Mittwoch 25. Dezember 1901
Nr. 303
Erstes Blatt
151. Jahrgang
Ki GietzenerAnzeiger«
-Ä-. W General-Anzeiger v ESS
und Druckerei: v (Pietsch Erben)
■s3» Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieße« «UM
FernsprechanschlußNr.bl. V 1 zelgenteil: HanS Beck.
Kekanntmachung.
BeLr.: Die Strafregister; hier: Die Nachweisungen der im zweiten Halbjahr 1901 verstorbenen bestraften Personen.
Der Großh. Ober-Staatsanwalt beim Landgericht der Provinz Oberheffen
a« sämtliche Ortspolizeibehörden des Kreises.
Sic werden ersucht, die oben erwähnten Mchweisungen bezw. Fehlanzeigen bis zum 1. Februar k. I. ohne nochnralige Erinnerung an mich einzusenden.
Gießen, den 23. Dezember 190L
Dr. Güngerich.
Transvaal
von Otto Klingelhöffer.
1. Wie ist der Krieg entstanden?
Um die umlaufenden Friedensgerüchte auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen, wird es erforderlich sein, die Entstehungsgeschichte des Krieges sich zu vergegenwärtigen.
Der Jamefonsche Einfall in Transvaal war mißglückt, und die Königin Viktoria mußte ein Bittgesuch an Krüger schreiben, worin die Freigabe der Gefangenen erbeten wurde. Die Bestrafung der Schuldigen wurde ausdrücklich versprochen, sowie Schadenersatz zugesichert. Krüger gab seine Einwilligung. Die Bestrafung der Schuldigen wurde zu einer lächerlichen Kvmödre herabgewürdigt, die Entschädigungszahlung hinausgeschleppt, und ist bis heute nicht erfolgt. Die Bestürzung des eigentlichen Anstifters des Jamesvn'schen Aufstandes und seiner Helfershelfer in London war groß, aber Cecil Rhodes gab seinen Plan nicht auf, und sprach sofort offen aus, das Ziel müsse auf anderen Wegen' erreicht werden; denn bittere Not stand vor der Thür. Durch die Verstaallichung Rhodesias^ die gewaltigen Ersenbahnbauten usw. war eine solche Schul- denmasse aufgehäuft, daß der Bankerott der Chartered Compagny unausbleiblich schien, wenn nicht außerordentliche Hilfsmittel herbeigeschafft wurden. 9tun wurden die Fäden gesponnen, welche die englische Regierung zu einer direkten Einmischung in Transvaal veranlassen sollten und ^wußten.
Zunächst wurde die Komödie über das Stimmrecht der Uitlander ins Werk gesetzt, und dann folgten immer weitere Provokationen, um den Anlaß zum Krieg gegen Transvaal vorzubereiten. Das wurde dort auch bald erkannt, da die Einmischung Englands immer deutlicher unb frecher hervortrat. Die Buren mußten sich in Verteidigungszustand setzen, und rüsteten nach Kräften, während man tn England immer emsiger die Vorbereitungen zum Krieg betrieb. Der Oberkommandant im Capeland, Butler, nicht Buller, der spätere General in Natal, Butler, der für den besten Kenner der südafrikanischen Zustände galt, warnte zwar in London eindringlich vor ernsten Verwickelungen mit den Buren. Seine Berichte sind notorisch nicht beachtet, ja teilweise nicht einmal gelesen worden. Es war genau dieselbe Geschichte wie im französischen Krieg. Die deutschen Soldaten haben auf dem Schreibtisch Napoleons im Schlosse zu St. Cloud uneröffnete Warnungsbriefe des Baron Stoffel gesunden. Man wollte in London den Krieg. Butlers Hände sind von den Kriegstreibereien und dem üblen Verlauf nachfolgender Ereignisse rein geblieben,
wichtig für Jeden der den
Eichener Anzeiger in «w M.
Abonnementrpreir
einschließlich besonderer Zustellung des Reichstagrberichtr: monatlich IRL 0.75, vierteljährlich „ 2.20;
bei den hierneben angeführten Abholestellen: monatlich IM. 0.65, vierteljährlich „ L90.
Abholestellen in Gießen:
PH. Mootz, Neustadt 50.
2. Zrau Rühl lvwe., Seltersweg 89.
5. Kaufmann £. Loth, wallthorftr. 25.
4. Lhr. Schönhals, Weserstraße |.
5. R. Schlabach Nachs., Ludwig;platz4-
6. Kaufmann Pfeiffer, Lcke Liebig- nnd Lbelstrahe.
7. Kaufmann Lenhard, Klinikstraße 22, (Ede Zranifurterftrahe.
wohl aber hat der damalige Kriegsminister Landstowne die Sache in die Hand genommen, und ihn mit seinen Kollegen trifft die Verantwortlichkeit für das kommende Unheil.
Wie verhält's sich nun mit der dreisten und beharrlich .aufgestellten Behauptung der englischen Regierung, England sei zu dem Krieg gezwungen worden? Sie ist nichts anderes als eine dreiste Unverschämtheit, eine freche Lüge, nur dazu bestimmt, den hohen und niederen Pöbel in den Kneg zu Hetzen. Diese Lüge ist denn auch durch Bestechungen usw. so verbreitet worden, daß sie in einem großen Teile des englischen Volkes Glauben gefunden hat. Wie unverständig und verblendet die Kriegstreiber waren, ergiebt sich auch aus einer drasti- chen Aeußeruna des Finanzministers im Parlament; der- elbe sagte, über di- finanzielle Regelung der Kriegs- rage solle man sich keine Sorgen machen, die Buren eien reich genug und könnten bezahlen. Hören wir nun auch, was Lord Kitchener, der jetzige Oberbefehlshaber nach Ausbruch des Krieges aber noch vor Uebernahme seines Kommandos selbst gesagt hat: (Siehe Mil. Wochenbl- Sg. 2552. 1899.)
„Diese Leute, gewisse Minister voran, haben sich den Krieg in Südafrika als einen militärischen Spaziergang vorgestellt, sie haben den braven Butler beinahe gesteinigt, als er zur Mäßigung mahnte, und auf den Ernst der Lage hinwies ufro."
So und nicht anders ist der Krieg in Südafrika entstanden, und der englische Pöbel läßt sich noch heute die Lügen Chamberlains vortragen und leiht ihnen offene Ohren. Welche Summen Geldes sind darauf verwendet worden, dieser Lüge Glauben zu verschaffen!
2. Ausgleich zwischen England und Transvaal.
Nachdem wir den Anlaß des Krieges zwischen England und Transvaal beleuchtet haben, müssen wir unS die Frage vorlegen, ist ein Friede zwischen den beiden Völkern möglich? Mit Rücksicht auf die Thatsachcn, welche den Krieg herbeigeführt haben, können wir diese Frage nur entschieden verneinen. Mit den Leuten, die diesen Krieg angefangen haben und die Vernichtung eines braven Volkes anstreben, kann ein dauernder Friede nicht herbei- gesührt werden. Nur, wenn anständige Leute an der Spitze der Regierung stehen, kann dieses geschehen, schon deshalb, weil solche Leute einsehen müssen, daß dieser Krieg zum Ruine Englands führen muß.
Alle Feinde Englands sehen einer Fortsetzung des Krieges mit Behagen entgegen, weil sie wissen, daß dadurch ein Herabsteigen Englands von seiner Höhe herbei- geführt werden muß. Anständige Engländer müssen daher dafür sorgen, daß auch anständige Leute an die Spitze der englischen Regierung gestellt werden. Sobald solche ans Ruder kommen, ist ein Uebereinkommen leicht und schnell zu erreichen. Dieses sollte man in England beherzigen. Klar ist, daß diejenigen Leute, welche den Krieg gemacht haben, überhaupt keinen Frieden schließen können, weil sie die Vernichtung des Burenvolkes herbeiführen wollen. Wenn aber eine andere Regierung ans Ruder kommt, könnte man beispielsweise folgenden Friedens- Vertrag zu Grunde legen:
§ 1. Der Satus quo vor dem Kriege wird sofort wiederhergestellt. § 2. Transvaal tritt an Großbritannien die Stadt Johannisburg mit den umliegenden Goldminen, die näher zu bezeichnen sind, ab, und erhält
ßine mufikalische Weihnachtsgaöe [egte uns heute der Vorstand des „Akademischen Gesang-Vereins" auf den Tisch, als er uns in dankenswerter Weise mitteilte, welche Ausgaben sich der Verein für das kommende Jahr zu stellen gedenkt. Wir wollen vor unseren Lesern nichts voraushaben, und hoffen allen Musikfreunden eine Freude damit zu bereiten, wenn wir an dieser Stelle in ein paar Worten die uns gewordenen Mitteilungen weitergeben.
Die Zuschrift kommt zunächst nochmals auf die jüngste That des Vereins, das letzte Konzert des Konzert-Vereins, zurück, ©ie sagt darüber:
Eine That, ja ein Wagnis war es, das sehr schwierige Werk Wolfrum's zur Aufführung zu bringen. Wolf- rum's Weihnachtsmysterium darf man getrost als ein geradezu klassisches Werk moderner Musik bezeichnen; der Komponist hat es verstanden, die modeime Form mit allen Hilfsmitteln eines modernen großen Orchesters und im Dienste modern-realistischer, psychologisch vertiefter Verkörperung zu k l a s s i s ch e r G r ö ß e zu führen. Wozu von Anklängen da reden, wo unverkennbare Eigenart und Größe zu uns spricht? Wem fällt es ein, einem Beethoven Eigenart abzusprechen, weil er im wesentlichen Züge von Mozart gelernt hat? Weshalb nennt man eine ganze Gruppe „die Klassiker", wenn nicht deshalb, weil sie wichtige Züge g eure ins am haben? Berlioz, Wagner, Liszt, Strauß zu ihnen gehört auch Wolfrum; sie sind in ihrer Art auch Klassiker! Nur ein hervorragender Dirigent kann ein so schwieriges Merk, wie das W o l f r u m's zu einer siegreichen Aufführung bringen. 1 n ser Dirig ent hat es so trefflich verstanden, daß der Komponist selbst die Aufführung als
eine ganz ausgezeichnete anerkannt, ja sie über die Ausführung in einer weit größeren Musikstadt gestellt hat. Wacker unterstützt hat ihn das OrchesterunseresRe- gimentes und eine sehr schöne Leistung vollbracht, der es fürwahr keinen Abbruch thut, daß einige auswärtige Künstler zugezogen werden mußten; Gießen wird ja noch lange nicht in der Lage sein, alle zu einem modernen großen Orchester gehörigen Kräfte selbst zu stellen. Die maßgebenden Stellen in der Führung unseres Regiments haben sich den wärmsten Dank für das weitgehende Entgegenkommen in der Ermöglichung zahlreicher Proben, ohne die ein auch technisch so schwieriges Werk nicht zu bewältigen wäre, verdient.
Die Leistung des akademischen Chores hat seinen Vorstand nun ermutigt auf der Bahn großer Aufgaben vorwärts zu schreiten, getreu der Mahnung, daß Stillstand Rückgang wäre. Besonders erfteulich hat uns die Aussicht berührt, daß der Chor in absehbarer Zeit in der Sage zu fein hofft, alljährlich ein drittes Konzert veranstalten LU können, das z. B. im Jahre 1902 in einer Wiederholung des musikalischen Teils von Wolfrums Weihnachtsmysterium bestehen könnte; denn zu diesem dritten Konzert muß natürlich auf Werke zurückgegriffen werden, die keiner vielen Proben mehr bedürfen. Möchte sich diese Hoffnung erfüllen!
Zur nächsten öffentlichen Aufführung ist eines der gewaltigsten und erhabensten Werke aller Zeiten gewählt worden: L. van Beethoven mit feiner großen Messe, „Miff a solemnis" hat über die anderen zum Vorschlag gebrachten Werke (Liszts Heilige Elisabeth; Tinels Franziskus; Haydns Jahreszeiten u. a. m.) gesiegt. Damit stellt sich der Verein wohl eine der höchsten Aufgaben, die er sich überhaupt stellen
kann; anspruchsvollere Aufgaben stellen andere Werke nur noch in der Hinsicht, daß sie etwa größere Chormassen (8- oder lßftimmige Chöre) erfordern; wird die gestellte Aufgabe gelöst, dann braucht der Verein vor keiner Aufgabe mehr zurückzuschrecken, der er numerisch gewachsen ist. Hoffen wir daher, daß es gelingen möge zur Bewältigung solcher Aufgaben, die große Chormaften erfordern, das Interesse aller zu fesseln, die sangesfreudig und sanges- funbig finb; „getrennt marschieren unb vereint schlagen" muß der Wahlspruch fein: Wo bie größten Aufgaben winken, ba muß unb wirb es wohl gelingen, auch bie Kräfte heranzuziehen, beneu es sonst nicht möglich ist, bem Verein selbst anzugehören. Als ungefährer Termin ber Aufführung von Beethovens herrlicher Missa ist Mitte Juni in Aussicht genommen worben; ba bas Werk gerabe für ben Chor äußerst zahlreiche Aufgaben enthält, konnte wohl an eine Aufführung im laufenden Wintersemester nicht gedacht werden. Stehen doch, wenn die erste Probe am 6. Januar ist, selbst bis zum Juni kaum 20 Proben zur Verfügung. Dazu kommt, daß der Verein feinen Mitgliedern und Freunden noch eine besondere Festfteude zu bereiten gedenkt, indem er Robert Schumanns des Rose Pilgerfahrt im engeren geladenen Kreise bringt. Das Werk soll mit Klavierbegleitung aufgeführt werden und zwar bereits Ende Februar; es muß also neben ben Proben zur Missa bewältigt werben. Sicherlich wird aber dies reizende frische Werk dem Vereine zu seinen alten zahlreiche neue Freunde werben. Nach Beethovens Missa wird bann wohl eines ber anberen obenerwähnten Werke, etwa Tinels Franciskus in Aussicht genommen werben ober auch Liszts Heilige Elisabeth.
Wir wünschen dem akademischen Gesangverein von Herzen ben besten Erfolg. x.


