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29.1.1901 Erstes Blatt
 
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und forstwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften für das Groß

zent. mehr

1901.

Rach in der land-

Darmstadt Offenbach Gießen Main- Worms

in Prozent absolute derBevölkerung

Bei der fortgesetzten Beratung des Etats des Reichs arnts des I "

Von Großbritannien, Tochter des Herzogs von Cambridge, und deS Herzogs Franz von Teck, Sohnes des Herzogs Alexander von Württemberg und der Gräfin Rhodey Hohenstein. Königin Viktoria verlieh dem Herzog von Teck den TitelKönigliche Hoheit", obgleich sein Stamm nach deutschem Fürstenrecht nicht al- ebenbürtig gilt. Der älteste Neffe der jetzigen Königin Alexandra von England, Prinz Christian von Dänemark, ist verheiratet mit Prinzessin Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin. Ihr Neffe, der Zar Nikolaus, heiratete Prinzessin Alix von Hessen, Enkelin der Königin Viktoria. Ihr anderer Neffe, Kronprinz Konstantin von Griechenland ist Gemahl der Prinzessin Sophie von Preußen, der Schwester des Deutschen Kaisers und Tochter der Kaiserin Friedrich, der ältesten Schwester Eduard VII. Eine Nichte der Königin Alexandra, die Tochter der Prinzessin Thyra von Dänemark und Herzogin von Cumberland, die Prinzessin Marie Luise, vermählte sich am 10. Juli 1900 mit Prinz Maximilian von Baden, dem Neffen des regierenden Großherzogs, und so entstand wieder eine ganze Reihe von weiteren Verwandtschaften mit ver­schiedenen fürstlichen Häusern, die übrigens infolge von früheren Heiraten der Familie des Prinzen von Wales bereits nahe gestanden. Mit den Häusern Orleans und Bayern ist die jetzige Königin Alerandra mehrfach verwandt, so durch die Prinzessin Marie, Tochter des Herzogs von Chartres. Eine Nichte des Königs Leopold von Belgien, Henriette, ist vermählt mit dem Herzog von VendSme, Sohn des Herzogs von Alen^on und der Herzogin Sophie in Bayern. Der Bruder der Prinzessin Henriette, der künftige Kronprinz von Belgien, Prinz Albert, heiratete am 2. Ok­tober 1899 Prinzessin Elisabeth in Bayern. So traten beide Häuser zugleich abermals in Beziehungen auch zum Hause Hohenzollern, denn des Prinzen Albert Mutter ist eine Prinzessin von Hohenzollern, und ihre Tochter Josephine ist wieder mit dem Prinzen Karl Anton von Hohenzollern ver­mählt. Die ferner noch zu den Dynastien von Oesterreich- Ungarn, Portugal, Savoyen und Bonaparte be­stehenden Verwandtschaftsbeziehungen sind so zahlreich, daß sie sich kaum noch übersehen lassen; bemerkenswert ist dabei, daß die meisten Beziehungen durch das Haus Ko bürg ver­mittelt werden. Königin Viktoria hat 6 Kinder, 31 Enkel und 36 Urenkel hinterlassen, man begreift also, daß das jetzige Oberhaupt der Familie, König Eduard, auch eine recht zahlreiche Vrrwandtschaft geerbt hat.

Aus Stadt und Kand.

Gießen, den 28. Januar

** Persoualuachrichten. Der RegierungSrat Darmstadt wurde zum Vorsitzenden des Vorstandes

Ortsanwesende Bevölkerung am I.Dez.1800 am2.Dez.18S5

Deutscher Reichstag.

Berlin, 26. Januar.

Jahren hat also eine Zunahme von 81115 Personen oder ,81 Prozent, d. i. durchschnittlich jährlich 1,56 Prozent, tattgefunden, während in dem vorangegangenen Jahrfünft 890/95 sich die Bevölkerung um nur 46137 oder 4,65 Proz­ent, gleich 0,93 Prozent im Durchschnitt jährlich, vermehrt iatte. In den Provinzen ergaben sich folgende Veränderungen der Volkszahl: in Starkenburg vermehrte sich die Be­völkerung von 444562 Personen im Jahre 1895 auf 489445 im Jahre 1900 oder um 44883 Personen, d. i. 10,1 Pro- ent; in Oberhessen von 271524 auf 282165 oder um .0641 Personen, d. i. 3,9 Prozent; in Rheinhessen von 322934 auf 348525 oder um 25591 Personen, d. i. 7,9 Pro- Die Ergebniffe der Zählung in den Städten mit

10000 Einwohnern sind folgende:

Zunahme seit 1895

t s des I ii n ern erwidert

Abg. Hitze (Ztr.) nochmals auf die sozialdemokratischen Angriffe gegen das Zentrum.

Abg. Stadthagen (Soz.) betont gegenüber dem Frei­herrn v. Heyl, daß die Arbeiter noch gar kein wirkliches Koalitionsrecht haben. Er kritisiert die Handhabung des Unfallversicherungsgesetzes durch die Berufsgenossen, die unter dem Einfluß des Zentralverbandes deutscher In­dustrieller ständen, erhebt den Vorwurf, daß die Unter­nehmer, auch sogar staatliche Verwaltungen, sich über gesetz­liche Vorschriften hinwegsetzen und klagt über das un­passende Verhalten der Unternehmer-Verbände gegen die Arbeiter und auch gegen die Aufsichts-Beamten. Diese Ver­

bände thäten sich als eine ArtErpresserbande" zusammen, 1 um den Arbeitern das Koalitionsrecht zu verkürzen. Gegen­über dem Vorgehen der Unternehmer möge der Staats- sekretär seine Unabhängigkeit beweisen. (Bravo, bei den 1 Sozialdemokraten.)

Abg. Stöcker (kons.): Religiosität ist Privatsache, 1 Religion kann nie Privatsache sein, sonst zerstört man sie. . Sie berufen sich jetzt darauf, daß einige christliche Prediger i zu Ihnen übergetreten sind; nun ich glaube, weder diese Männer noch Sie werden viel Freude daran erleben. (Rufe bei den Sozialdemokraten: Abwarten!) Ledebour hat einen Scheiterhaufenbrief erwähnt. Das war keine Jntrigue und ich habe seinetwegen ein ganz gutes Gewissen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Vier Punkte habe ich darin auf­gestellt, in denen ich mit Bismarck auseinanderging, und habe geraten, daß dieKreuzztg." diese »vier Punkte in scheiterhaufenheller Beleuchtung (Lachen) zeigen solle, um den Kaiser richtig zu informieren. Das ^war eine offene ehrliche Kampfesweise. Bebel hat denTucker-Brief" direkt erfunden. (Stürmische Unterbrechung bei den Sozialdemo­kraten; Ruf: unverschämt!)

Abg. Rötßhaus (Soz.): Stöcker warf Bebel vor, er habe den Tucker-Brief erfunden. Diese Behauptung, Herr Stöcker, steht auf derselben Höhe, wie damals Ihr Eid: Ich habe Ewald nie gesehen!" (Sehr gut! bei den Soz.) Rach dem, was Stöcker hinter sich hat, hat er am wenigsten Recht, zumal einem Mann wie Bebel gegenüber einen solchen Vorwurf zu erheben. (Abg. Stöcker: Zeigen Sie doch den Brief!) Der Redner verbreitet sich dann über haus­industrielle Mißstände in Sachsen-Meiningen.

Abg. Dr. Oertel (kons.): Ich gebe den Sozialdemo­kraten zu, daß sie ihrem Programm gemäß der Religion unparteiisch gegenüberstehen. Viele von ihnen handeln nach diesem Grundsätze, und ich freue mich aufrichtig, wenn ich höre, daß manche von ihnen ihre Beiträge an die Synagogenkasse zahlen (Heiterkeit rechts), aber sorgen Sie erst dafür, daß aus Ihrer Presse die Angriffe auf das Christentum fortfallen. Die Zusammenstellung desVor­wärts" am 18. Januar war tendenziös. Alle Lichtpunkte waren weggelassen und nur die Schatten, deren historische Richtigkeit auch Herr Kunert nicht wissenschaftlich wird prüfen können (Abg. Kunert : Friedrich II.), waren gegeben. Diese tendenziöse Zusammenstellung war angesichts des Jubeltags eine Gemeinheit. (Bravo! rechts.) Molkenbuhr hat wieder einmal behauptet, die Getreidezölle schädigten jede Arbeiter­familie jährlich um 30 Mark. Das wäre aber nur möglich, wenn der Getreidepreis um den Zollbetrag gestiegen wäre und wenn der Brotpreis mit dem Getreidepreis parallel liefe. Beides ist nicht bewiesen. Der Zoll wird zum großen Teil von den ausländischen Exporteuren getragen. Die Koalitionsfreiheit hckt keine größeren und gefährlicheren Gegner, wie in der Sozialdemokratie. Ich will die Koa­litionsfreiheit, soweit sie jetzt bestehl, erhalten; viele meiner Freunde stimmen mir gewiß gern darin zu, sie memen aber, daß die Ausdehnung der Koalitionsfreiheit in alle Wege

Herzogtum ernannt; der Geh. Oberforstrat Dittmar in Darmstadt wurde auf sein Nachsuchen von dem Amte eines ersten Stellvertreters des Vorstandes der land- und forstwirt­schaftlichen Berufsgenoffenschaft entbunden; der Regierungs­assessor Dr. Langrock wurde zum Stellvertreter des Vor­sitzenden des Vorstandes der land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenoffenschaft ernannt. In den Ruhestand wmde ver­setzt der Lokomotivführer bei der Main Neckar-Eisenbahn Moritz Kötter zu Frankfurt a. M. wegen geschwächter Ge­sundheit mit Wirkung vom 1. Februar an.

** Konsum-Verein. In Arbeiterkreisen, zunächst innerhalb der organisierten Arbeiterschaft, den Gewerk­schaften, beschäftigt man sich mit der Errichtung eineZ Konsum-Vereins nach dem Muster der in größeren Städten besonders in Sachsen seit vielen Jahren bestehenden Ver­eine. Eine aus Angehörigen aller Gewerkschaften zu­sammengesetzte Kommission ist mit den Vorarbeiten betraut worden.

** Aus dem Theaterbüreau.Im weißen Rößl" wird am Dienstag noch einmal als volkstüm- liche Vorstellung zu kleinen Preisen gegeben. Fräu­lein Eichenwald spielt dieRößlwirtin." Eine Wiederholung von Flachsmann als Erzieher findet auf viel­fachen Wunsch am Mittwoch den 30. d. M. statt.

** Unbestellbare Postsendungen. Rach der Statistik der Reichs-Postverwaltung für 1899 haben in diesem Jahre über zwei Millionen Postsendungen wegen Unbestellbarkeit bei den Ober-Postdirektionen zur Er­mittelung der Absender eröffnet werden müssen. Davon sind nicht weniger als 1 038 180 Stück endgiltigunbestell- bar geblieben und später dem Flammentode verfallen. Die Ursachen der Unbestellbarkeit waren: 1. Unzureichende Adressierung, wie Fehlen oder unrichtige Angabe des! Standes, der Beizeichen, der Straße, der Hausnummer, des Bestimmungsorts usw.; 2. gänzliches Fehlen der Adresse (den Löwenanteil dieser Gattung nahmen die Ansichtspostkarten für sich in Anspruch); 3. Annahmever­weigerung; 4. nicht erfolgte Abholung; 5. Abreise ohne .Hinterlassung der Adresse; 6. Ableben des Adressaten und dergl. mehr. Das Schlimmste aber ist, daß die Absender sich gar nicht oder nur unzureichend genannt hatten und ihnen die Briefe daher nicht zurückgegeben werden konnten. Wie viel Verdruß, Sorgen und Geldopfer mögen durch die Nichtan- oder Nichtrückkunft dieser Sendungen verursacht worden sein! Aber auch auf der anderen Seite, wie viek ungerechte Vorwürfe sind da offen oder int Stillen gegen die Post erhoben worden. Schnell ist ja das Urteil ge­fällt:der Brief ist auf der Post verloren gegangen!" Jeder Absender -sehe daher in seinem eigenen Interesse darauf, daß die Postsendung, bevor er sie dem Briefkasten anver­traut, eine vollständige Adresse trage, also alle Angaben enthalte, die zur Auffindung des Empfängers notwendig sind, und daß die Frankierung ausreicht. Bei den so be­liebten Ansichts-Postkarten gewöhne man sich daran, stets die Adreßseite zuerst zu beschreioen. Ganz be­sonders aber vergesse man nicht, auf oder in der Sendung die volle Adresse des Absenders anzugeben, damit für alle Fälle die Rückgabe erfolgen kann. Angaben wieDeine treue Marie",,Dein Georg",Dein Freund" usw. genügen freilich nicht, die kann die Post bei aller Findigkeit nur in den seltensten Fällen verwerten.

* Volkszählung. DenMitteilungen der Großh. Hessischen Zentralstelle für die Landesstatistik" zufolge ergab die Volks­zählung vom 1. Dezember 1900 nach den vorläufigen Auf- fteQifligen eine ortsanwesende Bevölkerung des Großherzogtums Hessen von 1120135. Bei der Erhebung von 1895 wurden 1039020 Personen ermittelt. Innerhalb der letzten fünf

-o- Lich, 27. Jan. Auf dem fürstlichen Hofgut Koln- hausen fanden in der Nacht vom 22. zum 23. d. M. 36 Schafe einen jämmerlichen Tod. lieber Nacht befinden ich die Schafe in einem Stall, der Hund des Schäfers liegt angebunden dabei. In jener Nacht hatte sich der Hund losgemacht und drei Schafe zerrissen, die andern sind vor Angst auf- und übereinander gesprungen, die Köpfe zwischen die andern gedrückt, so daß sie schließlich erstickten. Als der Schäfer, der über nacht in Birklar schläft, die Thür am morgen öffnete, bot sich ihm der unerwartete Anblick.

§ Bersrod, 26. Jan. Hier herrscht z. Z. eine Masern­epidemie, verbunden mit Hals entzündung und schwerem Lungenkatarrh, die sehr rasch weite Kreise gezogen hat.

Darmstadt, 26, Jan. Zwischen der Stadt und der Firma Merck ist nach langen Verhandlungen ein Tausch' vertrag zu Stande gekommen, der der Stadt zwar nicht unbeträchtliche Opfer zumutet, ihr dafür aber die bekannte chemische Fabrik erhält, deren Verlegung andernfalls bevor­stand. Die Firma bekommt für ihr innerhalb der Stadt be- legenes Fabrikgelände, bad der Entwicklung der Stadt große Hindernisse bereitete, an der Peripherie der Stadt 150 000 Quadratmeter städtisches Gelände und Mk. 30 000 bar. Die Stadtverordneten haben zugestimmt.

-t- Darmstadt, 27. Jan. Es wird für wertere Kreise von Interesse sein, zu erfahren, daß die hessische Regierung die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt hat, um für her- vorragende Arbeiten für die Ausstellung 1901 goldne

erst bann möglich werde, wenn dagegen etwas gethan wird, daß diese Koalitionsfreiheit nicht zur Koalitionsfrechheit, zum Terrorismus und nicht dazu benutzt werde, die Ziele einer Partei zu fördern, die außerhalb der Verfassung steht. Wenn die Partei darauf verzichtet, die Koalitions­freiheit ihren Sonderinteressen dienstbar zu machen, dann werden viele meiner Freunde gegen eine langsame, maßvolle Ausdehnung der Koalitionsfreiheit nichts einzuwenden haben. So lange Sie nicht die Verfassung des Reichs und die monarchische Verfassung Preußens anerkennen, müssen Sie als eine Partei behandelt werden, die außerhalb' der Verfassung steht. (Bravo! rechts.) Ich habe mich gefreut, daß der Staatssekretär den Sozialdemokraten nachgewiesen hat, daß ihre Ziele mit der Verfassung unvereinbar sind. Ich hoffe, er wie Graf Bülow, werden da aus dieser Er­kenntnis die nötigen Konsequenzen ziehen. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. v. Siemens (fr. Vg.): Wenn Herr Gamp sich über die Schädigung der dreieinhalbprozentigen Pfand­briefe beklagt, so ist es richtig, daß Leute, die solche Papiere gekauft haben, dann nicht mehr dreieinhalbprozentige Pfand­briefe kaufen können. Genau so wäre es, wenn die Betreffen­den ihr Geld für sonstige ausländische Waren ausgegeben hätten. Nun wird aber niemand verlangen, daß die mittel­alterlichen Zustände wieder eingeführt werden sollen, wo überhaupt verboten werden konnte, daß jemand fremde Sachen kauft. (Heiterkeit.) Wir können mit der eigenen Produktion die Bedürfnisse der Nation nicht decken. Wir werden immer Getreide kaufen und daher unter allen Umständen den Schutzzoll selber zahlen müssen. Darin stimmen Wissenschaft und Praxis überein, wie die Preisunterschiede zwischen verzolltem und unverzolltem Ge­treide ergeben. (Widerspruch rechts.) 1885 bis 1899 sind un­gefähr 5 Millionen Menschen in die Stadt gezogen. Wenn die Herren heute unter der Arbeiternot leiden, so sind sie elber daran schuld, denn sie haben die Situation hervor­gerufen; sie können sich deshalb nicht darüber beschweren und noch weniger haben sie das Recht, nun anderen Leuten >ie Nahrungsmittel weiter verteuern zu wollen. (Wider­spruch rechts.) Damit werden Sie nur eine Fortsetzung der bisherigen Situation schaffen, denn wenn nach Professor Lotze eine Zollerhöhung. auf 6 Mark eine Arbeiterfamilie 30 Mark im Jahre kostet und die Industrie entsprechend höher belastet werden soll, so wird diese fragen, was sie )afür bekommt. Der Hauptwert der Entwickelung in Europa liegt darin, daß wir die Industrie sehr spezialisiert haben. In gleicher Richtung sollten wir uns auch in land­wirtschaftlicher Beziehung bewegen; tojr sind in der Sage, uns auch dort zu spezialisieren und das Uebergewicht auf demjenigen landwirtschaftlichen Gebiet uns zu sichern, wo es einmal liegt, auf dem Gebiete der Fleischproduk­tion. Wir haben einige Provinzen, die auch nach der Richtung vorwärts gehen, dort, wo die Zuckerprämie herrscht und in den Brennereigegenden. Im übrigen aber bewegt ich unsere landwirtschaftliche Produktion im Getreidebau und Sie vernachlässigen die Viehhaltung. (Widerspruch rechts.) Gegen die offiziellen Ziffern der Statistik, die meine Behauptung beweisen, können Sie sich nicht wehren. (Sehr richtig! links.) Der S ch r p u n k t d e r G e t r e i d e- oroduktion liegt im Großgrundbesitz, der Schwerpunkt der Viehproduktion aber im Kleinbesitz. (Widerspruchrechts.) Der Bauer, der Klein­besitzer, der Vieh produziert, kann nicht nur kein Getreide verkaufen, er muß Getreide als Viehfutter hinzu kaufen und muß also durch Getreidezölle geschädigt werden zu Gunsten der Großgrundbesitzer. (Lebhafte Zustimmung links, Unruhe rechts.) Ueber diese Frage giebt es keinen Streit mehr (Oho! rechts), sie wird vom Bauern, vom Kleinbesitzer verstanden. Es haben sich bereits Bauernvereine gebildet Höhnische Rufe rechts: Wo denn? Nordost!), die erkannt haben, daß die Bauern zu Gunsten der Groß­grundbesitzer durch die Zölle ausgebeutet werden. (Lebhafter Beifall links, Lärm rechts.) Ich habe also festgestellt, daß die Getreidezollerhöhung be­zahlt wird vom In lande. Die Frage ist ernsthaft zu prüfen, ob das Inland die Zollerhöhung ertragen kann ohne Schädigung der Industrie. Eine zweite Frage ist, ob Sie (nach rechts) deck Weg weiter gehen wollen, den Sie 1878 gegangen sind und den Pakt weiter machen wollen mit der Großindustrie, die Ihnen höhere Getreidezölle ver- iricht und Ihnen die Arbeiter entzieht. Mir ist es fraglich, b Si.ei bei diesem Pakt nicht die Angeführten find. Man agt, es liege int Interesse des Staates, gewisse regierungs- ähige Klassen zu erhalten, die uns die Beamten für die Verwaltung und die Justiz, die Offiziere für das Heer liefern. Ich erkenne an, daß der Umstand, daß wir eine olche Klasse haben, uns ein Uebergewicht über Frankreich und Rußland giebt Die Frage ist nur: Welchen Preis kann das Land dafür bezahlen, daß solche Klassen gehalten und geschützt werden? Ist ihre Existenz es wert, daß Schutz­zölle von 50 Prozent auf sämtliche Nahrungsmittel gelegt werden? Ich habe die größte Sympathie für eine solche Klasse, gebe ihr aber anheim, zu prüfen, ob sie das Recht hat, dem Lande eine solche Steuer im Interesse ihrer Er­haltung aufzulegen. Das hatte ich dem Abg. Fürsten Bis­marck zu antworten. (Lebhafter Beifall links.)

Präsident Graf Ballestrem: Ter Vorredner hat meine Geschäftsführung bemängelt. Er begriff nicht, wie ich dulden konnte, daß beim Gehalt des Staatssekretärs über Fragen gesprochen würde, die nicht im Zusammenhang damit ständen. Seine liebenswürdige und maßvolle Form veranlaßt mich, zu meiner Verteidigung etwas zu sagen. (Heiterkeit.) Ich habe unter allen Präsidenten die Praxis befolgen sehen, daß man bei diesem Titel alle Fragen und alle Sachen besprochen hat, die mit dem Reichsamt des Innern in irgend einer Beziehung stehen; und da ich meinerseits kaum eine Frage oder Sache kenne, die mit dem Reichsamt des Innern nicht in irgend einer Beziehung steht (große Heiterkeit), so kann ich die Diskussion nicht einschränken. Wenn die Herren sie selbst leänschr Luken wollten, würden Sie mir den größten Gefallen thun. (Erneute Heiterkeit.) c

Abg. Jäger (Ztr.) tritt den Ausführungen des Abg. Siemens entgegen.

Die weitere Beratung wird auf Montag 1 Uhr vertagt.

von 1895

72019

63745

8274

13,0

50508

39408

11100

28,2

25564

22924

2640

11,5

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