Kerliner Kries.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)
Nachklänge von der Preußenfeier. — Am Grabe Lortziugs. — Etwas von Moabit.
Die Hohenzollern haben nicht nur „Kaiserwetter", wenn's nötig ist, sie haben auch „K ö n i g s weiter", wie's her 17. und 18. Januar bewiesen haben. Die herrlichen, ffrostklaren Tage hatten alles, was abkommen konnte, — und welche Berlinerin forscheren Kalibers könnte nicht ab- ckommen, wenn's was zu sehen und zu hören giebt? — schon am 17. unter die Linden und in die Siegesallce gelockt, wo Anfahrten in Prunk-Carossen, Gardetruppen, Militär-Musik, Kriegsstandarten und Studentenbanner in Duntem Wechsel die Sinne gefangen nehmen. Freilich, so recht auf die Kosten kam das Publikum am 17. nicht, denn die „Linden" waren dort, wo es am interessantesten war, in Der Umgebung der Ruhmeshalle nämlich, weit abgesperrt; nirgends hatte die eherne Kette der in diesen Tagen viel- "beschäftigten Schutzleute einen Durchschlupf gelassen, und die patriotischen Berliner mußten sich begnügen mit den von der Winterluft herübergetragenen Marschklängen, den strammen Hurras, die dazwischen schallten, den aufblitzenden -Sonnenflexen An den funkelnden Uniformen und Waffen. Dafür entschädigte sie der 18. mit seiner grandiosen Illumination jedoch reichlich. Infolge der Riesenfortschritte unserer Beleuchtungstechnik war diese Illumination Berlins zweifellos die großartigste, die je gewesen, wenn sie auch weit davon entfernt inar, allgemein zu sein. Sie beschränkte sich im großen und ganzen auf die öffentlichen Gebäude, die Bahnhöfe inbegriffen, und die bei solchen Gelegenheiten immer opferbereiten größeren und kleineren Geschäftshäuser. Privatleute hatten hier und dort auch ihre Fenster mit Lichtern geschmückt, und „Unter den Linden" fehlte wohl nicht ein Haus, aber es gab ganze Straßenzüge, deren Bewohner es vorgezogen hatten, sich die Effekte Unter den
Linden, in der Leipziger-, Friedrich- und Wilhelmsttaße lieber anzusehen, als den vergeblichen Versuch zu wagen, mit ihnen in Konkurrenz zu treten. Die Riesenbazare haben es sich viele Tausende kosten lassen, um die Schaulust der Menge anzulocken und neben ihren pattiotischen Gefühlen auch der lieben Reklame ihr Recht werden zu lassen. Daß es dnbei ohne Geschmacklosigkeiten nicht abgebt, ist selbstver- Mndlich, und es wirkt manches komisch, von dem si chdie Veranstalter vielleicht einen besonderen Effekt versprochen hatten. So erschien bei Tietz z. B. eine Gruppe im Schaufenster, in der der Kaiser a la Panoptikum in Wachs nachgebildet war und von der Borussia die Krone dargereicht bekam. Selbst der kleine Mann, der von der Kunst nicht allzuviel versteht, betrachtete diese Nachbildung des Monarchen mit kritischen Blicken; noch mehr aber erregte die Wertheim'sche Büste der Kaiserin, die in der engen Nische an und für sich schon unglaublich gedrückt wirkte, Bedauern und Kopfschütteln. Der Bildhauer, der dieses „Kunstwerk auf dem Gewissen hat, kann sich nicht rühmen, etwas zur Verherrlichung des Jubiläumstages beigetragen zu haben. Verletzend in ihrer Prahlsucht berührt auch eine Zeitungsnotiz über die verschiedenen Hunderte von Pfunden in schwarzer, weißer und roter Wolle, mit denen eine andere Firma den Hintergrund ihrer dekorierten Schaufenster gebildet hatte. Aber dergleichen Posaunenstöße wird man den Leuten sobald nicht abgewöhnen. Amerika, das klassische Vorbild auf diesem Gebiete, beeinflußt uns eben immer mehr.
Einen seltsamen Wechsel in der festlichen Physiognomie der Straßen riefen Tags darauf die Extrablätter aus England hervor, der durch die plötzliche Abreise des Kaisers vertieft wurde. Nun ist sie auch dahin, „die, Großmutter Europas", von der Heinrich v. Treitschke sarkastisch zu sagen pflegte, daß sie uns alle überleben würde; und der bisher nur König der Moden war und auch dem Berliner Gigerl so manches Gesetz gegeben, darf sich nun König von England nennen und mit Scepter und Krone spielen.
An Meister Lovtzing, dessen Scepter- und Kronenlie^ ich den Erdball erobert hat, ist in diesen bewegten Tagen auch gedacht worden. Der 21. Januar tvar fein 50. Todestag, und aus der immer größer gewordenen Zahl seiner Verehrer ist mancher hinausgepilgert in den Norden Berlins, wo der Sophien-Kirchhof liegt, der die letzte Ruhestätte des schwer geprüften und doch allezeit fröhlichen und schaffensfreudigen Komponisten geworden ist. Auf dem Grabstein, der die chönen Worte Düringers, des damaligen Direktors de» Königl. Schauspiele, trägt:
„Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid, Sein Leben Kampf und Not und Neid, Das Leid flieht diesen Friedensort, Der Kampf ist aus, das Lied tönt fort!" lagen große Lorbeerkränze mit Widmungsschleifen, nieder- - gelegt von der Familie, den Mitgliedern der König!. Theater, der Berliner „Schlaraffia" rc. Auch ein Denkmal wird Berlin dem prächtigen Tondichter errichten. Goethes bittere Worte werden im Herzen lebendig, wenn man bei alledem au die traurigen Tage des Erdenwallens dieser Künstlerseel« denkt und die Lippen murmeln: „Was räuchert ihr nun eure« Toten? Dem Lebenden habt ihr's nicht so geboten!" Ruhe in Frieden, liederreicher Mund! . . .
Heber das Alter und die Herkunft der seltsamen Br- namsung des Stadtteiles M o a b i t hat mich in diesen Tage« eine meiner, zweifellos schönen, Leserinnen interpelliert, und ich habe mich beeilt, diese an die Amalekiter, Hethiter, Philister und andere alttestamentlichen Stteithämmel erinnernde Bezeichnung zu ergründen. Moabit ist genau Jahre alt und steht auf dem Terrain des damaligen „Klemen Tiergartens", der nun bald ganz und gar verschwunden seu» wird. Man sagt, daß der unfruchtbare Boden, auf dem zur Seidenzucht damals angepflanzten Maulbeerbäume nrcyl gedeihen wollten, von den darauf an gesiedelten Franzosen terre maudite verspottet worden sei, woraus sich nachgera^ „Moabit" entwickelt habe. Aber Sie thun mir nicht etw« einen Gefallen, wenn Sie's glauben, verehrte Leserin.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 25. Januar.
Die erste Beratung des Entwurfs über die Reliktenversorgung für die Ehinakrieger wird fortgesetzt.
Abg Schädler (Ctr.) erklärt, daß seine Freunde im großen und ganzen mit der Vorlage einverstanden seien, doch müsse auch die Schlechter stellung der Invaliden aus den früheren Kriegen beseitigt werden. Der Kanzler hat schon schöne Reden gehalten und wird solche noch halten; einen einstimmigen bedingungsloseren Beifall aber als gestern wird er schwerlich jemals erringen können. (Beifall.)
Abg. v. Vollmar (Soz.) verlangt ebenfalls die Gleichberechtigung der früheren Invaliden, die aber alsbald erfolgen müsse.
Abg. Graf Ortola (nat.-ltb.). Wir st. d über die gestrige Rede Reichskanzlers hoch erfreut. Unverständlich ist, wie man die Höhere Dotierung der Chtnakämpfer mit den schlimmeren klimatischen Verhaltntfsen in China begründen konnte. Das haben die Veteranen "on 1870, die die Strapazen vor M-tz und Parts mttgemachl haben, nicht verstanden. Staatssekretär v. T«rp tz hat in den Rahmen der Vorlage Leute gebracht, die mit der chinesischen Expedition direkt nichts zu rhun haben, nämlich Beamte deS K'aulschou-Gebiets. Er scheint also mächtiger zu fein, als der Staatssekretär des Auswärtigen, der die Beamten des Kameruner Ge ietS usw. nicht in die Vorlage hinein bringen konnte. Wir wünschen, daß auch die Teilnehmer künftiger Expeditionen in Afrika, sowie die Hinterbliebenen der beim „Gneis en au"-Unglück Umgekommenen in gleicher Weise bedacht werden.
Geh. Admiralitätsrat Perels: In der Budgetkommission werde das Hineinbeziehen der Beamten von Kiautschou ausführlich begründet werden. Das Kiautschou-Gebiet habe zunächst die Operationsbasis für d»e ostasiatische Expedition geblldet. Außerdem hätten die Beamten große Strapazen ertragen müssen.
Abg. v. Tiedemann (Rp.) erklärt namens der Reichspartei sein Ernverständnis mit der Vorlage. Wichtige Bedenken gegen die Vorlage seien durch die Erklärung des Reichskanzlers beseitigt. Dieser erwarb sich den Dank "des Vaterlandes, indem er sich über die Bedenken einzelner Refforts hinwegsetzte.
Staatssekretär Frhr. v. Thielmann erklärt namens des Reichskanzlers, die verbündeten Regierungen ständen dem Antrag der Abgg. Oriola und Müller-Fulda, welcher der Budgetkommission vorliege, sympathisch gegenüber. Er bezwecke, eine Summe auszusetzen zur Be- Medigung derjenigen Veteranen, deren Ansprüche anderweitig anerkannt sind, die aber aus Mangel an Fonds bisher eine Pension nicht erhalten konnten. (Bravo!)
.ro Die Abgg. Dr. Pachnicke (ft. Ver.) und Müller.Sagan (•ö. P.) wünschen möglichste Beschleunigung der Angelegenheit.
Abg. Graf Roon (kons.) spricht seine Befriedigung darüber auS, daß die Regierung endlich die Unzulänglichkeit der bisherigen Bezüge anerkannt habe. Die Erklärung des Reichskanzlers sei die beste Feier des Preußischen Krönungsjubiläums.
Abg. Prinz Schönaich-Carolath (natl.): Der Reichsschatzsekretär giebt zu, daß eine große Anzahl von als berechtigt anerkannten Kriegsteilnehmern den Ehrensold noch immer nicht bekomme, weil keine Mittel vorhanden sind. Diesen Leuten will der Staatssekretär in Zukunft „sympathisch gegenüberstehen". Das genügt mir nicht; ich gewär- tlge die Erklärung, daß die bereits Notierten die 120 Mk. sofort erhalten Ferner bitte ich ihn, dahin zu wirken, daß diese Summe vom 1. Januar des Jahres ab, nachgezahlt wird. Es handelt sich höchstens um ein paar hunderttausend Mark; daß wir diese erbärmliche Summe ihnen nicht geben, die wir ihnen schuldig sind, weil ihre Berechtigung anerkannt ist, das begreift Niemand im ganzen Deutschen Reiche. (Sehr wahr 1)
Staatssekretär v. Thielmann: Ich habe nicht davon gesprochen, daß ich im Namen des Reichskanzlers den noch nicht bedachten Veteranen Symphathie entgegenbrächte, sondern daß die verbündeten Regierungen dem Anträge des Grafen Oriola, den Fonds von Mk. 4 080 000 auf Rtk. 4 800 000 zu erhöhen, sympathisch gegenüberständen; das ist etwas anderes, denn diese Sympathie ist baar Geld. (Heiterkeit)
Darauf wird die Vorlage an die Budgetkommission verwiesen und die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern fortgesetzt.
Bayerischer Ministerialdirektor von Herrmann erklärt, daß ein neulich von Vollmar erwähnter Artckel der „Augsb. Abendztg." nicht auf die bayerische Regierung zurückzuführen sei.
Abg, Gamp (Rp.) beklagt die Uebrrflutung unseres Marktes mit ausländischen Papieren und wünscht schärfere Ausnutzung deS Börseugesetzes zur Fernhaltung ausländischer Papiere, speziell amerikanischer Eisenbahnanlehen. Die Landwirtschaft kann aber nur dann die Kosten tragen, wenn sie höhere Getreidepretse erzielt. Die Produktionskosten sind für die deutsche Landwirtschaft höher als für die amerckanische, die nur mit dem Pfluge jungfräulichen Boden aufzureißen brauche, um hohe Erträgnisse zu erzielen. (Lachen links.) Die Belastung des Grundbesitzers durch Kosten für humanitäre Einrichtungen ist in keinem Lande so hoch wie bei unS. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Sozialreform muß deshalb sehr besonnen weitergesührt werden. Erst wägen, dann wagen, muß es heißen, nicht wie d«S bisher geschah, wo die Bäckereiverordnung im Handumdrehen erlassen war (Lachen bei den Sozialdemokraten) und wir uns nun leit Jahren quälen, ben Fehler wieder gut zu machen. Im Kamp', gegen die Unternehmer kann Sozialpolitik überhaupt nicht gemacht werden. An die Krankenfürsorge unserer Grundbesitzer konnten die Stiftungen der Krankenversicherung überhaupt nicht heran. (Lache^ Unks.) WaS die 12,000 Mark-Affaire anlangt, so hat der Ver
band der Industriellen mit Recht einen Anspruch darauf, Einfluß auf die Gesetzgebung au'zuüben. (Hö't, hö.t! bei den Sozialdemokraten.) Einen solchen Einfluß haben andere p ivate Vereinigungen, wie der deutsche Handelstag. der Landwtrtschaftsrat, doch auch. (Rufe bei den Sozialdemokraten: Aber die Arbeiter!) Die Regierung hat die Pflicht, den Wünschen dieser Jnereffentengruppe zu entsprechen, solarge ft mit ben allgemeinen Interessen übereinstimmen. (Rufe bei ben Sozial b.'mokraten: Die Hintertreppen!) Minister Brefeld habe das, waq er "em Vertreter bes Zentraloerbanbes sagte, auch dem Geb. Rat Gold- be-ger, der in ber gleichen Absicht zu ihm kam, gesagt. (Zu der Linken gewandt): Ich bezweifle auch nicht, daß einer von Ihnen, wenn er als Vertreter eines großen De eins zum Minister ginge und er eine Persönlichkeit wäre, die nicht gerade mit ber Ve öffentlichung gestohlener ober unterschlagener Briefe beschäftigt ist, bieselbe Antwmt erh'elte. Die Regierung muß mit bem praktischen Leben Fühlung nehmen. Die Sozialbemokratie solle anerkennen, was fleißige und in- telltg nte Arbeitgeber in Deutschland für ihre Arbeiter bezahlen Den Sozialdemokraten werde das Wort ihres Abg. Sachse immer vor gehalten werden, die Konsumvereine müßten mit der Konkurrenz rechnen.
Abg. Fürst BiSmarck (Rp) spricht von ber Rot ber Land- wirtschaft unb behauptet, vielfach werden nicht mehr die Produktions- kostm gedeckt, die höheren Zollforderungen seien nicht im Interesse der Großgrundbesitzer, sondern des Bauernstandes unb zur Erhaltung ber Landwirtschaft gestellt.
Abg. Dr. Hasse (nl.) wünscht Auskunft über den Stand der Vorarbeiten bett, die Erhaltung der Reichsangehörigen der Deutschen im Ausland.
Abg. Ledebour: (Soz.): Aus den Debatten über die Leutenot ist hervorgegangen, daß die Zustände in den östlichen Provinzen derartig sind, daß die Landbewohner vertrieben werden. Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse sind gleichmäßig als treibende Gründe beteiligt. (Lebhafter Widerspruch rechts.) Graf Posadowsky hat zu deduzieren versucht, daß republikanische Zustände mit dem Bestehen des Deutschen Reichs unvereinbar sind. Wir haben doch hier am Bundesratstische die Vertteter der drei freien Städte sitzen. Es kann also kein Minister die republikanische Staatsverfassung derart verunglimpfen, wie es von dem Grafen Posadowsky geschehen ist. Allerdings können ja in Hamburg, Bremen und Lübeck Bestrebungen sich geltend machen, aus diesen Territorien Herzogtümer oder Fürstentümer zu machen. (Heiterkeit.) Der Staatssekretär hat dann erklärt, die preußische Monarchie habe stets im Dienste der unbemittelten Klassen der Bevölkerung gearbeitet. Diese Behauptung ist ebenso unrichtig, wie die vorhergehende. Man braucht ja blos daran zu denken, daß in Preußen noch heute die Gesindeordnung besteht (Lachen rechts), die das Prügelrecht der Herrschaft statuiert. That- ächlich befindet sich das Gesinde heute noch in einem Zu- tande der Halbhörigkeit. Ich kann nur annehmen, daß Graf Posadowsky durch die Behandlung, die ihm in der letzten Zeit zu teil geworden ist, vollständig sein klares Urteil eingebüßt hat. (Lachen rechts.) Von den unteren Klassen kann diese Behauptung jedenfalls nur als bitterer Hohn empfunden werden. Auf die Bueck-Briefe zurückzukommen, nötigt mich die bedauerliche Erklärung des Dr. Müller-Sagan, daß seine Partei den Antrag Fischer auf Einsetzung einer Untersuchungskommission nicht annehmen wolle. Unaufgeklärt ist, wie Graf Posadowsky erklären konnte, er übernähme die ganze Verantwortung, während wir sehen, daß Herr v. Woedtke, der als Mitthäter genannt wurde, verschwunden ist. Es heißt, daß er als Sündenbock in die Wüste gegangen ist. Es heißt, daß er dazu ausersehen sei, den Regierungsbezirk Marienwerder als Regierungspräsident zu beglücken. Wenn Herr v. Woedtke )ort gemeinschaftlich mit Herrn v. Podbielski wirkt, so kommt es vielleicht noch dazu, daß auch die Polen ein- ehen, daß sie mit ihrer Admiralski-Politik oder mit der Politik des« Fürsten Radziwill nicht weiter kommen und daß die Sozialdemokratie das einzige Heilmittel ist. (Lachen rechts.) Der Redner beschäfttgt 'sich ferner mit dem sozial- wlitischen Verhalten des Zentrums. Weder Mahnung noch Drohungen werden auf uns einwirken, die wir dem Worte unseres großen Meisters Marx gehorchen: Geh deinen Weg aufrecht und unbekümmert! (Bravo! bei den Soz.)
Abg. C a h e n s l y (Z.) spricht sich für den Antrag Münch aus.
Abg. Molkenbuhr (Soz.) bestreitet, daß die Versicherungsgesetzgebung eine so große Belastung bedeute und verlangt schnelleres Tempo in der Sozialpolitik.
Abg. Frhr. v. Heyl (nl.) erwidert, daß das sozialpolitische Tempo des ersten sozialdemokratischen Ministers in Frankreich ist und kritisiert das Verhalten des Zentralverbandes deutscher Industrieller, der systematisch Abgeordnete
und Minister verfolge, die feine Interessen kreuzen. Gerade dadurch sei aber Bueck der Totengräber des Einflusses des Verbandes geworden, der versucht habe, eine Art Nebenregierung zu führen.
Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert auf die Anregung Gamps betreffs der ausländischen Wertpapiere, daß das Sache der Einzelstaaten sei. Das gewünschte Reichsangehörigkeitsgesetz sei schon ausgearbeitet.
Abg. Hoch (Soz.): Das Koalitionsrecht sei noch immer in Gefahr und durch die Ablehnung des Zuchthausgesetzes keineswegs gesichert. Volle Koalitionsfreiheit sei heute für die Arbeiter die Hauptsache.. Die Thätigkeit des sozialistschen Ministers Millerand sei nur aus den französischen Zuständen heraus richtig zu beurteilen.
Nach einer kurzen Beratung des Staatssekretärs Grafen Posadowsky, der seine Ausführungen über die Emissionen ausländischer Anleihen in Deutschland ergänzt, wird Vertagung beschlossen. — Es folgen persönliche Bemerkungen.
Abg. Dr. Müller (fr. Vp.) erklärt, seine Partei habe die 12 000 Mark-Affaire verurteilt und nur abgelehnt, auj Grund allgemeiner Angaben ein Verfahren einzuleiten, das nur auslaufen könne, wie das Hornberger Schießen. Wen» Ledebour seine Partei die Herbstzeitlosen genannt habe, so konstatiere er, daß er nichr zu den Blumen gehöre, die wie die Herbstzeitlose ihre Farbe wechseln, wenn sie blühen.
Nächste Sitzung: Samstag 1 Uhr. (Fortsetzung der Beratung des Etats des Reichsamt des Innern).
Politische Tagesschau.
Wie man aus Straßburg i. E. berichtet, wird von dem dort ansässigen Bruder eines deutschen Chinafreiwillige» der freisinnigen „Sttaßb. Bürgerztg." ein Soldatenbrief zur Verfügung gestellt, der „im Biwak von Tientsin" geschrieben ist. Der Briefschreiber (ein junge« Elsässer) erzählt:
„Seit gestern abend steht unser Nachbardorf, das noch zum Teil bewohnt war, in Flammen. Ich war in dem Dorf. Lieber Bruder! Was ich heute hier gesehen habe, stellte mir doch Hie Haare zu Berg!e, Die alten Leute flohen, die Weiber wurden meist von den Männern getragen. . . . Alles, was an Mobiliar vorhanden war, wurde herausgeschleppt, was nicht von selber brannte, wurde an gesteckt nur aus Mutwillen. Die herumstehenoe» Särge wurden eingeschlagen, die Seide von den Leichen geraubt oder in Brand gesetzt. Ein alter Mann saß am Wege und weinte; als ich stehen blieb, sagte er „Tschan-Tschan", das bedeutet „Essen". Ich konnte ihm auch nicht helfen, da ich auch nichts hatte. Nach einer halben Stunde war er schon erschlagen und verbrannt. Sogar Weiberleichen wurden ausge- zogen und zu allerhand fa ul em Witz benutzt. Einzelheiten kann und will ich Dir nicht schriftlich mitteilen, da sie mich zu weit führen würden. Die Ursache des Feuers war die: Das Dorf war an einer Seite von Japanern bewacht, deren Wache von Chinesen überfalle» und die Wohnhäuser in Flammen gesetzt wurden. Die Rache gehörte also in erster Linie den Japanern, und sollteit die deutschen Soldaten sich zur Rache gereizt gefühlt haben, so hätte man doch Tote und Hilflose schone» und ruhen lassen sollen. Middieser meiner Ansicht stieß ich auf Widersprüche bei meinen Kameraden. Jeder Chinese, der nur widerstehen oder uns eine freche Miene verziehen sollte, der muß dra» glauben. Aber an einem Hilflosen Rache f üi Kettelernehmen, finde ich als h ö ch st e s U n r e ch L"
Die Zweimilltonerr-Anleihe Gießens.
In unserer gestrigen Nummer (22) teilten wir bereits den in geheimer Sitzung der Stadtverordneten gefaßten Ent« schluß mit, eine Anleihe von 2 Millionen Mark aufzunehmen.
Nach den genehmigten Voranschlägen für 1900/01 hat unsere Stadt ein Vermögen von 8412435.53 Mk., dem eine Schuldenlast von 7 265828.54 Mk. gegenübersteht. Die laufenden Geldbedürfnisse werden neben den direkten Kommunal- steuern gedeckt aus den Erträngnissen der städtischen Verbrauchssteuern, des städtischen Grundbesitzes (Wald, Wiesen und Feld) und des städtischen GaS- und Wafferwerks.
at
FLA ein.
toflr-h)iirbe2,,Ier' n ^--ndgS rauche ^'tt. einem- Mung ist kann al
»ä*' HÄ®*"'?
218 „ "
" 191 „ "
«rtw’Ä'4 ‘"•SÄ etetto*”
, ' tztbauungei«,
Dill! »*ss?
„flMt
2 Di- Tilgung deS» Mlnnnib
bk tob*™* W b.l «IN to»1 MinW
3 Da AnlebnMlr« in ©lüden vergebenen L
fab bk 6tabiWf< zu nthmmbtn SM lu W In Frankfurt H für bk Einlösung M W dnt btfonbat Prootstoi rrftf.-nben Angebot oam bezüglich «uigeloster Schult lutüMhmgen unb berg! »dml'.R'.bnMm
5) Den Stempel für stempel unb bte Kost« s ZiMbschnilte übernimmt gegen die einstweilige Inf ban üdnnehmmbm San1
6) Der Kaufpreis r Mn bezogen unb zw,r
200000 600000 300000 300000 300 000 200 000 unb ber
Sottte bte Stabt fi fo flnb ihr von ber n5 auf Mm-Mlchi fiün
7) DiS übernehme noi nicht bezogenen i otnS von nier vorn $i bot für Utbttnatynt btS 2 EMtch (in anbtrer 3
8) Für ben kauspi Wm fftiten bt$f gibt Mtyfai w M Jntbungen eine Laüil leisten.
y 9) ble Angebote I »Irriger unb mit IM J®a tonst von bem üb DJ"6Un9«n zu enlbdtei ru-r.°ormlttagsii^
flnb
Hi 10 i


