Ausgabe 
23.2.1901 Erstes Blatt
 
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perverser sexueller Neigungen, die nach dem Kommisions- vorschlag als zur Erörterung im Plenum nicht geeignet erachtet werden sollte, wird behufs anderwerter Bericht­erstattung an die Kommission zurückverwiesen.

Nächste Sitzung: Montag 1 Uhr. Strandungsordnung und Wahlprüfungen.

Parlamentarisches aus Hessen.

Die Abgg. Dr. Schmitt und Genossen beantragen, die Zweite Kammer wolle beschließen: die Regierung um eine Gesetzesvorlage zu ersuchen, durch welche die Volks - schullehrer in der Berechnung der Dienstzeit den Zivilbeamten insofern gleichgestellt werden, daß auch den früher pensionierten Volksschullehrern im Falle ihrer Wiederanstellung die Pensionszeit ebenso an-, gerechnet wird, wie den übrigen Beamten.

Die Regierung legt einen Gesetzentwurf vor, die Er- qänzuna der Bestimmungen über die Bildung der Schul­vorstände betreffend. Dem Gesetz, das Volksschulwesen betreffend, soll als Artikel 69 a folgende Bestimmung ber- aefügt werden: Außer den in der Gemeinde angestellten Geistlichen treten dem Schulvorstand einer gemeinsamen Schule diejenigen Personen bei, welche auf Grund der be­stehenden Bestimmungen zu den Verrichtungen eines Geist­lichen oder Religionslehrers für eine Religionsgemeinschaft zugelassen worden sind. Der Beitritt erfolgt auf Beschluß der Gemeindevertretung und setzt voraus, daß in fcer gemeinsamen Schule Kinder von Angehörigen der be­treffenden Religionsgemeinschaft vorhanden sind, daß der Geistliche re. die Reichsangehörigkeit besitzt und in der Gemeinde, in der er Mitglied des Schulvorstandes werden soll, wohnt. Der Beschluß der Gemeindevertretung bedarf der Genehmigung der Kreisschulkommission. Gegen die Entscheidung der letzteren ist innerhalb zweier Wochen die Beschwerde an das Ministerium des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, zulässig.

Abg. Leun beantragt, die Zweite Kammer wolle be­schließen, die Regierung zu ersuchen, Nummer 32 des Tarifs zum Urkunden st empelgesetz vom 12. August 1899 und § 17 der Verordnung, die Gerichtskosten betreffend, vom 23. Dezember 1899 dahin zu berichtigen,, daß, wenn der beantragte Erbschein nur die Ueberschreibung von Grund­stücken außerhalb des Großherzogtums bezwecken soll, auch nur der Stempel und die Gerichtskostengebüh r nach dem Werte des zu überschreibenden Grundbesitzes zur Er­hebung gelangen.

Abg. Ulrich beantragt, die Kammer wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, im Bundesrat dahin zu wirken, Laß Zollerhöhungen auf Lebensmittel, insbe­sondere auch bei Erneuerungen oder Neuabschlüssen von Handelsverträgen, vermieden werden.

Eine längere Vorstellung des Mainzer Angelklubs be­trifft den Angelsport im Rhein im Gebiet des Groß- Herzogtums^

Aus Stadt und Land.

Gieße«, 22. Februar 1901.

Gedenket der hungernden Vögel!

L.U. Von der Universität. Zur Habilitation für das Fach der englischen Philologie wird morgen (23. Febr.) 12 Uhr Dr. Wilhelm Horn aus Rehbach (Kreis Erbach) eine öffentliche Vorlesung halten über das Thema:Schrift spräche und Mundart im Englischen."

P. Gymnasium, Realgymnasium und Realschule zu Gießen. (Statistik für das Jahr 1899/1900) I. Das Gymnasium: Als ordentliche Lehrer, einschließlich des Direktors waren 17 Herren thätig, dazu kommen noch 3 Lehrer für Religion und 1 Lehrer für Gesang, im ganzen also 21 Lehrer. Da­von waren 15 definitiv angestellt. Von den Lehrern sind 10 über 30 bis 40 Jahre, 4 über 40 bis 50 Jahre, 2 über 50 bis 60 Jahre und 1 über 60 Jahre alt. Von den ordentlichen Lehrern haben Einkommen: 2 Lehrer (darunter der Direktor mit Dienstwohnung) über 5500 Mk., 2 Lehrer über 5000 bis 5500 Mk., 1 Lehrer über 4500 bis 5000 Mk. 1 Lehrer über 4000 bis 4500 Mk., 1 Lehrer über 3500 bis 4000 Mk., 3 Lehrer über 3000 bis 3500 Mk., 4 Lehrer

über 2500 bis 3000 Mk., 1 Lehrer über 2000 bis 2500 Mk. und 2 Lehrer über 1500 bis 2000 Mk. Die Schülerzahl betrug tm ganzen 418. Sie verteilte sich auf folgende Klasien in angegebener Stärke und zwar: la 23, Ib 18, zusammen 41 Schüler. II a 30, II b 40, zusammen 70 Schüler. Illa 30, IIIb 40, zusammen 70 Schüler, IV 38, V 41, VI 40, zusammen 300 Schüler. Dazu kommt noch Vorschule 1) 36 Schüler, 2) 38 Schüler und zuletzt 3) 44 Schüler, zusammen also 118 Schüler. Die Gesamtzahl beträgt dem nach 418 Schüler. Nach dem Alter sortiert, ergibt sich folgendes: 32 waren 6 Jahre, 36 7 Jahre, 34 8 Jahre,

31 9 Jahre, 39 10 Jahre, 41 11 Jahre, 27 12 Jahre,

28 13 Jahre, 29 14 Jahre, 23 15 Jahre, 28 16 Jahre,

35 17 Jahre, 14 18 Jahre und 21 19 Jahre alt. Von

ihnen waren 339 evangelisch, 31 röm.-kath, 14 israelitisch und 2 anderer Konfession (davon 1 konfessionslos). 233 Schüler waren aus Gießen, 109 aus anderen hessischen Orten, 73 aus anderen Staaten des Deutschen Reiches und 3 aus nichtdeutschen Staaten. Nach dem Stand und Beruf der Eltern der Schüler waren 14 Landwirte, 8 Handwerker, 138 sonstige selbständige Gewerbetreibende, 43 Aerzte, An wälte, Geistliche, Gelehrte, Künstler, 119 Beamte des Staates und des Hofes, 50 Beamte der Gemeinden, Volksschullehrer, 26 Angestellte von Privaten, 13 Militär und 7 Rentner rc. Abgegangen sind am Schluß des Schuljahres a) Maturum: 2 im Alter von 17 Jahren, 5 18 Jahre, 7 19 Jahre, 3 20 Jahre und älter, zusammen 17 Schüler; b) mit dem einj.-freiw. Zeugnis: (im Laufe und am Schluß des Schul­jahres) 2 Schüler 17 Jahre alt, 1 18 Jahre, zusammen 3 Schüler. Schulgeld zahlten 326 Schüler zu den Normal sätzen, 81 zu ermäßigten Sätzen, 11 Schüler zahlten kein Schulgeld. An Schulgeld kamen ein: 31 997 Mark. II. Realgymnasium und Realschule (zusammen). Als ordentliche Lehrer (eiuschl. Direktor) waren 27 Herren thätig, dazu kommen noch 3 Lehrer für Religion und 1 Lehrer für Gesang, im ganzen 31 Lehrer. Davon waren 26 definitiv angestellt. Von den Lehrern ist einer 20 bis 25 Jahre alt, 19 sind 30 bis 40 Jahre, 4 über 40 bis 50 Jahre und 3 50 bis 60 Jahre alt. Ueber 5500 Mk. Einkommen haben 2, 1 über 5000 Mk., 2 über 4500 bis 5000 Mk., 5 über 4000 bis 4500 Mk., 5 über 3500 bis 4000 Mk., 3 über 3000 bis 3500 Mk., 6 über 2500 bis 3000 Mk., 2 über 2000 bis 2500 Mk. und 1 über 1500 bis 2000 Mk. Die Schüler­zahl betrug im ganzen 726. Von ihnen waren 23 6 Jahre, 39 7 Jahre, 41 8 Jahre, 45 9 Jahre, 69 10 Jahre, 101 11 Jahre, 80 12 Jahre, 84 13 Jahre, 82 14 Jahre, 60 15 Jahre, 42 16 Jahre, 32 17 Jahre, 16 18 Jahre, 12 19 Jahre und älter. Von den Schülern waren nach Con fession 635 evangelisch, 31 röm. katholisch, 60 israelitisch. 451 Schüler waren aus Gießen, 164 aus anderen hessischen Orten, 108 aus anderen Staaten des Deutschen Reiches und 3 aus nichtdeutschen Staaten. Nach dem Stand und Beruf der Eltern der Schüler waren 45 Landwirte, 118 Handwerker, 256 sonstige selbständige Gewerbetreibende, 9 Aerzte,Anwälte, Geistliche, Gelehrte, Künstler, 143 Beamte des Staates und des Hofes, 53 Beamte der Gemeinde (einschl. Volksschullehrer), 78 Angestellte von Privaten, 9 Militär und 15 Rentner rc. Abgegangen sind am Schlüsse des Schuljahres a. Maturum: 1 Schüler 17 Jahre alt, 5 18 Jahre alt, 5 19 Jahre alt, 5 20 Jahre alt und darüber, zusammen 16. b. Zeugnis zum einj.-freiwilligen Dienst: 16 unter 17 Jahre, 7 17 Jahre, 1 18 Jahre, 1 19 Jahre alt, zusammen 25 Schüler. Schul­geld zahlten 552 Schüler zu den Normalsätzen, 143 zu er­mäßigten Sätzen, zusammen 695. 17 Schüler zahlten kein Schulgeld. An Schulgeld kamen ein 47 273,20 Mk. An allen höheren Schulen zusammen in Hessen sind im ganzen 9773 Schüler. Davon besuchen 3547 die 10 Gymnasien, 6019 die 19 Realgymnasien, Oberrealschulen und Realschulen und 207 Schüler die 1 höhere Bürgerschule in Dieburg. An den Gymnasien wirken 236 Lehrkräfte, an den Realschulen rc. 262 und an der Bürgerschule 13, woraus sich ein Gesamt lehrkörper von 511 Lehrern und Hilfslehrern ergibt.

B. Lang-Gäus, 21. Febr. Fastnacht verlief hier ruhig. Am Dienstag abend veranstaltete der GesangvereinFroh­

sinn" im Gasthaus zu» GambriuuS, und bet Gesangverem Germania" im Gasthaus zum Schwane« Theateraufiühr- ungen. Beide Lokalitäten waren gut besucht, und die Theater- spieler ernteten rechten Beifall. Bürgermeister Rompf wurde als OrtSgerichtSvorsteher verpflichtet.

i. Abevdstern, 21. Febr. Stationsvorsteher Kunz dahier wird auf seinen Wunsch vom 1. März ab nach Gieße« versetzt.

e. Ahbach, 21. Febr. Heute wurde hier ein sechS- wöchenilichcr HauShaltungSkursuS für junge Mädchen aus- der Bürgermeisterei Atzbach eröffnet. Der Unterricht umfaßt Kochen, Waschen, Bügeln, Flicken, Nähen und Stopfe«. Ec findet täglich von 8 bis 12 Uhr vormittags und vo« 2 bis 5 Uhr nachmittags statt. Der Besuch ist schon insofern lohnend, als die Erteilung des Unterrichtes unentgeltlich ist. Bei besonderer Bedürftigkeit kann auf Antrag der Wochen­beitrag ermäßigt werden. Am ersten Tage hatten sich 17 Teilnehmerinnen eingefunden und der Kursus wird bis zu» 3. April ausgedehnt werden.

-h- Kaulstos, 21. Febr. Wie gefährlich die alten Keller- falltüren sind, beweist folgender Unglücksfall. Ein hie­siger 65 Jahre alter Bürger wollte vor einigen Tagen bei seinem Bruder in Gedern über Nacht bleiben. Sorglos trat der Mann in das Haus und stürzte, da die Thür i« dem HauSgange offen stand und alles dunkel war, in den Keller. Auf das Hilfegeschrei des Verunglückten kamen mehrere Nachbarn und brachten ihn in die Stube. Außer zwei Rippenbrüchen wurde auch von dem sofort herbeige­rufenen Arzte eine Schädigung des einen Lungenflügels konstatiert.

Schlitz, 21. Febr. Am 15. ds. MtS. beging man hier eine Doppelfeier: den Geburtstag des Grafen und die silberne Hochzeit des gräflichen Paares. Das Silber» paar weilt fern von der Heimat. Die gräflichen Beamten stifteten einen prachtvollen silbernen Tafelaufsatz, die Geist­lichkeit eine illustrierte Prachtbibel. Die Lehrer überreichten eine von Lehrer Müller kunstvoll auSgeführte Adreffe. Am Nachmittag fand in der Hinterburg ein Festessen statt, an dem sich die gräflichen Beamten, die Geistlichen und Lehrer beteiligten.

Mainz, 21. Febr. Das Reichs-VersicherungSamt hat soeben an sämtliche Handwerkskammern da« ErgebniS der auf Grund des § 35 des Gewerbe-Unfall-BersicherungS- Gesetzes vom 30. Juni 1900 erfolgten Anmeldungen amfall- versicherungspflichtiger Betriebe und Arbeiter versendet mH dem Ersuchen um gutachtliche Aeußerung darüber, ob die neu der Vcrficherungspfl cht unterliegenden Betriebe den be­stehenden Berufsgenossenschaften zugeteilt, oder ob neue Be­rufs Genossenschaften hierfür gebildet werden sollen. In Frage kommen für die Handwerkskammern hierbei zunächst die eigentlichen Handwerksbetriebe nämlich: Schlosser, Schmiede, Brauer und Metzger. Nach dem feftgefüllten Ergebnis er­fährt die Berstcherungspfl cht dieser 4 Gewerbe nachfolgende Erweiterung: Schlosser 6019 Betriebe mit 13936 versiehe- rungspflichiigen Personen; Schmiede 39 015 Betriebe mit 61 397 Peisonen; gewerbliche Brauer 3935 Betriebe mit 6808 Personen, und Mctzger 29 599 Betriebe mit 44 356 Personen. Für die erstgenannten Gewerbe bestehen z. Z. noch keine eigenen BerufSgenoffenschaften; die bereits ver­sicherungspflichtig gewesenen Betriebe sind in verwandten Ge- noffenschaften untergebracht. Von den Schlossern und Schmieden liegt jedoch Antrag auf Errichtung eigener Be­rufSgenoffenschaften vor, worüber die Handwerkskammer«, ols gesetzliche Vertreterinnen des Handwerks, sich nun äußern sollen. Die Metzger haben bereits seit mehreren Jahren eine eigene Berufsgenossenschaft, in welcher rund 20 000 Be­triebe bereits aufgenommen sind. Da die oben genannte« 29 599 Betriebe ohne Zweifel dieser bestehenden Genossen­schaft einverleibt werden, so wird demnächst diese Genoffen­schaft rund 50 000 Betriebe enthalten.

Frankfurt, 21. Febr. Wie dieFranks. Ztg." meldet: haben die Elben des kürzlich verstorbenen Wilhelm Karl v. Rothschild an die hiesigen wohlthätigen Stiftungen und Korporationen Legate überwiesen, deren Gesamtbetrag sich

in den Mappen des Malers Fidus liegen schon seit Jahren unveröffentlichte, in mystischen Farben glühende Entwürfe zu demHaus auf der Höhe", in denen sich die schwellende Phantasie dieses Künstlers am trunkensten offenbart.

Nun aber soll der alte Traum Wirklichkeit werden. Bei Darmstadt liegt der Hain und der Berg, wo sich« das Theater des höheren Daseins erheben soll. Die Darm­städter Künstlerkolonie, beglückt durch die mäcenatische Gunst unseres Fürstenpaares, will es uns errichten. Peter Behrens kommt als Herold der neuen Bühnenkunst und eines neuen eleusinischen Stiles, der dem Ueberbrettl das Ueberkirchle entgegenstellt.

Die neuere naturalistische Bewegung wurde ihrer Zeit mit gutem Recht vielfach mit der Sturm- und Drangbe­wegung des vorigen Jahrhunderts verglichen. Und wie unsere Dichter und Dramatiker gern die Erinnerungen an die Tage des jungen Goethe und Lenz, an Schiller und die Räuber-Zeit heraufbeschworen, so predigte man in den Schauspielerkreisen die Erneuerung desHamburger Stiles". Die Schatten Schröders und Jfflands standen an der Wiege der naturalistischen Schauspielkunst von heute, die ihre feinste und vornehmste Ausbildung imDeutschen Theater" zu Berlin erfuhr. 916er auch im vorigen Jahrhundert dauerte die Mleinherrschaft der naturalistischen hamburgischen Spielweise nur wenige Jahre; dem esoterischen Gesch'mackl Goethes und der Weimarer Kunstkreise konnte sie auf die Dauer nicht zusagen, und der große Gegenschlag erfolgte. Die Seele Iphigeniens sollte die Wilbe der Schauspiel­kunst beleben und jede Bewegung, jedes Wort das Gepräge einer höheren priesterlichen Weihe annehmen. Das Theater deszweiten Lebens" war auch Goethes Forderung. So geht die Entwickelung denselben Weg, den sie schon einmal gegangen ist, geht immer wieder dieselben Wege, und unsere Darmstädter erklären heute dem Naturalismus den gleichen Krieg, den Weimar vor hundert Jahren gegen die Hamburger und Berliner Realisten anzettelte. Einsts weilen soll unsere Schauspielkunst erst noch den Idealismus

neu für sich wieder entdecken. Zur Zeit treibt man in Tarm- stadt noch Zukunftsmusik. Aber es ist wohl kaum eine Frage, daß der idealistische Stil in den nächsten Jahren dem herrschenden Geist des Naturalismus manches Stück Land orterobern wird. Der Geist der Schauspielkunst hat sich tets dem Geist der Dichtung auf das allergetreulichste angepaßt, und wie unsere funge Litteratur längst schon in ein Lager der Realisten und ein anderes der Idealisten auseinandersplitterte, so werden auch unsere Darsteller den gleichen Weg der Natur gehen müssen.

Die neue Bühnenkunst, wie sie uns von Darmstadt her verkündigt wird, stellt sich als Kunst in einen bewußten und vollkommenen Gegensatz zur Natur, im Sinne jener alten Weltanschauungen, die zwischen Natur und Geist unter­scheiden und keine Brücken von der einen zum anderen zu finden vermögen. Kunst soll nicht Ausdruck der Natur, sondern Ausdruck der Kultur sein, ihr Wesen beruht nicht in der Erzeugung von Wirklichkeitsbildern, sondern von Erscheinungen der Phantasie. Man- muß es den neuen Reformatoren lassen, daß sie diese ihre Auffassung folge­richtig durchführen und alle Dinge und Teile ihrer Theaterkunst in eine große Harmonie zusammenbringen.

Der heute herrschende Grundsatz, daß man in dem Zuschauer den Glauben an das wirkliche Geschehen auf der Bühne soll erwecken, wird sicherlich mit einem l>alben Recht als thöricht und lächerlich verschrieen. Man muß deshalb mit allen Ueberlieferungen brechen. Coulissen, Hintergründe, Landschaftsdekorationen, Straßenprospekte soll es auf dem neuen Theater nicht mehr geben. Lebende Blumen, ein blühender Garten schmücken den Spielplatz, zu dem eine ansteigende Terrasse vom Zuschauerraum empor- sührt, und das ganze innere Haus soll dekorativ so ab­gestimmt werden, wie es dem Geist der Dichtung entspricht; auf der Bühne aber treffen die Farben und Formen dieser Stimmung gleichsam zu ihrem Glanzpunkt zusammen. Statt der Coulissen gicbt es feste Wände, die rein durch Schönheit die Erhabenheit des Bodens kennzeichnen. Der Hintergrund

wird seinem Wesen gemäß lediglich,so ausgefüllt, daß e» die Stimmung der Handlung unterstützt.

In amphitheatralischer Anordnung liegt der Zuschaue»-- raum um eine flache Bühne herum, mit vorspringende«! Proszenium. Ihre Breite ist größer als ihre Tiefe. Da­bedingt einereliefartige Anordnung und Bewegung de- Gestalten und Aufzüge. Das Relief aber ist der markantes» Ausdruck der Linie, der bewegten Linie, der Bewegung, die beim Drama alles ist. . ." So soll auch die Schauspi^- hin ft, wie die der Coulissen und Dekorationen ein idealisch- typisierendes Gepräge annehmen, plastisch und statuarisch in Wahrheit priesterlich-unbewegt wirken. Denn das Reließ ist wohl in Hinsicht auf Malerei und Bildkunst etwas starl Bewegtes, aber in Hinsicht auf Drama und Dichtung etwa- starr Gebundenes, Das scheinen mir, so sagt Julius Harß imTag", die Darmstädter zu übersehen. Sie reden mehr als bildende Künstler, denn als Poeten. Ihr Stil, ihre ganze ästhetische Weltauffassung schreckt doch in Wahrhei» vor aller Erregung zurück und sucht in der That nach eine» feierlich-gemessenen Haltung. Ebenso wenig wie Coulisss und Dekoration soll der Schauspieler körperlich, sinnlich, alsbrutale Wirklichkeit" wirken, seine natürliche Körper­form vielmehr zu einer künstlerischen Reliefform werde»

Schön sei seine Sprache; er spreche rhythmisch, er sprech» Verse metrisch.Wir verbitten uns, daß man unser ,Ver­ständnis durch die absichtliche Verdrehung der Verse in Prosa zu erleichtern glaubt. Wir verstehen, die Kunst als Form und wollen diese in der meisterlichsten Art. Schön sei jede Bewegung, ein jeder Schritt, ein jeder Griff sei eine künstlerisch übersetzte Form. Dar Schauspieler ste» über seiner Rolle, er verdichte sie, bis alles Pathos ip und Pose..." Er wird ein Meister des Tanzes werden, eines Tanzes, wie wir ihn als schöne Kunst kaum noch kennen: alsAusdruck der Seele durch den Rhythmus der Glieder". Man verhehlt sich in Darmstadt nicht, day man, um diesen Stil in die Schausviel tun ft einzuführen, ganz von vorn' anfangen muß, unb setzt deshalb sein*