Ausgabe 
23.11.1901 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Sitzung der Stadtverordneten.

21. November 1901.

Anwesend Bürgermeister Mecum, die Beigeordneten Georgi und Wolff, die Stadtverordneten Brück, E m- melius, Euler, Faber, Flett, Dr. Fuhr, Dr. G a f f k y, Hanau, Haubach,tz.elf r ich,Huhn,Jug- hardt, Keller, Kirch, Krumm, Leib, Löber, Loos, Orbig, Tr. Schäfer, Schiele und Wal­lenfels.

Entschuldigt: Beigeordneter Grüneberg, die Stadtv. Grünewald, Petri und Schmatl.

Bürgermeister M e c u m berichtet vor Eintritt in die Verhandlungen, daß sich das Großh. Ministerium der in einem in voriger Sitzung gefaßten Beschluß vertretenen Ansicht, daß Lehrer, die von einer mit geringerem Gehalte dotierten Stelle von auswärts nach hier versetzt werden, Anspruch auf Aufrücken in die hier nach dem Lieftstalter bemessene Gehaltsstufe haben, angeschlossen habe. Stadtv. Kirch nimmt unter Hinweis auf andere Städte Ver­anlassung, auf die Möglichkeit von No t stau d s ar b e i- ten in Gießen hinzuweisen. Erfreulicher Weise scheine man in der Provinz Oberhessen von Arbeitslosigkeit nichts zu merken. Er frage aber an, ob seitens der Stadtverwaltung Vorkehrungen für event. eintretende Arbeitslosigkeit ge­troffen seien. Bürgermeister Mecum erklärt, daß er­freulicherweise hier ein Notstand, wie solcher in anderen Städten herrsche, nicht bestehe. Es habe sich wohl die Zahl der die Naturalverpflegungsstation in Anspruch nehmen­den durchreisenden im Vergleich zum Vorjahr um das Doppelte vermehrt, an Arbeitsgelegenheit für die an­sässigen Arbeiter fehle es indes nicht. Immerhin müsse man mit der Möglichkeit eines Notstandes rechnen; er habe sich deshalb mit der Provinzialdirektion ins Be­nehmen gesetzt, und die Zusage erhalten, daß Arbeitslose bei den Erdbewegungsarbeite:: (ca. 20 000 Ebm.) am Provin- zial-Siechenhaus beschäftigt werden könnten; auch der Ausbau der Noonstraßc, der Goethestraße usw. könne dann in Angriff genommen werden. Zur Zeit liege aber An­laß zur Ausführung von Notstandesarbeiten nicht vor; im Falle solche vorgenommen werden müßten, bedürfe es nur eines Beschlusses der Stadtverordneten-Vcrsammlung.

Auf deni Gelände der psychiatrischen Klinik soll eine Gärtnerwohnung errichtet werden. Die Versamm­lung spricht sich für Befürwortung des Dispenses nach §§ 18 und 26 des Ortsbaustatutes unter der Bedingung aus, daß der Bau 5 Lis 10 Meter hinter die Baufluchtlinie zu stehen kommt.

Das Baugesuch des Schreinermeisters Earl Hahn, dessen an der Goethestraße zu errichtender Neubau zu einem Teil in Holzsachwcrk ausgeführt werden soll, wird befürwortet.

Fabrikant I. Barn hat das Gesuch um Erlaubnis zum Bauen in der Schillerstraße zurückgezogen.

Der folgende Gegenstand der Tagesordnung: Ufer- b e fe stigusl gsarb eiten an der Wieseck hat sich anderweit erledigt.

Das Kommando der Feuerwehr hat die Anschaffung oon einem Hydrantenstandrohr, zwei Strahlrohren, vier Hakenleitern, einer zusammenlegbaren Tragbahre, 50 Le­derhelmen, Gurten, Schläuchen und einigen Ausrüstungs­gegenständen beantragt, wofür insgesamt 992 Mark er­forderlich sind. T>ie Laudeputation hat den Abstrich der Tragbahre, deren einige jederzeit in der Halle bet der Stadtkirche bereit stehen, sowie der für die persönliche Ausrüstung geforderten Gegenstände beantragt, lvodurch sich der Kostenpunkt auf 610 Mark verringert. Die Versamm­lung beschließt demgemäß. Stadtv. Dr. Schäfer bemerkt, daß sich beim Turnhallenbrande in Darmstadt das Fehlen von Rauchkappen fühlbar gemacht habe, er möchte, falte solche nicht vorhanden, deren Anschaffung in Anregung bringen. Bürgermeister Mecum erklärt, daß die Bau­deputation demnächst den Bestand der Ausrüstungsgegen­stände in Augenschein nehmen werde. Stadtv. W allen- fels bemerkt, daß der Mangel einer Tragbahre schon gerügt worden sei. Stadtv. Huhn empfiehlt, nachdem Bür­germeister Mecum mitgeteilt, daß vier Tragbahren vor­handen seien, einen Schlüssel zum Aufbewahrungsraum der Tragbahren in einem der Nachbarhäuser aufzuyeben.

Seitens der Kreisverwaltung ist die Verbretterung der Straße Gi e ßen H aus en in der Gemarkung Gießen in Aussicht genommen, da die Straße nur 3 einhalb Meter Fahrbahnbreite hat. Der Kreis ersucht das erforderliche Gelände zur Verfügung zu stellen, damit die Fahrbahn aufl 5 Meter verbreitert werden kann. Stadtv. Huhn spricht sich für die Verbreiterung der Bankets mit Rücksicht auf den zunehmenden Verkehr im Schiffenberger Walde aus. Stadtv. Helfrich ist für Einbeziehung des (von der Stadt her gesehen) rechtsseitigen Fußweges. Bürgermeister Mecum empfiehlt zur Vermeidung von Verzögerungen der Ueber- lassung des Geländes zuzustimmen. Die Versammlung be­schließt demgemäß.

Für die infolge veränderter Einteilung von Bureau-

räumen im Bürgermeistereigebäude nötigen baulichen Veränderungen werden 500 Mk. bewilligt.

Das Gesuch des deutschen Patriotenbundes zur Er­richtung eines V ö l k e r s ch l a cht d c n k m a l s um Gewähr­ung eines jährlichen Beitrags wird abgelehnt mit der Be­gründung, d mit dem im vorigen Jahre bewilligten Be­trag von 100 Mark die Stadt ihrer patriotischen Pflicht genügte.

Für die im Stadtwalde für 1902/03 auszuführenden Kulturarbeiten werden dieselben Löhne wie im Vorjahre festgesetzt.

Dem Eisverein soll die Erlaubnis zur Aufstellung von 8 Bogenlampen und mehrerer Glühlampen auf der Eisbahn bezw. in den dazu gehörigen Hallen erteilt wer­den. Bon der nachgcsuchten Ermäßigung des Elektrizitäts- Preises soll abgesehen werden, bis Erfahrungen über die Rentabilität des Werkes vorliegcn.

Tie Rechnung der Plock.schen Stiftung für 1*300/01, die an Einnahmen 4688,15 Mk., an Ausgaben 4589,98 Mk- und einen Vermögcnssland von 110 985,71 Mk. verzeichnet, wird ge­nehmigt, desgl. der Voranschlag für 1902/03, der in Ein­nahme und Ausgabe mit 4768,75 Mk. abschließt.

Von der Anstellung eines dritten Lehrers an der t ä d t i s ch e n Vorschule d e s G Y m n a s i u m s soll vor­erst abgesehen werden, weil für die infolge Vermehrung der Schüler und Lehrstunden beabsichtigte Teilung einer Klasse ein passendes Lokal nicht zur Verfügung steht.

Infolge Verlegung der Vorschule des Gymnasiums zunächst in die Aula der Anstalt und dann in das Turmhaus am Brand sind Kosten im Betrage von 120 Mk. entstanden, die bewilligt werden.

Nach dem vom Kuratorium der höheren und er­weiterten Mädchenschule entworfenen Programm für beit im Garten der ehemals Plochschen Besatzung an der Nordanlage zu errichtenden Schulhausbau ist Rücksicht auf spätere Erweiterungsbauten genommen worden. Von den 10 Klassen der höheren Mädchenschule sind 8, in der erweiterten Mädchenschule 7 zu testen, sodaß 33 Klassen­zimmer nötig lverden. An Räumen sind weiter vorgesehen ein Zeichensaal, ein Gcsangssaal, ein Physiksaal mit Vor­bereitungszimmer, ein Saal für eine zusammenlegbare Klasse, ein Fest- und Turnsaal, Wasch- und Umkleideräume, Direktorenzlmmer nebst einigen Lehrer- und Lehrerinnen- Zimmern, die Zimmer für Aufbewahrung von Karten, Räume zur Aufbewahrung von Lehrmitteln zu Handarbeiten, eine Schuldienerwohnung. Vorläufig sollen 24 Klassen ein­gerichtet werden. Stadtv. K i r ch bemerkt, daß die lieber- füllung der Klassen durch die auswärts wohnenden Schüler­innen verursacht werde; diese trügen aber zu den Lasten der Schule wenig bei, er empfehle deshalb eine Erhöhung des Schulgeldes für auswärtige Schüler, wie dies in an­deren Städten geschehe, in .Erwägung zu ziehen. Bürgermeister 'Die cum bemerkt, daß das Kuratorium eine Schulgelderhöhung schon in Er­wägung gezogen habe; das Schulgeld für auswärtige Schüler sei nicht überall höher. Das darüber gesammelte Material soll vervielfältigt werden; es werde in nächster Zeit Befchluß zu fassen sein, wie es in Zukunft mit dem Schulgeld ge­halten werden soll. Stadtv. Haubach wünscht bei Erlaß des Preisausschreibens für den Schulhausbau Wert auf möglichst billige Gestaltung des Ganzen zu legen und dem Entwurf die Annahme in Aussicht zu stellen, der Rück­sicht auf billige Ausführung und Zweckmäßigkeit der Gesamt- anlage und solide Gestaltung nimmt, nimmt aber den in dieser Richtung gestellten Antrag zurück, nachdem Bürger­meister Mecum einige Punkte aus dem Programm für den Bau der Auguftitterschule in Friedberg zur Aufnahme in die dem Wettbewerb zu Grunde zu legenden Beding­ungen empfohlen. Stadtv. Löber empfiehlt den Bau in möglichst einfachen Formen aufzuführen, wie solche z. B- die Frankfurter Schulhäuser zeigten. Beig- Georgi hat Bedenken gegen die Aufttahme einer Bauiumme in das Preisausschreiben; damit würde das Preisgericht in seinen Entschließungen behindert. Stadtv- H a u b a ch vertritt die Ansicht, daß dem Preisgericht und den Architekten die Entscheidung leichter würde, wenn sie bezüglich des Kosten­punktes orientiert seien. Die Versammlung erklärt sich mit dem Bauprogramm einverstanden.

Aus Stadt und Kand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten rst.uur unter genauer Quellenangabe:,,Gieß. Auz." gestattet.)

Gießen, den 22. November 1901.

* Von der Universität. Der mit Lehrauftrag versehene Kreisoeterinärarzt Schmidt ist für das Winter-Semester 1901/02 von der Abhaltung von Vorlesungen entbunden.

** Kein Notstand in Gießen. Wir verweisen unsere Leser heute ganz besonders auf die Ausführungen des Bürger­meisters Mecum in der gestrigen Stadtverordneten­fi tzung, daß z. Z. Anlaß zur Ausführung von Notstands­arbeiten in unserer Stadt nicht vorliege. Wenn also neulich bei einer sozialdemokratischen Versammlung, in der

eine Frau Zietz au5 Hamburg über die .augenblickliche Krisis" sprach, auch viel vonNotstand" die Rede gewesen ist, dann hat man den Teufel recht unnötigerweise an die Wand gemalt. Man hat beunruhigt, statt zu beruhigen. Damit hat man namentlich den Frauen wahrlich keine Weih- nachtssreudc bereitet.

*» Lamborg-Konzert (am Mittwoch den 27. November, abends 8 Uhr, in Steins Saal). DemBcrl. Tagcbl." ent­nehmen wir nachstehende Notiz:

Lamborg nennt sichKlavier-, Gesangs- und Teklamations- Humorist" und entwickelt in dem knappen Zeitraum von nicht ganz 2 Stunden in buntem Durcheinander die verschiedensten Kunst- erngkeiten und Talente. Jetzt^ parodiert er sehr gelungen die Pro­duktioneneiner musikalischen Fainilie", dann läßt er einige Dutzend der heterogensten Melodien, rnie aus der Mitte des Auditoriums aufs geradewohl verlangt werden, mit einer phänomenalen Ringer- ertigkeit durcheinandcrschwirren. Jetzt wiederum trägt er mit einer ungemein volumiösen, geschulten Stimme einige Lieder in öster­reichischer Mundart mit Klavierbegleitung vor imb giebt zwischen­durch mit einer schwindelerregenden Zungengeläufiakeit eine pudel^ närrische Sentenz zum besten. Aus voller yöhe seiner Leistungs-- sähigkeit zeigt sich Lamborg bei der Ausführung eines grotesken Opernfmales; er stellt dabei in einer Person nicht weniger als Primadonna, Altistin, Koloratursängerin, Bariton, Tenor, Baß und beide Chore dar. Alles das uiid nod) einiges andere, was wir saheri und hörten, ist außerordentlich amüsant uiid amüsierte denn auch die zahlreich erschienen Zllhörer aus das beste.

** lieber den Opern- und Konzertsänger Hermann Boldt, der am Dienstag dem 26. im HotelEin'horn" im Verein mit Herrn Julius Hahn konzertieren wird, entnehmen wir einer Dusield. Ztg. folgendes:Boldt war s. Z. ein sehr ge­feiertes und beliebtes Mitglied unseres Stadltheaters, und fein Name ruft die Erinnerung an eine Reihe glänzender Vorstellungen in uns wach. Mit Recht durfte man daher annehmen, daß Boldt bei seinen zahlreichen Freunden und Verehrern hier vor einem vollbesetzten Haufe fingen würde. Geradezu überrascht war man allgemein von der Fülle und Frische des noch immer voll und sympathisch klingenden Organs. Dabei beherrscht Herr Boldt das p. und pp. in vollkommenster Weise, seine Aussprache ist so natürlich und deutlich, daß attch jedes Wort verstanden wird und ein Text-! buch vollständig überflüssig ist. Seine dramatische Dar- stellungsweise ist meisterhaft."

** Aus dem Leben des Großherzogs Ludwig IV. Einen schönen Zug von Unerschrockenheit ans dem Leben des nach­maligen Großherzogs Ludwig IV. von Hessen, erzählte auf dem Kriegerfeste zu Herbstein, demLauterb. Anz." zufolge, ein Augenzeuge, Fabrikant Leinberger. Prinz Lud­wig stand mit der hessischen Division am 18. August 1870 bei Gravelotte im stärksten Feuer. Eine Granate krepierte vor seinen Füßen, so daß die Eisensplitter ihn umzischten und die aufgerissene Erde ihm ins Gesicht flog. Die Mannschaften fürchteten für sein Leben; Prinz Ludwig aber rief in der bei ihm bekannten sorglosen Art;Donnerwetter, das war ein wildes Luder!" Und den Seinen voraus stürmte er weiter im dichten Kugelregen.

W. Friedberg, 21. Nov. Das hiesige Kreisamt hat sich veranlaßt gesehen, scharfe Maßregeln gegen die herrumziehenden Zigeuner zu erlassen, die von den Kreiseingesessenen wohl mit Freuden begrüßt werden, aber doch nur ganz zur Wirkung kommen können, wenn da§ Publikum die Behörde unterstützt und unnachsichtlich das braune Gesindel von den Thüren weist. Es wird gar rasch unter ihnen bekannt, in welchem Ort sich das Betteln lohnt, und wo nichts gegeben wird. Auch soll man die Wegzeichen, die die Angehörigen eines Stammes einander hinterlassen, ohne weiteres entfernen. Diese Zeichen bestehen in am Lagerplatz oder Wegkreuzungen hinterlassenen alten Schuhen, Fetzen von Kleidungsstücken und Haaren, die an Bäumen oder Wegweisern hinter kleinen halb­losgelösten Spänen eingeklemmt werden. Die neuen Be­stimmungen schreiben vor, daß das Kreisamt und die Gendarmeriestation sofort von einem etwaigen Durchzug von Zigeunern benachrichtigt werden, daß das Austtellen von Wohnwagen an öffentlichen Plätzen und Straßen nicht ge­duldet wird, und die Zigeuner während der ganzen Dauer ihres Aufenthalts scharf bewacht werden. Ferner sollen die Legitimationspapiere geprüft und der Verwaltungsbehörde telegraphisch oder durch Eilboten Nachricht über Herkunft, Staatsangehörigkeit und die Legitimationspapiere gemacht werden.

Darmstadt, 21. Nov. Die amtlicheDarmst. Ztg.^ schreibt: Zeitungsnachrichten melden, daß in Darmstadt in den evangel. Kirchen am letzten Sonntag Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin aus dem Kirchengebet weg­gelassen worden fei. Diese Nachricht ist, wie es nach der ganzen Sachlage selbstverständlich erscheint, nicht richtig, wie denn auch Großh. Oberkonsistorium an den bestehenden Vorschriften nichts geändert hat. Wo Ihrer Königs. Hoheit

gelangt, und der Besucher to-irb gewiß mit freudiger Ueber- raschung gesehen haben, was mit nur geringen Mitteln und wesentlich durch die Opferfreudigkeit der Einwohner aus Stadt und Provinz geschaffen worden ist. Möge auch in Zukunft dieses Interesse für die Sammlungen bleiben, dann wird das Museum des Oberhessischen Geschichts-Ver­eins weiter blühen und gedeihen, und sich zu einem be­achtenswerten Provinzialmuseum ausbauen können. Kr.

*

In die letzten Artikel über das Museum haben sich einige Druckfehler eingeschlichen. So muß es in Nr. 273 stattSpinnwickel" und in Nr. 274 stattSpinnwirbel" Spinnwirtel", in Nr. 274 stattSteinteile",Steinbeile" und statt 400 v. Ehr. 100 v. Ehr.400 v. Ehr. bis 100 n. Ehr.", ebenso in Nr. 274 und 275 stattLa Tene La Töne und in Nr. 275 stattZelte"Kelte" und statt Heldring"Halsring" heißen.

Gießener StadttlMer.

Leontinens Ehemänner.

Schwank von Alfred Capus.

Am Mittwoch Abend kam im hiesigen Stadttheater zum ersten Male ein Schwant von Alfred Capus, betiteltLeon­tinens Ehemänner", zur Aufführung. Das Stück, da§ für Gießen Novität ist, hat im Berliner Residenztheater schon über hundert Aufführungen erlebt. Der Erfolg, den das Stück hier hatte, war recht mäßig. Es leistet wohl das

höchste an Frivolität, was in einem Stück überhaupt geleistet werden kann, wenn es nicht von der Zensur gestrichen werden soll. Die Handlung ist flau, das ganze Stück voll von Un­wahrscheinlichkeiten.

Der Inhalt ist kurz folgender: Adolf Dubois, der erste Gatte Leontinens, hat sich wegen der allzu großenNächsten­liebe" seiner Frau von ihr scheiden lassen. Nachdem sie sich mit ihrem Liebhaber, einem reichen Getreidehändler, entzweit hat, gerät sie in Geldverlegenheit. Sie wendet sich an ihren früheren Gatten, der, als guter Kerl, sie unterstützt. Da sie mit ihrem Gelde nicht ausreicht, wird ihre Einrichtung ver­kauft, sie verliert ihre Wohnung. Was ist nun natürlicher, als daß sie zu ihrem früheren Gatten geht und ihn bittet, sie bei sich auf einige Zeit aufzunehmen. Er ist ja ein guter Kerl und so tritt er ihr feine Wohnung ab. In feiner Ver­zweiflung, wie er sich von ihr befreien soll, wendet er sich an seinen Freund, den Abg. Plantin, der ihm eine Stellung als Polizeikommissar in der Provinz verschafft. Dubois reist ab und Leontine verliebt sich in den Professor Grimard, weil er sich am ersten Abend ihrer Bekanntschaft so geistvoll mit ihr überkünstlichen Dünger" unterhalten hat, und heiratet seinen Freund, den reichen Baron de la Jambisre. Eine sehr aristokratisch ernpsindende Tante be5 Barons, die Leontine nicht kennt, will den Professor konsultieren, und kommt gerade dazu, wie er eine Dame, Leontine, auf dem Schoße hält und liebkost. Sie ist höchlichst entrüstet, daß er bei einer solchen Gelegen­heit nicht die Thür seines Zimmers verschlossen hat, erzählt c5 dem Baron, der aus ihrer Beschreibung ferne Frau erkennt. Es. giebt einen , kleinen Krach. . Der^ Baron will, sich jcheiden

lassen und läßt die Polizei holen. Es erscheint der Polizei- korninissär Dubois! Er findet zu seiner Bestürzung seine frühere Frau wieder. Dubois, in der größten Angst, daß sie ihn nach vollzogener Scheidung vielleicht wieder beglücken könne, nimmt den Baron zur Seite, stellt ihm vor, daß die Sache doch eigentlich nicht so schlimm sei, bringt den Baron dahin, daß er, ein nicht minder guter Kerl als Dubois, seiner Frau verzeiht. Noch weiß der Baron nicht, daß Dubois der erste Mann seiner Frau war. Er bittet ihn aus Freude, daß dieser ihni seinFamilienglück" gerettet, der Freund seines Hauses zu werden. Die Tante deckt das Verhältnis des Kommissars zu Leontine auf. Es folgt wieder ein kleiner Krach, aber da der Baron ja ein guter Kerl ist, folgt auch wieder Versöhnung. Schließlich löst sich alles in Wohlgefallen auf. Zwischendurch bat Dubois einer Cousine des Barons das Leben gerettet und heiratet sie, sodaß schließlich auch er glücklich oerforgt ist.

Die Rollen wurden durchweg gut gegeben. Herr Ram * fei)er als Dubois und Frl. Hohenfels als Leontine boten brillante Leistungen. Der Baron de la Chamiöre wurde von Herrn Schneider recht wirksam dargestellt. Lebhafter Bei­fall belohnte die Darsteller für ihre Mühe. N. N.

Berlin, 21. Nov. Der badische Kammersänger Pro» fessor Eduard Feßler ist heute Mittag gestorben.

Berlin, 21. Nov. Den Abendblättern zufolge erteilte der Kaiser dem preisgekrönten Entwürfe des Bildhauers Eberlein für ein Berliner Richard Wagner-Denkmal die Zustimmung zur Ausführung.