Nr. 46 Zweites Blatt
Samstag 23. Februar 1901
Urdiktion, Expedition und
Druckerei- Schulstraße 7.
151. Jahrgang
Der Antrag Gröber wird angenommen werden, und der Bundesrat hat heut- mehr Anlaß als je, des Satzes zu ge deuten, daß eine Liebe der ander» wert ist. Da der BundeSrat überdies durchweg aus höchstbesoldeten Beamten besteht, die »benein, wenn sie nicht in Berlin ihren Amtssitz haben, be, ihrem Berliner Aufenthalt noch die höchsten Tagegelder be ; ziehen, so ist es nur eine Pflicht der Höflichkeit des einen Hauses gegen das albere, den oft ausgesprochene» Wunsch »ach Diäten endlich zi erfüllen.
Telegramme deS Gießener Anzeigers.
Loidoi, 22. Febr. Kitchener meldet aus Kerksdorp: MethuenS Abteilung ist hier eivmarfchiert, nachdem das Land über Wolmaraifiad hinaus aufgeklärt worden ist. Bei
Anwefenheitsgelder für die Reichstags- Mitglieder.
Immer langsam voran! Am 30. März 1867 nahm her norddeutsche Reichstag einen Antrag Weber und v. Thünen a«, wonach seine Mitglieder aus der BundeSkasse Reisekosten ind Dtäten nach Maßgabe deS Gesetzes erhalten und bis zvr Verkündigung diese» Gesetzes das Bande-Präsidium die Höhe der Entschädigung festsetzen sollte. Zu der Mehrheit gehörten Männer wie Bennigsen, Twesten, Simson, Graf Schwerin Putzar und zwei heutige preußische Minister, v. M'quel und v. Hammerstein. Der Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums vollendete am 21. d. M. sein 73 L.benSjahr. Es scheint, als solle er gegen das Ende seiner langen parlamentarischen Laufbahn helfen, den Wunsch zu verwirklichen, den er und feine Freunde schon vor 34 Jahren ausgesprochen haben.
34 Jahre hat die Volksvertretung gebraucht, um ein vatürl ches Verlangen zur Anerkennung zu bringen. In ge- mestenen Zwischenräumen wurde der Diätenantrag eingebrachi u»4 angenommen; aber immer erfolgte die Antwort der R - gierung: Non poasumus. Der Widerspruch war erklär! ch wenn auch nicht berechtigt, so lange man noch Grund hatte, in der Diätenlofigkeit ein Gegengewicht gegen das noch nicht erprobte allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht zu sehen. Diese Bedeutung hat die Diätenlofigkeit längst verloren. Sie ist offenbar keinerlei Hindernis für die Wahl sozmldemokraiischer Kandidaten, die ihre Aufenthaltskosten und Entschävigungen aus der immer leistungsfähigen Partei, kaffe beziehen. Aber sie führt die bürgerlichen Parteien in wachsende Bedrängnis.
Unser R ichsragsvertreter, der Bürgermeister Köhler aus Langsdorf, hat neulich öffentlich erklärt, daß es ihm unmöglich sei, an den ReichStagSverhandlungen teilzunehmen; ferne Berdältniffe gestatteten ,hm nicht den Aufenthalt in ©edin. Als Prof. Wimmenauer darauf einwarf, daß er! das Reichstagsmandant unter diesen Umständen nicht hätte annehmen dürfen, soll Köhler, von feinem Standpunkte aus ganz >ich"g. .erwivert haben, er halte es für die Bevölkerung deS Kreises Gießen für wertvoller, daß er als Inhaber des Mandats dem Reichstage fernbleibe, als wenn em Gießener Vertreter von anderer politischer R'chtung an den Verhand lungen in Berlin teilnehme. Gegen die Logik dieser Be meikung wird man nichts anderes einzuwenden haben als daß durch den schlechten Besuch der ReichStagSfitzungen und die daraus folgende häufige Beschlußunfähigkeit die Arbeiten des Reichstags wesentlich erschwert und verzögert werden. Daß auf diese Weise aber die Wünsche auch der Mehrheit der Wähler nicht Berücksichtigung finden, leuchtet ohne weitere- ein. So lange es also keine ReichStagSdiäten giebt, thun die Wähler, wenn sie gehört werden wollen, klug, bei der Auswahl ihrer Kandidaten auch dieses zu überlegen'
Von Jahr zu Jahr ist der anfangs sehr thatkräflige Kampf der Rechten gegen die Diäten schwächer geworden Schon im Jahre 1895 ist die Diätenlofigkeit in einer Flugschrift deS freikonseroativen Abg. Schröder verurteilt worden Vor Jahr und Tag hat der Abg. v. Kardmff zugestanden daß ein Teil seiner Partei die Anwesenheitsgelder für nötig halte. Am Mittwoch mußte der konservative Abg. Rettich dieselbe Erklärung für einen Teil seiner Parteifreunde ab geben. So hat sich allgemach auch die Mehrheit der früheren Diätengegner bekehrt und dasselbe wird von der Regierung berichtet. Wird der von H^rrn Gröber eingebrachte Gesetz entwurf angenommen, so wird ihm, wie versichert wird, der BundeSrat die Zustimmung nicht versagen. Es liegt Grund SU der Annahme vor, daß schon Fürst Hohenlohe der Be willigung der Diäten nicht abgeneigt war.
H>er oder dort wird freilich immer noch diese Reform als „schwerer politischer Fehler- angesehen. Auch der Zweck, ein dauernd beschlußfähiges Haus zu haben, werde nicht er reidjt werden. Wo das Pflichtgefühl nicht vorhanden ist, sei es vergeblich, sich des Zwanzigmarkstücks als Einpeitschers zu bedienen. Der bei weitem größte Teil der Mitglieder! bedürfe der Anwesenheitsgelder nicht, und nur der Sozial demokratie würden sie frommen. Aber daß die Sozialdemo Kräfte ihrer am wenigsten benötigt, lehrt der Augenschein. Zwingend ist die Rücksicht auf diejenigen Personen, die ohne Diäten nicht im stände sind, ein Mandat anzunehmen oder I regelmäßig auszuüben.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Di« Gießener Kamillen- blätter werden dem Anzeiger im Wechiet mü„Hess. Landnnrl" und „Blätier für Hess Volkskunde" viermal wöchenillch be,gelegt.
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Im südöstlichen Transvaal scheint ein Teil von BothaS Streitmacht durch das von General French gespannte Netz durchgebrocheu zu sein. Die Hauptabteilung mit bei flüchtigen Familien soll 5000 Köpfe zählen. Nach einer -Daily Chronicle" Meloung hat der deutsche Konsul in King Williamstown erfreulichen Einspruch gegen de» Aufruf erhoben, den der frühere Bautenminister der Kap- koloni, Schermbrücker, zur Bildung eines deutschen BerteidigungSkorpS veröffentlicht hat. Schermb-ücker erklärte dagegen, fein Aufruf richte sich nur an britische llnterthanen deutscher Abstammung, die im Bezirk ^iaffraria von weiland der deutschen Legion im Krimkriege her dort angefiedelt seien, — was allerdings den Thassuchei entspricht. ES ist aber ohne weiteres arzunehmeu, daß die Bemühungen des Herrn mit dem guten deutschen Name» Schermbrücker vergeblich fein werden.
P. Unter de» Titel „Patriotismus in England" efen wir in der neuen englischen Monatsschrift „The English World" (Verlag von B. G. Teubner in Leipzig) einen kurzen Artikel, in dem erzählt wird, daß in Islington, einem Stadtteil von London, nicht weniger als 140 Kn der, Die während des Jahres 1900 das Licht der Welt erblickt gaben, durch ihre Taufnamen andeuten, wie stolz ihre Eltern rnf die kriegerischen Ereignisse ihres Geburtsjahres find. Dun jetzt ab glebt eS zahlreiche „Baden-Powell-SmithS" und „Baden'Powell-JohnS". In einigen Fällen ist der Name „Powell" allein ^gefügt, in anderen nur „Baden". Einem Knaben wurde der Name „Charles
James Mafeking" gegeben, ein anderer heißt „Reuben Pretoria", während 20 Mädchen den Namen „Pretoria" führen. In das Zaufregrfter von Islington find auch noch andere Namen eingetragen wie: „Harry RedverS Buller", „Nelly Ladysmith", „Diklorm Tugela", „John Glencoe", „Enest Colenso", „Robert RedverS Kipling", „John Roberts", „Robert Cecil" und „Viktor Roberts". Sin Vater, dessen Name „Rend" war, wählte noch hinzu: „Buller Kitchener". Ein anderer Familien- rnter wählte eine Zusammensetzung wie: Jack Baden- Powell Mafeking Philip James. Auch Hektor Macdonald findet seine begeisterten Verehrer, ebenso wird rür Lord Methuen geschwärmt. Einer nur von diesen Engländern hat sein Kind „Joubert" getauft, während auf Öen Namen „Krüger" bis jetzt noch keiner getauft ist.
L. dem preuß. Abgeordnetenhaufe wird uns unterm 21. Februar geschrieben:
■ - allgemeinen hält der Abg. Richter seine Mannen
in Disziplin; es kommt selten vor, daß in den Parla- I menten einer von ihnen dem Kommando des Führers I widerspricht. Heute aber geschah es im preußischen Abgeordnetenhaufe, daß der Berliner Abg. Schulz (freis. Vp.) Iim- äu Richter sich für den konservativen Antrag
laus Errichtung einer Handelskammer in Berlin aus sprach und die jetzige Vertretung, die „Aeltesten der | ^ausmannichast", gelassen als eine Vereinigung der Börsen- interefsenten obthat. Die Zusammensetzung des Aeltesten- J5?nnnlUan$ entspreche nicht den heutigen Bedürfnissen. 7.000 -’Jcit^heber einer Handelskammer seien sicherlich le^st^ugsfähiger als 2000 einer Korporation. Für die Aufrechterhaltung eines bestehenden Zustandes trat Namens emes kleinen Teils der Nationalliberalen Abg. v. Eynern ein. Der konservative Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen, und es ist zweifellos, daß die Reichshauptstadt in naher Zeit die von zahlreicheii Gewerbetreibenden gewünschte Handelskammer erhält. Das Aeltesten-Kollegium bekommt dann, wenn es sich nicht etwa auflöst, eine starke Konkurrenz, denn als die berufene Vertretung wird natürlich die an Mitgliedern ungleich reichere Handelskammer angesehen werden.
, Die Polen-Adressen-Frage zeitigt ein sonder- bares Nachspiel. Nährend die Verteidiger der national- polnischen Propaganda in Preußen es für eine unerhörte Zumutung erklären, daß von den preußischen Polen verlangt wird, sie sollen ihre Postadressen in deutscher Sprache schreiben, forderte der „Dziennik Cujawstt" in Jnowrazlaw
Politische Tagesschau.
Aus Marinekreisen schreibt man uns:
L Die vom Kaiser unterm 20. d. Mts. genehmigte Liste der Stellenbesetzungen in der Marine enthält u. a. die Ernennung des Lehrers an der Akademie in Kiel, Fregatten- rapitans H 0 e p n e r, zum Kommandeur der zu biloenden Schlffsiungen-Division. Es liegt also im Plane, die in Friedrichsort garnisonierende Schiffsjungen-Abteilung zur Division umzugestalten. Diese Maßregel erweist sich in der That als unumgänglich. Tenn während früher zwecks Ergänzung des Unteroffizierkorps der Marine höchstens 500 Zungen pro Jahr eingestellt wurden, stieg deren Zahl in letzter Zelt auf annähernd 1000, entsprechend der durch die Flottengesetze begründeten Vergrößerung des Schiffsparks. Das Institut der Schiffsjungen-Abteilung hat eine glänzende Entwickelung zu verzeichnen und seinen Zweck, verläßliche Stamm-Mannschaften für die Flotte heranzubilden, durchaus erfüllt. Das heldenmütige Verhalten der mit der „Gnessenau" verunglückten Jungen ist noch in frischer Er- innerung. Die Meldungen zum Eintritt in diese Marine- Abteilung sind jahraus, jahrein so zahlreich, daß viele Aspiranten abschlägig beschieden werden müssen. An Nachwuchs wird es also auch der Schiffsjungen-Division nicht fehlen.
Aus Berlin, 21. Febr., wird uns geschrieben:
I der Kanalkommission des preußischen Abgeordnetenhauses vergeht keine Sitzung, ohne daß bald dieser, bald jener Vertreter der Regierung, Minister oder Kommissar, sich erhebt zu der Bemerkung: Die Kanäle und die anderen wasserwirtschaftlichen Verbesserungen — Regulierungen der Spree, Oder und Havel usw. — bildeten ein untrennbares Ganze. Kein Mittellandkanal — keine „Kompensationen". Hat das Hauptprojekt „Zeit", dann be- I eilt sich die Regierung nicht mit den Nebenprojekten. Von diesen Erklärungen nehmen die Kanalgegner so kühl Kennt- nis, daß es fast aussieht, als lohne es ihnen nicht, den gegenteiligen Standpunkt zu rechtfertigen. Denn ein Zweifel ist nachgerade kaum möglich. Die Mehrheit des Abgeord- netenhauses, Konservative, Freikonservative und ein größerer
1 Der! des Zentrums pflückt sich aus dem dargereichten Bouquet die angenehm duftenden Blumen heraus und läßt
I a3er "Klatschrose" Mittellandkanal einfach liegen auf dem Tisch. Die Regierung kann noch von Glück sagen, so man ihr den Dortmund-Rheinkanal bewilligt. Die „Deutsche
1 Agrarkorrespondenz" nennt es kurzweg „bösartigen Trotz", wollte die Regierung die Ausführung der vom Parlament etwa zu beschließenden Nebenprojekte verweigern. Zur Abwechslung wird also die Regierung rauh angefahren — das ist die Quittung für die Maßregelung der Beamten, trotz nachträglicher Beförderung des Gekränkten ! Befürchtete die Regierung nicht ernstlich, daß die Mehrheit des Abgeordnetenhauses ihr den Schmerz anzuthun I gedenkt, den Mittellandkanal zu „vertagen" auf unbestimmte Zeit, so würde sie nicht immer wieder die Parole Alles oder Nichts in geneigte Erinnerung bringen. Ein taktischer Zug ist die Zurückhaltung, welche die Herren von der Regierung in der Kanalkommission bei der Empfehlung der „Nebenprojekte" an den Tag legen. Kein Wort von „Dringlichkeit", von der „Notwendigkeit" dieser Verbesserungen, damit nämlich, beim Fall des Mittellandkanals, tue Regierung auf solche Aeußerungen festgenagelt und ihr die Schuld zugeschoben wird, daß aus „bösartigem
- als Revanche für die Ablehnung des Hauptstücks, die Abstellung anerkannter Schäden unterbleibt. Wer weiß, ob nlcht nn letzten Akt des Schauspiels die Regierung sich stark überwindet und nimmt, was sie bekommen kann.
GichenerAmeiaer s w General-Anzeiger * --ZMZ
. . As-WC 9 XI "< • ufrtodr 16 20 Psg.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen ss
neulich in einem längeren Artikel die Einführung deH russischen Unterrichts in den gehobenen Schulen desOstens derMonarchie. Der „Dziennik Cujawski" ,hob hierbei hervor, daß das Verhältnis zwischen den Dolen und den Russen immer herzlicher werde. Dieses Verhältnis sei lediglich die Folge der hakatistischen Bestrebungen der preußischen Re-i gierung. Auch forderte der „Dziennik Cujawski" die pol^ nischen Abgeordneten auf, mit allen Kräften für die Einführung des Russischen in den preußischen Schulen einzutreten, wofür ihnen die Polen sehr banfbar sein würden. Thatsächlich neigen neuerdings, meint die „Köln. Volksztg.", viele preußische Polen ganz auffällig zu Rußland hin, wie ja auch die Warschauer polnische Presse seit kurzem die Maßnahmen der preußischen Regierung den Polen gegenüber in einer Weise kritisieren darf, die noch vor wenigen Jahren ganz undenkbar gewesen wäre. Man darf erwarten, daß bei der Beratung des Etats des preußischen Kultusministeriums diese polnischen Sprachenaspirationen in ihre wirkliche richtige Beleuchtung gesetzt werden.
Engländer und Buren.
De Wet befindet sich zurzeit westlich von Hopetown, Hopetown liegt runb 120 Km. nörblich von De Aar. Auf dem Marsche haben De Weis Scharen, die scheinbar toieber getrennt marschieren, Strybenburg (an bet Straße De ©ar* hopetown), sowie Vosburg und Houwater berührt. Sie befinden sich da schon in Gebieten, wo die Engländer nur durch die Schnelligkeit der Beine einen Erfolg erringen könnten, da es keine Eisenbahnen giebt, und darin sind ihnen die Buren bekanntlich weit überlegen. Die Aussichtslosigkeit einer weiteren Verfolgung hat Kitchener dadurch selbst zu* gegeben, daß er von De Aar nach Pretoria zurückgekehrt ist. Dabei ist er, wie gemeldet, zwischen ©creeniging und JohaneS* bürg beinahe einer lauernden Burenschar in die Hände gefallen, und eS schien sehr, als wollte sich das alte Wort bewahrheiten: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst b nen." Nur dem Umstände, daß ein Vorzug vorauffuhr, übet den die Buren herfielen, verdankt er feine Rettung. So konnte er durch den Panzerwagen seines nachfolgenden Zuges die plündernden Buren von der Arbeit verscheuchen. Er scheint inbeffei einen Teil seines Gepäckes emgebüßt za haben.


