Gin Antrag des
Abg. B a ck e s über die H a l t e st e l l e n a u s s e h e r der preußisch-hessischen Eisenbahngemeinschaft ruft eine längere Debatte hervor. Abg. Barkes schildert die schlechten Dienstverhältnisse dieser Beamten und stellt fest, dqK sie bei der hessischen Ludwigsbahn eine bessere Stellung eingenommen hätten.
Abg. Tr. David glaubt, daß einen Teil der Schuld an diesen Zuständen die nationalliberale Partei treffe, die bei der Jnaugurierung der hessisch-preußischen Betriebsgemeinschaft zu allem Ja und Amen gesagt habe. Ein Beispiel der preußischen Willkür habe er seinerzeit bezüglich der Gepäckträger in Mainz geschildert, die, obwohl ohne Gehalt, von der Bahndircktion in Mainz zu Arbeiten auf den Güterböden verwendet würden. Als Tank für sein Eintreten in der Kammer für diese Leute werde er jetzt von denselben nicht mehr gegrüßt und wie das Feuer gemieden. Ter Grund hierfür sei, daß sie von der Direktion auf ihren Diensteid aufmerksam gemacht und mit einer scharfen Verwarnung bedacht wurden.
Finanzminister Gnauth sagt, soweit thunlich, Berücksichtigung der vorgetragenen Wünsche zu. Tie Betriebsgemeinschaft habe sich in allen Zweigen als eine Wohlthat für das Land gezeigt, und er hoffe, daß sie es auch für die Folge bleiben werde. Er stellt noch fest, daß nach den im vorigen Jahre vorgenommenen örtlichen Prüfungen aller Stationen und Haltestellen es sich ergeben habe, daß eine Ueberlastung der Haltestellenaufseher nicht vorlag. Ter Ausschuß konnte daher den Antrag nur für erledigt erklären.
Tie Kammer beschließt demgemäß.
Ein Antrag des Abg. Wolff, die Erbauung einer Nebenbahn von Undenheim nach Armsheim wird von der Majorität des Ausschusses abgelehnt. Nach einer längeren Debatte beschließt das Haus nach dem Anträge.des Abg. Wolff.
Tie Rückäußerung Erster Kammer bezüglich des Antrags des Abg. Backes auf Errichtung einer Güterverladestelle auf der Haltestelle Klein-Gerau wird genehmigt. Die Vorstellung der E i s e n b a h n t e l e g r a p h i st e n der früheren hessischen Ludwigsbahn um Versetzung in die Klasse der Subalternbeamten wünscht der Ausschuß für erledigt zu erklären.
Abg. Dr. David tritt in warmer Weise für das Gesuch dieser Beamten ein/ Er betont, daß die Regierung die Pflicht habe, gegen die von der preußischen Betriebsgemeinschaft den hessischen Beamten zugefügte Zurücksetzung im Amt entschieden Stellung zu nehmen.
Tie Kammer tritt hierauf dem Ausschußantrag bei. Ter Antrag, des Abg. Schroeder auf Errichtung einer Haltestelle bei Dienheim wird genehmigt. Die Regierung hat sich gegen.die Errichtung der Haltestelle ausgesprochen in Anbetracht der Kosten von 100 000 Mk.
Die Abgg. Molthan und Dr. David bedauern auch hier wieder das geringe Entgegenkommen der preußischen Regierung gegenüber den Wünschen hessischer Gemeinden.
Tie Annahme des Antrags findet einstimmig statt. Ein Antrag des Abg. Schmitt, die Eisgewinnung an der Floßlandestelle zwischen Kastel und Kostheim, wird für erledigt erklärt. Einer Vorstellung der Brückenwärter zu Oppenheim und Gernsheim wird vom Ausschuß keine Folge gegeben.
Abg. Koch tritt für Genehmigung des Gesuches ein.
Oberbaurat Jmroth tritt der Ansicht entgegen, als handele es sich hier um Beamte im Sinne des Gesetzes; es seien Arbeiter mit gewöhnlicher Vorbildung.
Der Ausschußantrag findet hierauf einstimmige Annahme. Me Vorstellung der Hochbau aufseh er und K r e i s st r a ß e n m e i st e r um anderweitige Festsetzung ihrer Gehalte wird zur Zeit für erledigt erklärt, ebenso die Vorstellung der älteren Geometer 1. Klasse in gleichem Betreff. Tie Vorstellung der B ü r g e r m e i st e r des Kreises Gießen wegen des Messungsverfahren.s bei Bau- und Nutzholz wird an den Ausschuß zurückverwiesen und die Vorstellung des Verbandes der katholischen kaufmännischen Vereine Deutschlands wegen der Besteuerung der Warenhäuser wird für erledigt erklärt. Tas Gesuch des Pfandmeisters Kammer um Erhöhung seiner Pension wird genehmigt.
Hierauf vertagt sich die Kammer bis zum ^November d. I.
Zum nennte» Kongreß der Deutsche« Gesellschaft für Gynäkologie.
Man schreibt uns:
Wie bereits mehrfach im lokalen Teile des „G. A." wiederholt erwähnt wurde, wird am 29., 30. und 31. Mai in unseren Mauern der neunte Kongreß der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie tagen. Schon lange Zeit hindurch hat der geschäftsführende Ortsausschuß eine gar em» sige Thätigkeit unter dem Vorsitz des Geheimrats Prof. Dr. Löh lein, der ganz besonders von Prof. Walther unterstützt wurde, entfaltet. Eine hohe Aufgabe war es, die seiner harrte, eine Aufgabe, die des Schweißes der Edlen nicht unwert erschien, galt es doch in unserer
immerhin kleinen Universitätsstadt den zu erwartenden Gästen etwas Vollkommenes zu bieten. Leicht ist es in Berlin, in München, in Wien, die Vorarbeiten für eine dem Dienste der Wisienschaft geweihte Versammlung zu treffen, und von allen Seiten Teilnehmer in Schaaren anzuziehen; stellen doch diese Städte je an und für sich bekannte Centrale wissenschaftlichen Lebens dar, und auf der anderen Seite bieten sie soviel des Schönen und Interessanten, daß auch für die Unterhaltung der Kongreßmitglieder von vorne herein überreichlich gesorgt ist.
Naturgemäß wird der sogenannte unterhaltende Teil des osfizrellen Programmes hier in Gießen im Verhältnis zu den von Natur und Kunst verschwenderisch ausgestatteten früheren Versammlungsorten etwas knapp ausfallen, im Wesentlichen beschränkt er sich auf die von der Stadt veranstaltete Feier im Phtlosophenwalde, sowie auf einen am letzten Tage stattfindenden Ausflug nach Wetzlar. Andrerseits aber werden die Gießener Tage allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben, denn hier wird gearbeitet, ernsthaft gearbeitet werden; in wissenschaftlicher Beziehung wird der neunte Kongreß sich seinen Vorgängern würdig anschließen. Die Anmeldungen von Vorträgen und Demonstrationen sind so zahlreich eingelaufen, daß es der Geschäftsleitung nur mit Mühe gelungen ist, sie auf die doch immerhin nur beschränkt zu Gebote stehende Stundenzahl zu verteilen. An allererster Stelle wird die Frage des Uterus carcinoms eingehend erörtert werden. Im vergangenen Jahre fand in Berlin ein Kongreß zur Bekämpfung des Krebses im allgemeinen statt, hier in Gießen wird speziell von den Frauenärzten dieser so unheilvollen Krankheit der Krieg erklärt werden. Sicherlich werden die Verhandlungen das ihrige zur Bekämpfung dieses „Krebsschadens des Menschengeschlechtes" beitragen, trotzdem sie ja selbst „unter dem Zeichen des Krebses" stehen.
Die Bedeutung des Kongresses wird so recht augenfällig, wenn man erfährt, baß über 150 Gäste ihr Erscheinen zugesagt habm. Dank dem Entgegenkommen der Hoteliers und nicht minder der Bürgerschaft und der Studierend« ist es gelungen, für alle eine passende, behag« liche Wohnung zu sinken. ES sei gestattet, eine oder andere Berühmtheit des Faches mit Namen aufzuführen. Den Vertretern des Au«» landes gebührt der Vortritt. Oesterreich ist vorzüglich vertreten; erscheinen doch auS Wien die drei bedeutendsten dortigen Gynäkologen, Geh. Hofräte Professoren Chrosbock und Schauta, sowie andere, Wertheim, was einen findigen Reporter verleit« könnte, den gefeierten Arzt mit einem Interview über die serbische Königin Draga Ma sch in zu behelligen. AuS Graz erscheint der Geh. Hoftat Prof. Dr. o. Rosthorn, auS Lemberg Geh. Hoftat Prof. v. Mars. Holland sendet unS die Professoren Nyhofs-Groningen und Veit- Leyden. AuS Kopenhagen werden wir Prof. Leopold Meier vor- finden. Von Schweizern haben Prof. Peter Müller-Bern und Wyder-Zürich zugrsagt. In Deutschland wird die BeteUigung eine allgemeine sein; kommt doch sogar der Nestor der deutschen Frauenärzte Geheimrat Pros. Hegar-Freiburg, sowie der nächstälteste Geh. Rat W. A. Freund, der seit Kurzem seinen Wohnsitz Straßburg mit Berlin vertauscht hat. Der Vorstand der deutsch« gynäkologisch« Gesellschaft ist durch die Geheimräte Löhlein, den derzeitigen 1. Vorsitzenden, Olshausen, den Vorsitzenden des verganam« Jahres, Hofmeyer-Würzburg, Ahlseld «Marburg, Schatt-Rostock, sowie durch dieSchristsührer, Pros. Pfannenstiel-BreSlau und Walther hier, in corpore vertreten. Außerdem haben sich angemeldet die G:h. Räte Fritsch-Bonn, Kehr er-Heidelberg, Zweifel-Leipzig, Felling- Straßburg, Küstner-BreSlau, von Winkel-München, Leopold- Dresden, sowie viele, viele andere, die alle aufzuführen der Raum nicht gestattet, doch wollen wir noch erwähnen, daß sogar Amerika den Mr. Joshua Edwin Sweet, M. D., als Vertreter des Philadelphia Medical Record herübergesandt hat.
UnS, den Bewohnern GießenS, liegt es in erster Linie ob, den ftemden Kongreßmitgliedern den Aufmthalt in unserer Stadt so angenehm wie nur möglich zu gestalten, und ihnen für ihr Ericheinen zu danken, denn sicherlich wird eS dazu beitragen, Gieß« weit hinaus über die Grenz« Deutschlands als eine Stätte ernsten, wissenschaftlich« Strebens erschein« zu lassen. Nicht minder gebührt unser Dank Geheimrat Löhletn und Prof. Walther, ohne der« aufopfernde Thätigkeit der Kongreß sich gewiß nicht zu dem gestaltet hätte, was er heute bedeutet, zu einem „Dokument deutscher Wissenschaft". Dm fremden Teilnehmern aber ruf« wir ein herzliches „Willkomm« in Gießen" zu. Unser Stadtrat wird sie am DtmStag ausdrücklich Willkomm« heiß«. Wir fteumAunS ob der hoh« Ehre, der unserer alte Musenstadt teilhaftig wird.
Willkommen!
Ans Stadt und Land.
Gießen, den 25 Mai 1901.
** Ausflug. Eine Anzahl von Studierenden der Veterinärmedizin unternahm dieser Tage unter Führung von Professor Dr. Preuße und in Begleitung von Professor Tr. Geppert einen Ausflug nach Fulda und Umgegend, wo man eine Tampfmolkerei besichtigte, einer Prämiierung von Stuten und Fohlen und einer Stierkörung beiwohnte.
** Das Promenadenkonzert findet an den Feiertagen nicht statt.
** Gutes Wetter wird zu keiner Zeit des Jahres, zu keinem kirchlichen Feste mehr gewünscht, als zu Pfingsten. Traußen in der festlich geschmückten Natur, unter dem grünen Blätterdach, aus schwellendem Rasen, zwischen wogenden Saatfeldern, auf sonniger Halde will man Pfingsten feiern. Pfingsten in der Stube, ohne gutes Wetter und ohne Ausflug ist nur ein halbes Fest. Die Aussichten auf gutes Wetter sind bis jetzt günstige, Volksmund und Meteorologie deuten darauf hin. Nur Falb der Böse redet davon, daß in der Zeit vom 26. bis 31. Mai die Niederschläge recht bedeutend werden und daß die Temperatur sich nur nahe dem Mittel hält. Aber man weiß ja nun nachgerade allgemein den „Wert" der Prophezeiungen dieses Mannes nach Gebühr einzuschätzen. Ter Wonnemonat hat es bisher so gut mit uns gemeint und uns
Frühlingstage mit herrlichem Sonnenschein, Veilchenduft, Lerchensang, Amselschlag und linder Luft beschert. Soll er nun, da er seinem Ende nahe ist, zum herrlichen Pfingstfest die Hoffnung der zahllosen Ausflügler zu Schanden machen? Meint es also der Himmel mit uns gut, strahlt über dem lieblichen Feste eine freundliche Pfingstsonne, dann feiern wir ein Fest, so herrlich, wie es nicht oft dagewesen ist. Erscheint uns doch heuer die Natur wie selten zu Pfingsten mit einer verschwenderischen Fülle der herrlichsten Reize geschmückt. Verstockt müßte das Menschengemüt sein, das nicht voll dankbaren Empfindens in wahrer, geläuterter Feststimmung diese überquellenden Festspenden genießt. In dem zarten Grün, das die eigenste Gabe des Frühlings ist, und dem Auge wohlthuende Erquickung bringt, schimmert das junge Laub der Bäume, der üppige Rasen, das sanft wogende Saatfeld. Und aus Feld und Hag schallt der Vöglein süßer Schlag. Mit Freuden begrüßen wir den sanften Hauch der Lüfte, empfinden wir in vollem Maße den Reiz alles dessen, was sprießt und knospet. Alle ihre Wunderkräfte hat die Natur über die Fluren gebreitet, jeder Halm rüstet sich zum Preise des, ewigen Schöpfers, und die lebendigen Wesen der Erde atmen neue Kraft und trinken volle Züge aus dem Becher der schönen Maienzeit. So steige sie denn herauf die goldene, lebenwcckende und lebenspendende Pfingstsonne, so rausche der Wald in mächtigen Tönen, sw' (woge das Saatfeld unter dem sanften Frühlingshauche, damit das Fest für alle ein recht liebliches werde!
e. Bad-Nauheim, 24. Mai. Morgen kommen Geh. Oberbergrat Professor Tr. Lepsius, Ministerialrat Tr. Will- brandt, sowie die Abgg. Graf Oriola, Weith, Jöckel und Ulrich hierher, um die Quellen zu besichtigen. — Auf Klagen von leidenden Kurgästen hin, hat die Kurdirektion folgende Bekanntmachung anschlagen lassen: „Aus Grund von Klagen leidender Kurgäste wird an die Tamen die höflichste Bitte gerichtet, auf der Terrasse und im Park die Kleider nicht schleppen zu lassen." Hoffentlich hilft es! — Die Frequenz des Baoes betrug am 23. Mai 3715 Personen, wovon noch 3151 z. Zt. anwesend sind. Ter Zugang in der Woche war also 1201 Personen. 28195 Bäder wurden bis zum 23. Mai verabfolgt.
Ober-Bessingen, 24. Mai. Seit langer Zeit wünscht man hier eine W asserleitung für die ganze Gemeinde. Im vorigen Jähre wurden 800 Mk. von der Gemeinde zu Bohrversuchen bewilligt. Man hat in einer Tiefe von 56 Metern gutes Trinkwasscr gefunden. Tas Bohrloch wird nun ausgepumpt, um zu untersuchen, ob das Wasser auch in genügender Menge vorhanden ist. Tie Gemeinde braucht 30 bis 40 Kubikmeter täglich. Ein Motor soll dann das Wasser in die Höhe pumpen; da sich hier am Platze ein industrielles Unternehmen befindet, das sich an der Anschaffung des Motors, zu seiner Mitbenutzung, beteiligen will, so hofft man, daß die hier herrschende Wasserkalamität bald ihr Ende erreichen wird.
t Gedern, 24. Mai. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel verbreitete sich heute hier die Nachricht, daß der Trucker und Verleger des hier erscheinenden „Vogelsberger Boten" mit den zwei weiteren Ausgaben „Birsteiner Anzeiger" und „Herbsteiner Anzeiger", August Vonalt, plötzlich spurlos verschwunden ist. Er soll seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern einen Brief hinterlassen haben, daß er sie auf Nimmerwiedersehen verlassen habe. Jedenfalls ist er nach der „neuen Welt" abgesegelt. Gestern morgen ist'er auf und davon geradelt. Man spricht davon daß es Zeit gewesen sei, — denn er soll sich mehrerer Wechselfälschungen schuldig gemacht haben, die jedoch von seinen Angehörigen wieder gedeckt worden seien. Ferner war in einer früheren Konkurssache Konkurs-Verwalter und daraus sollen auch noch etwa 2700 Mk. zurückstehen. Auf ein neues Haus, das er vor einem Jahre für 11000 Mk. kaufte und auch bewohnte, hat er noch keine Anzahlung geleistet. Tcksür sollen sich sein Bruder und sein Schwiegervater verbürgt haben. Ten „Vogelsberger Boten" hat er vor etwa sechs Jahren gegründet. In der weitesten Umgegend erregt dieser Fall bedeutendes Aussehen. Man spricht davon, daß er von seiner event. Verhaftung Wind bekommen und sich deshalb ans dem Staube gemacht habe.
e. Ockstadt, 24. Mai. In der Welterau betreibt man gegenwärtig mit Hochdruck die Feldbereinigung; es werden in allen Gegenden eifrigst Vermessungen vorgenommen und Karten angefertigt. Diese Herstellung von genauen Karten unserer schönen Wetterau ist sehr löblich, aber die Feldbereinigung sollte nicht allzusehr nach der Sch-ablone und vom grünen Tisch aus ausgeführt, sondern der Eigenart und dem Erwerbszweig der betr. Gemeinden angepaßt werden, sonst entstehen Fehler, die von der weittragendsten Bedeutung sind. Das beste Beispiel liefert unsere Gemeinde. Die Ockstädter Feldbereinigung, die seit dem Herbst vorigen Jahres mit großen Kosten ausgeführt worden ist, hat hinsichtlich der beabsichtigten Wirkung völlig versagt! Der Lebensunterhalt der Gemeinde wird hauptsächlich aus dem Gemüsebau bezogen. Täglich sind viele hundert fleißige Hände mit der B^arbeit-
sie berufen scheint, aber sie ist auch etwas. Anfangs hat ihre rasche „dusische" Sprechweise das Publikum fremdartig berührt, dann aber nahm die geist- und temperamentvolle kapriciöse Verkörperung der Rolle einen Teil der Hörerschaft gefangen, und es wurde Fräulein Illing lebhafter Beifall zu Teil.
Dresden, 24. Mai. Die Generalversammlung des deutschen Bühnen Vereins faßte Beschlüsse, die auf die Herbeiführung eines deutschen Theatergesetzes abzielen. T-ie Versammlung verbesserte ferner die Paragraphen über den Vertragsbruch. Bei dem Festessen gab Kultusminister von Seydewitz der Erwartung Ausdruck, daß die Bemühungen ^neuUcrein^ um Hebung der Kunst und des Künst- lerstandes auch bei den Bühnenmitgliedern immer größere Würdigung finden würden.
— Gmile Zola» berühmter Roman „Der ArrsarnmerrbrrrS»* liegt in der wohlfeilen illustriert« Lieferungsausgabe nunmehr ooL ständig vor (25 Lieferung« ä 40 Pfennig, Siuttgart, deutfch, Verlags- Anstalt). Wie bekannt, bewegt sich btt fesselnde Handlung deSWnkeö auf dem Hintergründe deS Krieges von 1870 bis 1871, brffen elnxdne Phasen der Dichter in groß«, packmd« Zügen vor Augen rückt. Wie bei allen sein« Romanen hat Zola auch hier gründliche Vorstudien gemacht, so daß seine Schilderung« sich streng en dl« Wirklichkeit halt«, genau den geschichtlichen Vorgängen entsprechen und die Oertlichketten deS gewaltig« KriegSdramaS mit topographischer Treue oorsühr«; der Hauptreiz der Darstellung aber besteht darin, daß der Leser von dlef« mühseligen Vorarbeit« nicht daS geringste spürt,
sondern den Eindruck der ftischen Ursprünglichkeit empfängt, gleich «16 hätte der Autor mit Im Felde gestand«, die heißen Schlacht« mit- gekämpft und der blutigen Niederwerfung der Kommune als Augm- zeuge beigewohnt. Angesichts deS düster« Stoffes konnte der Dichter nicht mit lachenden Farben mal«, vielmehr ist eS, als schlüge einem aus dem Buch« der Pulverdampf und der Qualm br«nender Wohnstätten mtgegm. Der Roman ist eine Anklage gegm d« Krieg und diejenig«, die ihn verschuldet. Natürlich steht Zola mit ganzem Herz« auf der Seite feines Vaterlandes, aber er hält sich durchaus frei von schnöder Verunglimpfung deS Gegners, von rachsüchtigem Chauvinismus; „Krieg dem Kriege" ist vielmehr sein Losungswort. Die treffliche Verdeutschung ist begleitet von zahlreichen Abbildungen von Adolf Wald, Chr. Speyer und Fritz Berg«.
— Dramaturgie de»Schauspiel» von Heinr. Bulthaupt.
Bd. 4. Ibsen, Wildmbruch, Sudermann, Hauptmann. (Lad«preis Mk. 6.) — BulthauptL weitverbreitete „Dramaturgie deS Schauspiels", fall sich seit Jahren — zuerst als „Dramaturgie ber Klassiker" — schon ein« Ehrenplatz in bm Bibliothek« ber gebilbet« Leserwelt erobert hat, ist nicht nur ein Lehrbuch unb dazu ein unterhaltenbeS Werk, sie kann wegen ihres ebl« Gehaltes unb ihres weiten Gesichtskreises mit Recht als eine ber heften und wichtigst« Geschichten der dramatisch« Litteratur Deutschlands und Shakespeare» gelt«. Recht eng begrenzt tft die Zahl derjenigen deutsch« Dramaturg«, die mit der! vollen Erkenntnis des Poetisch-Ideal« und Dramatisch-Bedeutsamen auch j«e deS unmittelbar Bühnenwirksam« verein«; unter diesen wmtgm ist aber Heinrich Bulthaupt einer der erst«, wenn nicht der bedeu- tmdste. Zu den drei Bänd« seiner „Dramaturgie deS Schauspiel»" fügt der Verfasser nunmehr btn schon lange mit lebbaster Spannung erwarteten, bed«t«d umfangreicher« 4. Band, der sich mit Den vor.
nehmst« Dramatikern neuerer Zeit beschäftigt. Scharf und bestimmt und doch nie persönlich oder gar verletzmd entwirft er die künstlerisch« Bilder von Jbs«, Wildmbruch, Sudermann und Hauptmann, die in dm erst« heiß« TageSkämpf« ebenso oft über- wie unterschätzt wurden, und ordnet sie, gerecht abwägmd, in die große Entwickelung ein, die da« deutsche Drama seit dem 18. Jahrhundert durchgemacht. Ebenso weit von einem sogenannten klassisch« wie von einem ander« Dogma «tfernt, wird er der Eigmart eine« jedm der vier, und der zahlreichen ander«, die da« Buch nur streift, gerecht und gtebt dem noch tastenden Urteil die sicherste Stütze. Zugleich berührt dieser Band, wie es nahe liegt, alle groß« modern« Kultnrftag« und ergänzt dl« dramaturgischen und theatralisch« Lehr« und Erfahrung« seiner Vorgänger, sodaß in der vielbändig« „Dramaturgie deS Schauspiels" jetzt keine einschlägige Frage mehr unerörtert bleibt. Der Stofs und btt D-rstellrmgSkunst beS Verfasser« bakn bm erstm Bänden immer n«e Auflagen gesichert. Der 4. Band mit seinem aktuellen Charakter wird ihn« darin jedmsallS nicht nachsteh«.
In der kürzlich erschienenen Nr. 5 der „Arrnaleir de» Deutschen Reich» für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft" (I. Schweitzer Verlag ^Arthur Sellierj In München) veröffentlicht Regierungsrat vr. jar. Seidel in Wiesbaden einen Aufsatz über den zurzeit den hessischen Ständen zur Beschlußfassung vorliegenden Gesetzentwurf über die Errichtung einet hessischen Pfavdbriefbank. Der aus volks- und finanzwirtschaftlichem Gebiet sehr bewanderte Verfasser bespricht In dem Artikel aus Grund der amtlich« Materialien in gedrängter Kürze den nicht allein für den ländlichen, sondern namentlich auch für den städtischen Realkredit der kleiner« Gewerbetreib«den sehr wichtig« Entwurf, sodaß auf den Aufsatz hiermit besonders aufmerksam gemacht werden soll.


