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151. Jahrgang
1901
Nr 23
Anrts- und Anzeigeblott für den Ureis Giefzen.
Alle Anzeigen-Dermittlungsstellen des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pf„ auswärts 20 M
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Sonntagden 27. Januar
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Die Gießener Ka«ilte»0lätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Heff. Landwirt" u. „Blätter für heff. Volkskunde* wSchll. 4 mal beigelegt.
ErRes Blatt.
Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Veranstaltung von Verlosungen innerhalb des Großherzogtums.
Der Landes^ Pferdezuchtverein im Großherzogtum Hessen beabsichtigt mit den im Frühjahr und Herbste zu Darmstadt abzuhaltenden Pferde- und Fohlenmärkten eine Verlosung von Pferden, Fohlen, landwirtschaftlichen Geräten und sonstigen Gegenständen zu verbinden.
Großh. Ministerium deS Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Be- dingung erteilt, daß bis zu 50 000 Lose zu 1 Mk. das Stück, ousgegeben werden dürfen, und einschließlich der Reichs stempelabgabe mindestens 70 pCt. des BrutloerlöseS aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Der Vertrieb der Lose im Großherzogtum ist gestattet worden.
Gießen, den 25. Januar 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Wagner.
Kaiser Wilhelm und der englische Thron.
Ueber etwaige Erbansprüche Kaiser Wilhelms an den Thron von Großbritannien haben sich Engländer mehr die Köpfe zerbrochen, als es die Deutschen thun, denen diese Ansprüche allzusehr in nebelgrauer Ferne liegen. Seit sich die freundlichen Beziehungen zwischen Großmutter und Enkel bis zu einem regelmäßigen Austausch intimer Verwandtschaftsinnigkeiten gesteigert hatten, ist es für einen weiteren Kreis von Interesse gewesen, sich die Grade der Blutsverwandtschaft zwischen dem englischen und deutschen Hofe zu vergegenwärtigen. Bekannt ist, daß zwischen den Familien von Hannover und Hohenzollern viel Heiratsbündnisse geschlossen worden sind, aber es wird die meisten Leser des Historikers James Anthony Fronde überrascht haben, auf die Behauptung zu stoßen — die im Munde einer solchen Autorität immerhin Gewicht hat — daß der Deutsche Kaiser Erbe des britischen Thrones sei, und daß es im Bereich der Möglichkeit liege, Wilhelm II. die Krone Englands zu seinen übrigen Kronen fügen zu sehen.
Eine Utopie, werden die einen, ein Hirngespinnst, die anderen meinen. Aber so grundlos ist Froudes Behauptung nicht. Durch eine Verkettung gewisser Umstände kann die Rechtsnachfolge Kaiser Wilhelms auf den Thron von England nachgewiesen werden. Viele sind sogar der Meinung, daß Kaiser Wilhelm schon jetzt berechtigt wäre, der Nachfolger der Königin Viktoria zu werden, doch beruht der Irrtum dieser Uebereifrigen auf völligem Mißverstehen des englischen Thronfolgegesetzes. Freilich ist unser Kaiser der älteste Sohn der ä l t e st e n Tochter Königin Viktorias, aber das Erbfolgegesetz schließt Töchter von der Erbfolge aus, solange Söhne direkter Linie vorhanden sino. Für die Kaiserin Friedrich selbst also, durch die Kaiser Wilhelm erbfolgeberechtigt wäre, existiert nur eine fernste Möglichkeit zur Thronnachfolge, sodaß, wenn auch sonst keine Hindernisse und Schwierigkeiten beständen, der ganze
direkte Mannesstamm ausgestorben sein müßte, ehe der Kaiser König von Großbritannien werden könnte.
Die Regelung königlicher Thronfolge ist immer ein schwierig Ding, und man nimmt bei der Entscheidung einer so folgenschweren Frage gern einen früheren Fall als Richtschnur für spätere Fälle. Es giebt mehrere allgemein bekannte Präzedenzfälle, wo jüngere Brüder unter Umgehung ihrer älteren Schwestern den Thron bestiegen haben, — so bei Eduard V. und bei Eduard VI. Ein gleicher Fall fand vor nicht allzu langer Zeit in Spanien statt. König Alphons starb ohne männlichen Erben, und so wurde eine kurze Zeit hindurch seine Tochter als zukünftige Königin angesehen. Da aber seine Witwe bald darauf einen Knaben gebar, wurde dieses Kind König von Spanien. Die spanische Verfassung entspricht in Bezug auf die Thronfolge genau der englischen.
Kaiser Wilhelm denkt nicht daran, Anspruch geltend zu machen. Sollte er es aber thun, — den Fall gesetzt, daß die unstreitige Thronfolge an ihn fiele — so geriete das britische Parlament in eine sonderbare Lage. Doch hat die Thronfolge-Acte sogar einer solchen und jeder etwa verwickelteren Eventualität vorgebeugt, indem sie das Parlament mit dem Rechte bekleidete, gewisse Personen von der Thronfolge auszuschließen. Diese Akte hat that sächlich mehrere Hunderte Personen von der Thronfolge ausgeschlossen, und unter dieser die Parlamentsvollmacht bestätigenden Akte hat das Haus Hannover die Krone zuge- sprochen erhalten. Deshalb hat jeder Kronprätendent aus dem Hause Hannover, die Parlamentsbefugnis, ein Veto gegen den Anspruch auf den Thron einzulegen, neu zu bestätigen.
Die Befugnisse des Parlaments, in solchen Fragen einzuschreiten, reichen sehr weit zurück. Schon zu einer vergleichsweise sehr frühen Periode der englischen Geschichte hat es seinen Einfluß auf die Beschränkung der erblichen Thronfolge geltend gemacht. Das erste Beispiel eines solchen Einschreitens finden wir in Bezug auf Heinrich's IV. Thronbesteigung. Dann wurde es bei Heinrich VII. wiederholt, und trat später bei den unmittelbaren Nachfolgern Heinrichs VIII. in Kraft. Angesichts des drohenden Aussterbens der protestantischen Nachkommen Karls I. ging wiederum ein Gesetz durch, das das Kronrecht für den Fall, dass William und Anna ohne Leibeserben starben, der gesetzlichen Erbfolge gemäß auf die nächste protestantische Linie übertrug. Dies scheint die letzte parlamentarische Beschränkung des Erbfolgerechts gewesen zu sein.
Sir Edward Cokes sagt in Bezug auf die Allgewalt des Parlaments: „Die Macht und Jurisdiktion des Parlaments ist so unbeschränkt und absolut, daß weder Personen noch Gründe ihnen Grenzen anweisen können. Das Parlament kann die Thronfolge regulieren oder neugestalten, wie es zur Regierungszeit Heinrichs VIII. und Williams III. geschehen ist."
Das Recht Kaiser Wilhelms auf den britischen Thron kann auf vollkommener gesetzlicher Basis geltend gemacht werden. Als der älteste Sohn der ältesten Tochter Königin Viktorias gehört er der direkten Erbfolge an, und selbst, wenn man einwenden sollte, daß seine Verwandtschaft mit dem verstorbenen britischen Monarchen oder dem letzten Erben zu entfernt sei, um ihn zur Thronfolge zu berechtigen, so könnte man Königin Viktoria als maßgebenden Präzedenzfall anführen. Sie war die vierte Tochter des Herzogs von Kent. Trotzdem nahm sie den Vortritt vor ihrem Onkel, dem Herzog von Cumberland, und wurde zur Königin von Großbritannien erklärt. So überzeugend Kaiser Wilhelm jedoch sein Recht darthun könnte, stünde ihm das britische Parlament mit unbeschränkter Vollmacht gegenüber, die die Verfassung ihm eingeräumt, und die es befähigt, jedem fremden Potentaten sein Veto entgegenzuhalten. Gar nicht unmöglich ist es übrigens, daß auch bie deutsche Dynastie solche Möglichkeiten erwogen, und sich dagegen sicher gestellt hat, denn der Heiraten und Zwischenheiraten unter den königlichen Familien Europas giebt es in letzter Zeit so viele, daß derlei Eventualitäten kaum übersehen werden konnten. Als der Herzog von Edinburg dem Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha aus den Thron folgte, mußte er auf jedes Recht einer möglichen Thronfolge in England Verzicht leisten. Für Englands Krone war er schon damals nicht mehr vorhanden. Ebenso kann.man sich leicht vorstellen, daß Kaiser Wilhelm im Augenblick, wo er seinem Vater auf den Thron folgte, durch die Verfassung unseres Landes von der Möglichkeit ausgeschlossen wurde, ein Recht auf die Krone anderer Länder geltend zu machen. Jedenfalls ergäbe sich die sonderbarste Situation, wenn der deutsche Kaiser den englischen Thron bestiege. Und es giebt gewiß müßige Köpfe genug, die bei sich erwägen, ob England und Deutschlano alsdann unter eine Verfassung kämen und ob Deutschland sich anglisieren oder England sich germanisieren würde. Ein Admiral der englischen Flotte ist der deutsche Kaiser ja schon, aber wir vom Anfang ve^ neuen Jahrhunderts und vom Ende des alten tausends erleben es schwerlich, daß Deutschland imd England unter einen Hut kommen oder unter eine str
eine bestimmte Richtung verfolgen, sondern weil das Hohen- zollernhaus in zwei Jahrhunderten schwerer Arbeit seinen Beruf erwiesen hat, den deutschen Stämmen das Banner voranzutragen.
Das monarchische Gefühl steht nicht im Gegensatz zur Freiheit der Bürger. An ein Fürstentum, das auf einsamer Höhe hoch über dem Volke steht, glauben wir heute nicht mehr, sondern an eins, das im Volke und darum um so fester steht. Wir glauben nicht, daß der Wille des Monarchen oberstes Gesetz sei, sondern das Wohl des Gemeinwesens. Unseres Kaisers höchstes Ziel ist es, ein wirklicher „Imperator" zu werden, ein souveräner Schiedsrichter, dessen Wirken überall in der Welt fühlbar ist, ein Augustus. Dieses Ziel brachte er am klarsten in seiner Rede auf der Saalburg am 11. Oktober v. I. zum Ausdruck. Dieses Ziel ist nicht unerreichbar. Anfänge dazu sind gemacht. Aber der Kaiser zeigt uns auch, daß er Realpolitiker genug sein kann, um sich nicht in Dinge zu mischen, die der rres publica Schaden bringen könnten. Er hat uns wiederholt gezeigt, daß er sich wie sein großer Ahnherr, der nicht nur Flöte blasen konnte, als den ersten Diener des Staates fühle.
Kaiser Wilhelm begeht seinen 41. Geburtstag fern von der deutschen Heimat, fern von seiner Familie, am Sarge seiner Großmutter, der Königin von England. Bewegten Herzens schauen wir hinüber zum Jnselgestade der Nordsee, wo sich unser Kaiser in tiefstem Schmerze vor der Majestät des Todes beugt. <
„Oh Willie, we have missed you“ — „O Willy, wie haben wir uns nach Dir gesehnt!" Dieses alte englische Lied ließ ein politischer Kopf spielen, als der deutsche Kaiser im November 1899 in Portsmouth englischen Boden betrat. Das war kein übler Scherz, und mehr als ein Scherz, denn die maßgebenden Kreise jenseits des Kanals hatten den Kaiser damals in der That vermißt und ihrer Sehnsucht nach ihm unverhohlen Ausdruck gegeben. Und auch in diesen Tagen der Trauer hat die Presse jenseits des Kanals den deutschen Kaiser, der sich so schnell entschloß, die preußischen Jubiläumsfeierlichkeiten schnurstracks abzubrechen, um an das Totenbett der Königin von England zu eilen, als Busenfreund Großbritanniens in Jubelhymnen gepriesen. Wir Deutschen können nur unsere Freude daran haben, obwohl wir wissen, daß es nur Selbstsucht ist, die den kalten Herzen unserer angelsächsischen Vettern diese sympathischen Gefühle geweckt hat.
Kaiser Wilhelm schirmt den Frieden Europas, das ist eine frohe Ueberzeugung. Und wir dürfen im allgemeinen der Zuversicht leben, daß wir in jeder Beziehung vorwärts kommen, — wenn auch nicht so rasch, als mancher es wünscht — und uns nach innen und außen kräftig entwickeln. In diesem gemeinsamen Gefühl können auch politische Gegner sich zusammenfinden in dem Wunsche, da»ß dem Kaiser eine lange und gesegnete Regierung vergönnen möge, „allzeit ejn Mehrer des Reiches zu sein in den Werken des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung."
Kaisers Geburtstag.
In seinem schalkisch-naiven Sommermärchen „Ranun- kulus" erzählt Rudolf Baumbach von einem weisen.Magister, dem der Geist „Griesgram" bösartigerweise seine graue Brille auf die Nase setzte. Dem bedauernswerten Magister erging es da sehr schlecht. Die Sonne verlor ihren hellen Schein, die Wiese mit ihren roten und gelben Blumen, die Bäume und die Büsche und das Himmelsdach, alles war grau. Und so war es dem Magister eben recht, berichtet das Märchen.
Gleichen wir nicht jenem griesgrämigen Magister? haben wir uns nicht die graue Brille fest aus die Nase gedrückt?
Wir leben in einer Zeit des Pessimismus. Der eine ; sieht den Mittelstand schwinden und sucht mutlos nach Maßregeln, dies zu verhindern. Ein zweiter sieht das Kapital sich in wenigen Händen sammeln und er weiß kein Mittel, dies zu vermeiden. Die Landwirtschaft glaubt ihrem Untergang entgegenzugehen und bezichtigt die Handelsverträge als den schuldigen Teil. Und wieder andere sehen unfern Volkswohlstand an der Goldwährung scheitern und glauben an das allein seligmachende Silber oder an die rettende Doppelwährung. Die Arbeiter wähnen im Kampfe gegen das Kapital zu unterliegen und rufen die Macht des Staates zu Hilfe. Die Ritter der Börse sammeln die Steine des Anstoßes, welche die Börsensteuer ihnen bietet, um den bösen Herrn Dr. Johannes v. Miquel damit zu steinigen. Der ehrsame Hausvater blickt trübselig den Ringen seiner Havannah nach, die der Herr v. Heyl aus WorMs wieder einmal gern verteuern möchte. Der sonst lebensfreudige Rentner wirft sich dem Schopenhauerschen Pessimismus in die Arme, weil die Vermögenssteuer an seinem Marke zehrt. Und die Regierung selbst endlich schaut angst- toll dem Anwachsen der vielfachen Mißstimmungen zu und instruiert Gesetze, denen man es nur allzu sehr anmerkt, daß das Grün des „grünen Tisches" nicht das der freien grünen Wiese ist.
Gleich jenem griesgrämigen Magister schauen wir alle, die Regierung voran, in Gegenwart und Zukunft bewaffnet mit jener unglückseligen grauen Brille. Die Sonne verliert ihren Hellen Schein, die Wiese mit ihren roten und gelben Blumen, die Bäume und Büsche und das Himmels- öiid), alles scheint grau — und so ist es nicht nur vielen unserer Maler, sondern auch den meisten von uns allen eben recht?
Doch nein, es ist uns nicht recht, wir verlangen nach „Maßregeln", um die mannigfachen wirtschaftlichen Miß- jinbe und die politische Unzufriedenheit, die doch natürlich sind im Leben der Völker wie Winter und Sommer, wie Bfce und Flut, aus der Welt zu schaffen. Wie der be- lühmte Szekler Landtag, von dem Chamisso erzählt, de- kietieren sollte, daß der die Ernte schädigende Regen auf- jore, so verlangt man von der Regierung, sie solle beließen, daß diese böse Zeit aufhört und zum Schlaraffen- lawd unsere gute alte deutsche Erde werde!
Werfen wir diesen Pessimismus von uns! Entäußern iviir uns der grauen Brille, die uns Gegenwart und Zukunft in falschem Lichte erscheinen läßt.
Kein Tag ist hierzu geeigneter als Kaisers Geburtstag, Modern die Glocken mit eherner Stimme weithin verkünden, daK dieser Tag ein Festtag ist für das deutsche Volk.
Das Geburtsfest des Monarchen feiern wir als ein ftejft der gesamten Nation, denn der Kaiser ist uns die Vevkörperung der nationalen Einheit. Die deutsche Nation ist monarchisch, nicht weil der Monarch, diese oder jene Witik vertritt, nicht weil die Maßnahmen der Regierung
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