Politische Tagesschau.
Jetzt kommt aus England schon wieder ein Gerücht, das allgemein überraschen muß. Die Londoner Zeitung „Daily Ehronicle" weiß zu berichten, da.ß ein Mitglied des Kabinetts erklärt habe, die Verlobung des deutsches Kronprinzen mit der Prinzessin Emma von Battenberg würde wahrscheinlich in kurzer Zeit veröffentlicht werden. Diese Heiratskandidatur interressiert uns natürlich um so mehr, als das Haus Battenberg mit unserm Großherzoglichen Hause nahe verwandt ist. Die Richtigkeit dieser Meldung aber ist sehr zu bezweifeln. Schon ihr ganzer Ton klingt wenig bestimmt. Tas Beste daran ist aber der Name der dem Kronprinzen zugedachten Braut; eine Prinzessin Emma von Battenberg — giebt es garnicht. In Frage kommen könnte nur die noch nicht ganz 14 Jahre alte Prinzessin Viktoria Eugenie von Battenberg, eine Tochter der Lieblingstochter der verstorbenen Königin Viktoria und Prinzessin Alice von Battenberg, die in diesem Monat 16 Jahre alt wird, eine Tochter des Prinzen Ludwig von Battenberg. Die Königin Viktoria hatte eine ausgesprochene Schwäche für das Ehestiften, die sie z. B. im Jahre 1888 an den Tag legte, als die Prinzessin Viktoria von Preußen, eine Schwester unseres jetzigen Kaisers, mit Alexander von Battenberg, dem Exfürsten von Bulgarien, verheiratet werden sollte. Es wäre nicht undenkbar, wenn die alte Dame in ihren letzten Lebenstagen den Wunsch ausgesprochen hätte, daß ihr Urenkel, der schmucke deutsche Kronprinz, eine der ihr besonders ans Herz gewachsenen jungen Battenbergerinnen heimführen möchte. Sollte unseres jungen ritterlichen Kronprinzen Herz eine von seinen englischen Basen wählen, so würde kein Mensch ihm anders als mit den herzlichsten Glückwünschen nahen. Vorläufig aber glauben wir, daß die Meldung des „Daily Chronicle" ebenso falsch ist, wie der in der Meldung angegebene Name.
BurewBortrag.
-P- G i e ß e n, 14. Februar.
Im Anschluß an unsere gestrige kurze Mitteilung über den Vortrag im Alldeutschen Verband geben wir eine kurze Schilderung der Erlebnisse des Herrn Rich. A l t e n d o r f.
Herr Altendorf betrachtet es nicht als seine Aufgabe, zu erörtern, welcher Fehler sich die Heeresleitung der südafrikanischen Republiken schuldig machte, Fehler, die einesteils im Charakter dieses Volkes, andernteils in der Unfähigkeit einzelner Heerführer mögen gelegen haben. Aber nicht das Waffenglück im Kriege, sondern die bittere N o t und der d r o h e n d e U n t e r g a n g ist es, der das Nationalbewußtsein eines innerlich starken Volkes erwachen läßt. Als der erste Ansturm geglückt war, unterschätzte man den. Feind, unterschätzte man, daß für England mehr aus dem Spiele stand, als der Verlust verhältnismäßig kleiner Gebietsteile, die von den beiden Republiken annektiert worden waren. Statt alle Kräfte anzuspornen, das ganze Kapland zu überfluten und, — wer ist rascher zu Pferd als der Bur? — alle Stammesgenossen zu den Waffen zu rufen, baute man Schanzen am Tugela, zog Stacheldraht bei Magerfontein und ließ dem Feinde hinreichend Zeit, seine geübtesten Truppen, seine besten Feldherren ins Land zu rufen. So kam denn Lord Roberts. Bald kam Unglück und Mißerfolg über die Buren, ihr tapferer Kommandant Cronje wurde gefangen und sitzt nun mit einigen tausend Buren auf Helena. Mit Erstaunen hat Altendorf später von den „Siegesdepeschen" Roberts gehört, vernommen, wie er stets die Buren in die Flucht geschlagen haben will. So ein Burenrückzug soll eine wirre Masse sein? Er, der Redner, war sehr erstaunt, als er zum ersten Male einen solchen „Rückzug" mitmachte. Sie ritten, wenn ihnen das Feuer der englischen Kanonen folgen konnte, in einer breiten, aufgelösten Ordnung oder in einer langen Linie, je nach Beschaffenheit des Bodens, was von Ferne allerdings einer regellosen Flucht nicht unähnlich gewesen sein muß. Aber ein Unterschied zwischen einem Buren-Zuge und einer Flucht war doch vorhanden. Bei den Buren war alles im inneren Zusammenhänge und höhnend sehen sie, das Gewehr über die Schulter hängend, nach rückwärts, wo der Feind die unmöglichsten Anstrengungen machte, die Geschütze nicht hoch genug stellen konnte, um wenigstens den Ort, wo sie gerade ritten, zu erreichen. Sie verschwanden alle Augenblicke hinter einer neuen Kopje und sprangen, falls es für nötig galt, von den Pferden, um eine sie verfolgende Reitermasse mit sicherer Büchse zu vertreiben, damit die Wagen hinter ihnen iolgen konnten. Sie wurden bei ihrem Rückzug wenig von Reiterei belästigt. Gewöhnlich waren es größere Geschütze, die ihre Kugeln 10 000 Meter weit oft ziemlich unerwartet herübersandten. Wie oft haben sie, hundert entschlossene
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Das neue deutsche Infanterie-Gewehr M.98.
In den ersten Stadien des südafrikanischen Krieges erzielten die Buren mit ihrem neuen Mausergewehr große Erfolge, und nunmehr hat man nach eingehender Prüfung für die deutsche Armee die Einführung des Modells 98 beschlossen, das eine Verbesserung der von den Buren benutzten Gewehre bedeutet. Der Uebergang vom Model 88 auf Modell 98 ist nicht so erheblich, wie s. Z. von M. 71/84 auf M. 88, aber immerhin sind die Verbesserungen schwerwiegender Natur. Oer stählerne Laufmantel des M. 88 ist fortgefallen, und der Lauf ist in der üblichen Weise mit zwei Ringen, an der Mündung und in der Mitte des Längstens, an einem hölzernen Schaft befestigt. Vom zweiten Ring bis zum Visir ist der Lauf mit einer Hülse, dem sogen. Handschutze, umgeben, weil der Lauf beim schnellen Schießen stark erwärmt wird. Aeußer- lich fällt noch auf, daß das Kastenmagazin, welches bei M. 88 nach unten aus dem Schaft heraustrat, fortgefallen ist. Die Mehrladevorrichtung ist völlig geändert; während bei M. 88 der 5 Patronen enthaltende Patronenrahmen mitgeladen wurde,
Männer, unbeweglich stundenlang hinter einem Höhenzug gelegen, wenn zufällig noch einige Wagen oder Kanonen zurück waren, und das Geschützfeuer der Engländer schon begonnen hatte, und wie oft hat, er, der Redner, später gelächelt, wenn er in den englischen Berichten von einer Niederlage und vollständiger Versprengung der Buren lesen mußte. Die Buren gaben wohl rasch eine Position auf, wenn sie ihnen nicht vorteilhaft genug erschien und warfen sich auf ihre Pferde, die keine 50 Schritt hinter ihnen gesattelt, ungeduldig den Boden stampften. Die Buren sind darauf bedacht, sich möglichst zu schonen und dem Feinde den größten Schaden zuzufügen. Altendorf war Zeuge eines Auftrittes zwischen einem alten Bur und einem englischen Gefangenen, der den Alten fragte, ob denn der Krieg noch lange dauern solle. „Ob", sagte der Bur, „wenn ihr so fortfahrt, und immer neue Soldaten herüberschickt, dann wird der Krieg noch lange dauern, da müssen wir ja immer wieder neue totschießen".
Daß der Krieg sich immer mehr verschlimmert, liegt hauptsächlich an der Unfähigkeit der Engländer, den Buren zu folgen. Die Schandthaten, die Engländer bei ihren Verfolgungen begingen, nannte der Redner unbeschreiblich, und nickt alles, bei weitem auch nicht die schlimmsten sind, nach seiner Meinung, veröffentlicht worden. Als die Mittel, die einem modernen Kriege zu Gebote stehen, nicht helfen konnten, als es dem Lord Roberts zuerst nicht gelingen wollte, die Burenstellung bei Pretoria zu nehmen und er mit schwerem Verluste zurückweichen mußte, da schickte er unter dem Vorwande, Frauen und Kinder der Buren nicht ernähren zu können, diese in das Lager der Buren, und zwar nur solche Frauen und Kinder, von denen er wußte, daß der Mann oder Vater bei den Truppen der Buren stand. Er wußte nur zu wohl, daß jeder Bur, in Sorge um Weib und Kind, versuchen würde, diese zuerst in Sicherheit zu bringen. Darum rückte Lord Roberts, als kaum die Frauen und Kinder das Lager der ihrigen erreicht hatten, mit Reiterei und Kanonen hinterher, die, — so sagt Altendorf — genau derjenigen wilder Völker ähnelt, die den Körper ihrer Gefangenen als Deckung benutzten. Und dieser Lord, der mit dem höchsten deutschen Orden ausgezeichnet wurde, habe behauptet, er bringe Menschlichkeit und Zivilisation nach Südafrika.
Altendorf erinnert sich noch mit Freude eines Tages, es war Mitte August v. I., als der erste Zug in Belfast einlief. Sie waren zahlreich vertreten und zur Feier des Tages, so weit es ging, herausgeputzt, und sahen mit Er
find bei dem neuen Gewehr die fünf Patronen auf einem leichten Ladestreifen angeordnet, von dem sie bequem von oben in das Magazin abgestreift werden. Die Patronen in demselben lagern nunmehr zu 2 und 3 im Zickzack übereinander. Eine weitere Aenderung hat das Visier erfahren, das nun unmittelbar auf dem Lauf fitzt und nur eine einzige Kimme hat im Gegensatz zu den vier Kimmen des M. 88. Die niedrigste Stellung ist zum Schießen auf 200 Mtr. bestimmt, dann folgen Entfernungen von 300 Mtr., 350 Mir. u. s. f. bis 2000 Mtr. Das Seitengewehr ist 11 Ctm. länger und von anderer Form. Die Klinge- hat Steckenrücken und ist auf beiden Seiten mit einer Hohlkehle versehen. Beim Aufpflanzen liegt es unter dem Lauf, nicht mehr rechts an demselben, dadurch werden die Abweichungen des Geschosses nach links vermieden. Trotz der größeren Länge wiegt e- ohne Scheide 295 Grm., mit Scheide 340 Grm. weniger als das alte. In unserer beifolgenden Abbildung sehen unsere Leser 1) das ganze Gewehr, 2) die Ladeoorrichtung, 3) das Visier, 4) das aufgepflanzte Seitengewehr.
staunen wie der Zug über und über mit Transvaalflaggen geschmückt war. Es wurden ihnen wieder Frauen un8 Kinder zugeführt. Anfangs wurde denen nicht gestattet, dis Flaggen zu zeigen. Erst als sie die wenige Bewachung drohten, sie vom Zuge zu werfen, durften sie ruhig die Wagen schmücken. Die Dankbarkeit der Buren ist groß. Einst hatten sie (ein Bur und Altendorf) während einer» fürchterlichen Gewitternacht ihr Kommando verloren, als! sie müde ein einsames Haus erreichten. Ein alter Bur, der sie in sein leeres Zimmer unterbrachte, sagte: ,,Ausländer, ihr fechtet für uns, ihr gehört zu uns." Altendorl traf ihn später wieder, als ihm Haus und Hof vernichtel war, mit dem Gewehr auf dem Rücken. Schweigend drückts er ihm die Hand. Solche Männer sollen verzagen, sich ergeben? Nie und nimmer? Die Schandthaten der Engländer, so erzählt Altendorf, nahmen kein Ende; mit nie ermüdender Grausamkeit vernichteten sie Hab und Gut der Wehrlosen. Altendorf sah einmal eine Szene, die ihn tief ergriff, weil sie das Elend der Buren von der schlimmsten Seite zeigte. Vor Pretoria hatten sie eine Farm zurückerobert, die Feinde wurden verdrängt. Aber wie sah de» einst so stattlick)e Bau ans? Das Dach herunteraerisfen, die Fenster, Thüren re. vernichtet. Im Innern alles zerstört. Nur im Anbau hatten die Engländer einen Backofen unberührt gelassen. In ihm backten sie ihr Brot alU ein junger Reiter grüßend sich näherte. Es war der Sohn des Hauses — seine Mutter gestorben, sein Vater von den Engländern erschossen, er ohne Heim und Glück. Er brach in Thränen aus und schluchtzend sagte er, als sie ihn zn trösten suchten, nur die Worte: „Wir haben es schwer, o Gott, wir haben es schwer!" (Schluß folgt.)
Vermischtes.
* Mannheim, 13. Febr. Ein schreckliches Vorkommnis ereignete sich in Schwetzingen. Der 13 Jahre alte Sohn des Flaschenbierhändlers Jakob Ueltzhoefer zielte mit einem Revolver in der Meinung, dieser sei nicht geladen, auf sein dreijähriges Schwesterchen. Plötzlich entlud sich der Revolver und der Schuß traf das Mädchen in den Hals, sodaß eS bald darauf starb. Von der älteren Schwester auf die Folgen seiner Handlungsweise aufmerksam gemacht, wurde der Knabe von Furcht vor Strafe derart ergriffen, daß er sich durch einen Schuß in das Herz tötete. Die beiden Katastrophen erfolgten während der Abwesenheit der Eltern der Kinder.
das nicht mehr als vier Personen auf die Bühne bringt. Es war der alte Sieg der reinen Poesie.
Eine Aufführung von „Durchs Ohr" bietet weniger durch die Reimsprache, als durch die Verbindung einer ganz idealistischen Sprachform mit dem modernen Kostüm Schwierig leit, die aber unter verständnisvolle^ Leitung mit Geschick überwunden wurde. Haltung und Spiel der vier Beteiligten blieben auch in dieser Welt, die unentschieden zwischen Sein und Nichtsein schwankt, durchaus natürlich und charakteristisch, ohne die Absicht des Märchenscheins durch gesuchte Realismen zu zerstören, und der Vers glitt meist so glatt und leicht über die Lippen, als ob er der unwillkürliche Ausdruck der darzustellenden Wesen wäre. Daß dabei das Recht des Reim- klanges vielleicht hier und da ein wenig zu kurz kam, mag zugegeben werden, allein in diesem Punkte scheint mir ein Zuwenig besser als ein Zuviel. Mit Glück war das harmo uische Lustspielquartett auf vier paffende Darsteller verteilt, die melodieführenden und scelenvoll duettierenden Oberstimmen auf Herrn Fricke und Frl. Boch, die obligate Begleitung in der verminderten Tonart auf Henn Bauer und Frl. Steimann. In diesem Quartett der einzig Neue war Herr Fricke, sonst war die Besetzung wie bei der glanzvollen Feier des 80. Geburtstages des Dichters, die in dauernder Erinnerung aller Besucher bleiben wird, denn damals war's das letztemal, daß Wilhelm Jordan selbst vor den Rampen erschien und eine fulminante Ansprache an das Publikum hielt, die aller Herzen ergriff als ein brausender Ruf wie Donnerhall.
Im Maskenspiel des 1. Aktes wird einmal gesagt, daß man später die Mädchen nur an der Stimme erkennen und von einander würde unterscheiden können. Sind also die Rollen der beiden Schwestern durch zwei Damen von ver- chiedener Figur besetzt, dann fällt ein Teil der Jntrigue in ich zusammen. Da will es ein hübscher Zufall, daß die Damen Boch und Steimann ziemlich gleich an Größe und Figur find und obendrein auch noch beide über ein nicht gewöhnliches schauspielerisches Können verfügen. Nun liegt a wohl im Grunde dem munteren und resoluten Frl. Boch )ie Art der fröhlichen Mathilde näher als die sanfte Klara, und das weiche, zarte Wesen des Frl. Steimann scheint geradezu prädestiniert zu sein für die Rolle der glücklichen Erbin Klara. Die Besetzung aber war gerade die umgekehrte, Frl. Boch war die sanfte Taube und Frl. Steimann die frisch zugreifende Mathilde. Und das ist vielleicht auch das Richtige, denn die beiden Schwestern haben ja im Laufe der Handlung ihre Rollen zu vertauschen. Becke Damen sprachen ihren Part mit Natürlichkeit, und warmer Tongebung, beide Zeigten charakteristischen Humor, beide schattierten bei allem neckischen Uebermut und karnevalistischer Tanzlustigkeit ihre Rollen mit wünschenswerter Feinheit, und man mußte dem lustigen, frohgestimmten Schwesternpaar von Herzen gut sein.
Den lachenden Erben mit der Zweiflermiene, auf die ein erwachendes Herzensgeheimnis seine süßen Schatten wirft, pielte Herr Fricke mit dem leichten und gefälligen Ton, den Handlung und Stimmung des Stückes erfordern. Aller dings hätte ich seinem Heinrich ein weniges mehr an Wärme
und Innigkeit gewünscht, namentlich in der schönen Schlußszene des ersten Aktes, und die Verstellungskomödie war seinerseits doch allzu übertrieben. Herr Bauer zeigte an Humor, Geschmack und künstlerischem Schliff so viel, als ihm eigen ist, und das ist bekanntlich recht respektabel. Einige kleine Unsicherheiten aber machten sich nicht gerade zu gunsten der reizenden Dichtung bemerkbar.
Das Publikum war so beifallsfroh wie nur je. Ungezählte Male mußte sich am Schluß der Aufführung der^ Boi hang heben. Der tosende Beifallssturm gatt selbstverständlich nicht nur den Darstellern, sondern in erster Linie dem Dichter, und hörte nicht früher auf, als bis der Dichter von der Jntendanturloge aus seine dankende Verbeugung dem Publikum gemacht hatte. Man hätte natürlich am liebsten den gefeierten Dichter auf der Bühne gesehen und wußte wohl nicht, daß sich heute der greise Barde leider nur noch mühsam, gestützt auf die jugendliche Kraft seines Dieners und einen starken Stock, zu bewegen vermag.
Den Schluß der Vorstellung bildete eine mit großer Schnelligkeit sich abspielende, in allen Teilen sehr wohl gelungene Aufführung von Moliöres „Tartüffe". Man wird zugestehen, daß diese Zusammenstellung des verehrungs- würdigen deutschen Dichters mit dem großen französischen Komödiendichter für den Lebenden eine wohl verdiente hohe Ehrung bedeutet. P- W.


