Kolorrialpost.
Aus unferen afrikanischen Kolonieen. Vom Gouverneur Deutsch-Ostafrikas, dem Major Goetzen, find schon, wie verlautet, ziemlich umfangreiche Berichte eingegangen. Sie bestätigen das, was schon aus seinem Rundschreiben bei Uebernahme seines Amtes hervorging, nämlich, daß der neue Gouverneur namentlich die wirtschaftliche Entwickelung des Schutzgebietes im Auge hat. Schwierigkeiten scheinen die Finanzen zu machen; schon seit einer Reihe von Jahren war es eine ständige Klage der aufeinanderfolgenden Gouverneure, baß die bereitstehenden Mittel nicht ausreichten, um diejenigen Neuerungen durchzuführen, welche für wirtschaftliche Fortschritte notwendig erklärt wurden. Jeder neue Gouverneur ist außerdem noch dadurch beschränkt, daß verschiedene schon vorher begonnene Maßnahmen durchgeführt werden müssen und somit ein Teil der Mittel schon feftgelegt war. In der Finanzverwaltung OstafrikaS ist neuerdings insofern eine wichtige Aenderung eingetreten, als ein Fachmann im Etatsund Kassenwesen an die Spitze gestellt worden ist. Vorher waren meist VerwaltungSbeamte mit der Leitung des Finanz wesens betraut. Durch die fachmännische Aufstellung des Etats wird eine bessere Uebersicht erlangt, die natürlich auch die gesamte Verwaltung erleichtert. — Major v. Estorfs, der zum Stellvertreter des Gouverneurs ernannt war und das Kommando über die Schutztruppe hatte, ist dem Ver- nehmen nach sofort nach der Ankunft des Gouverneurs Grafen v. Goetzen von Dar-eS-Salaam abgereist und hat sich über Capstadt auf seinen neuen Posten nach Südwestafrika begeben, wo er schon früher fünf Jahre der Schutztruppe angehörte. Nach seiner Ankunft in Windhoek wird Oberstleutnant Müller, der einen Urlaub erhalten hat, die Reise in die Heimat machen. Vermutlich wird er nicht wieder nach Südwest-Afrika zurückkehren, da es nicht wahrscheinlich ist, daß neben dem Gouverneur Oberstleutnant Leutwein noch zwei Stabsoffiziere bei der Schutztruppe bleiben. — Der Sitz der Zentralverwaltung des Schutzgebiets Kamerun ist am 1. April d. I. von der Stadt Kamerun (jetzt Duals) nach der Station Buea verlegt worden. Buea liegt etwa 1000 Meter hoch am großen Kamerunberg und hat außerordentlich günstige gesundheitliche Verhältniffe. Die Stadt Kamerun (Duala), die immer noch der bedeutendste Handelsplatz des Schutzgebiets ist, bleibt der Sitz eines Bezirksamts.
Aus Stadt und Land.
Sieben, 22. Mai 1901.
Zu dem Entwurf einer Gesetzes über die ärztlichen Ehrengerichte wird uns von ärztlicher Seite geschrieben: Durch das Gesetz würde dem in einer unzweifelhaften Notlage befindlichen Stand der Aerzte nicht unwesentlich gedient werden. Sünden der Regierungen Deutschlands gegen den Aerzteftand giebt es gar manche. So viel ich aus meiner praktischen Thätigkeit und aus meiner Bekanntschaft mit Kollegen die Ansichten der Aerzte über die Notwendigkeit de« Erlasses eines Gesetzes über Ehrengerichte beurteilen kann, glaubt man, daß eS wohl wünschenswert sei, mit Hilfe dieses Gesetzes fortwährend unkollegial und unwürdig sich gerierende Aerzte in die Schranken zu weisen. Man hat aber auch die Ansicht, daß Unkollegialität und unlauterer Wettbewerb in sehr vielen Fällen bitterer Not entspringen und daß, wenn der Staat mehr thun würde zur Verbesserung der Lage der Aerzte, anstatt noch weiter an der Verschlechterung derselben zu arbeiten (vgl. einseitiges Zulassen der Realgymnasialabiturienten zum Studium der Medizin), viel weniger derartige Auswüchse gezeitigt würden. Die Hebung der materiellen Lage der Aerzte ist zunächst notwendig. Wer gut situiert ist, dem fällt es leichter, sich korrekt gegen die Kollegen zu benehmen, als dem schwer um'S tägliche Brot Ringenden. Deshalb find die Ehrengerichte, ohne daß deren segensreiche Wirkung verkannt werden soll, erst in zweiter Linie notwendig. Diele Aerzte fürchten auch, sich mit dem Gesetz über die Ehrengerichte nur neue Pflichten aufzubürden, ohne besondere Rechte einzutauschen. Der Staat hat bereits ohnehin genug Pflichten den Aerzten zuerteilt (Anzeigepflicht bei ansteckenden Krankheiten, Mitwirkung bei der Statistik und Mitwirkung bei der Ausführung der modernen sozialen Gesetze), während die Rechte der Aerzte eigentlich nur darin bestehen, daß sie die Wahl zum Schöffen- und Geschworenenamt ablehnen könnten. Eine ganz objektive Mitteilung der Stimmen aus dem ärztlichen Lager kann also den Gesetzentwurf zwar wohlwollend kritisieren, darf aber doch den Umstand nicht verhehlen, daß die Regierungen mit dem Erlaß von Gesetzen über ärztliche Ehrengerichte — auch Sachsen, Bayern und Preußen haben solche erlassen — vorläufig einmal das „billigste" gewählt haben von den Mitteln, die ihnen zur Hebung des Aerztestandes und zu Geschenken an denselben zur Verfügung standen.
** Jubilä um. Sein 40jähriges Dienstjubi- käum feierte gestern der Schichtmeister und Kassierer der Gießener Braunsteinbergwerke, Herr Louis Dauernhei m. Er erfreut sich bei seinen Kollegen allgemeiner Beliebtheit und seine Vorgesetzten zollen ihm wegen seines Pflichteifers und seiner Treue die größte Achtung. Seiner Schlichtheit ist es zuzuschreiben, daß das Jubiläum erst ”n $re^e seiner Familie und der Beamten plötz- nry.bekannt geworden ist. Die Bureau- und Grubenbeamten haben es sich nicht nehmen lassen, ihre Sympathie dem Jubilar durch ^ine Adresse nebst einem Sessel, in dem er ]eine freien stunden verbringen möge, Ausdruck zu ver- »eihen. ^er zurzeit abwesende Direktor des Werks sandte ein prachtvolles Geschenk, und der frühere Chef des Jubilars ein größeres Geldgeschenk.
~ o u.L o tternjahr scheint bevorzustehen.
Aus allen Teilen Mitteleuropas, besonders aus dem Alpengebiet, wird berichtet, daß man niemals so viele dieser ae- jährlichen Schlangen beobachtet habe.
** Münzprägung. In den deutschen Münzstätten find im Laufe des April für 1021920 Mk. Toppclkronen und für 3 686 940 Mk. Kronen, beide Beträge aus Privatrechnung, für 472500 Mk. silberne Fünfmarkstücke, für 2259996 Mk. Zweimarkstücke und für 6 809.99 Mk. Ein-- Pfennigstücke geprägt worden.
Marburg, 21. Mai. Ter außerordentliche Professor der deutschen Philologie an der Universität Dr. Eugen Joseph, der am 17. d. M. seinem Leben ein Ende machte, war 1854 zu Stargard geboren und ein ^Hiller Wilhelm Sjcherers, nach dessen peinlich exakter Methode er sein betrieb. 1885 *rst promovierte Joseph nach einer langen Studienzeit bei der Straßburger philosophischen Fakultät auf Grund der Dissertation „Konrads von Würzburg Klage der Kunst", worin er in mustergiltiger Analyse und Stiluntersuchung das bezweifelte Gedicht endgiltig dem Würzburger zuschreibt, und den gereinigten Text mit Anmerkungen herausgiebt.' Zwei Jahre später habilitierte er sich an der Straßburger Universität, und zwölf lange Jahre wirkte er dort als Privatdozent. Während er das Gesamtgebiet seiner Wissenschaft, Linguistik sowohl als neuere Litteraturgeschichte, auf dem Katheder vertrat, blieb feine Schriftstellerei fortdauernd der alt- und mittelhochdeutschen Sprach»- und Litteraturgeschichte zugewandt. Ausnahmen bilden nur seine, allerdings auch dahin zurückgreifenden, schönen Volkslied- und Kunstlyrik-Untersuchungen „Tas Heidenröslein", seine kritische Ausgabe von Wilhelm Meisters Wanderjahren (1894—1901) und seine Rede „Goethe und Lilli" (1899) in den „Straßburger Goethevorträgen". 1890 besorgte Joseph die 2. Auflage von Moritz Haupts Ausgabe des Engelhard fron Konrad von Würzburg. Anknüpfend an die Bahn brechenden „Deutschen Studien" Scherers griff er sodann in eine der brennendsten Fragen unserer heutigen Germanistik ein, die Anfänge des deutschen Minnesangs. In diesen Forschungen, „die Frühzeit des deutschen Minnesangs. I. Die Lieder des .Kurenbergers" bewährt er wiederum die geschickteste Arbeitsweise. Bei einem so heiklen Thema konnte natürlich fachmännischer Widerspruch gegen seine Resultate nicht ausbleiben. Von den 15 Strophen, welche sich in der großen Heidelberger Liederhandschrift unter dem Namen des von Kürenberg überliefert finden, läßt er dem auf die Zeit um 1180 festgelegten Dickster nur sechs, rekonstruierte, Wechsellieder. Von seinen zahlreichen Zeitschriftenbeiträgen und Rezensionen feien folgende Abhandlungen erwähnt: „Zwei Vers- versetzungen im Beowulf" „Ter Dialog des alten Hilde- brandslieds", über das Gedicht „De Heinrico" und „Diiej Komposition des Muszilli". Im vorigen Jahre folgte Joseph einem Ruf auf die y^rch Albert Kösters Weggang nach Leipzig erledigte außerordentliche Professur der neueren deutschen Litteraturgeschichte an der Universität Marburg.
Kassel, 21. Mai. Am 18. und 19. Mai fand, wie wir bereits kurz mitteilten, anläßlich der Eröffnung dey „Alldeutschen und Marine-Ausstellung" eine Ausschuß- uüd Vorstands-Sitzung des Alldeutschen Verbandes statt. Ter Verband hat seit 1. Januar 689 neue Mitglieder gewonnen, sodaß die Gesamtzahl der Mitglieder gegenwärtig 22 424 beträgt; die Zahl der Ortsgruppen ist von 201 auf 215 gestiegen. Die Summe der vom Verbände eingeleiteten Sammlung für die Opfer des Burenkrieges leläuft ficfji auf 307 921 Mk. Hiervon sind bisher verbraucht worden 181277 Mk., die durch die Vertrauensi- männer des Alldeutschen Verbandes insbesondere in Johannesburg und Kapstadt zur Linderung der Not unter den Frauen und Kindern verwendet wurden. Desgleichen wur- >en die Gefangenen in St. Helena, Ceylon und Portugal unterstützt. Für die aus Transvaal ausgewiesenen Deutschen wurden im ganzen 18414 Mk. ausgegeben. Aus- chließlich der Alldeutsche Verband hat sich dieser Notleidenden angenommen, die sonst direkt vor dem Verhungern gestanden hätten, da ja auch heute noch die Aussicht auf Flüssigmachung der Entschädigungsgelder seitens der englischen Regierung wohl mehr als unsicher bezeichnet werden muß. Ein Teil dieser Ausgewiesenen wurde auf Kosten des Verbandes nach Südbrasilien beordert, um sich! dort in den deutschen Ansiedlungen niederzulassen. — Ferner wurde darauf hingewiesen, daß insbesondere eine wirffchaftliche Unterstützung des Deutschtums in Oesterreich motwendig fei, und hierbei die Unterstützung der Volksbanken in Oesterreich« durch die Verbandsmitglieder empfohlen. In der Vorstandssitzung wurden dem Vorstande des Alldeuffchen Verbandes folgende; Herren zugewählt: Landrichter Dr. Neumann in Lübeck; Oberlehrer H. Pohl in Mülheim (Ruhr); Kreisamtmann Dr. Merck in Mainz; Kunsthistoriker Karl Ernst, Osthaus in Hagen i. W.; Redakteur Schrempf in Stuttgart, Reichstagsabgeordneter (nationalliberal); Schriftsteller und Oberleutnant cl D. Liebermann von Sonnenberg in Groß-Lichterfelde bei Berlin, Reichstagsabgeordneter (Res. Partei).
Die Stadtkirche zu Friedberg.
e. Friedberg, 21. Mai 1901.
Am 26. Juni findet die feierliche Einweihung der renovierten evangelischen Stadtkirche in Gegenwart des Gr o ß her zo g s, der Geistlichkeit und der Behörden statt. Die Kirche ist 1260 bis 1410 gleich nach der St. Elisabethenkirche in Marburg (1255—1283) und nach deren Vorbild erbaut worden. Da wo in Friedberg die im frühgotischen Stile erbaute Kirche steht, stand ffüher eine romanische Kirche oder eine Basilika. Am 7. April 1896 begannen die Renovationsarbeiten; für die gesamte Bauleitung hatte man den Architekten Hubert Kratz gewonnen, der mit großem Verständnis und vollständig im Sinne des ersten Baumeisters, dessen Name übrigens nicht bekannt ist, die schwierigen Arbeiten ausführte. Die Kirche zeigte schon in den Jahren 1821—24 im Chor an den Mauern Risse und Senkungen. Man reparierte, ebenso 1842—45, aber alles half nichts, da man die wahre Ursache des Verfalls der Kirche nicht erkannte. Schon 1886 sagte in einem Gutachten Professor Schmidt-München, daß allein ein Umbau der Ostseite die Kirche vor dem Zusammenstürzen retten könne. Aus Pietät wollte man so gewaltige Reparaturen nicht treffen, auch fehlten die nötigen Mittel. Es wurde also 1896 mit Verbesserungen an dem Dache und an den Mauern angefangen. Bei diesen Arbeiten aber sah Archi-i tekt Kratz, daß alle Schäden an dem l>errlichen Gebäude nur durch die schlechte Fundamentierung gekommen waren. Der Bauplan wurde nun verlassen und man schritt zum vollständigen Umbau der ganzen ösllichen Seite der Kirche. Bei der Fundamentaufdeckung fand man ein unverantwortlich schlechtes Material, das zuweilen ohne Lager einfach in den Lehmboden gebettet war. Tie Fundamentbreite entsprach oft knapp der Sockelkante, ja es war vermutlich stellenweise den Leuten die Kenntnis, wo das Fundament lag, verloren gegangen. Auch das ausgehende Mauerwerk entbehrte des verbandfähigen Materials und des binde- Mhigeii Mörtels. Tie tragenden Architekturteile waren ohne
Verband in sich und mit dem Mauerwerk; es wurde also auch schon vor 800 Jahren gepfuscht. Bei den Renovationsarbeiten fand man wertvolle Deckenmalereien, man legte die alte Kirche frei und hat überhaupt oll die herrlichen Bausteine mit Bildhauerarbeiten sorgfältig wieder an die alte Stelle gefetzt.
Ganz Friedberg rüstet sich zur feierlichen Einweihung der rekonstruierten Kirche und ist stolz auf dieses Bauwerk, das bei jedem Beschauer den Eindruck des Gewaltigen her- vorruft. Ist die Burg Friedberg mit ihren Türmen, ihren charakteristischen Bauten und mächtigen Mauern ein sckchnes, eigenartiges und ein Stück wahrhaft deutscher Vergangenheit widerspiegelndes Bild, so ist die Stadtkirche, die mit ihren mächtigen Baumassen die Stadt überragt, die Krone der Stadt, ein Wahrzeichen nicht nur der Frömmigkeit, sondern auch der Tüchtigkeit und des Fleißeß der einstigen Bewohner Friedbergs. Gaben zur Zeit ihrer Erbauung die Friedberger freudig ihren Verdienst hin, wohnten sie gern eng und beschränkt, wenn nur das Gotteshaus recht groß und gewaltig hinaus in die Lande ragte, so hat auch jetzt sich dieser Opfersinn wieder gezeigt. Die umfangreichen Wiederherstellungsarbeiten haben 640 000 Mk. gekostet, die Großh. Regierung gab dazu einen Staatszufchuß von 200 000 Mk., die 440 000 Mk. aber schaffte der Friedberger Stadtkirchenbauverein herbei. Man sieht daraus, was geleistet werden kann, wenn arbeitsfrohe, kunstsinnige und energische Männer an der Spitze einer Bewegung stehen.
Vermischtes.
* Berlin, 21. Mai. Zur Feier des 50jährigen Bestehens der Berliner Feuerwehr fand General- Appell auf dem festlich geschmückten Exerzierhofe der Hauvi- feuerwache statt. Anwesend waren Prinz Friedrich Heinrich, die Minister v. Rheinbaben, v. Hawmerstein, Studt, v. Pod- .bielsky, Oberpräfident v. Bethmann Hollweg, Oberbürgermeister Kirschner und zahlreiche geladene Gäste. Beim Eintreffen des Prinzen präsentierte die in Parade aufgestellte Feuerwehr, die Musik spielte die Nationalhymne. Nach der Festrede des Garnisonpfarrers GoenS verlas Minister v. Hammersteiu eine KabinetSordre, worin der Kaiser der Feuerwehr zum heutigen Ehrentage seinen Gruß entbietet, und bedauert, der Feier nicht persönlich beiwohnen zu können Der Rückblick auf Die verflossenen 50 Jahre weise einerseits eine ununterbrochene schwere Arbeit auf, liefere aber anderseits ein ruhmvolles Zeugnis aufopferungsvoller Treue, wodurch sich die Mannschaft unter Leitung bewährter Offiziere allezeit auSzeichneten. Die KabinetSordre betont weiter, daß die Berliner Feuerwehr mustergiltig nicht nur für die Feuerwehren des engeren Vaterlandes, sondern fast aller Länder Europas geworden sei, infolge ihrer ausgezeichneten Leistungen und ihres vortrefflichen Verhaltens sich des besonderen Schutzes der Kaiserin Augusta und der jetzigen Protektoration der Kaiserin Auguste Viktoria erfreute, und schließt mit dem Wunsche, daß der vortreffliche Geist, der bisher die Offiziere und Mannschaften beseelte, auch fernerhin fortleben möge, damit sie tüchtig bleiben und ihrer Aufgabe, zum Wohle Berlins und deffen Einwohner gerecht werden. Der Minister sprach sodann persönlich seinen Glückwunsch aus, und betonte, es sei ihm eine besondere Freude, als eine seiner elften Diensthandlungen an der Feier teilzunehmen. Hierauf gab Polizeipräsident v. Windheim die vom Kaiser verliehenen AuS- zeichnungen bekannt und schloß mit einem Hoch ans den Kaiser und die Kaiserin. Letztere übersandte 1000 Mk. für die Königin Augusta-Stiftung.
• Tilsit, 21.Mai. Einen gänzlich unerwarteten Ausgang wird voraussichtlich die Anklage wegen Ermordung des 85jährigen Dr. Heydenreich durch den Tapezierer Former aus Insterburg nehmen. Der Angeklagte ist des vollendeten Raubmordes geständig, man erwartete deshalb, daß er noch in der vorgestern zum Abschluß gelangten zweiten diesjährigen SchwurgerichtSsesfiou in Tilsit zur Aburteilung gelangen würde. Weshalb dies nicht geschehen, verlautet jetzt. Dr. Heydenreich ist an einem Herzschlage gestorben, wie die Sektion der Leiche ergeben hat, der Mörder hat seine Bestialität wahrscheinlich an einem bereite Toten a uSgelassen, den er aber noch für lebend hielt, und den er selbst durch Erwürgen und einen nicht tiefgehenden Messerstich getötet zu haben glaubt. Für dieses Verbrechen den einschlägigen Strafgesetzbuch-Paragraphen zu finden, dürste nicht ganz leicht sein; hinzu tritt das vollendete Verbrechen des schweren Diebstahls.
* Konstantinopel, 21. Mai. Jrn hiesigen Arsenal meuterten mehrere hundert Seeleute, bie, nachdem sie ihre achtjährige Dienstzeit abgeleistet hatten, Urlaub verlangten. Die Meuterer richteten im Arsenal einigen Schade« an. Der Adjutant des Sultans begab sich alsbald ins Ar- fenal. ES gelang ihm, die Unzufriedenen zu besänftigen und die Ruhe wieder herzufiellen. Das Gerücht, daß eine Anzahl Meuterer von den Truppen verwundet wurde, ist unrichtig.
* „Weil der Ceasor verreist ist", können in der Stadt Borgä in Finnland seit einigen Tagen keine Zeitungen erscheinen. (Die Herren Kollegen in Borg« haben'S aber gut! Anm. d. Red.)
• Junge und alte Brautleute. Alte Herren wählen in der Regel eine auch dem Lebensalter nach „junge Frau"; die AlterS-Differenz der Neuvermählten ist aber oft eine recht beträchtliche. Die Fälle, daß die Frau um 30 Jahre und darüber jünger ist, zählen nicht zu deu Seltenheiten. Unter den zirka 2000 Eheschließungen des JahreS 1899 befanden sich nach den Ermittelungen des Statistischen Amtes der Stadt Berlin nicht weniger als 102 Paare, von denen die Ehemänner im Alter von 45 bis 75 Jahren ftanben, während ihre besseren Hälften 25, ja 30 und mehr Lenze weniger zählen. Unter den Heiratslustigen desselben Jahrganges fanden sich vier Greise im Alter von 75 und mehr Jahren, das biblische Alter von 70 Jahren hatte außer ihnen schon ein Dutzend erreicht, und 34 würdige Männer waren nahe daran. Rund 4000 Männer wählten sich eine 5 bis 10 Jahre jüngere Lebensgefährtin, und in 8572 Fällen war die Braut nur wenige Jahre jünger als der Mann. Der umgekehrte Fall, daß die Frau älter ist als der


