Ausgabe 
21.9.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 333 Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Samstag 31. September 1901

Erscheint täglich Mit Ausnahme des

Montags.

Die Siebener Familien- t lütter werdendem An­zeiger im Wechsel mit vemHess. Landwirt" und den »Blattern sür hessische Volkskunde* ptermol wöchentlich bei­gelegt.

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Anzeiger Gießen. Fernsprechanschluß Nr. 51.

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GletzenerAnzeiger

General-Anzeiger " S®S

Amts- Md Anzeigeblatt sür den Kreis Sichen Uli

Amtlicher Teil.

KeKmutmachung.

Betr.: Beurlaubung des Großh. Kreisarztes Dr. Haberkorn zu Gießen.

Vom 16. September bis 16. Oktober führt der Großh. Kreisassistenzarzt Herr Dr. König er in Gießen, Goethe- straße 23, die Amtsgeschäfte des Großh. KreisgefundheitSamts Gießen.

Gießen, den 18. September 1901.

Großherzvgliches Kreisamt Gießen.

I_______________v. Bechtold.____________________

Gießen, den 18. September 1901. jBetr,: Errichtung und Einrichtung der Fortbildungsschulen. Die Großh. Kreisschulkommission Gießen an die Schulvorstände des Kreises.

Nachdem Ihnen die Listen der zum Besuche der Fort­bildungsschule Verpflichteten wieder zugegangcn sind, beauf- rgen wir Sie, dieselben den Lehrern behufs Aufstellung der Schülerlisten für die Fortbildungsschule des Jahres 1901/02 zuzustellen, und den Unterricht zur gleichen Zeit wie in früheren Jahren beginnen zu lassen.

, Mr machen Sie hierbei wiederholt darauf aufmerksam, baß ohne besondere Erlaubnis der obersten Schulbehörde nach 7 Uhr abends kein Unterricht in der Fortbildungsschule mehr gehalten werden darf.

Diejenigen von Ihnen, welche Anträge auf Verwilligung girier späteren Unterrichtszeit gestellt haben, werden in Kürze < 'escheid auf ihre Gesuche erhalten, bis dahin aber ist der Unterricht gemäß der Ministerialverordnung vom 5. Oktober v. *J. zu ertellen.

t___________________v. Bechtold.____________________

Bekanntmachung.

In dem Gehöfte des Johannes Bindewald zu Zeilbach (Kreis Alsfeld) ist die Schweinerotlauffeuche aus­gebrochen und Gehöftsperre angeordnet worden.

Die Rotlaufseuche in Brauerschwend (Kreis Als- fdfb) ist erloschen und die angeordnete Gehöftsperre auf- ^gel'Zben worden.

a Die Räude unter der Schafherde in Wahlen (Kreis Als­feld) ist erloschen und die Weidesperre aufgehoben worden.

Der Verdacht auf Räude bei den Schafen der Gemeinde Gleimenhain (Kreis Alsfeld) besteht nicht mehr und ist die Gemarkungssperre aufgehoben worden.

Gießen, 18. September 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Bechtold.___________________

Kelranntmachung,

batr. die Einrichtung und den Betrieb von Dampfsässern.

Einer Anregung des König!. Preußischen Herrn Mi­nisters für Handel und Gewerbe zufolge bringen wir den nachstehenden Auszug aus der einheitlich sür ganz Preußen erlassenen Polizeivorschrift über den Bau und die Aus­rüstung von Dampffässern zur Kenntnis der Interessenten.

Bei der Durchführung dieser Vorschrift, nach welcher Gußeisen von der Verwerfung zu den Wandungen, Mann­löchern und Verschlüssen von Dampffässern im wesentlichen ausgeschlossen istz haben sich namentlich deswegen vielfache

Schwierigkeiten ergeben, weil unvorschriftsmäßig gebaute Apparate aus anderen Bundesstaaten in Preußen zur Auf­stellung gelangten und bei der Abnahme beanstandet wer­den mufften, wodurch insbesondere sür die Fabrikanten Weiterungen entstanden.

Gießen, den 19. September 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Auszug:

III. Bau und Ausrüstung der Dampffässer.

§ 4. Die Wandungen und sonstigen Bestandteile der Dampftässer müssen dem beabsichtigten Betriebsdruck ent­sprechend bemessen werden. Als Baustoff für die Wand­ungen und Einzelteile dürfen Holz und Gußeisen nur da verwendet werden, wo der Betrieb es erfordert und durch ihre Verwendung Gefahren nicht hervorgerufen werden. Um­legbare Verschlußschrauben, in Schlitze eingelegte Schirauben und Klammerverschlüsse müssen gegen Abrutschen gesichert sein. Eingelegte einseitige Hakenschrauben sind nicht zu- lässig.

Gesäße mit einem lichten Durchmesser über 800 Milli­meter sind besteigbar einzurichten. Ovale Mannlochverschlüsse sollen in der Regel 300 bis 400 Millimeter, runde 400 Millimeter weit sein.

§ 5. Die Dampftässer sind mit Vorrichtungen zu ver­sehen, die gestatten, jedes einzelne für sich von der Dampf­leitung abzusperren.

Feuerungen von Dampfsässern sind so einzurichten, daß ihre Einwirkung auf die letzteren ohne weiteres gehemmt werden kann.

§ 6, Dampftässer müssen mit einem zuverlässigen Sicher- heitsvenftl und Manometer versehen sein. An letzterem ist die festgesetzte höchste Betriebsspannung durch! eine Marke zu bezeichnen.

Sofern ein Manometer wegen der Eigenart des Be­triebes nicht funktioniert, kann es mit Zustimmung des für die regelmäßige Ueberwachung zuständigen Sachver­ständigen durch ein Thermometer, an dem die höchste zu­lässige Temperatur durch eine in die Augen fallende Marke zu bezeichnen ist, ersetzt werden. Zellstoftkocher sind mit einem Manometer und Thermometer zu versehen.

Sicherheitsventil und Manometer sind an enter solchen Stelle anzubringen, daß sie durch den Inhalt des Tampf- sasses nicht ungangbar gemacht werden können. Ihre Ein­schaltung in die Dampfleitung, jedoch in unmittelbarer Nähe des Dampffasses ist gestattet, wenn die Art des Betriebes die Anbringung auf dem Dampffaß selbst nicht zuläßt.

Werden mehrere Dampffässer unter gleichem Druck an dieselbe Dampfleitung angeschlofsen, so genügt die Anbring­ung eines Sicherheitsventils und eines Manometers in der gemeinschaftlichen Leitung vor den Dampfsässern, wenn die freie Turchgangsöffnung des Sicherheitsventils dem Quer­schnitte der gemeinsamen Leitung entspricht.

Dampffässer, deren Druckspannung derjenigen des Druckerzeugers gleich ist, bedürfen keines besonderen Sicher­heitsventils oder Manometers, wenn der Druckerzeuger mit den entsprechenden Sicherheitsvorrichtungen versehen ist. Dampffässer, die für einen Betriebsdruck gebaut find, der zwei und mehr Atmosphären geringer ist als derjenige des Druckerzeugers, mässen in der Dampfzuleitung ein Truckverminderungsventil enthalten. Letzteres ist durch den Sachverständigen so etnzustelleu, daß der Druck im Dampffaß dauernd nicht über den genehmigten Druck steigen kann.

An jedem zu öffnenden Dampffaß muß sich eilte Vor­richtung befinden, die mit Sicherheit erkennen läßt, ob noch Druck im Dampffaß vorhanden ist. Ein Manometer genügt hierzu nicht.

§ 7. Die Dampffässer müssen mit einer Einrichtung (Kontvollflansch) versehen sein, die die Anbringung des amtlichen Kontrollmanometers ermöglicht.

§ 8. An den Dantpffässern muh der Fassungsraum in Litern, die Firma uno der Wohnort des Verfertigers, die laufende Fabriknummer und das Jahr der Herstellung sowie der gemäß 8 10 festgesetzte höchste Betriebsdruck in Atmosphären-Ueberdruck auf leicht erkennbare und dauer­hafte Weise angegeben sein.

Die Angaben sind auf einem Schilde (Fabrikschild) an- zubringen, oas mit Nieten so am Dampftaß zu befestigen ist, daß es auch nach der Ummantelung oder Einmauerung des letzteren sichtbar bleibt._____________________________________

Bekanntmachung.

Nachdem Paul Zink dahier aus dem Institut der Dienstmänner ausgeschieden ist und die Aushändigung der von ihm hinterlegten Dienstkaution verlangt hat, fordern wir diejenigen auf, welche Ansprüche an diese Kaution aus der Eigenschaft des pp. Zink als Dienstmann erheben zu können' glauben, solche bei Meidung des Ausschlusses binnen acht Tagen bei uns vorzubringen.

Gießen, den 18. September 1901. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.t Roth.

Die bisherigen internationalen Bemühungen zur Bekämpfung des Anarchismus.

Aus Mailand wird uns berichtet: Tie italienischen Polizeibehörden vertreten saft durchgängig die An­sicht, daß der Mordanfall auf Mac Kinley, ebenso wie die Ermordung des Königs Humbert wahrscheinlich hätten verhindert werden können, wenn die Vorschläge der italienischen Regierung für eine internationale Bekämpfung des Anarchismus befolgt worden wären. Aber nicht nur Nordamerika und England, sondern auch die europäisch^festländischen Regierungen hätten nur ein sehr geringes Interesse gezeigt, die Maßnahmen, welche auf der zur Bekämpfung des Anarchismus abgehaltenen Konferenz beschlossen warm, wirllich durchguführen. In­der Konferenz war man übereingekommen, die italienische Regierung solle nach Verlauf von etwa sechs Monaten ein inzwischen auszuarbeitendes Reglement zur lieber», wachung der Anarchisten und zur gegenseitigen Benach­richtigung über die anarchistische Propaganda den übrigen' Regierungen vorlegen. Dieser Aufgabe ist man in 9t3m durchaus nachgekommen, aber die übrigen Regierungen betrieben die Angelegenheit so wenig -eilig, daß erst nach Verlauf eines vollen Jahres zwei Regierungen an die thatsächliche Durchführung des vorgeschlagenen Ueberwach- ungsdienstes herantraten, während die übrigen Regier­ungen nur sehr wenig oder gar nicht auf die Vorschläge, eingingen. Am meisten ablehnend aber verhielt sich die Nordamerika nischeRegierung. Von Rom aus, sowie durch den italienischen Botschafter in Washington war sie mehrmals auf die Umtriebe der an ar chistischen Klubs in Paterson, wo die Ermordung des Königs Humbert vorbereitet wurde, unter Anführung sehr greif­barer Thatsachen hingewiesen worden. Aber man legte in Washington diesen Vorstellungen nicht die geringste Bedeutung bei, und die örtlichen Polizeibehörden wachs­ten sich geradezu ein Vergnügen daraus, die von Italien in Nordamerika zur Ueberwachung der Anarchisten ge­haltenen Geheimagenten, unter Mitwirkung der Anarchisten und Sozialisten, zu belästtgen. So wurde die Beaufsichtig­ung der Klubs den italienischen Behörden absichtlich un-

Iemlketon.

Labore m n s.*>

Schauspiel in 3 Akten von Björnstjerne Björnson.

An drei Bühnen zugleich, in München, Stuttgart und Berlin, wurde das neue Drama des norwegischen Dichters a b g e l e h n t, und nur die Achtung vor dem Namen Björnson verhinderte heftigere Ausbrüche des Unwillens. Dieser ausgesprochene Mißerfolg, den bis jetzt niemand zu beschönigen den Mut fand, fällt umso schwerer ins Gewicht, wenn man bedenkt, welche Huldigungen erst kürz­lich dem Dichter vonUeber unsere Kraft" in deutschen Landen zu teil wurden. War es damals ehrliche Be­geisterung für ein groß angelegtes Kunstwerk, so äußert sich jetzt ebenso ehrliche Gleichgiltigkeit gegenüber einem mißratenen Stück. Sck)ließlich hat jeder Künstler einmal das Recht, in den falschen Topf zu greifen. Dieses Drama hat alle Verbindung mit dem Leben verloren; ein Ein­siedler könnte es geschrieben haben, der jahrelang nicht aus seiner Zelle herausgekommen ist, und nur durch die Butzenscheiben der Litteratur in die weite, blühende, jauch- zenoe Welt hinausgesehen hat. Jbsen'sRosmershvlm" ist ihm der Anstoß zur eigenen Arbeit geworden. Aber Björn­son hat seinen Stoff nicht glaubhaft zu machen gewußt. Schon äußerlich krankt sein Werk an den Gebrechen, daß er" zwei Handlungen zusammenschweißen möchte, die im Grunde nichts miteinander gemein haben, von denen die eine nicht die andere in ein bedeutsames Licht zu rücken weiß, sondern die nur obenhin verkittet find.

Tie junge, verführerische Pianistin Lydia hat ein be­wegtes Leben hinter sich, das an die Vergangenheit gewisser Chansonetten erinnert. Ueberall in den Badeplätzen tauchte sie auf, die Alännerwelt durch ihr Spiel und mehr noch

*) Buchausgabe bei Albert Langen, München.

vielleicht durch ihre Reize fesselnd. Einmal verfiel sie auf den Kniff, sich lahm zu stellen, um dadurch die Auf­merksamkeit der mitleidigen Herren in noch höherem Maße auf sich zu ziehen. Tagsüber wurde sie im Rollstuhl gefahren und ihre Bewunderer rissen sich förmlich um die Ehre, ihren Wagen eigenhändig zu schieben, bei Nacht aber tanzte sie wie toll in ihrem Zimmer herum. Als die unsaubere Geschichte herauszukommen drohte, reifte Lydia plötzlich ab. Ein alter, reicher Herr folgte ihr von Ort zu Ort; ein junger englischer Offizier soll sich ihret­wegen erschossen haben. Ihr wechselvolles Geschick trieb sie eines Tages an das Krankenbett einer schwer leidenden Frau, die zur Linderung ihrer Schmerzen sehnsüchtig nach beruhigendem Klavierspiel verlangte. Obwohl die Krank­heit ansteckend war, und darum eine Tochter der Dulderin aus dem Hause gebracht wurde, scheute Lydia die Gefahr nicht. Anfänglich übte sie auch die erwünschte Wirkung aus; aber bald wurde ihr Spiel von wilden Gedanken beherrscht: sie begehrte den Platz der Kranken einzu­nehmen, und ihr sündiger Wille vermochte diese aus dem Weg zu räumen. Heimlich und eilig fand die Hoch­zeit Lydias mit dem älteren Wisby statt.

Tas ist die Vorgeschichte, in der es nicht ohne Sprünge und Lücken hergtzht. Nun setzt die eigentliche Handlung des Dramas ein. Schon in der Hochzeitsnacht hat Wisby eine Erscheinung: seine erste Frau tritt ihm entgegen und öffnet dem Geblendeten die Augen, daß es ihm wie Schuppen davon fällt. Der Bruch zwischen den Ehegatten wird durch dieses Eingreifen höherer Mächte herbeigeführt; Lydia fühlt, daß sie hier ausgespielt habe. Um sich schad­los zu halten, umgarnt sie einen jungen Komponisten, der in ihr das leibhaftige Modell feiner heranreifenden Undine-Oper erblickt. Doch auch hier ist ihre Macht von nicht allzu langer Dauer. Plötzlich tritt ihr die aus der Pension r.urückgekehrte, itjrer Mutter aufs Haar gleichende Tochter ber ersten Frau entgegen; die erschreckte Lydia

glaubt in ihr ein Gespenst zu sehen. So wird der Bruch' zwischen den Liebenden durch eine ganz reale Erscheinung bewirkt. Lydia, die ränkevolle Buhlerin, sucht möglichst bald den Ausgang zu gewinnen. Ter Komponist aber, mit dem wohlklingenden Namen Langfred, dessen Schaffenskraft im Umgang mit diesem dämonischen Wesen zu versiegen drohte, wird durch seinen thatkräftigen Oheim wieder auf den rechten Weg geleitet; der Segen der Arbeit wird ihm als Heilmittel für feine Verirrung an gepriesen.

Laboremus! Früher hätte man den Titel gewählt: Arbeit macht das Leben süß"; die moralische Tendenz konnte auch so stark genug zum Ausdruck gelangen. Ter Schluß ist notdürftig aufgekleistert, trotz seiner Handgreif­lichkeit kein befriedigender Abschluß. Und was bezweckt denn diese ganze mühsam erklügelte Fabel? Eine Teufelin, der Macht gegeben ist über die schwachen Männer, wird in ihrer ganzen Verworfenhett enthüllt und nimmtfran- zösischen Abschied". Dieses den frommen Bürger be­ruhigende Ende erhält obendrein einen moralischen Ein­band Ein plumper Gemeinplatz, die Notwendigkeit der Arbeiß wird der Hafen, in dem eine unwahrscheinliche Geschichte landet. Was schlimmer ist: die fünf handelnden Personen des Dramas stehen uns menschlich so fern wie möglich. Keine von ihnen erheischt unsere Teilnahme, kaum unser Interesse. Ueberdies hat ihnen Björnson un-i sympathische, durch nichts gcredftjerti^te Zuge verliehen. Warum muß Lydia eine so wilde Vergangenheit haben? Warum greift Wisby zur Schnapsflasche? Warum ist dieser Komponist Langfred ein prahlerischer Bursche? Warum drängt sich die Tochter Borgny in einen Handel ein, von dem sie ihr durch die Pension verfeinertes Gefühl zu­rückhalten sollte? Warum endlich schweigt der Dr. Kann- bis es zu spät ist? Nun, damit Björnsons unmögliches Drama nicht im Keime ersttckt wird.

Wo man immer das Werk auch nur leise mit dem Finger antippt, werden seine Schwächen blosgestellt. Durch