Nr. 301
Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 22. Dezember 1901
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ßrste Kammer der Stände.
15. Sitzmrg. Darmstadt, Freitag den 20. Dezember 1901.
Beginn der Sitzung 10 Uhr. Am Regierungstisch: Staatsminister Rothe, Justizminister Dr. Dittmar, Finanzminister Gnauth, Ministerialräte Dr. Breidert, Braun, von Biegeleben.
Die erste Kammer nimmt auS den 76 Einläufen die Mitteilung entgegen, daß Abg. Reinhart zum dritten Präsidenten und Abg. Brauer zum Sekretär der zweiten Kammer gewählt sind.
Zur Mitteilung der zweiten Kammer bezügl. des Antrags der Abgg. Ulrich und Genossen eine Sammelausgabe sämtlicher geltender Verfassungs- und Verwaltungsgesetze betr. bemerkt Staotsminister Rothe, die Regierung wünsche gleichfalls eine solche Sammelausgabe; doch sei die jetzige Zeit hierzu nicht geeignet, da die hauptsächlichsten Gesetze sich jetzt in Umarbeitung befänden.
Die Regierungsvorlage bezügl. des Gesetzentwurfs den Denkmalschutz betr. wünscht Graf Solms-Lich von der Tagesordnung abgesetzt. Graf Erbach-Schönberg habe nämlich den Mitgliedern des Hauses zu dieser Vorlage ein Prome- moria zugehen lassen, das man bei der Kürze der Zeit noch nicht habe prüfen können. Dem Antrag des Grafen Solms- Lich wird stattgegeben.
Zu der Regierungsvorlage die Abänderung des Gesetzes vom 25. November 1871, die Versicherung von Mobilien in Feuerversicherungsanstalten betr., hält Geh. Kommerzienrat Michel es für nützlich, nochmals zu wiederholen, daß es wünschenswert erscheine, an die Errichtung einer Landesversicherungsanstalt für landwirtschaftliche Betriebe und das Mobiliar der zugehörigen Wohnungen, die sich der Gunst der Feueroersicherungsanstallen nicht erfreuten, nach den Grundsätzen der Zwangsoersicherung, der Gegenseitigkeit und des Umlageverfahrens heranzugehen. Es werde sich empfehlen, Ermittelungen über die landwirtschaftlichen Betriebe nach dieser Richtung hin anzustellen.
Bei der Mitteilung der Zweiten Kammer bezügl. des Antrags des 2lbg. Köhler, die Besteuerung der Luxuswagen aufzuheben, bemerkt Fürst Isenburg-Büdingen, auch er sei damtt einverstanden, daß an diesem Gesetze nichts geändert werde. Man solle das Gesetz über den Urkundenstempel nicht noch verhaßter machen, als es sei. Die Luxuswagen, die heute versteuert würden, seien zumeist gar keine Luxuswagen; er kenne Fälle, wo die Leute ihre sog. Luxuswagen recht nötig hätten. Aber er wolle einmal auf andere Besteuerungen Hinweisen, die viel gerechter seien, so auf die Annoncensteuer. Auch die Reklamekataloge solle man versteuern. Die Geschäftsleute würden dabei nicht geschädigt werden. Er werde geradezu mit Katalogen überschwemmt.
Den zu dem Antrag des Abg. Korell, die Fleischbeschaugesetzesvorlage betr., gefaßten Beschluß der Zweiten Kammer hält Geh. Kommerzienrat Michel für durchaus überflüssig. Wenn ein Gesetz zu Stande gekommen sei, sei es doch ganz selbstverständlich, daß die Regierung auch für baldige und richtige Ausführung des Gesetzes sorge. Er trete daher dem Beschluß der zweiten Kammer nicht bei.
Zu dem Beschluß der Zwetten Kammer bezügl. des Antrags Ulrich die Ueberführung der Apotheken in Staats
betrieb ftagt Graf Solms-Laub ach zu seiner Orientterung an, ob bei Konzessionierung einer Apotheke an eine Gemeinde jene widerruflich oder unwiderruflich erfolgt.
Staatsminister Rothe beantwortet dies dahin, daß, soviel er im Augenblick sagen könne, die Konzessionierung widerruflich gegeben werde. Da Graf Solms-Laubach die Frage von großer Wichtigkett für sich hält, beantragt er, im Einverständnis mit der Regierung diesen Punkt von der Tagesordnung abzusetzen, was geschieht.
Zur Regierungsvorlage die Regelung der Gehaltsver- hältnisse der Landwirtschaftslehrer betr. findet der Berichterstatter Graf Solms-Laubach die Fragestellung, die der Beschlußfassung der Zweiten Kammer zu Grunde gelegen habe, nicht für präzis genug. D'e Negierung würde es nicht bedürfen, die Zustimmung der Zweiten Kammer zu ihren Grundsätzen einzuholen. Es handele sich hier nur darum, den Begriff „akademische Bildung für die Landwirtschaftslehrer" klar zu stellen. Dies werde erreicht, wenn die Erste Kammer sich der Zweiten anschließe.
Es tritt darauf die Erste Kammer dem Beschluffe der Zweiten Kainmer bei. Eine Debatte erhebt sich dann noch bei der Beratung des Nachtrags zur Nebenbahnvorlage. Hier trüt Fürst Psenburg-Bttdingen warm für die von der Zweiten Kammer beschloßene Seementhalbahn ein. Er könne sich dem Antrag des Ausschusses auf Ablehnung dieser Bahn nicht anschließen. Es sei zwar keine Hoffnung, daß die Bahn gebaut werde. Aber trotzdem wolle er sie nicht definitiv abgelehnt wissen. Früher schon habe sich die Erste Kammer dahin ausgesprochen, daß die Bahn unbedingt gebaut werden müsse. Nehme die Erste Kammer jetzt den Antrag ihres Ausschusses auf Ablehnung an, so hieße es, die Kammer setze sich mit ihrem früheren Beschlüsse in Widerspruch. Er nehme daher den Antrag Oriola und Bähr wieder auf und bitte um seine Annahme.
Berichterstatter Freiherr Riedesel zu Eisenbach bemerkt demgegenüber, daß der Ausschuß nicht gegen die Bahn durch das Seementhal sei, der Finanzminister habe aber dem Ausschuß dargclegt, oaß die Bahn unmöglich gebaut werden könne, und um keine falsche Hofftumgen zu erwecken, habe man ihre Ablehnung beantragt.
Finanzminister Gnauth: Die Regierung sei der Meinung, daß wir im Großherzogtum an Bahnen, die ganz und ausschließlich auf Staatskosten gebaut und betrieben würden, gesättigt, ja übersättigt seien, daß die Zeit, wo neue Nebenbahnen gebaut würden, fern lägen schon mit Rücksicht auf das Budget und die Rentabilität der Bahnen selbst. Sie sei der Meinung, daß neue Bahnen nur unter Mitwirkung von Privaten zu bauen seien. Diese Haltung nehme die Regierung auch gegenüber dem Projekt der Seementhalbahn ein. Würden sich Privat-Unternehmer finden, die für das Bedürfnis der Bahn einträten und die Bahn bauen wollten, so solle es an der Unterstützung des Staates nicht fehlen. Die Regierung möchte aber nicht wünschen, daß bei ihr die Initiative liege. Der Beschluß der Zweiten Kammer schiebe der Regierung die Initiative zu und schiebe ihr damit zugleich auch die Schuld zu, wenn die Seementhalbahn nicht gebaut werde. Stimme auch die erste Kammer dem Beschluß der Zweiten zu, so stehe die Negierung einem übereinsttmmenden Beschluß
gegenüber, der ihr die volle Schuld an dem Nichtzustandekommen der Bahn zumesse. Es würde den Wünschen und der künftigen Thätigkeit bezw. Unthätigkeit der Regierung besser entsprechen, wenn die Erste Kammer den Antrag ihres Jlusschusses annähme.
Fürst Psenburg-Büdingen zieht hierauf seinen Antrag zurück.
Freiherr Heil zu Hernsheim wünscht eine andere Motivierung deS ablehnenden Standpunktes der Ersten Kammer in dieser Frage.
Geh. Kommerzienrat Michel bittet, dem Antrag auf Erbauung einer Seementhalbahn nur zur Zeit keine Folge zu geben, um den Anliegern an der projektierten Bahn doch nicht alle Hoffnung abzuschneiden.
In dieser Fassung findet dann der Ausschußantrag Annahme.
Bei den übrigen noch auf der Tagesordnung stehenden Punkten tritt die Erste Kammer ohne Debatte den Beschlüssen der Zweiten Kammer bei; die Regierungsvorlage betr. Staats- vertrag zwischen Hessen und Oldenburg wegen Vertriebes der Lose der hessischen Landeslotterie in Oldenburg findet gleichfalls debattelos Annahme.
Damit vertagt sich das Haus auf unbesttmmte Zeit. Schluß der Sitzung 11 Uhr.
Volittsche Tagesschau.
lieber die Kunstrede des Kaisers
die wir gestern Wiedergaben und von unserem eigenen Standpunkte aus beleuchteten, liegen nur wenige Preßsttmmen vor. Die Lex Heinzefreundliche Berliner „Germania" denkt sofort daran, politisch daraus Kapital zu schlagen. Sie hebt die gegen die Moderne feindliche Stelle hervor und schreibt:
„Erfreulich ist, daß der Kaiser die „sogenannten modernen Richtungen und Strömungen" in der Knnst nicht billigt, besonders erfreulich aber, daß er von der Kunst verlangt, sie solle „mithelfen, erzieherisch auj das Boll einzuwirren", sie solle „auch den unteren Standen Nach harter Mühe und Arbeit die Möglichkeit geben, sich an den Idealen wieder aufzurichten". Der Kaiser Wilk nur die Kun stloben, „die erhebt, statt daß sie in den Rinnstein niedersteigt". Diele Worte des Kaisers enthalten eine ornste Mahnung an die ganze deutsche Kunst und auch an alle Kreise, die berufen sind, mitzuhelfen, daß die Kunst erzieherisch auf das Volk einroirfe, aber auch zu verhindern, daß die Kunst in den „Rinnstein" der sittlichen Gemeinheit niedersteige. Die Erinnerung an die „Lex Heinze" drängt sich hier unwillkürlich auf, und die weitere Diskussion über diese Kaiserrede wiro wohl noch hinreichende Gelegenheit bieten, diese Gedanken weiter zu erörtern."
An die Lex-Heinze freundlichen Parteien denkt die „Tgl. Rdsch" wohl, wenn sie schreibt:
„Ter Monarch hat über Kunsts Kunstübung und Kunsd- richtungen seine persönliche Ansicht ausgesprochen. Tie sich in diesen Stücken zu gleichen Auffassungen bekennen, werden ihm begeistert zujubeln." Ueber die andere Partei aber sagt das Blatt: „Die anders meinenden werden kaum überzeugt worden sein."
Der „Hamb. Korr.", der sich stets sehr gemäßigt ausdrückt, spricht in diesem Fall offen aus, daß die der
Gießener Tßeaterverein.
Die Z'widerwurz'rr.
Nach Herrn, v. Schmid von R. Manz.
Mit einer ins Oberbayrisch - Bäurische übertragenen Shakespeare'schen „Zähmung der Widerspenstigen" haben die Tegernseer am Freitag ihr weihnachtliches Gastspiel fortgesetzt. An der „Z'widerwurz'n" erfreuten sich leider wieder nur wenige Gießener Freunde der alpinen Frohnatur. Die derbe Gesundheit der Tegernseer vermöchte aber nicht nur auf Alpenfteunde Eindruck zu machen. Und „Die Z'widerwurz'n" zumal ist ein für unsere jungen Dämchen eigentlich ganz lehrreiches Stück. Sie brauchen Tegernsee und fein Drum und Dran nicht zu kennen und auch nicht besonders viel und Einflußreiches von der modernen Bewegung der Frauenemanzipation und Gleichberechtigung der Geschlechter zu wissen und könnten dann um so mehr und um so leichter ihre Nutzanwendung ziehen. — Doch um Himmelswillen feine Moralpredigten! Dagegen lob ich mir doch die fidele Sttrnrnung, die die Tegernseer wachrufen selbst mit einer so beinahe grotesken Symbolik und so erz-hausbackenen Moral. Man sieht auch aus diesem Erfolg der Tegernseer so etwas von großdeutscher Brüderlichkett.
Die gute Darstellung trug zu dem Erfolg wieder wesentlich bei. Die Sklavenmoral Petrucchios gegenüber dem schönen Geschlecht kommt in dem Stück der wandernden Komödienspieler von Tegernsee in der Person des Flosser- Martl von Lenggries zur Geltung, freilich lange nicht in der rücksichtslosen Weise Shakespeares, immerhin aber in eindrucksvoller Weise, und für die richtige Wirkungder Zähmungskur ist Martls überlegene Kraft — dies Wort in seiner Bedeutung nach allen Richtungen hin genommen — erste und unentbehrliche Vorbedingung. Nirgends darf fein Gebühren den Eindruck von Brutalität hervorbringen.
Franz Vogl spielte diesen kräftigen Alpensohn schlicht und recht, mit männlichem Ernste und einer Ruhe, die sich doch mitunter in dräuendes Unwetter verwandeln konnte. Man kann sich freilich diesen Zahmer des unbändigen Käthchens vom Dorfe gefühlsinniger denken. Es müßte bei ihm so etwas roie eine Paarung von Strenge und Zartheit zum Ausdruck kommen. Anna Zo.ller gab wieder ein ganz prächtiges Dirndl. Ihre Wildheit, ihr Eigenwille, ihre Zornesausbrüche waren von unmittelbarster Echtheit. Dieses Madel hat Race, Temperament. Darum glaubt man nicht recht an den Uebergang in ein sanfteres Fahrwaffer, den allerdings wohl auch der Verfasser sehr vernachlässigt hat; man traut ihr den Sieg demütiger Weiblichkeit über herbe Sprödigkeit und trotzige Emanzipationsgelüste nicht leicht zu. Aber schließlich bringt die schöne Anna Zoller doch der bösen wie auch der guten Stasi mehr von der erforderlichen Naivetät entgegen als die besten unserer Käthchen-Darstellerinnen. Daher die köslliche Frische ihrer mitreißenden Wirkung. Der Vater der Stasi, der Bauer vom Kurzendorf, ein gottsjämmerlicher Meister der Kindererziehung, wurde von Herrn Moser brillant dargestellt, am amüsantesten in der Rauschszene, die ein kleines Kabinetstück war. Die Kreszenz der Hanni Berg moser mit ihrer Jugendgeschichte und ihrer aus eigenen Erfahrungen schöpfenden Lebensweisheit bildete den Chorus des Liebes- dramas und zwar in einem etwas predigerhaften Tone. Aber sie gab doch einen wirksamen Kontrast zu ihrem taprigen Bruder und ihrer fuchsteufelswilden Nichte. Resl Einöds- hofer hatte sich gestern entsitzebutzelt und war ein putziges, busserliges Puffelchen. Einige Genresiguren, der prächtige Hausierer des Edi Hartl mit seinem Geschäftseifer und seiner weibisch-sächsischen Schwatzhaftigkeit, der ländliche Medizinalrat, der Bader des Beni Glas, der das Kunststück fertig bringt, daß einer seiner Patienten, der eine Flasche Jod austrinkt, nun tagelang jod—elt, der Hallodri des Fritz Fuchs 2C. rc. vervollständigten das alpenidyllische Gesamtbild der
Handlung, die teils in der Jachenau, jenem einsamen Wald- thale, das sich von Lenggries am Jnnflusse nach dem Walchensee hin erstreckt — ein schönes Radelthal — teils auf dem Münchener Oktoberfest' spielt und das Publikum sehr zu befriedigen schien.
Die Frage, was die Kunst durch die Bauerndarsteller von den oberbayrischen Seen gewinnt, habe ich schon in meinen vorjährigen Besprechungen der Schwerster Abende beantwortet. Sie tragen, unbewußt und unbeabsichtigt, auf eine aparte Weise dazu bei, dem Realismus in der Kunst zum Siege zu verhelfen, indem sie uns Volksszenen bieten, in denen, unterstützt durch eine vortreffliche, ja muftergittige fachmännische Regie, die ländlichen Sitten und Gebräuche unverfälscht zur Darstellung kommen, wenn die Daxsteller sich so recht gehen laffen. In dieser Beziehung erinnern sie an die verflossenen Meininger; sie haben dieselbe Andacht zum Unbedeutenden, denselben Sinn für eine belebte Bühne und ebenso echte, wenn auch wohlfeilere, Gerätschaften. Aber sie müffen schließlich doch für die Kunst verschwinden, wenn sie nicht von der ewigen Wiedergabe ihrer Normalstücke sich abwenden und einem wirklichen Dichter das Wort abtreten. In ihrer Mittelposition sind die Bauerndarsteller freundlicherer, ja der freundlichsten Teilnahme wert. Schule für andere zum Losreißen aus den heimischen Verhältnissen und zum LoSreisen auf Gastspiele dürfen sie aber nicht mehr machen. Das wäre ein Unheil, nicht allein für die Kunst! Mit ihnen und den Schlierseern ist es wahrlich genug! P. W.
— Die „Amberger Volksztg " meldet: Seminarpräfekt Dr. Beck fand in der Provinzialbibliothek einen größeren Teil des Manuskriptes des Epos „Parsival" von Wolfram v. Esch en b ach. Das Manuskript diente seither als Buchumschlag und entstammt wahrscheinlich dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts.


