für Substanzierung der Beschwerde dankbar und er werde in Berlin für bereit Abstellung sorgen.
Abg. Korell (fre-ie wirtsch- Vgg.) bedauert gleichfalls, daß man den berechtigten Erwartungen der beteiligten Kreise nicht entgegengekommen sei. Nach den Erklärungen des Ministers erscheine der Bau der Bahn fast aussichtslos. Die Wichtigkeit der Strecke erkenne man beim bloßen Anblick der Landkarte. Auch er sage, daß in Preußen nur das fiskalische Interesse maßgebend sei. Er bedauere, daß dem einmüttgen Beschluß der beiden hessischen Kammern so wenig Rechnung getragen werde.
Finanzminister Gnauth: Korell überschätze die Tragweite selbst einstimmiger Kammerbeschlüsse. Sie könne doch nicht durch, ihre Beschlüsse Preußen überzeugen, daß die Strecke nun auch .für Preußen vorteilhaft sei. Für den Fall, daß die preußische Quer-Nebenbahn Treysa—Hersfeld gebaut werde, bestehe in Preußen Geneigtheit, auch eine Bahn von Aula durch das Jossathal nach Alsfeld zu bauen, und daun liege es an Hessen, die Bahn, soweit sie durch hessisches Gebiet führe, zu bauen. Er bitte, die Angelegenheit doch objektiv zu betrachten.
Abg. Molthan (Ztr-): Er bedauere, daß jede Ant- wort der Regierung über eine Eisenbahnangelegenheit die Kammer zwinge, eine Eisenbahndebatte zu halten, und er bedauere das umsomehr, als man dem jetzigen Finanzminister vollstes Vertrauen entgegenbringe. Wir seien eben auf den guten oder schlechten Willen des preußischen Eisenbahnministers angewiesen. Die Regierung könne immer nur sagen: wir haben keine Möglichkeit, auf die preußisch-hessische Gemeinschaft hinzuwirken. Ganz nebensächliche Forderungen fänden kein Entgegenkommen. Er hätte auch gedacht, daß unter den Regierungen der beiden Bundesstaaten so viel Solidarität herrsche, daß man nicht nur den Anteil an der Gemeinschaft in Betracht ziehe. Daß es aber geschehe, sei eine Bankrotterklärung unseres Einflusses in der Eisenbahngemeinschaft.
Abg. Dr. David (soz.): Nach den Erklärungen des Finanzministers scheine tatsächlich eine größere Bereitwilligkeit zu herrschen, unsere Klagen aufzunehmen und nach Berlin weiterzugeben. Das sei eine Wendung, die nicht ohne Bedeutung sei. Man wolle nämlich durch, die freundlichere Behandlung Baden und Württemberg Sand in die Augen ftreuen, um sie dann auch in bie Gemeinschaft zu ziehen, und um die Main - Neckar - Bahn zu schlucken. Er schlage ein anderes Wappen für die preußisch-hessische Gemeinschaft vor: statt den Adler und Löwen : nebeneinander, einen Adler, der einen Löwen, der nur das Zipfelchen seines einen Schwanzteiles in der Kralle - halte, umkrallt hatte. Das Zipfelchen des Schwanzteiles sei die Main-Neckar-Bahn. Das wollten wir uns auf keinen Fall entreißen lassen. Es sei schon so weit ge
kommen, daß Preußen auch die lokalen Verkehrsintevesseu) Hessens zu entscheiden habe.
Finanzminister Gnauth: David kenne doch nicht ganz die Verhältnisse unseres Gemeinschaftsverttages. Preußen könne uns nicht hindern, Bahnen zu bauen, welche wir wollten. Er hoffe doch, demnächst das Haus auch für den Main-Neckar-Bahn-Vertrag hinter sich zu bekommen, wie ihm auch beim Anschlüsse gelungen sei, aber nur bei ruhiger sachlicher Erwägung. Gerade die Bewohner Oberhessens wüßten recht sehr die Vorteile, die uns die Gemeinschaft gebracht habe, zu schätzen. Nach seiner festen Ueberzeugung habe Hessen nicht den Eisenbahn-Gemeinschafts-Vertrag zu bereuen.
Abg. Leun (freie wirtsch. Vgg.) führt gleichfalls gegen die Direktion Frankfurt Beschwerde. Schon früher, als der jetzige Finanzminister noch Oberbürgermeister von Gießen gewesen sei, habe die Stadtvertretung von Gießen einstimmig die Erbauung des Nordbahnhofes beschlossen und trotzdem werde er nicht gebaut. Man vermute, daß das hessische Mitglied in der Eisenbahndirektion daran schuld sei.
Abg. Erck (natl.): Er könne nur dem Vorwurf, als seien mir durch die Eisenbahngemeinschaft vergewälltigt worden, entgegentreten. Die Erfahrungen, die man in Oberhessen gemacht habe, seien nur gute. Man habe besser« Verkehrsbedingungen, die Frachtgüter würden rascher befördert, man habe die Wohlthat der vierten Klasse. Gerade die preußischen Beamten ließen uns Gerechtigkeit widerfahren, was früher bei den hessischen Beamten nicht der Fall gewesen wäre. Der Gemeinschaftsvertrag sei nun zu Gunsten Hessens ausgefallen. Wo wäre man mit dem Budget, hingetommen, wenn man nicht den Ueberschuß von 10 Mill. Mark aus der Gemeinschaft gehabt habe?
Abg. Dr. David (Soz.): Es sei ein Trugschluß, daß die: pekuniären Erfolge ein Erfolg der Gemeinschaft wären. Dieselben Ueberschüsse habe man auch, erzielen können, toeiut, die Bahnen hessisch geblieben wären. Er fei ja auch für1 eine Vereinheitlichung der Bahnen, aber unter Reichsverwaltung, nicht unter preußischer Verwaltung.
Abg. Köhler-Langsdorf (freie wirtsch. Vgg.) wundert sich darüber, daß Abg. Erck noch immer sich über die „Ver- preußung" der Bahnen freue. Richtig sei ja, daß die hessische Eisenbahnverwaltung schlecht gewesen sei, und gerade dcr- durch sei man zu dem Gemeinschaftsvertrag gezwungen war-, den. Aber es sei nichts besser geworden.
Damit ist die Besprechung der Anfrage beendigt.
Die Anfrage des Abg. Köhler-Langsdorf (freie1 wirtsch. Vgg.), die Anstellung von hessischen Beamten unter der preußischf-hessischen Eisenbahngemeinschaft betr., erhält durch Finanzminister Dr. Gnauth folgende Seantinortunai' Da die 18 Hilfsbremser, über deren Anstellung Beschweroe geführt werde, sämtlich hessische Staatsangehörigkeit gehabt hätten, so habe sie der preußische Minister mit den anderen Hessen und nicht zugleich mit den Preußen in der Eisenbahngemeinschaft aufrücken lassen. Der preußische Minister sei aber auf seine Vorstellung von dieser Ansicht, abgekommen und der Beschwerde der Hilfsbremser werd« abgeholfen.
Abg. Kö h l e r - Langsdorf (freie wirtsch, Vgg.): Er habe die Ansicht, daß unser hessisches Interesse nicht so gegenüber Preußen vertreten werde, wie es sein sollte. Es wäre richtiger, wenn die Regierung die Preußen nicht immer loben wollte. In hessischen Eisenbahnbeamtentreisen herrsch« Unwille darüber, daß sie nach Preußen versetzt würden.
Finanzminister Dr. Gnauth macht den Abg. Köhler! darauf aufmerksam, daß er über etwas rede, was nicht, hierher, sondern zu einer anderen Anfrage gehöre.
Die Anfrage der Abgg. Schubart und Köhler-Langsdorf, die Vergebung von Steinlieferungen und Steinmetzarbeiteu bei öffentlichen Bauten betr., beantwortet Finanzminister Dr. Gnauth: Die Steinlieferungen und Steinmetzarbeiten für die neue Rheinbrücke bei Mainz könnten deshalb nicht an hessische Bewerber allein vergeben werden, weil diese Brücke nicht allein von Hessen gebaut werde. Auch könnte wahrscheinlich die hessische Industrie die Steine nicht m der kurzen Zeit liefern. Bei der Kirche in Heppenheisr habe man deshalb die Steine aus der Pfalz bezogen, weil sie 30 000 Mk. billiger gewesen seien. Doch würde die hessisch« Industrie sonst berücksichtigt.
Abg. Br e im er (natl.) bittet um Berücksichtigung der einheimischen Industrie, da das Geschäft darniederlieae.
Es vertagt sich dann das Haus bis nach Neujahr.
Cbeo-Tmoort Ronne1el4t, Frankfurt a. M.
Wahllos nach immer neuem Naschwerk späht ihr;
Kein Schmaus zu derb für eure Flattersucht — Und eine nur von allen Frau'n verschmäht ihr, Die eigene — bis in geborgter Schale Sie sich verwandelt zur verbot'nen Frucht.
Die durch die Seelenmaskerade in der sonst so stillen Frau sich vollziehende Entfesselung verborgener Geister der leichter sprühenden Laune, die den Mann umgaukeln, hat einen Sinn, der für tieferen Humor reif ist. Fulda aber hat das nicht vertieft, er begnügte sich mit einem Jeu d’eaprit, einer der Amphitryon-Sage nachempfundenen Versgavotte, in der die Reigenturen und Verschlingungen der Reime das Wesentliche sind. Es ist ja alles nur ein Spiel, ein Mummenschanz der Gefühle. Fulda macht uns klar, was wir schon längst rvußten, daß wir alle Dummköpfe sind, wir Männer, mit denen die Illusionen neckisches Spiel treiben.
Fulda's „Zwillingsschwester? hat dem Berliner „Lessing-Theater" in den ersten zehn Vorstellungen eine Einnahme von rund 50 000 Mk. gebracht und ist kürzlich von einem englischen Bühnenleiter für ganz Großbritannien zur Aufführung angekauft worden. Wahrscheinlich nicht um ein Butterbrod. Kein Wunder, daß Fulda der Sohn eines reichen Frankfurter Kaufmanns, in der Uhlandstraße in Charlotten- burch ein Heim hat, in dem prachtvolle Smyrnateppiche den Boden bedecken, die Wände mit Gobelins und wertvollen Gemälden geschmückt sind, in Ecken Pariser Bronzen und kostbare Bibelots stehen, daß man sofort sieht, man befindet sich bei einem Dichter, der auf großem Vers-Fuße lebt ’
Das magere Stückchen besitzt etwas, was es vielleicht noch eine Zeit lang auf dem Repertoire erhalten wird: eine
Glanzrolle. Und wie Frl. Luise Willig aus Wiesbaden, unser diesmaliger Gast, sie spielte! Sie beherrscht ihre Doppelrolle, zuerst die etwas seriös häusliche Frau und Mutter, bei der sich Ritter Orlando einigermaßen langweilt, und dann das sprühende Weltkind in allen Registern vittuos. Sie hat die Kostümschwankfigur der Giuditta ausgestattet mit einer gewinnenden Liebenswürdigkeit, geistreichen Schalkheit und Verführungskunst, die nicht nur den ungetreuen Ritter, sondern auch das getreue Publikum mit Grazie besiegte. Es war ein Triumph der hohen Schule der Schauspielkunst. Die Verse sprach sie leicht, graziös. Was aber das Wichtigste war — sie zeigte Empfindung. Der Gefühlserguß in der Szene mit dem Kinde, der zwiespältige Ausbruch schmerzlichen Triumphes und freudiger Betrübnis, da ihr Gatte, durch die Maskerade getäuscht, sich von ihr trennen will, um sich liebeglühend mit ihr zu vereinen, glückte auf das allerbeste, hier zeigte sie feinste Selbstironie gepaart mit zärtlichster Innigkeit. Schöne Erscheinung, schönes Kleid und schöner Vers — in diesem Zeichen siegte bei uns durch Frl. Luise Willig der Lustspieldichter Ludwig Fulda,
Der.hervorragenden Leistung des Gastes zunächst stand von unseren heimischen Künstlern Frl. Hohenfels in der leider sehr kleinen Rolle der stotternden, beschränkten kleinen Frau des Jägermeisters, die sie mit allerliebster Natürlichkeit und Drolligkeit spielte. Herr Ger lach deklarniette den Orlando furioso mit der ihm vom Dichter verliehenen trockenen Unausstehlichleit. Als Graf Paraboseo ließ Herr Ramsey er seinem Humor alle Zügel schießen und errang mit gutem Rechte für seine prächtige Schlemmerfigur den stärksten Lacherfolg des Abends. Aber soll dieser ftöhliche
Frauenjäger nicht wirklich ein „hübscher Mann" fein,- und sind die Zweifelworte Orlandos nicht nur ein momentaner; Ausfluß feiner Eifersucht? Aus den paar Watten einer tölpelhaften Dienerrolle machte Herr Woisch wieder einmal' eine Miniatur-Prachtleistung. Die Herren Schneider und? Sandor genügten.
Mit der Inszenierung hatte man sich keine große Sorge gemacht. Allgemein bewundert wurde die Unerschöpflichkeit einer eigenartigen Weinkanne. Das Zusammenspiel war im allgemeinen ganz wohl gelungen, nur der erste Akt verlief, etwas schleppend. P. W.
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— Aus Wien meldet man: Die Erstaufführung von«. Fulda's „Zwillingsschwester", die dieser Tage statt» fand, bedeutete einen Triumph der Darstellungskunst des Burg», theaters. Frohgestimmt folgte das Publikum den geistreichen, launigen Wendungen des Stückes, und herzliches Lachen begleitete das Doppelspiel. Allerdings, die unmoderne Idee der Doppelgängerschaft entbehtt jeder Jntrigue, jedev Spannung und Ueberraschung, um den Zuschauer tiefer zu fesseln und geht eigentlich ohne Lust und Leid an Einem vorüber. Frl. Witt in der Doppelrolle glänzte durch Anmut und heitere Laune und fand auch innige, tiefe Töne. Kainz aber wcw durchaus falsch plaziett und konnte der Figur des treulosen Ehemannes auch nicht eine sympathische Nuance abgciüinncn. Er spielt nun im Burgtheater das „Mädchen für Alles" und es sollte uns nicht ivundern, wenn er demnächst die Lady Milford und den Ferdinand gleichzeitig übernehmen würde.


