Ausgabe 
25.5.1901 Erstes Blatt
 
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sogar in den letzten beiden Tagen mehr als eine halbe Million Mark ihrer eigenen Pfandbriefe zu den billigen Kursen an der Börse aufgekauft.

Wir werden den weiteren Verlauf der Angelegenheit zu gegebener Zeit unseren Lesern mitteilen.

* *

Tre Generalversammlung der Mecklenburg-Stre- litzischen .Hypothekenbank war stark besucht. Ter Staatskommissar Regierungsrat Tr. Selmer bemerkte, die Regierung habe eine Revision der Taxen verlangt, die noch nicht beendet sei. Tie Regierung habe außerdem die Wahl einer Revisionskommission, bestehend aus den beiden Mit­gliedern des Aufsichtsrates, Geh. Rat Schubart und Re­dakteur Christians, in Berlin, beantragt. Tem Verlangen der Behörde, einen tüchtigen Hypotheken-Fachmann in die Tirektion Lu wählen, sei seitens der Bank nicht Folge ge­geben worden. Ter Geschäftsbericht entspreche nicht dem Mindestmaß dessen, was die Aktionäre verlangen könnten. Er fordere den Vorstand auf, weitergehende Erklärungen hier abzugeben, außerdem stelle er anheim, einen Bericht eines vereidigten Bücherrevisors zu veranlassen. Ti­rektor Bühler verlas hierauf den Bericht, der über die Ge­schäftsverbindung mit der Pommerschen Hypotheken-Aktien- Bank, der Jmmobilien-Verkehrsbank und der Firma Schuh macher, G. m. b. H., Aufschluß giebt. Diese Mitteilungen hatten sehr heftige Tebatten im Gefolge, in denen die Sicherstellung der zweistelligen Hypotheken angezweifelt und die Verbindung mit der Pommerschen Hypotheken-Aktien Bank heftig angegriffen, sowie die Forderung gestellt wurde, daß die Jmmobilien-Verkehrsbank in Liquidation treten solle. Rach Schluß der Tebatte wurde die Bilanz mit 6412 gegen 944 Stimmen genehmigt Darauf wurde der Revi­sionskommission einstimmig und den anderen Mitgliedern des Aufsichtsrates sowie öeni Vorstande mit 6179 gegen 798 Stimmen Techarge erteilt. Hierauf wurden die Neu­wahlen zum Aufsichtsrat vollzogen. Es wurden gewählt: Kammerherr Landdrost v. Fabrice-Strelitz, Geh.Hofrat Meyer- Neustrelitz, Kaufmann Leo Jrieden-Lippstadt, Rechtsanwalt Brunswig-Neustrelitz, Gutsbesitzer Weise-Lindenberg, Justiz­rat Munckel-Berlin, Geh. Hofrat Linde-Neustrelitz, Bankier W. A. Hansen-Berlin und Bankier Benno Lazarus-Br ariden - burg.

Aus Stadt und Land.

Sieben, 24. Mai 1901.

LU. Studienreise. Unter Leitung des ord. Professors der Geologie und Mineralogie Dr. R. Brauns haben gestern eine jüngere Anzahl Studierender eine Pfingststudien- reise nach dem Eifelgebiet unternommen.

Die Feusterinschrift in Sich. Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Eben lese ich in Nr. 120 desG. A.-, erstes Blatt, die Mitteilung aus Lich. Der Hersteller der Inschrift hat eben übersehen, daß das ganze ein Distichon ist:

Hon eßt crede (mihi multas) qui possidet aedeß Diveß: sed dives cui aatiß una domae.

.Der Vers ist ganz niedlich und so auch inhaltlich hübscher als in der dort vorgetragenen Fassung.

** Pfingstahueu. Fühlen wir nicht schon draußen das mächtige Wehen des PfingstgeisteS, hat er nicht Wunder voll­bracht in Wald und Feld und Flur? Sind nicht längst die schüchternen Keime und Knospen zu Blättern und Blüten und Blumen voll Duft und Pracht geworden? Preist nicht der tausendfache Dank der gefiederten Sänger Gottes Güte? Wieder prangt die weite Erde in dem schimmernden Fest gewande, das die siegreiche Frühlingssonne in jedem neuen Jahre mit tausend Farben stickt und verbrämt, um die Schultern der Berge und Hügel legt und über Ebenen und Thäler breitet. In Wäldern und Triften, auf Feld und Wiese, in Bergen und Schluchten, überall herrscht ein lautes, munteres Leben voll Klang und Schall. Was die Quellen, Bäche und Ströme schwatzen und rauschen, was die heinr gekehrten Vögel in ihren luftigen Wipfelrevieren, im grünen Wiesengras, im Erlenstrauch und Schlchdornbusch singen und jubilieren, das weckt ein lautes Echo in der frei athmenden Menschenbrust. Ja, wir ahnen es: Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen! Das Wesen dieses PfingstgeisteS gilt zunächst uns selbst. Der Geist des Christentums mit seiner Alles umfassenden Bruder- und Menschenliebe, der die Sklaven- kette der alten Welt zerbrach, ihm sollen wir eine bleibende Wohnstätte in uns und unter uns errichten, mit ihm sollen wir ankämpfen gegen Irrwahn und Verblendung, gegen Alles, was nicht in Eintracht steht mit der herrlichen Lehre des Erlösers, deren BesiegelungS- und Tauffest jener Tag gewesen, an dem sich die Feuerzangen des heiligen Geistes auf die Jünger Christi gesenkt!

** Hauptversammlung des Spar- und Leihkaffe - Vereins Gießen. Die Versammlung war sehr gut besucht. Der Referent, LandgerichtSrat Dornseiff, führte aus, daß eine Aenderung der Statuten notwendig geworden sei, weil die Gesellschaft noch alsVerein" figuriere, was auf eine Ver­quickung betreffs Genehmigung der Satzungen rc. bei der ersten Eingabe zurückzuführen sei. Man habe jedoch die Hoffnung, daß der Verein in nächster Zeit die Rechte einer juristischen Person erlangen werde. Ts handle sich haupt­sächlich darum, daß das Ministerium des Innern sich die Kontrolle über Umschlag und Zinsfuß, resp. Einlagen und Ausgaben, sowie die Entscheidung bei wichtigen Meinungs­verschiedenheiten innerhalb des VerwaltungsauSschuffeS Vor­behalte. Ferner solle bestimmt werden, daß die Ausscheidenden des Verwaltungsrates stets aus derselben Gruppe gewählt würden, und daß der jeweilige Direktor das Recht habe, den Verein als solchen nach außen hin zu vertreten. Der Referent ersuchte sodann die Versammlung auch zu genehmigen, daß dem Ausschuß gestattet sei, notwendige Herabsetzungen des Zinsfußes, Verwendung ausländischer Werte, sowie kleinere Veränderungen der Statuten vornehmen zu dürfen, ohne eine Generalversammlung einzuberufen. Sämtliche Vorschläge wurden einstimmig genehmigt. Eine Diskussion fand nicht statt.

"Von derzu errichtenden Pfandbriefbank Ter bezügliche Gesetzentwurf wird zur Zeit von einem Sonderausschuß der Zweiten Kammer vorberaten. Noch vor Abschluß der Arbeiten ist demselben von dem Finanz­minister ein Nachtrag zugegangen, der verschiedene Zu­sätze und Aenderungen des Gesetzentwurfs entl)ält und um

deren Beantragungen im Plenum gebeten wird. Es war vorgesehen, die zur Gründung der geplanten Bank be­nötigten vier Millionen Mark könnten von den seinerzeit für die Bedürfnisse der Landeskreditkasse bewilligten und noch nicht begebenen acht Millionen Mark genommen wer­den. Ta aber ein solcher Betrag nicht mehr erzielt werden kann, die von dem genehniigten Gelde noch vorhandenen vier Millionen aber besser der Landeskreditkasse verbleiben, so wird um eine neue Begebung von vier weiteren Milli­onen für die Pfandbriefbank gebeten. Außerdem soll dieses Institut, das bei der außerordentlich starken Beteiligung des Staates einer Staatsanstalt fast gleichkommt, und weil ihm eine Erwerbstendenz nicht zustehen soll, von Staats­und Gemeindesteuern befreit werden. Hierdurch wird eine nicht unwesentliche Verminderung der Betriebskosten er- zielt und auch zugleich das Bedürfnis der Kredit suchenden Bevölkerung gefördert. Aehnlich wie in dem Sparkassen­gesetzentwurf vorgesehen ist, sollen bei Zwangsvollstreckung die Forderungen der Pfandbriefbank den Gemeindeforder­ungen, die sich nicht auf Umlagen oder sonstige diesen gleichen Gemeindeabgaben gründen, gleichgestellt und die von den Beamten der Bank, die in die Reihe der Staats­beamten einrücken, ausgestellten Urkunden als öffent­lich e U r k u n d e n angesehen werden. Endlich sollen die Staats- und Gemeindebehörden angewiesen werden, jeg­liche Auskunft zu erteilen über die Beschaffenheit und Belastung der beliehenen und zu beleihenden Grundstücke, die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Dar­lehnsnehmer und die sonstigen bei der Beleihung in Be­tracht kommenden Umstände. Dadurch wird ein möglichst unparteiisches Urteil über die Person des Schuldners und eine dem wirklichen Werte der Unterpfänder entsprechende Schätzung ermöglicht. Daß durch diese Momente den aus­zugebenden Pfandbriefen, deren materielle Deckung die Hypotheken darstellen, von feiten des Publikums mit Recht ein außerordentlich großes Vertrauen entgegengebracht wird, liegt auf der Hand. Daß aber auch eine allzu starke Belastung der Grundstücke verhindert werde, möchten wir bei den vielen Gelegenheiten zum Schuldenmachen billig bezweifeln. Die von dem Finanzminister vorgelegten Abänderungen und Zusätze werden der Annahme im Sonderausschuß und im Plenum gewiß sein, da sie zur größeren Sicherheit und zur Erleichterung der Geschäfts- ührung wesentlich beitragen.

** Die Salat zeit iit wieder da! Der hygienische Nutzen des Genusses von Gemüse aller Art ist bekannt, und gar mancher könnte sich eine Badereise nach Kissingen, Ems, Marienbad usw. ersparen, wenn er recht vielGrünes", be- onders aber Salat, genösse. Er i st sehr nahrhaft, be- ördert den Fleischansatz und kräftigt den Körper, aber auch blutreinigend wirkt der Genuß des Salates. Besonders chmackhaft wird er, wenn man den Essig, mit dem die Blätter angerührt werden, mit Honig statt mit Zucker mischt. Wer das einmal probiert hat, wird seinen Salat nie wieder ohne Honig essen mögen.

-t. Oppenrod, 23. Mai. Am 3. Pfingsttag wird hier ein Missionsfest gefeiert werden. Der Gottesdienst wird um 2 Uhr nachmittags seinen Anfang nehmen. Als Fest- rrediger haben zugesagt: Pfarrer Weber Lang-Göns und Missionsdirektor HacciuS aus Hermannsburg. Bon letzterem ind jedenfalls intereffavte Mitteilungen über die Miffions Verhältnisse in Süd Afrika zu erwarten und dies dürfte wohl allein schon für viele Missionsfreunde ein Anlaß sein, das Fest, bei dem auch der Klein Lindener Posaunenchor seine Mitwirkung zugesagt hat, zu besuchen.

§ Echzell (Wetterau), 22. Mai. Der seit etwa 8 Tagen aus dem Pensionat Bmgenheimer ForsthauS vermißte 14jährige Schüler Leo wurde gestern durch den Gen »armerie-Wachtmeister Schmidt aus Nidda, der den Jungen m Harbwalde aufgegriffen hat, nach dem Pensionat zurück ebracht. Der Vater hatte auf dessen Wiedereinbringung eine Prämie von 100 Mk. ausgesetzt, die dem Wachtmeister nun zufällt.

Wie sb ad e n, 22. Mai. Der unter so beklagenswerten Umständen zu Tode gekommene Schachmeister H a n s M i n ck- w i tz war der Sohn des weiland dupch seinen etwas auf die Spitze getriebenen Platenkultus und sonstige Absonder­lichkeiten, aber auch durch treffliche Uebersetzungen klassi­scher Dickster bekannten Leipziger Professors Minckwitz. Im kaufmännischen Berufe ausgebildet, brachte er es bald zu einer sehr achtbaren Stellung bei einer großen Leipziger Bank und später zum kaufmännischen Leiter industrieller Werke ui Schlesien; aber seine Neigung zur Litteratur, vielleicht auch schon die Vorboten der späteren geistigen Erkrankung trieben ihn, die kaufmännische Laufbahn zu verlassen. Ein ausgezeichneter Schachspieler, Sieger in mehreren großen Turnieren und wiederholt preisgekrönt als Schöpfer geistreicher Schachaufgaben, übernahm er die Redaktion der Leipziger Schachzeitung, der Schachspalte der Illustrierten Zeitung u. a, in., veröffentlichte auch einige Bändchen Gedichte, von denen eins:Laßt mich schwimmen!" (er schwamm und tauchte selber ganz vorzüglich) nicht ohne anziehende Eigenart ist. Aber schließliche erfaßte ihn die Wahnvorstellung einer adeligen Abkunft. Er nannte ich' .zunächst v. Minckwitz, dann Freiherr v. M., Reichsgraf M. v. Minckwitzburg und schließlich^ den vermeintlichen Stammbaum bis auf graue Vorzeiten zurückverfolgend, Fürst Jukwi. Zugleich stellte sich, Verfolgungswahn ein, der ihn oft zu Thiitlichkeiten gegen harmlose Leute veran­laßte, weil er deren Unterhaltung auf sich bezog. Dabei vernachlässigte er nicht nur seine geschäftliche Thätigkeit, andern kam auch! mit den Behörden, die er überdies un­aufhörlich wegen seiner Adelsansprüche belästigte, in Zwist, wurde mehrmals Irrenhäusern übergeben zweimal war er in Herzberge und kam so mehr und mehr herunter bis zu dem traurigen Ausgange, den wir bereits meldeten. Seine alten Freunde, die seinerzeit vergebens alles auf­geboten hatten, ihn zu retten, rühmen neben seinen mannig- achen Talenten auch seinen braven, ehrenwerten Charakter.

Kleine Mitteilungen au» Hessen und den Nachbarstaaten. In Wiesbaden hat sich der Regierungsrat de la Fontaine, Vorsitzender der Einkommensteuer * VeranlagungSkommisfion, erschossen.

Vermischtes.

. * Köln, 23. Mm. In Schacht 1 der Zeche Lothringen

in Gerthe der Bochum stürzten 2 mit dem Transport von Dohren beschäftigte Schacksthauer in die Tiefe und blieben rot. Em dritter Hauer erlitt Verletzungen.

* Berlin, 23. Mai. Heute nacht setzte der hier zu Studienzwecken weilende japanische Professor M. Schirai in seiner Wohnung seine Möbel, die er vorher mit Petroleum begossen hatte, in Brand und schloß seine W i r t i n, deren Tochter und den Bankbeamten Frank, der sich zum Schutz der Frauen in der Wohnung aufhielt, in ein Zimmer ein. Auf ihre Hilferufe erschien bald darauf die Feuerwehr und löschte das Feuer in kurzer Zeit. S., der auch den Frank mit einem Küchenbeile ange­griffen und ihn verletzt hatte, ist vom Kreisärzte als geisteskrank erklärt und in die Irrenanstalt Dalldorf ge­bracht worden. Prof. M. Schirai, der zwei Jahre hin­durch ein ruhiger, liebenswürdiger Mieter gewesen war, zeigte seit einigen Tagen Zeichen seelischer Gestörtheit. Sein Benehmen und seine wirren Redensarten beängstigten Frau Taugott, seine Wirtin, und deren Tochter, und als Sckstrai im Laufe des gestrigen Tages den Damen erklärte, daß er keine Vorlesungen mehr hören wolle, da ihn die japa­nische Regierung verfolge, so baten sie, in Abwesenheit des verreisten Familien-Oberhauptes, den Verlobten der Tochter, Frank, die Nacht zu ihrem Schutze bei ihnen zu bleiben. Tie herbeikommenden Schutzleute hatten Mühe, den rasend um sich schlagenden Schirai zu bändigen und zur Wache zu bringen.

* Berlin, 23. Mai. Ein Ballon der Luftschiffer« abteilung, deffen Ventil anscheinend nicht richtig funktionierte, stürzte heute auf dem Tempelhofer Felde mit rapider Ge« schwindigkeit herab. Leutnant Hahn trug bei dem heftigen Aufschlagen des Korbes mehrere Knochenbrüche davon und mußte vom Platze getragen werden.

* Bismarck als Raucher. Der verstorbene Alt* reichskanzler Fürst Bismarck wurde einmal bei Gelegenheit einer seiner ReichStagSsoireen von einem Abgeordneten da« rauf aufmerksam gemacht, daß der Ertrag der Tabakssteuer sich doch nicht gut feststellen laffe, da möglicherweise mit Verteuerung des Tabaks viele das Rauchen lassen würden. Ich kenne aus meiner Erfahrung nur einen Fall dieser Art," sagte der Fürst,wo Jemand, der dreißig Jahre ge­raucht hatte, seine Pfeife zufällig in einen Pulverkasten auSklopfte dieser Mann hat allerdings nie wieder geraucht."

* Verhaftungen in der Bernauer Mordq fache. Die Blutthat bei Bernau hat durch das Eingreifen der Berliner Kriminalpolizei aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Aufklärung gefunden. Als Mörder sind drei deck gefährlichsten Einbrecher Berlins festgenommen worden, die ihren Komplizen, den ehemaligen Schlosser und späteren Einbrecher Richard Conrad in der Nacht zum letzten Mond­tag meuchlings umgebracht haben. Sie hatten gefürchtet, Conrad könne ihnen hinsichtlich der gemeinsam ausge- führten Einbruchs- und Raubzüge in dec weiteren Um­gebung Berlins als Verräter gefährlich werden. Mit Re­volvern, Gewehren, Schlacht- und Faschinenmessern be­waffnet, haben die Mordgesellen, die im Begriffe waren, in Bernau und in den benachbarten Gutshöfen ein­zubrechen, zu rauben und plündern, sowie im Falle der Gegenwehr ihre Gegner hinzumorden, blutige Rache auf offener Landstraße an dem vierten Mitglied der Bande, dem erwähnten Richard Conrad, genommen, der erklärte, ich von der Bande lossagen zu wollen. In Schönlinde bei Ladenburg hatte Conrad unter falschem Namen mehrere Wochen als Mieter in einem einsamen Gehöft gehaust, dessen Wirt, ein ehemaliger Staatspensivnär und jetziger gefürchteter Einbrecher, zu seinem Mörder geworden ist. DieserPensionär" darf, so weit bis jetzt festgestellt ist, als Haupt der vierköpfigen Einbrecherbande gelten, und dürfte den ersten Streich gegen Conrad geführt haben. Ter letztere, der 30 Jahre alt und unverheiratet ist, lebte in Berlin und später in Schönlinde mit einer geschiedenen Frau zusammen, deren Namen er angenommen hatte. Seit etwa zwei Monaten verfolgte die Berliner Kriminalpolizei unausgesetzt die vier bezeichneten Individuen, weil sie iringenb verdächtig der Teilnahme an größeren Einbruchs­diebstählen in Berlin erschienen. Alle vier waren kürzlich verhaftet worden, mußten aber wieder entlassen werden. Von da ab verlegten sie ihre Thätigkeit nach außerhalb Berlins. Für die Nacht zum letzten Sonntag war ein großer Raubzug auf die Bernau benachbarten Gutshöfe verabredet. Ihre Ausrüstung mit Mordwerkzeugen läßt die Annahme begründet erscheinen, daß sie es auf Morden bei einem unerwarteten Widerstande bei der Plünderung hätten ankommen lassen. Ter Plan kam dann durch Con­rads Widersetzlichkeit nicht zur Durchführung. Er, der selbst mit einem Revolver bewaffnet war, wurde durch einen Revolverschuß wehrlos gemacht und dann mit einem ehe­maligen Artillerie-Faschinenmesser abgeschlachtet. Der schon erwähnte Pensionär muß hierbei das Messer gehandhabt haben, denn er hat sich selbst Verletzungen an den Händen zugezogen.

* Hamburg, 23. Mai. Ter Reichspostdampfer R e i ch s t a g" der deutschen Ostafrika-Linie verließ gestern abend 6 Uhr 40 Min. zum Antritt seiner Reise nach Süd­afrika den hiesigen Hafen. Auf der Unterelbe bei Bruns­hausen geriet derReichstag" vor den Bug des vor Anker liegenden SchnelldampfersFürst Bismarck". Tie Wucht des Zusammenpralles wurde durch die bei der tarken Strömung stramm vorausstehende Ankerkette des Fürst Bismarck" bedeutend gemildert, trotzdem erlitt der Reichstag" doch an der Backbordseite und achtern beim Fallreep eine Einbeulung der Platten und mußte die Fort-' etzung der Reise aufgeben. Heute früh traf der /Reichstag" wieder im hiesigen Hafen ein und vertäute un Strandhafen. Das Schiff wird aus dem Achterraum so viel Ladung löschen müssen, daß die eingebeulten Platten reigelegt und repariert werden können. TerFürst Bis­marck" erlitt durch den Zusammenstoß keinen Sck)aden und ist bereits nach Cuxhaven gedampft, um heute mittag die Reise nach Newyork anzutreten.

* Bremen, 21. Mai. Der Goldbarren-Finder von Bremerhaven ist wieder da! Kapellmeister Mager- vom LloyddampferKaiser Wilhelm der Große", der, wie wir meldeten, die vom Dampfer verschwundenen Goldbarren wiederfand und dann selbst verschwand, hat sich wieder ein« gefunden. Neber seine Exkursion erzählt er eine abenteuerlich lingende Geschichte: Beim Verlaffen des Dampfers will er auf dem Wege zu seiner Braut von einem ihm unbekannten Mann angesprochen worden sein und seitdem sein klares Be­wußtsein verloren haben! Erst zwei Tage später ist er durch einen Sturz ins Waffer wieder zu sich gekommen, er