Ausgabe 
25.7.1901 Zweites Blatt
 
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Bundesbrüder, unentwegt den Bahnen folgen zu wollen, die ihnen die alten Herren gezeigt hätten. In humor­voller Weise dankte sodann der Rektor der Umber)itat, Justizrat Prof. Dr. Schmidt- Er entwickelte die Gedanken, die er bei der Wanderung durch das neue Burschenhaus empfunden habe, und wünschte der Germania, nachdem er ihr die Mahnung zugerufen, sich frei zu halten von aller Engherzigkeit, ein weiteres, fröhliches Gedeihen, ^hm folgte als Redner Provinzialdirektor v. Bechtold, der, anknüpfend an den Stammbuchvers eines alten Burschen­schafters, der Germania seine Glückwünsche überbrachte. Au das Wohl der Damen ließ Gerichtsaccessist Fuchs einen donnernden Salamander reiben, und dem Dank und Glück­wunsch der Bereinigung alter Burschenschafter in Gießen gab Oberbibliothekar Professor Dr. Haupt (Arminia- Würzburg) in beredten Worten Älusdruck; namens der Ver­einigung alter Burschenschafter in Dillenburg stattete Prof. Regel (Arminia-München-Berlin) den Tank ab. Weitere herzliche Glückwünsche überbrachten sind. Wölfel namens der hiesigen Burschenschaft Alemannia und cand. Müller (Arminia-Marburg) im Namen der anwesenden auswär­tigen Burschenschafter. Die lange Reihe der eingelaufenen Telegramme zeigte, daß man auch außerhalb Gießens des Jubelfestes der Germanen wohlwollend gedachte.

So nahte unter Gesang und Reden das Ende des offi­ziellen Teils, der in dem Landesvater seinen Höhepunkt erreichte; inoffiziell abertagten" noch viele alte und junge Germanen mit ihren Gästen weiter.

Auf die Anstrengungen dieses Tages und Abends muß eine treffliche Erquickung am anderen Morgen fol­gen", so hatte wohl die Festkommission gedacht, als sie für den Donnerstag morgen statt des üblichen Katerfrühschop­pens ein Katerfrühstück in das Programm aufnahm; und daß sie damit das Richtige getroffen hatte, bewies die frohe Stimmung, die bald in allen Räumen des Burschenhauses Platz griff. Einen besonders glücklichen Griff aber hatte sie darin gethcm, daß sie an Hotelier Mundt (Hotel Vik­toria hier) die Zubereitung und Leitung des Frühstücks übertragen hatte; denn es herrschte nur eine Stimme des Lobs über das ganze Arrangement.

Der Nachmittag brachte der Stadt ein ungewohntes prächtiges Bild. Unter der Führung von vier Chargierten zu Pferd und in Begleitung zweier Musikkapellen fuhren die Festteilnehmer in ca. 50 schön geschmückten Wagen durch die Stadt nach dem Windhofe, diesmal aber nicht um Mannesmut und körperliche Gewandtheit im Spiel der Waffen zu erproben, sondern um dem «stattlichen Damenflor ein Fest zu bereiten, der mit Extrazug hierher gefolgt war. Das Fest, das nunmehr im prächtig geschmückten Garten und in dem festlich gezierten Saale stattfand, wird sicherlich allen Teilnehmern noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben.

Am anderen Morgen fand der erste Frühschoppen auf dem neuen Hause statt, zu dem sich auch die Damen wie­derum zahlreich eingefunden hatten. Auch hier verkürzten und würzten wie beim Gartenfeste einige Solovorträge und heitere Duette in Abwechselung mit fröhlichen Reden die Stunden. Besonderen Anklang fand ein von Reg. Rat Hip­penstiel verfaßtes, und komponiertes Lied auf die Bur­schenschaft Germania, das hier zum ersten Mal vorgetragen wurde.

So läßt es sich tdohl verstehen, daß das Mittagbrot später als gewöhnlich eingenommen wurde, und daß man sich beeilen mußte, um wieder rechtzeitig zum gemütlichen Zusammensein auf dem Hause zu kommen. Auch diese Veranstaltung nahm ebenso wie der Schlußfrühschoppen am nächsten Tage einen schönen und würdigen Verlauf.

Die frohen Tage sind verrauscht; das neue Germanen­haus hat sein Festgewand abgelegt. Im schlichten Alltags­kleid grüßt es nun von der Höhe unser liebes Gießen und seine Umgebung. Möge es allezeit sein und bleiben Dein Bollwerk echten Burschengeistes" und möge es allezeit ein freies Geschlecht begrüßen, das dem deutschen Vaterlande tüchtige und überzeugungstreue Männer giebt. In diesem SinneGermania vivat, crescat, floreat in aeternum!"

Tuberkulose-Kongretz.

(Eine neue Entdeckung Kochs.)

London, 23. Juli. In der heutigen öffentlichen Sitz­ung des Tuberkulose-Kongresses hielt Geheimrat Professor Dr. Robert Ko ch - Berlin einen von der Versamm­lung mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über Die Bekämpfung der Tuberkulose im Lichte der Erfahrungen, diebeidererfolgreichen Be­kämpfung anderer Infektionskrankheiten gewonnen worden sind". Redner führte aus, nach der Entdeckung des Tuberkelbazillus sei an der Möglich­keit der allmählichen vollständigen Beseitigung der Tuber­kulose als Volkskrankheit nicht mehr zu zweifeln. Dev Weg hierzu müsse durch genaue Erforschung der Art der Uebertragung der Krankheit gefunden werden. Der Grund- satz, jede der Infektionskrankheiten nach ihren besonderen Eigentümlichkeiten zu bekämpfen, habe zu bedeutenden Er­folgen geführt. Die Bekämpfung der Pest werde fort­schreiten, wenn erst der Grundsatz, daß nicht die erkrankten Menschen (von den wenigen Fällen von Lungenpeft ab­gesehen), sondern die Ratten die Uebertrager der Krankheit sind, die amtlichen Maßnahmen beherrschen werde. Die Beseitigung der Cholera werde vor allem durch Besserung der Trinkwasser-Verhältnisse erreicht. Die Hundswut müsse durch allgemeine Einführung des Maulkorbszwanges zum Verschwinden gebracht werden. Besonders lehrreich seien die bei Bekämpfung der Lepra erzielten Erfolge. Diese Krankheit, die nur von Person zu Person übertragen werde, sei in Norwegen durch zwangsweise Mschließung der schwer Erkrankten in ihrer Ausbreitung beträchtlich gehemmt wor- den. Was nun die Tuberkulose selbst angeht, sei die Uebertragung von Mensch zu Mensch durch den Auswurf zweifellos die Hauptursache ihrer Verbreitung; Vererbung hingegen komme nur sehr wenig in Betracht. Die Frage der Möglichkeit der Uebertragung der Krankheit durch Milch! oder Fleisch tuberkulöser Rinder auf den Menschen der- -'j fn Redner zu eingehenden Versuchen, die er mit Unterstützung des Preußischen Landwirtschaftsministeriums

Einsam mit Professor Schütz von der Tierärztlichen Hochschule in Berlin zwei Jahre hindurch ausführte. Es ^5^bs sich die vollkommene Unmöglichkeit, die menschliche

C F16 Veffuchsrinder, denen fortgesetzt in . verschiedener Weise menschliche Tuberkel-Bazillen beiae- ubeVra9en- Damit war die völlige Ver­schiedenheit zwi^en der Tuberkulose der Menschen und der Rrnder unwiderleglich dargethan. Der Vortragende bemerkte, daß die deutsche Regierung Maßnahmen für die Fortführung derartiger Untersuchungen getroffen habe. Die Uebertragbarkeit der Tuberkulose der Rinder auf 'den Menschen hält Professor Koch für höchst unwahrscheinlich, da die Falle äußerst selten seien, in welchen primäre

Tuberkulose der Eingeweide nachgewiesen werden könne. Maßnahmen gegen diese Art der Uebertragung seien ent­behrlich. Redner erörterte nunmehr die Mittel zur Be­kämpfung der Uebertragung von Menfch zu Mensch, durch deren Ausbau die Seuche allmählich zu beseitigen sei. Vor allem müssen durch planmäßiges langsames Vorgehen die Wohnungsverhältnisse der ärmeren Bevölkerung verbessert, ihr allzu dichtes Zusammenleben verhindert werden. Alle schwerer Erkrankten müssen, um sie nicht zu einer Quelle der Ansteckung werden zu lassen, der Krankenhaus-Behand­lung zugeführt werden. Zu diesem Zwecke seien besondere, leicht und bei geringen Opfern zugängliche Krankenhäuser oder Abteilungen für Schwindsüchtige zu gründen. Dies sei die wichtigste Maßnahme zur Bekämpfung der Tuberkulose und hier sei eine Gelegenheit für begüterte Menschenfreunde zu dauernd Segen bringendem Wirken. In keinem Lande habe die Schwindsucht so sehr abgenommen, wie in Eng­land, das die größte Zahl solcher Hospitäler besitze. Von großer Bedeutung sei auch die Anzeigepflicht, wenigstens für schwere Fälle, wie sie in Sachsen, Norwegen, und mit großem Erfolge in New-York durchgeführt sei. Hand in Hand damit gehe die Desinfektion der Wohnungen und Gebrauchsgegenstände. Die Aufklärung der Bevölkerung über Wesen und Verbreitung der Krankheit und ihre Ver­hütung sei nicht minder von großem Nutzen. Zur Frage der Lungenheilstätten übergehend, erklärt es Redner für sicher, daß die Tuberkulose in den früheren Stadien heilbar ist, warnt jedoch vor einer Ueberschätzung der Bedeutung der Heilstätten. In Deutschland dürften jährlich etwa 4000 Personen durch diese Genesung finden, während 226 000 Personen wegen Schwindsucht in Krankenhausbehandlung standen. Größerer Einfluß auf den Rückgang der Krank­heit komme den vorerwähnten allgemeinen sanitären Maß^ nahmen zu. Namentlich befürwortet Redner die Nachahm­ung der von der Stadt New-York getroffenen Ein­richtungen, dank denen die Sterblichkeit an Schwindsucht seit 1886 um mehr als 36 Prozent gesunken fei. Professor Koch schließt mit dem Ausdruck der festen Ueberzeugung, daß bei Benutzung der im Kampfe mit anderen Seuchen gewonnenen Erfahrungen, wenn unrichtige Wege vermieden und das Uebel an der Wurzel getroffen werde, der Kampf gegen die Tuberkulose zum siegreichen Ende führe.

An den Vortrag schloß sich eine längere Debatte. Professor Lister sagt, Kochs Ausführungen über die Nicht­übertragbarkeit der Krankheit von tuberkulösen Rindern auf den Menschen seien ziemlich überwiegend, doch handle es sich um einen so wichtigen Punkt, daß er weitere Unter­suchungen für nötig halte. Er glaube, daraus, daß die Tuberkulose der Menschen nicht auf Rinder sich übertragen lasse, folge das Gegenteil noch nicht. Mehrere andere Redner sprachen sich ebenfalls für weitere Untersuchungen, einige für staatliche Untersuchungen aus.

Verschiedene Sektionen des Tuberkulose-Kongresses sind heute zusammengetxeten. Die staatliche und städtische Sek­tion beriet über die Frage der obligatorischen Anmeldung der Tuberkulose-Fälle. Die medizinische Sektion beschäftigte ich mit der Behandlung der Krankheit und dem Einfluß des Klimas auf dieselbe, die tierärztliche Sektion mit der Diagnose der Tuberkulose bei lebenden Tieren.

Aus Stadt und Land.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe:Gieß. Anz." gestattet.)

* DaS Regierungsblatt veröffentlicht in Nr. 49 eine Bekanntmachung, die Prüfungsordnung für Aerzte betr. Es wird darin die Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 28. Mai 1901, veröffentlicht im Zentralblatt für das Deutsche Reich Nr. 24 vom 31. Mai 1901, durch die die seit dem 2. Jnni 1883 geltenden Bestimmungen für die Prüfungs­ordnung der Aerzte abgeändert worden find, zur Kenntnis gebracht.

* Kreisstraßeu. Eine für die Landgemeinden sehr wich- tige Bestimmung in Sachen des Baues und der Unterhaltung von Kreisstraßen ist am 1. Juli in Kraft getreten. Dies? Bestimmung lautet:Endet eine Kreisstraße vor einer Ort- rchaft, ohne Fortsetzung durch dieselbe zu finden, so bleibt die Unterhaltung der Ortsstraße Obliegenheit der Gemeinde; im Falle der Bebauung der an der Kreisstraße belegenen Grundstücke gelten jedoch für die bebaute Strecke die auf die Ortsdurchfahrt bezüglichen Bestimmungen. Wird indeffen eine Ortsstraße, welche als die Verlängerung einer durch die Ortschaft nicht fortgesetzten Kreisstraße anzusehen ist, auf Kosten der Gemeinde kreisstraßenmäßig ausgebaut, so kann dieselbe auf Antrag der Gemeinde in die Unterhaltung des Kreises und der Provinz übernommen werden.-

r. Beuern, 23. Juli. In der vorigen Woche ging über unsere Gegend ein so starker Hagel nieder, daß es, als das Wetter vorüber war, aussah, als ob wir im Winter lebten und es habe geschneit.

e. Bad Rauheim, 23. Juli. Nachdem der Gemeinderat )ie Einführung der Städteordnung abgelehnt hat, stellten die Gegner des jetzigen Systems noch in derselben Sitzung den Antrag, das bestehende hohe GehaltS-Regulativ solle ab­geschafft und die bisherigen Kosten der Bürgermeisterei herabgesetzt werden. Er sand schließlich nur vier Stimmen ind wurde abgelehnt. Die Antragsteller hoben hervor, daß ie die hohen Gehälter nur deshalb hätten einführeu helfen, weil sie sicher auf Einführung der Städteordnung gehofft hätten. Die Gehälter sollten aus 7000 Mk. ermäßigt werden. Die Gemeinderatsmitglieder, die gegen die Einführung der Städteordnung gestimmt hatten, hielten aber an dem GehaltS- Regulativ fest und erklärten, die städtischen Angestellten ver­dienten die betr. Gehälter, einerlei ob Nauheim nach dieser oder jener Art verwaltet werde. Die Führung der Geschäfte ei in Nauheim recht schwierig, auch wolle man die erst vor einigen Monaten eingeführte Gehaltsskala nicht schon wieder umstoßen. Dieser Ansicht schloß sich auch der Vertreter der Regierung, Bergrat Professor Dr. CheliuS, an. Mit Stimmeneinheit dagegen wurde der Antrag auf Errichtung einer zweiten Apotheke angenommen. Der hiesige Apotheker ist nur Pächter, da die Apotheke der Stadt gehört. Auch der ärztliche Verein, das Kreisgesundheitsamt und das Mini sterium sind für eine zweite Apotheke. Die hiesige Apotheke ist mit Arbeiten während des Sommers überhäuft, auch läßt die Bedienung manches zu wünschen übrig, sodaß viele Nau­heimer und Kurgäste die beiden Apotheken in Friedberg be­nützen. Der Gemeinderat beschloß, das Ministerium uw Konzessionserteilung für Errichtung einer zweiten Apotheke zu bitten und dann eventuell das jetzige Schulhaus,

sobald diese- durch den Schulhausneubau frei wird, für die zweite Apotheke zu verwenden. Später soll ein geeignetes Grundstück in paffender Lage erworben werden. Ferner wurde vom Gemetnderat die Vergrößerung des Amts­gerichtsgebäudes durch Aufbau eines Stockwerks genehmigt, trotz der nicht unerheblichen Kosten von 35 000 Mk.

Friedberg, 23. Juli. Gestern ist die für Friedberg und Bad-Nauheim errichtete R e i ch s b a n k n e b e n ft e l l e ins Leben getreten. Die wichtigsten Geschäftszweige, mit denen sie sich befaßt, sind folgende: 1) die Reichsbank kaust Wechsel von ihr bekannten Firmen mit drei, mindestens aber zwei, ihr gleichfalls bekannten guten Unterschriften an; 2) sie erteilt Darlehen auf Wertpapiere und Waren verschiedener Art; 3) sie besorgt Firmen, die sich ein Girokonto bei ihr einrichten Ioffen, die kostenlose Ueberweisung von Geldbeträgen an alle Firmen, welche gleichfalls ein Konto bei der Reichsbank be­sitzen; 4) sie nimmt Einzahlungen auf das Konto solcher Firmen an allen Orten entgegen, an denen sich Reichsbank­anstalten befinden; 5) fie übernimmt das Einziehen von Wechseln und Checks auf alle Reichsbankplätze; 6) fie besorgt den An- und Verkauf von Wertpapieren sowie den An und Verkauf von Checks und Wechseln auf das Ausland; 7) fie vermittelt die Auszahlung von Zinsbeträgen an diejenigen, welche ihre Wertpapiere bei dem Kontor der Reichshauptbank für Wertpapiere in Berlin niedergelegt haben.

i. Laubach, 23. Juli. Gegenwärtig fieht man hier seit einer Reihe von Wochen eine nicht geringe Zahl von Fremden, die fich in unseren herrlichen Wäldern erholen wollen. Auch zwei Frankfurter Ferienkolonien find seit vierzehn Tagen hier im Gasthaus zur Traube und im Solmser Hof untergebracht. Die Preise find hier noch sehr bescheiden in Gasthäusern sowohl als bei Privaten.

1. Schotten, 23. Juli. Die Pfarrsamilienzusammenkunst auf dem Hohenrodskopf am Montag war gut besucht. Pfarrer Fritsch von Ruppertsburg hielt einen Vortrag über die Poesie des Pfarrlebens, der voll von Humor, aber auch tief­ernst war.

k. Gonterskirchen, 23. Juli. Am Montag wurde hier unter allgemeiner Teilnahme die 35jährige Ehefrau deS Fabrikarbeiters Kröll beerdigt. Vor kurzem befand sie sich mit ihrem einjährigen Kinde im Freien, als eine wildge­wordene Kuh daherraste. Die Mutter wurde vor Schrecken starr und starb nach mehrtägigem Krankenlager.

Dieburg, 22. Juli. Die gestern nachmittag in der Fest­halle des städtischen Schloßgartens dahier tagende Ver­sammlung der Katholiken des RodgaueS und de« vorderen Odenwaldes war von ca. 2000 Personen be­sucht. Die Versammlung wurde um 4 Uhr nachmittags durch den Stadtrechner Uebel-Dieburg eröffnet und dauerte bis halb 8 Uhr abends. Bürgermeister KrauSmann von hier entbot den erschienenen Gästen namens der Stadt ein herz­liches Willkommen. Als erster Redner sprach Rechtsanwalt und Landtagsabgeordneter Dr. Frenay-Mainz über die Thätigkeit der hessischen Zentrumsfraktion in politischer und sozialer Hinsicht. Sodann sprach in nahezu zweistündiger Rede Reichs- und Landtagsabgeordneter Dr. Heim, Real­lehrer zu Ansbach (Bayern), über die wirtschaftliche Frage und insbesondere über die in letzter Zeit so viel besprochene Getreidezollfrage. Redner beleuchtete die sozialdemokratischen Schlagwörter wie Brodwucher und Volksausbeutung besonders scharf, wendete fich aber auch ebenso entschieden gegen die allzuhohen Forderungen der Mitglieder des Bundes der Landwirte. Ausgleichende Gerechtigkeit, eine gesunde Mittel­politik in dieser hochwichtigen Frage erscheine ihm als un­bedingt notwendig. Aus diesem Grunde trete er für einen Zoll von 6 Mk. ein. Als letzter Redner sprach Benefiziat Rat geb-Dieburg über die Presse und deren hohe Bedeutung in der Gegenwart.

Mainz, 23. Juli. Wie derMainz. Anz." erfährt, be- indet sich die Gattin des Oberleutnants R. im hiesigen Provinzial-Arresthause. Der Grund zur Inhaftnahme der Dame soll in einem angeblichen, an ihrem Manne begangenen Vergiftungsversuch zu finden sein. Uebcr den Gang der Untersuchung wird tiefes Stillschweigen gewahrt. In der Heugasse versuchte sich gestern nachmittag in ihrer dort ge­legenen Wohnung die 26 Jahre alte Witwe Veit durch Trinken einer gifthaltigen Flüssigkeit das Leben zu nehmen. ' Sie war kurz vorher in einer Untersuchungssache polizeilich vernommen worden; nach Hause zurückgekehrt, beging sie den Selbstmordversuch. Durch ein geeignetes Gegenmittel wurde die Frau gerettet.

Mainz, 23. Juli. In einer gestern nachmittag abge- halteueu Sitzung der vereinigten Elektrizitäts-, Straßenbahn- und Baukommission wurde beschlossen, nach Ablauf des Ver­trags mit der Süddeutschen Eisenbahngesellschaft sechs elek­trische Ringlinien zu erbauen, und zwar drei sofort, während die übrigen für später Vorbehalten bleiben sollen. Ver­traulich wurde mitgeteilt, daß der Friede zwischen Stadt und Eisenbahndirektion wieder hergestellt ist, indem die Letztere bei dem Bau der zweigeleisigen Eisenbahn von Kostheim nach Mombach mittelst Uebetbrüdung des Rheins mit Anschlüffen nach Wiesbaden den Wünschen der Stadt entgegenkomme. Haltestelle, Fußweg über die Brücke, sowie der eiserne Viadukt, womit der Jndustriehafen für die Stadt gesichert ist, find genehmigt.

Kassel, 23. Juli. Ein geradezu furchtbares alles zer- äörendes Unwetter, verbunden mit wolkenbruchartigen Nieder- chlägeu, orkanartigem Sturm und neben heftigen elektrischen Entladungen von einem verheerenden Hagelschlag begleitet, )at Sonntag nachmittag fast das ganze nördliche Kurheffen nebst den angrenzenden hannoverschen, thüringischen, west- älischen und sächsischen Gebieten, sowie das Fürstentum Waldeck heimgesucht. Namentlich der Hagelschlag hat ein grauenhaftes Bild der Verwüstung angerichtet, das aller Be- chreibung spottet im buchstäblichen Sinne des Wortes. Fach­männisch geschulte Leute schätzen den Schaden auf 75 bis 90 Proz. Das Hagelwetter ist naturgemäß strichweise auf­getreten, eS kam aus dem Loffethale und Fuldathale herauf, ging nördlich von Kassel in einem etwa 1 Kilometer breiten Streifen über die erwähnten Gemarkungen hinweg und dauerte genau 17 Minuten. Die Schloffen hatten die Dicke von Taubeneieru bis zu Wallnüffen und fielen mit einer seltene« Wucht und Dichtigkeit, sodaß in den Alleen und Landstraßen nicht nur mehrere fußdicke Hefte abgeschlagen, sondern selbst eine Unmenge Singvögel und Spatzen, sogar Hühner und