Nr. 248 Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Dienstag 22. Oktober 1901
ietzen : Anzeiger
General-Anzeiger
Amts- md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener Zamillen- •blätter werden dem Anzeiger irrt Wechsel mit dem „Hess. Landwirt" und den „Blättern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich beigelegt.
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Anzeiger Gießen. Fernsprechanschluß Nr. 51.
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Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Unioersitäts - Druckerei (Pietsch Erben).
Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Gießen, den 16. Oktober 1901.
Betr.: Die freiwillige Versicherung nach dem Reichsgesetz über die Invalidenversicherung vom 13. Juli 1899.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Auf der Generalversammlung des landw. Bezirksvereins zu Lich wurde angeregt, jeder Gemeinde ein Exemplar des Römerschen Schriftchens „die freiwillige Versicherung nach dem Jnv alidenversicherungsgesetz für Gewerbtreibende und Landwirte" auf Kosten der Kreiskasse zu beschaffen. Nachdem diese Mittel bewilligt und die bestellten Bücher eingetroffen sind, werden wir Ihnen je ein Exemplar kostenfrei zusenden. Wir empfehlen Ihnen, sich mit dem Inhalt vertraut zu machen und keine Gelegenheit zu versäumen, Jnteresienten auf die freiwillige Versichernng hinzuweisen und darüber zu belehren.
v. Bechtold.
Politische Tagesschau.
„Katholische Korps."
Wie wir bereits meldeten, hat sich in Duisburg eine Vereinigung zur Gründung „katholischer Korps" gebildet. In dem Ausruf heißt es u. a.:
,,Die Gründe, aus denen wir beschlossen haben, eine neue katholische sich aber sonst den Grundsätzen des 8. 0. vollständig anschließende Korporation zu konstituieren, sind folgende: Bekanntlich ist es das Prinzip der katholischen Studentenvereinigungen, die volle Gleichberechtigung ihrer Ideen gegenüber den schlagenden Kor° vorationen durchzusetzen, Jei es durch Farbentragen, durch die Anzahl oder Wissenschaftlichkeit. Die neu gegründete Korporation will die Gleichberechtigung dadurch erlanaen, daß sie sich bei geringer Mitgliederzahl in gesellschaftlichem Verkehr, Auftreten und Kleidung vollständig ans oen Boden des Korps stellen, eventuell selbst den Namen katholisches Korps führen wird. Vorschläge um Die Gründung eines solchen Korps herbeizuführen, sind: 1. Die Mitgliederzahl darf nicht mehr wie 15 bis 20 betragen. 2. Die Mitglieder erklären, über ein monatliches Minimum von 200 Dck. verfugen zu können; um der Korporation im Anfang finanzielle Schwierigkeiten zu ersparen, verpflichten sich einzelne Herren, einen Garantiefonds zu zeichnen, aus dem nach Bedarf an die Korpskafse abgeführt wird. Dafür werden diese Herren das Band des Korps befommen. 4. Die Korporation gründet sieb zunächst in München, weil diese Stadt den geeignetsten Boden Dafür bietet. In einer kleinen Universitätsstadt würden zu viele Aiifeindnngen erfolgen, in Berlin und Leipzig dagegen die Korporationen vollständig verschwinden 5. Der Aufbau und die Verwaltung soll sich möglichst eng in die Geschäftsordnung der Korps anschließen, doch bleiben alle Einzelheiten, wie: Kuleur, Name, Zirkel den aktiven Mitgliedern überlassen und die Zeichner des Garantiefonds verpflichten sich, sich in keiner Weise in oie inneren Angelegenheiten des Korps zu mischen. Falls Sie die Absicht haben, bei dem neu zu gründenden Münchener kathollschen Korps, aktiv zu werden, so bitten wir um nähere Nachrichten, wir werben Ihnen dann die geeigneten Leute nennen, an oie Sie sich bei Ihrer Ankunft tu München wenden können."
Die „Germania" erhofft wenig von dieser neuen Waffe tm Paritätskampf. Sie glaubt nicht an die Lebensfähigkeit solcher konfessionellen Erziehungsstätten:
Wenn man die Bedeutung des studentischen Lebens so ausschließlich in Aeußerlichkeiten verlegt, wie dies fettens der Anhänger der katholischen Korps geschieht, rückt man unseres Erachtens zu sehr von jenen Idealen ab, von welchen die Gründer der sich glänzend entwickelnden Verbände der katholischen Studentenkorporationen geleitet waren. Im übrigen ist ia bekannt, daß katholische Korporationen an verschiedenen Universitäten bestehen, welche den Korps, was schneidiges Auftreten anlangt, in nichts nachgeben. Wäre es da nicht besser, wenn die Anhänger der katholischen Korps diesen Vereinigungen beiträten, welche ihnen mit der Form auch den
idealen Gehall der katholischen Korporationen entgegenbrächten? Die Hoffnung, in die katholischen Korps jene Elemente hineinzuziehen, welche um ihrer Verabscheuung des Duells willen den Korps nicht beitreten wollen, oder die aus Furcht vor schlechter Karriere bisher den katholischen Studentenkorporationen । fern blieben, dürste sich schwerlich erfüllen. Die Betommg des konfessionellen Charakters wirb die Angehörigen beider Kategorien vor dem Eintritt in die geplanten katholischen Korps abhalten. Aus all diesen Gründen sind wir der Ansicht, daß das Projekt der katholischen Korps ein verfehltes ist, das auf glückliches Gelingen nur geringe Aussicht hat.
Der Industriestaat und das preußische Lanwirtschaftsministerium.
Kürzlich ist der VI. Band des großen wissenschaftlichen Werkes „der Boden und die landwirtschaftlichen Verhältnisse des Preußischen Staates" erschienen. Er ist „im Auftrage des preußischen Ministeriums der Finanzen und des Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten" von Professor A. Meitzen und Regierungsasseffor Großmann geschrieben worden. Das Werk klingt in nachstehenden Sätzen aus:
„Die Berufsstatistik zeigt somit, ebenso wie nach der oben S. 565—630 gegebenen Darstellung die Bevölkerungsstatistik, daß gegenwärtig em echeblicher Umschwung in den wirtschaftlichen Verhältnissen des Staates stattfindet. Während früher die landwirtschaftliche Bevöllerung an Zahl überwog, tritt sie allmählich hinter der industriellen Bevöllerung zurück, im Wesentlichen deshalb, well sich der steigende Ueberschuß der Bevölkerung der Industrie zuwendet.
Die Folgen dieses Umschwunges machen sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens bemerkbar, namentlich in politischer Hinsicht. Der gewerbliche Besitz gewinnt, wie oben im Abschnitt V gezeigt ist, einen immer größeren Einfluß, die Interessen der Industrie, die früher im Staatsleben sehr zurücktraten, drängen sich denen der Landwirtschaft vor: der Agrarstaat verwandelt sich mehr und mehr in einen Industriestaat. Dieser Prozeß bringt, wenigstens zeitweilig, für die Landwirtschaft erhebliche Nachteile mit sich. Gleichwohl kann er vom staatlichen Standpunkt aus als eine bedenkliche Erscheinung nicht angesehen werden. Denn die Zunahme der Bevöllerung ist das Zeichen einer gesunden Entwickelung. Die Landwirtschaft vermag aber immer nur eine beschränkte Anzahl von Menschen auf dem ihr zur Verfügung stehenden beschränkten Raume aufzunehmeii, während die Industrie Die Möglichkeit bietet, dauernd eine stets wachsende Bevöllerung zu beschäftigen und zu ernähren. Tie Umwandlung des Agrarstaates in einen Industriestaat ist mithin für das Gedeihen des Staates eine unbedingte 9lotweni)igfeit, sie kommt daher auch der Landwirtschaft selbst zu Gute, die nur in einem gesunden Staatswesen die höchste Blüthe. erreichen kann."
Da die Schrift im Auftrage des preußischen Finanzministers und des Landwirtschaftsministers erschienen ist, müßten eigentlich die angeführten Sätze die Billigung der beiden Minister gefunden haben.
Knrkuversamuüung des Alldeutschen Verbandes.
t. Gjießen, 20. Oktober 1901.
Es war eine imposante Versammlung, die sich heute nachmittag in dem grüßen Saale von Steins Garten auf die Einladung der Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes zu- sammengesimden hatte, um die Vorträge des Dr. Gadow und des Burenkomnrandanten Jooste zu hören und um ihr Interesse und chre Sympathie für die Burensache zu bekunden. Der erstere hat, nebenbei bemerkt, vor 20 Jahren ein Semester als Student auf unserer Universität zugebracht. Oberl. Altendorf eröffnete die Versammlung, indem er die Anwesenden namens der hiesigen Alldeutschen begrüßte. Er hob sodann den Zweck hervor, den Jooste und Gadow mit ihrem Umherreisen in Deutschland verfolgten. Sie wollten dadurch die Sympathie der Deutschen für die Buren fache vertiefen. Ihre Thätigkeit dürfte aber auch insofern von Nutzen sein, als sie mitwirken, das Band zwischen Hochdeutschen
und Niederdeutschen enger zu knüpfen. Die Sympathie der Deutschen für die Buren habe gewiß seinen Grund in dem Mitempfinden mit dem Unterdrückten, aber weiter auch in' dem Bewußtsein, daß die Eigenschaften, die die Buren während des Krieges gezeigt, uns nichts fremdes seien, daß sie von unserer Art seien. So komme es, daß es uns« um die Zukunft der Buren ebenso bange wie um die eigene. Darum schon sei es verdienstlich, diese Sympathie zu pflegen, aber ein anderes komme hinzu: Die Zeit sei nicht mehr fern, wo diese Sympathien auch greifbaren materiellen Interessen dienen würden. Die Lage in Südafrika habe sich für die Engländer seit dem Beginn des Jahres, wo Kommandant Jooste zum ersten Male hier gesprochen habe, be. deutend verschlimmert. Noch kämpften die Helden Trans- vals und des Orangestaates in ungebrochener Kraft, und nun seien ihnen neue Helfer erstanden in ihren Brüdern in der Kapkolonie. Heute sei der Kampfpreis nicht mehr Orangestaat und Transvaal, jetzt handle es sich um die Herrschaft in Südafrika. England habe Maßnahmen ge- troffen, die allem Rechtsbewußtsein ins Gesicht schlügen und jeder Gesittung Hohn sprächen. Und was habe es damit erreicht? Daß der Widerstand statt schwächer noch hartnäckiger geworden sei. So dürfe man hoffen, daß, was England in zwei Kriegsjahren mit verhältnismäßig guten Truppen nicht erreicht habe, ihm mit geschwächten und demoralisierten Mannschaften erst recht nicht gelingen werde Wenn aber das südafrikanische Volk von Englands Herrschaft befreit sein werde, dann bräche die Zeit an, wo die in der Zeit der Not mit den Buren angeknüpfte Verbindung ihre Früchte tragen werde. Vorläufig aber rollten die Würfe' des Krieges noch. Da sei es von Interesse, etwas Wahrheitsgetreues über die gegenwärtige Lage in Südafrika zu hören. Dr. Gadow sei über den jetzigen Stand der Dinge dort genau unterrichtet. Denn er habe sich 9 Jahre in Südafrika aufgehalten und die letzten Jahre in Paart bei Kap- stadt zugebracht. Vor kurzem sei er nach Europa zurückgekehrt, weil ihm durch die Verhältnisse ein weiteres Bleiben dort unmöglich gemacht wurde. Auch in Südafrika sei er schon Mitglied des Alldeutschen Verbandes gewesen.
Darauf nahm Dr. Gadow das Wort. Es ist nicht meine Absicht oder mein Auftrag, so führte er aus, Kritll an der Haltung der deutschen Reichsregierung gegenüber der südafrikanischen Frage zu üben. Kein Mensch in Südafrika ist so thöricht gewesen, zu glauben, daß Deutsch land für die Buren eintreten würde. Die Niederdeutschen stehen heute auf dem Standpunkt, daß sie eine Intern vention nicht nötig haben, sondern selbst mit den Engländernfertig werden. Ich bin nicht nach Deutsch land gekommen, um sensationelle Neuigkeiten zu erzählen sondern weil ich glaube, daß es für das deutsche Volk von Interesse sei, einmal die thatsächlichen Verhältnisse geschildert zu hören. In Deutschland herrschen vielfach falsch« Vorstellungen über bas, was den Krieg hervorgerufer hat, und zuweilen hört man auch abfällige Kritiken über die Burengen erale in der ersten Periode des Krieges. Gewiß sind Fehler gemacht worden. Aber daraus kommt es nicht an, sondern darauf, daß dort ein Volk uw seine Freiheit ringt und daß nicht mehr zugelassen werden darf, daß England, bas bisher gegen Schwarze eine Unzahl von Kriegen geführt hat, ein weißes Voll unterjocht. — Der Redner schildert sodann die Kriegslage: Der Kriegsschauplatz hat eine Ausdehnung wie das Territorium von Frankreich, Deutschland und Oesterreich zusammen. Die Etappenstraße, die England zu verteidigen hat, um seine Armee unterhalten zu können, die Eisenbahnlinie von Kapstadt bis Pretoria, kommt der Entfernung von Berlin bis Barcelona gleich. An dieser Linie hat England ständig 80 000 Mann zu halten, um zu verhindern.
Gießener Stadttheater.
Die Anna-Lise.*)
Schauspiel in fünf Akten von Hermann Herfch.
Der alte Dessauer" erschien am Sonntag auf unserer Bühne, der »alte Dessauer" als Jüngling und Liebhaber. Freilich, dieser junge „alte Deffauer" ist auf den Brettern schon recht, recht lange ein sehr alter Deffauer. Er stammt aus dem Geburtsjahre unseres Kaisers, der der Niemann'schen Fortsetzung dieses Stückes, „Wie die Alten fungen", vor ein paar Jahren sein lebhaftes Interesse entgegenbrachte. Das Herfch'sche Stück aber mutet uns heute nicht nur seines Inhaltes wegen recht veraltet an; die anheimelnde Stimmung jedoch, die diese historische Anekdoten-Komödie ausbildet, der Ton der Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe, der im Dialog angeschlagen wird, und nicht zuletzt die gut bürgerliche Moral des Stückes, daß der reinen, unschuldigen Liebe ihr verdienter Lohn wird im Kampfe gegen allen Widerstand des Hergebrachten und des Vorurteils, — das alles unterhält auch heute noch den anspruchsloseren Zuschauer und regt ihn angenehm an.
Die gestrige Vorstellung hatte sich denn auch wieder vielen und ungeteilten Beifalles zu erfreuen. Daß Herr Schneider Humor besitzt und frische fröhliche Burschikosität, das hat er uns schon mit seinem famosen Beckers am Eröffnungsabend bewiesen. Gestern gab er dem Leopold v. Dessau an militärischer Schneidigkeit und Gradheit, an Starrköpfigkeit, frischem Vorgehen und mutigem Beharren, Treuherzigkeit und Biederkeit ein ganz respektables Maß. Seine Jünglingsmaske in den ersten Akten war zwar nicht besonders vortetl-
*) Meyers Volksbücher 1279. Verlag des Bibliogr. Jnstitns in Leipzig. 10 Pfg.
haft und die keimenden Tugenden des werdenden Soldatenheros und Kriegshelden konzentrierten sich im wesentlichen auf den schallenden Kommandoton eines ungezogenen Prinzleins. Im letzten Akte aber machte er eine ganz gewinnende Figur, sprach er zwingend seiner Anna-Lise Mick zu und vertrieb ihr mck unwirscher Herzhaftigkeit die „Mucken", blickte ihr liebend und lachend ins Ange, sprang heiter derb mit seinen Hof- schranzen um; da schuf er wirksam einen kernigen Charakter- typus. Ein klein wenig mehr an freier Leichtigkeit in Ton und Haltung wäre erwünscht gewesen; die stehen ihm besonders gut und vertragen sich so hübsch mck der angenehmen Wärme seines liebenswürdigen und im Grunde ungekünstelten Wesens, das eigentlich nicht gern so poltert, wie's dem jungen Fürsten von Dessau beliebt.
Frl. v. Aspernburg hacke die Tckelrolle inne. Die junge Dame, eine angenehme Erscheinung, hat kein sehr wohlklingendes und ausdruckfähiges Organ, aber eine gefällige Art. Die Anna-Lise des Herrn Herfch, bei der es so viel darauf ankommt, das geschriebene und unnatürliche Buchwort zu vereinfachen und zu mildern, bietet für eine junge Darstellerin besondere Schwierigkeiten. Es gelang aber Frl. v. A., mit natürlicher Einfachheit zu sprechen, und rechte Herzenstöne traf sie selbst in ihren schwierigsten, den sentimentalen Momenten, den Momenten den Schmerzes und der Entsagung, die vom Autor eigentlich recht stiefmütterlich behandelt sind. Sie war den Abend über so „frisch, fest und sckamm", wie ihr Leopold und das Stück es von ihr verlangen. Erfteulich namentlich war gestern ihre freie Ungezwungenheit, und was ihr heute noch an ausgeprägter Individualität fehlt, ersetzt sie durch natürlichen Liebreiz, durch die Anmut ihres Wesens, die ohne weiteres für sie einnimmt. Ganz niedlich waren z. B. die leicht schnippischen Karnrnerzofen-Mätzchen gegenüber dem
albernen Hofmarschall. Da war nichts ostentatives, nichts auf die Wirkung Schwerfälliger Berechnetes, nichts aufdringlich Garniertes; sie blieb die liebenswürdige, ehrsame und selbst die hochgesinnte Bürgertochter dabei. Den „historischen" Ton mit seiner ganzen Dünnheit, ganz so wie er in dem Stücke vibriert, schlug Frl. v. Hellbronn als Fürstin Mutter an. Im Jahre 1894 traf ich Frl. v. H. in Nordhausen und 1897 in Essen a. d. Ruhr; sie ist dieselbe geblieben, eine Dame von ganz ansprechender Tournüre, in der Sprache ziemlich stark theatralisch, ohne jedoch der Gefühlstöne ganz zu entbehren. Herr W o i f ch stellte den Hofmarschall als lächerliche Karrikalur hin; soll er angenehm wirken, so ist ihm ein rechtes Maß an heiterer Anmut und Würde zu verleihen. Herr Ramsey er fand als der „Schulmeister" Marquis de Chalisac, den er ganz stimmungsvoll darstellte, reiche Gelegenheit, sich von seiner munteren Seite zu zeigen, die zu seinen besten gehört und ihm einen wohl verdienten Beifall auf offener Szene einbrachte. Er bewies wieder einmal, daß er in den verschiedensten Sätteln zu sitzen im Stande ist. Tas Deutschradebrechen gelang ihm allerdings nicht ganz comme il taut, zumal er seines Textes nicht ganz sicher war. Und ist es sehr glaublich, daß ein französischer Höfling vor den Augen der Fürstin, ja im Laufe des Gespräches mit ihr sich einer Schnupftabaksdose bedient? Womit übrigens nicht in Abrede gestellt werden soll, daß Herr R. ein ganz besonders kurioses Geschick darin offenbarte. Eine .außerordentlich undankbare Aufgabe war Herrn Sandor zur Lösung übertragen worden. Es läßt sich aus dem steifbeinigen, winselnden Apotheker schlechterdings nicht viel anderes machen als der Deklamatorins, den Herr S. gab. P. W.


