Ausgabe 
21.2.1901 Erstes Blatt
 
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Der Artikel des genannten Blattes schließt: Man wird begreiflich finven, weshalb die Denkschrift des SchatzsekretLrt v. Maltzan-Gültz vom Jahre 1891 eine Erweiterung der Differenz zwischen Tabaksteuer und Tabakzoll als undenkbar hinstellle. Da seit 1891 durch weitere Verdrängung der Pfeif, durch die Zigarre und neuerdings durch die Zigarrette das Bild im Maltzan'schen Sinne noch verschärft worden ist, se müssen eben die billigen Schneidgutorte in Deutschland ihr. Tabakproduktion einstellen, denn für billige Pfeifentabake hört der Bedarf mit der Zeit gänzlich auf. Die Rippe der Zigarren tabake ersetzt sie. Der Zentner Jnlandsrippen kostet an gesichts des großen Bedarfs inländischer Zigarrentabake nm V/a Mk., der Zentner Stengel von überseeischen Zigarren tabaken 9*/» Mk. Mit diesen Preisen kann es der Tabak bau in den billigsten Schneidgutorten, die nur ordinäre Tabake erzeugen, nicht aufnehmen.

VolittscheTagesschau.

In Bezug auf die Verzögerung der Ausführung des auf die Schulreform bezüglichen königlichen Erlasses bemerkt dieKreuzztg.", daß die Vorbereitungen erst um­fassende Arbeiten erforderten. Wenn es in Preußen einer ganzen Reihe von Jahren bedurft habe, bis die Unter- richtsverwaltung zu der grundsätzlichen Anerkennung der Gleichberechtigung aller drei Schulgattungen gelangt sei, so habe man doch! wirklich keinen Grund, sich aufzuregen, wenn die außerpreußischen Staaten diesen Gegenstand nicht in drei Monaten erledigt hätten. Auch für die übrigen Berufsarten lasse sich die Sache nicht im Handumdrehen erledigen. Denn mit einer Verordnung, in der einfach hin­sichtlich der Zulassung zu den Universitäten und zu den Prüfungen für den gelehrten Staats- und Kirchendienst mit den Reifezeugnissen der Realanstalten die gleichen Berech­tigungen verbunden würden wie mit denen der Gymnasien, sei die Sache nicht abgethan. Es bedürfe vielmehr, um nur einen Punkt herauszuheben, gleichzeitig noch einer Aenderung der einschlägigen Prüfungsordnungen, zum Bei­spiel der für das höhere Lehramt und für die Zulassung zum höheren Justizdienste, in dem Sinne, daß der Nachweis ausreichender Kenntnisse in den klassischen Sprachen, soweit er für d en Studienzweig notwendig sei, bei der großen Staatsprüfung oder in einer Zwischenprüfung nachgeholt würde. Dieser Nachweis könne nicht entbehrt werden. Daß er gefordert werde, widerspreche nicht etwa dem Gedanken der Gleichberechtigung der drei Schulgattungen. Denn der Kernpunkt dieses Gedankens beziehe sich nicht auf den Inhalt der an die fachliche Ausbildung zu stellenden Forder­ungen, sondern er liege im wesentlichen nur darin, daß der Staat zur Erlangung einer allgemeinen Bildung die Kenntnis der klassischen Sprachen nicht mehr für notwendig halte, und daß es ihm, soweit sie für die Berufsbildung notwendig wäre, gleichgiltig sei, auf welchem Wege sie er­worben ist. Unter solchen Umständen sei vor einer Ueber- stürzung bei aller Anerkennung der Berechtigung des Wunsches auf endliche Klarheit nur dringend zu warnen. Es komme darauf an, endlich einmal Endgiltiges zu schaffen, damit nicht nach wenigen Jahren aufs neue der Ruf nach Reformen Beunruhigung errege.

Aus Stadt und Kund.

Gießen, 20. Februar 1901.

Gedenket der hungernden Vögel!

* Dr. F. Römer aus Frankfurt a. M., Kustos am Senckenbcrgischen Institut, sprach am 15. Februar in der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde über seine Reise um Spitzbergen und König Karls-Land. Au einem kleinen Fischdampfer von nur 34 Meter Länge schiffte sich im Jahre 1898 eine Expedition von 24 Köpfen in Tromson ein, um unter der Führung des Korvettenkapitäns Rüdiger Spitzbergen zu besuchen und Sportübungen und der Jagd obzuliegen. Forschungsarbeiten auf dem Gebiete der Tiefsee* und Planktonfauna treten aber bald in den Vordergrund; zurzeit arbeiten 50 Zoologen an der Ausbeute jener Fahrt um Spitzbergen, die, ein seltener Fall, in einem Sommer vollendet werden konnte. Der kleine Dampfer nahm zuerst seinen Kurs nach der Bäreninsel, die im Jahre 1596 entdeckt, wegen des sie beherrschenden Nebels von Schiffen selten gesichtet wird. Bis zu einer Höhe von 200 Meter ragt das Eiland schroff ansteigend aus dem

Meer, ei»e Heimstätte für Millionen von Vögeln. Sie be- Völkern besonders die wildzeriffene Südostküste: Alken, Summen, possierliche Papageitaucher und die Aristokraten unter ihnen, ote Möoen. Am Dogelberg finden sich in den Tümpeln auch einige Süßwassertiere, auch Spuren der Urtierfauna, die eine große Ähnlichkeit mit der europäischen aufweist. Im Innern herrscht im übrigen ein völligsteinerner Tod". Mitte Juni 'etzte die Expedition die Fahrt nach Spitzbergen fort, der Ich bald andrängende Eisschollen entgegensetzen. 40 Eis­bären zählte die reiche Jagdbeute. In gefährlichem Eisgang erreichte sie den zoologisch wenig untersuchten Store Fjord, den sie bis zur Gineora-Bai verfolgte. Das Innere des hier tn Zacken und Wipfeln abfallenden Hochlandes ist vereist, Gänse und Enten, von denen die Eiderdaunen gewonnen werden, beleben die Küste. In Süd- und Südwest-Spitz bergen vermindert sich der Schnee, das Schwennland ist mit spärlicher Grasdecke bewachsen, auf dem Remitiere ihre Nahrung finden. Wetter und Parkeis gestatteten nicht die Fahrt nach König Karls-Land fortzusetzen, man suchte daher Westspitzbergen auf und drang bis zum 80° hinauf. Auch auf dem Wege durch die Hinlopenstraße war König Karls-Land noch unerreichbar; der Dampfer fuhr wieder westlich und nach der Adventsbai, wo die stolzeAugusta Viktoria", die Touristen an Bord hatte und Kohlen brachte, fröhlich begrüßt wurde. Jetzt setzte die Zeit der Nebel und der Kälte ein, in heftigem Sturm ging eS umS Südkap herum endlich dem angestrebten Ziele zu. Die Inselgruppe besteht nicht, wie die Entdecker derselben 1870 glaubten, au« 5, sondern aus 3 Inseln. Prof. Kückenthal, der sie 1889 besuchte, hatte sie in der Form richtig, aber V8mal zu groß gezeichnet. Die Expedition Römers umfuhr sie, vermochte sie zu betreten und zu durchforschen. Der Redner schilderte den Charakter des Landes, seine Formation und seine Fauna mit außer­ordentlicher Anschaulichkeit und Gediegenheit An den Besuch des König Karls-Land knüpfte sich eine Fahrt um den Norden Spitzbergens herum, ein noch nicht bearbeitetes Gebiet. An Abenteuern, Eisbärkampfen 2c. fehlte es den Reifenden nicht in dieser Welt der Gletscher, Donnern und Dröhnen abstürzender Eisberge umtönte sie, Nebel hüllte sie ein. So landete sie auf der Grytinsel, die alle 20 Jahre einmal zu­gängig wird. Eine wichtige Aufgabe harrte in den Ber>

suchen, die Tiefen zu suchen, die Nansen wegen des Eises

nicht hatte feststellen können; man drang bis zu 31 östl.

Länge vor, bis das ewige Packeis Halt gebot. 1150 Meter Tiefe wurde erreicht. Es ergab sich reiche Beute der Planktion-Netze, seltene Tiere der Arktis, besonders auch Becherschwämme ermöglichten Vergleiche zu der Fauna Spitz bergens. Das Resultat ist, daß Nansens Theorie von einem abgeschlossenen Polarbeckeu mit großen Tiefen sich nicht auf­recht erhalten läßt. Ein hochwichtiges geographisches Er­gebnis. Durch die Hinlopstraße wurde Mitte August der Rückweg angetreten, da der arktische Sommer sein Ende fand. Ein Versuch, nach Nowoja-Semlja zu gelangen, erwies sich als undurchführbar; unter heftigen Stürmen kehrte die Ex pedition zurück. Dem Redner gelang es, die Zuhörer au das Lebhafteste zu feffeln, eine vorzügliche Rednergabe unter­stützte ihn dabei. Zahlreiche photographische Aufnahmen von der Reise fanden nach Schluß des Vortrages große Beachtung.

** Die Ortsgruppe Gießen des Alldeutschen Verbandes bittet uns um Aufnahme folgender Erklärung:In der Berichterstattung über die Politische Versammlung des Deutschen Vereins wurde unter den vertretenen Vereinen auch derAlldeutsche Verband" aufgeführt. ES sei festgestellt, daß diejenigen Mitglieder des Verbandes, welche der Versammlung beiwohnten, lediglich für ihre Person dort erschienen find. Der Alldeutsche Verband ist keine poli­tische Vereinigung. Ec zählt konservative, nationalliberale, nationalsoziale rc. ic. Parteivertreter zu seinen Mitgliedern, da er alle diejenigen Deutschen zusammenschließen will, die für Wahrung und Förderung des Deutschtums in jeder Be­ziehung und auf allen Gebieten eintreten. Was die hiesige Ortsgruppe betrifft, so hat sie erst kürzlich durch ihren Vor stand jede Beteiligung an inn apolitischen Veranstalt ungen abgelehnt, unter Betonung des Grundsatzes, daß der Verband lediglich eine deutschvölkische, nicht aber eine politische Vereinigung sei. Damit dürfte es sich von selbst erklären, daß der Verband als solcher ebensowenig bei jener Versammlung vertreten war, wie er überhaupt

nicht ein politischer und damit auch kein antifernt» rischer Verein ist."

g- Oueckboru, 18. gebt. Gestern nachmittag hielt Oefo- nomierat Leithiger von Alsfeld im Saale des Gastwirts Joh. SameS einen Vortrag über Feldbcreinigung. Le­anders für unsere Gemarkung würde die Feldbereiniguu- und Prämierung von großem vorteile sein, da der Bode» stellenweise sehr wafferreich ist.

t Ettingshausen, 19. Febr. Bei der am letzten Montag abgehaltenen Brennholz-Versteigerung im Gräflich Laubach'schen Wald, Distrikt Eselskopf, wurden feht hohe Preise geboten. ES kostete der Raummeter Buchenscheitholz 1. Klaffe 8,008,50 Mk., Prügelholz 6 Mk. und darüber, Stockholz der Raummeter 56 Mk.

Mainz, 19. Febr. Dem kürzlich verstorbenen Geh. Justizrat Dr. Reinach, Vorsitzenden der hessischen Anwalt«, kämmet, widmet dieNat.-lib. Storr." folgenden Nachruf: Die hessische nationalliberale Partei hat durch den Tod des Geh. Justizrats Dr. Karl Reinach einen schmerzlichen Bet. ust erlitten. In der Epoche der Werdezeit des Dentscheu Reiches war er einer der Bannerträger der hessischen gort. chrittSpartei und späteren nationalliberalen Partei, als deren Führer ihm die Parteigevoffen für seine aufopfernde Tätig­keit und seinen unzerstörbaren JvealiSmuS ti-fftcn Dank wissen. Dr. Reinach starb im Alter von 69 Jahren infolge eines Schlaganfalles nach zweitägiger Krankheit in Mainz. Nicht nur die engeren Parteifreunde, sondern auch seine AmtSgenoffen und die Bürger der Stadt Mainz, deren Stolz er war, trauern an der Bahre des hochverdienten Mannes."

Frankfurt a. M., 19. Febr. Der neue italienische Finanz- Minister Leone Wollemborg ist jüdischer Abkunft, seine Familie ist deutsch und stammt auS Frankfurt a. M., von wo sie, durch Geschäftsverbindungen veranlaßt, am Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem damals österreichischen Padua übersiedelte. Dort ist der jetzige Minister 1859 geboren worden. Er ist Nationalökonom und hat sich bekannt gemacht als Verfechter der Raiffeifenljchen DarlehnSkaffen in Italien, wo er bis jetzt, vorwiegend im Norden, fast 100 er­richtete.

Vermischtes.

* Wie Pettenkofer Cholerabazillen. Der jüngst verstorbene Geheimrat von Pettenkofer nahm bekannt, lich am 7. Oktober 1892 Cholerabazillen zu sich, ohne daß dies seiner Gesundheit ernstlichen Schaden zufügte. Der- anlaßt war das Experiment durch die Cholera-Epidemie in Hamburg und die sich daran knüpfenden wiffewchaflliche» Erörterungen über den Cholerabazillus. Pettenkofer behauptete, daß die Jnfektionsverfuchc bei Menschen an einem Orte, der zurzeit für die Cholera nicht disponiert sei, ohne jede Gefahr seien. Um dies zu erhärten, nahm er eine große Menge Kommabaeillen, die er aus Hamburg in einer frischen Kultur von Professor Gaffky bezogen hatte, ein. Dieser Jnfee. tionSversuch ging, wie Pettenkofer in einer Sitzung befl ärzt­lichen Vereins selbst berichtete, ohne Gefahr vorüber. E« stellten sich nur während einiger Tage leichte Durchfalle ein. DaS Experiment wurde bann von Professor Emmrich mA demselben Erfolge wiederholt. Als ein Berichterstatter da­mals Pettenkofer aufsuchte, meinte dieser mit dem ihm eigene» Humor:Sie kommen wohl, um zu sehen, ob ich schon tot bin. Wie Sie sehen, geht e« mir ganz ausgezeichnet. A» der ganzen Sache ist überhaupt nicht viel daran; ich wollte nur einmal dieser Bacillenfurcht durch ein praktisches Beispiel ein Ende machen."

* Aschersleben, 19. Febr. Amtlich wird gemeldet: Heute vormittag 8 Uhr 45 Min. fuhr der Personenzug Nr. 674 von Ilberstedt bei dichtem Nebel auf den in den Bahnhof Guesten einfahrenden Güterzug auf. Bier Reisende sind leicht verletzt, der Schlußbremser des Güterzuges ist etwa« schwerer verletzt. Der Materialschaden ist unerheblich.

» Stuttgart, 19. Febr. Die heutige Aktionär-Ber- »ammlung der Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt hat die Liquidation gutgeheißen und das Angebot be« Grafen Zeppelin von 120,000 Mk. für ben Ballon und sämtliches Inventar angenommen.

Leutnant Zivil getragen hat, soll bestraft werden. (Abg. Bebel:Er ist ja schon seit einem Jahre tot!") Tann kann ich ihn nicht mehr bestrafen! (Abg. Bebel:Faule Ausrede!") Die Lieder der Herren Leutnants -kann ich nicht kontrollieren, übrigens hat niemand den Text verstanden! Das inkorrekte Verhalten des Leutnants war geradezu notwendig! (Rufe: Hört! Hört!) Jawohl! Sonst wäre die Sache ja schon nach dem zweiten Akt gar geworden! Der Borfall ist peinlich, gewiß, aber wen können Sie dafür verantwortlich machen, außer den Herrn Otto Erich?

Abg. Bebel: Wen? Das herrschende Regime in der Armee. Mir ist da ein Soldatenbrief aus China auf den Tisch geflogen, den ich Ihnen doch vorlesen muß. Er lautet: Jeliebte Rieke! Schicke man doch nur blos 'n halben Meter Wurst. Ick kann die ewigen Chinesenkinder am Spieß nicht mehr vertragen. Sonst ist ganz jut hier. Für Massen­mord habe ich bereits schonst eine Auszeichnung und für Fertigkeit in Häuseranbrennen bin ick Jefreiter geworden. Ick habe schon den janzen Tournister voll jroße chinesische Götzenbilder aus Jold, Silber und Messink. Lebe woll. Ick schließe, denn morgen heißt früh aufstehen, denn wir müssen ein paar Städtchens niederbrennen und Frauen, .Ander, Jreise ins Feuer schmeisen. Das ist zu lustig. Die Andern laufen davon. Soll ick Dir 'n Chinefenzopf mitbringen. Ick reise ihn dem Lihungtschang mit die Wurzel aus? Es grüßt Dich Dein geliebter Hunne Hans!" (Siufe der Em­pörung.) Meine Herren, wissen Sie, wo dieser blutdürstige Wütherich früher gedient hat? In der Kompagnie eben jenes Leutnants Rudorff, dessen Garnison man uns nicht nennen will! Kein Wunder, daß die Leute verrohen, wo tie Vorgesetzten mit solchem Beispiel vorangehen!

Abg. Dr. Schädler (Zentrum): Wenn man in die

katholische Rheingegend protestantische Truppen legt, muß wohl die Moral leiden! Mehr Jesuiten und weniger Leut­nants, das wäre dort nötig. Ein sittlicher Mensch bringt ich nicht um, auch wenn er den Gegenstand seiner Zärt­lichkeit nicht heiraten kann. Wie mancher brave Mann muß darauf verzichten, in ein legitimes Verhältnis zu seiner Köchin oder Haushälterin zu treten! Und sie kommen doch auch so zusammen aus. Jüngst hat uns der Herr Kriegs­minister erklärt, daß der Duellunfug im Schwinden sei. Jetzt fangen sie am Rheine an, sich beinahe wieder zu duellieren, bis aus dembeinahe" blutiger Ernst wird! Das Zentrum wünscht am Rheine, dessen Gebiet es als sein spezielles Eigentum betrachtet, bessere Zustände. Noch ein­mal! lassen Sie die widerrechtlich ausgesperrten Jesuiten ins Land und alles wird besser.

Abg. Liebermann von Sonnenberg: Meine Herren! Vermutlich hängt die skandalöse Affarre wieder einmal stark mit der Judenfrage zusammen. Jener saubere Herr Kommerzienrat, vermutlich ein Geschäftsfreund Stern­bergs hat für sich einen christlichen Leutnant kaufen wollen, um sich in die bessere Gesellschaft einzufchmuggeln. Der Leutnant, vermutlich durch Wechjelangelegenheiten in die Falle gelockt, konnte nicht mehr aus, verlobte sich und entzog sich der Schmach dieser Ehe durch einen Doppel­selbstmord. Hier liegt eine Analogie zu der Mordthat in Könitz vor, die sich der Strafrichter doch näher ansehen sollte. Nieder mit den Juden! (Abg. Singer: Bravo!")

Abg. Schlegel (Soz.): Mir scheint besonders die Sekt­trinkerei in den Kasinos beachtenswert. D-er Sekt, meine Herren, ist ein Volksgetränk im wahrsten Sinne des Wortes. Durch den Massenkonsum schlemmerischer Leutnants wird der Preis in die Höhe getrieben. Der Sekt ist sozusagen

der Schweiß der arbeitenden Klassen, den sie selber trinken wollen! _ ,

Abg. Dr. S ch ö n l a n k (Soz.): Das größte Unglück wird durch die falschen Ehrbegriffe der privilegierten Klasse ver­anlaßt. Hätten sich die Leutnants Rudorff, Ramberg, Gro- litzsch und wie sie alle heißen, ordentlich geohrfeigt, wie ich und mein lieber Genosse Katzen st ein, dann wäre alles leicht wieder beigelegt worden. An ein paar Maul­schellen liegt gar nichts? (Abg. Roeren:Tas sage ich auch! Nicht wahr, Kollege Dasbach!) Uebrigens ist meine» Informationen nach jener famose Kommerzienrat Mitglied des berüchtigtenZentralverbandes", was mich an die 12 000 Mark-Affaire erinnert. Ich frage den Herrn Kriegsminister: geht Herr v. Posadowsky noch immer nicht?

Kriegsminister v. G o ß 1 e r : Ich glaube, daß dies doch nicht ganz zur Sache gehört.

Abg. Singer (Soz.): Ruhig! Mund halten! Wenn ich mit dem kleinen Finger winke, ist Deutschland morgen eine Republik und man hängt Kerls, wie den Leutnant Rudorff, an die Laterne! Ja, lachen Sie nur, Kollege Meier, Sie hundsgemeiner, ekelhafter, niederträchtiger, in­famer Bursch! (Herr v. Fr ege hört nichts.) Passen Sie nur mal auf, meine Herren Bourgeois, wie wir Sie au» Ihrer muffigen Ruhe auftrommeln, Sie Jdiotengesellschaft! Da werden Sie bleich werden! (v. Fr ege, aufspringend: Ich nicht?") Ich pfeife auf die Verfassung, die Regierung, das Militär, die Kommerzienräte! Den Reichstag meine Genossen ausgenommen hol' Sie alle miteinander Teufel! (Herr v. Fr ege bleibt stumm!) Im übrigen mache ich mir aus der Rosenmontagaffaire einen Pfifferling?

Vizepräsident v. Fr ege:Pfifferling" ist kein pari»' mentarischer Ausdruck! Ich schließe die Sitzung.